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Rezension: Hila Blum – Der Besuch (Berlin-Verlag, 2014 [2011])

“Der Besuch” ist das Romandebüt der israelischen Autorin Hila Blum, die bis anhin als Journalistin und Lektorin tätig war. Sie erzählt eine bemerkenswerte moderne Familiengeschichte, in der schöner Schein geradezu hörbar bröckelt und die Sicht freigibt auf Vorurteile, Vorwürfe und lang verdrängte Erinnerungen.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht das Ehepaar Nataniel (Nati) und Nili, beide um die vierzig Jahre alt, wohnhaft im Jerusalem der 2010er-Jahre. Mit ihrer Tochter Asia und Jedida, einer älteren Tochter, die Nati aus seiner ersten Ehe mitbrachte bilden sie eine Art moderne Patchwork-Familie. Die Ankündigung des titelgebenden Besuchs steht am Beginn der Geschichte: Der Pariser Millionär Jesaja Duclos ruft an und kündigt seinen Besuch in Jerusalem an. Er bittet um ein Treffen, das Nati und Nili nicht ablehnen können, hat ihnen der exzentrische Duclos doch neun Jahre zuvor, als Natis und Nilis Beziehung gerade begonnen hatte, in einer furchtbar brenzligen Situation geholfen.

Was genau in dieser Nacht geschah, wird dem Leser nach und nach offenbart – und soll an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden, macht es doch einen grossen Teil der Spannung des Romans aus. Tatsache ist: Unter vier Augen hat Duclos in jener Nacht Nili etwas mitgeteilt, was sie nie wieder losgelassen hat. Etwas, über das sie mit Nati nie gesprochen hat. Und neun Jahre später nun weckt Duclos’ Anruf die Erinnerungen an diese Nacht, beschwört böse Gedanken in Nili, Gedanken, die sich mit weiteren unausgesprochenen Dingen – Vorurteilen, Vermutungen, Ahnungen – vermengen und sie an ihrer Ehe (ver)zweifeln lassen.

“Sie duschten, zogen sich wieder an, und als sie nebeneinander im Bett lagen, war der Zauber verschwunden. Die Liebe war, wie die meiste Zeit, eine Erinnerung, die wieder auflebt, wenn man in alten Alben blättert.”

Hila Blum erzählt in Szenen, die unverhofft zwischen den Zeiten hin- und herspringen, sich in den meisten Fällen aber eindeutig einer zeitlichen Ebene zuordnen lassen. Verdrängung ist nicht nur einer der inhaltlichen Schwerpunkte des Romans, sondern auch dessen poetologisches Prinzip: Die gewichtigen Dinge – die Nacht in Paris oder die dunklen Geheimnisse über Asia oder Nilis Schwester Uma, die sie hütet – werden nicht stringent erzählt, sondern Happen für Happen offeriert, sie spielen sich häufig in Andeutungen, in subtilen und doch eindringlichen Nebensätzen ab. Gleiches gilt im Übrigen für die das Setting bestimmende politische Realität: Israel im Kriegszustand, wegen Bombenalarmen leergefegte Strassen, Menschen in Angst. In einem “Davor” betitelten Vorspann zum Roman heisst es:

“Es gibt Dinge, die können nur in den schmalen Spalten der Nachlässigkeit geschehen, der Unaufmerksamkeit, in einem Wirbel aus Trägheit und Licht. Plötzlich entspringen sie der Phantasie und landen im gelebten Leben.
Erklärungen werden erst später gesucht.”

“Der Besuch” kann als dieses Später gelesen werden, als Erzählung der Zeit, in der allmählich das Bedürfnis nach Erklärungen entsteht, sich Antworten Puzzleteil für Puzzleteil zu einem ganzen Bild zusammenzufügen beginnen. Und wenn es vollendet ist, wird einem womöglich bewusst, dass man sich all die Jahre, aufgrund einer blossen Ahnung, so sehr auf etwas fixiert hat, dass der Blick für andere, nicht weniger bedeutende Dinge schlicht gefehlt hat. Versinnbildlicht wird dieses Motiv mit der clever in die Familiengeschichte eingewobenen Story des verschwundenen Jungen Denis Bukinow, dessen Fall Nati und Nili in den Nachrichten verfolgen: Ein unerschrockener erzählerischer Kunstgriff, der eine souveräne Autorin verrät.

Obschon “Der Besuch” Hila Blums (*1969) Romandebüt ist, erweist sie sich als abgeklärte Autorin, die ihren Plot hervorragend kontrolliert, gekonnt Spannung aufbaut und zudem von grossem sprachlichem Einfallsreichtum ist. Einige Schwächen lassen sich zwar ausmachen, so kommt es beispielsweise gegen Ende zu einigen ziemlich langatmigen, von banalen Dialogen gequälten Stellen, die sich zwischen Nili und den beiden Töchtern abspielen, insgesamt aber ist “Der Besuch” ein ausgewogenes, durchdachtes, ja ein hervorragendes Debüt. Es ist ein Familiendrama, das genre-typische Paradigmen wie den makellosen Schein, der mehr und mehr Risse bekommt, um schliesslich eine gar unschöne, unausgesprochene Realität zu offenbaren, aufnimmt und mit viel Fantasie und Empathie in eine zeitgemässe Geschichte integriert.

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Rezension: Joao Ricardo Pedro – Wohin der Wind uns weht (Suhrkamp 2014)

Das Debüt des portugiesischen Autors Joao Ricardo Pedro (*1973) ist ein ambitioniertes Werk, dessen Geschichten drei Generationen der Familie Mendes umspannen. In den privaten Dramen der Protagonisten spiegeln sich Ereignisse der portugiesischen Geschichte. Dabei lässt sich der Text jedoch (zu) wenig Zeit, so dass am Schluss dieses stellenweise durchaus kraftvollen Romans der leicht bittere Nachgeschmack des Unfertigen bleibt.

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Titel: Wohin der Wind uns weht
Original: O Teu Rosto Será O Último
Autor: Joao Ricardo Pedro
Übersetzung: Marianne Gareis
ISBN: 978-3-518-42429-2
Umfang: 229 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Die Handlung beginnt in einem entlegenen portugiesischen Bergdorf am 25. April 1974, dem Tag der Nelkenrevolution. Vor dem Morgengrauen zieht der Mann Celestino mit einem Gewehr los, Stunden später wird er, brutal ermordet, aufgefunden. Der Arzt des Dorfes – Augusto Mendes, Angehöriger der ältesten Generation, der in “Wohin der Wind uns weht” portraitierten Familie – erinnert sich an den Tag, vierzig Jahre zuvor, als er Celestino auf der Landstrasse, geschändet und kaputt, aufgegriffen hat. Die Episode wird im weiteren Verlauf der Geschichte nicht mehr erwähnt, Celestino spielt bis zur letzten Seite keine Rolle mehr – und auch diese Passage bringt wenig Licht in die Angelegenheit, lässt vieles ungesagt. Diese Leerstellen sind das grosse Problem des Romans: vieles bleibt Stückwerk, wird der Fantasie der Leser überlassen, manchmal ohne diese mit Hinweisen zur Entschlüsselung zu versorgen.

Der Fokus liegt auf der dritten Generation der Familie, repräsentiert durch Duarte Mendes. Duarte, geboren wohl einige Jahre vor der Revolution, in eine ungewisse Zeit, muss von früh an mit etlichen Problemen kämpfen. Da ist einerseits sein Vater Antonio, der traumatisiert von einem Kriegseinsatz in Angola zurückkehrt und zunächst seinen Sohn nicht wiedererkennt; als Kind ist Duarte ein Aussenseiter, wird gemobbt, hat nur einen Freund, den “Indio”; in späteren Jahren kommt eine Krebserkrankung der Mutter hinzu.

Man könnte meinen die Musik, die diesem Jungen als göttliche Gabe auferlegt scheint, biete ihm eine Flucht aus der Brutalität des Alltags. Gegenteiliges ist jedoch der Fall: Er ist ein begnadeter Pianist, empfindet dieses Talent und den dadurch bedingten Druck von aussen jedoch als Qual, weshalb er eines Tages für immer aufhört zu spielen. Er mag die Musik nicht, sagt “Nicht ich habe angefangen, Klavier zu spielen. Das waren meine Hände” und empfindet nichts als Hass auf seine Gabe. Sein ehemaliger Klavierlehrer, eine für die Handlung bedeutsame Allegorie/Episode mit einer Frau mit amputiertem Unterschenkel abschliessend, nennt dies einen Glücksfall:

“Duarte hat Gott sei Dank genau in diesem Augenblick aufgehört: In dem Augenblick, da er Gefahr lief, so zu werden wie die Musik, die er spielte. In dem Augenblick, da er zu allem bereit war. Bereit, sich selbst das zu amputieren, was zu amputieren war.”

Es ist schwierig zu sagen, was den Jungen in diesem familiären Labyrinth aus Erinnerungen, die ihm, Duarte, oft nicht zugänglich sind, umtreibt. Die Briefe, die Augustos Freund Policarpio ihm über vierzig Jahre geschickt hat, liefern Duarte immerhin Anhaltspunkte. Doch erst das Finale des Buchs eröffnet auch dem Leser Einsicht in diese rätselhaften Erinnerungen – und Duarte die Chance, Erklärungen zu finden. Fast bin ich gewillt zu sagen: die richtig gute Geschichte begänne da, wo Pedro sein Buch enden lässt.

Doch damit wäre ihm vielleicht Unrecht getan, denn auch das, was auf diesen knapp 230 Seiten dasteht, birgt viele gute Geschichten. Der Autor erzählt mit einer Mischung aus ironischem Witz und tiefer Melancholie, mit einem Auge für’s Detail und furchtlos im Angesicht von Gewalt und Exkrement (um es gepflegt auszudrücken). Sprachlich schwankt der Text zwischen ungemein kraftvollen, poetischen Passagen und merkwürdigen stilistischen Techniken. (Hinweis: Man darf auch mal ein Komma setzen. Anstatt einen Punkt. Das tut nicht weh. Ist eleganter. Und leserfreundlicher.)

“Wohin der Wind uns weht” – im portugiesischen Original übrigens treffender “O Teu Rosto Será O Último” (etwa “Dein Gesicht wird das Letzte sein”) betitelt – ist ein enigmatisches Buch voller Zeichen und Andeutungen, eine Herausforderung, die, wenn man sich ihr stellt, ein ganzes Labyrinth eigener Gedanken anregen kann, aber auch den leicht bitteren Nachgeschmack des Unfertigen zurücklässt – verbunden mit der Hoffnung, dass es dereinst noch fertig geschrieben wird. Oder gar mit der Lust, es selbst fertigzuschreiben?


Weitere Besprechungen des Buchs finden sich unter anderem auf aus.gelesenUrwort und Buchfaible.

Anstehende Lesungen des Autors im deutschen Sprachraum:

Ort Datum, Zeit
Leipzig Haus des Buches 31.03., 19:30
Berin Ibero-Amerikanisches Institut 01.04., 19:00
München Buchhandlung Kunst- und Textwerk 02.04., 19:30

Rezension: Pascale Kramer – Die unerbittliche Brutalität des Erwachens (Rotpunktverlag, 2013)

Mit sachlicher Sprache zeichnet Pascale Kramer in „Die unerbittliche Brutalität des Erwachens“ das Bild einer jungen Familie, die den Weg in einen normalen Erwachsenenalltag sucht. Trotz der unaufgeregten Sätze vermag es die Autorin, den Leser aufzurütteln und ihm den zerrütteten Seelenzustand der Mutter vor Augen zu führen. Dabei gelingt es ihr in relativ wenigen Seiten, die scheinbare Idylle des ehemaligen Vorzeigepaares, das Alissa und Richard bilden, zu zerstören. Die Geburt der kleinen Una versetzt besonders die junge Mutter nicht in das erwartete euphorische Entzücken, sondern stürzt sie in eine gehörige Wochenbettdepression.

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Titel: Die unerbittliche Brutalität des Erwachens
Original: L’implacable brutalité du reveil (2009)
Autorin: Pascal Kramer
Übersetzung: Andrea Spingler
Verlag: Rotpunkt
ISBN: 978-3-85869-555-0
Umfang: 180 Seiten, gebunden

Zu Beginn des Romans werden Alissa und ihr Mann Richard aus dem wohlbehüteten Nest ihrer Eltern gerissen und müssen sich in ihrem neuen Zuhause einrichten. Ein wohliges und heimeliges Gefühl scheint sich bei ihnen jedoch genauso wenig einzurichten wie der Inhalt der sich stapelnden Umzugskisten. Besonders Alissa fühlt sich in ihrer neuen Situation als Mutter und Hausfrau von der Welt im Allgemeinen und von ihrer Mutter und immer mehr auch von ihrem Mann im Stich gelassen und missverstanden.

Dass sie sich in der Wohnung nicht wohlfühlt, schiebt Alissa auch darauf, dass ihre Mutter und Richard diese ausgesucht haben. Sie musste den Entscheid nur noch billigen, wozu sie sich als 27jährige Mutter geradezu gezwungen fühlt:

“Das war zwei Wochen her, sie hatte gerade entbunden, die Welt war ins Wanken geraten. Die nicht nachlassende Aufmerksamkeit um sie herum hatte sie davon überzeugt, dass sie erwachsen sein und ihr eigenes Zuhause haben wollte.”

Dass sie immer öfter mit der kleinen Tochter alleine in der Wohnung bleibt, während Richard ausser Haus ist, hilft Alissa in ihrem fragilen Zustand keineswegs weiter. Hinzu kommt, dass ihre Mutter ihr verkündet, dass sie sich von Alissas Vater scheiden lässt und dass es „einen anderen Mann in ihrem Leben“ gebe. Und auch ihr Vater scheint sich bereits anderen Frauen zu widmen. Alissa merkt, dass sie nicht mehr sie das Zentrum des elterlichen Interesses ist.

Während also das Leben ihrer Eltern wieder jugendlich-verliebte Züge annimmt, sieht die Protagonistin sich mit ihrer eigenen Tochter heillos überfordert. Dass sie nun die Verantwortung für ein solch zerbrechliches Wesen übernehmen soll, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Auch eine mütterliche Wärme sucht man bei der Protagonistin vergeblich. Ihre Rolle als liebende und fürsorgliche Mutter kann sie nur in Anwesenheit anderer erfolgreich spielen:

“Mit zitternden Schluchzern begann Una sich zu beruhigen, die Röte wich aus ihrem Gesicht. Alissa küsste sie auf die Tränen und nahm sie ihrer Mutter aus den Armen. Ohne Zeugen hätte sie nie die Kraft zu so einfachen Gesten gefunden. Dass sie allem und sich selbst zum Trotz dazu imstande war, wunderte sie selbst.”

Das Verhältnis zu ihrem Mann verändert sich im Laufe des Romans ebenso. Während Alissa langsam die Bedrohlichkeit des Lebens und der Mutterschaft erkennt, verfällt Richard immer mehr in eine eher pubertäre Version seiner selbst. Die körperlichen sowie psychischen Veränderungen seiner Frau nach der erst einige Wochen zuvor durchgestandenen Geburt scheinen ihm zu entgehen und seinem körperlichen Begehren nach ihr keinen Abbruch zu tun. Widerwillig und vermutlich mehr aus Gewohnheit denn ehrlicher Zuneigung zu ihm lässt sie seine sexuellen Avancen über sich ergehen.

Nachdem sein Freund vom Krieg gezeichnet in die Heimat zurückkehrt, verbringt Richard immer mehr Zeit mit ihm als mit seiner Frau und die beiden lassen sich von regelmässigem Marihuana-Rausch die Sinne vernebeln. Die Unterschiede zwischen Richard und Alissa, die sich ihren ehemaligen Freundinnen nach der Abkapselung durch die Schwangerschaft nicht mehr recht annähern kann, werden immer besser erkennbar.

Unter den Schwierigkeiten zu leiden hat vor allem die kleine Una. Immer mehr wird Alissa von ihrer Wochenbettdepression beeinträchtigt und sie vernachlässigt ihre neugeborene Tochter. Auch Richard bringt nicht die nötige Verantwortung auf, sodass sich die Ereignisse in den letzten paar Seiten des Romans von Pascale Kramer überschlagen. Alissa verlässt die bedrohliche Enge der Wohnung und – viel schlimmer noch – auch Una. Mit einer kurzen Kapitulations-Haftnotiz auf Unas Bauch, auf der sie erklärt, dass sie nie die Kraft haben wird, zurückzukehren, überlässt sie die Tochter sich selbst. Denn auch Richard findet in dieser Nacht nicht nach Hause.

Pascale Kramer entlässt den Leser mit nur einem kleinen Hoffnungsschimmer, der eigentlich doch keiner ist. Denn Alissa bricht zwar ihr Versprechen und kehrt zurück, ein richtiges Zugeständnis an das Kind und an das Leben ist es dennoch nicht. Denn Alissa empfindet aufgrund ihrer Rückkehr lediglich Reue, Scham und die Niederlage gegen das Leben, das wohl oder übel bis zum Schluss “würde gelebt werden müssen.”

Rezension: Andreas Schäfer – Gesichter (Dumont, 2013)

Mit seinem dritten Roman „Gesichter“ legt der deutsch-griechische Autor Andreas Schäfer einen hervorragenden Text vor, der Gesellschaftsroman, Familiendrama und Psychothriller zugleich ist, sich dabei aber nie in Halbherzigkeiten versteigt. Die elegante Sprache, hervorragend gezeichnete ambivalente Charaktere und enigmatische Handlungsverläufe sorgen für Hochspannung. Ein subtiler Pageturner.

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Titel: Gesichter
Autor: Andreas Schäfer
Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-9664-6
Umfang: 256 Seiten, gebunden

Gabor Lorenz ist verheiratet, Vater zweier Kinder; er ist Mediziner und beschäftigt sich als solcher mit Prosopagnosie, dem Nichterkennen von Gesichtern; zu Beginn des Buches steht er kurz vor einem wichtigen Vortrag; jeden Sommer fährt er mit Frau und Kindern in ein abgelegenes Ferienhaus in Griechenland. Mit „unkontrolliertem Stolz“ blickt er auf das, was er und seine Lieben „geschaffen haben“, ja „[a]lles, was er sich wünschte, schien greifbar zu sein.“ Kurzum: Gabor Lorenz ist felsenfest verankert in seiner überheblichen bürgerlichen Selbstgewissheit. Die Dinge gehen ihm leicht von der Hand, den Begriff der Schuld kennt er nicht: Seinen Studienfreund  und Mitarbeiter Yann feuert er, weil er dessen „Ruhelosigkeit“ nicht erträgt – anstatt Gewissensbissen folgen der Entlassung „Tage anstrengungsloser Selbstverständlichkeit.“

Doch von allem Anfang an schon gesellen sich zu Selbstgewissheit und Selbstverständlichkeit das Ungewisse und Unverständliche. Auf der Rückreise aus Griechenland beobachtet Gabor, wie ein Mann – vermutlich ein Flüchtling – ungesehen in den Laderaum eines Lastwagens schlüpft und so auf die Fähre gelangt. Während der Überfahrt spürt Gabor dem Mann nach, wird von diesem entdeckt  und prägt sich sein hassverzerrtes Gesicht ein. Panisch wirft er ihm eine Tüte mit Bananen in den Lastwagen, in der sich versehentlich auch sechs Postkarten befinden, die er seiner Frau Berit von verschiedenen Orten ins familiäre Heim senden wollte: um die Ferienstimmung in den Alltag zu retten.

Wenige Tage nach der Wiederankunft der Familie Lorenz in ihrem Zuhause in Berlin, erhalten sie die erste der Karten. Poststempel: Modena. Kurze Zeit später eine zweite Karte: München. Der Fremde kommt näher, von Tag  zu Tag, und er kündigt seine Ankunft an – und obwohl Gabor sich verbietet, über die Karten nachzudenken, die Episode mit dem Fremden vor Berit, Malte und der liebeskranken Nele, die ihre Ferienbekanntschaft vermisst, geheimhält, ist er besessen vom Fremden: Der Moment, in dem ihm der Mann auffiel „schien nicht der Beginn, sondern die Folge von etwas zu sein“.

Dann verschwindet Tochter Nele.

Während die Karten und andere scheinbar unscheinbare Einbrüche des Unheils in den Alltag bis dahin Nadelstiche waren, erhält nun alles eine drastischere Dimension. Ist der Flüchtling, dessen letzte beiden Karten aus Berlin kamen, der Entführer? Ja, wie könnte er es nicht sein? Während Gabor zunächst noch auf seine altbewährte Verdrängungstaktik setzt – Wieso geht Nele nicht ans Telefon? „,Sie ist vierzehn‘, sagte er, als wäre das die Antwort auf all ihre Fragen.“ –, schwant ihm bald schon Schlimmeres. Das ganze wohlbehütete Gefüge seines Lebens bricht zusammen, in bester Tradition, ein wenig à la James Salter, hat sich das Unheil nach und nach in die winzigsten Ritzen eines perfekten Bildes gefressen und lässt dieses nun zerfallen wie eine eingeschlagene Scheibe…

Andreas Schäfers Sprache ist schlank und pointiert, der Tonfall ruhig, niemals reisserisch, ja geradezu furchterregend besonnen, wie das Grauen, das sich dem Protagonisten unsichtbar nähert; die Charaktere sind nachvollziehbar gezeichnet, ambivalent, dabei aber nicht überpsychologisiert; die Handlungsbögen sind clever verstrickt, überraschende Wendungen treffsicher eingebaut . Und das enigmatische offene Ende macht deutlich: Hier geht es um grössere Fragen, Fragen, die über das Geschehen des Romans hinausweisen, Fragen nach Schuld, Fremdsein, Selbsttäuschung, Vertrauen und Mut.

Die Art, wie eine Ferienhäuschen-Nachbarin die Griechen beschreibt, trifft auch auf Gabor und andere Figuren des Romans zu:

„Solange nichts passiert, malen sie den Teufel an die Wand, aber sobald etwas passiert, stecken sie den Kopf in den Sand und meinen, das Problem löse sich von allein.“

Die Bequemlichkeit des bürgerlichen Kokons, in dem sich Gabor eingenistet hat, bietet Raum genug für allerhand Schwarzmalereien; die Schwere eines gravierenden Ereignisses aber überfordert ihn, weil sie ihn aus dem Bild, das er sich von sich selbst zurechtgelegt hat, herausreisst in eine Welt, wo es ein wahres Ich zu zeigen gilt. Vermag dieses der Realität standzuhalten..?

Spannungsroman, Familiendrama, Psychogramm einer Gesellschaft: Andreas Schäfers dritter Roman ist all dies in einem und dabei niemals halbherzig oder unentschlossen. Ein subtiler, bilderreicher, hochspannender Pageturner – und eine meiner Lieblingslektüren der letzten Monate. Vielen Dank.

Wertung: 8,5 / 10