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Aufruf zum Widerstand: Ignazio Silone – Wein und Brot (1936/1955)

Ignazio Silones Roman “Wein und Brot” darf zweifellos zu den wichtigsten literarischen Dokumenten gezählt werden, die während des Zweiten Weltkriegs von Autoren im Schweizer Exil verfasst wurden. Der Text ist Überbringer einer mal mehr mal weniger durch das Kostüm des Abenteuerromans verschleierten moralisch-politischen Botschaft; ein von berückenden Landschaftsbildern gerahmter Aufruf zum Widerstand.

Zum Autor: Ignazio Silone kam am 1. Mai 1900 im kleinen Ort Pescina in den Abruzzen als Secondino Tranquilli zur Welt. Das Erdbeben von Avezzano am 13. Januar 1915 zerstörte seine Familie: lediglich er und sein kleiner Bruder Romolo überlebten, Mutter und fünf Geschwister kamen ums Leben. Zwei Jahre später traf er eine folgenreiche politische Entscheidung: er trat der sozialistischen Jugend bei. 1921 war er an der Gründung der kommunistischen Partei Italiens beteiligt. Noch im selben Jahr bereiste er erstmals Moskau; 1927 war er an der Kominternsitzung beteiligt, an der die Liquidierung Trotzkis beschlossen wurde. “Einstimmig”, wie es später hiess, obschon Silone – als Einziger – Einwände gehabt hatte. So geriet er erstmals auf Konfrontationskurs mit der Partei. Und genauso wie Ignazio Silone, der in einem Priesterseminar erzogen worden war, sich einst von der Kirche abgewandt hatte, wandte er sich nun von der Partei ab – er konnte seine Ansichten nicht mehr mit den Widersprüchen der kommunistischen Doktrin vereinbaren.

In den frühen Dreissigerjahren wurde Silone zu einer prominenten Figur in den Zürcher Emigrantenkreisen. Er war in die Schweiz gelangt als von Mussolinis Häschern, auf faschistischen Fahndungslisten geführter und gleichsam als von der kommunistischen Partei exkommunizierter Flüchtling. Später, nach seiner Rückkehr ins befreite Rom 1944 und seiner endgültigen Abwendung von jeder Form institutioneller Politik, wird er sich als “Sozialisten ohne Partei und Christ ohne Kirche” bezeichnen.

Während der Zeit der faschistischen Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs verblieb Silone in der Schweiz, wo unter dem Eindruck der faschistischen Besetzung Abessiniens und der von Stalin inszenierten Moskauer Prozesse 1936 der Roman “Brot und Wein” entstand, der 1955 vom Autor nochmals überarbeitet und in der neuen Fassung unter dem Titel “Wein und Brot” wiederveröffentlicht wurde. Wie Silone im Nachwort der überarbeiteten Ausgabe schreibt, war es einerseits die Scham für die Kriegsbegeisterung vieler Italiener, die Gleichgültigkeit der grossen Mehrheit der Bevölkerung und die Ohnmacht der Antifaschisten, andererseits “das Entsetzen und der Ekel darüber, dass ich in meiner Jugend einem Revolutionsideal gedient hatte, dass in seiner stalinistischen Form nichts anderes war als – so schrieb ich damals – “roter Faschismus.””, die ihm als Antrieb beim Verfassen von “Brot und Wein” dienten.

In anderen im Zürcher Exil entstandenen Schriften fand er ungleich härtere Worte. In “Die Schule der Diktatoren” (1938) etwa heisst es: “Die wissenschaftlich genaueste Definition des Faschismus ist vielleicht diese: der Faschismus ist die Margarine des Geisteslebens. In einer Epoche von so ausgesprochener geistigen Verblödung, wie der unseren, ersetzt der Faschismus die Wahrhaftigkeit des Denkens, die traditionelle Religion, die authentische Kunst, die Gewissensfreiheit.” (Zitat in Werner Mittenzwei: Exil in der Schweiz, 1978).

Der Schriftsteller R.J. Humm, in dessen Salon Silone Stammgast war schrieb über Silone: “Er war immer von Kopf bis Fuss ein Römer, oder viel mehr ein Samnite, der ein Römer geblieben war, während die anderen Römer Hampelmänner geworden.” (R.J. Humm: Bei uns im Rabenhaus)

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Der Roman “Wein und Brot” – ich beziehe mich auf di Überarbeitung von 1955 – trägt deutlich autobiographische Züge. Im Mittelpunkt der Handlung steht der junge sozialistische Revolutionär Pietro Spina, der vor Mussolinis Schergen ins Ausland flüchten musste, dort aber nicht leben konnte und in einem Nacht-und-Nebel-Unterfangen wieder in die feindliche Heimat zurückkehrt. Ehemalige Freunde helfen ihm, sich zu verstecken. Spina schlüpft in die Identität des Priesters Don Paolo – gerade er, der mit der Kirche gebrochen hat – und versteckt sich im abgelegenen, von Naturkatastrophen geplagten Bergdorf Pietrasecca in den Abruzzen. Zur Untätigkeit verdammt und geplagt von einer schweren Lungenkrankheit (auch dies autobiographisch), nähert sich der Revolutionär Spina, im Kostüm des Pfarrers, einer gottesfürchtigen Dorfbevölkerung.

Deren Kern bilden die cafoni, die armen Bauern, von denen Spina zunächst aber, weil ihn seine Krankheit ans Bett fesselt, nicht viel mitbekommt. Es sind die Frauen, die er zuerst kennenlernt: seine Gastgeberin, die Wirtin Malatenta, die bald eine gefährliche Obsession für “ihren” Priester entwickelt und ihn mithilfe einer umtriebigen Kräuterfrau quasi zum Verbleib im Dorf hexen will; Bianchina, ein Mädchen aus dem Nachbardorf, die fest davon überzeugt ist, Don Paolo sei ein Heiliger, der ihr das Leben gerettet habe; Cristina, die unschuldige Tochter des ehemaligen reichsten Mannes im Dorfe, dessen Existenz nun jedoch gefährdet ist.

Im Nachwort zur überarbeiteten Ausgabe schreibt Ignazio Silone: “Was schliesslich den Stil betrifft, so erscheint es mir als höchste Weisheit, beim Erzählen einfach zu sein.” Es ist diese einfache Sprache – stilistisch wird Silone oft dem Neorealismus zugeordnet – , die die Menschen und Gedanken des Dorfes Pietrasecca lebhaft werden lässt. Eindrücklich sind manche Passagen, in denen sich die Dialoge zwischen dem im Priestergewand gefangenen Spina – Lebensmotto: “Man darf nicht in Erwartung leben. […] Man muss handeln. Man muss sagen: Genug. Ab heute.” – und den resignierten, abgearbeiteten Bauern entspinnen, deren Kernsatz lautet: “Die Dinge nehmen ihren Lauf. […] Wie das Wasser des Flusses. Es nützt nichts, dass man sie versteht.”

Silone lässt seine politische Botschaft, die Aufforderung zum Widerstand, unmissverständlich und nicht zu knapp in den Text einfliessen. Aus einer literarischen Perspektive mag das bisweilen als etwas “zu viel des Guten” erscheinen, als stilistische Unsauberkeit, inhaltlich jedoch ergibt es Sinn: die häufigen Nachfragen, die unablässigen Bemühungen, mit allen irgendwie verfügbaren Mitteln den Kampf wieder aufzunehmen, die Rastlosigkeit – es sind alles Weckrufe gegen die Lethargie derer, die das Denken eingestellt haben oder es sich vermeintlich nicht leisten können; es sind Fanale für den Widerstand in bedrängter Zeit.

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Grosse Teile des Werks von Ignazio Silone sind auf Deutsch bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Eine weitere Blog-Rezension des Romans findet sich auf Sätze & Schätze (2014).

 

 

Rezension: Patrick Hohmann – Werenbachs Uhr (Bilgerverlag, 2015)

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An Unternehmen wird heutzutage gerne der Anspruch gestellt, auch als Geschichtenerzähler agieren zu können. Stichwort “Storytelling”, Stichwort “Content Marketing”. Produkte sollen in Narrative eingebunden werden, die bei der Zielgruppe möglichst positive emotionale Reaktionen hervorrufen. Warum diesen Gedanken nicht auf die Spitze treiben?, mag sich der Zürcher Unternehmer und Autor Patrick Hohmann gedacht haben – und hat gleich einen ganzen Roman über die bewegte Entstehungsgeschichte des Produktes geschrieben, das er vertreibt:

“Werenbachs Uhr” ist ein Griff in die unternehmerische Trickkiste, der durchaus auch auf literarischer Ebene zu überzeugen vermag.

Am Anfang steht ein dramaturgischer Kniff: Aus WERENBACH, dem Namen seiner Firma, macht Patrick Hohmann in seinem Roman einen Menschen, den besten Freund des Ich-Erzählers. Damit erhebt er sich von Beginn weg über das reine Marketing-Storytelling, betritt die Welt literarischer Fiktion.

In dieser entpuppt sich besagter Werenbach als ein etwa vierzigjähriger Marketingmensch, der sich von spontanen Eingebungen leiten lässt und alles meidet, “was ihn in irgendeiner Form seiner Freiheit berauben könnte”. Seine neueste (Schnaps)idee: eine Uhr aus alten Raketenteilen. Eine Uhr mit Geschichte, eine Uhr, deren Material einst im Weltall geflogen ist!

Ohne Rücksicht auf Verluste zieht er den Erzähler samt dessen Frau Mara, die Werenbach häufig als Störenfried in den eigenen vier Wänden wahrnimmt, in sein Abenteuer mit hinein. Der grösste Teil des Buches dreht sich um die konfliktreiche Materialbeschaffung, die Werenbach und seinen besten Freund ins ferne Kasachstan führt, wo sie sich einer fremden Verhandlungs-, Verkaufs- und Gastgeberkultur gegenübersehen. Angewiesen auf Mittelsmänner und -frauen, versuchen die beiden angehenden Uhrenhersteller, an die Wrackteile einer alten Sojus-Rakete zu gelangen und deren Transport in die Schweiz zu organisieren. Extreme Wetterbedingungen, sprachliche Pattsituationen, unwirtliche Unterkünfte und lange Busfahrten kommen in die Quere. Werenbach ist jederzeit hin- und hergerissen zwischen akuter Zeit- und Geldknappheit und seiner unbändigen Lust, ein Abenteuer zu erleben.

“Werenbachs Uhr” ist die unterhaltsame Geschichte einer strapazierten Freundschaft und gleichzeitig das Manifest eines entschlossenen Unternehmers, der im Überwinden scheinbar unüberwindbarer Barrieren seine grösste Herausforderung sieht.

Auch wenn der Roman nicht zu jeder Zeit stilsicher verfährt, auch wenn plotarme Zwischenräume etwas penetrant mit ständigen Beschreibungen von Leuten beim Essen gefüllt werden, ist der Kern der Sache – die Geschichte des Produktes eben – doch inspirierend und in eine lustvoll erzählte Romanhandlung eingebettet. “Werenbachs Uhr” kann letztlich als eine gelungene Symbiose von Literatur und Marketing bezeichnet werden – ist hiermit ein neues Genre geboren?

Hohmann, Patrick. Werenbachs Uhr. Zürich: Bilgerverlag, 2015. 291 S., gebunden m. Lesebändchen. 978-3-03762-052-6

Zürcher Streifzüge (10): Mars regiert die Stunde

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Wer dieser Tage Literatur und Zürich denkt, wird unweigerlich mit Ausserirdischem konfrontiert: Seit einiger Zeit betreibt Philipp Theisohn mit seinem Team an der Universität Zürich das Forschungsprojekt “Conditio Extraterrestris – Das bewohnte Weltall als literarischer Imaginations- und Kommunikationsraum 1600-2000”. Neben Seminaren, Podiumsdiskussionen, Lesungen und momentan zwei Dissertationsprojekten, findet im Rahmen von Theisohns Forschung dieses Semester auch ein MOOC (Massive Open Online Course) unter dem Titel “Spacebooks” statt.

Es ist erfreulich zu sehen, dass gerade eine Zweigstelle der hin und wieder als altmodisch verschrienen Literaturwissenschaften sich an dieser fortschrittlichen Form der Lehre beteiligt. Zumal es nicht die einzige ist: Auch die Nordistik hatte früher in diesem Jahr mit “Sagas and Space – Thinking Space in Viking Age and Medieval Scandinavia” bereits ein ähnlich zu verortendes Programm als MOOC angeboten.

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Philipp Theisohn, der sich zuletzt auch für Die Zeit zum Thema äussern konnte, hat nun den Orbit der Universität für ein weiteres spannendes Projekt verlassen: Gemeinsam mit Gesa Schneider vom Zürcher Literaturhaus, das als Teil des Vereins “Literaturmuseum Zürich” die Trägerschaft des Museum Strauhof übernommen hat, Rémi Jaccard und den Szenografen SchmauderRohr wurde eine Ausstellung inszeniert: “Mars – Literatur im All”.

Die öffentliche Vernissage findet morgen Abend, den 25.09.2015, um 19 Uhr im Museum Strauhof an der Bärengasse statt. Regulär ist die Ausstellung ab dem 26.09. zugänglich. Stadtpräsidentin Corinne Mauch wird ein Grusswort ausrichten, sprechen wird unter anderen auch der Schriftsteller Lukas Bärfuss, der der Trägerschaft angehört.

Diverse spannende Veranstaltungen ergänzen die Ausstellung, die bis zum 3. Januar 2016 zu sehen sein wird, als Rahmenprogramm. Hierzu die Medieninformation:

“Führungen, Lesungen und Filmabende zum Mars umrahmen die Ausstellung. Am 12. November besucht das Institute of Incoherent Cinematography den Strauhof mit Himmelskibet, der 1918 als erster abendfüllender Weltraumfilm der Filmgeschichte erschien. Das Forschungsprojekt Conditio extraterrestris präsentiert erstmals die Spacebooks, für den Massive Open Online Course produzierte Lernvideos, die sich mit dem Mars in der Literatur befassen. Im Rahmen dieser öffentlichen Lehrveranstaltung im Strauhof können Thesen zur Marsmanie des digitalen Zeitalters mit Experten für alles Ausserirdische diskutiert werden.

An neun Abenden im Herbst rauscht die Strauhof-Raumkapsel mit einem Mars-Klassiker ins All: Schauspieler und Schauspielerinnen, u.a. Lara Körte, Thomas Sarbacher oder Esther Becker, lesen Ray Bradburys Werk Die Mars-Chroniken. Radio Stadtfilter sendet die Aufzeichnungen am jeweils folgenden Dienstagabend. Ausser Haus zeigt das Filmpodium im Oktober zwei Filmadaptionen von H.G. Wells’ Kultbuch The War of the Worlds. Und am 15. Oktober findet in der Sternwarte Urania eine Spezialführung zum Thema Mars statt.”

In der Ausstellung werden neben literarischen Objekten auch einige Stummfilme aus den 1910er- und 1920er-Jahren zu sehen sein, die die Reise zum Mars zeigen. Unter den ausgestellten Objekten sei an dieser Stelle die Erstausgabe von Johannes Keplers “Astronomia Nova” (1609) hervorgehoben, die bisher noch nie in Zürich zu sehen war.

Mit multimedialem Zugang, spannenden Partnerschaften – dank des Projekts “Flex” der Migros bleibt das Museum jeweils donnerstags bis Mitternacht geöffnet! – und fachverständiger Kuratierung belebt das Projekt die herbstliche Zürcher Landschaft ungemein. Bleibt zu hoffen, dass die öffentliche Begeisterung und ein grosser Besucheransturm nicht ausbleiben werden!

Zürcher Streifzüge (9): He sucked a sad poem right out of America

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1955, mitten im Kalten Krieg. Ein Schweizer Jude fährt mit einem zerbeulten Auto durch die Ödnis der amerikanischen Südstaaten und fotografiert alles, was ihm vor die Augen kommt. Für die Obrigkeiten einer Kleinstadt in Arkansas mehr als Grund genug, den Mann aus dem Verkehr zu ziehen, der Spionage zu verdächtigen und ins Gefängnis zu stecken. Dass der seit 1947 in New York wohnhafte Europäer die Staaten dank eines Guggenheim-Stipendiums bereisen kann, macht ihn für die Südstaatler nur noch verdächtiger…

In diesem Streifzug soll für einmal nicht eine Persönlichkeit im Zentrum stehen, die in Zürich wirkte, sondern ein gebürtiger Zürcher, der hier seine Ausbildung genoss, um dann auszuziehen und zu einem Künstler zu werden, der mit seiner Arbeit die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts massgebend prägte. Fotografie, Film, Musik und Literatur finden in seinen Werken zusammen. Er hat die Art und Weise verändert, wie die Welt auf Amerika und Amerika auf sich selbst blickt. Tauchen wir ein in das unschätzbare Schaffen des Robert Frank.

Robert Frank in den späten Fünfzigerjahren. Q: NYTimes

Robert Frank in den späten Fünfzigerjahren. Q: NYTimes

Am 9.11.1924 wird Robert Frank in Zürich als Sohn des deutschen Juden Hermann Frank, der nach dem Ersten Weltkrieg in die Schweiz geflüchtet war, und der Basler Unternehmertochter Regina Zucker geboren. Im Zürcher Engequartier verbringt er seine Schulzeit, besucht das Gabler- und das Lavater-Schulhaus, es folgen Lehrjahre als Fotograf in den Studios von Hermann Segesser und Michael Wolgensinger, ebenfalls in Zürich, danach weitere Stationen in Genf und Basel, ehe er sich 1947 via Mailand und Paris nach New York begibt.

In der neuen Heimat findet er zunächst Arbeit beim Magazin “Harper’s Bazaar”, das er wegen seiner strikten kommerziellen Ausrichtung schnell wieder verlässt. Er wird Autorenfotograf, bereist unter anderem Wales, Spanien, Peru und Bolivien für seine Reportagen, die z.B. in “Life” erscheinen. 1950 heiratet er Mary Lockspeiser, mit der er zwei Kinder Pablo (1951-1995) und Andrea (1954-1974) hat.

1955 dann das Stipendium der Guggenheim Foundation, das ihm erlaubt, das Land zu bereisen. Nicht weniger als 28’000 Fotografien verfertigt er im Laufe dieser Roadtrips, die Erinnerungen an Jack Kerouacs Roman “On The Road” wach werden lassen. Kerouacs Meisterwerk, basierend auf drei Reisen zwischen 1947 und 1950, war zu dieser Zeit bereits niedergeschrieben, aber noch nicht veröffentlicht worden. Der Autor war weiterhin unterwegs und begegnete dabei in New York 1957 nach einer Party – Robert Frank. Vielleicht war es für beide eine der letzten Nächte in Anonymität – Kerouacs Berühmtheit kam 1957, Franks 1958/59. Es begann eine fruchtbare Beziehung zwischen dem Fotografen und den Beat-Poeten, die Gefallen an den melancholisch-unkonventionellen Amerikabildern des Schweizers fanden.

Eine neue Bildsprache für Amerika: Beerdigung, St. Helena, South Carolina, 1955. Q: The Guardian

Eine neue Bildsprache für Amerika: Beerdigung, St. Helena, South Carolina, 1955. Q: The Guardian

1958 wählte Frank aus seinem enormen, während der Reise entstandenen Fundus 83 Aufnahmen aus und stellte sie für ein Buch zusammen, das zunächst in Frankreich unter dem Titel “Les Américains” erschien. Erst etwas mehr als ein Jahr später liess sich auch in den USA ein Verleger dafür finden. Die Reaktionen aber waren empört, die beiden Förderer, die Frank für das Guggenheim-Stipendium vorgeschlagen hatten, distanzierten sich von den Ergebnissen. Das Vorwort der Publikation schrieb Jack Kerouac. Darin heisst es:

“Anybody doesnt like these pitchers dont like potry, see? Anybody dont like potry go home see Television shots of big hatted cowboys being tolerated by kind horses. Robert Frank, Swiss, unobtrusive, nice, with that little camera that he raises and snaps with one hand he sucked a sad poem right out of America onto film, taking rank among the tragic poets of the world. To Robert Frank I now give this message: You got eyes.”

Das Amerika der späten Fünfzigerjahre, selbstgewiss, im Aufbruch, besessen von Autos, Staubsaugern, neuen Küchen, sorglosem Leben, wollte Franks Aufnahmen nicht sehen. Schon gar nicht von einem Ausländer wollte die Nation vor Augen geführt bekommen, wie es wirklich um sie stand. Die Reaktionen fielen überwiegend negativ aus – und Frank wandte sich dem Film zu.

1959 produzierte er gemeinsam mit Alfred Leslie den Kurzfilm “Pull My Daisy”, in welchem die Beatpoeten Allen Ginsberg, Gregory Corso und Peter Orlovsky zu sehen sind, ausserdem Larry Rivers, einer der Urväter der Pop Art, in einem seltenen Auftritt als Schauspieler. Die Szenen wurden geplant und gedreht, anschliessend mit einer improvisierten Narration von Jack Kerouac und jazzigen Musikeinsprengseln unterlegt, die das ekstatische Gefühl und die immer wieder betonte Spontaneität des Genres eindrücklich zum Leben erwecken.

Pull My Daisy from Altarwise on Vimeo.

1961 erschien ein weiterer Kurzfilm: “The Sin of Jesus”, die Verfilmung einer Kurzgeschichte von Isaac Babel, in der eine einsame Schwangere von Jesus zur sexuellen Befriedigung einen Engel zur Seite gestellt bekommt, diesen jedoch in der ersten Nacht schon erdrückt und so den Bruch mit Jesus herbeiführt… Wie “Pull My Daisy” kann der Film zu den frühen Dokumenten des sogenannten New American Cinema gezählt werden.

Viele der kurzen Filme, die Robert Frank in den Sechzigerjahren produziert, sind interessant, jedoch schwer fassbar, bisweilen richtig ungemütlich. “Conversations in Vermont” (1969) etwa zeigt den Vater Frank mit seinen beiden Kindern beim Ausmisten eines Pferdestalls und in anderen häuslichen Tätigkeiten. Frank fordert seine Kinder darin immer wieder auf, ihm Auskunft über seine Fehler und sein Versagen als Vater zu geben. Eine geradezu ungehobelte Offenlegung intimer familiärer Angelegenheiten, wie wir sie heutzutage etwa aus den so beliebten Büchern des Norwegers Karl Ove Knausgård kennen.

Im selben Jahr, 1969, erscheint auch der erste vollwertige Spielfilm von Frank: “Me And My Brother”. Die Erkundung der Beziehung zwischen Peter Orlovsky und seinem schizophrenen Bruder Julius, die beide bei Allen Ginsberg in der Wohnung leben. Mit diesem Film erschuf Frank einen bedeutenden Kommentar über die Meta-Ebenen des Films, eine neue Form zwischen Fiktion und Dokumentation (später manchmal Essayfilm genannt). Und nicht zuletzt – für alle Liebhaber der Filmtrivia – war es das Spielfilmdebüt des grossen Christopher Walken, der einen Regisseur für den Film im Film spielte.

Es war dies eine produktive Zeit für Frank, dessen vielleicht spannendstes Werk kurz bevorstand. Es ist zugleich eines, das – zumindest in Prä-Internetzeiten – fast niemand je gesehen hat: “Cocksucker Blues”.

Nachdem die englische Rockband The Rolling Stones 1969 an einem Konzert in Altamont eine Tragödie miterleben müssen, als der junge Afro-Amerikaner Meredith Hunter von einem Hell’s Angel erstochen wurde. Der Anlass gilt als symbolisches Ende der Hippie-Bewegung. Seither hatten die Stones die USA nicht mehr bereist. Für ihre Rückkehr 1972 wollten sie, wie sie es auch schon früher getan hatten, ein filmisches Begleitteam. Sie engagierten Robert Frank, die Tour zu filmen, gewährten ihm Zutritt zu allen Räumen, liessen ihn überall Kameras verteilen, so dass, wer auch immer Lust dazu verspürte, die Geschehnisse filmen konnte. Franks Fotografien zierten bereits die ikonische Rolling-Stones-LP “Exile On Main Street”, auf deren Cover ein Bild gezeigt wird, das er während des Roadtrips 1955 geschossen hatte: die von Bildern übersäte Wand eines Tattoostudios. Auf den Innenseiten befinden sich verschiedene Fotografien der Band selbst.

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Fotografien in der Fotografie: Das Cover von “Exile On Main Street”

“Cocksucker Blues” hätte Werbung sein sollen für die Band, eine schöne, wilde, romantische Rockdokumentation. Als die Band aber Franks Endergebnis – “Cocksucker Blues” – zu Gesicht bekam, verklagte sie den Filmer. Diese Aufnahmen sollte niemand sehen! Eine junge Frau sitzt auf dem Hotelbett und spritzt sich Heroin. Mick Jagger masturbiert. Ein Roadie hat mit einer widerwilligen jungen Frau Sex in einem Flugzeug. Kokain, Heroin, geschwollene Arme, zahnlose Münder. Die Bilder waren grauenhaft, ein Zeugnis des Schreckens und das definitive Argument gegen den Rock’n’Roll-Lifestyle. Einzig die Szene mit dem Sex im Flugzeug soll gestellt gewesen sein, sagt Frank später. Passenderweise fand der Film auch Eingang in Don DeLillos grosses Werk “Underworld”, eine Meilenstein amerikanischer Paranoia, in dem eine Sektion den Titel “Cocksucker Blues” trägt.

Vor Gericht wurde ein Kompromiss erreicht: Der Film durfte maximal viermal jährlich und ausschliesslich in Anwesenheiten des Regisseurs öffentlich gezeigt werden.

Fast zwanzig Jahre liegen zwischen der Entstehung von “The Americans” und der Verbannung von “Cocksucker Blues” – Robert Franks wichtigste Schaffensphase. Der nette, unauffällige Schweizer mit der kleinen Kamera hatte eigenhändig die Ikonographie einer Nation und die Formen einer Kunst in neue Dimensionen geführt. Er hat den American Way of Life dekonstruiert, Entfremdung und Unsicherheiten hinter den Fassaden offengelegt. Der Immigrant mit der Kamera hatte das Land seiner Adoption enttarnt, zuerst hat er dafür Hass, spät erst Anerkennung geerntet.

Persönliche Tragödien zeichneten sein Leben in der Folge: 1974 starb seine Tochter Andrea bei einem Flugzeugabsturz. Sein Freund Danny Seymour, der während der Dreharbeiten zu “Cocksucker Blues” dem Lockruf der Drogen gefolgt war, starb ebenfalls. Sohn Pablo wurde zu dieser Zeit zum ersten Mal mit Schizophrenie diagnostiziert. Er beging 1994, nach einem Leben, das von Drogensucht und Krankheit geprägt gewesen war, Suizid.

Robert Frank aber ist immer noch da. Heute 90jährig lebt er mit seiner zweiten Frau June Leaf, mit der er seit den Siebzigerjahren verheiratet ist, in Kanada. Ein Mann, dessen Einfluss auf die Kunst in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts unermesslich ist. In Zürich, dem Ort seiner Geburt und seiner Jugend, seiner Ausbildung und seiner Muttersprache, erinnert heute wenig an diesen grossen Künstler, auf den man doch eigentlich so stolz sein dürfte. Es ist zu hoffen, dass sich dies in Zukunft noch ändern wird…

 

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Der amerikanische Cowboy. Aus: The Americans, 1958. Quelle

Hier geht’s zu den weiteren Streifzügen.

Weiterführend:

Anlässlich der Ausstellung “Robert Frank: Storylines” in der Londoner Tate Modern Gallery ist 2005 der Dokumentarfilm “Leaving Home, Coming Home” entstanden, ein einmaliges Filmdokument, in welchem Robert Frank, der sonst praktisch nie Interviews gibt, intime Einblicke in sein Leben und Arbeiten gewährt:

Rezension: Harry Gmür – Am Stammtisch der Rebellen (Europa-Verlag, 2015)

Harry Gmür (1908-1979): Berner Grossbürgersohn, seit den Dreissigerjahren heimliches Mitglied der Kommunistischen Partei, Gründer der kulturpolitischen Zeitschrift “ABC”, Mitgründer der Partei der Arbeit, Filmverleiher, Alkoholabhängiger, ab 1958 Afrikakorrespondent der Ostberliner Weltbühne unter dem Pseudonym Stefan Miller, in der DDR verehrt, in der Heimat Schweiz jahrzehntelang von der Polizei bespitzelt. – Ein bewegtes, facettenreiches Leben, von dem der Nachwelt nicht nur unzählige Reportagen und politische Kommentare, sondern auch ein umfangreiches Romanmanuskript hinterlassen sind.
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Vor kurzem ist es im Zürcher Europa-Verlag erstmals veröffentlicht worden. “Am Stammtisch der Rebellen” ist als Zeitdokument so unschätzbar wie es als literarisches Zeugnis manchmal ermüdend ist.

Der Text, geschrieben in den Fünfzigerjahren, folgt zunächst dem Maler Alfred Esch. Er ist begeistertes Gewerkschaftsmitglied und bereit, sich mit Leib und Seele einem anstehenden Streik seiner Zunft hinzugeben. Als Schwiegersohn seines Meisters, des arroganten skrupellosen Steinmeyer, steht ihm dies eigentlich nicht zu, doch hält Alfred seine Ideale höher als finanzielle Sicherheit. Er stürzt sich blindlings ins Abenteuer, verlässt Steinmeyers Schwiegertochter und steht bald ohne Frau, ohne Job und ohne Geld auf der Türschwelle seiner Liebschaft, der Prostituierten Doris Fontana.

Gemeinsam sitzen sie in den Trinkstuben der Altstadt, umgeben von alten Säufern, Huren, Revolutionären und Gauklern. Die deutlich antikommunistische Stimmung der Gesellschaft, der unbarmherzige Kampf der Frauen um Selbstbestimmung, das Leid der Armut können hier für einige Stunden ausgesperrt werden: Freiheit, Ewigkeit und Unverletzbarkeit stellen sich beim gemeinsamen Trinken ein.

Um sich und Alfred ein gutes Leben zu ermöglichen schläft Doris ein (angeblich) letztes Mal mit einem reichen früheren Freier. Alfred erträgt dies nicht und verlässt sie. Während an der Stadtgrenze Erna Steinmeyer die Rache an ihrem Mann plant und dieser selbst durch aggressives Verhalten gegenüber Streikbrechern in Schwierigkeiten gerät, schlägt Doris alte neue Wege ein.

“Die Fontana”, so lautete Gmürs Arbeitstitel für das Manuskript, und dies mit gutem Grund, rückt Doris Fontana nun doch endgültig in den Mittelpunkt. Ihr Wankelmut, ihre skrupellose Unbeständigkeit, ihr unverschämtes Verhalten stürzen sie selbst und all die Männer, die ihre Wege kreuzen und ihr verfallen, ins Verderben. Einerseits ist da der naive Millionärserbe Franz Hermann Weber, der sich hoffnungslos in Doris verliebt, ihr alles zu geben bereit ist, und dadurch zu ihrem bevorzugten Opfer wird. Andererseits trifft sie auf den flüchtigen Kriminellen René Falto, der (wieder einmal) ihre wahre Liebe zu sein scheint. Sie gelobt, mit ihm die Flucht ins Ausland, nach Paris, in ein neues Leben anzutreten…

Harry Gmürs Manuskript bietet tiefgreifende Einblicke in das Milieu der Fünfzigerjahre, in die Halbwelt von Prostitution, Alkoholismus, toten Seelen und echten Revolutionären. Der Autor beweist ein feines Gespür für skurrile, von einem Film der Melancholie umgebene Gestalten, deren äussere und innere Beschreibung er jeweils detailreich zelebriert. Gerade die Szenen in den Trinkstuben und jene aus der psychiatrischen Anstalt, in die es Alfred noch verschlägt, sind ausgezeichnet, in einer rauschhaften, der Situation angemessenen Sprache geschrieben. Sie fangen die Wut, die Verzweiflung und den Wunsch nach Freiheit und Gemeinschaft der Beteiligten perfekt ein.

Insgesamt wirkt der Text, so wertvoll er als Zeitdokument auch ist, jedoch gerade auf Grund seiner Sprache etwas ermüdend. Auf über 500 Seiten – von der Edition des Europa-Verlags sogar noch gekürzt – pflegt Gmür eine elaborierte, pathetische, aus heutiger Sicht aber reichlich fremd wirkende Sprache voller erhabener Formulierungen. Da wird der “Geist der Brüderschaft” beschworen, es wird geklagt und gejammert, Herzen klopfen, Hände werden ohnmächtig verworfen. Die Formulierungen sind bisweilen umständlich, wirken heute spröde und veraltet (“Etwas hatte sich jedenfalls geändert. Es war wohl vieles noch zu befürchten, doch durfte er immerhin wiederum hoffen, fähig zu sein, sie zurückzugewinnen.”)

Diese Umstände machen die Lektüre zuweilen etwas anstrengend. Jedoch können auch sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit der Erstveröffentlichung von Harry Gmürs Manuskript ein wichtiges historisches Dokument verfügbar gemacht wird, das wertvolle Einsichten in eine Welt gibt, die, obwohl nicht einmal hundert Jahre entfernt, extrem fremd scheint. Nicht zuletzt die Darstellung der Beziehungen zwischen Arbeitern und Meistern wirkt heute geradezu undenkbar, das revolutionäre Aufbegehren der Handwerker erscheint als einzig logische Konsequenz.

Gmür, Harry. Am Stammtisch der Rebellen. Zürich: Europa-Verlag 2015. 520 S., gebunden m. Schutzumschlag. ISBN 978-3-906272-24-5.


Wer sich für den Politiker und Publizisten Harry Gmür interessiert, dem sei die Biographie von Mario König und Markus Kügi empfohlen: “Harry Gmür – Bürger, Kommunist, Journalist”

Einblicke in das Milieu der Prostituierten in der Zürcher Altstadt, freilich einige Jahrzehnte später, gibt der kürzlich erschienen Lebensbericht der sog. Zora von Zürich, aufgezeichnet von Susanna Schwager: “Freudenfrau”

Zürcher Streifzüge (8): “Ein See, ein Berg und zwei Flüsse!”

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Nach langer, allzu langer Zeit wieder einmal ein Streifzug. Arbeit und Studium haben es mir in letzter Zeit verunmöglicht, längere Beiträge zu recherchieren. Hierfür möchte ich mich bei allen Lesern und Leserinnen, die sich auf meine angekündigte Regelmässigkeit verlassen haben, entschuldigen. Nun aber möglichst schnell hinein ins Getümmel der Zürcher Bahnhofstrasse. Wir schreiben das Jahr 1918….:

BAHNHOFSTRASSE

The eyes that mock me sign the way
Whereto I pass at eve of day,


Grey way whose violet signals are
The trysting and the twining star.


Ah star of evil! star of pain!
Highhearted youth comes not again


Nor old heart’s wisdom yet to know
The signs that mock me as I go.

Sechsunddreissig war er, als er während eines Spaziergangs entlang der Zürcher Bahnhofstrasse zum ersten Mal vom “star of evil” überfallen wurde, vom Grauen Star, jener Augenkrankheit, die ihn für den Rest seines Lebens in stete Sorge um sein Augenlicht versetzte. Und auch später immer wieder nach Zürich zurückführte.

James Joyce.

Kaum ein Autor des Zwanzigsten Jahrhunderts wurde so chirurgisch präzise analysiert, Wort für Wort und Schritt für Schritt seziert wie der Ire James Joyce (1882-1941). So ist es auch kaum verwunderlich, dass seine mehrfachen Aufenthalte in Zürich detailliert untersucht wurden. Die Landkarte der Innenstadt lässt sich mit einem ganzen Netz von Joyce-bezogenen Orten überziehen, ein mehrtägiger Aufenthalt in Zürich könnte einzig dazu verwendet werden, diese Erinnerungsorte aufzusuchen.  Man sehe selbst:

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Die Wohnorte: 1. Gasthaus Hoffnung, Reitergasse 16 (Oktober 1904 & Juni/Juli 1915), 2. Reinhardstrasse 7 (7. Juli – 15. Oktober 1915), 3. Kreuzstrasse 19 (15. Oktober 1915 – 31. März 1916), 4. Seefeldstrasse 54 (31. März 1916 – 30. Januar 1917), 5. Seefeldstrasse 73 (30. Januar – 12. Oktober 1917), 6. & 7. Universitätsstrasse 38 bzw. 29 (Januar 1918 – 15. Oktober 1919), 8. Hotel St. Gotthard (18.April – 15. Juni 1930 & 16. Juli – 13. August 1933), 9. Hotel Carlton Elite (7 Aufenthalte zw. 1930 und 1938), 10. Mühlebachstrasse 69 (17. Dezember 1940 – 10. Januar 1941).
Die Aufenthaltsorte: A. Cafe/Restaurant Pfauen, Heimplatz, B. Restaurant Augustiner, Augustinergasse 25, C. Zunfthaus zur Zimmerleuten, Limmatquai 40, D. Kronenhalle, Rämistrasse 4, E. Theatersaal Kaufleuten, Pelikanstrasse 18, F. Ehem. Augenklinik, Rämistrasse 73 (heute Kunsthist. Institut der Uni Zürich).

I. Ulysses: 1915-1919

Die wichtigste und meisterinnerte Zürcher Zeit von Joyce sind die Jahre des Ersten Weltkriegs. 1915 lebte Joyce bereits seit elf Jahren auf dem europäischen Festland, genauer in Triest. Mit seiner Frau Nora und den beiden Kindern George (*1905) und Lucia (*1907) verlässt er am 28. Juni das Exil, um sich ein neues zu suchen. Die Einreise in die Schweiz klappt problemlos, der erste Aufenthalt in Zürich – im selben Gasthof wie bereits 1904! – wirkt scheinbar zufällig. “Weil es die erste grössere Stadt nach der Grenze war”, schreibt er an seine spätere Mäzenin Harriet Shaw Weaver. Er sollte bis im Oktober 1919 nicht mehr abreisen.

Diese Jahre waren einerseits geprägt von vielen Wohnortswechseln – sieben insgesamt – und finanziellen Schwierigkeiten. Die vierköpfige Familie konnte mit den Einnahmen aus James’ Privatstunden nicht überleben und hielt sich nur dank unterschiedlicher Zuwendungen und freundschaftlicher Dienste über Wasser. Der treue Freund Ruggiero etwa, vermittelte der Familie die Wohnung an der Seefeldstrasse 73, in der sein kurz zuvor verstorbener Vater gewohnt hatte. Unter den finanziellen Hilfestellungen sind diejenigen von Joyces Mäzeninnen Harriet Shaw Weaver und Edith McCormick, einer exzentrischen Rockefeller-Erbin, hervorzuheben, die grosszügige Beträge an den Künstler überwiesen.

Dieses Geld erlaubte es Joyce, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Und Arbeit, das hiess: Ulysses. Dreizehn Kapitel seines monströsen Werks vollendete oder begann Joyce in Zürich, den Rest schrieb er ab 1920 in seiner neuen Heimat Paris. Die Erinnerungskultur fokussiert sich stark auf diese Arbeit, so verlautet etwa die Gedenktafel an der Universitätsstrasse 38: “In diesem Hause wohnte der irische Dichter James Joyce von Januar bis Oktober 1918. Er arbeitete hier an seinem Roman Ulysses.”

Das Haus an der Universitätsstrasse 38 (heute Haldenstrasse 12/14). Joyce wohnte im ersten Stock.

Das Haus an der Universitätsstrasse 38 (heute Haldenstrasse 12/14). Joyce wohnte im ersten Stock.

Am gesellschaftlichen Leben Zürichs nahm Joyce kaum teil. Auch Kontakt zur zur selben Zeit aufkommenden Künstlerbewegung der Dadaisten gab es wohl kaum. Zu den Freunden und Bekannten gehörten der Bankangestellte Paul Ruggiero, der englische Maler Frank Budgen oder die Nachbarin Martha Fleischmann, die Joyce 1919 mit einigen Liebesbriefen (auch auf deutsch!) umgarnte. Viele von ihnen fanden, genau wie viele Zürcher Orte und Anlässe, verborgenen Eingang in den Ulysses oder in Joyces kryptisches Spätwerk “Finnegans Wake”.

II. Medizinisch bedingte Aufenthalte: 1930-1940

Nachdem die Familie 1920 ihren Lebensmittelpunkt nach Paris verlagert hatte, kehrte James Joyce lange Zeit nicht mehr nach Zürich zurück. Erst ab 1930 begannen wieder regelmässige Besuche: einerseits um alte Freundschaften zu pflegen, hauptsächlich aber um sich beim angesehenen Augenarzt Alfred Vogt in Behandlung zu begeben.

“Was für eine Stadt!”, soll Joyce ausgerufen haben, als er nach mehr als zehnjähriger Abwesenheit 1930 wieder in Zürich ankam, “Ein See, ein Berg und zwei Flüsse!” Die zwei Flüsse: sie hatten es ihm schon Jahre zuvor angetan. Der Ort, an dem die beiden Zürcher Fliessgewässer, die Sihl und die Limmat, zusammenfinden, gehörte stets zu seinen Lieblingsplätzen. Hier, am sogenannten Platzspitz, ist eine Serie der bekanntesten Portraitaufnahmen des Autors entstanden.

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James Joyce am Platzspitz. Quelle: joycefoundation.ch 

1934 waren es erneut medizinische Gründe, die James Joyce nach Zürich brachten. Diesmal jedoch war es seine Tochter Lucia, die Hilfe benötigte. Seit Anfang der Dreissigerjahre hatte sich deren Geisteszustand stetig verschlimmert, der Vater war besorgt, reiste mit ihr in die Schweiz, um sie heilen zu lassen. Im Sanatorium von Prangins am Genfersee blieb sie acht erfolglose Monate. Am Tag vor der gemeinsamen Abreise mit James liess sie ihr Zimmer in Flammen aufgehen. Endlich rang Joyce sich durch, seine Tochter in die psychiatrische Klinik Burghölzli in Zürich zu bringen, wo der Psychoanalytiker C.G. Jung sie behandeln sollte. Zwischen Jung und Joyce hatte es, ohne dass sie sich kannten, früher bereits einige Spannungen gegeben, nachdem Jung in einem Vorwort zur deutschen Ausgabe den “Ulysses” angegriffen hatte. Joyce hatte verärgert geantwortet und unter anderem an seinen Übersetzer geschrieben: “Er [Jung] scheint den Ulysses von Anfang bis Ende ohne ein Lächeln durchgelesen zu haben. Das einzige, was man in einem solchen Fall machen kann, ist, sein Getränk zu wechseln.” Es erscheint angesichts dieser ungünstigen Vorzeichen kaum mehr verwunderlich, dass auch Jungs Behandlung von Lucia keine fruchtbaren Ergebnisse hervorbrachte.

III. Der Tod

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs beunruhigte James Joyce in seinem Pariser Exile. Er wusste, er würde nach zwanzig Jahren wieder gezwungen sein, die Heimat zu wechseln. Die unermüdlichen Freunde Ruggiero und Carola Giedion-Welcker setzten sich bei der Schweizer und der Zürcher Politik für eine Einreisegenehmigung ein, die letztlich auch ausgestellt wurde. Am Abend des 17. Dezember 1940 erreicht die Familie Joyce – zu der nun auch Georges Sohn Stephen gehört – die alte Heimat Zürich, sie logiert in der Pension Delphin an der Mühlebachstrasse im Seefeld, ganz nahe einiger alter Wohnsitze. Bei der Familie Giedion wird bald darauf Weihnachten gefeiert, Joyce ist guter Laune, voller Esprit.

Am 9. Januar 1941 lädt Joyce Ruggiero aus Dankbarkeit für dessen unschätzbaren Dienste zu einem Essen in der Kronenhalle ein. Die gute Laune schien verflogen, Joyce zeigte keinen Appetit, rauchte seine Viriginias und trank Weisswein. Gegen halb zwölf verliessen sie das Lokal und gingen nach Hause. Wenig später musste Joyce mit schrecklichen Magenkrämpfen hospitalisiert werden: ein Zwölffingerdarmgeschwür machte eine sofortige Operation notwendig. Joyce überlebte, doch dann verschlechterte sich sein Zustand plötzlich rasant. Am 13. Januar 1941, um 2.15 Uhr morgens, verstarb James Joyce. Er wurde in Zürich auf dem Friedhof Fluntern in der Nähe des Zoos in einem einfachen Grab beigesetzt, aus dem freilich 1966 ein Ehrengrab gemacht wurde, in welchem auch seine Frau Nora, sein Sohn George und dessen Ehefrau bestattet sind.

Nora soll später einmal zu Freunden gesagt haben: “Er liebte die Löwen so sehr. Es tröstet mich, wenn ich daran denke, dass er jetzt dort liegt und das Gebrüll der Tiere hören kann.”

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Milton Hebalds Statue von James Joyce auf dem Friedhof Fluntern. Quelle: Stadt Zürich.

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Die Originalhandschrift des Gedichtes “Bahnhofstrasse”. (1918) Die verzierte Initiale malte Tochter Lucia. Quelle: ZB.


Die meisten Informationen entstammen der hervorragenden Monographie: Joyce in Zürich von Thomas Faerber und Markus Luchsinger. Zürich: Unionsverlag 1988.

Rezension: Stefan Soder – Club (Braumüller 2015)

Zwei ungleiche Männer führt der österreichische Autor Stefan Soder in seinem hervorragenden Roman “Club” hinter den Mauern einer Villa hoch über Zürich zusammen: den wohlhabenden Finanzmathematiker Thomas Einselber und den heruntergekommenen Enthüllungsjournalisten Klaus Reiterer. Wieso begeben sie sich in eine mysteriöse Einrichtung, aus der kein Mensch je wieder aufgetaucht ist?

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Einselber ist etwa fünfzigjährig, gut bezahlter Finanzmathematiker in New York, aufgewachsen ist er in Österreich, studiert hat er in Zürich. Er ist zutiefst neurotisch, ein Kontrollfreak, verachtet menschlichen Kontakt und Schmutz, trägt stets Handschuhe, selbst wenn er sich mit der Prostituierten Katie vergnügt. Unter dem Vorwand, geschäftlich nach China zu reisen, verabschiedet er sich von den wenigen Freunden, die er hat, lässt all sein Hab und Gut von Mitarbeitern einer Firma Ascendant räumen – und macht sich auf den Weg in die alte Heimat Zürich.

Reiterer auf der anderen Seite begegnen wir zunächst im Sündenpfuhl eines südeuropäischen All-Inclusive-Hotels, wo er mit seiner Frau Sandra und dem gemeinsamen Sohn Julian Urlaub verbringt. Bis kurz davor war er ein scheinbar unaufhaltsamer skrupelloser Enthüllungsjournalist, der in den schmutzigen Niederungen der österreichischen Politik Schlamm aufwirbelte, Leute en masse durch den Dreck zog, dabei unkontrolliert Drogen konsumierte, wilde Orgien feierte. Und anlässlich einer Orgie unverhofft Sandra schwängerte. Sie dann in einer Pflichtübung heiratete, seinen Lebensstil aber nicht aufgab. Sich letztlich mit zu mächtigen Gegnern anlegte und für eine Zeit im Gefängnis landete. Nun ist er wieder draussen und macht familiären Urlauben.

Während er im Club ist aber, erhält er einen Anruf von seinem ehemaligen Chef Trixler, der ihm eine zweite Chance geben will: Unter dem Decknamen Robert Simonic soll er sich in einen elitären Zürcher Club namens Ascendant einkaufen, hinter dessen Mauern wohlhabende Menschen verschwinden und nie wieder auftauchen. Die Reportage wäre gut bezahlt und soll ihm den Wiedereinstieg ins Geschäft ermöglichen, Reiterer beisst an.

Ascendant, so stellt sich bald heraus, ist ein Club, der reichen, übersättigten Menschen letzte Genugtuungen (vornehmlich sexueller Art) gewährt, ehe sie ihre “Bestätigung” erfahren. Hiermit ist der kontrollierte, selbst gewählte Tod gemeint, die Sterbehilfe. Einselber, der sich aus Überdruss und Enttäuschung, ja aus purem Scheitern am Leben und den Menschen selbst eingekauft hat, gibt sich dem Zeremoniell bereitwillig hin. Jeder Gast erhält eine Begleiterin, die ihm jeden Wunsch erfüllt und ihn so oft wie nötig mit verschiedenfarbigen Pillen versorgt, schmerzlindernden, betäubenden, potenzsteigernden. Einselber verliert innerhalb kürzester Zeit aufgrund der Drogen seine Hemmungen und seinen Ekel, er gibt sich den wilden sexuellen Orgien, die auf dem Gelände Tag und Nacht abgehalten werden, mit vollem Eifer hin.

Reiterer auf der anderen Seite, der Orgienspezialist, der unverhofft und mit anderen Erwartungen an diesen Ort gelangt ist, entwickelt selbst bald einen Ekel, sehnt sich jetzt plötzlich nach familiärer Geborgenheit, übt sich in Selbstdisziplin und beginnt letztlich gar um sein Leben zu fürchten, als er bemerkt, dass dem irren Anstaltsleiter Max seine echte Identität bekannt ist (fast wähnt man sich bei Dürrenmatt)…

Stefan Soder (*1975) ist mit “Club” ein hervorragender Roman gelungen. Zum einen ist die Dramaturgie der beiden Protagonisten, denen jeweils abwechselnd Kapitel gewidmet sind, ausgezeichnet. Der Chiasmus, also die Überkreuzung, ihrer Entwicklungen weiss zu überzeugen: Einselber, ein Leben lang Vollblutneurotiker, der sich in seinen letzten Tagen gewaltigen Orgien hingibt, während Reiterer, sein bisheriges Leben lang überzeugter Kontrollverlierer, der angesichts der wohlhabenden sterbewilligen Eskapisten plötzlich Gefühle der Dankbarkeit und Verantwortung entwickelt – das ist fantastisch inszeniert.

Zum anderen ist es natürlich das Thema selbst, das bewegt: Der Tod als letzte Dienstleistung im Leben, die Möglichkeit absoluter Kontrolle über die eigene Existenz. Wobei der Eintritt in den Club Ascendant bezeichnenderweise nur sehr wohlhabenden Menschen möglich ist. Was treibt einen Menschen dazu, sich – bisweilen keinesfalls krankheitsbedingt – den Austritt aus dem Leben zu wählen? Ist es legitim, einen Menschen bei diesem Vorhaben zu unterstützen? Ist das Zelebrieren sexueller Ausschweifungen als letzte irdische Vergnügung moralisch verwerflich? Diese und weitere Fragen stellen sich bei der Lektüre von “Club”, einem spannenden, zum Nachdenken anregenden, kritischen Gesellschaftsroman, dessen Lektüre ich mit Nachdruck ans Herz lege.

Soder, Stefan. Club. Wien: Braumüller 2015. 360 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-99200-127-9

Website-Tipp: Clue Writing

Anstatt eines Streifzugs durch die Zürcher Literaturgeschichte, gibt es heute einmal einen Spaziergang durch die unmittelbare Zürcher Literaturbloggegenwart. In diesem Rahmen möchte ich auf eine Website hinweisen, deren Autorinnen sich mit Leidenschaft und Engagement einer ganz spezifischen Form des Schreibens widmen: Clue Writing.

Rahel und Sarah vom benachbarten Zürcher Blog Clue Writing verfolgen einen interaktiven literarischen Approach. Das Konzept ist einfach: Aus fünf Stichwörtern (Clues) und einer Ortsangabe (Setting) entstehen kurze Texte mit einer Obergrenze von 1700 Worten, wobei die sprachliche und inhaltliche Gestaltung von den Autorinnen – oder den Gastautoren – frei gewählt werden dürfen. Was sich zunächst vielleicht etwas primarlehrerhaft anhört oder wie eine blosse Fingerübung für Schreiblehrlinge, kann sich in geübten Händen zum Sammelbecken höchst unterhaltsamer literarischer Miniaturen entwickeln, wie dieses Projekt unter Beweis stellt.

Wöchentlich erscheinen mindestens zwei Texte, daneben gibt es Interviews, Gaststorys und neuerdings auch einen mit professionellen Sprechern eingespielten Kurzgeschichten-Podcast. Wie ein Text entsteht, ist auf Clue Writing transparent dokumentiert, so dass neben dem unterhaltenden durchaus auch ein belehrender Wert vorhanden sein kann. Zudem fördern die Macherinnen die Interaktivität, fordern ihr Publikum auf, sich aktiv an den Schreibprozessen zu beteiligen – sei es als Gastautoren oder auch nur als Clue-Geber – und haben Raum, um andere Projekte vorzustellen.

Clue Writing ThumbnailDas einfache, aber prägnante Design ist unaufdringlich, die gute Organisation der Website macht den Aufenthalt auch abseits der eigentlichen Texte zu einem angenehmen. Um die von der schieren Menge der vorhandenen Texte (mittlerweile 281) allenfalls abgeschreckte Leser und Leserinnen einen bequemen Einstieg zu verschaffen, wählen die Autorinnen regelmässig ihre Favoriten.

Aus aktuellem Anlass sei auch erwähnt, dass die Bloggerinnen zweimal jährlich eine Blogparade veranstalten, in der sie alle Interessierten einladen, eine Kurzgeschichte mit denselben Vorgaben zu schreiben. Heute, den 19. April 2015, beginnt eine solche Parade. Des Weiteren ist ein Literatur-/Schreibwettbewerb geplant, der voraussichtlich nächsten Monat ausgeschrieben und bis Ende Herbst laufen wird, wonach die Texte als E-Book-Anthologie veröffentlicht werden sollen.

Ich möchte Clue Writing all jenen empfehlen, die sich an einem verspielten, unverkrampften Zugang zu Literatur erfreuen; all jenen, die zwischendurch gerne einmal eine kurze Geschichte snackartig verspeisen, als sei sie ein Knoppers, ein Kägifret, eine Handvoll lecker Baumnüsse; und letztlich all jenen, die selber gerne Texte schreiben, sich aber (noch) nicht an eine eigene Plattform gewagt haben – macht mit, werdet Gastautoren und haut mit derselben Verve in die Tasten, wie Sarah und Rahel dies seit mittlerweile fast 3 Jahren mit bewundernswerter Disziplin tun!

Clue Writing Logo
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Zunächst aber natürlich unter der Hauptadresse: www.cluewriting.de

Zürcher Streifzüge (7): Ein Porträt des Dichters als junger Architekt

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“Zwischen dem Türkisblau des Wassers, woran ich mich in drei Stunden nicht satt gesehen habe, und dem hohen Laubwald, der diesen Fleck der Seligen umgrenzt, liegen sie auf dem Rasen, Körper von jugendlicher Pracht; aus der ruhigen Grünfläche überrascht die Ockerfarbe ihrer Glieder. Das ist etwas ungewöhnlich Schönes, unverhüllte Menschen in der Landschaft zu sehen. Denn in vielen Bädern ist es keine Landschaft mehr, sondern Kulisse, was den Badenden umgibt, sodass sich dann der ausgekleidete Mensch meist unpassend ausnimmt.”

Dieses Zitat stammt aus dem Aufsatz über das Wellenbad des Zürcher Grand-Hotel Dolder, betitelt “Vom kleinen Meer im Wald”, der am 28. Juni 1935 in der Neuen Zürcher Zeitung abgedruckt wurde. Der mit solcher Faszination über das Freibad schreibt, ist ein junger, damals noch nicht fünfundzwanzigjähriger Schriftsteller, dessen erster Roman ein Jahr zuvor erschienen und von der Presse überaus lobend besprochen worden ist: Max Frisch.

Von klein auf hatte Frisch Schriftsteller werden wollen, hatte lustlos Germanistik studiert und war durch den plötzlichen Tod des Vaters 1932 zwar vom universitären Trott befreit, jedoch auch gezwungen worden, sich einen Broterwerb zu suchen, wodurch er bei der NZZ landete. Der Journalismus behagte dem jungen Schriftsteller nicht, auch dann schreiben zu müssen, wenn man nichts zu sagen hat, entsprach nicht seinen Vorstellungen.

So begab es sich denn, etwas mehr als ein Jahr nach Erscheinen des Wellenbad-Artikels, dass Max Frisch an der ETH Zürich ein Studium der Architektur in Angriff nahm. Noch während des Studiums veröffentlicht er seinen zweiten Roman (“Antwort aus der Stille”, 1937), danach jedoch folgt bis 1944 keiner mehr. Dazwischen liegt eine kurze, eigentlich bedeutungslose Karriere als Architekt, aus der aber ein Projekt hervorgegangen ist, das dem Zürcher Stadtbild bis heute erhalten ist: das Freibad Letzigraben.

Als Max Frisch 1940 sein Diplom erhält, herrscht bereits seit einem Jahr Krieg. Für den jungen Architekten beginnt ein mühseliges Doppelleben zwischen der neuen Arbeit und dem Aktivdienst als Kanonier in der Armee; für das Schreiben bleibt wenig Zeit. 1941 entsteht ein erstes Gebäude, ein Haus für seinen Bruder. In der Erzählung “Montauk” (1975) wird Frisch über dieses und andere seiner Abenteuer als Architekt Bilanz ziehen.

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Dann kommt die grosse Chance: Im Oktober 1942 schreibt der Stadtrat einen Wettbewerb für die Gestaltung der Freibadanlage auf dem 3,5 Hektar grossen “städtischen Land am Letzigraben, zwischen Albisrieder- und Edelweisstrasse” aus. Die Vororte Albisrieden und Altstetten, auf denen das Land liegt, waren erst 1934 in die Stadt Zürich eingemeindet worden, hatten aber sich aber schon zuvor bestrebt gezeigt, ein eigenes Schwimm- und Luftbad zu bauen, da doch eine beträchtliche Entfernung zum Zürichsee besteht. Die Auffassung, dass öffentliche Bäder an natürlichem Gewässer liegen müssen, musste die Stadt mit zunehmendem Wachstum aufgeben. Im Vorfeld der Landesausstellung 1939 war im nördlichen Stadtteil Oerlikon der Prototyp des suburbanen Freibades entstanden, das ebenfalls heute noch bestehende Bad Allenmoos. Immer mehr wurden Freibäder zu einem bedeutenden gesundheitspolitischen Anliegen der sozialdemokratischen Stadtregierung.

Am 28. Mai 1943 reicht Max Frisch seinen Entwurf ein, drei Tage vor Eingabeschluss. Sein Projekt gewinnt gegen eine starke Konkurrenz von 64 weiteren Eingaben, unter denen auch namhafte Architekten wie etwa Max Ernst Haefeli und Werner Max Moser, die Erbauer des Allenmoos-Bades, sind. Die Jury, der ebenfalls namhafte Personen angehören, unter anderem Hans Hofmann und Gustav Ammann, zwei prägende Gestalter der Landesausstellung 1939, setzt Frischs Projekt einstimmig auf den ersten Platz. Das Projekt ist ambitioniert, in grossen Massen ausgelegt – und das muss es auch, ist es doch für einen Stadtteil mit 80’000 Einwohner ausgelegt.

Noch ist nicht alles bereit für den Bau. Schon in den Vierzigerjahren, scheint es, waren die Zürcher Freunde der verzögernden Intervention. Der städtische Verband für Leibesübungen schreitet ein, sie hat militärische Ambitionen: “Die Armee verlangt Soldaten, die schwimmen können, doch die Stadt Zürich kennt heute noch die Bedürfnisse von Schwimm- und Wehrsport nicht.” Durch diese Intervention kommt das Freibad Letzigraben schliesslich zu seinem Markenzeichen, dem weit aus der Landschaft ragenden 10-Meter-Springturm.

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Historische Aufnahme: Hauptbecken des Freibads Letzigraben mit 10-Meter-Springturm.

Bis Dezember 1944 überarbeitet Frisch das Projekt, macht die definitive Kostenaufstellung. Mit 4,5 Millionen Franken liegt sie gut 2 Millionen über dem veranschlagten Budget. Eine weitere Überarbeitung ist nötig. Im Mai 1945 wurden die erforderlichen Einsparungen eingeplant, im Mai 1946 bewilligen die Stimmberechtigten den Kredit von letztlich doch 3,84 Millionen Franken, im August 1947 endlich ist Baubeginn, knapp fünf Jahre nach der ersten Ausschreibung. Inzwischen ist der Weltkrieg vorbei und Frisch hat, während sein architektonisches Projekt der Ausführung harrte, wieder mit dem Schreiben begonnen: Romane, Tagebücher und vor allem Theaterstücke.

“Eine Zeit lang geht beides nebeneinander, der Bau und die Proben auf der Bühne. Um acht Uhr ins Büro; um zehn Uhr fahre ich ins Schauspielhaus zu den Proben, sitze als Laie im Parkett und höre. Wenn die Schauspieler nach Hause gehen, um Texte zu lernen, fahre ich zur Baustelle und sehe, wie sie den Sprungturm ausschalen, anderswo Platten verlegen, wie der Schreiner endlich seine Werkstattarbeit bringt und einpasst. Da klappt nicht alles, sowenig wie bei den Proben im Schauspielhaus. Verkörperlichung dort wie hier. Zwar bewerkstelligen es die andern, trotzdem habe ich das Gefühl, Hände zu haben. Es entsteht etwas.”

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Frischs überarbeiteter Entwurf vom 25.12.1945

Fotografien von der Baustelle:

Im Juni 1949 sind die Bauarbeiten schliesslich beendet, der schon erwähnte Gustav Ammann steuerte die Gartenanlage bei. Heute steht das Freibad Letzigraben – oder: Max-Frisch-Bad – unter Denkmalschutz, 2006/07 wurde es einer Gesamtsanierung unterzogen.

In Max Frischs Leben hat der Bau der Badeanstalt, nicht nur als einzig bleibender Markstein seiner Architektenlaufbahn, einen wichtigen Stellenwert. Verzweifelt ob der schrecklichen Zerstörung des Krieges, die er unter anderem im April 1946 während einer Reise durch Deutschland erlebt, kommen ihm grosse Zweifel, am Schreiben, an der Schweiz, am Lauf der Welt. Der Arbeitsbeginn im August 1947 gibt einen gewissen Halt, lässt ihn Zuversicht schöpfen. Im Hinblick auf die Geschichte des Letzigraben-Areals schreibt er:

“Vor hundert Jahren war hier der Galgenhügel und weiter drüben ist es das alte Pulverhaus, das sie eben abbrechen; fast lautlos stürzen die alten Mauern, verschwinden in einer Wolke von steigendem Staub – Wären es die Pulverhäuser aller Welt!”

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Der Restaurantpavillon: Wenige Meter neben dem ehemaligen Galgen, an dem noch bis 1810 die Verurteilten gehängt wurden.

Der Tonfall seiner Reisebeschreibungen verändert sich, Architektur rückt allerorten ins Zentrum, die Arbeit an neuen Projekten symbolisiert ihm die Überwindung von Krieg und Zerstörung. Am Tag der Eröffnung, dem 18. Juni 1949, notiert er ins Tagebuch:

“Heute Samstag ist die Anlage eröffnet worden. Sonniges Wetter und viel Volk. Sie schwimmen, springen von den Türmen. Die Rasen sind voll von Menschen, halb nackt und halb bunt, und es ist etwas wie ein wirkliches Fest.”


Die Informationen und Bildquellen dieses Artikels sind folgenden Quellen entnommen:

Bindner, Ulrich/ Geering, Pierre (Hg.) Freibad Letzigraben von Max Frisch und Gustav Ammann. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung 2007.

Hage, Volker (Hg.) Max Frisch. Sein Leben in Bildern und Texten. Berlin: Suhrkamp 2011.

Obschlager, Walter. “Wären es die Pulverhäuser aller Welt”. Gedanken zum Bau des Letzibades von Max Frisch. In: NZZ 6.8.2011 (online)

Zürcher Streifzüge (4): Von Flachdächern und Rabenhäusern

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Tief in die Wildnis, in den finstern Wald, wo nie zuvor ein Mensch hingefunden hatte, begab sich einst ein Mönch. Auf seinem Weg sah er plötzlich einen Sperber hungrig ein Nest umkreisen. Er vertrieb den Räuber und rettete zwei junge Raben aus dem Nest, die fortan seine treuen Begleiter waren. An einer nahegelegenen Quelle errichtete er sich ein bescheidenes Heim und lag Tag und Nacht im Gebet. Nach vielen Jahren begannen Leute zu ihm zu pilgern, eines nachts jedoch kamen auch zwei Räuber, die grosse Schätze in seiner Hütte vermuteten. Sie erschlugen den Einsiedler. Erschrocken ob der beiden Vögel, die nun erbost herumflatterten, flüchteten die Räuber, rannten Stunden und Aberstunden durch den dichten finsteren Wald, bis sie endlich nach Zürich kamen, wo sie in einem Wirtshaus Zuflucht suchten. Kaum hatten sie sich aber gesetzt, stürzten die beiden Raben durch das Fenster und attackierten die Räuber. Von dieser Begebenheit alarmiert, verhafteten die Zürcher die beiden – und nachdem klar geworden war, dass diese den Einsiedler aus dem finstern Walde getötet hatten, wurden sie gerädert. Der Einsiedler – sein Name war Meinrad – wurde ausserhalb des Waldes bestattet, dort, wo heute das Kloster Einsiedeln steht. Ebenso wie das Kloster hat auch das ehemalige Wirtshaus in Meinrads Gedenken die Raben zu seinen Hütern erkoren…

Am Hechtplatz, nahe der Limmat, steht es noch heute, das Haus zum Raben, jetzt nurmehr Bestandteil der idyllischen altstädtischen Kulisse, ein Fotosujet, Unterkunft für Friseurgeschäfte, Restaurants und Kleiderläden. Dieses mythenumwobene Haus hat auch in der neueren literarischen Geschichte Zürichs eine gewichtige Rolle gespielt. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs war es ein bedeutender Treffpunkt der emigrierten Literatinnen und Literaten, ein wahrhaftig europäischer Salon. Ein als Autor heute weitgehend vergessener Mann durfte sich Gastgeber nennen:

“Er sieht aus wie ein Hungerpastor, ist aber ein Intellektueller vom Scheitel bis zur Sohle, und keiner weiss, ob er nicht auch für ihn einen kleineren oder grösseren Pfeil im Köcher hat. Aber zutiefst innen ist er ein Liebender, Teilnehmender, Seismograph, der die Erschütterungen unserer Zeit verzeichnet und auf sie hinweist. Ein Verteidiger gefährdeten Menschentums.”

Aus: Alfred A. Häsler. Jeremias zu Besuch bei… (1965)

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Q: ticinarte.ch

Die Rede ist von Rudolf Jakob Humm (1895-1977), geboren und aufgewachsen in Italien, Studium der Physik in Göttingen und Berlin, Studium der Nationalökonomie in Zürich, wo er sich ab 1922 als Journalist und Übersetzer niederlässt. Verheiratet mit Lily Crawford, einer Malerin französisch-schottischer Abstammung. 1929 erscheint sein Debütroman “Das Linsengericht”, der von Hermann Hesse gelobt wird. Dieser, mit dem Humm seit da ein langer freundschaftlicher Briefwechsel verbindet, lobt Humm später als einen der “besten Prosaisten deutscher Sprache”. Obschon Werke wie “Die Inseln” (1936) oder “Carolin” (1944) eine breite Rezeption erfahren haben und er 1969 letztlich mit dem Zürcher Literaturpreis geehrt wurde, bleibt Humm als Romanautor kaum in Erinnerung. Grösser war sein Einfluss freilich als Gastgeber eines der wichtigsten Treffpunkte für Emigranten und Emigrantinnen.

Bis 1934 lebten die Humms am Stadtrand in der Werkbundsiedlung Neubühl in Zürich-Wollishofen. Diese zwischen 1930 und 1932 unter der Ägide der Architekten Rudolf Steiger, Max Ernst Häfeli und Werner M. Moser erbaute Mustersiedlung mit ihren senkrecht zur Strasse aufgestellten Flachdach-Wohnzeilen, die den Hügel hinauf gestaffelt sind, gilt als Inbegriff des neuen Bauens im Zürich der 1920er- und 1930er-Jahre. Die Bauten von Häfeli, Moser und Steiger prägen das Stadtbild von Zürich bis heute massgebend (Universitätsspital, Hochhaus zur Palme, Zett-Haus, Kongresshaus, …). Steiger, der Humm verschwägert war, wollte mit dem Neubühl einen “Reihenhaustyp für den Mittelstand” erschaffen, der oftmals propagandistische Wortführer der Bewegung, Siegfried Giedion, proklamierte in seiner Schrift “Befreites Wohnen” aus 1929 den neuen Haustyp: “leicht, lichtdurchlassend, beweglich”.

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Die Neubühl-Siedlung. Q: http://klimagerechtesbauen.blogspot.ch/

In diesem architektonisch hochmodernen Umfeld lebte bis im Herbst 1934 Rudolf Jakob Humm, umgeben von Emigranten und Emigrantinnen, die er in seinem schmalen Erinnerungsband “Bei uns im Rabenhaus” beschreibt. Noch waren es triste Zeiten für das geistige Leben. In den Zwanzigerjahren, schreibt Humm, befand sich Zürich “geistig in einem tiefen Schlaf”, war “(e)in Krematorium, ein Mausoleum” des Geistes. Erst die über Europa hereinbrechende Düsternis führt dazu, dass das literarische Leben Zürichs wieder erblüht. Rudolf Jakob Humm und Lily Crawford beziehen 1934 das Haus zum Raben am Limmatquai, wo bis 1938 regelmässig Lesungen und andere literarische Veranstaltungen stattfinden.

“Wir von meiner Generation mussten für etwas einstehen; wir konnten nicht nur träumen, wir mussten um uns schlagen.”

In erwähntem Erinnerungsband lässt Humm sie alle Revue passieren, die Gestalten – ob Ausländer, Rückwanderer oder Schweizer -, die im Rabenhaus verkehrten. Bekannte und weniger bekannte, umgängliche und umtriebige, geniale und bescheidene. Humms Erzählstil ist dabei anekdotisch, kann ebenso liebevoll wie verletzend sein, nimmt kein Blatt vor den Mund, ist der Wahrheit sicherlich nicht immer vollkommen verpflichtet, dafür stets von einer grossen Sympathie für die Dichter geprägt. “In Zürich hält man grosse Stücke auf die Wirte”, schreibt er, “aber sehr kleine auf die Dichter.” Daran wollte Humm etwas ändern, das literarische Zürich neu beleben – und er tat es. Therese Giehse ging hier ein und aus, Ignazio Silone, Ferdinand Lion, Arthur Koestler, der “anders dachte als die andern, wenn auch nicht wie die, die ihrerseits anders dachten”. Erika und Klaus Mann, die mit ihrem aus Deutschland vertriebenen Kabarettprogramm “Die Pfeffermühle” in Zürich hausierten waren Gäste, der Rückwanderer Adrien Turel, der Dichter Albin Zollinger, Else Lasker-Schüler, die “als Mensch ein kleines Greuel” war, und viele mehr. Über Zollinger schreibt Humm: “Wer weniger in der Wirklichkeit als in seinen Einbildungen lebt, mit dem ist der Verkehr nicht immer einfach”. Und über Carl Seelig, den Rezensenten und Vormund Robert Walsers, der eine ebenso wichtige Gestalt der Zürcher Literaturszene war: “‘Himmel, wenn du doch so gescheit wie gut wärst!’ Er war eben nicht gescheit.” Am nächsten stand Humm Friedrich Glauser, mit dem der Rabenhausvater ebenfalls einen ausführlichen Briefwechsel führte.

Humms Salon im “Haus zum Raben” war zu der Zeit nicht der einzige seiner Art in Zürich: an der Stadelhoferstrasse gab es den Salon Rosenbaum, weit oben am Zürichberg traf man sich bei Marcel Fleischmann an der Germaniastrasse, am Bellevue bei Emmie Oprecht, der Verlegergattin, und auf der anderen Seite des Seebeckens bei Lily Reiff an der Genferstrasse. Freilich darf das Rabenhaus, neben Wladimir Rosenbaums und Aline Valangins Salon, wohl als der wichtigste gelten. Als Humm 1963 seine Erinnerungen verfasste, lebte er im Glauben, das Haus zum Raben würde bald abgerissen. Im Zuge der Auseinandersetzungen mit den Besitzern musste Humm schliesslich ausziehen – das Haus aber steht noch heute. Rudolf Jakob Humm verstarb 1977 an den Folgen eines Verkehrsunfalls.

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Das Haus zum Raben am Hechtplatz.


Rudolf Jakob Humm. Bei uns im Rabenhaus.Literaten und Leute im Zürich der Dreissigerjahre. Neu hgg. v. Martin Dreyfus. Frauenfeld/Stuttgart/Wien: Huber 2002.