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Rezension: Martin Amis – Interessengebiet (Kein & Aber 2015)

Ein Mann verliebt sich in eine Frau: Das ist die älteste, wenngleich spektakulärste Geschichte der Welt. Wir alle kennen sie, haben sie erlebt, gesehen, gelesen. Für viele von uns gehört sie zu den Grundmustern der Weltwahrnehmung. Wenn nun aber der “Mann” ein SS-Obersturmführer Golo Thomsen ist, und die “Frau” eine Hannah Doll, Ehegattin des Lagerkommandanten von Auschwitz-Birkenau, so verändern sich auf einmal die Vorzeichen. Kann eine Liebesgeschichte unter Nazis noch eine Liebesgeschichte sein?

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Martin Amis (*1949), vieldiskutierter britischer Autor, Satiriker und Provokateur, kehrt mit seinem vierzehnten Roman “Interessengebiet” zum Thema des Nationalsozialismus zurück, das er bereits im hochgelobten “Pfeil der Zeit” (1991) behandelt hatte. Schon in diesem innovativ strukturierten Roman, der das Leben des KZ-Arztes Odilo Unverdorben rückwärts erzählt, hatte Amis’ Erzähler eine Art Täterperspektive eingenommen. Diese wird auch im neuesten Werk aufgegriffen.

Drei Figuren erzählen abwechslungsweise: Auf der ersten Seite bereits verliebt sich Erzähler Nummer 1, SS-Obersturmführer Angelus “Golo” Thomsen in Hannah, die Frau des Auschwitzer Lagerkommandanten Paul Doll. Thomsen ist ein Schreibtischtäter, der mit der Herstellung von synthetischem Kautschuk in den sogenannten Buna-Werken betraut ist. Was die nationalsozialistische Ideologie betrifft, ist er ein klassischer Mitläufer, ein Opportunist; physisch hingegen ist er ein waschechter Arier, das Haar “frostig weiss”, mit “arktischen Augen” und “Schenkel massiv wie Schiffsmasten”; zudem ist er als Neffe des engen Hitler-Vertrauten Martin Bormann näher mit dem Kreis der wirklich Mächtigen vertraut als seine direkten Vorgesetzten. Sein eigentliches Interesse aber gilt den Frauen, bevorzugt verheirateten, die er gleich reihenweise verführt.

Das Ziel, das er sich mit Hannah Doll aber gesteckt hat, ist lebensgefährlich. Ihr Gatte – Lagerkommandant Paul Doll, der zweite Erzähler des Romans – ist ein sadistischer, menschenverachtender Alkoholiker und Selbstdarsteller, von Häftlingen gefürchtet, von Thomsen und Konsorten als alter Fettsack verlacht. Es sind die von Doll erzählten Szenen, in denen Amis’ schriftstellerisches Können richtig aufblüht. Diese überspitzt grotesken Narrationen eines verblendeten, von jeder Logik befreiten Vollblutnazis, eifersüchtig und gewalttätig, sexuell verstört und überzeugt, seinen gewichtigen Teil zur Endlösung beizutragen. Geformt nach den realen Vorbildern Rudolf Höss und Kurt Franz, dessen Spitzname “Puppe” (engl. doll) war, ist der Lagerkommandant eine Figur von erschütternder Grausamkeit. In ihrer komischen Überspitzung hat sie bisweilen auch Ähnlichkeiten mit Quentin Tarantinos Figur des Hans Landa aus “Inglorious Basterds”.

Die dritte Erzählstimme markiert einen Gegenpol zur makaberen Komik des Paul Doll: Sonderkommandoführer Szmul ist der dienstälteste – eine groteske Bezeichnung bei der kurzen durchschnittlichen Lebensdauer im KZ – Arbeitsjude in Auschwitz. Er führt eine Einheit, die die Vergasungen vorbereiten, anschliessend die toten Körper nach Schmuck und Gold plündern und ihre Leichen verbrennen muss. Ein Schicksalloser auf der Suche nach letzten Überresten menschlicher Gemeinschaft, sagt er: “ich glaube, selbst wenn jeder Tag, jede Stunde, jede Minute der Menschheitsgeschichte bekannt wäre, würde man für unser Tun kein Exempel, kein Vorbild, nichts Vergleichbares finden.”

Auf diesem Dreiklang, zeitlich im August 1942 einsetzend, baut Martin Amis sein Kammerspiel des Schreckens auf. Machtspiele, Intrigen, Verblendung und Dekadenz gehen Hand in Hand in einem Roman, der mal wie ein lustvoller Salonroman anmutet, mal wie eine bissige Satire, mal wie leichtfüssige Semipornografie, mal wie eisiger Realismus. Diese Unentschlossenheit könnte dem Text als Mangel angelastet werden, sie scheint mir jedoch durch die Polyphonie verschiedener Erzählstimmen hinreichend gerechtfertigt. Einzig die Erotisierung des Nazi-Stoffes – auf die Susan Sontag schon 1975 hingewiesen hat – wirkt stellenweise etwas übertrieben, driftet zu sehr ins Klischeehafte ab, etwa in der Figur der brutalen, mit leicht lesbischen Zügen ausgestatteten Nazischergin Ilse Grese.

Der Roman in der Originalausgabe erhielt von der englischsprachigen Presse zumeist sehr positive Rezensionen, während die deutschsprachigen Medien teils wesentlich kritischer waren. Ein Grund dafür könnte in der Übersetzung liegen, die zwar kenntnisreich ausgeführt ist und den Tonfall des Originals meist gut trifft, jedoch ist die englischsprachige Urfassung in einem mit deutschen Vokabeln durchsetzten Nazisprech verfasst, der das grotesk-komische Element um ein Vielfaches verstärkt.  Ein Beispiel:

“If what we’re doing is good, why does it smell so lancingly bad? On the ramp at night, why do we feel the ungainsayable need to get so brutishly drunk? Why did we make the meadow churn and spit? The flies as fat as blackberries, the vermin, the diseases, ach, scheusslich, schmierig—why? Why do rats fetch 5 bread rations per cob? Why did the lunatics, and only the lunatics, seem to like it here? Why, here, do conception and gestation promise not new life but certain death for both woman and child? Ach, why all der Dreck, der Sumpf, der Schleim? Why do we turn the snow brown? Why do we do that? Make the snow look like the shit of angels. Why do we do that?”

Insgesamt ist Martin Amis mit “Interessengebiet” ein Buch gelungen, das der Diskussion um Auschwitz zwar keine bahnbrechend neuen Aspekte hinzufügt, jedoch stilistisch hervorragend ausgeführt ist und eine immense historische Recherche zu einem spannend-unterhaltend-empörenden Roman mit bemerkenswerten Charakteren verdichtet.

Amis, Martin. Interessengebiet. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Zürich: Kein und Aber. 416 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-0369-5724-1. 32.50 CHF

Amis, Martin. The Zone of Interest. London: Jonathan Cape 2014. 320 S., gebunden m. Schutzumschlag. 9780224099745.

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Rezension: Ursula Ackrill – Zeiden, im Januar (Wagenbach 2015)

Ursula Ackrills Debütroman “Zeiden, im Januar” widmet sich der wechselhaften Geschichte der Siebenbürger Sachsen, einer deutschsprachigen Gemeinschaft im heutigen Rumänien, insbesondere der Zwiegespaltenheit der Sachsen gegenüber dem ursprünglichen “Mutterland Germania” zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Der Text, unlängst nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, krankt ein wenig an mangelhaft ausgearbeiteten Charakteren, zündet dafür sprachlich ein Feuerwerk.

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Zeiden, das ist eine kleine Stadt im Burzenland im Herzen der Karpaten, gegründet 1265 vom Deutschen Orden, vor dem Zweiten Weltkrieg zu einem grossen Teil bewohnt von Siebenbürger Sachsen. Im Januar, das heisst konkret: am 21. Januar 1941. Dieser Tag, von 6:45 bis 22:59 Uhr, bildet die Haupterzählachse des Textes. In Zeiden, einsam im Haus des im ganzen Dorf verehrten, unter ungeklärten Umständen verschwundenen Aviatikers Albert Ziegler, lebt die Chronistin Leontine Philippi. Sie ist die Protagonistin des Textes, eine Kassandra der Siebenbürger Sachsen, deren Mahnung vor drohendem deutschem Unheil niemand Glauben schenken will.

Zu gross sind die Hoffnungen, die die Sachsen in Hitlers Vormarsch setzen. Sie, die ursprünglich Deutschen, ausgewandert im Mittelalter, die schon zum Königreich Ungarn, zum Fürstentum Siebenbürgen, zur österreichisch-ungarischen Monarchie und seit Ende des Ersten Weltkrieges zu Rumänien gehörten, aber immer Aussenseiter blieben, sehen sie endlich gekommen: die Chance, einer “Gemeinschaft einverleibt zu werden, die uns nicht als Fremdkörper bekämpft.”

Die Nationalsozialisten freilich scheren sich kaum um diese siebenbürgische Minderheit. Den Sachsen ist es nicht erlaubt, in die deutsche Armee einzutreten, einzig der Zugang zur Waffen-SS steht den qualifiziertesten unter ihnen frei. Nach der Ermordung des jüdischen Ramschhändlers Brick erkennt Leontine die Bedrohung, die von Juden nur allzu leicht auf andere Minderheiten überzutreten droht. Fortan versucht sie als Warnerin den Sachsen die mangelnde “indigene Selbstverständlichkeit” einzureden, die die Gemeinschaft trotz ihrer “retardierten Nettigkeiten, gutgemeinten Fiaskos und ihr(em) generelle(n) Mondkälbertum” vor dem Sturz ins nationalsozialistische Unheil bewahren soll.  Erfolglos. Zwischen ihrer rumänischen Haushälterin Maria, dem ehemaligen Freund Herfurth, der Apothekerin Edith Volskgruppenführer Schmidt und dem späteren Nazi Klein sucht sich die alternde Prophetin eine Stimme zu verschaffen.

Ursula Ackrill (*1974 in Kronstadt, Siebenbürgen), die als Bibliothekarin im englischen Nottingham arbeitet, hat als promovierte Germanistin eine literaturtheoretische Vorbildung, die in der Struktur und Erzählweise von “Zeiden, im Januar” deutlich zum Ausdruck kommt. Der Text ist in kurze, meist mit Orts- und minutengenauer Zeitangabe versehene Kapitel gegliedert, die wild zwischen  etwa 1900 und 1941 umherspringen, mal dreissig Jahre vor, dann wieder wenige Minuten zurück. Das ist verblüffend, durchdacht, aber auch verwirrend. Das Vertiefen in einen Erzählstrang oder einer Figur wird stets geschickt unterbunden. Die genauen Abläufe des 21. Januar 1941, die Figuren, ihre Biographien, Motivationen und gegenseitigen Beziehungen, muss man sich nach und nach aus Versatzstücken zusammensetzen. Das mag intellektuell fordernd sein, hat aber in diesem Falle den Nachteil, dass keine wirklich konsistenten Charaktere entstehen können. Vieles bleibt schwammig und so unklar, dass selbst die im Anhang gedruckten kurzen Figurenbiographien keine Besserung mehr eintreten lassen. Die Formvollendung, wie man so schön sagt, gereicht hier leider zum Nachteil.

Umso mehr dagegen vermag die Sprache zu begeistern: Ursula Ackrill zündet ein regelrechtes Feuerwerk an schillernden Adjektiven, verschrobenen Verben und seltsam unverblümter Formulierungen. Auch die deutsche Sprache, so wirkt es, ist in Siebenbürgen eine etwas andere, mit charmanten Eigenheiten ausgestattete.


“Der Wind schwärmt Schneeflocken an ihr Fenster. Sie rieseln vorbei. Aus ihrem Hof hatte sie den Berg nicht sehen können, nur das Bergelchen davor. Er steckte in der Wolke, die nun über Zeiden hinwegrollt. Leontine steht in ihrer Küche im Morgenrock, wollbestrumpft und gestiefelt, die Tür weit geöffnet, und wendet eine pfannevoll Fischteile.”

“Zeiden, im Januar” ist ein im Historischen fundiertes, im Alltäglichen präzises Werk von bisweilen rauschhafter Formulierlust und spürbarer Hingabe an die Aufarbeitung seines Themas. Dass es hinsichtlich der Porträtierung seiner Charaktere etwas blass und aufgrund seiner Form verwirrlich bleibt, sei ihm verziehen. Die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse ist überraschend, aber nicht unverdient: Mit Ursula Ackrill empfangen wir eine einzigartige neue Stimme in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.


Andere Stimmen zum Buch:

Andere Bücher zum Thema:

Ursula Ackrill ist nicht die erste Autorin, die sich der Geschichte der Siebenbürger Sachsen – insbesondere in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg – literarisch annimmt. Erwähnenswerte Vorgänger sind etwa: “Wenn die Adler kommen” von Hans Bergel (1996),  “Der geköpfte Hahn” von Eginald Schlattner (1998), “Capesius, der Auschwitzapotheker” von Dieter Schlesak (2006) , beruhend auf einer wahren Geschichte, oder der Erzählband “Die Wildgans”, wiederum von Siebenbürgens wohl bekanntester Stimme Hans Bergel (2011).

Ackrill, Ursula. Zeiden, im Januar. Berlin: Wagenbach 2015. 256 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8031-3268-0

Rezension: Arnon Grünberg – Der jüdische Messias (Diogenes 2014 [2004])

Neun Jahre lang wartete der Diogenes-Verlag mit einer Übersetzung von Arnon Grünbergs aberwitziger, jedes Tabu missachtenden Groteske “Der jüdische Messias”. 2013 letztlich erschien der Text auf Deutsch, seit diesem Jahr liegt er auch als Taschenbuch vor. Die Geschichte von Xavier Radek, dem selbsternannten “Tröster der Juden”, ist ein Panoptikum der Absurditäten und der menschlichen Grausamkeiten. 

978-3-257-06854-2

Zu Beginn des Buches ist Xavier Radek ein knapp sechzehnjähriger Basler Junge, der heimlich in den Erbschaften seines Grossvaters stöbert. Dieser war KZ-Aufseher, ein Nazi aus Überzeugung, der bis zu seinem letzten Atemzug die Ideologie verteidigt und Juden ermordet hat. So ist es nicht verwunderlich, dass auch Hitlers Schrift “Mein Kampf” zu seinen Habseligkeiten gehörte. Xavier, der sich selbst als “unter einem glücklichen Stern” geboren sieht und das Leiden nicht kennt, liest darin und erfährt vom Unglück der Juden, die “Feinde des Glücks” genannt werden. Er fasst einen fatalen Beschluss: “Er würde die Juden trösten.”

Um diesen Plan in die Tat umzusetzen muss er zunächst selbst Jude werden. Der missionarische Eifer, mit dem sein Grossvater einer Bewegung gedient hat, ist dabei sein Vorbild. Er schliesst sich zionistischen Organisationen an und nähert sich dem orthodoxen Juden Awrommele an. Dieser ist Sohn eines falschen Rabbiners, glaubt nicht an die jüdischen Rituale, führt sie aber trotzdem aus, weil er die Leere ohne sie fürchtet. Zwischen ihm und Xavier beginnt eine intensive homoerotische Freundschaft, gebunden an einen Pakt, der sie verpflichtet nichts zu fühlen.

Awrommele hilft Xavier, Jude zu werden. Er bringt ihn zu einem halbblinden pensionierten Mohel, der nur noch mit Käse handelt. Der soll ihn illegal beschneiden, der Eingriff geht jedoch schief und Xavier verliert einen Hoden, den er fortan in einem Glas aufbewahrt und “König David” nennt. Die Figur Xaviers entwickelt hier erste Parallelen zu Adolf Hitler, welche sich im Verlauf der Geschichte häufen, etwa in Xaviers Versuch Kunstmaler zu werden oder in der apokalyptischen Endszene, in der Xavier in einem Bunker seine Schäferhunde erschiesst.

Schon in Basel fassen Awrommele und Xavier den Plan, “Mein Kampf”, den sie als den “Grossen Jiddischen Roman” betrachten, ins Jiddische zu übersetzen. Es findet sich ein Verleger, der das “tabulose Zeitalter” verkündet, die beiden jungen Männer stürzen sich in die Arbeit, die sie bis zum Schluss zusammenhält. Nachdem ihnen Basel zu eng geworden ist, reist das ungleiche Paar nach Amsterdam, wo Xavier eine kurze aussichtslose Zeit an der Kunstakademie verbringt und Awrommele, weil er “nicht nein sagen kann” mit etlichen anderen Männern schläft. Nachdem Xavier ein Verbrechen begangen hat, flüchten sie nach Israel, wo Xavier schliesslich eine Karriere als Politiker startet. Er hat gelernt: “Erst kommt die Macht, dann kommt der Trost.” Er fühlt sich zu Höherem berufen und bahnt sich rücksichtslos seinen Weg. Zuletzt ist er israelischer Ministerpräsident und droht der westlichen Welt mit dem nuklearen Krieg.

Neben diesem Haupterzählstrang baut Grünberg etliche Nebengeschichten in seinen Text ein, die Xaviers und Awrommeles Abenteuern an Absurdität in nichts nachstehen. So lässt sich etwa auch die Geschichte von Xaviers Mutter verfolgen, die die rassischen Ansichten ihres Vaters geerbt hat. Nach dem Tod ihres Mannes, Xaviers Vater, lebt sie mit einem schwulen Freund zusammen, betrachtet aber ein Brotmesser, mit dem sie sich regelmässig verletzt, als ihren wahren Liebhaber. Es gibt eine Gruppe marodierender Jugendlicher – sie gemahnen an die Bande aus A Clockwork Orange – , die im Namen Kierkegaards Leute bewusstlos prügeln und Mädchen missbrauchen. Es gibt einen ägyptischen Imbissbesitzers, der mit seinen Hunden den Mond anheult und jungen Frauen die Ohren abschleckt. Und so weiter, und so fort.

Oftmals ist “Der jüdische Messias” nur aufgrund der offensichtlichen grotesken Züge, der ironischen Distanz mit der Gewalt, Sex und Bigotterie beschrieben werden, überhaupt erträglich. Grünbergs lakonische Sprache, die nie anklagend, stets nur beobachtend ist, verstärkt die Wirkung der menschlichen Grausamkeiten, die er ohne Beschönigungen beschreibt. In vielerlei Hinsicht lässt sich “Der jüdische Messias” auch als Prätext zum 2014 erschienenen “Der Mann, der nie krank war” lesen. Während dieser Roman aber fokussiert und knapp gehalten ist, ist “Der jüdische Messias” mit seinen gut 640 Seiten ziemlich ausufernd. Diese Länge hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Während die Erlebnisse in Amsterdam und Israel auf wenig mehr als 200 Seiten auf den Punkt gebracht und in rasantem Tempo vorgetragen werden, sind der kurzen Basler Zeit mehr als 400 Seiten gewidmet. Es kommt in diesen Passagen zu einigen unnötigen Längen. Wenn etwa seitenlang beschrieben wird, welche Nachwirkungen die missglückte Beschneidung zeitigte, so ist das nicht nur ekelerregend, sondern könnte auch als reine Effekthascherei ausgelegt werden. Es trüben solche Stellen etwas den Eindruck dieses insgesamt zweifellos meisterlich durchdachten Romans, der schonungslos alle Scheinheiligkeiten und Halbwahrheiten unserer Gesellschaft offenlegt und vor keinem Tabu zurückscheut. Der Text ist voller Leute, die über Traumata aus Vergangenheit und Gegenwart “vornehm hinwegsehen”. Anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen, flüchten sie sich in Gewalt und verrennen sich in unterschiedlichen sexuellen Identitätssuchen, die meist brutal enden.

Arnon Grünberg  ist ein Autor, der das sagt, was andere auslassen. Er benennt die Dinge, um die andere vage herumschreiben. Er legt den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft und bohrt darin herum. Grünberg ist der grosse Provokateur des erstickten Lachens.  Das ist lesetechnisch eine Grenzerfahrung und sicherlich nicht jedermanns Sache, als scharfsinniges Zeugnis menschlicher Fehler und Lügen aber unverzichtbar.

Ein aufschlussreiches Interview mit dem Autor (2013):

 

Grünberg, Arnon. Der jüdische Messias. Roman. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Zürich: Diogenes 2014. 640 Seiten, Taschenbuch. 978-3-257-06854-2

Thomas Mann und der verschwundene Koffer. Lebens-Lagen #33: 30. April

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Von seiner Schulzeit bis wenige Wochen vor seinem Tode hat Thomas Mann (1875 – 1955) Tagebuch geführt. So wird zumindest angenommen, denn von den Heften vor 1933 sind nur diejenigen aus 1918-21 erhalten. Wie wichtig Mann seine Tagebücher waren bezeugt eine prominente Episode, in deren Mittelpunkt ein verlorener Koffer steht:

In den ersten Wochen seines Schweizer Exils im Frühjahr 1933 erteilt Thomas Mann seinem Sohn Golo den Auftrag, ihm aus München zurückgelassene Geschäftspapiere, Manuskriptseiten und die Tagebuchhefte nachzusenden. Explizit erwähnt er, dass die Tagebücher nicht geöffnet werden dürfen.

Golo Mann bepackte sogleich einen Koffer mit dem angeforderten Material und vertraute ihn dem Chauffeur der Familie an, dass dieser ihn der Post übergebe. Der Chauffeur jedoch war inzwischen zum Nationalsozialisten konvertiert und lieferte das Gepäckstück bei der politischen Polizei ab, die es wohl durchsucht hat. Erst Wochen später – am 19.05. – erreicht der Koffer, lediglich um einige Verlagsverträge beraubt, Thomas Mann, der sich nun im französischen Bandol aufhält.

In der bangen Zeit des Wartens davor befiel Mann die Angst, seine Dokumente könnten in falsche Hände gelangt sein.
Am 30. April 1933 notierte er deshalb in sein Tagebuch:

“Die Recherchen nach dem offenkundig feindlich beseitigten Handkoffer gehen (…) weiter. (…) Meine Befürchtungen gelten jetzt in erster Linie u. fast ausschliesslich diesem Anschlage gegen die Geheimnisse meines Lebens. Sie sind schwer und tief. Furchtbares, ja Tötliches kann geschehen.” 1


1. Zitat und Informationen aus: Julia Schöll. Joseph im Exil: zur Identitätskonstruktion in Thomas Manns Exil-Tagebüchern und -Briefen sowie im Roman Joseph und seine Brüder. Königshausen & Neumann 2004.

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“”Aber ich schreibe weiter. Das ist mein Heldentum.”

Heute vor 54 Jahren, am 11. Februar 1960, verstarb der deutsche Literaturwissenschaftler Victor Klemperer. Bekannt sind seine Tagebücher und das mehrheitlich darauf basierende Werk “LTI – Notizbuch eines Philologen”. 

klemperer

In LTI (Lingua Tertii Imperii”) wie auch in seinen Tagebüchern betrieb Klemperer mit chirurgischer Präzision eine Eingeweideschau der nationalsozialistischen Sprache. Redewendungen, Lieblingswörter, Kampfphrasen aus allen Lebensbereichen notiert er und legt damit die Funktionsweise der rechtspopulistischen Volksverführung offen.

Klemperer zeigt in seinen Aufzeichnungen eindrücklich auf, wie die Nationalsozialisten mit ihrem unbewussten Sprachgebrauch das Volk manipulierten. Eine Gegebenheit, die erschreckend aktuell ist. Jüngstes Beispiel: Die Schweizer Rechtspopulisten wollen die “Masseneinwanderung” stoppen, sie schreiben, die Schweiz leide an “Dichtestress” – ein fingierter Begriff aus der Biologie, wie Thomas Hämmerli & Co. hervorgehoben haben -, manche fordern eine “patriotische Aufrüstung von innen”. Auch die österreichischen und deutschen Rechtspopulisten unserer Tage missbrauchen die Sprache für ihre Zwecke.

Eine Beschäftigung mit Klemperers Arbeit ist auch beine 70 Jahre nach Erstveröffentlichung von “LTI” (1947) noch bedeutsam. Es war ihm, der das Dritte Reich als Jude nur dank seiner “arischen” Frau Eva in Deutschland überleben konnte, Zeit der NS-Diktatur nicht erlaubt, Tagebuch zu schreiben. Und dennoch tat er es. “Aber ich schreibe weiter. Das ist mein Heldentum.” heisst es an einer Stelle. Wahrlich. Es braucht Leute wie Victor Klemperer, um uns von Zeit zu Zeit vor Augen zu führen, welch unheilvolle Macht Sprache haben kann; um uns zu lehren, dass ein bewusster Umgang mit ihr manchmal nötig ist, um klar zu sehen.

Eine bemerkenswerte ARTE-Dokumentation über Klemperer und sein Werk:

 

 


LTI beim Reclam-Verlag bestellen: http://www.reclam.de/detail/978-3-15-020149-7

Die Tagebücher beim Aufbau-Verlag: http://www.aufbau-verlag.de/index.php/ich-will-zeugnis-ablegen-bis-zum-letzten-788.html

Egon Friedell

Heute vor 136 Jahren wurde Egon Friedell geboren. Wie sich sein Hauptwerk, die “Kulturgeschichte der Neuzeit”, ihrem Gegenstand nähert, so muss sich ein Biograph Friedell nähern: in Anekdoten.

friedell

Erste Anekdote:

Eine unscheinbare Gedenktafel erinnert an der Gentzgasse 7 in Wien an den Freitod Friedells. 1900 hatte er dieses Haus bezogen, ab den späten 1920er-Jahren hier sein Hauptwerk verfasst, “[m]it genauer Stundeneinteilung, pedantischer Regelmäßigkeit und Ordnung, zurückgezogen in seine wenig luxuriöse Wohnung im dritten Stockwerk” des Hauses. Am 11. März 1938 schrieb er an Ödön von Horvath “Jedenfalls bin ich immer in jedem Sinne reisefertig”, am 12. März marschierten Truppen der deutschen Wehrmacht in Wien ein, am 15. März verkündet Hitler vom Balkon der Neuen Burg den Eintritt Österreichs ins Deutsche Reich, am 16. März, abends um 22 Uhr, fragen zwei SA-Männer an der Gentzgasse 7 nach dem “Jud Friedell”. Dieser steht auf seinem Balkon, bittet Passanten, zur Seite zu treten – und springt in den Tod. “Er soll, wird freundlich vermutet, noch in der Luft gestorben sein”, schreibt Peter Eickhoff.

Geschichten vom Leben Egon Friedells, geboren unter dem Namen Friedmann als Sohn eines Tuchfabrikanten, “Samt und Seide” in den Adern, beginnen (und enden) meist mit seinem Tod. Wer aber war Egon Friedell?

Zweite Anekdote:

“Versoffener Münchner Dilettant” warf man ihm einst, nach einem Auftritt in München, an den Kopf, worauf er antwortete, dass Dilettantismus und ehrliches Kunstbemühen sich keinesfalls widersprächen und er dem Alkohol nicht abgeneigt sei – “[a]ber das Wort ,Münchner‘, das wird noch ein gerichtliches Nachspiel haben.”

“Der geniale Dilettant”, lautet der einprägsame Titel von Bernhard Viels Friedell-Biographie, beruhend auf einer Aussage Max Reinhardts über Friedell.  Der Dilettantismus spielte eine gewichtige Rolle in seinem Kunst- und Lebensverständnis. Im Vorwort zur Kulturgeschichte, das übrigens satte 80 Seiten lang ist, schrieb er:

“Nur der Dilettant, der mit Recht auch Liebhaber, Amateur genannt wird, hat eine wirklich menschliche Beziehung zu seinen Gegenständen, nur beim Dilettanten decken sich Mensch und Beruf; und darum strömt bei ihm der ganze Mensch in seine Tätigkeit und sättigt sie mit seinem ganzen Wesen, während umgekehrt allen Dingen, die berufsmäßig betrieben werden, etwas im üblen Sinne Dilettantisches anhaftet: irgendeine Einseitigkeit, Beschränktheit, Subjektivität, ein zu enger Gesichtswinkel.”

So ist der Dilettantismus ein Schlagwort, das in keiner Annäherung an Friedell fehlt, ja unzertrennlich scheint es mit seinem Leben und Schaffen verbunden.

Dritte Anekdote:

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Gegessen habe er viel, heisst es. Nachts Powidl aus dem Eiskasten etwa. Zeitgenosse Jakob Wassermann schrieb über ihn, “wie ein mit Elephantiasis behafteter Gymnasiast” habe er ausgesehen. Die Hungerjahre des Ersten Weltkriegs überstand er “ohne grössere Gewichtseinbussen”. So dominant seine Erscheinung gewesen sein muss, so mager sind die Selbstzeugnisse, die nach seinem Tod erhalten blieben. Viele Dokumente, Briefe, Manuskripte hat er eigenhändig vernichtet. Immerhin: einige “zuverlässige Daten” über seine Person sandte er selbst anlässlich seines 60. Geburtstags 1938 an das Neue Wiener Tagblatt. Er schrieb:

“Geboren am 21. Jänner 1878 in Wien, zweimal in Österreich und zweimal in Preußen maturiert, beim viertenmal glänzend bestanden. In verhältnismäßig kurzer Zeit zum Doktor der Philosophie promoviert, wodurch ich die nötige Vorbildung zur artistischen Leitung des Kabaretts ‚Fledermaus‘ erlangte. Da ich zur Erholung von dieser verantwortungsvollen Nachttätigkeit mich bei Tage mit essayistischen Arbeiten beschäftigte, erwarb ich den Titel eines ‚lachenden Philosophen‘. Worauf mir nichts übrigblieb, als zu dessen Widerlegung die ‚Judastragödie‘ zu schreiben, deren Uraufführung im März 1923 im Burgtheater . . . stattfand.

Anders als viele meiner Kollegen wurde ich erst auf Grund meiner dramatischen Tätigkeit Theaterrezensent. Mein Mangel an Kritik brachte Reinhardt auf den Gedanken, mich unter die ‚Schauspieler des Theaters in der Josefstadt‘ einzureihen. Als Darsteller neuzeitlicher Gestalten hatte ich Gelegenheit, umfangreiche Materialien zu meiner dreibändigen ‚Kulturgeschichte der Neuzeit‘ zu sammeln . . .

Da einige Fachgelehrte mir die Kompetenz für die Erforschung der Neuzeit absprachen, ließ ich vor einem Jahr den ersten Band meiner ‚Kulturgeschichte des Altertums‘ erscheinen. Im kommenden Februar werde ich in Leichts Varieté auftreten.”

Auf Wikipedia heisst es, Friedell sei “Schriftsteller, Kulturphilosoph, Religionswissenschaftler, Historiker, Dramatiker, Theaterkritiker, Journalist, Schauspieler, Kabarettist und Conférencier” gewesen. Als eine Zeitungsredaktion – vierte und letzte Anekdote – ihn warnte, man könne nicht mit einem Gesäss auf mehreren Hochzeiten tanzen, antwortete er, sie unterschätze sein Gesäss.

Nun ist man dem Menschen Egon Friedell etwas näher.


Die Kulturgeschichte und andere Ausgaben, etwa die Ausgewählten Essays (“Vom Schaltwerk der Gedanken”), erscheinen bei Diogenes.