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Wiederentdeckung: Claude Cueni – Weisser Lärm. Alptraum vom Grossen Bruder (1981)

Ein seltsames schmales Büchlein fiel mir unlängst in die Hände: das Cover in alarmistischem Gelb, geziert von einem zerzausten roten Katzenköpfchen. Darüber die Aufschrift: “Claude Cueni / Weisser Lärm / Roman / Alptraum vom Grossen Bruder”. Die Fischer-Taschenbuchausgabe (1983) eines Werks, das ursprünglich 1981 beim Aarauer Sauerländer-Verlag erschienen ist.

Der Autor Claude Cueni ist kein Unbekannter. Vor zwei Jahren verschaffte ihm der autobiographische Roman “Script Avenue”, in welchem er unter anderem vom Tod seiner grossen Liebe, von traumatischen Jugenderlebnissen und von seiner eigenen Krebserkrankung erzählt, eine grosse Medienpräsenz. Bekanntheit hatte der 1956 geborene Basler freilich schon zuvor: verschiedene historische Romane, beispielsweise die grosse Trilogie zur Geschichte des Geldes (“Cäsars Druide”, 1,998 “Das grosse Spiel”, 2006, “Gehet hin und tötet”, 2008), waren Bestseller. Des Weiteren arbeitete Cueni als Verfasser von Drehbüchern für diverse deutsche Krimiserien, etwa Peter Strohm und Eurocops. Was hingegen seine frühesten Romane betrifft, so scheinen diese weitgehend der Vergessenheit anheim gefallen zu sein.

Mindestens im Falle von “Weisser Lärm” vollkommen zu Unrecht. In diesem Frühwerk wird nicht die Vergangenheit, sondern eine mögliche Zukunft in den Blick gefasst. Es handelt sich dabei, wie der Orwell anrufende Untertitel schon andeutet, um eine klassische Dystopie, wie sie mir in dieser Ausprägung aus der Schweizer Literatur sonst nicht bekannt ist. Dystopie im helvetischen Literaturschaffen, das heisst vielfach nebelverhangene Bergstollen-Apokalypse: es sei etwa verwiesen auf Dürrenmatts “Der Winterkrieg in Tibet” (1981), Krachts “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten” (2008) und in Ansätzen Burgers “Die künstliche Mutter” (1982) und . Cueni aber lässt uns eintauchen in einen beängstigenden Überwachungsstaat faschistoider Provenienz.

Die Hauptfigur Gustav Bender ist neunundzwanzig Jahre jung, arbeitet als Werbetexter bei der Adler Werbeagentur AG, lebt einsam und zurückgezogen mit seinem Kätzchen Sara in einer heruntergekommenen Wohnung. Als er eines Morgens mit dem unbestimmten Gefühl aufwacht, von einer todbringenden Krankheit befallen zu sein, und seinen Schwager, den Arzt Dr. Habicht, aufsucht, nehmen schreckliche Dinge ihren Lauf. Weil Bender aufgrund einer von irgendwelchen Obrigkeiten, deren genaue Führungsstruktur stets im Dunkeln bleibt, durchgeführten “Longitudinalstudie” zu einem potentiell gefährlichen Subjekt abgestempelt wird, werden er und alle Leute, mit denen er in Kontakt tritt, zu Opfern unerbittlicher Verfolgungen.

Es ist eine perverse Welt, die dieser Text lebhaft vor Augen führt: Alkoholmissbrauch, verstörende Sexualpraktiken, blutige Snuff-Pornos zu Geschäftszeiten. Leute schlafen nackt unter ihren Schreibtischen, im Keller der Agentur sitzen 143 Papageien und lernen einen Werbeslogan (“Miki!”) zu krächzen – und manchmal, manchmal hören Leute einfach auf zu existieren. So mindestens drückt es der korrupte und ekelhafte Agenturchef Adler aus, der den Protagonisten mit “Baby” anspricht, ihn und sich selbst mit Whisky abfüllt und ihm rät, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

“Ein kluger Kopf”, sagt er, “will als erstes keine Dummheiten machen.” Ein Satz, der das Denkverbot treffend zusammenfasst, das den Bürgern dieser dystopischen Gesellschaft auferlegt ist. Wer Fragen stellt, wird bestraft. Überraschende Verhaftungen, Personenkontrollen an jeder Quartiergrenze, seltsam gesichtslose Auftraggeber (alle mit Tiernamen), Zwangsumsiedlungen und Misstrauen gegenüber jeder noch so unscheinbaren Alltäglichkeit bestimmen das Dasein der Leute. Als Gustav Bender von einem “Geheimschutzbeauftragten” namens Bär den Auftrag erhält, in einem sogenannten Single-Wohnhaus den Müll der anderen Bewohner zu durchsuchen, ist er sich bald einmal nicht mehr sicher, ob wirklich nur er und nicht etwa jeder einzelne Bewohner dieses Hauses mit genau diesem Auftrag bedacht sei.

Der ganzen Thematik von der Früherkennung kriminalistischer Aktivitäten durch das Untersuchen des Abfalls, liegt im übrigen eine reale Medienberichterstattung zugrunde. Im Roman arbeiten einige Leute daran aus Medikamenten und einem Stoff, der in Käsepackungen zu finden ist, Sprengstoff herzustellen. Der “Spiegel” berichtete im September 1980 über derartige Vorfälle unter inhaftierten italienischen Rotbrigadisten.

Ist “Weisser Lärm” nun lediglich eine apokalyptische Groteske oder ein sozialpolitischer Alptraum, der näher an der heutigen Realität ist, als uns lieb ist? Mindestens was die technische Komponente betrifft, hat Cueni anno 1981 weise Voraussicht gehabt: elektronische “Wohnzimmersysteme”, “Bildschirmzeitungen” (wenn auch in diesem Fall keine portablen) und die bargeldlose Gesellschaft sind der Realität des 21. Jahrhunderts nah. Was die gesellschaftliche Struktur betrifft, das System totaler Überwachung von oben und alles durchdringender Bürokratie, so sind wir glücklicherweise heutzutage noch einige Schritte davon entfernt – der Diskurs jedoch ist brandaktuell, der “Überwachungsstaat” ein stets am Horizont dräuendes Schreckgespenst. Technische Möglichkeiten und historische Erfahrungen lassen die Erstehung eines derartigen Systems alles andere als unmöglich erscheinen.  Auch aus diesem Grunde ist Claude Cuenis zweiter Roman “Weisser Lärm” von grosser Aktualität. Das unlängst vom Schweizer Stimmvolk überraschend deutlich angenommene Nachrichtendienstgesetz lässt grüssen.

In einer Welt, in der keinem Menschen mehr vertraut werden kann, in der die persönliche Freiheit auf ein absolutes Minimum beschränkt ist, in der die letzte und einzige Wärme und Liebenswürdigkeit von einem verspielten kleinen Kätzchen ausgeht, lässt es sich nicht leben. “Weisser Lärm”, dieses erschreckende (und erschreckend gute) Frühwerk von Claude Cueni, fasst den Alptraum in lang nachhallende Worte. “Weisser Lärm” ist nicht nur ein spannendes Zeitdokument. Es ist eine erschütternde Geschichte darüber, wie wenig stichhaltige Argumente es braucht, um eine Person aus der Gesellschaft auszugrenzen, wenn nur genug Drohgebärden und Machtinstrumente aufgeboten werden. Und: Gerade in der heutigen Zeit ist der Text auch eine Mahnung, dass diffuse Ängste, etwa diejenige vor dem “Terror”, nicht das Aufgeben persönlicher Freiheiten befördern sollten – denn dies könnte weitaus schlimmere Folgen nach sich ziehen. 

Eine unbedingte Leseempfehlung.

Cueni, Claude. Weisser Lärm. Alptraum vom Grossen Bruder. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 1983. 144 S. 3-596-22853-0

Rezension: Tom Zürcher – Der Spartaner (Lenos Verlag, 2016)

Sechs Romane hat der Schweizer Autor Tom Zürcher geschrieben. Veröffentlichen lassen hat er davon bislang zwei: vor achtzehn Jahren die irrwitzige Detektivstory “Högo Sopatis ermittelt” (Eichborn, 1998) und unlängst “Der Spartaner” (Lenos Verlag, 2016). Es sind die Aufzeichnungen eines jungen Mannes auf der Suche nach Freiheit, Wahrheiten und seiner Rolle im “grossen Bürgertheater”. Ein Roman, der darauf hoffen lässt, dass Tom Zürcher dereinst auch seine noch in der Schublade ruhenden Werke der Öffentlichkeit vorstellen wird.

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An einer Klassenzusammenkunft zückt ein junger Mann, den alle nur den “Spartaner” nennen, eine Pistole… Der Ich-Erzähler des Romans, ein guter Freund des Spartaners, wird nach dieser Katastrophe in ein Privatsanatorium eingeliefert. Er nennt es “Hotel ohne Fenster”. Akribisch hält er alle Eindrücke, Gedanken und Gespräche fest: die Absurditäten seiner Mitinsassen “Buffi” und “Fanolo”, die täglichen Sitzungen mit seiner Ärztin, den Konflikt mit seiner Mutter, Fragmente der Vergangenheit, die nach und nach an die Oberfläche dringen und den Leser Schritt für Schritt rekonstruieren lassen, was vorgefallen ist bzw. vorgefallen sein könnte.

Ein Lieblingssatz des Protagonisten ist: “Es gibt keine Wahrheit, es gibt hundert.” Wie viele seiner Leitzitate schreibt er ihn dem Spartaner zu, dessen bedingungslose Freiheit und Ablehnung des “grossen Bürgertheaters” er idolisiert. Zwei Wege sind ihm gegeben, diesen Wahrheiten auf die Spur zu kommen: das Schreiben und die Gespräche mit “seiner” Ärztin, mit der ihn bald ein seltsames Verhältnis verbindet, das über die übliche Vertrautheit von Arzt und Patient hinausgeht.

“Schreiben Sie einfach drauflos, hat sie gesagt. Schreiben Sie alles auf, was Ihnen durch den Kopf geht. Mir geht allerhand durch den Kopf, wissen Sie. Gedanken sind wie weisse Kanninchen. Kaum ist mehr als einer da, rammeln sie drauflos, und plopp! sind es hundert, und alle hoppeln durcheinander und knabbern meine Kabel an.”

Die Konstruktion des Romans ist geschickt angelegt: Aufzeichnungen und Sitzungsprotokolle (ebenfalls vom Ich-Erzähler angefertigt, “wortwörtlich, wie er vorgibt) wechseln sich ab. Oftmals beziehen sie sich aufeinander: die Aufzeichnungen werden in den Sitzungen besprochen, die Sitzungen in den Aufzeichnungen nachbearbeitet. So clever wie der Roman strukturiert ist, so routiniert ist er stilistisch ausgefertigt. Besonders hervorzuheben ist hierbei die handwerkliche Meisterschaft der Dialoge. Sie sind rasant, humorvoll, nachvollziehbar und niemals künstlich überspitzt, sondern nahe an einer vertrauten Alltagssprache: eine Qualität, die nicht hoch genug gelobt werden kann, scheitert doch manch ein ansonsten hochbegnadeter Schriftsteller an der Klippe des Dialogs. Nicht Tom Zürcher.

“Der Spartaner” ist ein raffiniertes Spiel, in dem die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, Verrücktheit und gesellschaftlicher Konvention, Erinnerung und Verdrängung auf gleichsam unterhaltende wie tiefsinnige Art und Weise ausgelotet werden. Ein Roman, der mehr sein müsste, als lediglich ein Geheimtipp, ja: das Werk eines Autors, von dem man gerne mehr lesen möchte!

Hier geht es zu einem längeren Interview mit Tom Zürcher über sein Leben und Schaffen.

Zürcher, Tom. Der Spartaner. Basel: Lenos Verlag, 2016. 256 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978 3 85787 468 0

Rezension: Dominique Anne Schuetz – Von einem der auszog, die Welt zu verschieben (europa 2015)

Die Schweizer Autorin Dominique Anne Schuetz legt mit “Von einem der auszog, die Welt zu verschieben” ihren mittlerweile vierten Roman vor. Er handelt von Menschen, die – jeder auf seine Weise – aus ihrem beengenden Dasein auszubrechen suchen, im übertragenen wie im ganz konkret topographischen Sinne. Präzise recherchierte historische Fakten und unterschiedliche Charakterstudien fügen sich zu einem Stimmungsbild der jungen, enthusiastischen Vereinigten Staaten in den 1880er-Jahren. Das ist mal tiefsinnige, mal leichte Unterhaltung – insgesamt vielleicht etwas zu leicht?
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Im Zentrum der Erzählung, die im Jahr 1888 beginnt, stehen zwei mitteleuropäische Männer. Zunächst ist das der St. Galler Buchhalter Ferdinand Ulrich, der als Kind Matrose hatte werden wollen, seinem konservativen Familienumfeld aber nicht entfliehen konnte und deshalb Recht studierte. Seine Mutter, sein Bruder – der in der St. Galler Stiftsbibliothek arbeitet – und seine Verlobte Johanna können sich ein Leben ausserhalb der beschaulichen Ostschweizer Stadt kaum vorstellen. Eines Tages packt Ferdinand das Fernweh – er schmeisst alles hin und bricht auf.

Zur gleichen Zeit wird in München der Geigenbauer Aloysius Brandl, der “weder Sinn fürs Geschäftliche noch für die Realität” besitzt, aus dem Gefängnis entlassen, wo er wegen eines Violinendiebstahls einsitzen musste. Ein skurriler Zufall lässt ihn, den vollkommen Perspektivenlosen, unverhofft wieder zu Geld kommen, welches er denn auch sogleich einsetzt, um wegzugehen. Nach Bremerhaven, wo die Dampfer in Richtung Amerika auslaufen.

Um an eine Fahrkarte zu kommen, macht er ein Versprechen: er soll das kleine ungarische Mädchen Janka, dessen Grossvater die Strapazen der Reise nach Deutschland nicht überlebt hat, bei seinen Verwandten im Dorf Ulysses, Kansas, abliefern. Und so beginnt die Odyssee dieses ungleichen Paares.

Es ist diese Ortschaft im Herzen der USA, wo es letztlich auch zur dramaturgisch natürlich unvermeidlichen Bekanntschaft zwischen Aloysius und Ferdinand kommt. Die (tatsächliche) faszinierende Geschichte von Ulysses, Kansas, bildet den Rahmen dieses Romans, dem Dominique Anne Schütz ihre Charaktere einschreibt, sie – zumindest Ferdinand – zu entscheidenden Figuren für das Schicksal des Ortes macht.

Der Roman ist in vier Teile unterteilt, wovon die ersten beiden, die Aufbruch und Reise der beiden Protagonisten bis und mit ihres ersten Aufenthalts in Ulysses erzählen, den grössten Teil ausmachen. Ein kurzes Intermezzo von gerade einmal vierzig Seiten schildert dann “Die vielen Jahre dazwischen”, das heisst konkret zwanzig Jahre, während derer Ferdinand und Aloysius wieder ihre eigenen Wege gehen, der eine zurückkehrt nach München, um Instrumente zu bauen, der andere die ganze Welt bereist. Und erst im letzten Teil, der ebenfalls nur achtzig Seiten ausmacht, kommt es zur Erzählung der eigentlich unerhörten Begebenheit dieser Geschichte: der buchstäblichen Verschiebung des über alle Massen verschuldeten Dorfes Ulysses einige Meilen hinaus in die Prärie.

Die historischen Tatsachen im Buch sind präzise recherchiert und subtil in die Geschichte eingearbeitet, so dass ein durchaus auch sinnlich erfahrbares Stimmungsbild der Zeit entsteht. Die Charakterstudien der Figuren, die alle irgendwie bestrebt sind Einengungen ihres Lebens zu entfliehen – manche mit mehr, manche mit weniger Mut – sind stellenweise tiefsinnig, stellenweise aber auch etwas gar oberflächlich. Gerade der letzte Teil des Buches, der allzu offensichtlich auf ein versöhnliches Ende angelegt ist, übergeht die eigentlichen Probleme zu oft. Die Sorgen und Nöte eines Dorfes, das so sehr verschuldet ist, dass es sich gezwungen sieht, die gesamte Ansiedlung in einer mühseligen Prozedur in die Prärie hinaus zu verschieben, um der Pleite zu entgehen, das Psychogramm einer Dorfgemeinschaft am Abgrund, die sich allen Widerständen zum Trotz aufrafft und das Unmögliche möglich zu machen versucht: das literarische Potenzial, das darin steckt, wird von der Autorin leider nicht vollständig ausgeschöpft.

Diese Kritik soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass “Von einem der auszog, die Welt zu verschieben” ein sprachlich souveräner, jederzeit unterhaltsamer, humorvoller und historisch anregender Roman ist, dessen Lektüre lohnt.

Schuetz, Dominique Anne. Von einem der auszog, die Welt zu verschieben. Zürich: europa verlag 2015. 320 S., gebunden m. Schutzumschlag. ISBN 978-3-906272-36-8.

Rezension: Michael Fehr – Simeliberg (Der gesunde Menschenversand, 2015)

Kurz
Bedrohlich
Obskur

Michael Fehrs reduktionistische Prosa verdichtet sich im Kriminalfall „Simeliberg“ zu einem düsteren Schwarz-Weiss-Gemälde menschlicher Abgründe.
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Drunten im Tal, abseits des sowieso schon abgelegenen Dorfes, hat sich der alte Bauer Schwarz ein überdimensionales Haus gebaut. Da lebt er, scheinbar bettelarm, mit seiner Frau. Als die Frau eines Tages nicht mehr im Dorf auftaucht, setzen sich erste Gerüchtewellen in Bewegung.

Der Gemeindeverwalter Griese, Sohn eines deutschen Vaters und als solcher ohne Chance, jemals vollwertiger Teil der Dorfgemeinschaft zu werden, wird hinab geschickt, um Schwarz zu holen und in die Stadt zu bringen, wo die Sozialhilfe seine Ansprüche auf Fürsorge prüfen soll.

Schwarz scheint irr: er schwadroniert vom Sozialismus, hat Pläne, den Mars zu kolonisieren und eine Kassette mit Bündeln von Tausendernoten. Von wegen bettelarm. Griese schöpft Verdacht und bleibt dran, obwohl ihn niemand für zuständig hält.

Als kurz darauf – Schwarz ist in der Stadt in Gewahrsam – das grosse Haus explodiert und sieben junge Männer, die Schwarz als Guru verehrt und ihn finanziert haben, dabei ums Leben kommen, wendet sich die Stimmung gegen Griese, den halbfremden Gemeindeverwalter. Wurde der nämlich nicht bei Schwarz‘ Haus gesehen? Hat der nicht von einer Kassette mit Tausendernoten geredet, die niemand mehr findet? Hat der nicht immer ein Gewehr im Auto?

Der junge Schweizer Autor Michael Fehr leidet an einer Sehschwäche, die es ihm nicht erlaubt zu lesen und zu schreiben. Stattdessen hört und spricht er. Seine Texte auf ein Diktiergerät etwa. Er braucht weder ganze Sätze noch Satzzeichen. Seine Sprache besteht aus aufeinandergetürmten Fragmenten, die rein optisch den Eindruck erwecken, man habe es mit einem Versepos oder ähnlichem zu tun.

Doch der erste Blick täuscht, wie so oft. Es ist eben gesprochene und gehörte Sprache, rauh und dialektgefärbt, die hier in derben Stakkatosalven verschossen wird. Sprache, die ihren markantesten Ausdruck in der Textform des Telefongesprächs findet, die immer wieder zum Einsatz kommt: Griese telefoniert – die Stimmen am anderen Ende der Leitung bleiben stumm, müssen von den Lesern selbst ergänzt werden.

So funktioniert „Simeliberg“: ein Bruchteil dessen, was ist, steht auch da, sich den Rest hinzuzudichten obliegt den Lesern. Man kann dem Buch vorwerfen, es blieben letztlich zu viele Fragen offen. Man kann aber auch sagen: es ist viel Raum zum Selberdenken vorhanden.

Und die Gedanken schweifen ab in die düstere Gefilde. Grieses Ausweglosigkeit inmitten des ganzen Schwarz-Weiss-Panoramas – alle Figuren ausser ihm heissen Schwarz oder Weiss/Wyss – wird sehr schnell klar. Gefangen in einem Netz aus undurchschaubaren bürokratischen Verfahren und latentem Fremdenhass ist es ihm zunehmend unmöglicher, seine Meinung geltend zu machen.

Polizei, Sozialhilfe und Dorfgemeinschaft scheinen sich zu verbrüdern und Position für den Scharlatan Schwarz zu beziehen: seine wirren Mars-Pläne werden als legitimer Trost nach dem Tod der Frau interpretiert.

Ein fundamentales Paradox wird offenbar: das exotische und ferne Andere fasziniert, das Andere, das bereits hier ist, eben das „Fremde“, provoziert und erregt Hass. Es ist eine der Schlussfolgerungen, die ich „Simeliberg“ entnommen habe – ein Gedanke, den man sich auch in den politischen und gesellschaftlichen Diskussionen dieser Tage wieder einmal bewusst machen sollte. Ein heuchlerisches Herrengefühl, das nicht nur in den hintersten Schweizerkrachen, sondern in grösseren Teilen Westeuropas seine unsäglichen Bahnen zieht.

“Simeliberg”, diese “existenzielle Geschichte zum Thema Schuld”, wie der Autor sie im Interview mit Der Zeit selber nannte, legt in groben Wortskizzen viele Verbohrtheiten und Vorurteile unsere Gesellschaft offen, über die es sich auch in weitgefassterem (europäischem, globalem) Kontext nachzudenken lohnt.

Fehr, Michael. Simeliberg. Luzern: Der gesunde Menschenversand, 2015. 142 S. ISBN 978-3-03853-003-9

Rezension: Patrick Hohmann – Werenbachs Uhr (Bilgerverlag, 2015)

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An Unternehmen wird heutzutage gerne der Anspruch gestellt, auch als Geschichtenerzähler agieren zu können. Stichwort “Storytelling”, Stichwort “Content Marketing”. Produkte sollen in Narrative eingebunden werden, die bei der Zielgruppe möglichst positive emotionale Reaktionen hervorrufen. Warum diesen Gedanken nicht auf die Spitze treiben?, mag sich der Zürcher Unternehmer und Autor Patrick Hohmann gedacht haben – und hat gleich einen ganzen Roman über die bewegte Entstehungsgeschichte des Produktes geschrieben, das er vertreibt:

“Werenbachs Uhr” ist ein Griff in die unternehmerische Trickkiste, der durchaus auch auf literarischer Ebene zu überzeugen vermag.

Am Anfang steht ein dramaturgischer Kniff: Aus WERENBACH, dem Namen seiner Firma, macht Patrick Hohmann in seinem Roman einen Menschen, den besten Freund des Ich-Erzählers. Damit erhebt er sich von Beginn weg über das reine Marketing-Storytelling, betritt die Welt literarischer Fiktion.

In dieser entpuppt sich besagter Werenbach als ein etwa vierzigjähriger Marketingmensch, der sich von spontanen Eingebungen leiten lässt und alles meidet, “was ihn in irgendeiner Form seiner Freiheit berauben könnte”. Seine neueste (Schnaps)idee: eine Uhr aus alten Raketenteilen. Eine Uhr mit Geschichte, eine Uhr, deren Material einst im Weltall geflogen ist!

Ohne Rücksicht auf Verluste zieht er den Erzähler samt dessen Frau Mara, die Werenbach häufig als Störenfried in den eigenen vier Wänden wahrnimmt, in sein Abenteuer mit hinein. Der grösste Teil des Buches dreht sich um die konfliktreiche Materialbeschaffung, die Werenbach und seinen besten Freund ins ferne Kasachstan führt, wo sie sich einer fremden Verhandlungs-, Verkaufs- und Gastgeberkultur gegenübersehen. Angewiesen auf Mittelsmänner und -frauen, versuchen die beiden angehenden Uhrenhersteller, an die Wrackteile einer alten Sojus-Rakete zu gelangen und deren Transport in die Schweiz zu organisieren. Extreme Wetterbedingungen, sprachliche Pattsituationen, unwirtliche Unterkünfte und lange Busfahrten kommen in die Quere. Werenbach ist jederzeit hin- und hergerissen zwischen akuter Zeit- und Geldknappheit und seiner unbändigen Lust, ein Abenteuer zu erleben.

“Werenbachs Uhr” ist die unterhaltsame Geschichte einer strapazierten Freundschaft und gleichzeitig das Manifest eines entschlossenen Unternehmers, der im Überwinden scheinbar unüberwindbarer Barrieren seine grösste Herausforderung sieht.

Auch wenn der Roman nicht zu jeder Zeit stilsicher verfährt, auch wenn plotarme Zwischenräume etwas penetrant mit ständigen Beschreibungen von Leuten beim Essen gefüllt werden, ist der Kern der Sache – die Geschichte des Produktes eben – doch inspirierend und in eine lustvoll erzählte Romanhandlung eingebettet. “Werenbachs Uhr” kann letztlich als eine gelungene Symbiose von Literatur und Marketing bezeichnet werden – ist hiermit ein neues Genre geboren?

Hohmann, Patrick. Werenbachs Uhr. Zürich: Bilgerverlag, 2015. 291 S., gebunden m. Lesebändchen. 978-3-03762-052-6

Rezension: Catherine Safonoff – Der Bergmann und der Kanarienvogel (Rotpunkt 2015 [2012])

Ein Buch schreiben über das Buch, das man schreibt: Diese kompromisslose Selbstreflexivität liesse sich schnell als Einfallslosigkeit abtun. Doch machte man es sich damit etwas gar leicht. Auch bei Catherine Safonoffs autobiographischem Zeugnis “Der Bergmann und der Kanarienvogel” lohnt der Blick hinter die Fassaden dessen, was offensichtlich scheint. 

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“Der Bergmann und der Kanarienvogel”: Das sind 81 Kapitel auf gerade einmal 173 Seiten. 81 Kapitel, in denen eine über siebzigjährige Frau, die wir bedenkenlos mit der Autorin (*1939) gleichsetzen dürfen, davon erzählt, wie sie eine Psychotherapie beginnt, sich in den Therapeuten verliebt und darüber ein Buch schreibt – eben dieses Buch, “Der Bergmann und der Kanarienvogel”.

Bergmänner, so wird gesagt, haben früher Kanarienvögel mit in die Dunkelheit unter Tag genommen, weil diese besonders stark auf Luftveränderungen reagieren. Hat es irgendwo zu wenig Sauerstoff, kippen sie von der Stange: für den Bergmann das Zeichen, die Rückkehr anzutreten. In ihrem Text begibt sich die vielfach preisgekrönte Genfer Autorin Catherine Safonoff in das Bergwerk ihres eigenen Ichs, ihrer Hoffnungen, Wünsche, Begehrlichkeiten und ihrer Vergangenheit. Und wer ist ihr Kanarienvogel, der sie davor beschützt, sich gänzlich in diesem Höhlensystem der Selbstbetrachtung zu verlieren?

Die Therapiesitzungen bei Doktor Ursus, in den sich die Erzählerin verliebt hat, bilden den roten Faden des Textes. Dazwischen während alltägliche Begebenheiten erzählt, Lektüren verarbeitet oder Rückblenden in die Vergangenheit unternommen. Die Depression, wegen der sie sich ursprünglich in die Behandlung begeben hat, ist stets präsent. Der Tonfall ist verdriesslich, überall schwingen Ängste mit: die Angst vor dem dem Altern, dem Alter, dem Altsein, die Angst vor dem Nicht-mehr-begehrt-werden, die ewige und grösste Angst vor dem Verlassenwerden.

Rettung scheint nicht in Sicht. Es fallen Sätze wie: “Ich nannte mich wenigstens Frau, ich hatte auf jeden Fall die Definition meines Geschlechts. Das ist vorbei, ich bin alt, erledigt.” Einzig und alleine das Schreiben ist es, das Abhilfe schafft, einen Ausweg darzustellen scheint aus diesem unerbittlichen Strudel von Vergänglichkeitsbewusstsein, Angst und Frustration. Sie schreibt: “Das Schreiben ist die einzige Tätigkeit, die es mir erlaubt, nicht an etwas anderes zu denken.”

Somit ist “Der Bergmann und der Kanarienvogel” auch das Zeugnis eines Überlebenswillens. Schreiben als letzter, als einziger Weg, dem Leben zu trotzen, in ihm bestehen zu können: Es wäre vermessen, eine solcherart entstandene Selbstreflexivität als Einfallslosigkeit abzutun.

Die bisweilen schonungslose Selbstkritik, die kleinen Lichtblitze feinen Humors und die interessanten Gedanken zu verschiedenen Lektüren (u.a. Kafka, Pascal Quignard, Virginia Woolf, Nicolas Bouvier) machen “Der Bergmann und der Kanarienvogel” allemal lesenswert. Für mich jedoch vermögen auch diese Elemente nicht darüber hinwegzutäuschen, dass die Umtriebigkeit der Erzählerin, die Momente, in denen die Selbstkritik in Weinerlichkeit kippt, und die omnipräsente sexuelle Frustration sich negativ auf die Lektüre auswirken. Gerade bezüglich letzterer treibt Safonoffs Prosa manchmal seltsame Blüten. Zum Beispiel: “Ein Schriftsteller kann sich von dem distanzieren, was er schreibt: Diese Distanz ist schon durch die Biologie gegeben, durch sein Glied, das ausserhalb des Körpers hängt. Diese Distanz kann eine Frau nur wahren, wenn sie sich beim Schreiben ganz und gar hingibt. Ein authentisch weibliches schreiben besteht aus ihren Säften, ihrem Blut.”

Im Jahr seines ursprünglichen Erscheinens, 2012, wurde “Le mineur et le canari” mit dem Eidgenössischen Literaturpreis geehrt. Eine hohe Ehre für ein autobiographisches Zeugnis, das zwar in seinen besten Momenten mit kompromissloser Ehrlichkeit und klarem Blick für die kleinen Imperfektionen des Lebens beeindruckt, in seinen schlechtesten Momenten aber wie die Tirade einer frustrierten Frau anmutet, die mit ihrem Alter, ihrem Geschlecht und ihren Mitmenschen nicht mehr klarkommt.

Safonoff, Catherine. Der Bergmann und der Kanarienvogel. Aus dem Französischen von Claudia Steinitz. Zürich: Rotpunkt 2015. 176 S., Leinen. 9783858696434

Rezension: Silvio Blatter – Wir zählen unsere Tage nicht (Piper, 2015)

Der Aargauer Schriftsteller Silvio Blatter nähert sich in seinem neuen Roman “Wir zählen unsere Tage nicht” der komplexen Dynamik einer Familie an. Tiefgreifende Veränderungen kündigen sich in den Leben der älteren Eheleute Isa und Severin Lerch sowie  ihrer erwachsenen Kinder Matthias und Sandra an, existenzielle Fragen drängen sich auf. Soll man seine Tage zählen – oder doch lieber nutzen?

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Isa Lerch, eine prominente Radiomoderatorin mit wachsendem Alkoholproblem, selbstgefällig, ausgestattet mit einer professionellen Neugier, Angehörige eines konsumorientierten intellektuellen Mainstreams, steht kurz vor der Pensionierung. Ihr Mann Severin ist ein belesener, leicht überheblicher Bildhauer. Er fräst mit einer Kettensäge grobe Skulpturen aus Holz, sein Arbeitsort ist eine abgelegene Kiesgrube, die plötzlich von einem skrupellosen Paintball-Club mitgenutzt wird und bald zugeschüttet werden soll.

Isa und Severin, beide etwas über sechzig, sind “kein symbiotisches Paar”, jeder verfolgt seine eigenen Interessen, “es war keine Seltenheit, dass sie ein paar Tage nichts voneinander hörten”. Dennoch scheint ihre Liebe (oder ist es Respekt? Vertrauen?) gefestigt, die anstehenden Zeiten der Veränderung verunsichern jedoch beide. Ein drastischer Wandel des Lebensstils droht – werden sie ihre Interessen miteinander vereinen können?

Isa und Severin haben zwei Kinder, beide um die vierzig Jahre. Sandra ist eine “Familienfrau”, verheiratet mit dem ambitionierten grünliberalen Politiker Rainer, Mutter eines achtjährigen Sohnes. Es heisst: “unglückliche Familie verstörten sie”, sie “belächelte Höhenflüge und Hirngespinste”. Da erscheint es dramaturgisch nur konsequent, dass gerade ihre Ehe vor einer harten Prüfung steht und auch sie Lust auf den einen oder anderen Ausbruch aus dem Alltag bekommt… Auch Sohn Matthias, Leiter von Seminaren zur Lebens- und Führungsoptimierung, erfährt in Liebesdingen Turbulenzen. Er ist geschieden, seine Tochter Lucie lebt bei der Ex-Frau, er hat ein Auge auf die kosovarische Kellnerin Elmira geworfen, womit er sich jedoch bei deren Familienclan unbeliebt macht…

Silvio Blatter nähert sich aus allen vier Perspektiven den Figuren an, zeigt keine Präferenzen, wahrt zu allen dieselbe Distanz. Die unterschiedlichen Konflikte, die die Familienmitglieder untereinander oder mit anderen haben werden in präziser, gelassener Sprache ausgelotet. Das Aufeinanderprallen des spiessbürgerisch-nüchternen Rainer mit Severin, dessen Ignoranz und das “kindische Gebaren” des Künstlers er verabscheut, ist spannend ohne dass es je zum offenen Ausleben der Abneigung kommt. Der stille Konflikt, den Mutter Isa und Tochter Isa austragen wenn sie bei ihren Treffen im Hallenbad alle kritischen Themen umschiffen, explodiert ebenfalls nie. Obschon die Tochter der Mutter insgeheim vorwirft, sie interessiere sich für Probleme nur “wenn sie in ein Format passten, wenn man im Radio darüber sprechen konnte bis zum Schlusswort: Lassen wir das so stehen.” 

Geht das alles zu reibungslos vonstatten? Silvio Blatter, der sich im Laufe seiner langen schriftstellerischen Laufbahn schon öfters mit Spannungen in Eltern-Kind-Verhältnissen beschäftigt hat, lässt seine Figuren nicht an den Klippen von Streit und Rachsucht zerschellen. Wohl begegnet einem im Laufe der Geschichte manch ein gescheitertes Lebensprojekt, insgesamt aber lenken letztlich alle Beteiligten ihre Geschicke in versöhnliche, nur manchmal leicht wehmütige Bahnen. “Wir zählen unsere Tage nicht” ist keine klassische Zerfallsgeschichte, in der ein auf den ersten Blick makelloses Familienportrait nach und nach mit feinen Rissen überzogen wird, bis alles in sich zusammenfällt. Vielmehr werden hier auch die Dinge in den Fokus gerückt, die das Gefüge allen Rissen zum Trotz noch zusammenzuhalten vermögen. Es wird gezeigt, dass wenn man gewisse Konflikte als etwas selbstverständlich Familiäres akzeptiert, sich nicht darin verbeisst, der Blick nach vorne wesentlich leichter fällt.

Silvio Blatter (*1946) hat mit Severin und Isa Lerch zwei Figuren geschaffen – ungefähr der Generation des Autors selbst entstammend -, deren couragierte Lebensentscheidung beeindruckt. In einem Alter, in dem viele – und gerade die eigenen Kinder – ein baldiges Zurücktreten in die zweite Reihe vermutet hätten, entschliessen sich Severin und Isa noch einmal etwas Neues zu beginnen, ihre Tage nicht mehr angstvoll zu zählen, sondern sie zu nutzen.

Blatter, Silvio. Wir zählen unsere Tage nicht. München: Piper 2015. 304 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-492-05645-8

Zürcher Streifzüge (7): Ein Porträt des Dichters als junger Architekt

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“Zwischen dem Türkisblau des Wassers, woran ich mich in drei Stunden nicht satt gesehen habe, und dem hohen Laubwald, der diesen Fleck der Seligen umgrenzt, liegen sie auf dem Rasen, Körper von jugendlicher Pracht; aus der ruhigen Grünfläche überrascht die Ockerfarbe ihrer Glieder. Das ist etwas ungewöhnlich Schönes, unverhüllte Menschen in der Landschaft zu sehen. Denn in vielen Bädern ist es keine Landschaft mehr, sondern Kulisse, was den Badenden umgibt, sodass sich dann der ausgekleidete Mensch meist unpassend ausnimmt.”

Dieses Zitat stammt aus dem Aufsatz über das Wellenbad des Zürcher Grand-Hotel Dolder, betitelt “Vom kleinen Meer im Wald”, der am 28. Juni 1935 in der Neuen Zürcher Zeitung abgedruckt wurde. Der mit solcher Faszination über das Freibad schreibt, ist ein junger, damals noch nicht fünfundzwanzigjähriger Schriftsteller, dessen erster Roman ein Jahr zuvor erschienen und von der Presse überaus lobend besprochen worden ist: Max Frisch.

Von klein auf hatte Frisch Schriftsteller werden wollen, hatte lustlos Germanistik studiert und war durch den plötzlichen Tod des Vaters 1932 zwar vom universitären Trott befreit, jedoch auch gezwungen worden, sich einen Broterwerb zu suchen, wodurch er bei der NZZ landete. Der Journalismus behagte dem jungen Schriftsteller nicht, auch dann schreiben zu müssen, wenn man nichts zu sagen hat, entsprach nicht seinen Vorstellungen.

So begab es sich denn, etwas mehr als ein Jahr nach Erscheinen des Wellenbad-Artikels, dass Max Frisch an der ETH Zürich ein Studium der Architektur in Angriff nahm. Noch während des Studiums veröffentlicht er seinen zweiten Roman (“Antwort aus der Stille”, 1937), danach jedoch folgt bis 1944 keiner mehr. Dazwischen liegt eine kurze, eigentlich bedeutungslose Karriere als Architekt, aus der aber ein Projekt hervorgegangen ist, das dem Zürcher Stadtbild bis heute erhalten ist: das Freibad Letzigraben.

Als Max Frisch 1940 sein Diplom erhält, herrscht bereits seit einem Jahr Krieg. Für den jungen Architekten beginnt ein mühseliges Doppelleben zwischen der neuen Arbeit und dem Aktivdienst als Kanonier in der Armee; für das Schreiben bleibt wenig Zeit. 1941 entsteht ein erstes Gebäude, ein Haus für seinen Bruder. In der Erzählung “Montauk” (1975) wird Frisch über dieses und andere seiner Abenteuer als Architekt Bilanz ziehen.

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Dann kommt die grosse Chance: Im Oktober 1942 schreibt der Stadtrat einen Wettbewerb für die Gestaltung der Freibadanlage auf dem 3,5 Hektar grossen “städtischen Land am Letzigraben, zwischen Albisrieder- und Edelweisstrasse” aus. Die Vororte Albisrieden und Altstetten, auf denen das Land liegt, waren erst 1934 in die Stadt Zürich eingemeindet worden, hatten aber sich aber schon zuvor bestrebt gezeigt, ein eigenes Schwimm- und Luftbad zu bauen, da doch eine beträchtliche Entfernung zum Zürichsee besteht. Die Auffassung, dass öffentliche Bäder an natürlichem Gewässer liegen müssen, musste die Stadt mit zunehmendem Wachstum aufgeben. Im Vorfeld der Landesausstellung 1939 war im nördlichen Stadtteil Oerlikon der Prototyp des suburbanen Freibades entstanden, das ebenfalls heute noch bestehende Bad Allenmoos. Immer mehr wurden Freibäder zu einem bedeutenden gesundheitspolitischen Anliegen der sozialdemokratischen Stadtregierung.

Am 28. Mai 1943 reicht Max Frisch seinen Entwurf ein, drei Tage vor Eingabeschluss. Sein Projekt gewinnt gegen eine starke Konkurrenz von 64 weiteren Eingaben, unter denen auch namhafte Architekten wie etwa Max Ernst Haefeli und Werner Max Moser, die Erbauer des Allenmoos-Bades, sind. Die Jury, der ebenfalls namhafte Personen angehören, unter anderem Hans Hofmann und Gustav Ammann, zwei prägende Gestalter der Landesausstellung 1939, setzt Frischs Projekt einstimmig auf den ersten Platz. Das Projekt ist ambitioniert, in grossen Massen ausgelegt – und das muss es auch, ist es doch für einen Stadtteil mit 80’000 Einwohner ausgelegt.

Noch ist nicht alles bereit für den Bau. Schon in den Vierzigerjahren, scheint es, waren die Zürcher Freunde der verzögernden Intervention. Der städtische Verband für Leibesübungen schreitet ein, sie hat militärische Ambitionen: “Die Armee verlangt Soldaten, die schwimmen können, doch die Stadt Zürich kennt heute noch die Bedürfnisse von Schwimm- und Wehrsport nicht.” Durch diese Intervention kommt das Freibad Letzigraben schliesslich zu seinem Markenzeichen, dem weit aus der Landschaft ragenden 10-Meter-Springturm.

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Historische Aufnahme: Hauptbecken des Freibads Letzigraben mit 10-Meter-Springturm.

Bis Dezember 1944 überarbeitet Frisch das Projekt, macht die definitive Kostenaufstellung. Mit 4,5 Millionen Franken liegt sie gut 2 Millionen über dem veranschlagten Budget. Eine weitere Überarbeitung ist nötig. Im Mai 1945 wurden die erforderlichen Einsparungen eingeplant, im Mai 1946 bewilligen die Stimmberechtigten den Kredit von letztlich doch 3,84 Millionen Franken, im August 1947 endlich ist Baubeginn, knapp fünf Jahre nach der ersten Ausschreibung. Inzwischen ist der Weltkrieg vorbei und Frisch hat, während sein architektonisches Projekt der Ausführung harrte, wieder mit dem Schreiben begonnen: Romane, Tagebücher und vor allem Theaterstücke.

“Eine Zeit lang geht beides nebeneinander, der Bau und die Proben auf der Bühne. Um acht Uhr ins Büro; um zehn Uhr fahre ich ins Schauspielhaus zu den Proben, sitze als Laie im Parkett und höre. Wenn die Schauspieler nach Hause gehen, um Texte zu lernen, fahre ich zur Baustelle und sehe, wie sie den Sprungturm ausschalen, anderswo Platten verlegen, wie der Schreiner endlich seine Werkstattarbeit bringt und einpasst. Da klappt nicht alles, sowenig wie bei den Proben im Schauspielhaus. Verkörperlichung dort wie hier. Zwar bewerkstelligen es die andern, trotzdem habe ich das Gefühl, Hände zu haben. Es entsteht etwas.”

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Frischs überarbeiteter Entwurf vom 25.12.1945

Fotografien von der Baustelle:

Im Juni 1949 sind die Bauarbeiten schliesslich beendet, der schon erwähnte Gustav Ammann steuerte die Gartenanlage bei. Heute steht das Freibad Letzigraben – oder: Max-Frisch-Bad – unter Denkmalschutz, 2006/07 wurde es einer Gesamtsanierung unterzogen.

In Max Frischs Leben hat der Bau der Badeanstalt, nicht nur als einzig bleibender Markstein seiner Architektenlaufbahn, einen wichtigen Stellenwert. Verzweifelt ob der schrecklichen Zerstörung des Krieges, die er unter anderem im April 1946 während einer Reise durch Deutschland erlebt, kommen ihm grosse Zweifel, am Schreiben, an der Schweiz, am Lauf der Welt. Der Arbeitsbeginn im August 1947 gibt einen gewissen Halt, lässt ihn Zuversicht schöpfen. Im Hinblick auf die Geschichte des Letzigraben-Areals schreibt er:

“Vor hundert Jahren war hier der Galgenhügel und weiter drüben ist es das alte Pulverhaus, das sie eben abbrechen; fast lautlos stürzen die alten Mauern, verschwinden in einer Wolke von steigendem Staub – Wären es die Pulverhäuser aller Welt!”

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Der Restaurantpavillon: Wenige Meter neben dem ehemaligen Galgen, an dem noch bis 1810 die Verurteilten gehängt wurden.

Der Tonfall seiner Reisebeschreibungen verändert sich, Architektur rückt allerorten ins Zentrum, die Arbeit an neuen Projekten symbolisiert ihm die Überwindung von Krieg und Zerstörung. Am Tag der Eröffnung, dem 18. Juni 1949, notiert er ins Tagebuch:

“Heute Samstag ist die Anlage eröffnet worden. Sonniges Wetter und viel Volk. Sie schwimmen, springen von den Türmen. Die Rasen sind voll von Menschen, halb nackt und halb bunt, und es ist etwas wie ein wirkliches Fest.”


Die Informationen und Bildquellen dieses Artikels sind folgenden Quellen entnommen:

Bindner, Ulrich/ Geering, Pierre (Hg.) Freibad Letzigraben von Max Frisch und Gustav Ammann. Zürich: Verlag Neue Zürcher Zeitung 2007.

Hage, Volker (Hg.) Max Frisch. Sein Leben in Bildern und Texten. Berlin: Suhrkamp 2011.

Obschlager, Walter. “Wären es die Pulverhäuser aller Welt”. Gedanken zum Bau des Letzibades von Max Frisch. In: NZZ 6.8.2011 (online)

Rezension: Leta Semadeni – Tamangur (Rotpunkt 2015)

Die preisgekrönte Graubündner Lyrikerin Leta Semadeni legt mit “Tamangur” ihren ersten Roman vor. Wobei die Gattungsbezeichnung nicht zutrifft, handelt es sich doch vielmehr um eine Serie von Momentaufnahmen in bild- und metaphernreicher lyrischer Prosa. In ihrem Zentrum: Eine Lebensgemeinschaft von Grossmutter und Kind und der Erinnerung an den Grossvater, der nach Tamangur gegangen ist. 

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Leta Semadeni (*1944) hat schon mehrere Gedichtbände veröffentlicht, deren Texte jeweils in deutscher Sprache und im rätoromanischen Idiom Vallader gedruckt sind. Semadeni fungierte dabei jeweils als ihre eigene Übersetzerin, zuhause fühlt sie sich in beiden Sprachen. Der Band “In mia vita da vuolp / In meinem Leben als Fuchs” (2011) fand grosses Echo und wurde unter anderem mit dem Schillerpreis der Schweizerischen Schillerstiftung ausgezeichnet. Als Lyrikerin vermochte Leta Semadeni so schon verdienstvolle Beiträge zum Zusammenwirken des Deutschen und des Rätoromanischen beisteuern. Wenig erstaunlich erscheint es vor diesem Hintergrund, dass sich die Autorin für ihr erstes Prosastück einen Titel ausgesucht hat, dem in der politischen Geschichte des Rätoromanischen eine symbolkräftige Rolle zufällt: Tamangur.

Tamangur ist ein entlegenes, rohes Moor- und Arvenwaldgebiet in den Bündner Alpen oberhalb des Dorfes Scuol, in dem Semadeni zur Welt kam. Unter anderem in Werken des Dichters Peider Lansel wurde die Hartnäckigkeit  und Überlebenskraft dieser Landschaft zum Symbol für den Kampf, den die rätoromanische Gemeinschaft auszufechten hatte, bis ihre Sprache 1938 letztlich zur offiziellen Landessprache erhoben wurde. In Leta Semadenis Text freilich ist Tamangur nicht (nur) realer Ort, sondern insbesondere der Übername des christlichen Himmelreichs.

In diesem befindet sich der namenlose Grossvater, ein Jäger, der eine namenlose Grossmutter und ihre ebenso namenlose Enkelin auf der Erde zurückgelassen hat. Die beiden leben zusammen im Dorf, ja sie halten sich gegenseitig am leben. Dass die Protagonistinnen keine Eigennamen tragen, weist darauf hin, dass die Autorin von etwas Allgemeinem sprechen möchte, von etwas Abstraktem, das die individuelle Lebensgeschichte übersteigt. So liest sich “Tamangur” denn auch nicht als Erzählung mit klaren Entwicklungslinien, sondern als eine bild- und metaphernreiche Serie von Momentaufnahmen (73 Kapitel auf 143 Seiten!).


“Es kommt vor, selten zwar, aber es kommt vor, dass auch die Grossmutter zu tief ins Glas schaut. Dann sagt sie zum Kind:
Ich rede dummes Zeug, hör nicht auf das, was ich sage.
Wenn sie zu tief ins Glas schaut, muss sie unbedingt auch eine der Toscani rauchen, die der Grossvater zurückgelassen hat.
Das gehört dazu, sagt sie, wenn schon, denn schon. Sündigen soll man nicht zu knapp, es würde den Aufwand nicht lohnen.
Auch ihre Seele muss von Zeit zu Zeit mit der Kaminfegerbürste kräftig durchgebürstet werden.
Man muss schliesslich ein paar böse Gedanken und Wörter loswerden, und das geht am besten, wenn man zu tief ins Glas schaut, sagt die Grossmutter. Den Kleiderschrank entrümpelt man ja auch von Zeit zu Zeit.”

Das Personal um Grossmutter und Kind bildet einerseits der tote Grossvater, der als Erinnerung alles Dasein der beiden Frauen dominiert, andererseits vorwiegend von Elsa, eine der Realität leicht entrückte Frau aus der Nachbarschaft, die gerne einmal Elvis Presley zum Abendessen mitbringt. Ausserdem sind da Tiere: eine einzelgängerische Ziege, ein Hund, ein Fuchs, der eigentlich eine verzauberte Frau ist. Einige dieser Motive wurden von Leta Semadeni früher bereits in Gedichten aufgegriffen, in denen es von Tieren häufig nur so wimmelt. In einer rustikalen Manier, in der durch weite Reisen erworbene Weltgewandtheit, hinterwäldlerischer Aberglaube und eine melancholische Sehnsucht zusammenfinden, erklärt die Grossmutter das Leben,  seine Abgründe und seine Freuden, kaum je um eine Weisheit verlegen.

Läse man “Tamangur” als Roman, bliebe ein ziemlich unbefriedigender Nachgeschmack. Es gibt wenige klar nachvollziehbare Entwicklungen und viele Lücken (Was, zum Beispiel, hat es explizit mit dem Fortgehen der Eltern des Kindes auf sich?). Leta Semadeni pflegt eine sehr einfache, klare Sprache, die nicht Geschehnisse beschreibt, sondern Bilder entstehen lässt. Nimmt man das Buch dementsprechend als eine Sammlung lose zusammenhängender Miniaturen an, zur Prosa verdichtete Schnappschüsse aus einem Dorfleben, die gar nicht zwingend in der vorgegebenen Reihenfolge gelesen werden müssen, ist die Lektüre durchaus bereichernd und manch lyrisches Kleinod kann daraus gehoben werden.

Semadeni, Leta. Tamangur. Zürich: Rotpunkt 2015. 144 S., gebunden. 978-3-85869-641-0


Weiterführend:

Aktuelles Interview (6.3.2015) mit Leta Semadeni, die sich bis zum 3.4.2015 auf Einladung von Pro Helvetia im Deutschen Haus in New York aufhielt.

Am 14. April um 18 Uhr findet in der Kantonsbibliothek in Chur die Buchvernissage mit Leta Semadeni und Angelika Overath statt.

Rezension: Susanna Schwager – Freudenfrau. Die Geschichte der Zora von Zürich. (Wörterseh 2014)

Zürich ist eine schöne Stadt. Eine saubere Stadt. Platz 2 auf dem Ranking der Städte mit der höchsten Lebensqualität. In der Zürcher Altstadt atmet jede Mauer den jahrhundertealten Geist bewegter Geschichte und feierlicher Tradition. Aber da gab und gibt es auch Abgründe. Schreckliche, unmenschliche Abgründe. Susanna Schwager erzählt die Geschichte der Roten Zora von Zürich, einer couragierten Frau, der das Leben mannigfaltige Grausamkeiten zumutete – und die doch immer wieder betonte, Glück zu haben. Ein beeindruckendes Buch.

freudenfrauIn einem kurzen Vorwort schreibt die Autorin Susanna Schwager (*1959): “Ich trage zusammen, was in Gesprächen an mich herantritt und mir überlassen wird. Ich erfinde nichts, ich verdichte. Die Wahrheit entzieht sich, wie stets. Im besten Fall entsteht Wahrhaftigkeit.” Die Gespräche, die in diesem Buch mündeten, führte Schwager insbesondere mit Hedy (die Namen sind verändert), einer Frau, die Mitte der Achtzigerjahre an der Zürcher Zähringerstrasse unter dem Beinamen Rote Zora (wegen der roten Haare) einen Domina-Salon eröffnete, in ein gewalttätiges Milieu geriet und unmenschlich gefoltert und misshandelt wurde. Susanna Schwager lässt Hedy ihre von der ersten Minute an von drastischen Wechselfällen des Schicksals geprägte Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen. Die Autorin greift nicht als Erzählerin in den Monolog ein, sie lässt der Erzählung der Protagonistin freien Lauf – und das ist gut so.

“Ich dichte nie. Nie! Ich mag nicht erfinden. Ich hatte nie Zeit, etwas zu erfinden. Alles war sowieso schon immer passiert, bevor ich es erfinden konnte.”

Hedys Geschichte wurzelt in St. Gallen, der Heimatstadt ihrer Eltern, beginnt aber in Basel, wo sie zur Welt kam und den Zweiten Weltkrieg miterlebte. Als junge Frau lernt sie später in Berlin den Sohn eines nordafrikanischen Hotelbesitzers kennen und folgt ihm in den Maghreb. Sie heiraten, Hedy bringt eine Tochter zur Welt. Im reichen Hotel führt sie ein Leben in Saus und Braus. Doch der Mann, Hadi, betrügt sie..

“Mit der Zeit sieht man klar. Und dann ist es richtig elend. Weil die schönen Bilder, die man sich vom Leben geklebt hat, zerbröseln, ein Haufen Mist, nicht wahr. Ich hatte mir doch alles ganz anders vorgestellt.”

Sie flieht mit ihrer Tochter zurück in die Schweiz, der Vater reist ihr nach, stiehlt das Kind und lässt ein Einreiseverbot verhängen. Ein langwieriger Sorgerechtsprozess beginnt. Letzendlich gewinnt Hedy und kann mit ihrer Tochter in der Schweiz leben. Hier aber beginnen die Probleme erst. Weil Hedy für ihre Mutter und ihre Tochter sorgen muss und mit dem Bürojob, den sie hat, nicht genug Geld nach Hause bringt, eröffnet sie im Zürcher Niederdorf einen Domina-Salon. Sie prostituiert sich – ohne Sex, sie “hilft” den Männern nur. Und mächtige Männer sind es, die sich an das Turnpferd der Roten Zora, wie Hedy nun genannt wird, fesseln lassen: Bankiers, Anwälte, Politiker.

“Es ist eine Arbeit. Und man muss sorgfältig sein, man muss das richtige Mass haben. Es braucht Einfühlung und Feingefühl. Und einen Reitsattel, da band ich sie drauf an. Ich habe nie richtig geschlagen, sicher nicht. Das hätte ich nicht gekonnt. Eine Ahnung geben. Ein Gefühl, den Film erzeugen, eine Geschichte spielen. Spannung aufbauen.”

Dass die Achtzigerjahre einen eher unrühmlichen Platz in der Zürcher Stadtgeschichte einnehmen, ist bekannt. Im Mittelpunkt stand der international als “Needle Park” bekannte Platzspitz, eine von der Polizei kaum angerührte Anlage, in der sich Drogenabhängige unter grausamen Bedingungen tummelten und zu Grunde gingen. Gemeinsam mit stadtbekannten Persönlichkeiten wie Pfarrer Ernst Sieber versuchte Hedy einigen von ihnen zu helfen. Nebenbei ging sie ihrer Arbeit nach, geriet aber, nachdem sich im Frühjahr 1984 zwei Untermieterinnen ihres Salons zwielichtigen Zuhältern angeschlossen hatten, selbst in Gefahr: Man wollte an ihr ein Exempel statuieren. Sie wurde brutal gefoltert und misshandelt, überlebte nur durch einen unbeschreiblichen Zufall. Und es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass Hedy beinahe ermordet worden wäre, wenngleich unter anderen Umständen…

Die letzten Jahre ihres Lebens – Hedy verstarb im Februar 2014 – verbrachte sie mit ihrem Coucousin Päuli, den sie seit frühester Kindheit kannte. Auch ihm gibt Susanna Schwager eine Stimme. Und auch ein ‘Werner Freudiger’ genannter ehemaliger Sittenpolizist kommt zu Wort: Er ist ein Jugendfreund der Autorin und brachte sie auf die Geschichte, in die er, damals in den Achtzigerjahren, selbst tief hineingezogen wurde.

“So ein Glück!”, “Ich hatte Glück”: das sind Sätze, die Hedy immer wieder sagt. Und je mehr man erfährt über ihr Leben, desto erstaunlicher und kräftiger wirken diese Sätze. In einem Leben, das von derart viel Unglück heimgesucht worden ist, immer wieder an das Glück zu glauben – das ist Courage. Susanna Schwagers effektive, glasklare ‘Verdichtung’ der Sprache und die perfekte Dramaturgie des Buches leisten ihren Teil zur Entstehung dieses ergreifenden Sittenbildes, das Stadt- und Kriminalgeschichte vereint, in erster Linie aber das Portrait einer wahrhaft bemerkenswerte Frau zeichnet, die man bewundern und nicht wieder vergessen wird. Eine unbedingte Leseempfehlung.

Schwager, Susanna. Freudenfrau. Die Geschichte der Zora von Zürich. Gockhausen: Wörterseh 2014.