Tag Archives: Musik

In eigener Sache: Der lange Abschied

Verehrte Leserschaft!


Lange Zeit war es still auf diesen Seiten – und das wird auch so bleiben.


Aus verschiedenen Gründen habe ich mich entschieden, die Arbeit am Blog “Buecherrezension”, den ich seit 2013 betrieben habe, einzustellen.
Dem Format jedoch werde ich treu bleiben. Wer also weiterhin gerne Texte aus meiner Feder zu lesen wünscht, der sei auf die neue Seite https://marinoferri.com/ verwiesen.


Die Inhalte von buecherrezension.com werde ich nicht migrieren, sondern so auf dieser Seite stehen lassen, wo sie weiterhin eingesehen werden können.


Es war eine spannende und lehrreiche Zeit – und ich hoffe, einige Leser und Leserinnen auch auf der neuen Plattform zum erlesenen Publikumskreis zählen zu dürfen!

Mit zukunftsfrohem Gruss

Marino Ferri

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Rezension: Svenja Leiber – Das letzte Land (Suhrkamp 2014)

In ihrem ambitionierten zweiten Roman erzählt Svenja Leiber (*1975) die mehr als sechs Jahrzehnte umspannende Geschichte des musikalisch begabten Stellmachersohns Ruven Preuk, der auszog die Welt das Geigen zu lehren, dem aber seine Herkunft, die Liebe und der Krieg dazwischen kamen. Ein grosser Roman über Familie, Liebe, Kunst und Gerechtigkeit im Angesicht einer unbarmherzigen Geschichte.

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Titel: Das letzte Land
Autorin: Svenja Leiber
Verlag: Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-42414-8
Umfang: 308 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Im Jahr 1911, in dem die Geschichte einsetzt, ist Ruven Preuk, zweiter Sohn des Stellmachers Nils Preuk, noch nicht einmal zehn Jahre alt. Er steht “abseits vom Dorf und horcht. Er zählt den Takt, den das Licht und die Pappeln ihm schlagen.” Fahrende Künstler ziehen durch das Dorf in Norddeutschland: das Mädchen Sophie weckt im jungen Ruven erste erotische Leidenschaften, der ältere Joseph schenkt ihm seine erste Geige. Das Instrument, das sein weiteres Schicksal bestimmen wird.

Vater Nils prügelt den Sohn, weil er im familiären Betrieb nicht zu gebrauchen ist. Schliesslich darf Ruven doch Unterricht nehmen: mit neun Jahren geht er in die Stadt zu Lehrer Goldbaum, in dessen Tochter Rahel er sich unsterblich verliebt: eine lebenslange unerfüllte Liebe, die nie im Zentrum der Geschichte steht, und doch im Hintergrund vieler Episoden dräut.

Die Zeiten ändern sich: Ruvens Vater und Brüder ziehen in den Krieg und der Zweitgeborene ist gezwungen ins Dorf zurückzukehren und die Stellmacherei zu führen. Nils kehrt von der Front nicht zurück, der ältere Bruder John ist für immer gezeichnet vom Krieg. Nach dem Krieg stirbt auch Goldbaum und Rahel verschwindet. Ruven sitzt daheim und denkt, “wenn die Musik vorbei ist, bin ich vielleicht auch vorbei.”  Er geigt, hat Auftritte, wird unter die Fittiche eines Professors genommen. Im Dorf trifft er sich mit der Krankenschwester Emma, deren sozialistische Ideen auf tödlichen Widerstand stossen. Der nächste Weltkrieg naht. Bekannte Gesichter aus der Kindheit nehmen neue Formen an: Ruven heiratet die Kindheitsfreundin Lene und muss zusehen, wie aus dem Kindheitsfreund Fritz, dem “Fischotter”, ein Nazi wird.

Mit seiner Frau zieht er nach Hamburg, Tragödien häufen sich, er wird in die Armee eingezogen: “Ich kann das nicht mehr, das Frohsein”, seufzt er und geht. Der Fokus der Geschichte verschiebt sich ab diesem Punkt, liegt nun nicht mehr auf Ruven selbst, sondern unter anderem auf seiner zurückgelassenen Frau Lene, der gemeinsamen Tochter Maria, dem Judenjäger Fischotter-Fritz und seinen sadistischen Machtspielen. Bis ins Jahr 1975 wird die Geschichte gespannt, als alte Männer stehen sich die zwei Kindheitsfreunde wieder gegenüber und Ruven resümiert:

“Mir sagte einmal einer, die Welt sei krank. Damals hab ich das nicht verstanden. Aber jetzt verstehe ich. Sie ist an den Trümpfen krank geworden, an den grossen Versprechen. Am Kreuzbuben. Der kleine Mensch, der die grossen Antworten zu verkraften meinte, hat sich verloren und nicht mehr gewusst, was er auf der Welt überhaupt soll.”

 

“Das letzte Land” ist ein ambitionierter Roman, der in derbem, bisweilen dialektal gefärbtem Präsens vom Unbill der Geschichte erzählt, die manch einen grossen Traum in ihren Mühlen zu grauem Staub zermahlt. Die Figur des Ruven Preuk, hin und hergerissen zwischen rustikaler Herkunft und noblen Salons, im steten Kampf mit dem Schicksal, der Gerechtigkeit und dem eigenen Talent, ist vielschichtig und nachvollziehbar gezeichnet. Auch die weiteren Figuren, deren Geschichten bisweilen zu Hauptschauplätzen werden, strampeln sich ab in den Fluten des Weltgeschehens. Und manchmal sagt jemand im Angesicht des Schlimmsten mutige Worte wie:

“Und wissen Sie, Lene, wir können Dinge lassen (…), wir können sie aber auch tun. Denn wenn wir sie lassen, dann sind wir keine richtigen Menschen. Und richtige Menschen wollen wir doch sein, Sie und ich.”

Es passt zur Unbarmherzigkeit des Lebens, wie es in diesem Roman bis zum bitteren Ende beschrieben wird, dass das Schicksal der Person, die solche Worte spricht, keine Geschenke macht.

Trotz seiner unerhörten Ambition, mehr als sechs Dekaden auf dreihundert Seiten zu packen, übernimmt sich “Das letzte Land” niemals. Entscheidende Ereignisse der Geschichte spiegeln sich in den Biographien der Figuren, zeichnen deren Gegenwart und Zukunft, lassen sich, gerade im Fall der beiden Weltkriege, nicht mehr abschütteln. Leiber schreibt in einer kräftigen Prosa gegen die Hilflosigkeit ihrer Figuren im Angesicht des Schicksals und der Geschichte an. Dialektale Färbungen, die tabuisierte Sprache der naiv-abergläubischen Landbevölkerung, kraftvolle Metaphern und oftmals sprichwortartige Formulierungen sorgen für eine sprachliche Wucht, der man sich nur schwer entziehen kann.
Und am Schluss hallt eine Frage der Krankenschwester Emma, die allzu früh den Nationalsozialisten zum Opfer fiel, nach: “Wie wäre es, wenn alles ein wenig anders zuginge, gerechter?”


Artverwandte: Die derbe Sprache, die stark an mündliches Erzählen angelehnt ist, diese naiv-abergläubische Brutalität der Landbevölkerung und die Unbarmherzigkeit des Lebens, wie sie in “Das letzte Land” dargestellt wird, erinnern stark an Silvia Tschuis “Jakobs Ross” (Nagel & Kimche 2014). Obschon Tschuis Debüt wesentlich stärkere Einflüsse des Dialekts aufweist und einige Jahre früher (Deutschschweiz des 19. Jahrhunderts) spielt, sind die Parallelen kaum zu überlesen. Wem “Das letzte Land” gefällt, dem dürfte auch “Jakobs Ross” zusagen, und vice versa.

In einem grundlegenden Element der Erzählsituation erinnert das Buch auch an einen weiteren Titel aus dem aktuellen Programm des Suhrkamp-Verlags: die Beschreibung des ganzen Lebens eines Mannes, dem die Musik wie als eine Bürde des Schicksals auferlegt ist, gemahnt an die Geschichte von Joao Ricardo Pedros “Wohin der Wind uns weht”, welchem es jedoch nicht gelingt die verschiedenen Generationen und Geschichten so stringent zu einem Ganzen zu verweben.

Lebens-Lagen #12: 17. März

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(Ungefähr) am 17. März 1912 notiert Franz Kafka in sein Tagebuch:

“Maxens Konzert am Sonntag. Mein fast bewusstloses Zuhören. Ich kann mich von jetzt an bei Musik nicht mehr langweilen. Diesen undurchdringlichen Kreis, der sich mit der Musik um mich bald bildet, versuche ich nicht mehr zu durchdringen, wie ich es früher nutzlos tat, hüte mich auch, ihn zu überspringen, was ich wohl imstande wäre, sondern bleibe ruhig bei meinen Gedanken, die in der Verengung sich entwickeln und ablaufen, ohne dass störende Selbstbeobachtung in dieses langsame Gedränge eintreten könnte. (…)”1


1. Aus: Franz Kafka. Tagebücher 1910-1923. Hg. v. Max Brod. Fischer 1973.

Hier geht’s zum Lebens-Lagen-Archiv. 

Joseph Freiherr von Eichendorff

Der grosse Dichter der Romantik, Joseph Freiherr von Eichendorff, würde heute 226 Jahre jung. Aus diesem Anlass für einmal gar nicht viele Worte, sondern bloss ein traumhafter musikalischer Montagsgruss:

Robert Schumanns 1840er-Vertonung von Eichendorffs bekanntestem Gedicht “Mondnacht” (1837), sanft und klar wie Kristall gesungen von Peter Schreier (nomen est gar nicht omen), am Piano Norman Shtetler.

Eichendorff selbst soll angeblich Clara Schumann gegenüber bemerkt haben, dass erst Roberts Vertonungen seinen Gedichten Leben gegeben haben

 

Wir wünschen allen einen gelungenen Wochenstart!

Zum Gedenken an Mani Matter (1936 – 1972)

Heute vor 41 Jahren, am 24.11.1972, verstarb der Schweizer Jurist und Liedermacher Mani Matter. Auf dem Weg zu einem Auftritt kollidierte sein Auto mit einem Lastwagen: Ein geradezu symbolisches Ende für einen, der stets das machtlose Kleine auf die Höhe eines übermächtigen Grossen zu erheben suchte. Wir erinnern uns an ihn und seine Lieder. 

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Zu Lebzeiten hatte Hans Peter “Mani” Matter vor allem als Jurist Erfolg: Seine Dissertation “Die Legitimation der Gemeinde zur staatsrechtlichen Beschwerde” wurde 1965 mit dem bestmöglichen Prädikat ‘summa cum laude’ ausgezeichnet; seine Habilitation war zum Zeitpunkt seines Todes bis auf die Fussnoten fertiggestellt, er hatte das Anwaltspatent und einen Lehrauftrag an der Universität Bern.

In Erinnerung aber bleibt Mani Matter vor allem als Liedermacher, als einer, der das populäre Liedgut der Schweiz mit seinen Geschichten im Miniaturformat bis heute prägt. “Schreiben ist Auswählen” schrieb er einst in eines seiner sogenannten Sudelhefte. (Zweifellos wäre M.M. ein begeisterter Twitter-User geworden!) Seine Geschichten, bisweilen Schauermären von makabrer Dramatik (“Alpeflug”, “D Nase”) oder von aussichtsloser Traurigkeit (“Daellebach Kari”), verpackte er in Zeitspannen von meist maximal zwei Minuten. Kein Wort zu viel, keines zu wenig. Effektiv, prägnant und mit bissigem Humor weitete er die scheinbar banalen Tragödien des Alltags zu Katastrophen voll “metaphysischem Gruseln” aus.

Einige seiner ausgeklügelten Geschichten (in Berner Dialekt) gibt’s hier zum Nachhören:

ALPEFLUG

I HAN ES ZÜNDHÖLZLI AAZÜNDT

DÄLLEBACH KARI

BIM COIFFEUR

D NASE

SI HEI DR WILHÄLM TÄLL UFGFÜERT


Bildquelle: http://www.manimatter.ch/index2.cfm (Abgerufen: 24.11.2013).