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Rezension: Elisabeth Schrom – Herbertgeschichten (Zytglogge, 2016)

Es beginnt mit dem Tod: morgens nach dem Aufwachen entdeckt Herbert – Rentner, seit dreissig Jahren alleinstehend und -wohnend – eine tote Heuschrecke auf seinem Schlafzimmerboden. Nicht irgendeine Heuschrecke, sondern den von ihm bereits benannten “David”, den er zwei Tage zuvor in seinem Schlafzimmer entdeckt und vergeblich zu fangen versucht hatte. “Ein schlechtes Omen, wenn der Tag mit dem Tod begann”, sagt sich Herbert. “An solchen Tagen blieb man besser daheim.”

Die kleinen, teils bizarren Eigenarten und Gedanken des Herbert bilden den Leitfaden all der Geschichten, die die 69jährige in Wien geborene Basler Schriftstellerin Elisabeth Schrom in ihrem Prosadebüt zu einer Erzählung vereint. Liebevoll, in einem lakonischen, aber dennoch einfühlsamen Ton führt sie ihren bisweilen arg verunsicherten Protagonisten über die Bühne seines Rentnerlebens, macht dabei die grossen existenziellen Fragen an den scheinbar unbedeutenden Details des Alltags fest.

Das Leben des Herbert ist geprägt von Ritualen wie dem alldienstäglichen Treffen mit seinem besten (einzigen verbleibenden) Freund Rudolf auf einer Parkbank. Beim Füttern der Spatzen diskutieren die beiden Männer dort über Gott und die Welt – wobei die interessantesten Aspekte in dem zu finden sind, worüber die beiden gerade nicht offen zu sprechen wagen. Die Liebe zum Beispiel.

Herbert hat sich über die Jahrzehnte unzählige Sammlungen geschaffen – unter anderem eine von 127 Spazierstöcken – , die seine Wohnung anfüllen und ihm die Ausrede bescheren, er habe gar keinen Platz für eine Frau. Rudolf, in scheinbar spiessiger Ehe mit der spröden Edith verheiratet (“Es ist schön, wenn man weiss, zu wem man gehört.”), unternimmt zaghafte Versuche seinen Freund Herbert zu verkuppeln. Er will diesen dem verkrampften Dasein, das sich in dreissig Jahren Alleinesein eingespielt hat, entreissen. Und tatsächlich tritt, nachdem Herbert auf eine Kontaktanzeige geantwortet hat, in welcher eine Italienerin nach einem “Ehemann wegen Existenzsicherung” suchte, die lebhafte, jüngere Ivana in sein Leben. Ein Versprechen von Drama, Abenteuer, Tragödie. Ihr Auftreten – ohne hier zu verraten, wohin es führt – ist ein Wendepunkt, vielleicht der Beginn dessen, was gerne der “zweite Frühling” genannt wird.

Autorin Elisabeth Schrom lotet in kurzen, einprägsamen Szenen die Ängste und Freuden, die vielfältigen Ambivalenzen des Älterwerdens, Pensioniertseins, des Alleine- und des Zusammenseins aus. In aussagekräftigen Bildern und Dialogen nähert sie sich den Persönlichkeiten ihrer Figuren und beschreibt deren Reaktionen auf die Einbrüche des Ungewissen in eine Welt, die auf den ersten Blick nur aus Routinen, Macken, kleinen Obsessionen und allumfassender Bequemlichkeit zu bestehen scheint.

Schrom findet die treffende, von subtilem Humor durchwirkte, Sprache für Herberts Geschichten, einen würdevollen Ton, der mit seiner Mischung aus Selbstironie, Fatalismus und immer wieder aufkeimender Lebenslust die Figuren auf die für manche grösste Hürde des Lebens zuführt. Und letztlich bleibt nur noch die letzte, die schwerste aller Fragen: Eichen-, Fichten- oder Kiefernsarg?

Rezension: Inge Sargent – Dämmerung über Birma (Unionsverlag 2015 [1994])

Es ist doch die klassische Geschichte: junge Frau trifft jungen Mann, junge Frau und junger Mann heiraten, junger Mann entpuppt sich als machthabender Prinz eines südostasiatischen Bergvolkes… Die Autobiographie der gebürtigen Österreicherin Inge Sargent beginnt märchenhaft und endet in der Katastrophe. Das Zeugnis einer grossen Liebe und einer reichhaltigen Kultur, vor allem aber das Zeugnis eines zerstörten Landes.

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Die Österreicherin Inge Sargent kommt nach dem Zweiten Weltkrieg als Fulbright-Stipendiatin ans Colorado Women’s College der Universität Denver. Sie lernt den jungen Sao Kya Seng kennen, der sich hier zum Bergbauingenieur ausbilden lässt. Die beiden verlieben sich, heiraten 1953. Als Inge zum ersten Mal mit ihrem Mann dessen Heimat besucht, um die Familie kennenzulernen, staunt sie nicht schlecht ob des gewaltigen Empfangs, der ihnen bereitet wird. Eins hat Sao seiner Frau verschwiegen: Er ist der machthabende Prinz (Saopha) des kleinen halbautonomen Shan-Staates Hsipaw in den nordbirmanischen Bergen.

Inge, obschon zunächst in ihrem Vertrauen erschüttert, akzeptiert die neue Rolle schnell und ist begeistert von Land und Leuten ihrer zukünftigen Heimat. Es ist eine friedliche Phase, unter Premierminister U Nu besteht zum ersten Mal ein demokratisches System. Sao Kya Seng bezieht mit seiner Frau, der neuen Mahadevi (Prinzessin) von Hsipaw, den Landsitz East Haw und beginnt, die während des Studiums in den USA erworbenen Kenntnisse zum Wohle seines Volkes anzuwenden. Er fördert die Landwirtschaft, modernisiert den Bergbau, um den ungenutzten Bodenreichtum zu schöpfen, bekämpft das Glücksspiel und die Korruption. Inge selbst, die sich nun Thusandi nennt, beginnt, nachdem sie Birmanisch und Shan sprechen gelernt hat, sich einzubringen, gründet Krankenhäuser und Schulen. Das Paar hat gemeinsam zwei Kinder, Mayari und Kennari.

Der Weg zu besseren Zeiten aber wird bald wieder jäh unterbrochen. Die hochkomplexe, von unterschiedlichsten Interessengruppen verwirrte birmanische Politik scheint keine Dauerhaftigkeit zu erlauben. 1959 hebt General Ne Win, der bestrebt ist die Macht im Lande ans Militär zu übergeben, die Macht der Shan-Prinzen auf, mit Sao Kya Seng, der ihm ein Treffen verweigert, legt er sich persönlich an. Als es letztlich 1962 zum Staatsstreich kommt und Birma zur Militärdiktatur wird, wird Sao Kya Seng gefangen genommen und vermutlich getötet. Inge steht  zwei Jahre unter Hausarrest, wird abgehört und ausspioniert, ehe ihr und ihren Töchtern 1964 schliesslich die Flucht nach Österreich gelingt.

Wer angesichts des Titels “Dämmerung über Birma. Mein Leben als Shan-Prinzessin” triefenden märchenhaften Kitsch erwartet, wird von Inge Sargents Autobiographie enttäuscht sein. Die ersten Jahre  – die aufblühende Liebe, das neue Land, die neue Kultur, der Beginn einer gemeinsamen Familie und das Arbeiten am Wohl des Hsipaw-Volkes – sind zwar durchaus in einem feierlich-pathetischen Ton beschrieben, der keinen Halt davor macht, die erhabene Grösse aller Gefühle zu betonen. Weil die Autorin aber Saos Ausharren in der Arrestzelle als zweite Erzählebene  immer wieder einschiebt, ist von der ersten Zeile (“Thusandi erkannte an den seltsamen Geräuschen, welche die Stille des tropischen Morgens störten, dass ihr Traum vorüber war..”) an klar: Das birmanische Märchen der Inge Sargent endet nicht im glücklichen Und-wenn-sie-nicht-gestorben-sind, sondern in einer Arrestzelle im Militärgefängnis Ba Htoo Myo respektive auf einem eilig bestiegenen Pan-Am-Flug in Richtung Westen.

In einer einfachen, klaren Sprache schreibt Inge Sargent – in der dritten Person – über die elf birmanischen Jahre, die ihr vergönnt waren. Es entsteht das Porträt einer Frau, die sich, hineingeworfen in eine ihr vollkommen fremde Kultur und soziale Stellung, mit Courage den guten wie den schlechten Herausforderungen stellt, die das neue Leben ihr anträgt.

“Dämmerung über Birma” ist das berührende Zeugnis einer Liebe, die in der Katastrophe endete. Es ist das Zeugnis einer einzigartigen Kultur mit bunten Farben, schillernden Festen, astrologischen Weissagungen und grossmütigen Menschen. Vor allem aber ist es das erschreckende Zeugnis der Zerstörung eines Landes durch eine militärische Diktatur, deren Nachwirkungen noch heute deutlich spürbar sind.

Die Autorin selbst darf nicht mehr ins Land einreisen, auf den Besitz ihres Buches, das erstmals 1994 veröffentlicht wurde, stehen angeblich 17 Jahre Gefängnisstrafe. Von Boulder, Colorado, aus, wo Inge mit ihrem zweiten Mann Tad Sargent heute lebt, gründete sie die wohltätige Organisation Burma Lifeline, um weiterhin Einfluss zu nehmen auf die Leute, die sie noch immer als die ihren betrachtet.*

Die Geschichte, die gerade auch verfilmt wird, erschien im Original auf Englisch 1994. Deutsche Ausgaben liegen seit 1997 (zunächst Bastei-Lübbe) vor. Zum vierzigjährigen Verlagsjubiläum legt der Unionsverlag (hier erstmals 2006) das Werk nun als edles kleines Taschenbuch mit Landkarten und einem erhellenden Vorwort von Bertil Lintner, der die politische Geschichte Birmas gut verständlich nachzeichnet, erneut vor.

Inge Sargent. Dämmerung über Birma. Mein Leben als Shan-Prinzessin. Aus dem Englischen von Cécile Lecaux. Zürich: Unionsverlag 2015. Taschenbuch, 384 S. 978-3-293-20691-5


Weiterführend: Inge Sargent: The Last Mahadevi. Ein Interview aus 2009.

*(Es ist mir allerdings nicht bekannt, ob die Organisation “Burma Lifeline” nach wie vor aktiv ist. Die Website existiert nicht mehr, auch sonst konnte ich keine Hinweise auf momentane Aktivitäten finden.)

Rezension: André Comte-Sponville – Liebe. Eine kleine Philosophie (Diogenes 2014)

Die Franzosen und die Liebe: Dass dies ein ganz besonderes Verhältnis ist, war auf dieser Seite auch schon hin und wieder ein Thema, etwa als Marilyn Yalom uns zu erklären versuchte, wie die Franzosen die Liebe erfanden. Der populäre Philosoph (oder Populärphilosoph) André Comte-Sponville nähert sich der Materie in seinem Aufsatz nun mithilfe des philosophischen Kanons, insbesondere Platon und Spinoza. Eine feinfühlige und erhellende Diskussion.

In einer ausführlichen Einleitung widmet sich der Autor – bzw. Redner, denn bei dem Text handelt es sich um die korrigierte Abschrift eines Referats – einer Gliederung in drei Ebenen des Handelns. Der seltene Idealfall ist das Handeln aus Liebe, ihm folgt das Handeln aus moralischen Gründen, diesem wiederum das Handeln aus Gründen des Rechts und der Höflichkeit: “Meist genügt die Liebe nicht; dann greift die Moral ein und schreibt uns vor zu handeln, als würden wir lieben.”
Dieses Handeln als ob ist keinesfalls abwertend zu verstehen. Denn es stimmt: Eine Gesellschaft, in der alle sich nach den Geboten von Recht und Höflichkeit verhielten, wäre annähernd perfekt; eine Gesellschaft, in der man sich allen gegenüber nach dem Gebot der Liebe verhalten müsste, wäre zu kompliziert. Und doch braucht es in gewissen Fällen die Liebe, es braucht mehr als nu das als ob.

Comte-Sponville unterscheidet drei Spielarten, denen er jeweils einen ausführlichen Abschnitt widmet. Benannt sind sie nach griechischen Begriffen für unterschiedliche Formen der Liebe.

978-3-257-06890-0

I. Eros, “die leidenschaftliche Liebe”: Der Eros steht, nicht wie populär häufig angenommen wird (“erotisch”, “erogen”), für reine Sexualität, sondern für die Liebe aus Leidenschaft, die Liebe des Verliebtseins. (Sexuelle Lust dagegen hiess im alten Griechenland ta aphrodisia). Comte-Sponville erläutert den Eros anhand von Platons Gastmahl, innerhalb dessen er detailliert die Reden des Aristophanes und des Sokrates aufgreift. Das grosse Paradoxon, das den Autor selbst davon abhält, Platoniker zu sein, wird in einer Formel zusammengefasst: Liebe = Begehren = Mangel. Das Begehren hat gemäss dieser Formel immer mit Mangel, also Abwesenheit, zu tun. Ist dieser behoben, erlischt das Begehren. Schopenhauer prägte den Begriff der “Langeweile”, die einsetzt, sobald das Ermangelte verfügbar ist. Diese pessimistische Philosophie schliesst die Möglichkeit glücklicher Paare aus, wogegen sich Comte-Sponville entschieden wehrt.

II. Seine Antwort darauf ist die Philia, “die Freude an der Liebe”: ein Konzept umfassender Freundschaft, stärker als Zuneigung; es ist die Liebe zu dem, was uns nicht fehlt. Aristoteles beschrieb sie für Eheleute, Montaigne sprach von der “amitié maritale”, der ehelichen Freundschaft, die heutige Alltagssprache kennt zudem die Begriffe “mein Freund”/”meine Freundin” für Partnerschaften unter nicht Verheirateten. Der Autor greift auf den Philosophen Spinoza zurück, dessen Formeln lauteten Liebe = Freude und Begehren = die “Macht des Menschen, kraft deren er existiert und etwas bewirkt”. Dies ist die Ansicht, der auch Comte-Sponville zustimmt. Ein glückliches Paar, sagt er, “ist ein Paar, das den Mangel in Freude hat umwandeln können”. Es kommt darauf an, nicht mehr die Illusion, sondern die Wahrheit des jeweils anderen zu lieben. Die Illusion von dauerhafter Leidenschaft muss aufgegeben werden, denn diese kann nur im Unglück bestehen (Tristan & Isolde, Romeo & Julia, …). Die finale These des Autors lautet: “Es ist besser zu lieben, was wir kennen, als von dem zu träumen, was wir lieben.”

III. In einem kurzen Kapitel kommt er letztlich auf die Agape, die “uferlose Liebe” zu sprechen. Der Begriff ist wiederum griechisch, findet sich in der Antike jedoch nicht, sondern taucht als Neologismus erst in Bibelübersetzungen der Spätantike auf. Mit Agape bezeichnet man die Liebe Gottes, die Liebe Jesu. Comte-Sponville, der neben der Bibel hierzu auch Simone Weil zitiert, nennt sie “die Liebe, die darauf verzichtet, ihre Macht ungehemmt auszuüben”. Sie kann sich auch zwischen Mann und Frau oder zwischen Mutter und Kind zeigen. Es ist eine rein schenkende (nach Thomas von Aquin) Liebe, die von jedem Ego befreit ist.

In seiner Schlussbemerkung betont Comte-Sponville das gleichzeitige Auftreten dieser drei Spielarten in den meisten Fällen, sie sind drei Pole im Kraftfeld der Liebe. Auf seinen eigenen Atheismus, den er auch schon in Buchform thematisiert hat, zu sprechen kommend, nennt Comte-Sponville die Liebe letztlich einen “Gottesersatz”. Ihren Ursprung sieht er in Sexualität und Familie, zuallererst und insbesondere in Müttern. Dies bringt ihn zum schönen Satz:

“Die meine war, obwohl sie, wie alle Mütter, unvollkommen, unzulänglich und übertrieben besorgt war, so liebevoll, dass ich mir, um die Liebe zu erklären, nichts anderes – wie etwa Gott – vorstellen muss.”

 

André Comte-Sponvilles bis heute erfolgreichstes Buch heisst “Ermutigung zum unzeitgemässen Leben”. In seinen Darlegungen zur Liebe kommt er oft darauf zurück, und dies mit gutem Grund. Als ‘unzeitgemäss’ mögen nämlich auch Kritiker die Wertevermittlung des französischen Philosophen bezeichnen, der mit seinem bedingungslosen Einstehen für die Paarbeziehung, die glückliche Ehe und weitere eben zunehmend ‘unzeitgemässe’ Tugenden eine klare Position bezieht. Auf der anderen Seite ist der Text aber eben auch eine überzeugende Ermutigung, diese zu Unrecht mancherorten verschrienen Ideale hochzuhalten. Comte-Sponville erklärt sich präzise, leicht verständlich, gelehrt aber nie belehrend und humorvoll. Ein gewisses biedermännisches Element ist seinen Darlegungen nicht abzusprechen, aber dennoch trifft er gerade mit seinem Unzeitgemässen den Nerv der Zeit und bespricht den ewig faszinierenden Themenkomplex der Liebe sehr erhellend.

Comte-Sponville, André. Liebe. Eine kleine Philosophie. Zürich: Diogenes 2014. Aus dem Französischen von Hainer Kober. 176 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-257-06890-0

Rezension: Steve Tesich – Ein letzter Sommer (Kein & Aber, 2014 [1982])

Der einzige zu Lebzeiten veröffentlichte Roman des serbischstämmigen Amerikaners Steve Tesich (1942-1996) liegt neu in einer deutschen Taschenbuchausgabe bei Kein & Aber vor. Die Geschichte von Daniel Price, seinen Freunden, seiner ersten Liebe, seinem sterbenden Vater und seiner abergläubischen Mutter ist ein Coming-of-Age-Roman, wie er in der amerikanischen Literatur bislang womöglich nicht übertroffen wurde (nein, auch von Dir nicht, J.D. Salinger!)

Autor Steve Tesich ist kam 1957 mit vierzehn Jahren aus Serbien in die USA, wo er in East Chicago, Indiana, dem Ort, an dem auch “Ein letzter Sommer” spielt, ein Zuhause fand. Er studierte Russische Literatur an der Columbia und begann, nach erfolgreichem Abschluss, Theaterstücke und Drehbücher zu schreiben. Für sein erstes Hollywood-Drehbuch “Breaking Away” (“Vier irre Typen”, 1979) erhielt er einen Oscar. Mit “The World According To Garp” (1982, mit Robin Williams) und “American Flyers” (1985, mit Kevin Costner) steuerte er zu weiteren prominenten Produktionen seine Drehbücher bei. 1996 verstarb Tesich, 53jährig, an einem Herzinfarkt. Als Drehbuch- und Theaterautor ist sein Nachruhm wesentlich grösser, als als Schriftsteller. Zwei Romane hat er geschrieben: “Karoo” (“Abspann”, posthum veröffentlicht 1998) und der hier vorliegende “Summer Crossing” (“Ein letzter Sommer”, 1982).

Es gilt, einen begnadeten Präparator menschlicher Gefühlswelten zu entdecken, der die Tragik und die Komik unserer Existenz in einer berührenden Geschichte gebannt hat.

“Ein letzter Sommer” spielt in der Industriestadt East Chicago im Jahre 1960. Die drei achtzehnjährigen Freunde Daniel Price (der Ich-Erzähler), Larry Misiora und Billy ‘Freud’ Freund haben gerade die Highschool abgeschlossen und stehen vor einem letzten Sommer – bevor sie ihrem Leben eine Richtung geben sollen. Sie sind “ängstlich und unentschlossen”. Alle sind sie mit Problemen im Elternhaus konfrontiert: der rebellische, steineschmeissende Larry verachtet seine Eltern für ihr Spiessbürgertum; Freud wirft seiner Mutter vor, das Andenken an den verstorbenen Vater nicht zu ehren; und Daniel schliesslich steht Tag für Tag im Kreuzfeuer, wenn seine schöne jugoslawische Mutter und sein verbitterter, kranker Vater ihre Streitigkeiten austragen.

Alles ändert sich für Daniel, als er Rachel kennenlernt: er verliebt sich Hals über Kopf in das mysteriöse Mädchen, das mit seinem Vater David neu in die Stadt gezogen ist. Rachel und Daniel kommen zusammen, versichern sich ihre Liebe, reden sich ein, dass das Schicksal sie zueinander geführt hat. Doch während Daniel mit jenem schweren, Teenager eigenen Ernst liebt und geliebt werden will, scheint Rachel immer dann, wenn es darauf ankäme, etwas wegzuziehen von Daniel…

Daniel Price geht durch East Chicago: mit Freud und Misiora, deren Wege sich nach einer Schlägerei, die sie alle drei Seite an Seite mitmachten, trennen; mit seinem sterbenden Vater, den er im Rollstuhl umherschieben muss; mit Rachel, mit der er eigentlich ganz anderes machen wollte; alleine. Bis er jeden Winkel des Ortes gesehen hat, bis es keine Leerstellen mehr gibt und ihm nur noch eines übrigbleibt…

Tesich schreibt mit Feinfühligkeit und der angemessenen Mischung aus grossartiger Komik und herzzerreissender Tragik, die eine solche Coming-of-Age-Geschichte erfordert. Seine Sprache ist klug und bilderreich,  gespickt mit präzisen Dialogen, die Qualen des jungen Liebenden sind glaubhaft und nur dann pathetisch oder kitschig, wenn sie es auch sein müssen (Denn kein verliebter Teenager käme wohl ganz ohne diese beiden Eigenschaften aus.) Die Wechselbäder der Gefühlswelten – unerwartete Sprünge von überbordendem Selbstvertrauen zu unterwürfiger Ratlosigkeit etwa – durchmisst Tesich sprachlich und stilistisch meisterlich.

“Ein letzter Sommer” ist die Geschichte dreier Freunde auf dem Weg in die weite Welt hinaus, die Geschichte davon, wie sich Wege, die man an einem Tag als Parallelen bis in alle Ewigkeit gesehen hatte, am nächsten schon in vollkommen unterschiedliche Himmelsrichtungen abgehen können.  “Ein letzter Sommer” ist die Geschichte einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung, die Geschichte eines Befreiungskampfs aus der Klammer väterlicher Psychotyrannei. Und schliesslich ist “Ein letzter Sommer” die Geschichte von der Entdeckung der Liebe mit all ihren himmelhochjauchzenden Höhen und ihren todessehnsüchtigen Tiefen.

Kurzum: Ob Sommer, Herbst, Winter oder Frühling – “Ein letzter Sommer” ist ein grandioses Buch für alle Jahreszeiten. Ein echtes Lesevergnügen, dem es weder an Humor noch an Spannung noch an Tragik fehlt. 

Rezension: Scott Hutchins – Eine vorläufige Theorie der Liebe (Piper 2014)

Das Romandebüt des US-amerikanischen Autors Scott Hutchins, “Eine vorläufige Theorie der Liebe” (“A Working Theory of Love”, 2012), ist die Chronik der grossen Suchen unserer Zeit: der Suche einiger genialer Köpfe nach der Künstlichen Intelligenz, der Suche der Gesellschaft nach dem Kern ihrer humanen Identität und letztlich der ewigen Suche des Einzelnen nach Liebe.

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Titel: Eine vorläufige Theorie der Liebe
Original: A Working Theory of Love
Autor: Scott Hutchins
Übersetzung: Eva Bonné
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-96467-8
Umfang: 416 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Scott Hutchins (*1974) war Truman-Capote-Stipendiat in Stanford, wo er heute Creative Writing unterrichtet. Seine Kurzprosa erschien in renommierten Zeitungen und Zeitschriften wie The New York Times, The Rumpus und Esquire. Er lebt in San Francisco, wo auch die Handlung seines Debütromans “Eine vorläufige Theorie der Liebe” angesiedelt ist.

Protagonist ist Neill Bassett Jr., sechsunddreissig Jahre jung, geschieden, Single, aus dem ruralen Arkansas in den Schmelztiegel Kaliforniens gekommen. Er war Werbetexter, arbeitet nun aber für eine Drei-Mann-Softwarefirma, die einen Sprachroboter zu programmieren versucht, der als erster intelligenter Computer an einem Wettbewerb den sogenannten Turing-Test bestehen soll, bei dem ein Juror das Programm für einen Menschen halten muss. Die Grundlagen des Programms, seine Stimme, bilden die 5000 Seiten Tagebuch, die Neill Bassett Sr., der Vater des Protagonisten, ein erzkatholischer Mann, der seinem Leben selbst ein Ende setzte, hinterlassen hat.

Während Firmenchef Henry Livorno, ein alterndes Programmiergenie, und sein junger Protegé, das indonesische Wunderkind Laham, “drbas” – so der Chatname des Roboters – mit zusätzlichen Charaktereigenschaften und Wissen ausstatten, versucht sein Sohn sich im Gespräch mit dem Computer der Person seines Vaters anzunähern und zu erfahren, was ihm die Geschichte vorenthalten hat: wieso er die Liebe zu seinen Söhnen nicht gezeigt hat, wieso er sich umgebracht hat.

Parallel dazu versucht Neill Jr., der sich nach der Scheidung von Exfrau Erin in seinem Bachelorleben eingerichtet hat, klar zu werden über seine Wünsche und Absichten in der Liebe. Zwar sagt er: “Ich selbst bestimme die Bahnen, in denen mein Leben verläuft”, seine Handlungen streben dem jedoch entgegen: er wirkt verloren im Kreuzfeuer aus besessenen Intelligenzerschaffern, unbewältigter Vergangenheit und den tausenden Impulsen des bunten Kalifornien.

“Wir sind offen für Neues. Wir haben keine Angst vor dem Unbekannten. (…) Hier ist alles möglich.”

 

In einem Hostel lernt er Rachel kennen, eine labile Zwanzigjährige mit Bezügen zur Gruppe “Pure Encounters”, die merkwürdige “Klick-Ins” veranstaltet und sektiererische sexuelle Praktiken ausübt. Sie führen eine von Zweifeln geplagte On-and-Off-Beziehung. Zwischenzeitlich trifft sich Neill Jr. auch mit Jenn, der Programmiererin der Konkurrenzfirma: auf ihrem ersten Date besuchen sie eine öffentliche Zoo-Show, bei der man Seeelefanten bei der Paarung zuschauen kann. Kurzum: in Liebesdingen fährt der Protagonisten auf verschiedenen Spuren, die aber allesamt mehr Probleme denn Erfüllung zu bergen scheinen. Es braucht verschiedene Erfahrungen, gute und schlechte, die verqueren Dogmen der Pure-Encounters-Sekte (“Es gibt kaum noch Menschen. Es gibt nur noch Organismen.”) , Erfolge und Niederlagen, ehe Neill Jr. zu einer ebenso simplen wie verblüffenden Einsicht gelangen kann: Ich bin meine einzige Chance in Sachen Liebe.”

Die Erzählung ist immer wieder unterbrochen von den Gesprächen, die (meist) Neill Jr. mit dem Sprachprogramm, dessen Kommunikation von Seite zu Seite deutlicher an die einer ‘echten’ Peson erinnert. Diese Sequenzen sind geschickt in den Text eingebunden, sind emotional von entscheidender Bedeutung und werfen oft ein Licht auf die religiöse Dimension, den Zwiespalt zwischen dem von katholischem Schuldbewusstsein gegeisselten Elternhaus und der Offenheit und Anything-goes-Mentalität San Franciscos.

Angesiedelt in Kalifornien dem “Herz (Hollywood, leider) und Hirn (Silicon Valley) einer grossen Nation”, lässt Hutchins seinen Protagonisten sich vor diesem Hintergrund auf die Suche begeben nach dem Herz und Hirn des heutigen Amerikas.

“Was ist mit uns amerikanischen Männern passiert? Früher haben wir die Welt geplündert wie fröhliche Piraten – und nun, da sie uns praktisch gehört, sitzen wir im Lotossitz in einer paradiesischen Landschaft im hübschesten County des schönsten Bundesstaates der unbeschwertesten Nation und meditieren über Verlust und Verbitterung.”

 

Mit untrüglichem Auge für die Paradoxien des Lebens und angenehmem Humor führt dieser Roman vor Augen – und zwar nicht nur amerikanischen Männern, auch wenn man vielleicht mit Recht von einer Art “Männerbuch” sprechen kann -, was die menschliche Existenz im 21. Jahrhundert gefährdet, was ihre Fallgruben und Hinterlisten sind – und wie man diese mit Vergebung, Liebe, eben: Menschlichkeit zu überwinden vermag. Vielleicht wird man “Eine vorläufige Theorie der Liebe” in einigen Jahren einen der definierenden Romane unseres Jahrzehnts nennen.


Artverwandte: Wem dieses Buch gefällt, wird sich auch mit Michael Chabons “Telegraph Avenue”, ebenfalls einem detailverliebten, in allen Farben schillernden Bay-Area-Roman jüngster Zeit (2014). Er spielt in Berkeley und Oakland, während “Eine vorläufige Theorie der Liebe” vorwiegend in San Francisco selbst, in Bolinas und in Fairfax angesiedelt ist.

Lebens-Lagen #7: 10. März

Der Brief und das Tagebuch sind seit jeher im Kreise eifriger Denker beliebte Mittel des Ausdrucks, der Lebensbewältigung. Erfahrungen, Ideen, Gedanken und Ahnungen – von der grossen Frage nach dem Sinn des Lebens bis zur Trivialität eines Milcheinkaufs – werden verarbeitet. Unzählige Schriftsteller, Philosophen, Politiker, Verleger, Psychologen usw. usf. haben der Menschheit eine Fülle privater Aufzeichnungen hinterlassen – die oftmals sorgfältig ediert, aufwendig entschlüsselt, aber wenig gelesen werden. Im Rahmen der Beitragsserie “Lebens-Lagen” widmen wir uns Tag für Tag diesen Noten aus den Leben der Briefeschreiber und Tagebucheinträger. Kalendertage der Veröffentlichung und des präsentierten Textbeispiels stimmen dabei jeweils überein. Wir wünschen viel Vergnügen!

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(Ungefähr)m 10. März 1834 schreibt der bedrückte, kränkelnde Georg Büchner (1813 – 1837) aus Giessen, wo er studiert, an seine Verlobte Wilhelmine Jaeglé (1810 – 1880):

“(…)Die Ferien fangen morgen in vierzehn Tagen an; verweigert man die Erlaubnis, so gehe ich heimlich, ich bin mir selbst schuldig, einem unerträglichen Zustande ein Ende zu machen. Meine geistigen Kräfte sind gänzlich zerrüttet. Arbeiten ist mir unmöglich, ein dumpfes Brüten hat sich meiner bemeistert, in dem mir kaum ein Gedanke noch hell wird. Alles verzehrt sich in mir selbst; hätte ich einen Weg für mein Inneres, aber ich habe keinen Schrei für den Schmerz, kein Jauchzen für die Freude, keine Harmonie für die Seligkeit. Dies Stummsein ist meine Verdammnis. Ich habe dir’s schon tausendmal gesagt: Lies meine Briefe nicht, – kalte, träge Worte! Könnte ich nur über dich einen vollen Ton ausgiessen; – so schleppe ich dich in meine wüsten Irrgänge. Du sitzest jetzt im dunkeln Zimmer in deinen Tränen allein, bald trete ich zu dir. Seit vierzehn Tagen steht dein Bild beständig vor mir, ich sehe dich in jedem Traum. Dein Schatten schwebt immer vor mir, wie das Lichtzittern, wenn man in die Sonne gesehen. Ich lechze nach einer seligen Empfindung, die wird mir bald, bald, bei dir.”

Aus: Georg Büchner. Werke und Briefe. dtv 1980.

Rezension: Per Olov Enquist – Das Buch der Gleichnisse (Carl Hanser Verlag, 2013)

In Per Olov Enquists neuestem Roman „Das Buch der Gleichnisse“ versucht der Autor, mit seiner Vergangenheit aufzuräumen und behandelt im Zuge dessen keine geringeren Themen als Leben und Tod, die Liebe und Religion. Diese Flut an sehr grossen und keineswegs einfachen Themen erscheint mit dem erklärten Versuch, einen Liebesroman zu schreiben, als schier unerreichbares Ziel. Enquists autobiographischer Roman ist deswegen nicht einfach zu lesen, trotzdem fühlt man sich von der lebenslangen Suche Enquists nach der Liebe eingefangen.

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Titel: Das Buch der Gleichnisse
Autor: Per Olov Enquist
Übersetzung: Wolfgang Butt
Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-24330-9
Umfang: 224 Seiten, gebunden

Am Anfang steht ein dem Erzähler zugesandter Notizblock, der sich als derjenige des längst verstorbenen Vaters entpuppt, worin er seine Liebesgedichte an die Mutter niedergeschrieben hat. Diese warf den Block nach dem Tod des Vaters ins Feuer, weil sie nicht wollte, dass er dichtete, „weil dies Sünde war“. Nachdem sie die Sammlung von Liebesgedichten den Flammen – mit blossen Händen – wieder entrissen hat, ist der Block zwar in Mitleidenschaft gezogen, dennoch aber noch deutlich lesbar. Was den Erzähler jedoch nicht loslässt, sind neun Seiten, die fehlen, die herausgerissen wurden. Enquist vermutet einen Inhalt, der von der Mutter entweder persönlich aufbewahrt oder für immer vernichtet werden wollte. Auf jeden Fall aber glaubt er darin das Geheimnis der Liebe versteckt und für ihn so nicht mehr zugänglich. Enquist kapituliert indes auch davor, die Liebe verstehen zu können. „Aber wer wären wir, wenn wir es nicht versuchten.“

So kann der Roman nicht nur als Versuch gedeutet werden, Liebe zu finden, sondern auch als Versuch, darüber zu schreiben. Die rätselhafte Frau, die im ersten Abschnitt der Geschichte ohne Nennung eines Namens eingeführt wird, erweist sich erst nach und nach als diejenige Frau, die den Erzähler als 15-Jährigen in die körperliche Welt der Liebe einführt. Dieses für ihn erste sexuelle Erlebnis mit der 51-jährigen Frau „auf dem astfreien Kiefernholzboden“ ist einer der wenigen Szenen im Roman, die von der sonst fast durchgängig vorhandenen Schwermut befreit ist und beinahe komisch anmutet. Zwischen den Beinen dieser Frau ist dann auch der Ort, an dem der Junge den Sinn des Lebens gefunden zu haben glaubt. Die Begegnungen zwischen ihm und dieser weitaus älteren Frau limitieren sich dann jedoch auf insgesamt drei Mal, möchte sie es aufgrund des von ihnen gebrochenen Tabus nicht zu mehr kommen lassen. Enquist kann sie jedoch nie vergessen.

Die nicht chronologisch erzählten Anekdoten, die den Roman bilden, erzählen neben Enquists Suche nach der Liebe von den Geschehnissen im Leben innerhalb seiner Familie, in der fast alle mit grösseren Problemen zu kämpfen haben. In all diesen Anekdoten scheint der Erzähler seine eigene Existenz fassen zu wollen, was sich ebenfalls in seiner Sprache widerspiegelt. Ausrufe, Ellipsen, Wiederholungen und stockende Sätze sind in jedem der neun Gleichnisse zu finden, und machen einem das Lesen manchmal nicht einfach. Dennoch lohnt es sich, durchzuhalten.

Enquist schafft es, einige wichtige Momente seines Lebens zu skizzieren, auch wenn man die Einzelteile im Laufe des Romans fast selbst zusammensetzen muss. Er zeichnet Figuren, mit denen man sympathisiert und denen man selbst im eigenen Leben auch begegnen könnte. So beispielsweise die Tante, die nach einem Leben als Gläubige irgendwann dem Erlöser abschwört, „weil er sich nicht um mich kümmert“. Nachvollziehbar scheint auch die lebenslange Suche nach dem Wesen der Liebe. Dennoch muss Enquist am Ende vor diesem Vorhaben kapitulieren, genauso wie Sibelius, der seine achte Sinfonie – die ebenfalls die Natur der Liebe erklären sollte –  nie beenden und der Welt präsentieren konnte.

Was Per Olov Enquist uns jedoch präsentieren konnte, ist ein Werk voller persönlicher Anekdoten, die ein schwieriges Leben darstellen und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, faszinieren können. Es ist inhaltlich und auch sprachlich komplex, überrascht aber immer wieder mit unerwarteten Sätzen und witzigen Momenten. Den von der Nichte der schliesslich verstorbenen Frau auf dem astfreien Kiefernholzboden geforderten Liebesroman wird nicht jeder Leser in diesem Buch finden. Das Wesen der Liebe muss wohl jeder immer noch selbst suchen.

Rezension und Kommentar: Marilyn Yalom – Wie die Franzosen die Liebe erfanden (Graf, 2013)

Frankreichs Staatspräsident François Hollande, sein Moped, sein croissantliefernder Leibwächter und seine angebliche Geliebte, die Schauspielerin Julie Gayet, sind gerade in aller Munde. In ihrem Buch “Wie die Franzosen die Liebe erfanden” erzählt die amerikanische Genderforscherin und Literaturwissenschaftlerin Marilyn Yalom, wie Politik und Liebe in Frankreich schon immer in engem Zusammenhang standen. Und nicht nur das. Ein wertvoller Beitrag zur Literatur- und Mentalitätsgeschichte des Landes.

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Titel: Wie die Franzosen die Liebe erfanden
Autorin: Marilyn Yalom
Übersetzung: Michaela Messner
Verlag: Graf (Ullstein)
ISBN: 978-3-86220-038-2
Umfang: 448 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

In sechzehn übersichtlichen Kapiteln erarbeitet Yalom die Spielarten der französischen Liebe, vom Urmythos der französischen Liebenden – Abaelard und Héloise, 12. Jh. – bis zur (scheinbaren) pornografischen Ernüchterung des 21. Jahrhunderts. Als Quellen dienen ihr dabei die Werke der französischen Literatur wie auch die Lebensgeschichten von deren Autorinnen und Autoren. In einem freundschaftlichen Tonfall erzählt sie, hin und her pendelnd zwischen anekdotischem Plauderton und wissenschaftlicher Eloquenz: der Grundstein einer unterhaltsamen und lehrreichen Lektüre.

Dadurch, dass profunde Sachkenntnisse in einfache Sätze gefasst wiedergegeben werden, ist eine (literatur)wissenschaftliche Vorbildung nicht nötig, um diesen Text geniessen zu können. Die Liebe geht alle an, nicht nur die Literaturwissenschaften. Wenn auch, und dies ist eine der zentralen Erkenntnisse des Buchs, in Frankreich die Liebe schon immer “ein emotionales und verbales Ringen, eine Vereinigung von Herz und Verstand” war.  So  ergibt es sich, dass einerseits die französische Literatur ein besonders umfangreiches Vokabular und eine besonders grosse Anzahl an der Liebe gewidmeten Werken hervorgebracht hat; andererseits hat die wichtige Rolle, die diese Literatur (v.a. der Roman) in Frankreich lange Zeit spielte, Menschen hervorgebracht, die sich die tragisch-romantischen Geschichten zum Vorbild nahmen, die ein “romaneskes” Leben führen wollten (z.B. die in Kapitel 5 beschriebene Julie de Lespinasse, 18. Jh.)

Mit Verve schreibt sich Yalom durch die Jahrhunderte, lässt keine bedeutende Entwicklung und keinen grossen Namen aus, erzählt von mittelalterlicher Minne über Galanterie (Die Prinzessin von Clèves”), Libertinage und Empfindsamkeit (Laclos & Rousseau), Romantik (Sand) und Antiromantik (Flaubert) bis zu homosexueller Liebe (Rimbaud, Gide, Colette) und pornografischen Tendenzen der Gegenwart. Die Autorin macht dabei keinen Hehl aus ihren Vorlieben: so verkündet sie mit Stolz, “Proustianerin” zu sein; Michel Houellebecqs “nihilistischen Darstellungen unliebenswerter Individuen” vermag sie nicht zu folgen. Solche Einschätzungen wirken bisweilen befremdlich, doch es sind kleine Irritation in einer durchgehend angenehmen und gut informierten Lektüre.

Wertung: 8 / 10

II. Hat die Liebe keinen emotionalen Wert mehr?

“Heute scheinen wir in einer Zeit zu leben, in der die körperlichen Aspekte der Liebe ihren eigentlichen emotionalen Wert auslöschen”, schreibt Yalom im Epilog. Weiter heisst es, die Liebe im 21. Jahrhundert gehe heutzutage oft den Weg von Sex zu viel Sex und dann vielleicht zum gegenseitigen Lieben. In der Literatur spiegelt sich diese Entwicklung beispielsweise in den Romanen von Michel Houellebecq (“Elementarteilchen”, “Plattform”), die sich mit wenig erotischen Spielarten der Liebe, etwa Sextourismus, auseinandersetzen.

Und auch ausserhalb von Frankreich scheint die Liebe als mit voller Hingebung zelebrierte Lebensform an Stellenwert eingebüsst zu haben. Schaut man auf eines der Medien mit der grössten Publikumsreichweite – den Hollywood-Film -, so findet man gegenwärtig keine sich vollends der Liebe widmenden Titel. Unseres ist ein unromantisches Jahrhundert (oder zumindest Jahrzehnt), so scheint es.

 

Deswegen aber der Liebe ihren emotionalen Wert absprechen zu wollen, das ginge zu weit, wie auch Marilyn Yalom ganz zum Schluss ihres Epilogs eingestehen muss. Vielleicht befinden wir uns in einer Phase der Gegenromantik, wie schon zu Madame Bovarys Zeiten, vielleicht ist das Vor-Liebe-Verglühen gerade nicht zeitgemäss. Ist dies schlimm? Nein, es ist der Geist einer Zeit, wie man so schön zu sagen pflegt. Zumal man sich die Frage stellen könnte, ob denn ein Pornofilmchen wirklich verwerflicher sei, als das über Jahrhunderte hinweg dominante Motiv französischer Liebesliteratur: der Ehebruch? Während letzterer als “Topos” Akzeptanz erfährt, ist Pornografie als Phänomen der unmittelbaren Gegenwart noch Zielscheibe vehementer Kritik. Aber  wer weiss, vielleicht werden schon in Kürze Literaturwissenschaftler die Pornografie als Gegendiskurs zur Romantik zelebrieren…