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Schweizer Standpunkte: Raum und Macht – Wer plant die Planung?

“Wer plant die Planung?”: Diese Frage beschäftigte den Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt lange Zeit. Eine Gruppe von 14 Autoren hat sich seines Lebens und Wirkens in der Studie “Raum und Macht. Die Stadt zwischen Vision und Wirklichkeit” (Rotpunktverlag, 2014) angenommen und versucht, seine Denkanstösse auf aktuelle stadtplanerische Projekte anzuwenden.

Lucius Burckhardt  (1925-2003) war Soziologe, Ökonom und Begründer der sogenannten Spaziergangswissenschaft, er war ein politisch engagierter Bürger und ein kritischer, die Grundsätze menschlichen Lebens und Wohnens hinterfragender Geist. Gemeinsam mit seiner Frau Annemarie, der in der vorliegenden Studie ebenfalls ausführliche Teile gewidmet sind, setzte er sich beruflich und privat für die Mitbestimmung des Volks bei der Planung städtischer Lebensräume ein. Getreu dem Grundsatz, dass jeder so wohnen können sollte, wie es ihm beliebt. Kritisch stand er etwa der sogenannten Wohlfahrt gegenüber, “weil die Wohltäter festlegen, was ein gutes und menschenwürdiges Leben ist.” Dadurch gelangten Leute, die unter dem festgelegten Standard lebten und wohnten, unter psychischen Druck.

Burckhardt war stets bewusst, dass “alles, was Stadtplanung plant, (…) irgendwelchen Leuten Vorteile und anderen Nachteile” bringt. Diese Einsicht reduzierte er auf die prägnante Formel: “Planung ist Leidensverteilung”. Wichtig war ihm und seiner Frau, urbane Räume möglichst “menschengerecht und lebendig” zu gestalten. Sein Gedankengut könnte man dabei als liberal und/oder grün bezeichnen. Max Frisch, selbst auch Architekt, schrieb in “achtung: die Schweiz” (1954), einer Schrift, die aus einem Gespräch zwischen Burckhardt, Frisch und Markus Kutter entstand, folgenden Satz: “Man ist nicht realistisch, indem man keine Idee hat.”  Hierin spiegelt sich auch Burckhardts Bemühen, die Bürger zu persönlicher Verantwortung hinsichtlich der Planung ihrer Lebensräume aufzurufen. Sich zu zurückzuhalten und abzuwarten war nie das Anliegen von Lucius und Annemarie Burckhardt. Eine Demokratisierung planerischer Prozesse schwebte ihnen vor. Nicht die Verfilzung mächtiger “Player” aus Politik und Wirtschaft sollten den urbanen Raum planen, sondern die darin ansässige Bevölkerung selbst.

Die hier besprochene Studie greift brandaktuelle Paradigmen und konkrete Projekte aus Burckhardts Heimat Basel auf, um zu beleuchten, welche Interessen heute bestimmen, wie Raum genutzt wird, welche Machtgefüge das Sagen haben, wenn es etwa darum geht, die trinationale Nachbarschaft um Basel (CH), Weil am Rhein (DE) und Huningue (FR) – ein kraftvolles Statement für Europa – zu planen. Des Weiteren finden sich spannende Beiträge zum Phänomen Urban Gardening und zum Basler Wagenplatz, einer rechtlich illegalen, von der Stadt aber unter Bedingungen geduldeten Ansammlung von Zirkuswagen, in denen Leute eine alternative Vision des Wohnens leben.

“Raum und Macht. Die Stadt zwischen Vision und Wirklichkeit” ist ein aufwendig gestaltetes Buch mit etlichen Fotografien, Teilabdrucken von Interviews, die Zeitgenossen und Schüler von Lucius Burckhardt den Autoren gegeben haben. Ergänzt wird das Ganze mit einer DVD, die die Aufzeichnungen dieser Interviews beinhaltet. Inhaltlich handelt es sich um eine umfangreiche Studie, die Biographisches und Historisches – etwa die Gedanken anderer Theoretiker wie Henri Lefebvre (“Recht auf Stadt”, 1968) – mit raumplanerischen Gegenwart und Zukunft kombiniert. Es ist ein auch für Nicht-Basler anregendes und auch Nicht-Wissenschaftlern verständliches Werk, das einerseits in die Schatzkiste der Schweizer Geschichte greift, andererseits die Augen öffnet, für urbane Probleme, die nach wie vor  – manche gar mehr denn je – bestehen. Und ganz im Sinne Lucius und Annemarie Burckhardts bleibt letztlich der Wille, aktiv an der Gestaltung des unmittelbaren Wohn- und Lebensraums teilzunehmen.

 

 

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Rezension: Rolf Niederhauser – Seltsame Schleife (Rotpunktverlag, 2014)

Nach über zwanzigjähriger Publikationspause meldet sich der Schweizer Schriftsteller und Journalist Rolf Niederhauser mit dem weit ausgreifenden Romanwerk “Seltsame Schleife” zurück. Dessen Protagonist Pit Dörflinger kommt als eine Art Homo Faber fürs digitale Zeitalter daher. Auf über 700 Seiten begleiten wir ihn auf seiner Odyssee durch die Untiefen des wilden Südamerikas und seines eigenen Bewusstseins.

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Titel: Seltsame Schleife
Autor: Rolf Niederhauser
Verlag: Rotpunkt
ISBN: 978-3-85869-584-0
Umfang: 736 Seiten, gebunden

1997: Pit Dörflinger, 32, ist Forschungsassistent am  M.I.T.  in Cambridge, Massachusetts, wo er an einem Artificial-Life-Projekt mitarbeitet. Er ist ein Schweizer Auswanderer,  seit langem in den Staaten, mit der Texanerin Lillith zusammen. Aus seiner Perspektive erfahren wir den grössten Teil der Geschichten und Gedanken, die die “Seltsame Schleife” ausmachen. Bisweilen mischt sich eine auktoriale Aussenperspektive darunter: eine Stimme, die Dörflingers Aufzeichnungen im Internet aufgestöbert hat und sich nun auf dessen Spuren nach Amerika begibt…

Amerika: alles beginnt damit, dass Dörflinger zur Familie seiner Freundin nach Texas fahren soll, um dort Weihnachten zu verbringen. Er verspürt nicht die geringste Lust; fährt los; kommt vom Weg ab (Homo Faber, die Erste); landet in Mexiko bei seinem alten Studienfreund Guido und dessen Tochter. Mit diesen unternimmt er eine Reise auf die Galapagos-Inseln. Von da aus fliegt er nach Bogotá, Kolumbien, und von da wiederum startet er eine unerhörte Odyssee durch dieses von Bürgerkrieg und Drogenhandel gebeutelte Land. Er schliesst sich der ehemaligen Guerillera Flor Marina an, die nun für eine Friedensbewegung aktiv ist, und reist ihr nach; begegnet ihrem Gefährten Ramon und glaubt – hier kommt die Krux des Ganzen -, diesen ermordet zu haben, ohne sich daran erinnern zu können.

Letztlich sitzt  Dörflinger in Buenaventura, der Stadt, in der er seinen Geburtsort vermutet, und schreibt auf, was ihm widerfahren ist. “ich versuche fest zu halten was gewesen ist!”, schreibt er. Er ist sich sicher, Ramon – versehentlich – erschossen zu haben, “dass nirgends eine entsprechende meldung auftaucht, beweist gar nichts.” Einer der Unterschiede Dörflingers zu seinem Grossvater Homo Faber ist, wie Autor Rolf Niederhauser in einem Interview sagte, dass Faber am Ende mit einer Wahrheit konfrontiert wird, Dörflinger aber bloss glaubt mit einer Wahrheit konfrontiert zu sein; einer Wahrheit, die man ihm als Leser nur schwerlich abnimmt.

Dörflinger ist ein unzuverlässiger Erzähler. Er sagt: “Ich selber behalte praktisch nichts was ich nicht aus einem systematischen zusammenhang herleiten kann”. Seine deutsche Grammatik und Orthographie sind bisweilen mangelhaft und durchsetzt von vielen englischen und spanischen Ausdrücken; er hat jahrelang kein Deutsch mehr geschrieben, ja vielleicht überhaupt nicht geschrieben. Er ist Mathematiker, glaubt an den Ursprung des Bewusstseins in der Materie und versucht “das konzept des menschlichen bewusstseins (…) in eine algorithmische form zu bringen”.  Unablässig durchsetzt er die Nacherzählung seiner Geschichte mit Gedanken solcher Art. Immer wieder im Zentrum seines überbordenden Gedankenkosmos steht die Frage nach Innen- und Aussenwelt. Ihm schwant, dass die “Aussenwelt” nicht input ist, sondern output, das heisst: bloss die Projektion innerer Spannungen auf eine vom Bewusstsein zu kontrollierende Umgebung. Innen und Aussen werden nicht mehr unterscheidbar – womit wir beim Möbiusband sind, jener Seltsamen Schleife mit nur einer Kante und einer Fläche, die dem Buch nicht nur den Titel, sondern auch die Struktur leiht, denn:

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Intellektueller Kopfstand: Niederhausers Schleife fordert vorwärts und rückwärts.

Richtig gesehen: da steht was Kopf. “Seltsame Schleife” liest sich erst von vorne nach hinten (Kapitel “Die Reise”), dann retour (“Die Rückkehr” und Epilog “Die Recherche” aus der auktorialen Aussensicht, Dörflingers Existenz anzweifelnd!). Gelesen wird dabei jeweils nur die rechte Seite. Die eigenwillige Struktur  ist eine Spielerei, entspricht der Erzählung und den darin entwickelten Gedanken jedoch optimal.

Autor Rolf Niederhauser (*1951) hat die Orte des Geschehens selbst besucht, war früher auch in journalistischem Auftrag in Zentralamerika unterwegs. Er weiss, von was er schreibt, und lässt seinen Protagonisten Dörflinger so lebhafte Szenen süd- und mittelamerikanischen Lebens, Liebens und Leidens zeichnen. Was die Gedanken zu Bewusstsein, Künstlicher Intelligenz, Informatik, usw. betrifft, so ist festzustellen, dass diese bisweilen sehr ausufernd, verzettelt, manchmal wirr daherkommen. Denn, so sagt Niederhauser, im Gegensatz zum Homo Faber sei der Dörflinger kein grosser Vereinfacher, sondern ein Mann der komplexen Gedankengebilde. In der Tat.

Dem unablässigen Parlando der Hauptfigur zum Trotz, hat Rolf Niederhauser mit “Seltsame Schleife” einen über weite Strecken kurzweiligen, empathischen, zu weiteren Gedanken anregenden Roman geschrieben. Ein gelungenes Comeback!

 

Daniel Saladin – Aktion S. Eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf (Rotpunktverlag 2014)

1999 veröffentlichte der Schweizer Autor und Gymnasiallehrer Daniel Saladin (*1963) seinen ersten und bisher einzigen Roman “Getötet wird keiner”. Er handelt von einer Lehrerin, die “Opfer selbstgerechter Hüter von Recht und Ordnung” wird. Auch sein neues Buch handelt davon. Der Unterschied: es ist seine eigene Lebensgeschichte. “Aktion S.” ist eine wichtige, wenn auch sehr zermürbende Anklage an die Schweizer Justiz, geschrieben mit der nachvollziehbaren Wut des zu Unrecht Gejagten.

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Titel: Aktion S. Eine Hetzjagd nimmt ihren Lauf
Autor: Daniel Saladin
Verlag: Rotpunktverlag
ISBN: 978-3-85869-583-3
Umfang: 288 Seiten, Klappenbroschur

I. Der Fall: Daniel Saladin, Deutschlehrer an einem Gymnasium in der Stadt Zürich, wird im Juli 2009 mit einem Hausdurchsungsbefehl überrascht und verhaftet. Grund des “Überfalls” laut polizeilichen Papieren: “Pornografie etc.” Die Mutter einer Schülerin hat ihn angezeigt: sein Unterricht sei zu sexualisiert, er lese mit seiner Klasse (14-15jährige Schüler und Schülerinnen) pornografisches Material. Dabei handelte es sich jedoch um literarische Werke von hohem Rang, etwa Frank Wedekinds “Frühlings Erwachen” oder Unica Zürns “Dunkler Frühling”, die die Polizei von Vornherein als einer Anzeige nicht würdig hätte abtun müssen.

Zu Saladins Unglück findet die Polizei in seiner Wohnung einige Aktfotografien und auf seinem PC (gelöschte) Dateien mit Fotografien entkleideter Minderjähriger: es handelt sich um Bilder, etwa von Fotograf David Hamilton, die Saladin einmal für ein privates künstlerisches Ausstellungsprojekt hatte verwenden wollen. Die Mühlen der Justiz beginnen zu mahlen: Saladin ist nun in Verdacht “so einer”, i.e. ein Pädophiler, zu sein. Eine traurige Odyssee, die den Angeklagten zwischenzeitlich in Depressionen verfallen lässt, beginnt.

Nach Jahren des juristischen Krieges, der zähen Verhandlungen und vor allem Wartezeiten, schliesslich ein Urteil. Saladin wird vom Hauptpunkt, dem Vermitteln pornografischer Inhalte in der Schule, freigesprochen. Im Nebenpunkt, dem Besitz von “Kinderpornografie”, wird ihm eine geringe bedingte Geldstrafe auferlegt.

II. Das Buch: Mit diesem Buch, einem “Pamphlet”, wie es die NZZ treffend nannte, rechnet er nun ab: vor allem mit der Staatsanwaltschaft, deren Fehler – sofern seine Schrift wirklich alles wahrheitsgetreu darstellt – mannigfaltig und kaum entschuldbar waren.

Saladins Beschreibung der Prozessakten, der genauen Details ist zermürbend, manchmal ermüdend, weil er alles minutiös abhandelt und jede kleine Unrechtmässigkeit, die ihm widerfahren, mit Kaskaden an Gegenargumenten untergräbt. Dazu kommt eine heftige Emotionalität, die selbstverständlich berechtigt ist, die aber bisweilen ins Weinerliche oder auch umgekehrt ins Blind-drauflos-Wütende (Nazi-, Taliban-, Hexenverfolgungs-Vergleiche) auszuarten pflegt.

Obwohl dies also mitunter anstrengende Lektüre ist, ist “Aktion S.” ein wichtiges Buch, das schwerwiegende Fragen aufwirft und das Vertrauen in den Rechtsstaat bisweilen ganz schön erschüttern kann. Wie etwa, um nur ein Beispiel aus den vielen Wort für Wort zitierten Gerichtsakten anzufügen, wie soll man einer Justiz Vertrauen schenken, die so argumentiert:

“Zudem fällt im Aussageverhalten des Beschuldigten betreffend die Bilder auf, dass die Schilderungen wesentlich knapper und monotoner sind als diejenigen betreffend Gestaltung seiner Schulstunden. Die Aussagen des Beschuldigten betreffend die Fotos erscheinen somit nicht glaubhaft.”

Nicht glaubhaft erscheint doch viel mehr eine juristische Argumentation, die “Monotonie” zum Kriterium der Glaubhaftigkeit erhebt.

Des Weiteren, abseits von dem schwerwiegenden Unmut gegenüber den Anklagenden, der hier laut wird, stellen sich aber auch Fragen der Kunst: Wo etwa ist die Grenze zwischen Kunst und Pornografie?

“Wer Frühlings Erwachen und Dunkler Frühling als Pornografie betrachtet, sieht in jedem Aktbild Pornografie”, sagt Saladin. “Auf Kunst wollen sich alle hinausreden”, sagt die Staatsanwältin. Wer hat hier – in ethisch-moralischer Hinsicht, nicht nach Gesetz – recht? Sind Bilder von David Hamilton kriminell?

Irgendwo fällt der Begriff Wernicke-Aphasie. Das ist eine Sprachstörung, die den Betroffenen die Zuordnung von Zeichen zu ihrer Bedeutung verunmöglicht. Von solch einer Störung heimgesucht erscheinen bisweilen auch die Methoden der Staatsanwaltschaft, die Stellen aus den besprochenen literarischen Werken isoliert, Prüfungen mit einer frei wählbaren, entfernt sexuell konnotierten Fragestellung als Beweis vorlegt, den Film “Am Anfang war das Feuer” (FSK 12) als pornografisch wertet  – dies alles ohne weitere Ermittlungen, einzig basierend auf Aussagen der Mutter, die Saladin angezeigt hat. Die Zuordnung der Zeichen zu ihrer Bedeutung wird nicht einmal versucht.

Hat man dieses Buch gelesen, beginnt man nachzudenken über die Kunst, über Pornografie, über den Rechtsstaat, das System, dessen Willkür und Macht.  Mag sein, dass der Fall Saladin ein Einzelfall bleiben wird, bei dem zu vieles falsch gemacht wurde – und doch: wir alle, die wir in der Schweiz wohnen, sind einem Rechtsstaat unterworfen, der zu solchen Verleumdungen fähig ist. Eine ernüchternde Feststellung, die nicht leicht zu verdauen ist. Doch genau deshalb war es wichtig, dass Saladin sein Buch geschrieben hat – dass es gelesen wird – und dass Veränderungen angeregt werden. 

 


IV. Die abgesagte Lesung: Am 6. April hätte in der Kantonsschule Rämibühl die Buchvernissage mit Daniel Saladin stattfinden sollen. Diese wurde nun abgesagt. Begründung des Autors: “Die politischen Voraussetzungen für eine Lesung in Zürich sind leider nicht gegeben. Die bisherigen medialen Reaktionen fanden in den Regionalressorts statt, verfasst in einer Sprache, deren Wirklichkeit im Buch dekonstruiert wird. […]” Des Weiteren schreibt Saladin in seinem Statement, er sei von den Medien enttäuscht, die “als Sprachrohr der im Text kritisierten Machtorgane” aufträten. Ich persönlich kann diese Begründung nicht wirklich nachvollziehen, zumal sich einige mediale Stimmen durchaus auf seine Seite geschlagen haben. Und mit einer gewissen Kritik hat er bei einem solchen Pamphlet rechnen müssen. Wie er nun diese Vernissage absagt – obschon es selbstverständlich sein gutes Recht ist – kratzt durchaus an der Glaubwürdigkeit des Autors… Fortsetzung folgt.

Rezension: Pascale Kramer – Die unerbittliche Brutalität des Erwachens (Rotpunktverlag, 2013)

Mit sachlicher Sprache zeichnet Pascale Kramer in „Die unerbittliche Brutalität des Erwachens“ das Bild einer jungen Familie, die den Weg in einen normalen Erwachsenenalltag sucht. Trotz der unaufgeregten Sätze vermag es die Autorin, den Leser aufzurütteln und ihm den zerrütteten Seelenzustand der Mutter vor Augen zu führen. Dabei gelingt es ihr in relativ wenigen Seiten, die scheinbare Idylle des ehemaligen Vorzeigepaares, das Alissa und Richard bilden, zu zerstören. Die Geburt der kleinen Una versetzt besonders die junge Mutter nicht in das erwartete euphorische Entzücken, sondern stürzt sie in eine gehörige Wochenbettdepression.

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Titel: Die unerbittliche Brutalität des Erwachens
Original: L’implacable brutalité du reveil (2009)
Autorin: Pascal Kramer
Übersetzung: Andrea Spingler
Verlag: Rotpunkt
ISBN: 978-3-85869-555-0
Umfang: 180 Seiten, gebunden

Zu Beginn des Romans werden Alissa und ihr Mann Richard aus dem wohlbehüteten Nest ihrer Eltern gerissen und müssen sich in ihrem neuen Zuhause einrichten. Ein wohliges und heimeliges Gefühl scheint sich bei ihnen jedoch genauso wenig einzurichten wie der Inhalt der sich stapelnden Umzugskisten. Besonders Alissa fühlt sich in ihrer neuen Situation als Mutter und Hausfrau von der Welt im Allgemeinen und von ihrer Mutter und immer mehr auch von ihrem Mann im Stich gelassen und missverstanden.

Dass sie sich in der Wohnung nicht wohlfühlt, schiebt Alissa auch darauf, dass ihre Mutter und Richard diese ausgesucht haben. Sie musste den Entscheid nur noch billigen, wozu sie sich als 27jährige Mutter geradezu gezwungen fühlt:

“Das war zwei Wochen her, sie hatte gerade entbunden, die Welt war ins Wanken geraten. Die nicht nachlassende Aufmerksamkeit um sie herum hatte sie davon überzeugt, dass sie erwachsen sein und ihr eigenes Zuhause haben wollte.”

Dass sie immer öfter mit der kleinen Tochter alleine in der Wohnung bleibt, während Richard ausser Haus ist, hilft Alissa in ihrem fragilen Zustand keineswegs weiter. Hinzu kommt, dass ihre Mutter ihr verkündet, dass sie sich von Alissas Vater scheiden lässt und dass es „einen anderen Mann in ihrem Leben“ gebe. Und auch ihr Vater scheint sich bereits anderen Frauen zu widmen. Alissa merkt, dass sie nicht mehr sie das Zentrum des elterlichen Interesses ist.

Während also das Leben ihrer Eltern wieder jugendlich-verliebte Züge annimmt, sieht die Protagonistin sich mit ihrer eigenen Tochter heillos überfordert. Dass sie nun die Verantwortung für ein solch zerbrechliches Wesen übernehmen soll, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Auch eine mütterliche Wärme sucht man bei der Protagonistin vergeblich. Ihre Rolle als liebende und fürsorgliche Mutter kann sie nur in Anwesenheit anderer erfolgreich spielen:

“Mit zitternden Schluchzern begann Una sich zu beruhigen, die Röte wich aus ihrem Gesicht. Alissa küsste sie auf die Tränen und nahm sie ihrer Mutter aus den Armen. Ohne Zeugen hätte sie nie die Kraft zu so einfachen Gesten gefunden. Dass sie allem und sich selbst zum Trotz dazu imstande war, wunderte sie selbst.”

Das Verhältnis zu ihrem Mann verändert sich im Laufe des Romans ebenso. Während Alissa langsam die Bedrohlichkeit des Lebens und der Mutterschaft erkennt, verfällt Richard immer mehr in eine eher pubertäre Version seiner selbst. Die körperlichen sowie psychischen Veränderungen seiner Frau nach der erst einige Wochen zuvor durchgestandenen Geburt scheinen ihm zu entgehen und seinem körperlichen Begehren nach ihr keinen Abbruch zu tun. Widerwillig und vermutlich mehr aus Gewohnheit denn ehrlicher Zuneigung zu ihm lässt sie seine sexuellen Avancen über sich ergehen.

Nachdem sein Freund vom Krieg gezeichnet in die Heimat zurückkehrt, verbringt Richard immer mehr Zeit mit ihm als mit seiner Frau und die beiden lassen sich von regelmässigem Marihuana-Rausch die Sinne vernebeln. Die Unterschiede zwischen Richard und Alissa, die sich ihren ehemaligen Freundinnen nach der Abkapselung durch die Schwangerschaft nicht mehr recht annähern kann, werden immer besser erkennbar.

Unter den Schwierigkeiten zu leiden hat vor allem die kleine Una. Immer mehr wird Alissa von ihrer Wochenbettdepression beeinträchtigt und sie vernachlässigt ihre neugeborene Tochter. Auch Richard bringt nicht die nötige Verantwortung auf, sodass sich die Ereignisse in den letzten paar Seiten des Romans von Pascale Kramer überschlagen. Alissa verlässt die bedrohliche Enge der Wohnung und – viel schlimmer noch – auch Una. Mit einer kurzen Kapitulations-Haftnotiz auf Unas Bauch, auf der sie erklärt, dass sie nie die Kraft haben wird, zurückzukehren, überlässt sie die Tochter sich selbst. Denn auch Richard findet in dieser Nacht nicht nach Hause.

Pascale Kramer entlässt den Leser mit nur einem kleinen Hoffnungsschimmer, der eigentlich doch keiner ist. Denn Alissa bricht zwar ihr Versprechen und kehrt zurück, ein richtiges Zugeständnis an das Kind und an das Leben ist es dennoch nicht. Denn Alissa empfindet aufgrund ihrer Rückkehr lediglich Reue, Scham und die Niederlage gegen das Leben, das wohl oder übel bis zum Schluss “würde gelebt werden müssen.”