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Von brennenden Dackeln und schmerzenden Molaren: Günter Grass – “örtlich betäubt” (1969)

Intellektuell verstiegenes Manifest eines sozialdemokratischen Biedermanns oder Zeugnis literarisch reflektierter Reife? “örtlich betäubt” war Günter Grass’ erster Roman nach der vielerorts umjubelten Danziger Trilogie (“Die Blechtrommel”, 1959; “Katz und Maus”, 1961; “Hundejahre”, 1963). In ihm finden wir heute nicht nur das anregende Zeugnis einer Zeit, als Literatur, Kritik und Politik noch enger verschränkt waren als heute, sondern auch ein faszinierendes literarisches Dokument und einen oftmals übergangenen Meilenstein im Leben und Schaffen seines Autors.

Für “örtlich betäubt” verliess Grass den Schauplatz der Trilogie und rückte in Westberlin ein. Er verliess das generationenweit unter den Röcken der Grossmutter ausholende Erzählen und gab stattdessen der Gegenwart den Vorrang. Er missachtete das, was in der “Danziger Trilogie” die Glorie des Romans betonte, und versuchte sich an einer manchmal ziemlich fordernden stilistischen Collage. Er war nun nicht mehr der Revolutionär, den manch ein Kritiker in ihm gesehen haben mag, sondern der gezähmte Widerspenstige, der biedere Sozialdemokrat.
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Veröffentlicht 1969, auf dem Höhepunkt von Grass’ persönlicher politischer Aktivität, ist der Roman einerseits Aufarbeitung von politischer Kritik, andererseits intellektuelles Plädoyer gegen die revolutionäre Tat.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht, als erzählendes Ich, der Lehrer Eberhard Starusch: in seinen Vierzigern, zum Studienrat “für Deutsch und also Geschichte” umgepolter Jugendbandenführer, einst Maschinenbaustudent mit geplanter Karriere im Zementgewerbe. In seinem gegenwärtigen Umfeld beschäftigt ihn vor allem der Schüler Philipp Scherbaum und dessen Planen, seinen Dackel Max auf dem Kurfürstendamm vor den tortenspachtelnden Damen in den Kaffeehäusern bei lebendigem Leib in Brand zu setzen: ein Zeichen gegen die Napalm-Verbrechen im fernen Vietnam. Staruschs mit Vernunftargumenten gestützte Resignation gegen Scherbaums von Angst gelenkten Willen zur Tat – dies ist der zentrale Konflikt des Romans. Den Sieg, das sei vorweggenommen, trägt die Resignation davon:

“Auch Scherbaum wird zu einem stehenden Gewässer. Da ihn die Welt schmerzt, geben wir uns Mühe, ihn örtlich zu betäuben. (Am Ende werden der Elternrat und das Lehrerkollegium den Schülern eine Raucherecke bewilligen, genau abgezirkelt hinter dem Fahrradschuppen.)”

Die Ironie liegt in “örtlich betäubt” stets offen zutage: Wie soll einer in Westberlin ein Zeichen gegen die Kriegsverbrechen in Südostasien setzen können, wo es doch schon schier unmenschlicher Anstrengungen bedarf, im Schulhaus eine Raucherecke bewilligt zu bekommen?

Das entmutigte Aufgeben hochtrabender revolutionärer Pläne zugunsten des gleichgültigen Lebens derer, die “schon alles hinter sich haben” steht im Mittelpunkt. Die reformistischen Tendenzen stiessen vielen deutschen Rezensenten sauer auf: Hellmuth Karasek schrieb in der Zeit: “Das Buch gibt Pfötchen, anstatt die Zähne zu zeigen.”, Rolf Becker im Spiegel beklagte Grass’ Verlust der “drastischen Konkretionen seiner Erzählphantasie und Sprachlust”, die ersetzt würden durch argumentativ gegen die Ideologie anschreibende Prosa.

Der Dialog Starusch – Scherbaum bildet nicht das einzige Streitgespräch des Romans. In der Person der Lehrerin Irmgard Seifert tritt eine ehemals dem Nazi-Regime verschriebene Person auf, die ihr Leben der Frage widmet, ob es für sie jemals Erlösung geben kann; Staruschs ehemalige Verlobte Sieglinde Krings tritt als Figur in imaginären Szenarien des Erzählers in Erscheinung, während derer sie ihren unbelehrt aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Vater, zur Vernunft zu bringen sucht; und Vero Lewand letztlich, Scherbaums Freundin, fungiert als kompromisslose Revolutionärin, die sich allen Anpassungsreden Staruschs verweigert.

Die unterschiedlichen Erzählebenen überlappen sich ständig – eine Unterscheidung zwischen fiktiven, sich im Kopf des Erzählers abspielenden Ereignissen und tatsächlichen Geschehnissen der Geschichte fällt bisweilen schwer. Die Rahmung des Ganzen bilden Staruschs Besuche bei und Telefongespräche mit seinem philosophisch bewanderten Zahnarzt, der die “grosse allesumfassende Weltkrankenfürsorge, die uns nicht regiert, sondern versorgt, die uns nicht ändern will, sondern wird, die uns, wie schon Seneca sagt, Musse für unsere Gebrechen schenkt” predigt. Er wird zunehmend zur ersten und wichtigsten Vertrauensperson des Studienrats.

Die überstrapazierten Zahnschmerz-Metaphern, die zuweilen vielleicht etwas intellektuell verstiegenen theoretischen Reflektionen, die anbiedernde Quintessenz: all dies hat dem Roman zur Zeit seiner Erstveröffentlichung teils scharfe Kritik eingetragen (Dies, notabene, vor allem in Deutschland. In den USA etwa wurde der Roman frenetisch gefeiert, Grass schaffte es 1970 gar als erster deutscher Literat nach dem Krieg auf die Titelseite des Times-Magazins, Untertitel: “A Man Who Can Speak To The Young”).

Aus meiner heutigen Perspektive – der Perspektive eines Mitteleuropäers, der 1969 noch nicht auf der Welt war – erscheint “örtlich betäubt” als stilistisch irritierendes, aber hochinteressantes sozio-politisches Stimmungsbild eines zeitlich und örtlich bestimmten Milieus (Westberlin 1969), dessen Behandlung zentraler Konflikte aber durchaus auch für die heutige Zeit brauchbare Anregungen bietet. Gerade die Fragen nach Sinn oder Widersinn revolutionärer Taten und der angemessenen Reaktion auf nur aus der Ferne wahrgenommene Greuel scheinen mir 2016 ebenso dringlich und relevant.

Aufruf zum Widerstand: Ignazio Silone – Wein und Brot (1936/1955)

Ignazio Silones Roman “Wein und Brot” darf zweifellos zu den wichtigsten literarischen Dokumenten gezählt werden, die während des Zweiten Weltkriegs von Autoren im Schweizer Exil verfasst wurden. Der Text ist Überbringer einer mal mehr mal weniger durch das Kostüm des Abenteuerromans verschleierten moralisch-politischen Botschaft; ein von berückenden Landschaftsbildern gerahmter Aufruf zum Widerstand.

Zum Autor: Ignazio Silone kam am 1. Mai 1900 im kleinen Ort Pescina in den Abruzzen als Secondino Tranquilli zur Welt. Das Erdbeben von Avezzano am 13. Januar 1915 zerstörte seine Familie: lediglich er und sein kleiner Bruder Romolo überlebten, Mutter und fünf Geschwister kamen ums Leben. Zwei Jahre später traf er eine folgenreiche politische Entscheidung: er trat der sozialistischen Jugend bei. 1921 war er an der Gründung der kommunistischen Partei Italiens beteiligt. Noch im selben Jahr bereiste er erstmals Moskau; 1927 war er an der Kominternsitzung beteiligt, an der die Liquidierung Trotzkis beschlossen wurde. “Einstimmig”, wie es später hiess, obschon Silone – als Einziger – Einwände gehabt hatte. So geriet er erstmals auf Konfrontationskurs mit der Partei. Und genauso wie Ignazio Silone, der in einem Priesterseminar erzogen worden war, sich einst von der Kirche abgewandt hatte, wandte er sich nun von der Partei ab – er konnte seine Ansichten nicht mehr mit den Widersprüchen der kommunistischen Doktrin vereinbaren.

In den frühen Dreissigerjahren wurde Silone zu einer prominenten Figur in den Zürcher Emigrantenkreisen. Er war in die Schweiz gelangt als von Mussolinis Häschern, auf faschistischen Fahndungslisten geführter und gleichsam als von der kommunistischen Partei exkommunizierter Flüchtling. Später, nach seiner Rückkehr ins befreite Rom 1944 und seiner endgültigen Abwendung von jeder Form institutioneller Politik, wird er sich als “Sozialisten ohne Partei und Christ ohne Kirche” bezeichnen.

Während der Zeit der faschistischen Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs verblieb Silone in der Schweiz, wo unter dem Eindruck der faschistischen Besetzung Abessiniens und der von Stalin inszenierten Moskauer Prozesse 1936 der Roman “Brot und Wein” entstand, der 1955 vom Autor nochmals überarbeitet und in der neuen Fassung unter dem Titel “Wein und Brot” wiederveröffentlicht wurde. Wie Silone im Nachwort der überarbeiteten Ausgabe schreibt, war es einerseits die Scham für die Kriegsbegeisterung vieler Italiener, die Gleichgültigkeit der grossen Mehrheit der Bevölkerung und die Ohnmacht der Antifaschisten, andererseits “das Entsetzen und der Ekel darüber, dass ich in meiner Jugend einem Revolutionsideal gedient hatte, dass in seiner stalinistischen Form nichts anderes war als – so schrieb ich damals – “roter Faschismus.””, die ihm als Antrieb beim Verfassen von “Brot und Wein” dienten.

In anderen im Zürcher Exil entstandenen Schriften fand er ungleich härtere Worte. In “Die Schule der Diktatoren” (1938) etwa heisst es: “Die wissenschaftlich genaueste Definition des Faschismus ist vielleicht diese: der Faschismus ist die Margarine des Geisteslebens. In einer Epoche von so ausgesprochener geistigen Verblödung, wie der unseren, ersetzt der Faschismus die Wahrhaftigkeit des Denkens, die traditionelle Religion, die authentische Kunst, die Gewissensfreiheit.” (Zitat in Werner Mittenzwei: Exil in der Schweiz, 1978).

Der Schriftsteller R.J. Humm, in dessen Salon Silone Stammgast war schrieb über Silone: “Er war immer von Kopf bis Fuss ein Römer, oder viel mehr ein Samnite, der ein Römer geblieben war, während die anderen Römer Hampelmänner geworden.” (R.J. Humm: Bei uns im Rabenhaus)

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Der Roman “Wein und Brot” – ich beziehe mich auf di Überarbeitung von 1955 – trägt deutlich autobiographische Züge. Im Mittelpunkt der Handlung steht der junge sozialistische Revolutionär Pietro Spina, der vor Mussolinis Schergen ins Ausland flüchten musste, dort aber nicht leben konnte und in einem Nacht-und-Nebel-Unterfangen wieder in die feindliche Heimat zurückkehrt. Ehemalige Freunde helfen ihm, sich zu verstecken. Spina schlüpft in die Identität des Priesters Don Paolo – gerade er, der mit der Kirche gebrochen hat – und versteckt sich im abgelegenen, von Naturkatastrophen geplagten Bergdorf Pietrasecca in den Abruzzen. Zur Untätigkeit verdammt und geplagt von einer schweren Lungenkrankheit (auch dies autobiographisch), nähert sich der Revolutionär Spina, im Kostüm des Pfarrers, einer gottesfürchtigen Dorfbevölkerung.

Deren Kern bilden die cafoni, die armen Bauern, von denen Spina zunächst aber, weil ihn seine Krankheit ans Bett fesselt, nicht viel mitbekommt. Es sind die Frauen, die er zuerst kennenlernt: seine Gastgeberin, die Wirtin Malatenta, die bald eine gefährliche Obsession für “ihren” Priester entwickelt und ihn mithilfe einer umtriebigen Kräuterfrau quasi zum Verbleib im Dorf hexen will; Bianchina, ein Mädchen aus dem Nachbardorf, die fest davon überzeugt ist, Don Paolo sei ein Heiliger, der ihr das Leben gerettet habe; Cristina, die unschuldige Tochter des ehemaligen reichsten Mannes im Dorfe, dessen Existenz nun jedoch gefährdet ist.

Im Nachwort zur überarbeiteten Ausgabe schreibt Ignazio Silone: “Was schliesslich den Stil betrifft, so erscheint es mir als höchste Weisheit, beim Erzählen einfach zu sein.” Es ist diese einfache Sprache – stilistisch wird Silone oft dem Neorealismus zugeordnet – , die die Menschen und Gedanken des Dorfes Pietrasecca lebhaft werden lässt. Eindrücklich sind manche Passagen, in denen sich die Dialoge zwischen dem im Priestergewand gefangenen Spina – Lebensmotto: “Man darf nicht in Erwartung leben. […] Man muss handeln. Man muss sagen: Genug. Ab heute.” – und den resignierten, abgearbeiteten Bauern entspinnen, deren Kernsatz lautet: “Die Dinge nehmen ihren Lauf. […] Wie das Wasser des Flusses. Es nützt nichts, dass man sie versteht.”

Silone lässt seine politische Botschaft, die Aufforderung zum Widerstand, unmissverständlich und nicht zu knapp in den Text einfliessen. Aus einer literarischen Perspektive mag das bisweilen als etwas “zu viel des Guten” erscheinen, als stilistische Unsauberkeit, inhaltlich jedoch ergibt es Sinn: die häufigen Nachfragen, die unablässigen Bemühungen, mit allen irgendwie verfügbaren Mitteln den Kampf wieder aufzunehmen, die Rastlosigkeit – es sind alles Weckrufe gegen die Lethargie derer, die das Denken eingestellt haben oder es sich vermeintlich nicht leisten können; es sind Fanale für den Widerstand in bedrängter Zeit.

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Grosse Teile des Werks von Ignazio Silone sind auf Deutsch bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Eine weitere Blog-Rezension des Romans findet sich auf Sätze & Schätze (2014).

 

 

Rezension: Anna-Katharina Hahn – Das Kleid meiner Mutter (Suhrkamp, 2016)

Magischer Realismus? Schwarze Romantik? Künstlerroman? Generationenportrait aus der Zeit der Eurokrise? Die deutsche Autorin Anna-Katharina Hahn, die gemäss Homepage ihres Verlags als “eine der wichtigsten Erzählerinnen ihrer Generation” gelten soll, versucht sich in ihrem neuen Roman “Das Kleid meiner Mutter” an abenteuerlichen Genrekapriolen, leuchtet dabei stellenweise strahlend – scheitert zuletzt aber grandios.
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Zu Beginn begegnen wir Anita, einer jungen Spanierin, arbeitslos wie so viele aus ihrer Generation. Gemeinsam mit ihrer Freundesclique, die sich “La Plaga” nennt, hängt sie in den Parks von Madrid, trinkt, demonstriert gegen die unsäglichen Zustände in Spanien. Ihr Bruder Angel, ein Germanist, ist dem spanischen Unheil nach Deutschland entflohen, wo er jedoch nicht als Dozent, sondern auf einer Baustelle sein Geld verdient und es nach Hause schickt. Weil sie kein Geld mehr hat, lebt Anita bei den Eltern Oscar und Blanca. Eines Tages kehren die Eltern krank von einem Ausflug zurück, legen sich ins Bett und sterben. Und nun?

Zufällig bemerkt Anita, dass sie lediglich in das titelgebende Kleid ihrer Mutter zu schlüpfen braucht, um selbst von alten Bekannten für Blanca gehalten zu werden. Sie verschweigt den Tod der Eltern vorerst selbst den Freunden und dem Bruder und stürzt sich, kostümiert, in das Leben ihrer Mutter, über die sie weniger gewusst zu haben scheint, als sie dachte. Spätestens, als sich auf Blancas Handy ein mysteriöser Liebhaber namens “R.” meldet, verstrickt sich Anita hoffnungslos im Netz der dunklen Geheimnisse ihrer Eltern.

Alle Fäden scheinen in einem obskuren deutschen Schriftsteller zusammenzulaufen, der unter dem Namen Gert de Ruit grossen literarischen Ruhm geniesst – ohne dabei je in der Öffentlichkeit aufzutreten. Es existiert lediglich eine einzige alte Fotografie des Autors. Es beginnt die Entwirrung eines Rätsels – wobei die Autorin es unterlässt, ihre Erzählerin auf eine detektivische Spurensuche zu schicken: alle relevanten Hinweisen kommen ihr schliesslich in einem dicken braunen Umschlag mit Aufzeichnungen verschiedener Personen wie zugeflogen.

“Das Kleid meiner Mutter” beginnt als durchaus packender Generationenroman über die perspektivlose Jugend Spaniens im Nachklang der Eurokrise, als detailhaltiges Portrait der Ängste, Sorgen und Hoffnungen einer Gruppe junger Menschen. Mit dem Erzählstrang um den unsichtbaren Schriftsteller De Ruit, der im Übrigen nicht lange unsichtbar bleibt, sondern bald schon auftaucht und nicht einmal halb so geheimnisvoll ist, wie vermutet, entwickelt Hahn eine neue Dimension. Bald schon kommen weitere dazu: es taucht die spanische Übersetzerin De Ruits auf, es taucht der Verleger auf, es tauchen De Ruits Eltern auf und die Geschichte seiner Kindheit in der Nazizeit wird zum Thema.

Es bedürfte einer unglaublichen erzählerischen Finesse, um all diese Erzählstränge (auf lediglich dreihundert Seiten!) geschickt auszubalancieren und zu einem zufriedenstellenden Ende zu bringen. Während die Balance bisweilen noch klappt, muss die Auflösung als vollkommen unbefriedigend bezeichnet werden. Man spürt förmlich, wie zerfahren das Ganze plötzlich geworden ist, wie unübersichtlich, ja unauflösbar. Alles gipfelt in einer kitschig-sentimentalen Schlussszene, in der der Versuch unternommen wird, die gesamte Geschichte aus der Ebene des Realistisch-Bedrohlichen auf die Ebene des Metaphorisch-Übertragenen zu hieven. Das in der Szene aufgerufene Bild soll aussagen: die Vergangenheit ist nun abgeschlossen, die Zukunft kann beginnen – die offenen Fragen des Lesers aber sind zahllos, etliche Figuren verschwinden wortlos, so dass am Ende wieder nur Anita und ihre Clique zu existieren scheinen…

Der berühmt-berüchtigte Kritiker Denis Scheck meint, das Buch entfalte “ein großes europäisches Tableau, ein romantisches Welttheater”. Das ist nicht nur unsäglich pathetisch, sondern auch rein topographisch allzu weit gefasst: “Das Kleid meiner Mutter” spielt zum grössten Teil im Spanien der Gegenwart und im nationalsozialistisch regierten Deutschland. Es hat Ansätze eines aufregenden und relevanten sozialkritischen Romans (vielleicht im Stile eines Rafael Chirbes), es hat Ansätze zu einem hochspannenden Versteckspiel mit einem dunklen und gefährlichen Unsichtbaren, es hat auch Ansätze zu einer grotesken Farce über den Literaturbetrieb. Letztlich aber wirken all diese Ansätze etwas beliebig zusammengewürfelt. Auch wenn verschiedene Passagen faszinierende Gedankenspiele in einer unfasslichen Zwischenwelt von Realität und Fiktion erlauben, bleibt ein schaler Beigeschmack. Momenten der Magie folgt der Frust eines unfertigen Werks.

Hahn, Anna-Katharina. Das Kleid meiner Mutter. Suhrkamp 2016. 311 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-518-42516-9

Rezension: Timothy Snyder – Black Earth: Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann (C.H. Beck, 2015)

Warum überlebten 99 % der dänischen Juden den Holocaust, während 99 % der estnischen Juden ermordet wurden? Unter anderem anhand dieses Beispiels gleist der renommierte amerikanische Osteuropa-Historiker Timothy Snyder seine Theorie zur Entstehung der Gewaltverbrechen des Zweiten Weltkriegs auf. “Black Earth” ist eine detailreiche Studie mit starken, durchaus polemischen Thesen und einem alarmistischen Brückenschlag von den Dreissigerjahren ins 21. Jahrhundert.

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Snyder, der in “Black Earth” diverse Themen aus seinem vieldiskutierten Buch “Bloodlands: Europe Between Hitler And Stalin” (2010) wieder aufgreift, vertritt im Grunde folgende Kernthese: Der Massenmord der Nazis an den europäischen Juden wurde überall dort möglich, wo staatliche Strukturen zerstört worden sind und die Juden dementsprechend, ohne den Schutz gewährenden Rückhalt eines Bürgerrechts, in einem quasi anarchischen Umfeld vernichtet werden konnten. Aus diesem Grund starben die allermeisten Juden nicht etwa in Deutschland oder im restlichen Zentraleuropa, sondern in den Staaten des Ostens: Polen, dem Baltikum, der Ukraine und der westlichen Sowjetunion.

Um seine Argumentation stringent zur These hinzuführen, wendet sich Snyder zunächst der Frage zu, wie es überhaupt zum Holocaust kommen konnte. Er fasst dabei Adolf Hitler als politischen Denker ins Auge, bezieht sein Quellenmaterial oftmals aus dessen Manifest “Mein Kampf” (1925/26). Die Quintessenz, die Snyder aus Hitlers Weltauffassung zieht, ist in etwa folgende: Für Hitler war die Natur die einzig gültige Wahrheit, gleich den Arten im Tierreich befinden sich die menschlichen “Rassen” in einem ewigen Kampf, der schliesslich alle politischen Grenzen zerstören würde; es gilt das “Gesetz des Dschungels” (Snyder). Der Jude nun war für Hitler aber eine “Nicht-Rasse”, am Ursprung einer Weltverschwörung, mit der er “den Menschen weismachte, sie stünden über anderen Lebewesen und verfügten über die Fähigkeit, selbst über ihre Zukunft zu bestimmen.” (Snyder). Hitler war demgemäss kein deutscher Nationalist, sondern ein Fanatiker, dessen Weltbild auf einer gefährlichen Mischung aus religiösen und zoologischen Ideen beruhte. Die einzige Moral in diesem Weltbild war die Loyalität gegenüber der eigenen Rasse.

Mit dieser paradoxen Philosophie – Hitler, ein politischer Denker, der die Politik zerstören will – im Hinterkopf macht sich Snyder daran, den Hergang des Holocaust, gestützt auf Unmengen von Quellen, zu erläutern. (Der Historiker, der angeblich elf europäische Sprachen beherrscht, zitiert unter anderem Quellen aus polnischen, russischen, ukrainischen, israelischen und deutschen Archiven – alles, wissenschaftlich sauber, in einem umfangreichen Anhang mit Fussnoten und Bibliographie offengelegt.) Ausführlich schildert Snyder etwa die gescheiterte polnisch-deutsche Diplomatie der Vorkriegszeit und beginnt anschliessend im Kapitel “Die Staatszerstörer”, die ersten Anzeichen des Massenmords anhand der Staatszerschlagungen von Österreich, der Tschechoslowakei und Polen darzulegen.

Der bei weitem opferreichste Teil des Holocaust spielte sich noch weiter östlich ab, in jenen Gebieten Polens und des Baltikums etwa, die zunächst von der Sowjetunion und dann von den Deutschen besetzt wurden. Mit detaillierten Darstellungen der Vorkriegssituation der betroffenen Länder, versucht Snyder klarzumachen, dass einzig die Zerschlagung der staatlichen Strukturen, nicht etwa ein bereits zuvor vorhandener aggressiver Antisemitismus, den unbeschreiblichen Massenmord an Juden ermöglicht hat.

Ins Auge gefasst werden sodann die mannigfaltigen Verstrickungen lokaler Kollaborateure, darunter auch vieler sowjetischer Kommunisten, die sich an der Ermordung der Juden beteiligten. Mit einer geschickten Mischung aus kontinental übergreifenden Perspektiven und detailliert geschilderter Einzelbiografien entfaltet Snyder das Panoptikum der Grausamkeit, die sich über ganz Europa ausbreitete.

Im eindrücklichen Kapitel “Das Auschwitz-Paradox” kommt die Sprache schliesslich auf die teilweise bis heute andauernde Verdrängung dieser im Osten Europas vollstreckten Greueltaten. Vielfach wird das “Vernichtungslager” Auschwitz als Kurzformel für den Holocaust verwendet; ein Lager, in dem wesentlich mehr Menschen überlebten als an den Todesgruben in Osteuropa wie auch in den vier anderen “Vernichtungslagern” (Treblinka, Belzec, Sobibor und Chelmno), wo ein Überleben beinahe ausgeschlossen war. Snyder schreibt:

“Begrenzt man den Massenmord an den Juden auf einen Ausnahmeort und betrachtet man ihn als das Ergebnis unpersönlicher Prozesse, dann müssen wir uns nicht mit der Tatsache auseinandersetzen, dass Menschen, die sich gar nicht so sehr von uns unterscheiden, andere Menschen, die sich gar nicht so sehr von uns unterscheiden, in unmittelbarer Nachbarschaft ermordeten.”

Ein harter, aber durchaus bedenkenswerter Vorwurf an die Generationen der Nachkriegszeit und eine Mahnung an jene, die noch folgen werden.

Weiter handelt Snyder präzise und kompakt, einen nach dem andern, die Situationen in den mit Deutschland verbündeten Staaten vor und während des Krieges ab: in den “Marionettenstaaten” Kroatien und Slowakei, in den freiwillig verbündeten Staaten (Italien, Rumänien, Bulgarien und Ungarn) sowie in einigen der von Deutschland auf dem Schlachtfeld besiegten Nationen, die aber ihre staatlichen Strukturen zu einem gewissen Grad, wenn auch unter deutschen Bedingungen, erhalten konnten (etwa Frankreich, die Niederlande und Griechenland).

Letztlich wird im wiederum sehr beeindruckenden Kapitel “Die wenigen Aufrechten” anhand diverser Einzelbiografien ein Licht auf die wenigen individuellen Retter geworfen, die unter Bedrohung des eigenen Lebens Juden retteten. Leute, die unseligerweise nach Kriegsende selten als Retter gefeiert wurden, sondern oftmals als Kriegsverbrecher inhaftiert wurden – prominentestes Beispiel hierfür ist wohl Wilm Hosenfeld, der dem polnischen Pianisten Szpilman zur Flucht verholfen hatte.

“Black Earth: The Holocaust as History and Warning” lautet der Originaltitel des Buches. Hiervon sind 340 Seiten “history” und die letzten knapp dreissig Seiten “warning” – Snyder wagt den Brückenschlag ins 21. Jahrhundert und gibt sich als alarmistischer Prophet, der in den weltpolitischen Wirren unserer Zeit und insbesondere auch in der Unvorhersehbarkeit des “Klimawandels” und seiner Konsequenzen Parallelen zu den Entstehungsbedingungen des Holocaust sieht. Wenn auch manch ein Vergleich nicht ganz handfest erscheint, so sind die Grundthesen dennoch bemerkenswert – und beunruhigend. Snyder behandelt die aktuellen Verflechtungen von Asien und Afrika, wobei insbesondere China, das Afrika als mögliche Lösung für seine Ressourcenknappheit betrachtet, gewisse Parallelen zur Situation im Deutschland der 1930er-Jahre aufzuweisen scheint. Des Weiteren benennt er den Konflikt zwischen Russland und der Ukraine, in welchem er von russischer Seite eine dem Nationalsozialismus ähnliche Rhetorik erkennen will; und er benennt die USA, die bei ihrem Vorgehen im Irakkrieg dem gefährlichen Trugschluss unterlegen seien, Freiheit entstehe aus dem Fehlen staatlicher Autorität. Und genau das hat ja eben, wie Snyder in dieser Studie zeigt, den schrecklichsten Massenmord der Geschichte erst ermöglicht.

Timothy Snyder polarisiert mit seinen Thesen – ein Blick auf die durchweg gemischt ausfallenden Kritiken bestätigt dies -, doch seine Argumentation ist in sich stimmig und basiert auf jahrelangen Studien und profunder Quellenauswertung, so dass sowohl seine Interpretation des Holocaust wie auch sein mahnender Zeigefinger in Richtung Zukunft ergreifende Lektüre sind, die letztlich dazu anregt, sich mit seinem eigenen Standpunkt in der heutigen Welt vertieft auseinanderzusetzen.

 

Snyder, Timothy. Black Earth: Der Holocaust und warum er sich wiederholen kann. Aus dem Englischen von Ulla Höber, Karl Heinz Siber und Andreas Wirthensohn München: C.H. Beck 2015. 488 S., gebunden m. Schutzumschlag, mit 24 Karten. 978-3-406-68414-2

Rezension: Martin Amis – Interessengebiet (Kein & Aber 2015)

Ein Mann verliebt sich in eine Frau: Das ist die älteste, wenngleich spektakulärste Geschichte der Welt. Wir alle kennen sie, haben sie erlebt, gesehen, gelesen. Für viele von uns gehört sie zu den Grundmustern der Weltwahrnehmung. Wenn nun aber der “Mann” ein SS-Obersturmführer Golo Thomsen ist, und die “Frau” eine Hannah Doll, Ehegattin des Lagerkommandanten von Auschwitz-Birkenau, so verändern sich auf einmal die Vorzeichen. Kann eine Liebesgeschichte unter Nazis noch eine Liebesgeschichte sein?

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Martin Amis (*1949), vieldiskutierter britischer Autor, Satiriker und Provokateur, kehrt mit seinem vierzehnten Roman “Interessengebiet” zum Thema des Nationalsozialismus zurück, das er bereits im hochgelobten “Pfeil der Zeit” (1991) behandelt hatte. Schon in diesem innovativ strukturierten Roman, der das Leben des KZ-Arztes Odilo Unverdorben rückwärts erzählt, hatte Amis’ Erzähler eine Art Täterperspektive eingenommen. Diese wird auch im neuesten Werk aufgegriffen.

Drei Figuren erzählen abwechslungsweise: Auf der ersten Seite bereits verliebt sich Erzähler Nummer 1, SS-Obersturmführer Angelus “Golo” Thomsen in Hannah, die Frau des Auschwitzer Lagerkommandanten Paul Doll. Thomsen ist ein Schreibtischtäter, der mit der Herstellung von synthetischem Kautschuk in den sogenannten Buna-Werken betraut ist. Was die nationalsozialistische Ideologie betrifft, ist er ein klassischer Mitläufer, ein Opportunist; physisch hingegen ist er ein waschechter Arier, das Haar “frostig weiss”, mit “arktischen Augen” und “Schenkel massiv wie Schiffsmasten”; zudem ist er als Neffe des engen Hitler-Vertrauten Martin Bormann näher mit dem Kreis der wirklich Mächtigen vertraut als seine direkten Vorgesetzten. Sein eigentliches Interesse aber gilt den Frauen, bevorzugt verheirateten, die er gleich reihenweise verführt.

Das Ziel, das er sich mit Hannah Doll aber gesteckt hat, ist lebensgefährlich. Ihr Gatte – Lagerkommandant Paul Doll, der zweite Erzähler des Romans – ist ein sadistischer, menschenverachtender Alkoholiker und Selbstdarsteller, von Häftlingen gefürchtet, von Thomsen und Konsorten als alter Fettsack verlacht. Es sind die von Doll erzählten Szenen, in denen Amis’ schriftstellerisches Können richtig aufblüht. Diese überspitzt grotesken Narrationen eines verblendeten, von jeder Logik befreiten Vollblutnazis, eifersüchtig und gewalttätig, sexuell verstört und überzeugt, seinen gewichtigen Teil zur Endlösung beizutragen. Geformt nach den realen Vorbildern Rudolf Höss und Kurt Franz, dessen Spitzname “Puppe” (engl. doll) war, ist der Lagerkommandant eine Figur von erschütternder Grausamkeit. In ihrer komischen Überspitzung hat sie bisweilen auch Ähnlichkeiten mit Quentin Tarantinos Figur des Hans Landa aus “Inglorious Basterds”.

Die dritte Erzählstimme markiert einen Gegenpol zur makaberen Komik des Paul Doll: Sonderkommandoführer Szmul ist der dienstälteste – eine groteske Bezeichnung bei der kurzen durchschnittlichen Lebensdauer im KZ – Arbeitsjude in Auschwitz. Er führt eine Einheit, die die Vergasungen vorbereiten, anschliessend die toten Körper nach Schmuck und Gold plündern und ihre Leichen verbrennen muss. Ein Schicksalloser auf der Suche nach letzten Überresten menschlicher Gemeinschaft, sagt er: “ich glaube, selbst wenn jeder Tag, jede Stunde, jede Minute der Menschheitsgeschichte bekannt wäre, würde man für unser Tun kein Exempel, kein Vorbild, nichts Vergleichbares finden.”

Auf diesem Dreiklang, zeitlich im August 1942 einsetzend, baut Martin Amis sein Kammerspiel des Schreckens auf. Machtspiele, Intrigen, Verblendung und Dekadenz gehen Hand in Hand in einem Roman, der mal wie ein lustvoller Salonroman anmutet, mal wie eine bissige Satire, mal wie leichtfüssige Semipornografie, mal wie eisiger Realismus. Diese Unentschlossenheit könnte dem Text als Mangel angelastet werden, sie scheint mir jedoch durch die Polyphonie verschiedener Erzählstimmen hinreichend gerechtfertigt. Einzig die Erotisierung des Nazi-Stoffes – auf die Susan Sontag schon 1975 hingewiesen hat – wirkt stellenweise etwas übertrieben, driftet zu sehr ins Klischeehafte ab, etwa in der Figur der brutalen, mit leicht lesbischen Zügen ausgestatteten Nazischergin Ilse Grese.

Der Roman in der Originalausgabe erhielt von der englischsprachigen Presse zumeist sehr positive Rezensionen, während die deutschsprachigen Medien teils wesentlich kritischer waren. Ein Grund dafür könnte in der Übersetzung liegen, die zwar kenntnisreich ausgeführt ist und den Tonfall des Originals meist gut trifft, jedoch ist die englischsprachige Urfassung in einem mit deutschen Vokabeln durchsetzten Nazisprech verfasst, der das grotesk-komische Element um ein Vielfaches verstärkt.  Ein Beispiel:

“If what we’re doing is good, why does it smell so lancingly bad? On the ramp at night, why do we feel the ungainsayable need to get so brutishly drunk? Why did we make the meadow churn and spit? The flies as fat as blackberries, the vermin, the diseases, ach, scheusslich, schmierig—why? Why do rats fetch 5 bread rations per cob? Why did the lunatics, and only the lunatics, seem to like it here? Why, here, do conception and gestation promise not new life but certain death for both woman and child? Ach, why all der Dreck, der Sumpf, der Schleim? Why do we turn the snow brown? Why do we do that? Make the snow look like the shit of angels. Why do we do that?”

Insgesamt ist Martin Amis mit “Interessengebiet” ein Buch gelungen, das der Diskussion um Auschwitz zwar keine bahnbrechend neuen Aspekte hinzufügt, jedoch stilistisch hervorragend ausgeführt ist und eine immense historische Recherche zu einem spannend-unterhaltend-empörenden Roman mit bemerkenswerten Charakteren verdichtet.

Amis, Martin. Interessengebiet. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Zürich: Kein und Aber. 416 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-0369-5724-1. 32.50 CHF

Amis, Martin. The Zone of Interest. London: Jonathan Cape 2014. 320 S., gebunden m. Schutzumschlag. 9780224099745.

Rezension: Sigrun Casper – Der Wortjongleur (konkursbuch, 2015)

Mit “Der Wortjongleur” erfindet die arrivierte deutsch Autorin Sigrun Casper ihrem guten Freund, dem frühverstorbenen Dichter Mario Wirz (1956-2013), eine mögliche Kindheit. Ein berührender Roman über unüberwindbare Vorurteile, unauffindbare Vergangenheiten und die Suche nach dem treffenden Wort.

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Kilian Schelk heisst die Figur, die Mario Wirz’ Inkarnation im Kindesalter sein könnte: In den späten Fünfzigerjahren lebt er mit seiner Mutter Marianne (das wäre dann Anne-Marie Wirz) und der bösartigen Grossmutter in einem abgelegenen Haus. Der Grossvater, ein gewichtiger NS-Funktionär, hatte es im Zweiten Weltkrieg, der seit einigen Jahren vorbei ist, “zum Repräsentieren” gebaut. Kilians Schwester Miriam ist 14 Jahre älter, wohnt mit ihrem Ehemann in Berlin. Ihr Vater ist im Krieg gestorben, während die Identität von Kilians Vater, eine einmalige Affäre der Mutter, ihm vorenthalten bleibt.

Kilian ist früh bereits sprachbegabt, er ist “der eigenwillige Junge, der sich so ungewöhnlich klar und originell auszudrücken versteht”. Als die Grossmutter Mitte der Sechziger Jahre stirbt, müssen Mutter und Sohn das Haus verlassen und werden vom Sozialamt in eine Wohnung in einer Metallarbeitersiedlung gewiesen. Hier ist Kilian für viele nur der “Bankert”, also das uneheliche Kind. Mutter und Sohn werde voller Hass beäugt und ignoriert, Türen werden ihnen buchstäblich und übertragen vor den Augen zugeschlagen. Nur in Mariannes ehemaliger Schulkollegin Sigrid findet das ungleiche Paar zunächst eine Verbündete.

Kilian versucht die Welt zu begreifen, indem er den Dingen Worte zuweist. Er liest und schreibt, versucht “das eigene kleine Leben im Lesen (zu) vergessen” und begreift sich früh schon als Dichter.

In Tagträumen stellt er sich vor, er wäre ein Zauberer, der vier Stunden am Tag Verkniffenheit in Lächeln verzaubert. Wenn sie nämlich lächeln, dann merken die Leute auf einmal, wie anstrengend es ist, sich in Vorurteile zu verbeissen. Nicht, dass sie nun alle dicke Freunde werden, aber die Feindschaften, die braucht man auf einmal nicht mehr. Wandel durch Annäherung ans eigene Herz!”

Spielerisch verbindet Sigrun Casper (*1939) Ereignisse und Worte deutscher Nachkriegsgeschichte mit den Erfahrungen des fantasiebegabten Kindes Kilian, das der Welt ihren Sinn anzudichten versucht. Der Kampf gegen Vorurteile ist durchgehendes Thema, zumal als der pubertierende Knabe in der Liebe zum Kameraden Matthias seine Homosexualität zu entdecken und erkunden beginnt. Die Liebe und den Vater finden: das sind die Ziele des Heranwachsenden und beide, so zeigt sich, sind nicht ohne Hindernisse zu erreichen. Und manchmal entdeckt man am Ende des Wegs, dass das Ziel nicht das ist, was es in der Vorstellung gewesen ist…

“Der Wortjongleur” ist das berührende Portrait eines starken Mutter-Sohn-Gespanns im Kampf gegen Vorurteile und Vergangenheit. Herzlich, aber nicht kitschig. Empathisch, aber nicht sentimental.

Casper, Sigrun. Der Wortjongleur. Tübingen: konkursbuch Verlag Claudia Gehrke. 256 S., gebunden. 978-3-88769-573-6

Zürcher Streifzüge (7): Ein Porträt des Dichters als junger Architekt

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“Zwischen dem Türkisblau des Wassers, woran ich mich in drei Stunden nicht satt gesehen habe, und dem hohen Laubwald, der diesen Fleck der Seligen umgrenzt, liegen sie auf dem Rasen, Körper von jugendlicher Pracht; aus der ruhigen Grünfläche überrascht die Ockerfarbe ihrer Glieder. Das ist etwas ungewöhnlich Schönes, unverhüllte Menschen in der Landschaft zu sehen. Denn in vielen Bädern ist es keine Landschaft mehr, sondern Kulisse, was den Badenden umgibt, sodass sich dann der ausgekleidete Mensch meist unpassend ausnimmt.”

Dieses Zitat stammt aus dem Aufsatz über das Wellenbad des Zürcher Grand-Hotel Dolder, betitelt “Vom kleinen Meer im Wald”, der am 28. Juni 1935 in der Neuen Zürcher Zeitung abgedruckt wurde. Der mit solcher Faszination über das Freibad schreibt, ist ein junger, damals noch nicht fünfundzwanzigjähriger Schriftsteller, dessen erster Roman ein Jahr zuvor erschienen und von der Presse überaus lobend besprochen worden ist: Max Frisch.

Von klein auf hatte Frisch Schriftsteller werden wollen, hatte lustlos Germanistik studiert und war durch den plötzlichen Tod des Vaters 1932 zwar vom universitären Trott befreit, jedoch auch gezwungen worden, sich einen Broterwerb zu suchen, wodurch er bei der NZZ landete. Der Journalismus behagte dem jungen Schriftsteller nicht, auch dann schreiben zu müssen, wenn man nichts zu sagen hat, entsprach nicht seinen Vorstellungen.

So begab es sich denn, etwas mehr als ein Jahr nach Erscheinen des Wellenbad-Artikels, dass Max Frisch an der ETH Zürich ein Studium der Architektur in Angriff nahm. Noch während des Studiums veröffentlicht er seinen zweiten Roman (“Antwort aus der Stille”, 1937), danach jedoch folgt bis 1944 keiner mehr. Dazwischen liegt eine kurze, eigentlich bedeutungslose Karriere als Architekt, aus der aber ein Projekt hervorgegangen ist, das dem Zürcher Stadtbild bis heute erhalten ist: das Freibad Letzigraben.

Als Max Frisch 1940 sein Diplom erhält, herrscht bereits seit einem Jahr Krieg. Für den jungen Architekten beginnt ein mühseliges Doppelleben zwischen der neuen Arbeit und dem Aktivdienst als Kanonier in der Armee; für das Schreiben bleibt wenig Zeit. 1941 entsteht ein erstes Gebäude, ein Haus für seinen Bruder. In der Erzählung “Montauk” (1975) wird Frisch über dieses und andere seiner Abenteuer als Architekt Bilanz ziehen.

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Dann kommt die grosse Chance: Im Oktober 1942 schreibt der Stadtrat einen Wettbewerb für die Gestaltung der Freibadanlage auf dem 3,5 Hektar grossen “städtischen Land am Letzigraben, zwischen Albisrieder- und Edelweisstrasse” aus. Die Vororte Albisrieden und Altstetten, auf denen das Land liegt, waren erst 1934 in die Stadt Zürich eingemeindet worden, hatten aber sich aber schon zuvor bestrebt gezeigt, ein eigenes Schwimm- und Luftbad zu bauen, da doch eine beträchtliche Entfernung zum Zürichsee besteht. Die Auffassung, dass öffentliche Bäder an natürlichem Gewässer liegen müssen, musste die Stadt mit zunehmendem Wachstum aufgeben. Im Vorfeld der Landesausstellung 1939 war im nördlichen Stadtteil Oerlikon der Prototyp des suburbanen Freibades entstanden, das ebenfalls heute noch bestehende Bad Allenmoos. Immer mehr wurden Freibäder zu einem bedeutenden gesundheitspolitischen Anliegen der sozialdemokratischen Stadtregierung.

Am 28. Mai 1943 reicht Max Frisch seinen Entwurf ein, drei Tage vor Eingabeschluss. Sein Projekt gewinnt gegen eine starke Konkurrenz von 64 weiteren Eingaben, unter denen auch namhafte Architekten wie etwa Max Ernst Haefeli und Werner Max Moser, die Erbauer des Allenmoos-Bades, sind. Die Jury, der ebenfalls namhafte Personen angehören, unter anderem Hans Hofmann und Gustav Ammann, zwei prägende Gestalter der Landesausstellung 1939, setzt Frischs Projekt einstimmig auf den ersten Platz. Das Projekt ist ambitioniert, in grossen Massen ausgelegt – und das muss es auch, ist es doch für einen Stadtteil mit 80’000 Einwohner ausgelegt.

Noch ist nicht alles bereit für den Bau. Schon in den Vierzigerjahren, scheint es, waren die Zürcher Freunde der verzögernden Intervention. Der städtische Verband für Leibesübungen schreitet ein, sie hat militärische Ambitionen: “Die Armee verlangt Soldaten, die schwimmen können, doch die Stadt Zürich kennt heute noch die Bedürfnisse von Schwimm- und Wehrsport nicht.” Durch diese Intervention kommt das Freibad Letzigraben schliesslich zu seinem Markenzeichen, dem weit aus der Landschaft ragenden 10-Meter-Springturm.

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Historische Aufnahme: Hauptbecken des Freibads Letzigraben mit 10-Meter-Springturm.

Bis Dezember 1944 überarbeitet Frisch das Projekt, macht die definitive Kostenaufstellung. Mit 4,5 Millionen Franken liegt sie gut 2 Millionen über dem veranschlagten Budget. Eine weitere Überarbeitung ist nötig. Im Mai 1945 wurden die erforderlichen Einsparungen eingeplant, im Mai 1946 bewilligen die Stimmberechtigten den Kredit von letztlich doch 3,84 Millionen Franken, im August 1947 endlich ist Baubeginn, knapp fünf Jahre nach der ersten Ausschreibung. Inzwischen ist der Weltkrieg vorbei und Frisch hat, während sein architektonisches Projekt der Ausführung harrte, wieder mit dem Schreiben begonnen: Romane, Tagebücher und vor allem Theaterstücke.

“Eine Zeit lang geht beides nebeneinander, der Bau und die Proben auf der Bühne. Um acht Uhr ins Büro; um zehn Uhr fahre ich ins Schauspielhaus zu den Proben, sitze als Laie im Parkett und höre. Wenn die Schauspieler nach Hause gehen, um Texte zu lernen, fahre ich zur Baustelle und sehe, wie sie den Sprungturm ausschalen, anderswo Platten verlegen, wie der Schreiner endlich seine Werkstattarbeit bringt und einpasst. Da klappt nicht alles, sowenig wie bei den Proben im Schauspielhaus. Verkörperlichung dort wie hier. Zwar bewerkstelligen es die andern, trotzdem habe ich das Gefühl, Hände zu haben. Es entsteht etwas.”

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Frischs überarbeiteter Entwurf vom 25.12.1945

Fotografien von der Baustelle:

Im Juni 1949 sind die Bauarbeiten schliesslich beendet, der schon erwähnte Gustav Ammann steuerte die Gartenanlage bei. Heute steht das Freibad Letzigraben – oder: Max-Frisch-Bad – unter Denkmalschutz, 2006/07 wurde es einer Gesamtsanierung unterzogen.

In Max Frischs Leben hat der Bau der Badeanstalt, nicht nur als einzig bleibender Markstein seiner Architektenlaufbahn, einen wichtigen Stellenwert. Verzweifelt ob der schrecklichen Zerstörung des Krieges, die er unter anderem im April 1946 während einer Reise durch Deutschland erlebt, kommen ihm grosse Zweifel, am Schreiben, an der Schweiz, am Lauf der Welt. Der Arbeitsbeginn im August 1947 gibt einen gewissen Halt, lässt ihn Zuversicht schöpfen. Im Hinblick auf die Geschichte des Letzigraben-Areals schreibt er:

“Vor hundert Jahren war hier der Galgenhügel und weiter drüben ist es das alte Pulverhaus, das sie eben abbrechen; fast lautlos stürzen die alten Mauern, verschwinden in einer Wolke von steigendem Staub – Wären es die Pulverhäuser aller Welt!”

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Der Restaurantpavillon: Wenige Meter neben dem ehemaligen Galgen, an dem noch bis 1810 die Verurteilten gehängt wurden.

Der Tonfall seiner Reisebeschreibungen verändert sich, Architektur rückt allerorten ins Zentrum, die Arbeit an neuen Projekten symbolisiert ihm die Überwindung von Krieg und Zerstörung. Am Tag der Eröffnung, dem 18. Juni 1949, notiert er ins Tagebuch:

“Heute Samstag ist die Anlage eröffnet worden. Sonniges Wetter und viel Volk. Sie schwimmen, springen von den Türmen. Die Rasen sind voll von Menschen, halb nackt und halb bunt, und es ist etwas wie ein wirkliches Fest.”


Die Informationen und Bildquellen dieses Artikels sind folgenden Quellen entnommen:

Bindner, Ulrich/ Geering, Pierre (Hg.) Freibad Letzigraben von Max Frisch und Gustav Ammann. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung 2007.

Hage, Volker (Hg.) Max Frisch. Sein Leben in Bildern und Texten. Berlin: Suhrkamp 2011.

Obschlager, Walter. “Wären es die Pulverhäuser aller Welt”. Gedanken zum Bau des Letzibades von Max Frisch. In: NZZ 6.8.2011 (online)

Rezension: Ursula Ackrill – Zeiden, im Januar (Wagenbach 2015)

Ursula Ackrills Debütroman “Zeiden, im Januar” widmet sich der wechselhaften Geschichte der Siebenbürger Sachsen, einer deutschsprachigen Gemeinschaft im heutigen Rumänien, insbesondere der Zwiegespaltenheit der Sachsen gegenüber dem ursprünglichen “Mutterland Germania” zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Der Text, unlängst nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, krankt ein wenig an mangelhaft ausgearbeiteten Charakteren, zündet dafür sprachlich ein Feuerwerk.

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Zeiden, das ist eine kleine Stadt im Burzenland im Herzen der Karpaten, gegründet 1265 vom Deutschen Orden, vor dem Zweiten Weltkrieg zu einem grossen Teil bewohnt von Siebenbürger Sachsen. Im Januar, das heisst konkret: am 21. Januar 1941. Dieser Tag, von 6:45 bis 22:59 Uhr, bildet die Haupterzählachse des Textes. In Zeiden, einsam im Haus des im ganzen Dorf verehrten, unter ungeklärten Umständen verschwundenen Aviatikers Albert Ziegler, lebt die Chronistin Leontine Philippi. Sie ist die Protagonistin des Textes, eine Kassandra der Siebenbürger Sachsen, deren Mahnung vor drohendem deutschem Unheil niemand Glauben schenken will.

Zu gross sind die Hoffnungen, die die Sachsen in Hitlers Vormarsch setzen. Sie, die ursprünglich Deutschen, ausgewandert im Mittelalter, die schon zum Königreich Ungarn, zum Fürstentum Siebenbürgen, zur österreichisch-ungarischen Monarchie und seit Ende des Ersten Weltkrieges zu Rumänien gehörten, aber immer Aussenseiter blieben, sehen sie endlich gekommen: die Chance, einer “Gemeinschaft einverleibt zu werden, die uns nicht als Fremdkörper bekämpft.”

Die Nationalsozialisten freilich scheren sich kaum um diese siebenbürgische Minderheit. Den Sachsen ist es nicht erlaubt, in die deutsche Armee einzutreten, einzig der Zugang zur Waffen-SS steht den qualifiziertesten unter ihnen frei. Nach der Ermordung des jüdischen Ramschhändlers Brick erkennt Leontine die Bedrohung, die von Juden nur allzu leicht auf andere Minderheiten überzutreten droht. Fortan versucht sie als Warnerin den Sachsen die mangelnde “indigene Selbstverständlichkeit” einzureden, die die Gemeinschaft trotz ihrer “retardierten Nettigkeiten, gutgemeinten Fiaskos und ihr(em) generelle(n) Mondkälbertum” vor dem Sturz ins nationalsozialistische Unheil bewahren soll.  Erfolglos. Zwischen ihrer rumänischen Haushälterin Maria, dem ehemaligen Freund Herfurth, der Apothekerin Edith Volskgruppenführer Schmidt und dem späteren Nazi Klein sucht sich die alternde Prophetin eine Stimme zu verschaffen.

Ursula Ackrill (*1974 in Kronstadt, Siebenbürgen), die als Bibliothekarin im englischen Nottingham arbeitet, hat als promovierte Germanistin eine literaturtheoretische Vorbildung, die in der Struktur und Erzählweise von “Zeiden, im Januar” deutlich zum Ausdruck kommt. Der Text ist in kurze, meist mit Orts- und minutengenauer Zeitangabe versehene Kapitel gegliedert, die wild zwischen  etwa 1900 und 1941 umherspringen, mal dreissig Jahre vor, dann wieder wenige Minuten zurück. Das ist verblüffend, durchdacht, aber auch verwirrend. Das Vertiefen in einen Erzählstrang oder einer Figur wird stets geschickt unterbunden. Die genauen Abläufe des 21. Januar 1941, die Figuren, ihre Biographien, Motivationen und gegenseitigen Beziehungen, muss man sich nach und nach aus Versatzstücken zusammensetzen. Das mag intellektuell fordernd sein, hat aber in diesem Falle den Nachteil, dass keine wirklich konsistenten Charaktere entstehen können. Vieles bleibt schwammig und so unklar, dass selbst die im Anhang gedruckten kurzen Figurenbiographien keine Besserung mehr eintreten lassen. Die Formvollendung, wie man so schön sagt, gereicht hier leider zum Nachteil.

Umso mehr dagegen vermag die Sprache zu begeistern: Ursula Ackrill zündet ein regelrechtes Feuerwerk an schillernden Adjektiven, verschrobenen Verben und seltsam unverblümter Formulierungen. Auch die deutsche Sprache, so wirkt es, ist in Siebenbürgen eine etwas andere, mit charmanten Eigenheiten ausgestattete.


“Der Wind schwärmt Schneeflocken an ihr Fenster. Sie rieseln vorbei. Aus ihrem Hof hatte sie den Berg nicht sehen können, nur das Bergelchen davor. Er steckte in der Wolke, die nun über Zeiden hinwegrollt. Leontine steht in ihrer Küche im Morgenrock, wollbestrumpft und gestiefelt, die Tür weit geöffnet, und wendet eine pfannevoll Fischteile.”

“Zeiden, im Januar” ist ein im Historischen fundiertes, im Alltäglichen präzises Werk von bisweilen rauschhafter Formulierlust und spürbarer Hingabe an die Aufarbeitung seines Themas. Dass es hinsichtlich der Porträtierung seiner Charaktere etwas blass und aufgrund seiner Form verwirrlich bleibt, sei ihm verziehen. Die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse ist überraschend, aber nicht unverdient: Mit Ursula Ackrill empfangen wir eine einzigartige neue Stimme in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.


Andere Stimmen zum Buch:

Andere Bücher zum Thema:

Ursula Ackrill ist nicht die erste Autorin, die sich der Geschichte der Siebenbürger Sachsen – insbesondere in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg – literarisch annimmt. Erwähnenswerte Vorgänger sind etwa: “Wenn die Adler kommen” von Hans Bergel (1996),  “Der geköpfte Hahn” von Eginald Schlattner (1998), “Capesius, der Auschwitzapotheker” von Dieter Schlesak (2006) , beruhend auf einer wahren Geschichte, oder der Erzählband “Die Wildgans”, wiederum von Siebenbürgens wohl bekanntester Stimme Hans Bergel (2011).

Ackrill, Ursula. Zeiden, im Januar. Berlin: Wagenbach 2015. 256 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8031-3268-0

Zürcher Streifzüge (3): Das Reich des roten Büchernarren

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Dringt man vom Zähringerplatz, der von den prächtigen Bauten der Zentralbibliothek und der Predigerkirche dominiert wird, in das Gassengewirr der Zürcher Altstadt ein, stösst man nach wenigen Schritten bereits auf die verwinkelte kleine Froschaugasse. Benannt nach Zürichs erstem Buchdrucker Christoph Froschauer (1490-1564), der unter anderem Zwinglis Bibel druckte und aus dessen Geschäft viel später der Verlag Orell-Füssli – heute Zürichs grösste Buchhandlung – hervorging, trägt die Gasse eine eng mit Büchern verbundene Tradition bereits im Namen.

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Ein buntes Gemisch aus Geschäften säumt die Gasse. Boutiquen, Galerien, kleine Restaurants, ein Gravieratelier, ein Instrumentenbauer, ein Antiquariat, ein Comicbuchladen,… Viele der mittelalterlichen, im Glanze streng gehüteter alter Geheimnisse aneinandergereihten Häuser sind mit den blauen Tafeln behängt, die in Zürich denkmalgeschützte Gebäude kennzeichnen. So auch das Haus Kerzenstock an der Froschaugasse 7, das seit dem 13. Jahrhundert existiert. Eine zweite Tafel ist hier angebracht, weiss und unscheinbar: Sie erinnert an Theo und Amalie Pinkus-De Sassi, die hier 40 Jahre lang (1957-1997) eine Buchhandlung geführt haben. Und mehr als nur das…

 Wer waren diese beiden Leute, deren Wirken das literarische Zürich so lange geprägt hat?

Theo Pinkus, geboren im August 1909 als Sohn von Felix Pinkus und Else Flatau, kurz nachdem diese von Breslau in die Schweiz emigriert waren. Felix kam als Dramaturg, wurde Journalist und ging letztlich als Bankier bankrott. Immer geblieben ist er Zionist: Als Sekretär von Theodor Herzl hatte er 1903 am 6. Zionistenkongress in Basel teilgenommen – seinen Sohn hat er später nach eben diesem Herzl Theo genannt. Theo Pinkus und seine Schwester Miriam wuchsen in einem lebhaften Elternhaus an den Hängen des Zürichbergs auf, an der Susenbergstrasse bauten die Eltern die Villa “Kristall”, so unterschiedliche Figuren wie der spätere israelische Präsident Chaim Weizmann und die deutsche Dichterin Else Lasker-Schüler gingen hier ein und aus.

Früh entdeckt Theo sowohl seine Liebe zu Büchern wie auch diejenige zum Kommunismus. 1926 notiert er in sein Tagebuch, er habe nun 782 Bücher, nachdem er sich Monate zuvor dazu ermahnt hatte, seine “Büchermanie” zügeln zu müssen. Aus dem selben Jahr stammt auch eine Bemerkung zur Lektüre des Kommunistischen Manifests. Er hält fest: “Es ist alles richtig.” 

Buchhändler und Verleger will er werden, es ist das “einzige, wofür ich Gedächtnis und Freude habe.” Nach bestandener Matura an der Privatschule Minerva geht er 1927 als Lehrling nach Berlin zu Ernst Rowohlt. Hier knüpft er Kontakte, die ihm viel später in seinen Beziehungen zur DDR von grosser Wichtigkeit sein werden: Den erst 14jährigen Willi Stoph etwa lernt er hier kennen, der ihm später ein DDR-Dauervisum beschaffen wird. Ab 1930 arbeitet Theo im Internationalen Arbeiterverlag und im Neuen Deutschen Verlag bei Willi Münzenberg. Sein kommunistisches Engagement bereitet ihm bald schon Schwierigkeiten: 1933 wird seine Wohnung durchsucht, er braucht einen Pass. Auf der Schweizer Botschaft wird ihm gesagt, das sei “ein bisschen viel auf einmal, Kommunist, Jude, Ausländer und kein Pass (…) reisen Sie ab.”

Er kehrt nach Zürich zurück, seine Mutter sendet ihm Kisten mit seinen in den Berliner Jahren angehäuften Büchern nach: 1800 an der Zahl. Sie bilden den Grundstock für seine Bibliothek.

In der Schweiz setzt Pinkus sein Engagement fort, arbeitet für die kommunistische Nachrichtenagentur RUNA, tritt der Kommunistischen Partei bei, aus der er jedoch 1943 ausgeschlossen wird. 1934 bereits lernt er Amalie De Sassi kennen, Tochter eines Tessiner Marroniverkäufers und einer Näherin, mit 16 Jahren bereits Vollwaise, über eine 1.Mai-Demo in das kommunistische Umfeld geraten, 1931 der Internationalen Arbeiterhilfe beigetreten, für die sie als Touristin getarnt Briefe an italienische Arbeiter über die Grenze schmuggelte. Sie heiraten 1939, haben gemeinsam drei Söhne.

1940 gründet Theo den Büchersuchdienst zur Auffindung antiquarischer Bücher, die nicht mehr über Verlage vermittelt werden. Gemeinsam mit seinen Helfern, bald auch mit Amalie, durchforstet er Keller und Dachstöcke der Antiquariate, bearbeitet dutzende von Suchlisten von Privatpersonen und Händlern. Auch nach Kriegsende verliert der Service nicht an Popularität, erlebt mit Gründung der DDR 1949 gar nochmals einen Aufschwung.

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Froschaugasse 7: Das Pinkus-Haus 1957-1997.

1955 gründet das Ehepaar an der Predigergasse eine Sortimentsbuchhandlung, insbesondere für DDR-Bücher. Aufgrund eines anti-kommunistischen Umschwungs in der Schweiz, ausgelöst durch die tausenden von Ungarn-Flüchtlingen, die nach 1956 ins Land kamen, verliert Pinkus dieses Ladenlokal jedoch bald wieder, kann sich nirgends mehr einmieten. Mit 30’000 Franken von einer Genossenschaft kauft er das Haus an der Froschaugasse, die Gewerkschaft VHTL (Verband der Handels-, Transport- und Lebensmittelarbeiter) übernimmt die Hypotheken. Der Hauskauf stand im Widerspruch zum kommunistischen Weltbild, war aber notwendig. Ab 1957 führen Theo und Amalie hier ihr Antiquariat und oben ihre Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung. 1971 wird diese in eine Stiftung umgewandelt, Theo vermacht dieser auch gleiche die Firma (17 Angestellte), die Bibliothek (12’000 Bände) und das Haus, das inzwischen eine enorme Wertsteigerung erfahren hatte. Einer von Pinkus’ Söhnen, so um sein Erbe gebracht, klagte den Vater wegen dieser Selbstenteignung gar ein.

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Herbert Marcuse – Max Frisch – Theo Pinkus (Quelle: srf.ch)

Im selben Jahr errichtet das Ehepaar auch das Ferien- und Begegnungszentrum Salecina auf dem Malojapass, das sich bald zu einem “politischen Mekka der linken Intelligenzia” entwickelte und, in anderer Form, noch heute existiert. 2009 drehten Rahel Holenstein und Reto Padrutt einen Dokumentarfilm über die Entstehung und Wandlung der Institution: “Von der Weltrevolution zur Alpenpension?”

In den Siebzigerjahren arbeitet Pinkus mit Studenten an einer Ausstellung und einem Dokumentationsband zur Geschichte der Schweizerischen Arbeiterbewegung. Weil die Verlagssuche erfolglos verläuft, wurde kurzerhand ein eigener, genossenschaftlich getragener Verlag ins Leben gerufen: der Limmat-Verlag.

Nach seinem Tod 1991 nannte ihn der Spiegel ein “Zürcher Unikum”, Wolfgang Jean Stock betitelte seinen Nachruf in der Süddeutschen Zeitung: “Der rote Büchernarr”. Theo Pinkus: der Bücherliebhaber, der Querdenker. Als “transnationaler Netzwerker” mit einer “Unzahl verdächtiger Kontakte in beinahe alle politischen Lager” wurde er stets beobachtet. In der Schweizer Staatsschutzkartei wurden 257 “Fichen” über ihn angelegt, nach seinem Tod erhielt Amalie 160 Aktenseiten der Stasi Leipzig, die unter dem Stichwort “Verschwörer” einen einzigen Besuch Theos an der Leipziger Buchmesse dokumentieren.

Amalie und Theo Pinkus haben “durch ihr praktisches Wirken die Idee der Selbstverwaltung verfolgt und einen Beitrag zur Entwicklung der Zivilgesellschaft mündiger Bürger und Bürgerinnen geleistet”, wie es in der Beschreibung eines nach dem Ehepaar benannten Kulturpreises heisst. Ihr gelebtes Ideal ist ein bewundernswerter, faszinierender und in Form des Limmat-Verlags und der Studienbibliothek, deren 50’000 Bände 2001 der Zentralbibliothek geschenkt wurden, nach wie vor bereichernder Teil des literarischen Zürich.

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Amalie & Theo Pinkus in ihrem Arbeitszimmer. (Bildquelle: http://masis2012.beepworld.de/thema1.htm)


Die Texte sind zitiert nach der Biographie “Amalie und Theo Pinkus-De Sassi: Leben im Widerspruch” von Rudolf M. Lüscher und Werner Schweizer, erschienen 1987 bzw. ergänzt 1994 im Limmat-Verlag, sowie nach der Erinnerungsschrift “Erinnern und ermutigen. Hommage an Theo Pinkus”, 1992 im Rotpunktverlag. Weitere Informationen wurden bezogen auf der Website der Stiftung Studienbibliothek.

Rezension: Alba Arikha – Wörterbuch einer verlorenen Welt (Berlin-Verlag 2014 [2011])

In ihrem autobiographischen “Wörterbuch einer verlorenen Welt” (Original: “Major/Minor”, 2011) spürt die Autorin Alba Arikha den Jahren ihrer Adoleszenz im Paris der frühen Achtzigerjahre nach. Diese Szenen von Freiheit, Rebellion, ersten Küssen und lauten Streitereien wechseln sich ab mit Erzählungen aus der traumatischen Vergangenheit ihrer jüdischen Familie während des Zweiten Weltkriegs.

Alba Arikha wuchs im Paris der Achtzigerjahre als Tochter der (erfolglosen) Dichterin Anne Atik und des Malers Avigdor ‘Vigo’ Arikha auf, ihr Patenonkel war Samuel Beckett. Die Familie hat wenig Geld, lebt in von Mäzenen bezahlten Wohnungen ein intellektuelles Künstlerleben. Von frühester Kindheit an werden Alba und ihre Schwester Noga mit den Tücken der Armut konfrontiert:

“Grundsätzlich weiss ich es. Dass mein Vater ein grosses Talent hat, mit dem er nicht alle unsere Rechnungen bezahlen kann. Also eilen wohlhabende Menschen, die an ihn glauben, zu unserer Rettung herbei: Das ist okay. Talent ist selten, Geld ist weit verbreitet.”

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Titel: Wörterbuch einer verlorenen Welt
Original: Major/Minor
Autorin: Alba Arikha
Übersetzung: Friederike Meltendorf
ISBN: 978-3-8270-1102-2
Umfang: 256 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Die Kindheit und Adoleszenz Albas ist geprägt von diesem künstlerischen, idealistischen Umfeld. Insbesondere der Vater, Avigdor, dem dieses Buch gewidmet ist und der als Albas Antipode erscheint, ist bemüht, seine Grundsätze von künstlerischer Reinheit zu vermitteln. Er ist jähzornig, “predigt, wenn er spricht”, ein intellektueller Snob, der alle Errungenschaften der 1968er-Bewegung verachtet und dessen “Herumgekasper” wenn es um ‘richtige’ und ‘falsche’ Musik geht, einer Teenagerin gehörig gegen den Strich geht.

Alba flüchtet sich aus der vormodernen Welt ihres Vaters in Bücher (“Ich verliere mich im Leben anderer”) und in der modernen, von Amerika und England her kommenden Subkulturen, von denen vorwiegend der Punk zum grossen Thema wird.

Im Gegensatz zu Avigdor, der sagt “Wir Juden gehören nur zu unserer Geschichte”, ist Jüdin zu sein für Alba “nur ein Detail”, sie will sich nicht über die Religion, sondern über die Kultur definieren. Die Beschreibungen alltäglicher Scherereien, die die Adoleszenz für eine junge Frau mit sich bringt – Diskussionen über Kleider, Drogen, Musik, Männer – werden ausgespielt gegen die immer wieder abbrechenden Erzählungen von Avigdor und seiner Mutter Pepi aus dem Zweiten Weltkrieg. Im Gegensatz zu Alba nämlich hat Avigdor keine Jugend gehabt. Halb erfroren im jüdischen Ghetto von Mogilew-Podolski hat er den Krieg dank eines Unternehmers überlebt, der mit den Deutschen ein Recht zur Beschäftigung jüdischer Metallarbeiter aushandeln konnte. Schliesslich erlaubte ein ähnlicher Deal ihm und seiner Schwester Elena die Flucht nach Jerusalem – Mutter Pepi musste im kommunistischen Rumänien verharren und sah ihre Kinder erst 1957 wieder.

Vor dem Hintergrund dieser existenbedrohenden Erlebnisse erscheinen die Höhen und Tiefen von Albas Adoleszenz trivial: Wenn die Teenagerin bei einem gemeinsamen Kleiderkauf mit der Mutter wie wild um neue Schuhe bettelt, die sie gar nicht braucht, erscheint dies vor dem Hintergrund der Geschichte von den hungernden Juden im Ghetto vergleicht, die bisweilen ihre letzten Schuhe für ein Brot hergaben und sich danach mit erfrorenen Füssen durch die Strassen schleppen mussten, geradezu dekadent.

Nichtsdestotrotz gelingt es Alba Arikha die richtigen Perspektiven zu haben, so dass sowohl ein eindrücklicher Bericht über die Zustände während des Zweiten Weltkriegs als auch eine einfühlsame Erzählung über eine Pariser Jugend in den Achtzigerjahren entsteht. Die Jugend von Alba mit all ihren Höhen und Tiefen – oder, um dem Originaltitel gerecht zu werden, all ihrem Dur und Moll – wird empathisch, mit grosser Hingabe nacherzählt, während die Erzählungen von Pepi, Avigdor und anderen Familienmitgliedern mit grossem Respekt und glaubhaftem Willen zum Verstehen der eigenen Geschichte eingebettet sind. Alba Arikha hat sich mit dem “Wörterbuch der verlorenen Welt” erfolgreich ihrer eigenen Vergangenheit wieder angenähert und versucht, die Geschichte ihrer Familie aufzuarbeiten, zu verstehen, woher sie kommt. Die prägnanten, klaren Sätze und die szenische, episodenhafte Gliederung des Buches in eine lose Ansammlung von Über- und Unterkapiteln werden dem Erzählten als Form dabei sehr gerecht, widerspiegeln die nur allzu oft (scheinbar) zufällige Struktur der Erinnerung.