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Rezension: Tom Appleton – Hessabi (Czernin-Verlag, 2016)

Beinahe siebzigjähriger Autor debütiert mit den Lebensansichten eines Teenagers. Kann das gut gehen? Im Falle von Tom Appletons „Hessabi“ ist das Experiment, mit einigen wenigen Abstrichen, geglückt.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht Adam Hessabi, ein Deutscher persischer Abstammung, der auf seine Jugend in Bonn, Heidelberg und anderen deutschen Städten und Städtchen zurückblickt. Er erzählt acht turbulente Jahre seiner Jugend, namentlich die Zeit von 1960 bis 1968.

Adam lebt mit seiner Familie in Bad Godesberg. Diese Familie steht zunächst einmal im Mittelpunkt des Interesses: der Vater ein dicker, etwa siebzigjähriger Mann, der nichts von sich preisgibt – Adam ist es ein Rätsel, welcher Arbeit dieser Vater nachgeht; die Mutter ist eine trinkende und kettenrauchende Irre, die ihr gesamtes Umfeld mit widerwärtigsten Flüchen belegt und hin und wieder in eine geschlossene Anstalt überführt werden muss; und dann ist da noch der kleine Bruder, Bahador, in Adams Augen ein schmieriger Widerling, der nur auf seinen eigenen Profit bedacht ist. Von Beginn weg steht diese Familie im Zentrum des Geschehens, verbunden mit der ungeklärten Frage nach Adams Herkunft. Dieser nämlich hegt den Verdacht, seine Eltern seien gar nicht seine Eltern… Und dann tauchen immer wieder an seltsamen Ecken Deutschlands angebliche Verwandte auf, deren Existenz nur noch mehr Fragen aufwirft…

Ebenfalls zentral für die Erzählung werden bald Adams Rekapitulationen seiner mehrheitlich schlechten Erfahrungen mit dem deutschen Schul- und Internatssystem. Sadistische Willkür der Lehrpersonen und rassistische Stereotypen machen Adam das Leben schwer. Er muss häufig Klassen wiederholen, seine Anstrengungen werden zu oft nicht gewürdigt. Mitschüler und Lehrpersonen gleichermassen zerren an seinem klapprigen Nervenkostüm.

“Was die Schule betrifft, so war vom ersten Tag an alles klar. “Du Deutsch sprechen? Woher du kommen?” – “Leck mich am Arsch, ich bin aus Godesberg.” Ich war vielleicht der Jüngste im Lehrlingsheim, aber ich war der Älteste in meiner Schulklasse. Ich kam mir vor wie der Dorfidiot, der siebenmal sitzen geblieben ist und mit lauter Kleinkindern in der ersten Reihe sitzt.”

Befriedigung findet er vorab ausserhalb der Schule. Zunächst in der Musik, in den Songs, die er schreibt und von denen – so mindestens Adams Behauptung, die sich wie ein roter Faden durch den Text zieht – früher oder später viele unter anderem Namen, nur leicht abgeändert bei den Beatles landen, deren Erfolgsgeschichte in den frühen Sechzigerjahren gerade beginnt.

Und dann lernt er im Internat in Heidelberg die Amerikanerin Lucy kennen, die vermeintliche Liebe seines Lebens, die ihn in die Höhen und Tiefen amouröser Verstrickungen einführt. Einer Zukunft in trauter Zweisamkeit aber stehen etliche Hindernisse im Weg, die kaum überwindbar scheinen. Zumal auch die Familie ihre Vorstellungen davon hat, wie (oder eher: wen) ein junger Perser zu lieben hat. „Hessabi“ ist nicht nur die Geschichte eines jungen Persers auf der Suche nach seiner Herkunft; es ist nicht nur die Geschichte eines hellsichtigen Songwriters, dem die Musik ein ums andere Mal das Leben rettet; es ist auch die Geschichte eines jungen Mannes, der die Liebe entdeckt und von ihr Mal für Mal überrumpelt wird.

Tom Appleton gibt Adam Hessabi eine unverblümte Plauderstimme ohne Hemmungen, deren bevorzugtes Stilmittel die Anekdote ist. Mit reichlich Sprachfantasie begabt unternimmt der Erzähler eine Tour-de-Force durch eine oftmals problematische Jugend. Seine Rache an denen, die ihm das Leben schwer gemacht haben, nimmt er mit Worten von aggressiver Ironie. Obschon im tumultuosen Schlussteil bisweilen der Eindruck entsteht, es handle sich lediglich noch um eine Aneinanderreihung verschiedener Sex-Episoden, ist Appleton ein insgesamt höchst unterhaltsames Debüt gelungen, das die private Geschichte einer Jugend auch geschickt mit welthistorischen Ereignissen verknüpft.
Ein kleiner Wermutstropfen freilich bleibt: die Rätsel um die familiären Ursprünge bleiben auch zum Schluss weitgehend ungelöst; es ist der Fantasie der Leser überlassen, diese Geschichte zu Ende zu dichten.

Appleton, Tom. Hessabi. Wien : Czernin, 2016. 412 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-7076-0569-3

Rezension: Alexander Ilitschewski – Der Perser (Suhrkamp, 2016)

“Weltliteratur”: selten erschien der Begriff passender. Der russische Autor Alexander Ilitschewski (*1970) hat mit “Der Perser” (Original: 2010) den Roman des bisherigen 21. Jahrhunderts geschrieben. Ein weltumspannendes, siebenhundertfünfzigseitiges Epos, das die Fäden von Politik, Religion, Wissenschaft und Poesie in ein weitreichendes Episodennetz verstrickt und in ihre globale Dimension rückt.

perser

Das Grundgerüst der Handlung ist schnell umrissen: der Ich-Erzähler Ilja, ein russischer Geologe und Computertechniker, der in den 1990er-Jahren in die USA emigriert ist, kehrt an den Ort seiner Kindheit – Baku und die umliegenden Gebiete am Kaspischen Meer – zurück, um seiner Ex-Frau Therese nachzustellen und seinen Jugendfreund Hasem wiederzufinden. Dieser lebt gemeinsam mit einer Gruppe von “Hegern”, die sich um die Zucht der vom Aussterben bedrohten Kragentrappe bemühen, in einem Naturpark. Hasem wird von seinen Leuten verehrt, entwickelt sich nach und nach zu einer messianischen Figur, in deren Bannkreis auch Ilja gerät.

Ilja, der in Kalifornien studiert hat und ein nomadisches Leben führt, ist auf der Suche nach etwas, das er LUCA (Last Universal Common Ancestor) nennt, vereinfacht: auf der Suche nach den Ursprüngen irdischen Lebens. An all seinen Arbeitsplätzen – meist Orte, wo Erdölbohrungen gemacht werden – nimmt er Proben und schickt sie an ein Labor in Genf. Am Kaspischen Meer, seit dem 19. Jahrhundert ein Epizentrum des Ölgeschäfts, wo etwa die Familien Rothschild und Nobel  investierten, erhofft er sich weitere Hinweise.

Bald aber rückt Jugendfreund Hasem in den Fokus seiner Rückkehr. Hasem ist ein Guru, ein Hippie, ein Rastafari, ein Dichter, ein Messias, der den Naturpark zu einem Quartier für Derwische gemacht und von allen geliebt und verehrt wird. Er “sucht Gott im Menschen” und will, “dass die Religion endlich lernt, den Menschen zu respektieren”. Er verehrt den russischen futuristischen Dichter Velimir Chlebnikov, nach dem er seine Kolonie auch benannt hat. Hasem: ein Perser, der russisch denkt und fühlt, sich aber den Widersprüchen seiner Heimat nicht entziehen will.

In den Figuren und im Raum, in dem Grossteile der Handlung in Vergangenheit und Gegenwart sich abspielen, sind die grossen Konflikte des Werks schon angelegt. Das Kaspische Meer, jener gigantische See – beinahe zehnmal so gross wie die Schweiz -, der die Grenzen Irans, Aserbaidschans und Russlands umspült, war und ist Kontaktzone globaler Interessen. Gierige Rohstoffspekulanten, amerikanische Militärs, gottergebene Derwische, Schmuggler, skrupellose arabische Falkenjäger prallen aufeinander, müssen ihre Lebensweisen miteinander aushandeln. In einer von Ilitschewski spektakulär beschriebenen Wildnis kommt es zur Begegnung grosser Weltreligionen, unersättlicher Machtansprüche und atemberaubender Naturphänomene.

In diesem Spannungsfeld siedelt Alexander Ilitschewski sein mäanderndes, immer wieder zwischen Zeiten hin und her springendes, vor grausamen, liebevollen, mitreissenden, spannungsgeladenen Episoden schier überbordendes Epos an. Zu den grandiosesten Szenen gehören jene, in denen ein einstmals weltoffener, von der Königsfamilie geächteter saudischer Prinz mit seiner Entourage zur Falkenjagd anreist; sein Name: Osama bin Laden. Die Falken der arabischen Elite haben es auf die seltenen, von Hasem gehegten Kragentrappen abgesehen, deren Fleisch die Jäger aphrodisische Qualitäten zuschreiben. “Grausamkeit und archaische Raubgier”, verkörpert durch die Falkenjäger, kreuzen sich mit den auf Welt- und Menschenveränderung angelegten Ideen des Persers. Es kommt zum gewaltsamen Zusammenprall, mit dem letztlich auch das Buch in sein atemberaubend dramatisches Finale mündet.

Was Alexander Ilitschewski geschafft hat, ist: Weltliteratur im wahrsten Sinne des Wortes zu verfassen; ein Buch, dessen Schauplätze und Mentalitäten ein globales Panorama der Befindlichkeiten im 20. und 21. Jahrhundert entfalten. Ökologische, religiöse, soziale, politische und ökonomische Grenzkonflikte unserer Zeit hat er in ein Werk von schillernder Erzählkraft gebannt, das von Übersetzer Andreas Tretner meisterhaft (will man den russischkundigen Kritikern glauben) ins Deutsche übertragen wurde. “Der Perser” zerlegt Ängste und Ansprüche, Komplexe und Überzeugungen einer global immer besser vernetzten Weltgesellschaft in tausende und abertausende Einzelteile. Was Alexander Ilitschewski geschafft hat, ist: den Roman unseres Jahrhunderts zu schreiben.

“Was bringt die Menschheit voran?”, heisst es an einer Stelle. Antwort: “Ausuferndes Denken.” Ilitschewskis Stil ist in der Tat ausufernd, bisweilen wirklich in jedes Detail verliebt, und doch erscheint der Text nie redundant, nie beliebig. Die überschäumende, mal messerscharfe, mal poetisch zierreiche Sprache, der profunde Kenntnisreichtum auf unterschiedlichsten Gebieten und die eindrückliche Zeichnung der Figuren machen jede dieser 750 Seiten lesenswert. Im Anhang befindet sich zudem ein Apparat mit Anmerkungen des Übersetzers, der für das Verständnis diverser geografischer und fachspezifischer Begriffe sehr hilfreich ist.

Weiteführend: Interessante tiefere Einblicke in die unzähligen Referenzen, die Ilitschewskis Roman bereithält, bietet das Arbeitsjournal des Übersetzers Andreas Tretner, das sich hier entdecken lässt.

Ilitschewski, Alexander. Der Perser. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Berlin: Suhrkamp 2016. 750 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-518-42499-5 .