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Schweizer Standpunkte: Carl Spitteler

1920 wurde dem Schweizer Dichter und Schriftsteller Carl Spitteler (1845-1924) rückwirkend für 1919 der Nobelpreis für Literatur verliehen. Bis zum heutigen Tag bleibt der Liestaler damit, neben Hermann Hesse, der auch das Schweizer Bürgerrecht besass, der einzige Schweizer Autor, dem diese Ehre zuteil wurde. Heute jährt sich sein Geburtstag zum 169. Mal: Zeit, einen Blick auf einen politisch brisanten und heute noch aktuellen Text Spittelers zu werfen: die Rede “Unser Schweizer Standpunkt” (1914). 
                                   

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I. DAS LITERARISCHE WERK

Spittelers literarischer Ruhm gründet zu einem grossen Teil auf dem Versepos “Olympischer Frühling” (1900-05). Neben solch mythologischen Stoffen, die auch schon seinen Erstling “Prometheus und Epimetheus” (1881) dominierten, schöpfte er seine Stoffe oft aus “heimatlichen” Themen – das Schweizer Militär etwa ist oft Thema -, aber auch aus seinen Erfahrungen als Privatlehrer einer finnischen Generalsfamilie in Sankt Petersburg (Erzählungen: “Ei Ole” (1887) und “Das Bombardement von Abo” (1889)).

Oft vergessen gehen seine essayistischen Arbeiten, meist kürzere Stücke, die Fragen von Kunst, Literatur und Kritik reflektieren. Sie erschienen etwa im Band “Lachende Wahrheiten” (1898).

II. “UNSER SCHWEIZER STANDPUNKT” (14. Dezember 1914)

Der Text, der im Zentrum dieses Artikels stehen soll, lässt sich hingegen keiner dieser Gruppen zuordnen. Es handelt sich um die Rede “Unser Schweizer Standpunkt“, die Spitteler am 14. Dezember 1914 vor der Neuen Helvetischen Gesellschaft, Gruppe Zürich, hielt. Darin appelliert er an eine im Innersten uneinige Schweiz der damaligen Zeit, Zusammenhalt zu wahren und Neutralität zu demonstrieren. Deutschschweizer und Romands hatten sich nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs, aufgrund Parteinahme für das Deutsche Reich bzw. Frankreich, derart zerstritten, dass “viele Zeitgenossen befürchteten, das Land breche auseinander”.  Inmitten dieser  inneren Zerrissenheit, die natürlich wie immer auch die sprachliche war – zuletzt von José Ribeaud in “Vier Sprachen, ein Zerfall” wieder thematisiert – , sprach sich Spitteler gegen den flammenden Nationalismus, aber für einen engen gesamtschweizerischen Zusammenhalt aus.

Spittelers Weltbild war im Grunde von einem starken Pessimismus durchdrungen, was sich in einer Aussage der Rede eindrücklich niederschlägt. Da sagt er:

“In der Tat lässt sich die ganze Weisheit der Weltgeschichte in einen einzigen Satz zusammenfassen: Jeder Staat raubt, soviel er kann. Punktum. Mit Verdauungspausen und Ohnmachtanfällen, welche man «Frieden» nennt.”

 

Angesichts der Zerstrittenheit der Landesteile sprach Spitteler diplomatisch von einem “Stimmungsgegensatz” oder “Richtungsverlegenheit”. Seine Emotionen jedoch sind stark, im Zentrum steht die Angst vor dem Verlust der Zusammengehörigkeit, der gefühlten und repräsentierten (politischen) Einheit.

“Es tröstet mich nicht, dass man mir sagt: «Im Kriegsfall würden wir trotzdem wie ein Mann zusammenstehen.» Das Wörtchen ‹trotzdem› ist ein schlechtes Bindewort. Sollen wir vielleicht einen Krieg herbeiwünschen, um unserer Zusammengehörigkeit deutlicher bewusst zu werden?”

 

Er ermahnt die Schweizer, “konzentrisch zu fühlen statt exzentrisch”, sich auf gemeinsame Symbole (etwa die Schweizer Fahne) zu konzentrieren. Das Prinzip der Neutralität erscheint ihm unabdingbar, um die Nation Schweiz aufrechtzuerhalten, deren Bürger und Bürgerinnen er in steter Gefahr sieht, sich zu Nachbarländern der jeweils gleichen Sprachgemeinschaft hingezogen zu fühlen. Die Nachbarn aber, mahnt Spitteler, seien eben Nachbarn, indes die Bewohner der anderen Landesteile Brüder seien.

Deutlich verneint Spitteler, dass innere Geschlossenheit mit einer Abneigung gegen diese Nachbarn einhergehen soll. Er spricht respektvoll und mit hoher Achtung von den anderen europäischen Staaten. Seine Sorge gilt in keinem Moment einer Bedrohung von aussen, sondern einer inneren Gefahr, die sich im Verhältnis der anderssprachigen Landesteile manifestiert. Er fordert:

“Wir müssen uns enger zusammenschliessen. Dafür müssen wir uns besser verstehen. Um uns aber besser verstehen zu können, müssen wir einander vor allem näher kennenlernen.”

 

Vorschläge, die er dazu macht, betreffen unter anderem die Presse. So etwa heisst es:

“Ich möchte etwas anderes befürworten: unsere deutschschweizerischen Zeitungen sollten, meine ich, ab und zu ihren Lesern ausgewählte Aufsätze aus französisch-schweizerischen Zeitungen in der Übersetzung mitteilen.”

Eine lobenswerte Idee, die man leider auch heute – ein sattes Jahrhundert nach Spittelers Rede – kaum umgesetzt findet. Natürlich muss aus Spittelers Perspektive, im Angesicht eines vernichtenden Weltkrieges und der Realität auseinanderstrebender Landesteile, die Frage des Zusammenhalts von noch dringlicher Bedeutung gewesen sein als heute. Dennoch zeigen Publikationen wie Ribeauds “Vier Sprachen, ein Zerfall”, dass die Thematik nach wie vor aktuell, brisant und vor allem fern einer zufriedenstellenden Lösung ist.

Die pathetischen Schlussworte der Rede haben auch im 21. Jahrhundert ihre Gültigkeit: einerseits als Appell an den Zusammenhalt, den gemeinsamen Standpunkt aller Schweizer Landesteile, andererseits als die Landesgrenzen überschreitender Aufruf zu Verständnis, Empathie und Frieden unter den Nationen. Heimatverbundenheit und Globalisierung sind dem horchenden Herzen nicht unvereinbar.

“Wohin Sie mit dem Herzen horchen, sei es nach links, sei es nach rechts, hören Sie den Jammer schluchzen, und die jammernden Schluchzer tönen in allen Nationen gleich, da gibt es keinen Unterschied der Sprache. Wohlan, füllen wir angesichts dieser Unsumme von internationalem Leid unsere Herzen mit schweigender Ergriffenheit und unsere Seelen mit Andacht, und vor allem nehmen wir den Hut ab.
Dann stehen wir auf dem richtigen neutralen, dem Schweizer Standpunkt.”

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Rezension: Pascale Kramer – Die unerbittliche Brutalität des Erwachens (Rotpunktverlag, 2013)

Mit sachlicher Sprache zeichnet Pascale Kramer in „Die unerbittliche Brutalität des Erwachens“ das Bild einer jungen Familie, die den Weg in einen normalen Erwachsenenalltag sucht. Trotz der unaufgeregten Sätze vermag es die Autorin, den Leser aufzurütteln und ihm den zerrütteten Seelenzustand der Mutter vor Augen zu führen. Dabei gelingt es ihr in relativ wenigen Seiten, die scheinbare Idylle des ehemaligen Vorzeigepaares, das Alissa und Richard bilden, zu zerstören. Die Geburt der kleinen Una versetzt besonders die junge Mutter nicht in das erwartete euphorische Entzücken, sondern stürzt sie in eine gehörige Wochenbettdepression.

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Titel: Die unerbittliche Brutalität des Erwachens
Original: L’implacable brutalité du reveil (2009)
Autorin: Pascal Kramer
Übersetzung: Andrea Spingler
Verlag: Rotpunkt
ISBN: 978-3-85869-555-0
Umfang: 180 Seiten, gebunden

Zu Beginn des Romans werden Alissa und ihr Mann Richard aus dem wohlbehüteten Nest ihrer Eltern gerissen und müssen sich in ihrem neuen Zuhause einrichten. Ein wohliges und heimeliges Gefühl scheint sich bei ihnen jedoch genauso wenig einzurichten wie der Inhalt der sich stapelnden Umzugskisten. Besonders Alissa fühlt sich in ihrer neuen Situation als Mutter und Hausfrau von der Welt im Allgemeinen und von ihrer Mutter und immer mehr auch von ihrem Mann im Stich gelassen und missverstanden.

Dass sie sich in der Wohnung nicht wohlfühlt, schiebt Alissa auch darauf, dass ihre Mutter und Richard diese ausgesucht haben. Sie musste den Entscheid nur noch billigen, wozu sie sich als 27jährige Mutter geradezu gezwungen fühlt:

“Das war zwei Wochen her, sie hatte gerade entbunden, die Welt war ins Wanken geraten. Die nicht nachlassende Aufmerksamkeit um sie herum hatte sie davon überzeugt, dass sie erwachsen sein und ihr eigenes Zuhause haben wollte.”

Dass sie immer öfter mit der kleinen Tochter alleine in der Wohnung bleibt, während Richard ausser Haus ist, hilft Alissa in ihrem fragilen Zustand keineswegs weiter. Hinzu kommt, dass ihre Mutter ihr verkündet, dass sie sich von Alissas Vater scheiden lässt und dass es „einen anderen Mann in ihrem Leben“ gebe. Und auch ihr Vater scheint sich bereits anderen Frauen zu widmen. Alissa merkt, dass sie nicht mehr sie das Zentrum des elterlichen Interesses ist.

Während also das Leben ihrer Eltern wieder jugendlich-verliebte Züge annimmt, sieht die Protagonistin sich mit ihrer eigenen Tochter heillos überfordert. Dass sie nun die Verantwortung für ein solch zerbrechliches Wesen übernehmen soll, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Auch eine mütterliche Wärme sucht man bei der Protagonistin vergeblich. Ihre Rolle als liebende und fürsorgliche Mutter kann sie nur in Anwesenheit anderer erfolgreich spielen:

“Mit zitternden Schluchzern begann Una sich zu beruhigen, die Röte wich aus ihrem Gesicht. Alissa küsste sie auf die Tränen und nahm sie ihrer Mutter aus den Armen. Ohne Zeugen hätte sie nie die Kraft zu so einfachen Gesten gefunden. Dass sie allem und sich selbst zum Trotz dazu imstande war, wunderte sie selbst.”

Das Verhältnis zu ihrem Mann verändert sich im Laufe des Romans ebenso. Während Alissa langsam die Bedrohlichkeit des Lebens und der Mutterschaft erkennt, verfällt Richard immer mehr in eine eher pubertäre Version seiner selbst. Die körperlichen sowie psychischen Veränderungen seiner Frau nach der erst einige Wochen zuvor durchgestandenen Geburt scheinen ihm zu entgehen und seinem körperlichen Begehren nach ihr keinen Abbruch zu tun. Widerwillig und vermutlich mehr aus Gewohnheit denn ehrlicher Zuneigung zu ihm lässt sie seine sexuellen Avancen über sich ergehen.

Nachdem sein Freund vom Krieg gezeichnet in die Heimat zurückkehrt, verbringt Richard immer mehr Zeit mit ihm als mit seiner Frau und die beiden lassen sich von regelmässigem Marihuana-Rausch die Sinne vernebeln. Die Unterschiede zwischen Richard und Alissa, die sich ihren ehemaligen Freundinnen nach der Abkapselung durch die Schwangerschaft nicht mehr recht annähern kann, werden immer besser erkennbar.

Unter den Schwierigkeiten zu leiden hat vor allem die kleine Una. Immer mehr wird Alissa von ihrer Wochenbettdepression beeinträchtigt und sie vernachlässigt ihre neugeborene Tochter. Auch Richard bringt nicht die nötige Verantwortung auf, sodass sich die Ereignisse in den letzten paar Seiten des Romans von Pascale Kramer überschlagen. Alissa verlässt die bedrohliche Enge der Wohnung und – viel schlimmer noch – auch Una. Mit einer kurzen Kapitulations-Haftnotiz auf Unas Bauch, auf der sie erklärt, dass sie nie die Kraft haben wird, zurückzukehren, überlässt sie die Tochter sich selbst. Denn auch Richard findet in dieser Nacht nicht nach Hause.

Pascale Kramer entlässt den Leser mit nur einem kleinen Hoffnungsschimmer, der eigentlich doch keiner ist. Denn Alissa bricht zwar ihr Versprechen und kehrt zurück, ein richtiges Zugeständnis an das Kind und an das Leben ist es dennoch nicht. Denn Alissa empfindet aufgrund ihrer Rückkehr lediglich Reue, Scham und die Niederlage gegen das Leben, das wohl oder übel bis zum Schluss “würde gelebt werden müssen.”