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Rezension: Kamila Shamsie – Die Strasse der Geschichtenerzähler (Berlin-Verlag, 2015)

Vom antiken Griechenland über den Ersten Weltkrieg bis zum indischen Unabhängigkeitskampf: Die pakistanische Autorin Kamila Shamsie verwebt in ihrem Roman “Die Strasse der Geschichtenerzähler” eine enorme Bandbreite historischer Geschehnisse zu einem feinfühligen, wenn auch bisweilen gar etwas zu ambitionierten Panorama von Liebe, Gewalt, Verrat und Zugehörigkeit.
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Zu Beginn steht ein Vorspann, der zurückführt ins Jahr 515 vor Christus: Der griechische Geograph Skylax  sitzt auf einem Hügel, dreht seinen kunstvoll gefertigten silbernen Stirnreif in den Händen und blickt hinab auf’s Wasser, auf die Schiffe, mit denen er in Kürze aufbrechen wird, um als erster Mensch überhaupt den Fluss Indus zu erkunden, vorzudringen in eine bislang unbekannte Welt.

Im ersten Hauptteil begegnen wir der jungen britischen Archäologin Vivian Rose Spencer, die sich im Jahr 1914 an der Ausgrabungsstätte im türkischen Labraunda – Skylax’ Geburtsort – befindet. Sie erlebt eine Zeit unbeschreiblicher Freiheit, prickelnder neuer Erfahrungen und zwischenmenschlicher Glücksmomente. In ihr erwacht die Liebe zu Tahsin Bey, einem Freund ihres Vaters, den sie seit frühester Kindheit kennt und der in ihr das Interesse an der Archäologie geweckt hatte. Er ist überzeugt davon, eines Tages den Stirnreif des Skylax bergen zu können.

Doch nur allzu bald endet die lustvolle Zeit der Entdeckungen: Aus dem Westen dringen Nachrichten vom Kriegsausbruch nach Labraunda, die Expedition löst sich auf, Tahsins und Vivians Wege trennen sich – mit dem Versprechen, dass nach dem Krieg ihre Zeit kommen würde. Doch dieses Glück soll ihnen nicht vergönnt sein…

Vivian reist zurück nach England, meldet sich als Freiwillige Krankenschwester, nutzt aber die nächste Gelegenheit, um wieder in den Osten zu reisen. Alleine reist sie 1915 nach Peschawar, wo sie auf die Möglichkeit von Grabungen in Shah-Ji-Ki-Deri hofft, wo Tahsin Bey den sagenhaften Stirnreif des Skylax vermutete.  Als selbstbestimmte Frau und Angehörige der kolonialen Machthaber findet sie hier nicht nur Freunde.

Als weitere Protagonisten treten hier die paschtunischen Brüder Qayyum un Najeeb Gul auf. Qayyum, der ältere, ist Rückkehrer aus Ypern, wo er auf britischer Seite gekämpft und dabei ein Auge verloren hat. Najeeb hingegen ist ein zwölfjähriger Junge, der zufällig Vivians Bekanntschaft macht und sich in der Folge von ihr in klassischer Altertumskunde unterrichten lässt – zum Unmut seines Bruders Qayyum, der den Heranwachsenden vor dem weiblichen Geschlecht zu schützen sucht.

Im Folgenden entwickelt sich die Geschichte vornehmlich im Spannungsfeld dieser drei Figuren. Brüderliche Liebe, paschtunische Tradition und britisches Selbstverständnis, jugendliche Wissbegier und weibliche Emanzipation sind unter anderem die Themen, die Kamila Shamsie in dieser Konstellation umkreist. Vivian, Najeeb und Qayyum sind dankbar, genau durchdachte Figuren, an denen sich aufgrund ihrer charakterlichen Merkmale die bedeutsamsten politischen, religiösen und sozialen Konflikte der Zeit ausgezeichnet darstellen lassen.

Nach einer erneuten Rückkehr Vivians in die Heimat werden im letzten Teil des Buches die Fäden im Jahr 1928 wieder aufgenommen. Najeeb, der inzwischen selbst Archäologe ist – Vivian war für ihn, was Tahsin einst für sie gewesen ist -, lädt seine ehemalige Mentorin erneut nach Peschawar ein, wo er als “Indian Assistant” im Museum arbeitet. Sein Bruder Qayyum hingegen ist inzwischen der Sache Gandhis beigetreten und unterstützt den unbewaffneten Widerstand unter Ghaffar Khan. Die geschilderten Ereignisse entwickeln sich in diesem Teil vor allem rund um das sogenannte Massaker am Qissa-Khwani-Bazar (das ist die titelgebende “Strasse der Geschichtenerzähler”) im April 1930, während die Leben der Protagonisten in Gefahr geraten und sie auf harte Proben gestellt werden.

Kamila Shamsie (*1973) hat mit “Die Strasse der Geschichtenerzähler” ein dichtes, sinnliches Werk geschaffen, das historische Ereignisse geschickt in feinfühlig erzählte menschliche Lebensgeschichten einbindet. Obwohl manches nur angedeutet und somit der eigenen Recherche überlassen bleibt, und obwohl einige Details – wie der Kritiker des Guardian anmerkte –  nicht vollkommen korrekt wiedergegeben sind, gelingt es dem Text hervorragend, historische Belehrung, existenzielle menschliche Sinnfragen und spannende Unterhaltung in sich zu vereinen.

Zwar ist manches zu einem Randdasein verdammt – etwa die Geschichte der Armenier während des Ersten Weltkriegs, die im Erzählstrang um Tahsin Bey lediglich vage angedeutet bleibt -, was den Vorwurf entstehen lassen könnte, Shamsie habe sich etwas gar zu viele Themen aufgebürdet. Letztlich aber wiegt dies nicht so schwer, sind doch die positiven Qualitäten des Textes gewichtiger:

Shamsies Umgang mit dem zentralen Motiv des Stirnreifs – seine Herkunft, seine Geschichte, die damit verbundenen Assoziationen und die durch ihn geweckten Begehrlichkeiten, seine Gegenwart und seine Zukunft – sind der beste Beweis dafür, dass wir es hier mit einer Autorin zu tun haben, die über überlegene dramaturgische Qualitäten verfügt und mit diesen einen gelungenen historischen Roman schaffen konnte, der lange nachhallt.

Shamsie, Kamila. Die Strasse der Geschichtenerzähler. Aus dem Englischen von Ulrike Thiesmeyer. Berlin: Berlin-Verlag 2015. 384 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8270-7800-1


Zur Recherche hat die Autorin eine Website zur Verfügung gestellt, die Schauplätze und Geschichten aus dem Buch veranschaulicht und einige Hintergründe erläutert. “A God In Every Stone” – nach dem englischen Originaltitel des Romans – ist ein angenehmer und hilfreicher Lektürebegleiter.

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Rezension: Steve Tesich – Ein letzter Sommer (Kein & Aber, 2014 [1982])

Der einzige zu Lebzeiten veröffentlichte Roman des serbischstämmigen Amerikaners Steve Tesich (1942-1996) liegt neu in einer deutschen Taschenbuchausgabe bei Kein & Aber vor. Die Geschichte von Daniel Price, seinen Freunden, seiner ersten Liebe, seinem sterbenden Vater und seiner abergläubischen Mutter ist ein Coming-of-Age-Roman, wie er in der amerikanischen Literatur bislang womöglich nicht übertroffen wurde (nein, auch von Dir nicht, J.D. Salinger!)

Autor Steve Tesich ist kam 1957 mit vierzehn Jahren aus Serbien in die USA, wo er in East Chicago, Indiana, dem Ort, an dem auch “Ein letzter Sommer” spielt, ein Zuhause fand. Er studierte Russische Literatur an der Columbia und begann, nach erfolgreichem Abschluss, Theaterstücke und Drehbücher zu schreiben. Für sein erstes Hollywood-Drehbuch “Breaking Away” (“Vier irre Typen”, 1979) erhielt er einen Oscar. Mit “The World According To Garp” (1982, mit Robin Williams) und “American Flyers” (1985, mit Kevin Costner) steuerte er zu weiteren prominenten Produktionen seine Drehbücher bei. 1996 verstarb Tesich, 53jährig, an einem Herzinfarkt. Als Drehbuch- und Theaterautor ist sein Nachruhm wesentlich grösser, als als Schriftsteller. Zwei Romane hat er geschrieben: “Karoo” (“Abspann”, posthum veröffentlicht 1998) und der hier vorliegende “Summer Crossing” (“Ein letzter Sommer”, 1982).

Es gilt, einen begnadeten Präparator menschlicher Gefühlswelten zu entdecken, der die Tragik und die Komik unserer Existenz in einer berührenden Geschichte gebannt hat.

“Ein letzter Sommer” spielt in der Industriestadt East Chicago im Jahre 1960. Die drei achtzehnjährigen Freunde Daniel Price (der Ich-Erzähler), Larry Misiora und Billy ‘Freud’ Freund haben gerade die Highschool abgeschlossen und stehen vor einem letzten Sommer – bevor sie ihrem Leben eine Richtung geben sollen. Sie sind “ängstlich und unentschlossen”. Alle sind sie mit Problemen im Elternhaus konfrontiert: der rebellische, steineschmeissende Larry verachtet seine Eltern für ihr Spiessbürgertum; Freud wirft seiner Mutter vor, das Andenken an den verstorbenen Vater nicht zu ehren; und Daniel schliesslich steht Tag für Tag im Kreuzfeuer, wenn seine schöne jugoslawische Mutter und sein verbitterter, kranker Vater ihre Streitigkeiten austragen.

Alles ändert sich für Daniel, als er Rachel kennenlernt: er verliebt sich Hals über Kopf in das mysteriöse Mädchen, das mit seinem Vater David neu in die Stadt gezogen ist. Rachel und Daniel kommen zusammen, versichern sich ihre Liebe, reden sich ein, dass das Schicksal sie zueinander geführt hat. Doch während Daniel mit jenem schweren, Teenager eigenen Ernst liebt und geliebt werden will, scheint Rachel immer dann, wenn es darauf ankäme, etwas wegzuziehen von Daniel…

Daniel Price geht durch East Chicago: mit Freud und Misiora, deren Wege sich nach einer Schlägerei, die sie alle drei Seite an Seite mitmachten, trennen; mit seinem sterbenden Vater, den er im Rollstuhl umherschieben muss; mit Rachel, mit der er eigentlich ganz anderes machen wollte; alleine. Bis er jeden Winkel des Ortes gesehen hat, bis es keine Leerstellen mehr gibt und ihm nur noch eines übrigbleibt…

Tesich schreibt mit Feinfühligkeit und der angemessenen Mischung aus grossartiger Komik und herzzerreissender Tragik, die eine solche Coming-of-Age-Geschichte erfordert. Seine Sprache ist klug und bilderreich,  gespickt mit präzisen Dialogen, die Qualen des jungen Liebenden sind glaubhaft und nur dann pathetisch oder kitschig, wenn sie es auch sein müssen (Denn kein verliebter Teenager käme wohl ganz ohne diese beiden Eigenschaften aus.) Die Wechselbäder der Gefühlswelten – unerwartete Sprünge von überbordendem Selbstvertrauen zu unterwürfiger Ratlosigkeit etwa – durchmisst Tesich sprachlich und stilistisch meisterlich.

“Ein letzter Sommer” ist die Geschichte dreier Freunde auf dem Weg in die weite Welt hinaus, die Geschichte davon, wie sich Wege, die man an einem Tag als Parallelen bis in alle Ewigkeit gesehen hatte, am nächsten schon in vollkommen unterschiedliche Himmelsrichtungen abgehen können.  “Ein letzter Sommer” ist die Geschichte einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung, die Geschichte eines Befreiungskampfs aus der Klammer väterlicher Psychotyrannei. Und schliesslich ist “Ein letzter Sommer” die Geschichte von der Entdeckung der Liebe mit all ihren himmelhochjauchzenden Höhen und ihren todessehnsüchtigen Tiefen.

Kurzum: Ob Sommer, Herbst, Winter oder Frühling – “Ein letzter Sommer” ist ein grandioses Buch für alle Jahreszeiten. Ein echtes Lesevergnügen, dem es weder an Humor noch an Spannung noch an Tragik fehlt. 

Rezension: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Schwarzer Flieder (Hoffmann und Campe 2014)

Der junge österreichische Erzähler Reinhard Kaiser-Mühlecker (*1982) schreibt in seinem jüngsten Roman “Schwarzer Flieder” die Familiengeschichte zu Ende, die in “Roter Flieder” (2012) begonnen hatte. In kraftvoller Sprache wird da berichtet von einem, der sich daran macht, alles auszulöschen, was seine Familie aufgebaut hat. Ein starker Roman über Strafe, Schicksal und die unermessliche Sprachlosigkeit der Menschen.

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Titel: Schwarzer Flieder
Autor: Reinhard Kaiser-Mühlecker
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-81243-5
Umfang: 240 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Im Gegensatz zu “Roter Flieder”, einem mehr als sechshundert Seiten starken Buch, das die Geschichte der Familie Goldberger über drei Generationen (von der Zeit des Nationalsozialismus bis in die frühen 1990er) verfolgte, mutet das Ende des Familienepos nun schmal an. Knapp 240 Seiten umfasst es, gegliedert in vier Teile. Im Mittelpunkt steht Ferdinand Goldberger, der als die Geschichte einsetzt seit sieben Jahren in Wien heimisch ist, da Landwirtschaft studiert hat und eine Stelle im Ministerium hat. Er ist der Sohn von Paul Goldberger, dem schwarzen Schaf der Familie, hat seinen Vater, der in Bolivien ums Leben kam, aber nie gekannt. Eine Zeit lang hat er bei seinem Onkel Thomas und seiner Tante Sabine auf dem Landgut Rosental gelebt, das auch in diesem Buch eine zentrale Rolle einnimmt.

Im ersten Teil von “Schwarzer Flieder” begegnet Ferdinand seiner verloren geglaubten ersten Liebe Susanne wieder, verliebt sich ein zweites Mal und verlobt sich mit ihr. Es ist ein aufblühender Ferdinand, der dem Leser hier begegnet. Es heisst: “(…)seit sein altes Leben – Rosental, Susanne – verloren war, schien es, als wäre sein Herz verhärtet.” Nun erweicht es wieder, erblickt für einen Moment das Glück – und wird jäh zerschmettert, als Susanne sich das Leben nimmt.

In der Folge nimmt Ferdinand Reissaus, flüchtet sich nach Bolivien, um den Spuren seines Vaters zu folgen und “(i)hm war, als wäre alles, was er sah, nichts anderes als sein Vater”. In Bolivien mietet er sich in einer Pension ein, sitzt unter der Sonne und trinkt Bier. Er vegetiert vor sich hin, macht sich Vorwürfe, verliert nach und nach die Überzeugung, aus der er hierhergekommen ist, sieht keinen Sinn mehr im Leben…

“War nicht genau das das einzig verbliebene Lebendige gewesen: Der Wunsch, das alles einmal zu sehen, die Gegend, in der sein Vater gelebt hatte und gestorben war? Und jetzt? Jetzt war auch das vorbei und tot.”

 

Später findet er neuen Elan, arbeitet freiwillig in einem Spital, nähert sich Leuten, reist zum Grab seines Vaters, das unter schwarzem Flieder sich befindet. Erst ein Anruf von Tante Sabine aus Rosental holt ihn zurück: Onkel Thomas sitzt im Gefängnis. Er hat seinen Ziehsohn und ursprünglich beabsichtigten Erben Leonhard im Streit ermordet.

Der dritte Teil des Romans lässt Tante Sabine die Geschichte von Leonhard und Thomas erzählen. Es ist der gewalttätigste, aber auch kraftvollste Teil des Romans. Die Form der direkten Rede (aus Sabines Mund) verstärkt die Wirkung des hier Gesagten oder auch nur Angedeuteten. Wie das Ehepaar den Gehilfen Leonhard beobachtet, als er Eierkartons zuhauf in sein Zimmer schleppt; wie sie ihn in der Nacht nach Hause kommen hören, in Begleitung einer Frau; wie es danach furchtbar still ist, bis sich Leonhards Tür wieder öffnet und das Wimmern zu vernehmen ist; wie Thomas zu schnarchen beginnt: nicht, weil er schläft, sondern weil er es nicht hören will; immer und immer wieder… In diesen Passagen erweist sich Kaiser-Mühlecker, der auch ansonsten einen souveränen, distanzierten Sprachgestus pflegt, als meisterlicher Erzähler. Sprachlosigkeit, das Verschweigen und Verdrängen des Unsagbaren, sind Themen, die bereits in “Roter Flieder” eine zentrale Rolle spielten und auch den Abschluss der Saga entscheidend prägen. Vom “Niemand verlor ein Wort” im ersten Abschnitt bis zum finalen Satz “Was er damit meine, fragte die Wirtin nie.” sin die Unfähigkeit oder der Unwille, das Entscheidende sprachlich auszudrücken, das grösste Dilemma der Figuren. Sabine sagt:

“Und irgendwann hört man auf, darüber nachzudenken, weil das Nachdenken schmerzhafter ist, als das Tatsächliche und schliesslich Gewöhnte zu ertragen.”

Es ist diese Resignation, dieser Entschluss zum Verdrängen, der sich auch im dem Buch vorangestellten Motto “Ich wählte Dulden und Bleiben” (aus der Odyssee) spiegelt, die im vierten und letzten Teil zum konsequenten Ende der Geschichte führen: Ferdinand hat den Hof von Thomas übernommen und macht sich daran, Schritt für Schritt für Schritt, auszulöschen, was seine Familie hervorgebracht hat. Damit steht Reinhard Kaiser-Mühlecker in einer grossen Traditionslinie österreichischer Literaten.

Kaiser-Mühlecker, der erst kürzlich mit dem prestigeträchtigen Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet wurde, hat mit seinem mittlerweile fünften Roman “Schwarzer Flieder” die Geschichte der Familie Goldberger mit ihren alttestamentarischen Flüchen (Gott straft “bis in das dritte und vierte Glied”!), ihren Fehden, ihrem zumeist unsympathischen Verhalten und ihrem unermesslichen Schweigen zu einem unbarmherzigen und eindrücklichen Ende geschrieben.

 

Rezension: Stefano Benni – Von allen Reichtümern (Wagenbach, 2014)

In seinem bislang letzten Roman “Von allen Reichtümern” (Original:  2012) erzählt der italienische Bestsellerautor Stefano Benni (*1947) die Geschichte eines einsamen pensionierten Literaturprofessors auf den Spuren eines mysteriösen toten Dichters und der grossen Liebe. Eine gelungene Kombination aus Gesellschaftssatire, Künstlerroman und herzergreifendem Liebesmärchen.

“Von allen Reichtümern, die ich gesehen habe
Möchte ich nur eines wirklich
Deine Augen aus Himmelswasser.”

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Titel: Von allen Reichtümern
Original: Di tutte le ricchezze (Feltrinelli 2012)
Autor: Stefano Benni
Übersetzung: Mirjam Bitter
Verlag: Klaus Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-3255-0
Umfang: 224 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Die titelgebenden Verse des Romans stammen aus der Feder seines heimlichen Protagonisten Domenico Rispoli, genannt der Catena. Er war ein geistig kranker Dichter, der angeblich Selbstmord begangen haben soll. Der offensichtliche Protagonist und (meist) Erzähler des Romans ist Martin, ein pensionierter Literaturprofessor und Exeget des Catena, der die anerkannte Version von dessen Tod in Zweifel zieht. Er lebt mit seinem Hund Ombra in einem abgelegenen Haus am Waldesrand, hat es sich mit einer gewissen Selbstironie in seiner Einsamkeit bequem gemacht, spricht mit dem Hund und den Tieren des Waldes, schreibt von Zeit zu Zeit an einem Band über komische Lyrik und wartet sehnsüchtig auf Anrufe seines Sohnes Umberto, der in den USA lebt.

Als in eines der wenigen nähergelegenen Häuser das junge Künstlerpaar Aldo und Michelle zieht, gerät Martins Welt des resignierten Älterwerdens aus den Fugen. Aldo erinnert ihn an sich selbst in den Jahren der Jugend: impulsiv, zerrissen, im Kampf um künstlerische Anerkennung. Michelle wiederum weckt in Martin schmerzhafte Erinnerungen an eine grosse Liebe, deren Ende er nie verarbeitet hat, weil er mit dem “Verbrechen, sie alleinzulassen” nicht klarkommen kann.

Trost und Weisheit in den Versen des Catena und eigenen Gedichten suchend, die häufig Kapitelanfänge zieren, vermag sich der weise Alte doch nicht zu retten vor dem, was mit dem ersten Besuch von Aldo und Michelle in Gang gesetzt wurde. Die Künstler suchen Unterstützung und Rat beim namhaften Literaturprofessor, der wiederum stürzt Hals über Kopf in einen Strudel der Gefühle, die er glaubte hinter sich gelassen zu haben.

“Meine Einsamkeit ist würdevoll, ich begegne ihr erhobenen Hauptes, doch wenn ich ihr ins Gesicht sehe, verlacht sie mich, verletzt mich, lässt all die Einsamkeiten der Vergangenheit zurückkehren. So ist es: Jede Einsamkeit trägt alle erlebten Einsamkeiten in sich.”

Der langen Rede kurzer Sinn: Martin verliebt sich Hals über Kopf in Michelle. Deren Beziehung zu Aldo zerbricht, mit einem wertvollen Geschenk aus den Händen Martins macht sich der erfolglose Künstler auf den Weg zurück in die Stadt – und Martin kann mit Michelle endlich die Zweisamkeit geniessen, die er sich gewünscht hat, von der er aber auch weiss, dass sie nicht anhalten wird.

Im nahegelegenen Dorf findet ein grosses Volksfest statt, das “Fest des unentschlossenen Kavaliers”, zu dem sich der alte Literaturprofessor und die junge (dreissigjährige) Künstlerin gemeinsam begeben. Die Seiten, die dieses Fest beschreiben, weisen Stefano Benni als einen wahrlich meisterhaften Erzähler aus: wie bissige Gesellschaftssatire, Mythen des Dorfes und die zu Herzen gehende Liebesgeschichte zu einem vielstimmigen, harmonischen Ganzen verwebt werden, ist hervorragend.

Benni, den man versucht ist in seiner Hauptfigur Martin wiederzuerkennen, pflegt einen fantasievollen, stets humorvollen, empathischen Stil, der durchwirkt ist von vielen Anlehnungen an Literatur und Musik. Die Perspektiven sind flexibel: mal erzählt der Professor aus der Ich-Perspektive, mal erlebt man das Geschehen anhand längerer Wortmeldungen verschiedener Beteiligter, mal mischt sich eine Erzählstimme in dritter Person ein. Es ist nicht zuletzt diese Flexibilität, die das Buch auch formal zu einem abwechslungsreichen Erlebnis macht. Was den Inhalt betrifft, so ist die Vielfalt aufgrund der verschiedenen Themen und Geschichtsstränge ebenfalls gegeben. Zur zentralen Liebesgeschichte zwischen Martin und Michelle gesellen sich viele, nichtsdestoweniger detailreich gearbeitete Randgeschichten, etwa die Fehde zwischen Martin und seinem alten Professorenwidersacher Remorus oder die Begegnung Martins mit der für verrückt gehaltenen Alten Berenice (“Sie war keine Hexe. Sie war nur eine Alte, die an der Einsamkeit litt, wie ich.”)

“Von allen Reichtümern” ist ein grossartiger Roman, dessen Mittelpunkt die emotionale Wiedergeburt des Literaturprofessors Martin bildet: zu Beginn ein ermatteter, zurückgezogener Pensionär, erfährt er nach und nach eine Auferstehung, die ihn dazu bringt, die Herausforderungen des Lebens und der Liebe wieder anzunehmen. Seine abschliessenden Gedanken sind von hoffnungsvoller, erbauender Kraft.

 

Rezension: Thomas Weiss – Flüchtige Bekannte (Berlin-Verlag, 2014)

Der vierte Roman des deutschen Autors Thomas Weiss (*1964) erzählt die packende Geschichte  von Maren Schulz, die ihre Verpflichtungen als Ehefrau und Mutter zurücklässt, um selbst über ihr Leben bestimmen und glücklich werden zu können. Der Journalist Joachim schreibt eine Reportage über ihr Veschwinden, findet sie schliesslich in einem Clubhotel in Tunesien und beginnt sich, über sein eigenes Leben Gedanken zu machen. Ein hervorragender Text über die Entscheidung für oder gegen das ganz persönliche Glück.

Joachim ist Filmkritiker, selten schreibt er auch Reportagen. Er ist verheiratet mit Anne und befindet sich mit ihr mitten in den Planungen für einen Hausbau. An den Sitzungen mit der Baugruppe, den Debatten und Streitereien unter den Beteiligten, den unzähligen kleinen Entscheidungen stört ihn, dass es “nicht zu kontrollieren” ist. Man kann “nur hoffen, dass alles gutgehen würde.”

“Manchmal wachte ich mitten in der Nacht auf und schwitzte.
Wir standen vor der Frage, ob der integrierte gedämpfte Selbsteinzug unserer Schubladen wirklich leise war.”

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Titel: Flüchtige Bekannte
Autor: Thomas Weiss
Verlag: Berlin-Verlag
ISBN: 978-3-8270-7720-2
Umfang: 192 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

 

Eines Tages erzählt Anne Joachim von ihrem Freund Berthold, dem sie im Pilateskurs begegnet ist: er ist alleinerziehender Vater einer Tochter im Teenageralter. Die Mutter, Maren, wird seit einem Dreivierteljahr vermisst. Eines Abends wollte sie noch arbeiten – sie war Architektin – , verliess das Haus in Turnschuhen und Pullover, um drei Uhr nachts war sie noch nicht zurück, es fehlten nur ihr Geld und ihr Reisepass. Joachim will die Geschichte nicht aus dem Kopf gehen, er schafft es, seiner Zeitung eine Reportage anzubieten, die sich mit Berthold und Tochter Sandra befasst. Ein Foto von Maren wird gedruckt. Leser melden sich mit Hinweisen bei Joachim – und tatsächlich trifft einer davon ins Schwarze: Maren arbeitet in einem Clubhotel im tunesischen Djerba als Tennislehrerin. Ohne Anne und Berthold zu informieren, bucht Joachim eine Woche Cluburlaub…

“Flüchtige Bekannte”: flüchtig ist ein wundersam mehrdeutiges Wort, dessen Bedeutungshorizont sowohl ‘auf der Flucht befindlich, geflüchtet’ als auch (gerade in der Kombination mit Bekannten) ‘nicht lange bestehend, vergänglich’ oder ‘vorübergehend, nebenbei erfolgend’ miteinschliesst. Die Geschichten, die der Roman erzählt, umfassen alle möglichen Bedeutungen. Maren ist, wortlos, aus ihrem bestehenden Leben mit all seinen Verpflichtungen und der aufgebürdeten Verantwortung geflüchtet. Ihr neues Leben baut auf totaler Selbstbestimmung auf, darauf, zu jeder Zeit die Kontrolle über alle Entscheidungen zu haben: damit geht etwa auch einher, dass persönliche Bindungen vergänglich und vorübergehend sind: “Siche möchte ich mit Männern zusammen sein, aber ohne Bedingungen.” Sie liebt das Tennis, auch weil die Regeln des Spiels kein Unentschieden vorsehen: es ist ein bedingungsloses Entweder-Oder. Im Leben hat sie sich für die Freiheit und das Glück entschieden, was ihr nur durch die Abwendung vom familiären und beruflichen Alltag möglich schien.

In diese Geschichte hinein wird nun Joachim versetzt, der sich auf der tunesischen Ferieninsel Gedanken über das eigene Leben zu machen beginnt. Er steht vor der Wahl – ist es eine Wahl? -, sich auch bedingungslos der Suche nach dem persönlichen Glück zu widmen oder zu Anne zurückzukehren und weder unglücklich noch wirklich glücklich zu sein, zu leben, “wie man eben lebt”.

Thomas Weiss ist mit “Flüchtige Bekannte” ein hervorragender Text gelungen, der geschickt strukturiert ist: zumeist erfährt man die Dinge aus der Ich-Perspektive Joachims, bisweilen kommt aber auch Maren zu Wort, so dass auch ihre Version der Geschichte vermittelt wird. Darüber hinaus ist es in erster Linie ein Roman, der sich in kluger Weise mit einer der dominanten Fragen unserer Gesellschaft auseinandersetzt: der Frage, wie weit man für sein ganz eigenes, individuelles Glück gehen soll/darf/kann. Eine definitive Antwort darauf kann und will der Text natürlich nicht liefern, als Denkanstoss aber ist er überaus anregend.


Artverwandte: von Stil, Schauplätzen, Personal und einigen Grundthematiken (etwa der der kriselnden Ehe und damit verbundenen Kommunikationsproblemen) her, erinnert der Text an Andreas Schäfers “Gesichter”, einen ebenso grandiosen Roman.

Von flüchtigen Bekannten, vom Leben der Menschen als blosse Passanten im Leben anderer, schrieb unlängst Christian Zehnder in “Die Welt nach dem Kino”, wobei dieser Roman auch in seiner Sprache ‘flüchtiger’ bleibt und nicht so eindringlich wirkt.

Wer sich für die vielen, bisweilen auch kritischen Beschreibungen der touristischen Umgebung im Clubhotel interessiert, dem sei Michel Houellebecqs “Plattform” ans Herz gelegt, wo mit diesem Umfeld – es geht vornehmlich um Europäer in Thailand – radikaler abgehandelt wird.

Zuletzt muss, weil er im Roman selbst von Joachim als Referenzpunkt genannt wird, der Film “Five Easy Pieces – Ein Mann sucht sich selbst”  (1970) erwähnt werden. Jack Nicholson gibt hier den zum Ölarbeiter gewordenen Intellektuellen, der plötzlich ausreisst. Mehrmals.

Der Roman ist tot. Zu einem Text von Will Self.

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Der Besprechung von Will Selfs neuem Roman “Regenschirm”, die in Kürze hier zu finden sein wird, möchte ich heute schon den Hinweis auf einen kürzlich publizierten Artikel des Autos vorausschicken:

Unter dem Titel “The novel is dead (this time it’s for real)” druckte The Guardian einen verwirrenden, kontroversen Text von Will Self ab, der das Ende der Gattung Roman verkündet. Seine Reiter der Apokalypse sind Kindles, iPads und andere elektronische Lesegeräte, die aufgrund ihrer Internetverbindung die Leser angeblich von ihrer Konzentration auf einen Text abhalten und zu endlosem Surfen in den Weiten des Netzes verleiten . Aus diesem Grunde beschwört er das Ende des Romans herauf.

“There is one question alone that you must ask yourself in order to establish whether the serious novel will still retain cultural primacy and centrality in another 20 years. This is the question: if you accept that by then the vast majority of text will be read in digital form on devices linked to the web, do you also believe that those readers will voluntarily choose to disable that connectivity? If your answer to this is no, then the death of the novel is sealed out of your own mouth.”

 

Viele Leser und Leserinnen, die Kommentare abgegeben haben waren nur schon durch Selfs kompliziertes, fremdwortreiches Englisch abgeschreckt. Doch auch wenn man sich – Wörterbuch stets zur Hand – durch den dichten Sprachdschungel gekämpft hat, bleibt der Artikel konfus, die Aussagen nur schwer nachvollziehbar. Und weil sich Self dann auch noch erlaubt, einen Doktoranden, dessen Dissertation er betreut hat, blosszustellen, mischt sich zuletzt gar eine gewisse Antipathie gegenüber dem Autor mit in die Lektüre.

Es ist nichts Neues, dass die britische Leserschaft alles, was Self sagt und schreibt sehr kritisch betrachtet. Er ist einer, der polarisiert. Einer, dessen Meinungen häufig nicht akzeptiert und noch häufiger gar nicht verstanden werden. 2011 äusserte sich dazu der irische Regisseur Graham Linehan auf Twitter:

Mit diesem diskussionswürdigen Artikel im Hinterkopf geht es nun an die Lektüre des fünfhundertseitigen Romans, der in deutscher Fassung dieses Jahr bei Hoffmann & Campe erschienen ist. Ich gebe es gerne zu: ich habe eine gedruckte Version des Textes vor mir liegen. Gebunden, Hardcover, Schutzumschlag, Papier: ein sogenanntes Buch, ja. Will Self, in einem kurzen Wüten gegen die Literaturkritik, unterstellt in seinem Artikeln den Kritikern eine “inability to think outside of the papery prison within which they conduct their lives’ work”. Danach zitiert er dazu Marshall McLuhans “Die Gutenberg-Galaxis: Das Ende des Buchzeitalters” aus 1962.  An dieser Stelle enthalte ich mich eines weiteren Kommentars, möchte Feuer nicht mit Feuer bekämpfen – eine Diskussion aber anregen:

Was denkt ihr? Sind mit dem Internet verbundene Lesegeräte wie iPad, Kindle usw. tatsächlich eine Bedrohung für die literarische Gattung Roman? Oder ist Selfs These, dass der Tod des Romans besiegelt sei, sofern Leser nicht freiwillig die Internetverbindung trennten, komplett an den Haaren herbeigezogen?

Rezension: Svenja Leiber – Das letzte Land (Suhrkamp 2014)

In ihrem ambitionierten zweiten Roman erzählt Svenja Leiber (*1975) die mehr als sechs Jahrzehnte umspannende Geschichte des musikalisch begabten Stellmachersohns Ruven Preuk, der auszog die Welt das Geigen zu lehren, dem aber seine Herkunft, die Liebe und der Krieg dazwischen kamen. Ein grosser Roman über Familie, Liebe, Kunst und Gerechtigkeit im Angesicht einer unbarmherzigen Geschichte.

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Titel: Das letzte Land
Autorin: Svenja Leiber
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42414-8
Umfang: 308 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Im Jahr 1911, in dem die Geschichte einsetzt, ist Ruven Preuk, zweiter Sohn des Stellmachers Nils Preuk, noch nicht einmal zehn Jahre alt. Er steht “abseits vom Dorf und horcht. Er zählt den Takt, den das Licht und die Pappeln ihm schlagen.” Fahrende Künstler ziehen durch das Dorf in Norddeutschland: das Mädchen Sophie weckt im jungen Ruven erste erotische Leidenschaften, der ältere Joseph schenkt ihm seine erste Geige. Das Instrument, das sein weiteres Schicksal bestimmen wird.

Vater Nils prügelt den Sohn, weil er im familiären Betrieb nicht zu gebrauchen ist. Schliesslich darf Ruven doch Unterricht nehmen: mit neun Jahren geht er in die Stadt zu Lehrer Goldbaum, in dessen Tochter Rahel er sich unsterblich verliebt: eine lebenslange unerfüllte Liebe, die nie im Zentrum der Geschichte steht, und doch im Hintergrund vieler Episoden dräut.

Die Zeiten ändern sich: Ruvens Vater und Brüder ziehen in den Krieg und der Zweitgeborene ist gezwungen ins Dorf zurückzukehren und die Stellmacherei zu führen. Nils kehrt von der Front nicht zurück, der ältere Bruder John ist für immer gezeichnet vom Krieg. Nach dem Krieg stirbt auch Goldbaum und Rahel verschwindet. Ruven sitzt daheim und denkt, “wenn die Musik vorbei ist, bin ich vielleicht auch vorbei.”  Er geigt, hat Auftritte, wird unter die Fittiche eines Professors genommen. Im Dorf trifft er sich mit der Krankenschwester Emma, deren sozialistische Ideen auf tödlichen Widerstand stossen. Der nächste Weltkrieg naht. Bekannte Gesichter aus der Kindheit nehmen neue Formen an: Ruven heiratet die Kindheitsfreundin Lene und muss zusehen, wie aus dem Kindheitsfreund Fritz, dem “Fischotter”, ein Nazi wird.

Mit seiner Frau zieht er nach Hamburg, Tragödien häufen sich, er wird in die Armee eingezogen: “Ich kann das nicht mehr, das Frohsein”, seufzt er und geht. Der Fokus der Geschichte verschiebt sich ab diesem Punkt, liegt nun nicht mehr auf Ruven selbst, sondern unter anderem auf seiner zurückgelassenen Frau Lene, der gemeinsamen Tochter Maria, dem Judenjäger Fischotter-Fritz und seinen sadistischen Machtspielen. Bis ins Jahr 1975 wird die Geschichte gespannt, als alte Männer stehen sich die zwei Kindheitsfreunde wieder gegenüber und Ruven resümiert:

“Mir sagte einmal einer, die Welt sei krank. Damals hab ich das nicht verstanden. Aber jetzt verstehe ich. Sie ist an den Trümpfen krank geworden, an den grossen Versprechen. Am Kreuzbuben. Der kleine Mensch, der die grossen Antworten zu verkraften meinte, hat sich verloren und nicht mehr gewusst, was er auf der Welt überhaupt soll.”

 

“Das letzte Land” ist ein ambitionierter Roman, der in derbem, bisweilen dialektal gefärbtem Präsens vom Unbill der Geschichte erzählt, die manch einen grossen Traum in ihren Mühlen zu grauem Staub zermahlt. Die Figur des Ruven Preuk, hin und hergerissen zwischen rustikaler Herkunft und noblen Salons, im steten Kampf mit dem Schicksal, der Gerechtigkeit und dem eigenen Talent, ist vielschichtig und nachvollziehbar gezeichnet. Auch die weiteren Figuren, deren Geschichten bisweilen zu Hauptschauplätzen werden, strampeln sich ab in den Fluten des Weltgeschehens. Und manchmal sagt jemand im Angesicht des Schlimmsten mutige Worte wie:

“Und wissen Sie, Lene, wir können Dinge lassen (…), wir können sie aber auch tun. Denn wenn wir sie lassen, dann sind wir keine richtigen Menschen. Und richtige Menschen wollen wir doch sein, Sie und ich.”

Es passt zur Unbarmherzigkeit des Lebens, wie es in diesem Roman bis zum bitteren Ende beschrieben wird, dass das Schicksal der Person, die solche Worte spricht, keine Geschenke macht.

Trotz seiner unerhörten Ambition, mehr als sechs Dekaden auf dreihundert Seiten zu packen, übernimmt sich “Das letzte Land” niemals. Entscheidende Ereignisse der Geschichte spiegeln sich in den Biographien der Figuren, zeichnen deren Gegenwart und Zukunft, lassen sich, gerade im Fall der beiden Weltkriege, nicht mehr abschütteln. Leiber schreibt in einer kräftigen Prosa gegen die Hilflosigkeit ihrer Figuren im Angesicht des Schicksals und der Geschichte an. Dialektale Färbungen, die tabuisierte Sprache der naiv-abergläubischen Landbevölkerung, kraftvolle Metaphern und oftmals sprichwortartige Formulierungen sorgen für eine sprachliche Wucht, der man sich nur schwer entziehen kann.
Und am Schluss hallt eine Frage der Krankenschwester Emma, die allzu früh den Nationalsozialisten zum Opfer fiel, nach: “Wie wäre es, wenn alles ein wenig anders zuginge, gerechter?”


Artverwandte: Die derbe Sprache, die stark an mündliches Erzählen angelehnt ist, diese naiv-abergläubische Brutalität der Landbevölkerung und die Unbarmherzigkeit des Lebens, wie sie in “Das letzte Land” dargestellt wird, erinnern stark an Silvia Tschuis “Jakobs Ross” (Nagel & Kimche 2014). Obschon Tschuis Debüt wesentlich stärkere Einflüsse des Dialekts aufweist und einige Jahre früher (Deutschschweiz des 19. Jahrhunderts) spielt, sind die Parallelen kaum zu überlesen. Wem “Das letzte Land” gefällt, dem dürfte auch “Jakobs Ross” zusagen, und vice versa.

In einem grundlegenden Element der Erzählsituation erinnert das Buch auch an einen weiteren Titel aus dem aktuellen Programm des Suhrkamp-Verlags: die Beschreibung des ganzen Lebens eines Mannes, dem die Musik wie als eine Bürde des Schicksals auferlegt ist, gemahnt an die Geschichte von Joao Ricardo Pedros “Wohin der Wind uns weht”, welchem es jedoch nicht gelingt die verschiedenen Generationen und Geschichten so stringent zu einem Ganzen zu verweben.

Rezension: Viktoras Pivonas – Esel im dritten Frühlingsmond (Matthes & Seitz 2014)

Nach “Talisman” (2010) erscheint dieses Jahr zum zweiten Mal ein Roman von Viktoras Pivonas bei Matthes & Seitz. “Esel im dritten Frühlingsmond” ist ein schwieriges Stück Literatur, ein Panorama der Neurosen und Weltfremdheiten, irritierend und fesselnd zugleich. 

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Titel: Esel im dritten Frühlingsmond
Autor: Viktoras Pivonas
Verlag: Matthes & Seitz
ISBN: 978-3-88221-031-6
Umfang: 231 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Der 1933 in Litauen geborene Autor Viktoras Pivonas veröffentlichte 1976 resp. 1984 zwei Romane im Insel-Verlag. Danach widmete er sich satte 25 Jahre der Arbeit an seinem post-apokalyptischen Roman “Talisman”, der 2010 bei Matthes & Seitz erschien (Besprechung FAZ). Nur vier weitere Jahre hat es jetzt gedauert, ehe ein vierter Roman des in Wiesbaden lebenden Autors vorliegt: “Esel im dritten Frühlingsmond”.

Der Titel bezieht sich, wie auch alle neun Kapitelüberschriften, auf eine tantrische Sexstellung. Diese entnimmt der namenlose Ich-Erzähler des Romans einem Buch des taoistischen Meisters Tung-hsüan-tzu. Damit gelingt es ihm, im Verlaufe des Romans – er nennt es “Romanze” – in neun Betten zu landen. “Zweihundert Seiten Beschreibungen fremder Häute und Laute”, sagt er  bereits im ersten Abschnitt. Und hat damit im Kern recht. Dennoch entwickelt sich auch ausserhalb der Betten ein Geschehen.

Der Erzähler arbeitet gemeinsam mit Bob, der stumm ist und sich nur schriftlich mitteilt, in einem “Beratungsunternehmen”. Um diesen Bob sowie dessen Therapeuten Dr. Trockeneisz, der dem Erzähler nicht bekannt ist, also nur über Drittpersonen in die Erzählung Eingang findet, sind alle anderen Figuren der Geschichte gruppiert. Mannigfaltige Verstrickungen der verschiedenen Protagonisten (und v.a. Protagonistinnen) stiften einige Verwirrung, doch schnell wird klar, dass alle Fäden in Bob und Trockeneisz, der seinen Patienten ausnutzt, zusammenlaufen. Nichtsdestotrotz bleibt vieles im Unklaren, was – je nach Geschmack – dem wirren Erzählstil und den andeutungsreichen zitierten Bonmots von Bob zu verdanken oder zur Last zu legen ist.

Der Ich-Erzähler: Es ist eine denkwürdige, weltfremde, hochgradig neurotische, in seinem eigenen Zeit-Raum-Kontinuum gefangene Figur, die Pivonas hier der Literatur schenkt. Ein Mann, “längst in einem Alter, in dem die Sexualität nur noch als Ornament das Leben begleitet”, überfordert von den erotischen Avancen, die ihm plötzlich gemacht werden, nachdem er jahrelang nur die “Gezeiten des Geschäfts” wahrgenommen hatte. Es entstehen Dialoge wie:

“Eva ist schwanger.
Ist das eine private Mitteilung, fragte ich nach einigem Zögern, oder betrifft sie meine Funktion in der Firma?”

 

“Die Neurose (…) ist eine Kunstform”, lautet eine der von Bob notierten Sentenzen, die Denken, Handeln und Schreiben des Erzählers stets begleiten. Schreiben: der Mann versucht sich als Schriftsteller, arbeitet an einem eigenen Manuskript, verwendet dabei von Bob verfasste Berichte – und weiss bald nicht mehr, welche Gedanken nun von ihm und welche von Bob stammen. Inmitten dieses chaotischen Gewühls aus amourösen Verstrickungen, befriedigungsfreiem Sex und prägnanten (inhaltlich aber oft absurden) Dialogen, kristallisiert sich plötzlich eine neue Frage heraus: wer schreibt hier eigentlich? Wer stiehlt? Wer betrügt? Der Erzähler? Bob? Trockeneisz?

Hinweise werden subtil gestreut, verstecken sich schon mal in Nebensätzen, erweitern den Text somit um eine gewichtige Dimension: für Irritation ist gesorgt. Schwieriger Stoff ist das. Der Autor lässt seinen Erzähler Unklarheiten nicht beseitigen, sondern stattet ihn mit einer vagen, andeutungsschwangeren Argumentation aus, die nicht immer einleuchtet. Hinzu kommt eine oft spröde, ökonomische Sprache (beim Fremdgehen etwa spricht er vom ‘erschaffen neuer Bedingungen, die ihre eigenen Rechte geltend machen’). Bisweilen macht aber auch genau das Angedeutete den Reiz aus: die Suche nach dem, was hinter den Zeilen verborgen liegt. 

Fazit: Eine Handvoll neurotischer, befremdeter und befremdender Frauen und Männer jungen und mittleren Alters in ihrem Kampf mit der Unbarmherzigkeit von Liebe, Lust und Eifersucht; mit verstecktem, boshaftem Witz erzählt; als trügerisches Spiel mit der Realität inszeniert, dabei aber manchmal inhaltlich und argumentativ schwer nachvollziehbar und sprachlich anstrengend: das ist “Esel im dritten Frühlingsmond”.

 

 

Rezension: Sophie Coulombeau – Nach allem, was passiert ist (Kein & Aber 2014)

Der Debütroman der jungen Britin Sophie Coulombeau, Gewinnerin des Route Young Author Awards 2011, ist ein moralisch und rechtlich verzwicktes Teenagerdrama, von den Beteiligten aus retrospektiver Sicht erzählt. Im Zentrum der Handlung: vier Vierzehnjährige, die beschliessen, in einem gemeinsamen Ritual (Originaltitel: “Rites”) ihre Unschuld zu verlieren…

“Als ich vierzehn war, habe ich etwas Schreckliches getan. Wenigstens behaupten das einige.”

So lauten die ersten beiden Sätze des Romans. Der Sprechende ist Damien, einer der vier Jugendlichen. Wie alle in diesem Roman in stets kurzen Kapiteln zu Wort kommenden Zeugen, spricht er zu einem nicht identifizierten, stummen Interviewer.

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Titel: Nach allem, was passiert ist
Original: Rites (2012)
Autorin: Sophie Coulombeau
Übersetzung: Simone Jakob
Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5690-9
Umfang: Klappenbroschur, 256 Seiten

Als sie vierzehn waren, haben Damien, seine Freundin Lizzie sowie das Paar Nick und Rachel, die ein unzertrennliches pubertäres Vierergespann bildeten, den Entschluss gefasst, es sei nun an der Zeit, Sex zu haben. Um diesen Plan in die Tat umzusetzen, galt es, etliche innere und äussere Hindernisse zu überwinden, etwa Rachels einsamen Vater und Lizzies gestrenge Mutter, die ihrerseits eine Affäre hatten. Dann aber auch, besonders im Falle von Rachel, das alle Handlungen als störendes Hintergrundgeräusch begleitende katholische Schuldbewusstsein, das in Form von Father Creevey auch personifiziert auftritt.

Den Jugendlichen gelingt es, ein Hotelzimmer zu mieten und sich an einem vereinbarten Abend dort miteinander zu treffen. Sie betrinken und bekiffen sich und haben Sex: Damien mit Lizzie, Nick mit Rachel in nebeneinander stehenden Betten. Was schief läuft: noch während ihres Übergangsrituals stellt sich heraus, dass sich Damien und Rachel lieben. Und Lizzies “Nein” geht im allgemeinen Rausch unter, beziehungsweise wird nur von Nick gehört – oder doch nicht…?

Der ganze Roman ist auf dieses eine Ereignis, diesen etwas seltsamen Übergangsritus der vier Teenager, zugespitzt. Die Nacherzählung der Szene ist für das grosse Brimborium, das darum veranstaltet wird, reichlich spröde, so dass ich das erste Statement von Nick zu beherzigen gewillt war, der sagt:

“Warum so ernst? Ist doch nichts Schlimmes. Junge trifft Mädchen, die Natur nimmt ihren Lauf, die Eltern kommen dahinter, zack, Klaps auf die Hand, das wars. Ja, wir waren ziemlich jung, aber so was kommt jeden Tag vor.”

 

Dies scheint zwar angesichts des Geschehenen auch leicht verharmlosend, jedoch näher an der Wahrheit zu liegen, als etwa Damiens Nacherzählungen, die grössten Wert auf die theatralische Geste legen. Ja, diese Wahrheit: sie ist eigentlich die Hauptfigur in diesem Roman. So was wie die Wahrheit gibt es im Grunde gar nicht, so behauptet Damien an einer Stelle. Und tatsächlich lässt die Konstruktion des Texts, diese Konzentration auf subjektive Meinungen, die sich – teils aus mangelhafter Erinnerung, teils wohl auch aus Bosheit – so häufig widersprechen, auch den Leser den Begriff der Wahrheit in Frage stellen.

Wem soll man Glauben schenken? Father Creevey, der ja doch immerhin katholischer Pfarrer ist, dann wiederum aber auch eine unverbesserliche eitle Klatschbase? Rachel, die sehr viel zu sagen hat, am “objektivsten” wirkt, aber auch hinterlistige eigensinnige Motive zu haben scheint? Lizzie, die als eigentlich zentrale Informantin, sehr wenig preisgibt, ihre Meinungswechsel nicht ausführlich kommentiert? Damien, der sich als tragischen Helden stilisiert? Nick, der einen eher lockeren, gut gelaunten Umgangston anschlägt? Allen? Niemandem?

Dieses Spiel mit der Wahrheit und das ständige Hin-und-Her der unterschiedlichen Perspektiven machen Coulombeaus Debüt zu einer spannenden, anregenden Lektüre. Die erzählte Geschichte, die per se soviel Aufhebens nicht wert wäre, bietet mit ihren ethisch-moralischen Zwickmühlen eine solide Grundlage für das von der Autorin clever inszenierte Spiel. Insgesamt legt die mittlerweile 28-jährige Britin einen stilsicheren Erstling von ausgereifter erzählerischer Finesse vor, der durch die oft eher banalen Plots kaum getrübt wird.

 

 

Rezension: Stefano Piedimonte – Im Namen des Onkels (Dumont 2014)

Während ‘Nel nome dello Zio’ (2012) in Italien derart erfolgreich war, dass bereits eine Fortsetzung vorliegt, erschien Anfang März bei Dumont die deutsche Übersetzung des Debüts. Stefano Piedimonte verbindet in “Im Namen des Onkels” das klassische neapoletanische Mafia-Milieu mit einer grotesken (und traurigen) Geschichte aus dem heutigen jungen Italien. Spass, Spannung und Gesellschaftskritik kommen dabei gleichermassen zum Zug.

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Titel: Im Namen des Onkels
Original: Nel nome dello Zio (2012)
Autor: Stefano Piedimonte
Übersetzung: Maja Pflug, Friederike Hausmann
Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-9716-2
Umfang: 256 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Im Mittelpunkt des Buches steht einerseits Der Onkel, ein berüchtigter Camorraboss aus den Quartieri Spagnoli in Napoli. Er ist der unangefochtene Chef in seinem Viertel: unterstützt von seinen Schergen, den “fünf Monstern”, herrscht er aus dem Untergrund über die engen Gassen des Quartiers, ist Herr über eine ganze Flotte von Dealern, verteilt Schutzgelder, und so weiter. Nur eines lässt ihn alle Geschäfte und sogar Verabredungen mit mächtigen verfeindeten Mafiabossen vernachlässigen: Big Brother. Der Onkel verpasst keine einzige Folge der Reality-TV-Show – und wenn sein Leben in Gefahr ist.

Dann wird er verraten. Der entstellte Polizeikommissar “Woody Alien” hat Beweise gegen ihn in der Hand, will ihn festnehmen, doch dem Onkel gelingt die Flucht. Gemeinsam mit seiner Frau Gessica taucht er unter.

Die “fünf Monster” und “Peppino der Stinker”, ein weiterer treuer Ergebener, rekrutieren nun den jungen, armseligen und schlecht gebildeten Dealer Anthony, den sie ins Big-Brother-Haus schleusen wollen, wo er dem Onkel via TV-Bildschirm eine wichtige Botschaft überbringen soll. Der Clou gelingt: Anthony, dem mehr am richtigen Schnitt seiner Augenbrauen als an etwas anderem gelegen ist, wird aufgenommen. Seine Aufgabe: die Botschaft überbringen, sich abwählen lassen und schleunigst verschwinden. Aber…

Selbstverständlich kommt es anders – wie überhaupt fast alles in diesem Buch anders kommt, als es eigentlich beabsichtigt war. Der Unbill des Zufalls (Schicksals?) scheint die Protagonisten von mal zu mal heimzusuchen.

Piedimonte ist ein cleverer Erzähler: abwechslungsweise gibt es Kapitel über den Onkel, die fünf Monster, Woody Alien und Anthony. Die meisten der an der Geschichte beteiligten Protagonisten, laufen sich dabei nicht über den Weg, sondern spielen unabhängig voneinander ihre Rolle im grossen Ganzen dieser Mafiakomödie. Gerade Der Onkel und Anthony, die beiden zentralen Figuren, deren Geschichten einander so entscheidend beeinflussen, könnten sich ferner nicht sein. Der eine untergetaucht, abgeschottet von der Aussenwelt in einem Hotelzimmer – der andere ebenso abgeschottet, dabei aber stets für alle Welt sichtbar vor den Kameras des Big-Brother-Containers… Und doch ist da schliesslich Kommunikation zwischen ihnen: eine faszinierende Ausgangslage für eine Geschichte, die von Piedimonte ansprechend in Szene gesetzt wird.

“Im Namen des Onkels” ist eine vergnügliche, ereignisreiche Kriminalgeschichte mit ernsteren nachdenklichen Untertönen. Piedimonte kombiniert darin auf geschickte Art und Weise “klassische” italienische Motive mit in der Gegenwartsliteratur Italiens oft präsenten Themen wie Bildung, Armut, Kriminalität, mangelnde Zukunftsperspektiven oder Gleichgültigkeit.

Wie etwa Valentina D’Urbano oder Niccolo Ammaniti gehört Stefano Piedimonte, der selbst als Kriminalreporter (u.a. für Corriere della Sera) gearbeitet hat, zu den wichtigen kritischen Stimmen der italienischen Gegenwartsliteratur, die mit ihren Texten gesellschaftliche Missstände offenlegen. Im Gegensatz zur erwähnten Valentina D’Urbano wählt er dabei nicht den drastischen Weg des brutalen Realismus, sondern würzt seine Abrechnung mit jeder Menge Humor.