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Rezension: Edith Pearlman – Honeydew (Ullstein 2015)

Als Alice Munro 2013 den Nobelpreis für Literatur erhielt, wurde das Interesse auch der europäischen Öffentlichkeit auf eine Textform gelenkt, die hier zu einem Dasein im Schatten des Romans verdammt ist: die Kurzgeschichte. Munros perfektionierte Miniaturen verschafften auch anderen Autorinnen des Genres Aufmerksamkeit.

honeydew

Eine von ihnen ist Edith Pearlman (*1936), die seit mehreren Jahrzehnten Kurzgeschichten verfasst, jedoch erst mit dem Sammelband “Binocular Vision” (2011) in Amerika grössere Bekanntheit erlangte. Eine Nomination für den National Book Award for Fiction war dabei die Krönung des Lobes. Mit ihrem aktuellen, satte 20 Erzählungen fassenden Sammelband  “Honeydew” findet sie nun auch ihren Weg auf den deutschsprachigen Markt. Später Ruhm für eine Autorin, die einmal gesagt hat, es sei sehr wichtig für Schriftsteller, unbemerkt zu bleiben.

“Honeydew” – Honigtau – ist eine geschönte Bezeichnung für die Exkremente bestimmter Insekten, die “als den Boden bedeckender feiner Frost mit einem Geschmack von Honig” beschrieben wird. Honigtau sei das, was in der Bibel als Manna – das Wunder Gottes für die hungernden Anhänger Moses’ – empfangen werde. So zumindest erklärt es in der titelgebenden Erzählung, das magersüchtige Mädchen Emily, das seine überragende Intelligenz dem Studium von Insekten widmet, unter denen sie vor allem Ameisen für dem Menschen überlegene Wesen hält.

Ein scheinbar göttliches Zeichen, das in Tat und Wahrheit nichts anderes ist, als die Ausscheidung eines Ungeziefers: In dieser starken Metapher kommt zum Ausdruck, was vielen von Pearlmans Geschichten zugrunde liegt. Nämlich die Enttarnung naiv-verklärter Illusionen, hinter denen sich oft nichts als lapidare Alltäglichkeit verbirgt.

“Nachts sind alle Katzen grau” sagt in einem der besten dieser Texte – “Drei Richtige” – eine Mutter zu ihrer neunzehnjährigen Tochter und deren Freundinnen, die in Träumen vom perfekten Ehemann schwelgen. Schliesslich überzeugt sie die Mädchen, die Namen von zwölf Jungen auf Zettel zu schreiben und eine Liebeslotterie zu veranstalten. Der gezogene Junge soll danach erobert, im besten Falle geheiratet werden. Die Mutter sagt:

“Ihr werdet sehr glücklich sein. Oder sagen wir glücklich. Glücklich genug.”
“Glücklich genug?”
“Glücklich genug”, wiederholte Sallyanns Mutter für die Prinzessin. “Das ist mehr, als andere Menschen gewährt bekommen.””

Edith Pearlman erzählt davon, was vom Leben, von der Liebe, vom Glück übrigbleibt, nachdem sie von allen romantischen Illusionen, allen Traumgespinste und aller Theatralik entbunden wurden. Viele dieser Geschichten machen Frauen in einem Alter zwischen fünfzig und sechzig zu Protagonistinnen. Geschiedene Frauen, einsame Frauen. Eine Schuldirektorin, die eine Affäre mit dem Vater einer Schülerin hat (“Honeydew”). Eine sich wohltätig engagierende Frau, die erst dank einem Mädchen, das in der Organisation über ihre Genitalverstümmelung berichtet, zu sich selbst und zur Liebe findet (“Was die Axt vergisst, daran erinnert sich der Baum”). Eine Fusspflegerin, die ihren Kunden Hornhaut und Lebensbeichten abnimmt (“Zartfuss”).

Viele dieser Geschichten sind Geschichten über Körper. Oftmals befinden sich die Figuren in intimen Situationen – jedoch bei weitem nicht immer sexuell -, sie wirken verunsichert, sich ihres Platzes in der Welt nicht gewiss. Manchmal werden die Körperfunktionen als Metaphern verwendet, etwa beim jungen Lyle (“Erst mal sehen”), dessen Augen ihm pentachromatisches Sehen ermöglichen. Das heisst konkret: er nimmt wesentlich mehr Farben und Nuancen wahr als die meisten anderen Menschen. Was zunächst als Gabe erscheinen mag, wird in dieser Geschichte, die ebenfalls zu den besten der Auswahl gehört, zu einer Bürde, mit der Lyle nicht leben will.

Topographisch sind die meisten der Erzählungen in der fikitiven Kleinstadt Godolphin, Massachusetts, verankert, die vermutlich nach Pearlmans Wohnort Brookline, Mass., geformt ist. Thematisch und literarisch schöpft die Autorin aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz, den ihre fast 80 Jahre hergeben. Die zwanzig in “Honeydew” vereinten Geschichten – zwischen sechs und fünfundzwanzig Seiten in der Länge – sind nicht alle von gleicher Qualität. Einige sind bloss nett, einige wenige gar etwas richtungslos (“Traumkinder”). Jedoch sind genügend hervorragende, lange nachhallende Texte vorhanden, um die Anschaffung der ganzen Sammlung zu rechtfertigen.

Ob Edith Pearlman die “beste Erzählerin der Welt” ist, wie das dankbare The-Times-Zitat auf dem Buchrücken verkündet, ist zu bezweifeln. In ihren besten Moment ist sie aber auf jeden Fall eine Meisterin ihres Fachs, der es stilistisch gelingt, mit Leichtigkeit von schmuckloser Beschreibung zu barocker Üppigkeit zu wechseln, und ganze Welten auf wenigen Seiten plastisch erlebbar zu machen.

Pearlman, Edith. Honeydew. Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel. Berlin: Ullstein 2015. 320 S., Leineneinband. 9783550080999.

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Rezension: Leila Guerriero – Strange Fruit. Crónicas. (Ullstein 2014)

“Strange Fruit” ist die gekürzte und aktualisierte Fassung des original 2009 erschienenen Sammelbands “Frutos extraños. Crónicas reunidas 2001-2008”. Er bringt erstmals einem deutschen Publikum die argentinische Journalistin Leila Guerriero (*1967) näher, deren crónicas – literarische Reportagen – sich auf ihrem Kontinent bereits einer grossen Popularität erfreuen. Mit Recht, wie die zehn hier versammelten Texte beweisen.

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Titel: strange fruit
Original: Frutos extraños
Autorin: Leila Guerriero
Übersetzung: Kirsten Brandt
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3-550-08060-9
Umfang: 272 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

“Das Einzige, was in der crónica nichts zu suchen hat”, schreibt Guerriero in ihrem Vorwort, das die Textgattung erläutert, “ist das, was nicht existiert.” Sie arbeitet mit einer Methode, die das Wie über das Was stellt: während Letzteres in ihren Texten immer bis ins letzte Detail der Wirklichkeit entnommen sein soll, ist es an Ersterem – sie spricht von den “Winden”, die eine Geschichte weitertragen -, die Begebenheit zu einem packenden, literarischen Text zu formen, die Wirklichkeit als unerhörte novellistische Begebenheit zu behandeln.

Die zehn hier versammelten Texte, zumeist in Guerrieros Heimatland Argentinien angesiedelt, folgen oft Einzelpersonen mit extremen Lebensgeschichten. Da gibt es die Geschichte des an den Rollstuhl gefesselten, todkranken, einsamen 2.30m-Riesen Jorge González, einem ehemaligen Basketballer und Wrestler, der in trüber Umgebung, für die Guerriero immer ein scharfes Auge hat, seine letzten Tage verlebt.

Es wird berichtet von einer angeblichen Kindermörderin, einem Kardiologen, der als Freddie-Mercury-Double auftritt und immer mehr zur Person wird, die er imitiert, von einem Besuch beim peruanischen Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa und seiner Grossfamilie in Madrid oder von der verurteilten Giftmörderin Yiya Murano, die angeblich drei Freundinnen mit Blausäure ermordet hat, dies jedoch heftig bestreitet. Gerade in dieser crónica kommt die stilistische Meisterschaft Leila Guerrieros hervorragend zum Ausdruck: Sie lässt viel Raum für die direkte Rede der Beteiligten und mischt sich selbst nur sehr selten ein. “(I)ch liebe es, die Wirklichkeit zu betreten wie einen Basar voller Gläser: Ich fasse kaum etwas an und verändere nichts”, heisst es im Vorwort.  Und obschon die Autorin dem Geschehen seinen Lauf lässt, versteht sie es mit literarischem Geschick, dem Text eine Richtung zu geben, dieser ambivalenten Episode um die ungeständige Giftmischerin etwa den Geschmack des Unglaubens gegenüber den Aussagen von Murano beizumischen.

Sind es nicht Einzelpersonen, die den Mittelpunkt eines Textes bilden, so hat sich Guerriero Kollektiven angenommen: diese mögen klein sein, wie etwa die Gruppe sogenannt forensischer Anthropologen, die Knochen von Verschwundenen aus der Zeit der argentinischen Militärdiktatur (1976-83) ausgräbt und die Personen zu identifizieren sucht; sie mögen gross und heterogen sein, wie das Kollektiv der Händler, die am gigantischen illegalen Markt La Salada ausserhalb von Buenos Aires ihre Waren feilhalten; oder sie bilden ein ganzes nationales Kollektiv, wie etwa die Bevölkerung Simbabwes in der einzigen ausserhalb der spanischsprachigen Welt angesiedelten crónica: hier wird das beängstigende Bild einer an Arbeitslosigkeit, Armut und Krankheit zu Grunde gehenden, perspektivenlosen Bevölkerung gezeichnet.

Weshalb sie keine Romane schreibt? Im Vorwort, das übrigens “Poetisch wie ein Roman” betitelt ist, schreibt Guerriero, sie habe “nicht den Eindruck, dass [ihre] Phantasie [der Wirklichkeit] noch etwas Wesentliches hinzuzufügen hätte.” Und in der Tat muten die Dinge, die die Argentinierin der Wirklichkeit entlockt hat wie die Stoffe für grandiose Literatur an. Es gebe noch keine Belletristikautoren, die sich von bedeutenden crónica-Autoren inspirieren liessen, heisst es da, aber “es wird eine Zeit kommen, da geschieht auch das.” Was es hingegen gibt, ist der sogenannte Magische Realismus, jene das Übernatürliche mit dem Wirklichen verschmelzende literarische Gattung, der einige der grössten Autoren Lateinamerikas angehören. Liest man Guerrieros crónicas, verschafft sich auf diese Weise einen Einblick in die Gesellschaften des südamerikanischen Kontinents, erscheint es nicht verwunderlich, dass genau hier das Magische und das Reale literarisch zueinander gefunden haben. In diesen kurzen Prosastücken zeigt sich, dass die Wirklichkeit, weiss man sie nur richtig zu erzählen, was Guerriero für sich in Anspruch nehmen darf, eine schier unermessliche Fülle an Phantastischem in sich trägt.

 

 

 

Rezension: Thomas Willmann – Das finstere Tal (Ullstein, 2013 [2010])

Thomas  Willmanns gefeiertes Romandebüt “Das finstere Tal” liegt seit einiger Zeit im Taschenbuch vor. Es ist ein sprachmächtiger Alpen-Western voll von misstrauischen Dörflern, verschwiegenen, verschlagenen Gestalten, blutigen Wunden und rauchenden Gewehren. Kurzum: Die geballte Ladung Männerkitsch – doch raffiniert konstruiert und von eigentümlicher sprachlicher Kraft. 

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Titel: Das finstere Tal
Autor: Thomas Willmann
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3-548-28368-5
Umfang: 320 Seiten, Taschenbuch

Das 19. Jahrhundert: Auf seinem Maultier kommt ein Fremder in ein abgelegenes Alpenhochtal geritten. Nur ein Dorf gibt es hier; dessen Bewohner sind misstrauisch, wortkarg, verschlagen – aber auch gierig. Und genau darum gewähren sie dem Fremden – Greider – gegen ein sattes Entgelt für einen Winter Unterkunft. Er wolle malen, sagt er.

Im abseits des Dorfkerns gelegenen Haus der Witwe Gader und ihrer Tochter Luzi wird er einquartiert. Tagsüber streunt er durch die Gassen, bewaffnet mit seinem Skizzenblock, setzt sich mal hierhin, mal dorthin, versucht, das Vertrauen der Dorfbewohner zu gewinnen – oder zumindest so unauffällig zu werden, dass sie ihn nicht mehr als fremden Störefried wahrnehmen. Dies gelingt ihm. Nur die Söhne des Brenner-Bauern – es gibt deren sechs – behalten den Eindringling mit bösem Blick im Auge. Der Brenner-Bauer: “Der schafft an, was hier heroben geschieht”, sagt die Gaderin. Seine Söhne sind gefürchtet – noch weiss der Leser nicht so recht, warum. Doch der angstvollen Blicke sind viele – und in jedem Gespräch, so denn überhaupt gesprochen wird, schwingt viel Ungesagtes mit.

Dann fällt der erste Schnee – und mit ihm die erste Leiche. Beim Transportieren von Baumstämmen geschieht ein Unfall: Der jüngste Brenner-Sohn schlittert furchtbar entstellt gen Tal.

Während die Dorfbevölkerung den Unfall als solchen hinnimmt, wird der Verdacht des Lesers auf Greider gelenkt. Eine Parallelgeschichte, angesiedelt im klassischen “Wilden Westen” der USA, wird eingeflochten. Man erfährt, dass Greider von dorther seinen Weg ins entlegene Alpenhochtal angetreten hat – und ein Gewehr bei sich hat.

Im Folgenden entwickelt sich die Geschichte zum Spannungsroman. Macht, Vergeltung, Gier und Feuerkraft gewinnen Oberhand. In einer dem Gunslinger-/Western-Genre angemessenen urwüchsigen und vollkommen ironiefreien Sprache entfaltet sich die Geschichte. Raffinierte erzählerische Tricks, wie etwa das Aufspalten eines in der Vergangenheit liegenden Erzählstrangs in zwei eng verschlungene Fäden, sorgen für Nervenkitzel und bisweilen Höchstwerte der Spannung.

In seiner Danksagung nennt Willmann als Autoren, die ihm zum einen oder anderen “Ideen-Lehnstück” verholfen haben: Cormac McCarthy, Walter Van Tilburg Clark und Rauni Mollberg; als “Schutzheilige” des Buches: Ludwig Ganghofer und Sergio Leone.

Tatsächlich wähnt man sich bisweilen – auch wenn sich das Geschehen in einem schneebedeckten Tal entfaltet – in einer diesigen Wild-West-Weite, wie sie Leone und Artverwandte so bildkräftig auf die Leinwand zu zaubern vermochten. Das Buch transportiert die wiederauflebende Popularität, die das Genre zurzeit filmisch geniesst, ins Literarische; in ein kraftvolles Stück Prosa, das nicht über alle Zweifel erhaben ist – denn es ist, wie jeder Western, gnadenloser Männerkitsch und scheut hie und da vor einem Klischee nicht zurück -, das aber clever konstruiert ist, sich einer eindrücklichen, altmodischen Sprache bedient und die verschiedenen Spielarten des Genres hervorragend beherrscht.

Wertung: 7,5 / 10

Rezension: Kirsten Jüngling – Emil Nolde (Propyläen, 2013)

Die erfahrene Biographin Kirsten Jüngling legt mit “Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten.” die erste umfassende Vita des expressionistischen Malers (1867 – 1956) vor. Auf knapp 300 Seiten erzählt sie, bis ins Detail vorbildlich informiert, dieses lange Leben. Es entsteht das Portrait eines grossen Malers, vor allem aber auch das Portrait einer grossen Liebe.

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Titel: Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten.
Autorin: Kirsten Jüngling
Verlag: Propyläen / Ullstein
ISBN: 978-3-549-07404-6
Umfang: 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

1902 heiratet Emil Nolde (geb. Hansen) die dänische Schauspielerin Ada Vilstrup. Bis zu ihrem Tod im Jahre 1946 bleiben sie zusammen, stehen miteinander zwei Weltkriege durch, nagen am Hungertuch, feiern aber auch wirtschaftliche Blütezeiten. Ab 1930 residieren sie meist in einem eigens erbauten Haus im schleswigischen Seebüll, wo sie beide auch bestattet sind. Emil Nolde ist undenkbar ohne Ada Nolde – sowohl als Mensch wie auch als Maler. Dies macht die vorliegende Biographie deutlich, die sich oft auf Primärquellen, vorwiegend Briefe und autobiographische Schriften, beruft.

Der Bauernsohn Nolde, Verkörperung von “Natur und Instinkt”, haderte zeitlebens. In der Jugend mit dem Schicksal, mit Gott, mit den Frauen; später mit anderen Künstlern, vor allem mit Max Liebermann, mit seinem Ausschluss aus der Berliner Secession; noch später mit den Nationalsozialisten, deren Ideale er selbst vertrat, die seine Kunst dennoch als “entartet” empfanden und vieles davon zerstörten; und zum Schluss, nach Adas Tod, haderte er mit der quälenden Einsamkeit und heiratete mit achtzig Jahren die sechsundzwanzigjährige Jolanthe Erdmann. 

Die Biographie kommt ohne ihr titelgebendes Element – die Farbe – aus: Zu sehen gibt es einzig neunzehn Schwarz-Weiss-Abbildungen, meist Fotografien, einige zeigen immerhin im Hintergrund einige Werke Noldes. Doch die Abwesenheit der Malereien stört keinesfalls. Kirsten Jüngling versteht es, mit einem souveränen, meist im Präsens geführten Erzählstil, das Interesse über die volle Länge aufrechtzuerhalten. Die Arbeit basiert dabei auf einem riesigen Fundus an Quellen, wie das ausführliche Literaturverzeichnis und die fast 600 Fussnoten belegen.

Dabei ist ihr die erste umfassende Biographie dieses schwer nahbaren Malers gelungen. Immer ganz Künstler (“Die Kunst des Malers ist keine Gedankenarbeit, sie ist ein Wirken der Sinne.”), doch verhaftet in der Wirtschaftswelt, endlos korrespondierend und Bilder umhersendend; zwölf Jahre lang Mitglied der NSDAP, dem “Deutschtum” zugetan und antisemitisch, und doch ein Opfer der Nazis, die ihn aus der Reichskulturkammer ausschlossen und mit einem Arbeitsverbot belegten; ein ewiger Haderer, meist “angezogen und angewidert zugleich”, einer, der viele Feinde, aber auch einige einflussreiche Freunde hatte; einer, der eine liebende und geliebte Frau hatte, andererseits sich künstlerisch einsam fühlte; einer, der sich 1917 zu seinem 50. Geburtstag selbst porträtierte. Zweifach: einmal als Mensch, einmal als Künstler.

Sich anzunähern an den Menschen und den Künstler, erscheint als grosse und waghalsige Unternehmung. Kirsten Jüngling hat sie in Angriff genommen und mit Erfolg bewältigt. Das Produkt daraus, “Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten”, ist ein ausgewogenes, glänzendes Portrait zweier Menschen, ihres Umfelds – und nicht zuletzt ein Spiegel der geschichtlichen Ereignisse ihrer Zeit.

WERTUNG: 7,5 / 10

Rezension: Viola Ardone – Rezept für ein Herz in Aufruhr (Ullstein, 2013).

Das Romandebüt der jungen Neapolitanerin Viola Ardone entführt in die paranoide Gedankenwelt der Protagonistin Dafne, einer ehrgeizigen Architektin, der die Angst vor ihren eigenen Gefühlen so unerträglich geworden ist, dass sie das Leben mittels einer Geometrie zu erklären sucht. Eine verstrickte, klug erzählte Geschichte über die Unersetzlichkeit von Liebe, Familie und Erinnerung.

Titel

Titel: Rezept für ein Herz in Aufruhr (Original: La ricetta del cuore in subbuglio)
Autorin: Viola Ardone
Übersetzung: Verena von Koskull
Verlag: Ullstein
IBAN: 978-3-550-08029-6
Umfang: 299 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Mit ihrer Geometrie schützt sich Dafne vor Unplanmässigkeiten, bösen Überraschungen, vor allem, was ihre Prinzipien durcheinander bringen könnte. Sie bezeichnet sich selbst als „Periskop“, das alles unter die Lupe nimmt, selbst jedoch verborgen bleibt im Schutze des Wassers. Ihre Gedankengänge sind bisweilen absurd, einer paranoiden Logik folgend, die sie selbst als die „Geometrie ihrer Gefühle“ bezeichnet. Sie selbst fürchtet sich vor ihren Gefühlen, verschweigt ihrer verhassten Psychotherapeutin Dottoressa Lanzetti die Dinge „vor allem, um sie sich selbst nicht zu Ohren kommen zu lassen.“

Einige erfolglose Affären bestätigen sie in ihren Ansichten der Liebe gegenüber. Zumal im Hintergrund ihres Denkens stets  ein vergangener „Er“ dräut, ihr einstmals vermeintlicher Mann fürs Leben. Einzig ihr Arbeitskollege Martini scheint die Macht zu besitzen, zur ‚echten‘ Dafne vorzudringen. Doch alles gerät aus den Fugen, als sie von ihm schwanger ist. Nun erst erhält ihre perfekte, geometrisch berechenbare Fassade Risse und sie bemerkt, dass ihr etwas fehlt: Die Erinnerung an die Kindheit.

Aufgrund von Viola Ardones geschickter Erzählweise ist der Leser stets besser informiert. Die Geschichte spielt sich auf drei Ebenen ab: Einerseits ist da die Gegenwarts-Ebene, personaler Erzählstil, die der Mittdreissigerin Dafne durchs Leben folgt; zweitens sind regelmässig Auszüge aus Dafnes „Geometrie“ abgebildet, Darstellungen und Erläuterungen ihres Weltbilds; zuletzt gibt es immer wieder Kapitel, die von einer jungen Dafne im Primarschulalter verfasst worden sind, kindlich-nüchterne Erzählungen der Dinge, die um das Kind Dafne herum geschahen – und bald wird klar, dass irgendwo in diesen Texten der Schlüssel zum Trauma liegen wird, das Dafnes Erinnerungen ausradiert hat.

Der sprachliche Switch zwischen dieser „Kindersprache“ und dem Rest der Erzählung ist gelungen, wirkt nicht befremdend, sondern bringt eine spannende Vielfalt. Ebenso beherrscht Viola Ardone die Kunst der Andeutung nahezu in Perfektion. Oft kommt es vor, dass bedeutsame Informationen versteckt sind in Nebensätzen, in nicht vollendeten Sätzen, in unscheinbaren Worten oder in den drei altbekannten Punkten. Doch nie wirkt der Roman dabei unverständlich oder bemüht. Ein vielversprechendes, durchdachtes Debüt.

WERTUNG: 7.5 / 10

Rezension: Ulrich Tukur – Die Spieluhr (Ullstein, 2013).

Zwischen Künstlernovelle und romantischer Schauermär bewegt sich der neue Text von Schauspieler, Musiker und Autor Ulrich Tukur, der in „Die Spieluhr“ die Geschichte des 2008er-Films „Séraphine“ ins Phantastische weiterspinnt. Vielleicht ist da eine Welt hinter der Leinwand, ja vielleicht gar unendlich viele Welten.

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Titel: Die Spieluhr
Autor: Ulrich Tukur
Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3-550-08030-2
Umfang: 151 Seiten, gebunden

Der Ich-Erzähler ist Schauspieler. In einem Film über die französische Putzfrau/Malerin Séraphine Louis spielt er deren Entdecker und Förderer, den Kunstsammler Wilhelm Uhde. Soweit die Parallelen zu Autor Tukurs Leben als Schauspieler. Unter Einbezug etlicher Filmszenen spinnt er die Geschichte jedoch weiter, tief hinein in den schwarzromantischen Wald der phantastischen Literatur.

Da hängt einer an einer Linde, die im Winde schwankt. Es ist Regieassistent Jean-Luc, der auf einer Fahrt durch die Picardie auf ein verwunschenes Schloss gestossen ist. Jenes Schloss, in dem Séraphine, dem Wahnsinn anheimgefallen, gewohnt haben soll. Als andere Crewmitglieder des Filmsets zusammen mit Jean-Luc den Ort aufsuchen wollen, ist er nicht mehr auffindbar. Sie halten den Assistenten für verrückt, er flieht, kehrt zurück, um dem Ich-Erzähler seine Abenteuer mitzuteilen, wird darauf am Ast der Linde baumelnd aufgefunden.

Der Erzähler erhält posthum einen Brief des Verstorbenen. Er enthält ein unbeschriebenes Blatt Papier.

Kurz darauf gelangt er selbst in eine andere Wirklichkeit, trifft zur Zeit des Zweiten Weltkriegs auf den Major Friedrich von Rotha, auf das Bild der vollkommen schönen Marquise Marie-Elisabeth, auf die titelgebende Spieluhr, auf ein Cembalo-spielendes Wunderkind namens Amadé, auf Séraphine – kurzum: auf die verworrenen Geheimnisse des verwunschenen Herrenhauses Montrague. Und plötzlich, Spielball unzähliger verwobener Wirklichkeiten, fragt er sich, ob sein „tatsächliches Leben als Schauspieler […] niht schon eine Schimäre war und ein Ursprung, eine eigentliche, eine wirkliche Wirklichkeit gar nicht existierte?“

Virtuos, wie die Kritikersprache so oft sagt, schreibt sich Tukur durch die verschiedenen, drei Jahrhunderte umspannenden Realitäten, geschickt kombiniert er die „wirkliche Wirklichkeit“ (Séraphine, Wilhelm Uhde usw.) mit einer fiktiven Welt (Friedrich von Rotha, der Komponist Giambattista Vialli, dessen göttliche Melodien die Spieluhr von sich gibt) – doch zum Schluss ist sich auch der Leser nicht mehr so sicher, was denn nun wirklich ist und was nicht..

Wertung: 7.5 / 10