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Aufruf zum Widerstand: Ignazio Silone – Wein und Brot (1936/1955)

Ignazio Silones Roman “Wein und Brot” darf zweifellos zu den wichtigsten literarischen Dokumenten gezählt werden, die während des Zweiten Weltkriegs von Autoren im Schweizer Exil verfasst wurden. Der Text ist Überbringer einer mal mehr mal weniger durch das Kostüm des Abenteuerromans verschleierten moralisch-politischen Botschaft; ein von berückenden Landschaftsbildern gerahmter Aufruf zum Widerstand.

Zum Autor: Ignazio Silone kam am 1. Mai 1900 im kleinen Ort Pescina in den Abruzzen als Secondino Tranquilli zur Welt. Das Erdbeben von Avezzano am 13. Januar 1915 zerstörte seine Familie: lediglich er und sein kleiner Bruder Romolo überlebten, Mutter und fünf Geschwister kamen ums Leben. Zwei Jahre später traf er eine folgenreiche politische Entscheidung: er trat der sozialistischen Jugend bei. 1921 war er an der Gründung der kommunistischen Partei Italiens beteiligt. Noch im selben Jahr bereiste er erstmals Moskau; 1927 war er an der Kominternsitzung beteiligt, an der die Liquidierung Trotzkis beschlossen wurde. “Einstimmig”, wie es später hiess, obschon Silone – als Einziger – Einwände gehabt hatte. So geriet er erstmals auf Konfrontationskurs mit der Partei. Und genauso wie Ignazio Silone, der in einem Priesterseminar erzogen worden war, sich einst von der Kirche abgewandt hatte, wandte er sich nun von der Partei ab – er konnte seine Ansichten nicht mehr mit den Widersprüchen der kommunistischen Doktrin vereinbaren.

In den frühen Dreissigerjahren wurde Silone zu einer prominenten Figur in den Zürcher Emigrantenkreisen. Er war in die Schweiz gelangt als von Mussolinis Häschern, auf faschistischen Fahndungslisten geführter und gleichsam als von der kommunistischen Partei exkommunizierter Flüchtling. Später, nach seiner Rückkehr ins befreite Rom 1944 und seiner endgültigen Abwendung von jeder Form institutioneller Politik, wird er sich als “Sozialisten ohne Partei und Christ ohne Kirche” bezeichnen.

Während der Zeit der faschistischen Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs verblieb Silone in der Schweiz, wo unter dem Eindruck der faschistischen Besetzung Abessiniens und der von Stalin inszenierten Moskauer Prozesse 1936 der Roman “Brot und Wein” entstand, der 1955 vom Autor nochmals überarbeitet und in der neuen Fassung unter dem Titel “Wein und Brot” wiederveröffentlicht wurde. Wie Silone im Nachwort der überarbeiteten Ausgabe schreibt, war es einerseits die Scham für die Kriegsbegeisterung vieler Italiener, die Gleichgültigkeit der grossen Mehrheit der Bevölkerung und die Ohnmacht der Antifaschisten, andererseits “das Entsetzen und der Ekel darüber, dass ich in meiner Jugend einem Revolutionsideal gedient hatte, dass in seiner stalinistischen Form nichts anderes war als – so schrieb ich damals – “roter Faschismus.””, die ihm als Antrieb beim Verfassen von “Brot und Wein” dienten.

In anderen im Zürcher Exil entstandenen Schriften fand er ungleich härtere Worte. In “Die Schule der Diktatoren” (1938) etwa heisst es: “Die wissenschaftlich genaueste Definition des Faschismus ist vielleicht diese: der Faschismus ist die Margarine des Geisteslebens. In einer Epoche von so ausgesprochener geistigen Verblödung, wie der unseren, ersetzt der Faschismus die Wahrhaftigkeit des Denkens, die traditionelle Religion, die authentische Kunst, die Gewissensfreiheit.” (Zitat in Werner Mittenzwei: Exil in der Schweiz, 1978).

Der Schriftsteller R.J. Humm, in dessen Salon Silone Stammgast war schrieb über Silone: “Er war immer von Kopf bis Fuss ein Römer, oder viel mehr ein Samnite, der ein Römer geblieben war, während die anderen Römer Hampelmänner geworden.” (R.J. Humm: Bei uns im Rabenhaus)

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Der Roman “Wein und Brot” – ich beziehe mich auf di Überarbeitung von 1955 – trägt deutlich autobiographische Züge. Im Mittelpunkt der Handlung steht der junge sozialistische Revolutionär Pietro Spina, der vor Mussolinis Schergen ins Ausland flüchten musste, dort aber nicht leben konnte und in einem Nacht-und-Nebel-Unterfangen wieder in die feindliche Heimat zurückkehrt. Ehemalige Freunde helfen ihm, sich zu verstecken. Spina schlüpft in die Identität des Priesters Don Paolo – gerade er, der mit der Kirche gebrochen hat – und versteckt sich im abgelegenen, von Naturkatastrophen geplagten Bergdorf Pietrasecca in den Abruzzen. Zur Untätigkeit verdammt und geplagt von einer schweren Lungenkrankheit (auch dies autobiographisch), nähert sich der Revolutionär Spina, im Kostüm des Pfarrers, einer gottesfürchtigen Dorfbevölkerung.

Deren Kern bilden die cafoni, die armen Bauern, von denen Spina zunächst aber, weil ihn seine Krankheit ans Bett fesselt, nicht viel mitbekommt. Es sind die Frauen, die er zuerst kennenlernt: seine Gastgeberin, die Wirtin Malatenta, die bald eine gefährliche Obsession für “ihren” Priester entwickelt und ihn mithilfe einer umtriebigen Kräuterfrau quasi zum Verbleib im Dorf hexen will; Bianchina, ein Mädchen aus dem Nachbardorf, die fest davon überzeugt ist, Don Paolo sei ein Heiliger, der ihr das Leben gerettet habe; Cristina, die unschuldige Tochter des ehemaligen reichsten Mannes im Dorfe, dessen Existenz nun jedoch gefährdet ist.

Im Nachwort zur überarbeiteten Ausgabe schreibt Ignazio Silone: “Was schliesslich den Stil betrifft, so erscheint es mir als höchste Weisheit, beim Erzählen einfach zu sein.” Es ist diese einfache Sprache – stilistisch wird Silone oft dem Neorealismus zugeordnet – , die die Menschen und Gedanken des Dorfes Pietrasecca lebhaft werden lässt. Eindrücklich sind manche Passagen, in denen sich die Dialoge zwischen dem im Priestergewand gefangenen Spina – Lebensmotto: “Man darf nicht in Erwartung leben. […] Man muss handeln. Man muss sagen: Genug. Ab heute.” – und den resignierten, abgearbeiteten Bauern entspinnen, deren Kernsatz lautet: “Die Dinge nehmen ihren Lauf. […] Wie das Wasser des Flusses. Es nützt nichts, dass man sie versteht.”

Silone lässt seine politische Botschaft, die Aufforderung zum Widerstand, unmissverständlich und nicht zu knapp in den Text einfliessen. Aus einer literarischen Perspektive mag das bisweilen als etwas “zu viel des Guten” erscheinen, als stilistische Unsauberkeit, inhaltlich jedoch ergibt es Sinn: die häufigen Nachfragen, die unablässigen Bemühungen, mit allen irgendwie verfügbaren Mitteln den Kampf wieder aufzunehmen, die Rastlosigkeit – es sind alles Weckrufe gegen die Lethargie derer, die das Denken eingestellt haben oder es sich vermeintlich nicht leisten können; es sind Fanale für den Widerstand in bedrängter Zeit.

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Grosse Teile des Werks von Ignazio Silone sind auf Deutsch bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Eine weitere Blog-Rezension des Romans findet sich auf Sätze & Schätze (2014).

 

 

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Rezension: Roberta DeFalco – Die trüben Wasser von Triest (Pendo 2014)

triestCommissario Benussis Gedanken sind längst nicht mehr wirklich bei seinen Fällen. Am liebsten würde er jetzt schon an seinem Kriminalroman schreiben, für den er fleissig Material sammelt und der als Projekt nach seiner Pensionierung gedacht ist. Beschäftigt er sich nicht mit seinen Autorplänen, kreisen seine Gedanken um sein Gewicht oder vielmehr um die Versuche, an solchem zu verlieren. Seine neueste Taktik: die Dukan-Diät, deren Besonderheiten für einige lustige Szenen sorgen. Und Commissario Benussi tut sich wie erwartet schwer daran und reagiert auf Unterzuckerung gerne mal schroff. Aber versuchen Sie mal, in Italien auf Kohlenhydrate zu verzichten!

Paart man Diät-Enttäuschungen mit einem Mordfall, ist Stress vorprogrammiert. Und so hat auch Commissario Benussi in Roberta DeFalcos Krimi zu leiden: Im Triester Hafenbecken schwimmt an einem Morgen die Leiche einer alten, jüdischen Dame. Benussis Versuch, den Vorfall rasch als Unfall oder Selbstmord abzustempeln – schliesslich war das Opfer wirklich alt –, wird von seinen zwei jüngeren Kollegen abgeschmettert. Die Inspektoren Elettra Morin und Valerio Gargiulo entdecken zu viele Ungereimtheiten im Fall der verstorbenen Ursula Cohen und vermuten einen Mord. Mögliche Täter gibt es einige: Die Ermittlungen der drei Inspektoren zeigen, dass eigentlich fast jede Person, die mit der verstorbenen Ursula Cohen zu tun hatte, einen mehr oder minder grossen Groll gegen sie hegt. Umgänglichkeit war nämlich keineswegs eine ihr eigene Charakterstärke. Für den Verlauf des Buches heisst das also: je mehr Personen, desto mehr Verdächtige.

Roberta deFalco beginnt ihre Geschichte – mal abgesehen vom Mordfall – eher gemächlich. Allein schon die Einführung aller Personen mit ihren je individuellen Geschichten braucht ihre Zeit. Aber auch die Besonderheiten des Schauplatzes Triest kommen nicht zu kurz. Interessant gestaltet DeFalco die erste Begegnung des Lesers mit Triest: Mit den Augen eines Joggers sehen wir die Topographie der italienischen Hafenstadt und erfahren dank ihm auch vom Tod Ursula Cohens. Er nämlich entdeckt ihre schwimmende Leiche im Hafenbecken. Verständlich, dass er diese unerwartete Wendung während seines Morgenrituals erstmal verdauen muss!

So gemächlich der Anfang auch ist, je weiter die Geschichte fortschreitet, desto mehr verstrickt sich die ganze Ermittlung, das Tempo zieht an und Ursula Cohen bleibt nicht das einzige Opfer, nur so viel sei an dieser Stelle verraten…

Was Roberta DeFalcos Krimi wirklich ausmacht, ist nicht die mit der Zeit relativ komplizierte Geschichte um Ursula Cohens ältere und jüngere Vergangenheit, sondern besonders die ermittelnden Protagonisten. Jeder hat seine persönliche Geschichte, die immer wieder ins Hauptgeschehen eingebettet wird und den Betroffenen bisweilen die Gegenwart erschwert. Des Weiteren bietet auch die aufkeimende romantische Beziehung zwischen den beiden jungen Inspektoren teilweise sehr prekäre und spannende Momente. Allen voran ist aber Commissario Benussi das Herzstück des Romans: seine Schrulligkeit und das Unvermögen, sich zur gleichen Zeit sowohl mit seiner Familie als auch seinen Arbeitskollegen abzumühen, machten ihn für mich zum Liebling unter den Charakteren. Wie seine persönliche Geschichte ins gesamte Geschehen passt, kann ich hier natürlich nicht verraten, es lohnt sich aber, bis am Ende dranzubleiben.

De Falco, Roberta. Die trüben Wasser von Triest. Aus dem Italienischen von Luis Ruby. München: Pendo 2014. 336 S., Klappenbroschur. 978-3-86612-379-3

Rezension: Diego Marani – Neue finnische Grammatik (Graf 2014 [2000])

Erstmals liegt Diego Maranis preisgekrönter Roman “Nuova grammatica finlandese” (2000) in einer deutschen Fassung vor. Erzählt wird die Odyssee eines Soldaten im Zweiten Weltkrieg, der nach einem Überfall ohne Erinnerung und ohne Sprache aus dem Koma erwacht und von einem finnischen Arzt auf die Reise in seine angebliche Heimat geschickt wird…

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Triest 1943: Ein Mann mit schweren Kopfverletzungen wird an Bord des Lazarettschiffes “Tübingen” gebracht und der Pflege des finnischstämmigen Arztes Petri Friari anvertraut. Der Patient trägt eine Uniform mit der Aufschrift “Sampo Karjalainen”, in der Jackentasche findet sich ein Taschentuch mit den Initialen S.K. Für den Arzt, den selbst ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Heimat quält, Indizien genug, ‘Sampo’ für einen Landsmann zu halten.

Als der Doktor bemerkt, dass dem traumatisierten Patienten jegliche Erinnerungen und die Sprache abhanden gekommen sind, beginnt er, ihm die finnische Sprache beizubringen. Er hegt und pflegt den Patienten wie ein seltenes Tier, das in der Wildnis ausgesetzt werden soll. Kurz darauf bringt er den hilflosen Sampo auf die Reise nach Helsinki, wo er in einem Militärhospital unterkommen soll bis sich ihm die Spuren seiner Vergangenheit wieder offenbart hätten.

Erzählt wird die Geschichte zu grossen Teilen von einem Manuskript des ‘Sampo Karjalainen’, welches dem reuigen Arzt Petri Friari nach dem Tod seines ehemaligen Patienten in die Hände fiel. Der Arzt selbst, so die Fiktion, hat die lückenhaften Sätze verdichtet und unterbricht das Manuskript bisweilen mit Passagen aus der eigenen Feder.

Im Militärhospital in Helsinki angekommen wird Sampo schnell klar, dass die Wirren des Krieges den Angestellten weder die Zeit noch die Lust lassen, sich um einen identitätslosen Mann auf der Suche nach seiner eigenen Vergangenheit zu kümmern. Nur der Militärpastor Olof Koskela nimmt sich seiner an, er wird zu Sampos einzigem Freund. Abend für Abend sitzen sie bei einer Flasche Koskenkorva in der Sakristei beisammen und Koskela erzählt Sampo von den Feinheiten und Tiefen der finnischen Sprache und ihrer Geschichte. Er liest die Geschichten der Kalevala, berichtet vom “endlosen Kampf gegen die Russen” und von Marschall Mannerheim, dem Helden des weissen Finnlands im Bürgerkrieg 1918, dessen Worte für ihn “gleich nach denen der Bibel” kommen. Vor allem aber spricht er über die finnische Sprache- poetisch, einfühlsam und voller Liebe:

“Das Finnische hat eine widerborstige, aber feinfühlige Syntax: Anstatt vom Zentrum der Dinge auszugehen, hüllt sie diese vielmehr von aussen ein. Am Ende ist der finnische Satz ja wie ein undurchdringlicher, in sich geschlossener Kokon, wo die Bedeutung langsam heranreift und dann mit einem Mal farbenreich und ungreifbar davonfliegt und dabei jene, welche mit unserer Sprache nicht vertraut sind, immer mit dem Gefühl zurücklässt, nichts verstanden zu haben.”

Sampo beginnt zu verstehen – ohne aber zu wissen, wer er ist, hilft ihm auch das Verständnis der Sprache nicht viel. Er ist unglücklich, fühlt sich nicht zugehörig. Neben Pastor Koskela ist es einzig die zärtliche Krankenschwester Ilma, mit der ihn etwas verbindet. Im Gegensatz zu Sampo fehlt es ihr an der Gegenwart, sie klammert sich an ihre Erinnerungen, ist deren Gefangener und sieht in Sampo einen Mann, dem die Freiheit geschenkt wurde.

“Ohne einen anderen Menschen an unserer Seite, der uns beim Leben zuschaut, sind wir so gut wie tot, und dann dient es auch zu nichts, die Vergangeheit zu plündern, in der Illusion, ihr ihre Schätze entreissen zu können.”

Der Krieg reisst Sampo und Ilma schnell wieder auseinander – ein weiterer Schritt in Sampos Geschichte der Abwesenheiten. Danach gefragt, welcher der fünfzehn Fälle des Finnischen ihm am besten gefalle, sagt er: der Abessiv, der Fall, der das Nicht-Vorhandensein von etwas bezeichnet. Eine Aussage, die programmatisch ist für die gesamte Odyssee des Sampo Karjalainen…

“Das Schicksal der finnischen Helden (…) ist brutal. Aus grossen Kriegern macht es einfache Schäfer, die ihre Strafe bis zum letzten Tag abbüssen müssen.”

 

Diego Marani (*1959) ist mit “Neue finnische Grammatik” ein berührender Roman gelungen, dessen Geschichte trotz ihrer Einfachheit stets fesselnd bleibt. Bisweilen wirkt die Sprache etwas poetisch überfrachtet, was jedoch keinesfalls als Mangel des Stils abgetan werden sollte, sondern sich aus den Quellen ergibt, aus denen Sampo seine Sprache schöpft: die Bibel, Mythen, Liebesbriefe. Marani, der als Übersetzer für die Europäische Kommission in Brüssel arbeitet, ist einer, der die Finessen der Sprache kennt, sie zu sezieren und mit ihnen zu spielen weiss. Vor einiger Zeit erlangte er gar kleine Berühmtheit damit, eine Kunstsprache zur europäischen Verständigung – Europanto – entwickelt zu haben. Obschon er diese als Scherz bezeichnet hat, hat er auch eine Erzählungssammlung in Europanto verfasst (“Las adventures de l’inspector Cabillot”). Die Liebe zur Sprache ist auch in “Neue finnische Grammatik” als erster Beweggrund in jeder Zeile spürbar und verleiht dem Text einen Reiz, der über die eigentliche Geschichte des geschichtslosen Soldaten hinausgeht.  Eine souverän erzählte, berührende Geschichte, die zurücklässt: Ergriffenheit, Respekt und den Wunsch, finnisch zu lernen. 

Marani, Diego. Neue finnische Grammatik. Aus dem Italienischen von Helmut Moysich. Berlin: Graf 2014. 256 S., ISBN 978-3-86220-041-2

Rezension: Stefano Benni – Von allen Reichtümern (Wagenbach, 2014)

In seinem bislang letzten Roman “Von allen Reichtümern” (Original:  2012) erzählt der italienische Bestsellerautor Stefano Benni (*1947) die Geschichte eines einsamen pensionierten Literaturprofessors auf den Spuren eines mysteriösen toten Dichters und der grossen Liebe. Eine gelungene Kombination aus Gesellschaftssatire, Künstlerroman und herzergreifendem Liebesmärchen.

“Von allen Reichtümern, die ich gesehen habe
Möchte ich nur eines wirklich
Deine Augen aus Himmelswasser.”

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Titel: Von allen Reichtümern
Original: Di tutte le ricchezze (Feltrinelli 2012)
Autor: Stefano Benni
Übersetzung: Mirjam Bitter
Verlag: Klaus Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-3255-0
Umfang: 224 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Die titelgebenden Verse des Romans stammen aus der Feder seines heimlichen Protagonisten Domenico Rispoli, genannt der Catena. Er war ein geistig kranker Dichter, der angeblich Selbstmord begangen haben soll. Der offensichtliche Protagonist und (meist) Erzähler des Romans ist Martin, ein pensionierter Literaturprofessor und Exeget des Catena, der die anerkannte Version von dessen Tod in Zweifel zieht. Er lebt mit seinem Hund Ombra in einem abgelegenen Haus am Waldesrand, hat es sich mit einer gewissen Selbstironie in seiner Einsamkeit bequem gemacht, spricht mit dem Hund und den Tieren des Waldes, schreibt von Zeit zu Zeit an einem Band über komische Lyrik und wartet sehnsüchtig auf Anrufe seines Sohnes Umberto, der in den USA lebt.

Als in eines der wenigen nähergelegenen Häuser das junge Künstlerpaar Aldo und Michelle zieht, gerät Martins Welt des resignierten Älterwerdens aus den Fugen. Aldo erinnert ihn an sich selbst in den Jahren der Jugend: impulsiv, zerrissen, im Kampf um künstlerische Anerkennung. Michelle wiederum weckt in Martin schmerzhafte Erinnerungen an eine grosse Liebe, deren Ende er nie verarbeitet hat, weil er mit dem “Verbrechen, sie alleinzulassen” nicht klarkommen kann.

Trost und Weisheit in den Versen des Catena und eigenen Gedichten suchend, die häufig Kapitelanfänge zieren, vermag sich der weise Alte doch nicht zu retten vor dem, was mit dem ersten Besuch von Aldo und Michelle in Gang gesetzt wurde. Die Künstler suchen Unterstützung und Rat beim namhaften Literaturprofessor, der wiederum stürzt Hals über Kopf in einen Strudel der Gefühle, die er glaubte hinter sich gelassen zu haben.

“Meine Einsamkeit ist würdevoll, ich begegne ihr erhobenen Hauptes, doch wenn ich ihr ins Gesicht sehe, verlacht sie mich, verletzt mich, lässt all die Einsamkeiten der Vergangenheit zurückkehren. So ist es: Jede Einsamkeit trägt alle erlebten Einsamkeiten in sich.”

Der langen Rede kurzer Sinn: Martin verliebt sich Hals über Kopf in Michelle. Deren Beziehung zu Aldo zerbricht, mit einem wertvollen Geschenk aus den Händen Martins macht sich der erfolglose Künstler auf den Weg zurück in die Stadt – und Martin kann mit Michelle endlich die Zweisamkeit geniessen, die er sich gewünscht hat, von der er aber auch weiss, dass sie nicht anhalten wird.

Im nahegelegenen Dorf findet ein grosses Volksfest statt, das “Fest des unentschlossenen Kavaliers”, zu dem sich der alte Literaturprofessor und die junge (dreissigjährige) Künstlerin gemeinsam begeben. Die Seiten, die dieses Fest beschreiben, weisen Stefano Benni als einen wahrlich meisterhaften Erzähler aus: wie bissige Gesellschaftssatire, Mythen des Dorfes und die zu Herzen gehende Liebesgeschichte zu einem vielstimmigen, harmonischen Ganzen verwebt werden, ist hervorragend.

Benni, den man versucht ist in seiner Hauptfigur Martin wiederzuerkennen, pflegt einen fantasievollen, stets humorvollen, empathischen Stil, der durchwirkt ist von vielen Anlehnungen an Literatur und Musik. Die Perspektiven sind flexibel: mal erzählt der Professor aus der Ich-Perspektive, mal erlebt man das Geschehen anhand längerer Wortmeldungen verschiedener Beteiligter, mal mischt sich eine Erzählstimme in dritter Person ein. Es ist nicht zuletzt diese Flexibilität, die das Buch auch formal zu einem abwechslungsreichen Erlebnis macht. Was den Inhalt betrifft, so ist die Vielfalt aufgrund der verschiedenen Themen und Geschichtsstränge ebenfalls gegeben. Zur zentralen Liebesgeschichte zwischen Martin und Michelle gesellen sich viele, nichtsdestoweniger detailreich gearbeitete Randgeschichten, etwa die Fehde zwischen Martin und seinem alten Professorenwidersacher Remorus oder die Begegnung Martins mit der für verrückt gehaltenen Alten Berenice (“Sie war keine Hexe. Sie war nur eine Alte, die an der Einsamkeit litt, wie ich.”)

“Von allen Reichtümern” ist ein grossartiger Roman, dessen Mittelpunkt die emotionale Wiedergeburt des Literaturprofessors Martin bildet: zu Beginn ein ermatteter, zurückgezogener Pensionär, erfährt er nach und nach eine Auferstehung, die ihn dazu bringt, die Herausforderungen des Lebens und der Liebe wieder anzunehmen. Seine abschliessenden Gedanken sind von hoffnungsvoller, erbauender Kraft.

 

Rezension: Susanna Tamaro – Ein jeder Engel ist schrecklich (Piper, 2014)

Die italienische Bestsellerautorin und Dokumentarfilmerin Susanna Tamaro erzählt in ihrem jüngsten Buch “Ein jeder Engel ist schrecklich” Geschichten aus ihrer Kindheit und Jugend. Wie auch in ihren Romanen ist sie darum bemüht, Werte wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu vermitteln. Es sind Werte, die sie selbst – glaubt man ihren Erzählungen – als Kind kaum erfahren durfte.

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Titel: Ein jeder Engel ist schrecklich
Original: Ogni angelo è tremendo”
Autorin: Susanna Tamaro
Übersetzung: Barbara Kleiner
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05609-0
Umfang: 304 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Im Juni 1995 besprach der Spiegel Tamaros literarischen Durchbruch, den Briefroman “Geh, wohin dein Herz dich trägt”.  In der Besprechung heisst es über Susanna Tamaro (*1957), sie wolle bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahr noch schreiben, dann aber aufhören, denn sie “möchte noch etwas leben.” – Nicht weniger als zehn Romane, Kinderbücher und autobiographische Texte sind seit ihrem vierzigsten Lebensjahr von ihr erschienen. In deutscher Sprache erschien zuletzt “Ein jeder Engel ist schrecklich” (italienisch 2013), das sich in die Reihe der Autobiographien fügt: erzählt wird vornehmlich aus der Kindheit und Jugend der Autorin, wobei auch Reflexionen zur Sprache und zum Schreiben Eingang in die Geschichten finden.

Beginnen wir mit dem Biographischen: geboren wurde Tamaro im windigen Triest in der Nachkriegszeit als Tochter zweier Eltern, die sie und ihren Bruder nicht liebten. Die Mutter ist mehr “Dompteur” denn liebevolle Erzieherin, der Vater ein gefühlloser Mann, überzeugter Darwinist, der an das Überleben des Stärksten glaubt und es nicht als seine Aufgabe ansieht, sich um die Kinder zu kümmern. Das “Gen des Frosts” wird ihr mit auf den Weg gegeben, jedoch entwickelt sie sich nicht zur Person von “anmassender Autorität, mit dem Wahnsinn des Darwin’schen Credos”, sondern beschreibt sich als Person mit einer “unschuldigen Seele, fern der täglichen Bosheit der Welt”.

Susannas Kindheit ist geprägt von zerstörten Illusionen, sie weint oft, zieht sich schliesslich in eine geradezu spirituelle Gleichgültigkeit gegenüber allem und jedem zurück:

“Ich hatte keine Wünsche, ich hing an nichts. Etwas zu fühlen, sich zu binden, bedeutete nur eine unendliche Serie von Leiden.”

Die Mutter sagt: “Schon von Geburt an hast du anders geweint als alle anderen Kinder” – und nimmt dies später, als sie schon nicht mehr mit Susannas Vater, sondern mit einem gewalttätigen, die Kinder hassenden Mann zusammen ist – als Argument, ihre Tochter zu einem Psychiater zu schicken, in einem Heim unterbringen zu lassen. Susanna sucht nach einer Instanz, die Ordnung in ihr turbulentes Dasein bringen kann, das Chaos zu bannen vermag. Auf dieser Suche gelangt sie zu den Naturwissenschaften, die sie auch als “tiefste Wurzel meines Schreibens” bezeichnet, und zur Sprache, genauer: zu den Namen.

“Während des Grossteils meiner Bildungsjahre streifte mich nicht einmal von ferne die Idee, dass Schreiben oder irgendeine Form der Kunst etwas mit mir zu tun hätten. Meine Leidenschaft lag woanders, beim Erlernen der Namen für jede Form des Lebendigen. Meine Leidenschaft lag darin, die Beziehungen der Namen untereinander zu entdecken. Für mich genügte es – und genügt es heute noch – auf einem Spaziergang eine Pflanze, eine Blume oder ein Insekt zu sehen, deren Namen ich nicht kenne, um in einen Zustand der Unruhe zu verfallen. Eine Unruhe, die erst vergeht, wenn ich den Namen ausfindig machen kann.”

In der Liebe zu den Naturwissenschaften spiegelt sich eine “Hingabe zur Wirklichkeit”, die zu ihrem Leitsatz wird. Tatsächlich fühlt sie, die selbst nach dem Entschluss Geschichten erzählen zu wollen, dies zunächst in Form von Naturfilmen tat, eine starke Abneigung gegen die Vorstellung eines Daseins als Schriftstellerin oder Übersetzerin:

“Etwas Schädlicheres konnte ich mir für meine Gesundheit nicht vorstellen! Mein ganzes Leben war geprägt von einer ausserordentlichen physischen Unruhe, mein Kopf stand ständig unter Strom und machte es mir unmöglich, die Unbeweglichkeit der intellektuellen Arbeit als erstrebenswert anzusehen. Mich im Freien zu bewegen, hat meinen Gedanken stets Sauerstoff und Festigkeit gegeben.”

“Ein jeder Engel ist schrecklich” erzählt auch die Geschichte davon, wie Susanna Tamaro trotzdem zum Schreiben gekommen ist, einer Tätigkeit, der sie mit der “Langsamkeit und (..) Sorgfalt des Entomologen” nachgeht. In erster Linie aber wird hier erzählt, wie ein junges höchst sensibles Mädchen einem zum grössten Teil lieblosen, unbarmherzigen Umfeld als liebender Mensch entstiegen ist, der stets den Punkt zu entdecken versucht, “an dem sich das Dunkel mysteriöserweise in Licht verwandelt.” Tamaro beschreibt diese Ereignisse in der klaren, einfachen Sprache, die auch ihre Romane auszeichnet. Sie erzählt mit Empathie und der nötigen Sensibilität, man glaubt ihr, was sie schreibt, so dass auch das engelsgleiche Bild, das sie bisweilen von sich selbst zeichnet, verzeihlich ist. Zumal ja im Titel  – einem Zitat aus Rilkes “Duineser Elegien” – schon angedeutet wird, dass auch Engel ihre Schrecklichkeit haben, genauer: dass das Schöne nur die gerade noch ertragbare Vorstufe des Schrecklichen ist…

Insgesamt präsentiert Tamaro mit “Ein jeder Engel ist schrecklich” ein intimes Werk von grosser erzählerischer Kraft, in dem diese grosse Autorin der italienischen Gegenwartsliteratur ihre eigenen, emotional oftmals grausamen Ursprünge detailreich und nachfühlbar erklärt.

Rezension: Stefano Piedimonte – Im Namen des Onkels (Dumont 2014)

Während ‘Nel nome dello Zio’ (2012) in Italien derart erfolgreich war, dass bereits eine Fortsetzung vorliegt, erschien Anfang März bei Dumont die deutsche Übersetzung des Debüts. Stefano Piedimonte verbindet in “Im Namen des Onkels” das klassische neapoletanische Mafia-Milieu mit einer grotesken (und traurigen) Geschichte aus dem heutigen jungen Italien. Spass, Spannung und Gesellschaftskritik kommen dabei gleichermassen zum Zug.

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Titel: Im Namen des Onkels
Original: Nel nome dello Zio (2012)
Autor: Stefano Piedimonte
Übersetzung: Maja Pflug, Friederike Hausmann
Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-9716-2
Umfang: 256 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Im Mittelpunkt des Buches steht einerseits Der Onkel, ein berüchtigter Camorraboss aus den Quartieri Spagnoli in Napoli. Er ist der unangefochtene Chef in seinem Viertel: unterstützt von seinen Schergen, den “fünf Monstern”, herrscht er aus dem Untergrund über die engen Gassen des Quartiers, ist Herr über eine ganze Flotte von Dealern, verteilt Schutzgelder, und so weiter. Nur eines lässt ihn alle Geschäfte und sogar Verabredungen mit mächtigen verfeindeten Mafiabossen vernachlässigen: Big Brother. Der Onkel verpasst keine einzige Folge der Reality-TV-Show – und wenn sein Leben in Gefahr ist.

Dann wird er verraten. Der entstellte Polizeikommissar “Woody Alien” hat Beweise gegen ihn in der Hand, will ihn festnehmen, doch dem Onkel gelingt die Flucht. Gemeinsam mit seiner Frau Gessica taucht er unter.

Die “fünf Monster” und “Peppino der Stinker”, ein weiterer treuer Ergebener, rekrutieren nun den jungen, armseligen und schlecht gebildeten Dealer Anthony, den sie ins Big-Brother-Haus schleusen wollen, wo er dem Onkel via TV-Bildschirm eine wichtige Botschaft überbringen soll. Der Clou gelingt: Anthony, dem mehr am richtigen Schnitt seiner Augenbrauen als an etwas anderem gelegen ist, wird aufgenommen. Seine Aufgabe: die Botschaft überbringen, sich abwählen lassen und schleunigst verschwinden. Aber…

Selbstverständlich kommt es anders – wie überhaupt fast alles in diesem Buch anders kommt, als es eigentlich beabsichtigt war. Der Unbill des Zufalls (Schicksals?) scheint die Protagonisten von mal zu mal heimzusuchen.

Piedimonte ist ein cleverer Erzähler: abwechslungsweise gibt es Kapitel über den Onkel, die fünf Monster, Woody Alien und Anthony. Die meisten der an der Geschichte beteiligten Protagonisten, laufen sich dabei nicht über den Weg, sondern spielen unabhängig voneinander ihre Rolle im grossen Ganzen dieser Mafiakomödie. Gerade Der Onkel und Anthony, die beiden zentralen Figuren, deren Geschichten einander so entscheidend beeinflussen, könnten sich ferner nicht sein. Der eine untergetaucht, abgeschottet von der Aussenwelt in einem Hotelzimmer – der andere ebenso abgeschottet, dabei aber stets für alle Welt sichtbar vor den Kameras des Big-Brother-Containers… Und doch ist da schliesslich Kommunikation zwischen ihnen: eine faszinierende Ausgangslage für eine Geschichte, die von Piedimonte ansprechend in Szene gesetzt wird.

“Im Namen des Onkels” ist eine vergnügliche, ereignisreiche Kriminalgeschichte mit ernsteren nachdenklichen Untertönen. Piedimonte kombiniert darin auf geschickte Art und Weise “klassische” italienische Motive mit in der Gegenwartsliteratur Italiens oft präsenten Themen wie Bildung, Armut, Kriminalität, mangelnde Zukunftsperspektiven oder Gleichgültigkeit.

Wie etwa Valentina D’Urbano oder Niccolo Ammaniti gehört Stefano Piedimonte, der selbst als Kriminalreporter (u.a. für Corriere della Sera) gearbeitet hat, zu den wichtigen kritischen Stimmen der italienischen Gegenwartsliteratur, die mit ihren Texten gesellschaftliche Missstände offenlegen. Im Gegensatz zur erwähnten Valentina D’Urbano wählt er dabei nicht den drastischen Weg des brutalen Realismus, sondern würzt seine Abrechnung mit jeder Menge Humor.

 

 

Rezension: Valentina D’Urbano – Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung (dtv, 2014)

Die junge italienische Autorin Valentina D’Urbano, geboren 1985, legt mit “Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung” (Original: “Il Rumore dei tuoi passi”, 2012) ein rücksichtsloses Drama vor, in dessen Mittelpunkt zwei Jugendliche stehen, deren Liebe zur falschen Zeit am falschen Ort ist – und in einer unabwendbaren Katastrophe mündet. Ein ergreifender Roman.

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Titel: Mit zwanzig hat man kein Kleid für eine Beerdigung
Original: Il Rumore dei tuoi passi (Longanesi 2012)
Autorin: Valentina D’Urbano
Übersetzung: Constanze Neumann
Verlag: dtv
ISBN: 978-3-423-24999-7
Umfang: 280 Seiten, Taschenbuch

“Wir waren am falschen Ort zur Welt gekommen, un wir kannten das Risiko, aber wir dachten immer, dass uns nicht passieren konnte”, heisst es an einer Stelle. Bea, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, und Alfredo leben in einem Stadtquartier namens “La Fortezza”, nicht einmal die Polizei traut sich hierher, solange die Bewohner drin bleiben, werden sie in Ruhe gelassen. Was hier passiert, wird immer auf den “Verfall” geschoben. Alles Leben ist hier der blosse Versuch zu über-leben.

Erzählt werden etwas mehr als zehn Jahre im Leben von Bea, Alfredo und ihrem nächsten Umfeld. Nach der ersten Szene – Alfredos Beerdigung 1987 – erfolgt die Rückblende ins Jahr 1976. Die beiden Protagonisten sind gerademal elf Jahre alt, im ganzen Viertel nennt man sie die “Zwillinge”. Schon da zeigt sich der zwiespältige Charakter ihrer zum Scheitern verdammten Liebe. Später wird Bea sagen: “Ich konnte diesen Alfredo nicht ausstehen. Und ich hatte ihn lieb, mehr als ich je gedacht hätte.” Unter diesen Vorzeichen entwickelt sich die Beziehung der “Zwillinge”, sie kleben aneinander, sind Tag und Nacht zusammen, streiten sich dabei ständig und nicht selten prügeln sie sich bis Blut fliesst.

Überhaupt ist das Umfeld von intensiver häuslicher Gewalt geprägt, was sich insbesondere im Vater von Alfredo und seinen Brüdern manifestiert, der im Dauersuff manchmal seine Söhne umzubringen versucht. Und niemand unternimmt etwas. Alfredo ist ein fatalistischer Charakter, er nimmt sein Schicksal kampflos hin. Bea, sein Gegenpol, ist anders, sie will raus aus dem verfluchten “La Fortezza”. Und eines Tages schafft sie es, für einige Wochen fährt sie in eine Ferienkolonie ans Meer.

Alfredo würde sich nie anständig benehmen. Er würde immer ein Tier bleiben und hatte auch nichts Besseres verdient. Ich nicht. Ich hatte die Wahl, ich konnte auch nett sein.

Als Bea nach einigen Wochen zurückkommt hat sich alles verändert. Alfredo trifft sich mit einem Mädchen, Paola, und Bea will mehr denn je weg aus dem schrecklichen Quartier, nach Bologna zu den Leuten, die sie in den Ferien kennengelernt hat. Doch etwas hält sie zurück: Alfredo. Er ist mehr als ein Freund, schliesslich sind sie die Zwillinge. Sie erträgt es nicht, ihn mit Paola zu sehen – und er erträgt es nicht, dass sie es nicht erträgt: er trennt sich von Paola.

Alfredo hatte sich wirklich in Paola verliebt. Aber ich war ein Teil von ihm, und der Überlebenstrieb ist stärker als die Liebe.

Mit dem Tag, an dem Alfredos grosser Bruder schliesslich keinen Ausweg mehr sieht und den grausamen Vater ermordet, beginnt erst der wirklich brutale Teil dieses Buches. Alfredo lebt nun allein – Eltern tot, grosser Bruder im Gefängnis, kleiner Bruder adoptiert – und verfällt dem Heroin. 

Eine lange, quälende Zeit beginnt, ein nervenaufreibendes Auf und Ab, eine Zeit der Fürsorge und der Manipulation, Bea braucht “die Geduld, jemanden lieben zu müssen, der einen quälte” und bringt sie auf – bis zum letzten Moment, bis klar ist, dass es von Anfang an keine Aussicht auf Rettung gegeben hat. Und die Geschichte ist noch nicht ganz zu Ende…

Valentina D’Urbano (bzw. ihre Übersetzerin Constanze Neumann) hat eine kraftvolle, schnörkellose Sprache gefunden, die die Schwere des verarbeiteten Stoffs stärkt. Eine grenzenlose Traurigkeit untermalt diese Geschichte – selbst in den seltenen Momenten, in denen gelacht wird. Es sind bittere, in Verzweiflung versinkende Lebensgeschichten, die der Roman zeichnet. Und doch: in der Figur von Bea, die nicht aufgibt, die ihre Lage nicht einfach akzeptiert, sondern stets für das bessere Leben eintritt, liegt auch ein leiser Anklang der Hoffnung über dem Geschehen.

“Auch die Ärmsten der Armen brauchen eine Geschichte”: so lautet die Widmung zu Beginn. Mit diesem Buch gibt ihnen Valentina D’Urbano nicht nur eine Geschichte, sondern vor allem eine lautstarke Stimme.  Ein gnadenloser, ergreifender Roman, der sehr schwer auf dem Magen liegt.