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Rezension: Harry Gmür – Am Stammtisch der Rebellen (Europa-Verlag, 2015)

Harry Gmür (1908-1979): Berner Grossbürgersohn, seit den Dreissigerjahren heimliches Mitglied der Kommunistischen Partei, Gründer der kulturpolitischen Zeitschrift “ABC”, Mitgründer der Partei der Arbeit, Filmverleiher, Alkoholabhängiger, ab 1958 Afrikakorrespondent der Ostberliner Weltbühne unter dem Pseudonym Stefan Miller, in der DDR verehrt, in der Heimat Schweiz jahrzehntelang von der Polizei bespitzelt. – Ein bewegtes, facettenreiches Leben, von dem der Nachwelt nicht nur unzählige Reportagen und politische Kommentare, sondern auch ein umfangreiches Romanmanuskript hinterlassen sind.
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Vor kurzem ist es im Zürcher Europa-Verlag erstmals veröffentlicht worden. “Am Stammtisch der Rebellen” ist als Zeitdokument so unschätzbar wie es als literarisches Zeugnis manchmal ermüdend ist.

Der Text, geschrieben in den Fünfzigerjahren, folgt zunächst dem Maler Alfred Esch. Er ist begeistertes Gewerkschaftsmitglied und bereit, sich mit Leib und Seele einem anstehenden Streik seiner Zunft hinzugeben. Als Schwiegersohn seines Meisters, des arroganten skrupellosen Steinmeyer, steht ihm dies eigentlich nicht zu, doch hält Alfred seine Ideale höher als finanzielle Sicherheit. Er stürzt sich blindlings ins Abenteuer, verlässt Steinmeyers Schwiegertochter und steht bald ohne Frau, ohne Job und ohne Geld auf der Türschwelle seiner Liebschaft, der Prostituierten Doris Fontana.

Gemeinsam sitzen sie in den Trinkstuben der Altstadt, umgeben von alten Säufern, Huren, Revolutionären und Gauklern. Die deutlich antikommunistische Stimmung der Gesellschaft, der unbarmherzige Kampf der Frauen um Selbstbestimmung, das Leid der Armut können hier für einige Stunden ausgesperrt werden: Freiheit, Ewigkeit und Unverletzbarkeit stellen sich beim gemeinsamen Trinken ein.

Um sich und Alfred ein gutes Leben zu ermöglichen schläft Doris ein (angeblich) letztes Mal mit einem reichen früheren Freier. Alfred erträgt dies nicht und verlässt sie. Während an der Stadtgrenze Erna Steinmeyer die Rache an ihrem Mann plant und dieser selbst durch aggressives Verhalten gegenüber Streikbrechern in Schwierigkeiten gerät, schlägt Doris alte neue Wege ein.

“Die Fontana”, so lautete Gmürs Arbeitstitel für das Manuskript, und dies mit gutem Grund, rückt Doris Fontana nun doch endgültig in den Mittelpunkt. Ihr Wankelmut, ihre skrupellose Unbeständigkeit, ihr unverschämtes Verhalten stürzen sie selbst und all die Männer, die ihre Wege kreuzen und ihr verfallen, ins Verderben. Einerseits ist da der naive Millionärserbe Franz Hermann Weber, der sich hoffnungslos in Doris verliebt, ihr alles zu geben bereit ist, und dadurch zu ihrem bevorzugten Opfer wird. Andererseits trifft sie auf den flüchtigen Kriminellen René Falto, der (wieder einmal) ihre wahre Liebe zu sein scheint. Sie gelobt, mit ihm die Flucht ins Ausland, nach Paris, in ein neues Leben anzutreten…

Harry Gmürs Manuskript bietet tiefgreifende Einblicke in das Milieu der Fünfzigerjahre, in die Halbwelt von Prostitution, Alkoholismus, toten Seelen und echten Revolutionären. Der Autor beweist ein feines Gespür für skurrile, von einem Film der Melancholie umgebene Gestalten, deren äussere und innere Beschreibung er jeweils detailreich zelebriert. Gerade die Szenen in den Trinkstuben und jene aus der psychiatrischen Anstalt, in die es Alfred noch verschlägt, sind ausgezeichnet, in einer rauschhaften, der Situation angemessenen Sprache geschrieben. Sie fangen die Wut, die Verzweiflung und den Wunsch nach Freiheit und Gemeinschaft der Beteiligten perfekt ein.

Insgesamt wirkt der Text, so wertvoll er als Zeitdokument auch ist, jedoch gerade auf Grund seiner Sprache etwas ermüdend. Auf über 500 Seiten – von der Edition des Europa-Verlags sogar noch gekürzt – pflegt Gmür eine elaborierte, pathetische, aus heutiger Sicht aber reichlich fremd wirkende Sprache voller erhabener Formulierungen. Da wird der “Geist der Brüderschaft” beschworen, es wird geklagt und gejammert, Herzen klopfen, Hände werden ohnmächtig verworfen. Die Formulierungen sind bisweilen umständlich, wirken heute spröde und veraltet (“Etwas hatte sich jedenfalls geändert. Es war wohl vieles noch zu befürchten, doch durfte er immerhin wiederum hoffen, fähig zu sein, sie zurückzugewinnen.”)

Diese Umstände machen die Lektüre zuweilen etwas anstrengend. Jedoch können auch sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass mit der Erstveröffentlichung von Harry Gmürs Manuskript ein wichtiges historisches Dokument verfügbar gemacht wird, das wertvolle Einsichten in eine Welt gibt, die, obwohl nicht einmal hundert Jahre entfernt, extrem fremd scheint. Nicht zuletzt die Darstellung der Beziehungen zwischen Arbeitern und Meistern wirkt heute geradezu undenkbar, das revolutionäre Aufbegehren der Handwerker erscheint als einzig logische Konsequenz.

Gmür, Harry. Am Stammtisch der Rebellen. Zürich: Europa-Verlag 2015. 520 S., gebunden m. Schutzumschlag. ISBN 978-3-906272-24-5.


Wer sich für den Politiker und Publizisten Harry Gmür interessiert, dem sei die Biographie von Mario König und Markus Kügi empfohlen: “Harry Gmür – Bürger, Kommunist, Journalist”

Einblicke in das Milieu der Prostituierten in der Zürcher Altstadt, freilich einige Jahrzehnte später, gibt der kürzlich erschienen Lebensbericht der sog. Zora von Zürich, aufgezeichnet von Susanna Schwager: “Freudenfrau”

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Rezension: Gila Lustiger – Die Schuld der anderen (Berlin-Verlag, 2015)

In ihrem neuen Buch “Die Schuld der anderen” zeichnet die in Paris lebende Autorin Gila Lustiger ein abgründiges Bild der französischen Gesellschaft, ihrer Kriminalität und Korruption, den Gräben zwischen Stadt und Land, hoher Gesellschaft und nicht zu entfliehender Armut. Ein packender Thriller und schonungsloser Gesellschaftsroman.

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Aus dem Gefühl heraus, Frankreich – das Land, in dem sie seit über 20 Jahren lebt – nicht mehr zu verstehen, hat Gila Lustiger “Die Schuld der anderen” in Angriff genommen. Der Protagonist, der an ihrer Stelle in die Abgründe der Nation abtaucht, ist Marc Rappaport, ein einzelgängerischer, in sich zerrissener Enthüllungsjournalist, der die Opposition zum Lebensprinzip erhoben hat und seinen Platz zu finden sucht zwischen elitärer Abkunft – sein Grossvater war eine der führenden Wirtschaftsgrössen Frankreichs – und hohen menschlichen Idealen.

Am Anfang der Geschichte steht ein nie aufgeklärter Mord, der 30 Jahre zurückliegt: Die neunzehnjährige Prostituierte Emilie, die aus der französischen Provinz nach Paris kam, wurde brutal vergewaltigt und ermordet, der Täter nie gefasst. Neue DNA-Ergebnisse führen nun zu einer Festnahme: Der biedere Büroangestellte und Familienvater Gilles Neuhart wird als Mörder festgenommen. Rappaport verfasst eine kurze Meldung und wird stutzig, er nutzt seine Kontakte bei der Polizei, um mit dem angeblichen Mörder zu sprechen. Über den Kopf seines Vorgesetzten (und Jugendfreundes) Pierre hinweg, beginnt er sich in den Fall zu verbeissen, setzt dabei persönliche Beziehungen aufs Spiel; ein Getriebener, der unaufhaltsam seinen Weg zu gehen bereit ist.  Bald schon befindet er sich in der Kleinstadt, in der Emilie aufgewachsen ist. Hier stösst er auf Verbrechen, die das Persönliche weit übersteigen: Rappaport ist einem Fall von Wirtschaftskriminalität und menschenverachtender Korruption auf der Spur, der sich bis in die hohen politischen Ränge Frankreichs zu erstrecken scheint..

Teilweise beruhend auf dem wahren Fall einer unwahrscheinlichen Häufung von Nierenkrebsfällen in einer Chemiefirma nimmt sich Lustigers Roman Fragen an, die unweigerlich in ein ethisch-moralisches Minenfeld führen. Der Graben zwischen Armut und Elite ist überdeutlich gezeichnet: Die Arbeiter der Chemiefirma begehren etwa trotz lebensgefährdender Arbeitsbedingungen nicht auf, denn sie sind auf die Arbeit angewiesen. “Wir brauchen keine Gerechtigkeit. Ein Kompromiss ist uns lieber als der gerechte Krieg.”, sagt einer. Im Laufe seiner Recherchen gerät Rappaport immer tiefer in den Sumpf ländlicher Existenzangst und – insbesondere im Milieu der Prostituierten – städtischer Armut, beständiger Furcht und untragbarer medizinscher Zustände. Er, der selbst aus gutem Hause stammt und vom Namen seines Grossvaters noch immer profitiert, muss sich unangenehme Fragen stellen. Zum Beispiel: “Wer gehörte eigentlich zur Gemeinschaft, deren Wohl angestrebt wurde, und wer nicht?” 

Der Roman zeigt eindrücklich soziale Ungerechtigkeiten auf und verweist in vielen Abschnitten auf weitere mehr als brennende Probleme der französischen Gesellschaft, etwa Antisemitismus und Gewalt im Namen des Islam. Lustiger gelingt es hervorragend, eine atemlose Kriminalgeschichte mit einem tiefgründigen Gesellschaftsroman zu verknüpfen. Der mit knapp 500 Seiten doch ziemlich umfangreiche Text vermag es stets, die Spannung aufrechzuerhalten. Einzig die häufigen Rückgriffe auf banale Episoden aus Rappaports Kindheit und Jugend erscheinen zuweilen etwas beliebig, erfüllen aber den Zweck, den inneren Zwist des Protagonisten zu verdeutlichen. Dieser bleibt trotz all seiner Ambivalenzen stets klarer Sympathieträger, was auch an der Abscheulichkeit derer liegt, mit denen er es aufzunehmen beschliesst.

Mit der undurchdringlichen menschenverachtenden Gewinnsucht eines grossen Konzerns und der lüsternen Skrupellosigkeit eines Prostituiertenmörders werden in “Die Schuld der anderen” zwei Formen von Gewalt ineinander verstrickt, die in ihrer Grausamkeit beide gleichermassen erschütternd und nicht tolerierbar sind. Die Mechanismen ihrer Verstrickung lassen es letztlich nicht verwunderlich erscheinen, dass Gila Lustiger Frankreich nicht mehr hat verstehen können. Ihrem Roman wiederum ist es zu verdanken, dass  ein Licht geworfen wird auf diese bisweilen undurchsichtigen Prozesse hinter den allzu schönen Fassaden. Ein Roman von unbestreitbarer gesellschaftlicher Relevanz.

Lustiger, Gila. Die Schuld der anderen. Berlin: Berlin-Verlag 2015. 496 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8270-1227-2

Rezension: Susanna Schwager – Freudenfrau. Die Geschichte der Zora von Zürich. (Wörterseh 2014)

Zürich ist eine schöne Stadt. Eine saubere Stadt. Platz 2 auf dem Ranking der Städte mit der höchsten Lebensqualität. In der Zürcher Altstadt atmet jede Mauer den jahrhundertealten Geist bewegter Geschichte und feierlicher Tradition. Aber da gab und gibt es auch Abgründe. Schreckliche, unmenschliche Abgründe. Susanna Schwager erzählt die Geschichte der Roten Zora von Zürich, einer couragierten Frau, der das Leben mannigfaltige Grausamkeiten zumutete – und die doch immer wieder betonte, Glück zu haben. Ein beeindruckendes Buch.

freudenfrauIn einem kurzen Vorwort schreibt die Autorin Susanna Schwager (*1959): “Ich trage zusammen, was in Gesprächen an mich herantritt und mir überlassen wird. Ich erfinde nichts, ich verdichte. Die Wahrheit entzieht sich, wie stets. Im besten Fall entsteht Wahrhaftigkeit.” Die Gespräche, die in diesem Buch mündeten, führte Schwager insbesondere mit Hedy (die Namen sind verändert), einer Frau, die Mitte der Achtzigerjahre an der Zürcher Zähringerstrasse unter dem Beinamen Rote Zora (wegen der roten Haare) einen Domina-Salon eröffnete, in ein gewalttätiges Milieu geriet und unmenschlich gefoltert und misshandelt wurde. Susanna Schwager lässt Hedy ihre von der ersten Minute an von drastischen Wechselfällen des Schicksals geprägte Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen. Die Autorin greift nicht als Erzählerin in den Monolog ein, sie lässt der Erzählung der Protagonistin freien Lauf – und das ist gut so.

“Ich dichte nie. Nie! Ich mag nicht erfinden. Ich hatte nie Zeit, etwas zu erfinden. Alles war sowieso schon immer passiert, bevor ich es erfinden konnte.”

Hedys Geschichte wurzelt in St. Gallen, der Heimatstadt ihrer Eltern, beginnt aber in Basel, wo sie zur Welt kam und den Zweiten Weltkrieg miterlebte. Als junge Frau lernt sie später in Berlin den Sohn eines nordafrikanischen Hotelbesitzers kennen und folgt ihm in den Maghreb. Sie heiraten, Hedy bringt eine Tochter zur Welt. Im reichen Hotel führt sie ein Leben in Saus und Braus. Doch der Mann, Hadi, betrügt sie..

“Mit der Zeit sieht man klar. Und dann ist es richtig elend. Weil die schönen Bilder, die man sich vom Leben geklebt hat, zerbröseln, ein Haufen Mist, nicht wahr. Ich hatte mir doch alles ganz anders vorgestellt.”

Sie flieht mit ihrer Tochter zurück in die Schweiz, der Vater reist ihr nach, stiehlt das Kind und lässt ein Einreiseverbot verhängen. Ein langwieriger Sorgerechtsprozess beginnt. Letzendlich gewinnt Hedy und kann mit ihrer Tochter in der Schweiz leben. Hier aber beginnen die Probleme erst. Weil Hedy für ihre Mutter und ihre Tochter sorgen muss und mit dem Bürojob, den sie hat, nicht genug Geld nach Hause bringt, eröffnet sie im Zürcher Niederdorf einen Domina-Salon. Sie prostituiert sich – ohne Sex, sie “hilft” den Männern nur. Und mächtige Männer sind es, die sich an das Turnpferd der Roten Zora, wie Hedy nun genannt wird, fesseln lassen: Bankiers, Anwälte, Politiker.

“Es ist eine Arbeit. Und man muss sorgfältig sein, man muss das richtige Mass haben. Es braucht Einfühlung und Feingefühl. Und einen Reitsattel, da band ich sie drauf an. Ich habe nie richtig geschlagen, sicher nicht. Das hätte ich nicht gekonnt. Eine Ahnung geben. Ein Gefühl, den Film erzeugen, eine Geschichte spielen. Spannung aufbauen.”

Dass die Achtzigerjahre einen eher unrühmlichen Platz in der Zürcher Stadtgeschichte einnehmen, ist bekannt. Im Mittelpunkt stand der international als “Needle Park” bekannte Platzspitz, eine von der Polizei kaum angerührte Anlage, in der sich Drogenabhängige unter grausamen Bedingungen tummelten und zu Grunde gingen. Gemeinsam mit stadtbekannten Persönlichkeiten wie Pfarrer Ernst Sieber versuchte Hedy einigen von ihnen zu helfen. Nebenbei ging sie ihrer Arbeit nach, geriet aber, nachdem sich im Frühjahr 1984 zwei Untermieterinnen ihres Salons zwielichtigen Zuhältern angeschlossen hatten, selbst in Gefahr: Man wollte an ihr ein Exempel statuieren. Sie wurde brutal gefoltert und misshandelt, überlebte nur durch einen unbeschreiblichen Zufall. Und es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass Hedy beinahe ermordet worden wäre, wenngleich unter anderen Umständen…

Die letzten Jahre ihres Lebens – Hedy verstarb im Februar 2014 – verbrachte sie mit ihrem Coucousin Päuli, den sie seit frühester Kindheit kannte. Auch ihm gibt Susanna Schwager eine Stimme. Und auch ein ‘Werner Freudiger’ genannter ehemaliger Sittenpolizist kommt zu Wort: Er ist ein Jugendfreund der Autorin und brachte sie auf die Geschichte, in die er, damals in den Achtzigerjahren, selbst tief hineingezogen wurde.

“So ein Glück!”, “Ich hatte Glück”: das sind Sätze, die Hedy immer wieder sagt. Und je mehr man erfährt über ihr Leben, desto erstaunlicher und kräftiger wirken diese Sätze. In einem Leben, das von derart viel Unglück heimgesucht worden ist, immer wieder an das Glück zu glauben – das ist Courage. Susanna Schwagers effektive, glasklare ‘Verdichtung’ der Sprache und die perfekte Dramaturgie des Buches leisten ihren Teil zur Entstehung dieses ergreifenden Sittenbildes, das Stadt- und Kriminalgeschichte vereint, in erster Linie aber das Portrait einer wahrhaft bemerkenswerte Frau zeichnet, die man bewundern und nicht wieder vergessen wird. Eine unbedingte Leseempfehlung.

Schwager, Susanna. Freudenfrau. Die Geschichte der Zora von Zürich. Gockhausen: Wörterseh 2014.

Rezension: Daniela Krien – Muldental (Graf 2014)

Die in Leipzig lebende deutsche Autorin Daniela Krien (*1975) widmet sich in ihrem zweiten Buch “Muldental” in zehn kurzen Geschichten den Schattenseiten und menschlichen Abgründen von Wende, Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung. In bitteren kleinen Alltagsdramen werden dabei grosse Themen wie Schuld, Scham und Verzweiflung thematisiert.

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Titel: Muldental
Autorin: Daniela Krien
Verlag: Graf
ISBN: 978-3-86220-022-1
Umfang: 224 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Als 2011 das Daniela Kriens Debüt “Irgendwann werden wir uns alles erzählen”, bescheinigte die Rezensentin in Der Zeit diesem eine Abhandlung des Stoffes in “wundersam altmodischer Ernsthaftigkeit”. Auch das neue Buch “Muldental” ist von diesem markanten, ironiefreien Ton geprägt, der das über allem Leben dräuende Unheil betont und der Hoffnung oftmals nur wenig Spielraum lässt. Schmerz, Scham, Schuld, Verzweiflung: das sind die Themen, die die zehn Lebensgeschichten in “Muldental” bestimmen.

Beziehungen bestehen nicht – zumindest nicht in einem für den Leser ersichtlichen oder relevanten Sinne – zwischen den Protagonisten der einzelnen Geschichten, wohl aber Zusammenhänge: sie alle sind “Wendeverlierer” im wiedervereinigten Deutschland der Neunzigerjahre, Menschen aus der ehemaligen DDR, die auf der Suche nach Glück nur Enttäuschung und Leid erfahren haben.

Da trifft man etwa auf Betti und Maren, zwei alleinerziehende Mütter, die dringend einen Zusatzverdienst brauchen. Sie mieten sich eine Wohnung und lassen sich von ihrem Jugendfreund Günthi Freier besorgen. Man trifft auf Otto, der arbeits- und zahlungsunfähig ist und seine grenzenlose Scham in immer mehr Alkohol ertränkt. Man trifft auf Ludwig, dem die Öffnung gegen Westen erlaubt, seine schizophrene Schwester zum ersten Mal seit Jahrzehnten besuchen zu können – und der sie vollkommen zerstört und vernachlässigt in einem bayrischen Pflegeheim antrifft.

Manch einer der Figuren, die hier unermesslichen Qualen ausgesetzt sind, versucht sich mit Gewalt gegen sich selbst oder gegen andere zu behelfen. Eindrücklich – weil in ihrer Brutalität geradezu skurril – ist die Geschichte von Gunnar, dem Kind, das immer nur der Daumenlutscher genannt wurde. Von den Eltern fühlte er sich nicht geliebt. Erst sein Einsatz bei der Suche nach zwei verschwundenen Mädchen bringt die Eltern dazu, ihn mit Anerkennung und Liebe zu segnen. Doch er ist der Mörder…

Die Welt, die Daniela Krien zeigt, ist eine Welt der negativen Gefühle. Liebe, Optimismus und Freude sind nur in Nebenrollen anzutreffen. In einer markanten Sprache, die vor dem Schmerz nicht zurückweicht, lässt sie sie entstehen. Eine Welt, in der Sätze gesagt werden wie: “Manche Siege sind nur die Vollendung einer Niederlage.” Dieser Satz einer Mutter, die vor Gericht beweisen konnte, ihre Tochter nicht misshandelt zu haben, ist programmatisch. Sie hat die Tochter  trotzdem verloren. Die kleinen Siege, die die Figuren in “Muldental” bisweilen erringen, wirken blass vor dem Hintergrund der menschlichen Abgründe, die sich hier auftun.

Es ist ein niederschmetterndes Buch, das Daniela Krien gelungen ist, ein Buch über nicht eingelöste Hoffnungen und zerstörte Träume, ein Panorama der Lebenskrisen. Leicht zu lesen, aber schwer zu verdauen.