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Rezension: Bachtyar Ali – Der letzte Granatapfel (Unionsverlag, 2016)

Seit 1992 veröffentlicht der irakisch-kurdische Autor Bachtyar Ali (*1960) Poesie, Prosa und Essays. Dass es bis zur ersten deutschen Übersetzung eines seiner zahlreichen Werke bis ins Jahr 2016 gedauert hat, ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Ali seit Mitte der Neunzigerjahre in Deutschland lebt. Mit der Publikation von “Der letzte Granatapfel” (auf Kurdisch zuerst erschienen 2002) macht der Zürcher Unionsverlag nun einen ersten Schritt, diese Lücke – sie umfasst unter anderem 11 Romane – zu schliessen.

Es gilt, einen begnadeten Erzähler zu entdecken, dessen bilderreiche Sprache und einfühlsamer Tonfall von der ersten bis zur letzten Seite begeistern.
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“Im Morgengrauen des ersten Tages erkannte ich, dass er mich eingesperrt hatte.”: Mit diesen Worten beginnt die Geschichte. Der da spricht nennt sich Muzafari Subhdam. Der Ort, von dem aus er erzählt, ist ein kleines Flüchtlingsboot, das orientierungslos auf dem Mittelmeer treibt. Und jener “erste Tag”, den er erwähnt – das ist die Ironie – ist sein erster Tag in “Freiheit” nach einundzwanzigjähriger Gefangenschaft.

Damals, einundzwanzig Jahre davor, war Muzafari selbst ein wichtiger Freiheitskämpfer. Um seinem Freund, dem Führer der Revolution, die Freiheit zu schenken, liess er sich einsperren. Die Welt, in die er nun zurückkehrt, ist nicht mehr dieselbe. Tod, Krieg und Verrat haben alles zerstört – das ganze Land ist ein Schlachtfeld. Und in dieses zieht es Muzafari hinaus, denn er ist überzeugt, dass hinter seinem jahrzehntelangen Überleben in der Gefangenschaft ein Plan zugrunde liegt, dass eine Aufgabe auf ihn wartet: Er muss seinen Sohn finden – Saryasi Subhdam -, der zur Zeit der Verhaftung gerade erst zur Welt gekommen war.

Der junge Mann aber, so wird ihm gesagt, ist tot. Doch ist das die (ganze) Wahrheit?

Über einen zweiten Erzählstrang wird der Leser behutsam an die Geschichte von Saryasi herangeführt. Ein zerbrechlicher Junge namens Mohamadi Glasherz, Sohn eines einflussreichen Politikers und Lüfter grosser Geheimnisse, sowie die zwei keuschen Weissen Schwestern und ein mystischer Granatapfelbaum spielen darin gewichtige Rollen. Es dauert nicht lange, bis deutlich wird: es gibt mehr als einen Saryasi Subhdam – und das Einzige, was sie zu verbinden scheint, ist die Unkenntnis ihrer eigenen Herkunft und ein gläserner Granatapfel, den alle von ihnen besitzen.

“Der Mensch ist ein wegloses Wesen, denn er weiss nicht, wohin mit sich selbst. Lieber versperrt er sich selbst die Tür, um nicht die mühsame Suche nach dem Weg beginnen zu müssen.”

In dieser Parabel lotet Bachtyar Ali Themen wie Identität, Freundschaft, Freiheit und Gefangenschaft einfühlsam und erzählerisch meisterhaft aus. Zunächst entscheidet er sich, nicht zu historisieren: so bleibt der Roman auch ohne profunde Kenntnisse des kurdischen Freiheitskampfes und der unterschiedlichen innerkurdischen Konflikte, vor deren Hintergrund sich die Geschichte abspielt, verständlich. Alis Interesse gilt dem einzelnen Menschen, seinem Schicksal, seinem ganz eigenen Weg auf dieser Welt. Auch der Krieg – der stete Begleiter aller Figuren – wird hier nicht als brutales Gemetzel zur Schau gestellt, nein, er spiegelt sich in den Menschen, in ihren Geschichten, ihren Ängsten und Hoffnungen.

Wenngleich der Tonfall des Ich-Erzählers Muzafari bisweilen etwas gar pathetisch anmutet und einige Bilder und Metaphern (allen voran: die Reinheit) ein wenig überstrapaziert werden, ist “Der letzte Granatapfel” auch ein grosses Sprachkunstwerk. Poesie und Prosa finden – auch in der Übersetzung von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim – mühelos zueinander. Die Kombination von Magie und Realismus – eine Zuschreibung, die die Literaturkritik gemeinhin südamerikanischen Autoren vorbehält – erschafft eine einzigartige Erzählstimme, fernab von den Konventionen europäischer und amerikanischer Literatur.

Eine bedeutende Entdeckung und unbedingte Leseempfehlung!

Ali, Bachtyar. Der letzte Granatapfel. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. Zürich: Unionsverlag 2016. 352 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-293-00499-3

Zürcher Streifzüge (6): “Ein letzter Tag Unendlichkeit”

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“Er wohnte in einer Höhe über der am rechten Ufer, wo der See seine Wasser als Limmat zusammendrängt, gelegenen größern oder alten Stadt; diese durchkreuzten wir, und erstiegen zuletzt, auf immer steileren Pfaden, die Höhe hinter den Wällen, wo sich zwischen den Festungswerken und der alten Stadtmauer gar anmutig eine Vorstadt, teils in aneinander geschlossenen, teils einzelnen Häusern, halb ländlich gebildet hatte.”

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Bodmer-Haus. Quelle: Thomas-Mann-Archiv

Mit diesen Worten beschreibt Johann Wolfgang von Goethe in seinem autobiographischen Text “Dichtung und Wahrheit” einen Besuch in Zürich im Jahre 1775. “Er” – der, den Goethe gemeinsam mit dem Grafen Stollberg und 1779 noch einmal mit Herzog Karl August besuchte – das ist Johann Jakob Bodmer (1698 – 1783). Der Philologe bewohnte das besagte Haus, das sich auf dem Gelände der heutigen Universität Zürich befindet und nun das Thomas-Mann-Archiv beherbergt, seit 1739 und hatte vor Goethe bereits andere prominente literarische Gäste beherbergt: Ewald von Kleist, Christoph Martin Wieland und – im Sommer 1750, als Goethe noch kaum ein Jahr alt war – Friedrich Gottlieb Klopstock.

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F.G. Klopstock. Quelle: ZB

Der damals 26-jährige deutsche Dichter Klopstock hatte zwei Jahre zuvor Aufsehen erregt, als die ersten drei Gesänge seiner gross angelegten Messias-Dichtung in der Bremer Zeitschrift “Neue Beyträge zum Vergnügen des Verstandes und Witzes” erschienen waren. Zu den frühen Bewunderern, die in Klopstock den “Verkünder einer neuen Poesie” sahen, wie Lucien Deprijck in seiner Romanumsetzung von Klopstocks Zürich-Aufenthalt schreibt, gehörte auch Bodmer, der den jungen Deutschen in die Schweiz zu lotsen suchte. Klopstock, auf Gönner und Mäzene angewiesen, folgte der Einladung, nicht aber ohne zuvor seine Wünsche brieflich geäussert zu haben. Am 28. November 1749 fragt er Bodmer:

 

“Und, noch eine Frage, die auch einigermassen bey mir mit zur Gegend gehört, denn mein Leben ist nun zum Punkt der Jünglingsjahre gestiegen. Wie weit wohnen Mädchens Ihrer Bekanntschaft von Ihnen, von denen Sie glauben, dass ich einigen Umgang mit ihnen haben könnte? Das Herz der Mädchen ist eine grosse weite Aussicht der Natur, in deren Labyrinthe ein Dichter oft gegangen seyn muss, wenn er ein tiefsinniger Wisser seyn will.” [Zum Brief]

Klopstocks, in seinem jungen Alter wohl kaum überraschende, Neigung zu trinkseligen Verlustigungen in Begleitung junger Mädchen, führte bald schon zum Zerwürfnis mit Bodmer, der seinen verehrten jungen Dichterstar in die elitären Zürcher Gesellschaftskreise hatte einführen wollen. Klopstock aber zog es vor, sich mit Gleichaltrigen abzugeben, zu denen insbesondere Hans Caspar Hirzel, der spätere Erste Stadtarzt, den er bereits aus Leipzig kannte, und Hartmann Rahn, sein späterer Schwager, zählten. Am 21. Juli 1750 war Klopstock in Zürich eingetroffen, vom 27. bereits ist der Brief Rahns datiert, der zu jenem Ereignis einlädt, aus dem der deutsche Autor Lucien Deprijck nun einen Roman gemacht hat: Eine Lustfahrt auf dem Zürichsee (oder “Zürchersee”, wie Klopstock seine daran erinnernde Ode betiteln wird).

deprijck“Ein letzter Tag Unendlichkeit. Geschichte einer Lustfahrt” (Unionsverlag, 2015) ist ein galanter Streifzug durch das Zürich des Jahres 1750. Eine Stadt, in der die jungen Leute religiöse Strenge und eine rigide gesellschaftliche Etikette gewohnt sind, die es jungen Frauen nicht einmal erlaubt, auf offener Strasse mit ihnen unbekannten jungen Männern zu sprechen. In dieses Umfeld – vertreten durch Bodmer – dringt nun der aufgewühlte Klopstock ein, der “die seltene Gabe, allen Frauen zu gefallen” besitzt. Hirzel und Rahn wollen ihn vom Liebeskummer ablenken, den ihm die unerwiderte Zuneigung zu seiner Cousine Maria Sophia Schmidt eingetragen hat. Sie sind bereit, vieles dafür zu tun, sie organisieren eine Lustfahrt, auf der Hirzel Klopstock seine eigene Gattin offeriert, die “ihm ihre Reize so abwechslungsreich wie möglich darzubieten” (Originalzitat aus Rahns Brief) gedenke. Die jungen Zürcher verfolgen dabei auch eigensinnige Motive, jeder will “ein Stück von seinem Ruhm über die eigene Schwelle bringen”: Klopstock soll die Stadt zu seiner neuen Heimat machen, auf dass sie zu einer kulturellen Metropole heranwachse.

Neun Frauen und neun Männer nehmen an der Fahrt teil, sie werden zu bisweilen ziemlich ungleichen Paaren gruppiert. So zugetan Klopstock seinem Los, Hirzels Gattin Anna, auch ist, so viel stärker ist die Faszination, die er für die siebzehnjährige Anna Maria Schinz empfindet. In der Ode an den “Zürchersee” wird er sie “Fanny” nennen, gleich wie in früheren Gedichten die geliebte Cousine Schmidt.  Die Annäherungsversuche des begierigen Dichters an die kluge, scheue Bewunderin seines Werks sind das Zentrum von Deprijcks Roman, in ihnen spiegeln sich die verbohrte Frömmigkeit, die männliche Dominanz und die sozialen Konflikte der damaligen Gesellschaft.

“Aber dies, so allein zu sein mit einem Mädchen, stand nicht einmal einem Bräutigam zu! Sie fühlte sich schuldig. Als könnte jeden Augenblick ein Strafgericht über sie hereinbrechen. Die innere Unruhe war kaum zu unterdrücken. Doch wenn alle billigten, was geschah, befand dann überhaupt Not, sich schuldig und unbehaglich zu fühlen? Durfte sie dann nicht, so ganz unverhofft, diese Augenblicke, diesen ganzen Tag geniessen wie die Prinzessin in einem Märchen?”

In einer manchmal etwas gestelzten Sprache erzählt Deprijck vom Leben und Lieben im Zürich des 18. Jahrhunderts, das verdichtet zu jenem einen symbolischen Tag der Klopstock’schen Lustfahrt daherkommt. Manche stilistische Mangelerscheinung (lange Dialoge in indirekter Rede), manch fragwürdiger Anachronismus und historische Zweifelhaftigkeit (Die Gesellschaft diskutiert über aktuelle Themen wie “Goethes Geburt in Frankfurt” – als sei der spätere Dichterfürst bereits einjährig Gesprächsthema gewesen…) seien dem Autor verziehen, ist der Text doch insgesamt ein interessanter, vergnüglicher und detailliert recherchierter Streifzug durch die Zürcher Gesellschaft, ihre Beziehungen zu Religion, Familie und Sexualität anno 1750. Kurzum: Eine bedeutende Episode aus dem literarischen Stadtleben in bekömmlicher Verpackung.

Deprijck, Lucien. Ein letzter Tag Unendlichkeit. Geschichte einer Lustfahrt. Zürich: Unionsverlag 2015. 240 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-293-00483-2

Rezension: Mia Couto – Das Geständnis der Löwin (Unionsverlag 2014 [2012])

“Das Geständnis der Löwin”, der bislang letzte Roman des mosambikanischen Autors Mia Couto (*1955), führt den Leser ins Dorf Kulumani, das von menschenfressenden Löwen terrorisiert wird. Dabei sind die hungrigen Raubkatzen kaum der grösste Schrecken, der das Dorf peinigt. Düstere Geheimnisse und Gelüste brodeln unter der bröckelnden Oberfläche…

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Titel: Das Geständnis der Löwin
Original: A Confissão da Leoa (2012)
Autor: Mia Couto
Übersetzung: Karin von Schweder-Schreiner
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 3-293-00476-8
Umfang: 280 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Aus zwei Perspektiven wird die Geschichte des Dorfes Kulumani mit all seinen von Generation zu Generation weitergegebenen “Illusionen und Gewissheiten” erzählt: Kapitel stehen abwechslungsweise unter der Überschrift ‘Mariamars Version’ respektive ‘Tagebuch des Jägers’.

Mariamar ist ein Mädchen aus Kulumani, deren Schwester soeben von einem der Löwen getötet wurde. Ihre Mutter Hanifa Assulua, die früher schon Töchter verloren hatte, ist voll von stummen, unter dem Mantel des Gehorsams verborgenen Rachegelüsten. Deren Ziel ist unter anderem ihr Mann Genito Mpepe, ein gewalttätiger alkoholabhängiger Vergewaltiger, Inbegriff der patriarchalen, von teils brutalen Traditionen geprägten Gesellschaft Kulumanis. Inmitten dieser Gewalt führt Mariamar ihr Dasein, gebeutelt von unerklärlichen Krankheiten, gestärkt von der Kraft der Worte, die sie in Form eines Tagebuchs anwendet, und einer unausweichlichen Gewissheit: “Nur kleine Anfälle von Verrücktheit können uns vor der grossen Verrücktheit bewahren.”

Der Jäger auf der anderen Seite, mit Namen Arcanjo Baleiro, kommt aus der Stadt und wird gemeinsam mit dem Schriftsteller Gustavo Regalo geschickt, die Löwen zu erlegen.  Grosses Misstrauen brandet den Ankömmlingen entgegen. Manche im Dorf glauben nicht, dass Baleiro die Löwen erlegen kann, während manche nicht einmal glauben, dass es die Löwen gibt… Der Jäger, seinerseits im steten Kampf mit seiner Kunst, einer unerwiderten Liebe und traumatischen Erinnerungen, hält ebenfalls in einem Tagebuch fest, was ihm im Dorf widerfährt. In einem Dorf, in dem er vor langer Zeit schon einmal war, sich aber kaum an den Aufenthalt erinnern kann – ganz im Gegensatz zu Mariamar, der er damals begegnet ist, und die ihn nie vergessen hat…

So pendelt “Das Geständnis der Löwin” zwischen Liebesgeschichte, sozio-politischem Dorfthriller und mystischer Sagenwelt. Wie in den meisten seiner Werke gelingt es Mia Couto auch in diesem Roman ausgezeichnet, die Tatsachen der afrikanischen Welt dem nicht-afrikanischen Lesepublikum zu öffnen. Es ist eine Welt, in der  die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit oftmals unkenntlich werden, eine Welt, in der Löwinnen Menschen “respektvoll wie eine Schwester” grüssen, und vor allem eine Welt, in der Lebende und Tote nebeneinander existieren. Wobei das Wort der Toten mehr Gewicht hat, als das mancher Lebenden. Mariamars Grossvater Adjiru sagt:

“Was ich glaube, spielt keine Rolle. Was die Toten glauben, darauf kommt es an.”

Und Arcanjos seit langer Zeit in einem Heim lebender, der Realität scheinbar entrückter Bruder Rolando behauptet:

“Der Tote bleibt anwesend, die ganze Vergangenheit gehört ihm. Die einzige Möglichkeit, nicht mehr da zu sein, ist der Wahnsinn. Nur der Wahnsinnige wird abwesend.”

 

In diese Welt, wo dem Wort der Toten grösste Bedeutung beigemessen wird, eine lebende Frau aber ein Niemand ist, dringen die Löwen ein. Was genau sie repräsentieren, wer sie schickt, was sie verändern und letztlich: wer sie sind, darum dreht sich dieser packende, vielfältig interpretierbare Roman. Vom ersten Satz – “Gott war einmal eine Frau” – bis zum titelgebenden Geständnis weiss der Roman zu überzeugen. Mia Couto hat mit “Das Geständnis der Löwin” sein umfangreiches Werk um einen abermals eindrücklichen Text erweitert.


Hier geht’s zu unserer Rezension von Coutos Debüt “Das schlafwandelnde Land”.

Rezension: Hans Leip – Die Klabauterflagge (Unionsverlag 2014 [1933])

Eine wieder zu entdeckende Perle der deutschen Seefahrts- und Jugendliteratur: Hans Leips “Die Klabauterflagge” (Erstveröffentlichung 1933) folgt dem Jungen Atje Pott, der mit dem Fischer Matten von Cuxhaven zum Dorschfang aufbricht, an der englischen Küste strandet, beraubt wird und schliesslich auf dem Dampfschiff des reichen Mr. Betterfield landet, der mit einem Trupp rauhbeiniger Matrosen in Griechenland einen Goldschatz heben will…

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Titel: Die Klabauterflagge
Autor: Hans Leip
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 3-293-20658-1
Umfang: Taschenbuch, 160 Seiten

Seien wir ehrlich: nautische Romane erscheinen uns im 21. Jahrhundert wie Relikte einer abenteuerlichen, stürmischen Zeit wilder Gesetzlosigkeit. Gerne werden in der heutigen Popkultur Darstellungen der Seefahrt als Klischee des Altmodisch-Männlichen bemüht, so etwa sagt Ron Swanson in der TV-Serie “Parks and Recreation” einmal: “Usually I only read nautical novels and my own personal manifestos”. Und Jack Donaghy in der TV-Serie “30 Rock”: “The horse is one of only three appropriate subjects for a painting, along with ships with sails, and men holding up swords while staring off into the distance”. Es ist kein Wunder, dass gerade diesen Figuren, denen bestimmte ur-männliche Jagdinstinkte  und Ideale der Selbstbestimmung eingeschrieben sind, mit den Abenteuern der Seefahrt kokettieren.

Hans Leips “Die Klabauterflagge”, das als eine Verdichtung sämtlicher Motive und Klischees des literarischen Genres auf engstem Raum gelesen werden kann, zeigt auf, weshalb dies so ist. Die Erzählsituation ist zweistufig: zunächst trifft ein Erzähler-Ich, dessen Biographie Parallelen mit der des Autors aufweist, als zehnjähriger Knabe am Hafen auf  den alten Käpt’n Atje Pott, der ihm von seinen Abenteuern erzählt. Eines dieser Abenteuer ist dasjenige der Klabauterflagge: es führt zurück in die Zeit, da Atje selbst ein zehnjähriger Junge ist und mit dem hellsichtigen Fischer Matten von Cuxhaven aus zum Dorschfang auszieht. Sie fahren über Helgoland hinaus bis ins englische Hull, wo ihr Boot geklaut wird und sie mit Gewalt an Bord eines grossen Dampfschiffs gebracht werden. Matten muss da als Heizer arbeiten, Atje als persönlicher Bediensteter des Schiffsbesitzers Mr. Betterfield, der einen Trupp rauhbeiniger, gieriger Seeleute zusammengetrommelt hat, um auf einer griechischen Insel einen unermesslichen Goldschatz zu bergen. Das Abenteuer beginnt.

Viele dieser Konstellationen sind aus anderen Seefahrtsromanen hinlänglich bekannt, so etwa finden sich die gewaltsam an Bord geholten Männer auch in Jack Londons “Der Seewolf” (1904) und der gefangene Heizer in B. Travens “Das Totenschiff” (1926), während die Erzählperspektive des Jungen auf erster Fahrt unter anderem aus Robert Louis Stevensons “Die Schatzinsel” (1883) und Hermann Melvilles: “Redburn: His First Voyage” (1849) bekannt ist.

 Das mythische Rückgrat der Geschichte bildet die Legende von der Klabauterflagge, die Fischer Matten dem jungen Atje erzählt. Sie handelt von Babys, die “schon als Babys zu viel trinken und zu laut fluchen”, deshalb von Gott frühzeitig in den Himmel zitiert werden, dort aber auch “immer bloss Seeräuber spielen” wollen und darum als Engel zurück auf die Erde geschickt werden, wo sie auf der See ihr Unwesen treiben und manchmal nachts auf einem Schiff ihre Flagge hissen: die Klabauterflagge, die grosses Unheil ankündigt. Inmitten dieser Tumulte unter gewalttätigen Räubern und Schatzsuchern erlebt der junge Atje seine Sommerferien und denkt: “Kampf, Hauerei und Abenteuer sind das Netteste auf der Welt.” –

Leip ist ein sprachmächtiger Autor, der Fachbegriffe der Schifffahrt ebenso wie hamburgischen Dialekt in seiner Prosasprache verarbeitet und so die richtige kraftvolle Stimme für die hohen Wellengänge der erzählten Geschichte findet.

“Die Reise liess sich anfangs gut an. Doch gegen Mitternacht verfinsterte sich der Mond. Der Wind wurde härter und begann, heimtückisch auf unserer Takelung zu flöten. Die See warf sich gröblich auf. Wir mussten das Grosssegel kleiner machen und schliesslich die Vorsegel wegnehmen, um mit der Nase nicht zu tief ins Gegurgel gedrückt zu werden, das da aus der Dunkelheit hinter uns herjachterte, unser Heck grausig hochknuffte, an den Bordflanken weiss überzüngelte und vorm Bug krachend von dannen prasselte.”

 

“Die Klabauterflagge”, obschon sie vorwiegend als Jugendbuch rezipiert wird, stellt vor allem sprachlich auch für ein älteres Publikum ein Vergnügen dar. Die Geschichte ist, vom etwas moralinsauren, hastigen Ende abgesehen, spannend und gut durchdacht. Im Anhang des Buches finden sich ein von Hans Leip (1893-1983) verfasster “Rückblick”, ein informatives Nachwort von Karl Kröhnke und ein Glossar mit Erklärung der fachsprachlichen und dialektalen Begriffe.  Das Buch ist ein lohnenswerter, kurzer (130 Seiten, sehr kurze Kapitel) Ausflug in ein Gefilde der deutschen Literatur, zu dem man heutzutage nur selten so leichten und sorgfältig aufbereiteten Zugang findet.

 

Rezension: Leonardo Padura – Ketzer (Unionsverlag, 2014)

“Ketzer”, der Roman des kubanischen Autors Leonardo Padura (*1955) vereint die politische Geschichte, Kunstgeschichte, jüdische Geschichte und die Tücken der Gegenwart zu einer die Jahrhunderte durchquerenden Detektivgeschichte von gewaltiger Kraft. Dreh- und Angelpunkt des Geschehens: ein Christusportrait des niederländischen Malers Rembrandt – und die Frage, wie viel Ketzerei nötig ist, wenn einer “das natürliche Bedürfnis nach der eigenen Freiheit ausleben will”. Ein grosser Roman, im eigentlichen Wortsinne Welt-Literatur.

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Titel: Ketzer
Original: Herejes (2013)
Autor: Leonardo Padura
Übersetzung: Hans-Joachim Hartstein
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 3-293-00469-5
Umfang: 656 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Erzählerischer Ausgangspunkt des Romans ist die Ankunft der MS St. Louis im Hafen von Havanna im Mai 1939. An Bord befinden sich mehr als 900 europäische jüdische Flüchtlinge, die vom NS-Regime Visas zur Ausreise erhalten haben. Vieles läuft schief, unterliegt der Korruption, sodass das Schiff schliesslich zum umkehren gezwungen wird und seine Insassen damit in den fast sicheren europäischen Tod schickt. Padura nimmt hier ein erstes Mal ein historisches Ereignis und bestückt es mit fiktionalen Figuren. Diese sind: der Junge Daniel Kaminsky und sein Onkel Joseph, die in Havanna leben und auf die Ankunft von Daniels Eltern, seiner Schwester warten, die sich an Bord des Schiffes befinden. Im Gepäck haben sie ein Christusportrait von Rembrandt, die”Familienreliquie”, die sich seit mehreren Jahrhunderten im Besitz der Kaminskys befindet.

Sprung ins Havanna des Jahres 2007: Mario Conde, Buchantiquar gewordener Ex-Polizist und bereits Protagonist früherer Padura-Bücher, erhält unerwarteten Besuch vom Maler Elias Kaminsky aus Miami, Daniels Sohn. Der Rembrandt, der offenbar 1939 auf verschlungenen Wegen doch nach Kuba gekommen ist, wurde in London auf einer Auktion angeboten. Elias will einerseits das Gemälde “in den Schoss der Familie zurückbringen”, Gerechtigkeit, andererseits die Wahrheit über seinen Vater erfahren, wissen, ob dieser etwas mit einem Mord zu tun hatte, der in Havanna 1958 verübt wurde: Wochen bevor Daniel in die USA flüchtete. Dazu bittet er um Condes Mithilfe. Das Detektivspiel nimmt seinen Lauf.

Diese Ereignisse sind unter dem Titel “Das Buch Daniel” zusammengefasst. Der Fokus liegt, dem Titel gerecht werdend, auf der Figur von Daniel Kaminsky, seinem Kampf mit dem jüdischen Glauben, der Doppelexistenz zwischen karikierter Frömmigkeit und der Welt zugewandtem Hedonismus. Onkel Joseph nennt ihn einen Ketzer.

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Rembrandt: “Ein Christus nach dem Leben” (1648)

Szenenwechsel: “Das Buch Elias”. Hierbei handelt es sich nicht etwa um Elias Kaminsky, sondern um Elias Ambrosius, einen jüdischen Jugendlichen im Amsterdam der 1640er-Jahre, der alles aufzugeben bereit ist, um Maler zu werden wie sein Vorbild Meister Rembrandt. Auch er ist gefangen im Zwiespalt zwischen der Tradition seiner Religion und der unbedingten Freiheit. Er sitzt Modell für ein Christusporträt, das Rembrandt anfertigt – und verstösst damit gegen ein Gebot des Heiligen Gesetzes seiner Religion. Im Angesicht des Verstosses aus seiner Gemeinschaft flieht er.

 

 

“Das Buch Judith” schliesslich kehrt in die kubanische Gegenwart zurück, kaum ein Jahr nachdem Elias Kaminsky Conde aufgesucht hat. Yadine, Enkelin von Ricardo Kaminsky, derselbst Adoptivsohn von Onkel Joseph, taucht vor Mario Condes Tür auf und berichtet ihm vom Verschwinden ihrer Freundin Judy. Sie brauche Hilfe bei der Suche. Conde, der seinen detektivischen Instinkt nicht verloren hat, stimmt zu und begibt sich ins Umfeld dieser Jugendlichen, die der Subkultur der sogenannten Emos angehören: düster gekleidete und geschminkte junge Leute, die es “schmerzt, in einer Scheisswelt zu leben”, weshalb sie nichts mit ihr zu tun haben wollen. Gemeinsam mit einer Menge anderer subkulturellen Gruppen sitzen sie auf den Grünflächen, Bänken und Randsteinen des ehemaligen aristokratischen Boulevards Calle G. Eine neue Welt für Conde, der in diesen Jugendlichen “die sichtbarste und auffälligste Spitze eines Eisbergs einer neuen Generation von Ketzern” erkennt.

Das Verschwinden Judys weitet sich bald zu einem handfesten Kriminalfall aus – und plötzlich erinnert sich Conde wieder an die polnischen Kaminskys, den Mord in den Fünfzigern, die Ankunft und Rückkehr des Schiffes in den Dreissigern, den verschollenen und unter mysteriösen Umständen wieder aufgetauchten Rembrandt… und die Fäden beginnen zusammenzulaufen…

Leonardo Padura versteht es meisterhaft historische Realität und Fiktion miteinander zu verbinden. In den Geschichten seiner Figuren spiegeln sich Ereignisse der Weltgeschichte, die Padura penibel recherchiert hat, wie sein ausführliches Nachwort über die Entstehung des Werks offenlegt. Er nutzt den verzweigten, hervorragend durchdachten Plot, um jüdische Geschichte – das kurze letzte Buch “Genesis” handelt von der Judenverfolgung im Osteuropa des 17. Jahrhunderts, wo Elias Ambrosius in ständiger Todesangst seinem Meister einen Brief schrieb – durch die Jahrhunderte aufzuarbeiten. Daneben nimmt er sich aber auch Zeit für die Realität der gegenwärtigen kubanischen Gesellschaft, für die kubanische Poltik des 20. Jahrhunderts oder für die niederländische Politik und Gesellschaft des 17. Jahrhunderts.

Eindrücklich führt Padura die Gemeinsamkeit vor Augen, die all diesen Figuren quer durch die Jahrhunderte innewohnt: die Frage eben, wie viel Ketzerei nötig ist, um das Bedürfnis nach persönlicher Freiheit ausleben zu können. Der Bogen spannt sich von der Räumung und Zwangsversteigerung von Rembrandts Haushalt 1656 bis zum Aufsatz des verschwundenen Mädchens Judy, in dem es heisst: “Wenn ein Land oder ein System dir nicht erlaubt, frei zu wählen, wo du leben und wohnen willst, ist es gescheitert. Erzwungene Treue bedeutet Scheitern.”

Dem kubanischen Autor ist mit “Ketzer” ein geradezu monumentales Werk gelungen, dem man das Herzblut und die Hingabe, die darauf verwendet wurden, in jeder Zeile anmerkt. Stilistisch  und formal ist das souverän, der Spannungsaufbau lässt Paduras Gespür für Detektivgeschichten erkennen, der Plot ist weit verzweigt, detailreich ausgeschmückt, zeugt von tiefer Kenntnis der beschriebenen historischen Realitäten und ist nahezu perfekt durchdacht. Eine faszinierende Reise durch Raum und Zeit, deren Antritt mit dem Genuss von Welt-Literatur belohnt wird.