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Rezension: Elizabeth Harrower – In gewissen Kreisen (Aufbau-Verlag 2016)

Elizabeth Harrowers fünfter Roman «In gewissen Kreisen» hätte eigentlich bereits 1971 erscheinen sollen – und wirkt vielleicht deswegen heute so entrückt und anziehend gleichermassen. Ein Buch, das zeigt, wie zerstörend unpassende Liebschaften sein können.

Rezension: Annina Haller

Harrower, geboren 1928 in Sydney, veröffentlichte ihre ersten drei Romane kurz nacheinander, der vierte folgte ebenfalls nur wenige Jahre später. Ihren fünften und letzten zog sie kurz vor Publikation und kurz nach dem Tod ihrer Mutter zurück. 2014 schliesslich wurde der Roman doch noch veröffentlicht und dieses Jahr auch auf Deutsch herausgegeben.

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Die Erzählung setzt in den Sechzigerjahren im australischen Sydney ein und schreitet anschliessend in ziemlich schnellen und darum teilweise verwirrenden Zeitsprüngen voran. Zwei Geschwisterpaare, die unterschiedlicher nicht sein könnten, werden einander gegenübergestellt. Zoes Bruder Russell bringt bei seiner Rückkehr aus dem 2. Weltkrieg eine Zufallsbekanntschaft in das gemeinsame Zuhause bei ihren Eltern: Stephen und Anna Quayle. Während Zoe und Russell Howard in einem wohlhabenden Elternhaus behütet aufwachsen, haben es Stephen und Anna schwerer im Leben. Nachdem ihre Eltern verstorben sind, wachsen sie bei ihrer psychisch stark angeschlagenen Stiefmutter auf. Die schwere Kindheit macht sich in den Persönlichkeiten der beiden Waisenkinder bemerkbar. Beide sind eher zurückhaltend, Anna dabei eher nachdenklich und Stephen beinahe griesgrämig und unberechenbar.

Russell hat während des Krieges ebenfalls schlimme Szenen miterleben müssen. Dem Leser verbergen sich diese allerdings gänzlich und können bloss erahnt werden. Hätte Harrower Russells Erlebnisse etwas genauer skizziert, wäre er in meinen Augen doch noch etwas fassbarer geworden. Leider bleibt er darum etwas auf der Strecke.

Zoe nämlich bietet im Vergleich zu ihrem Bruder nämlich ein spannenderes Bild. Obwohl ihre Kindheit und Jugend vermutlich am geradlinigsten verläuft, wirft sie genau das aus der Bahn. Dank dem Wohlstand der Eltern und kaum einer Möglichkeit zum jugendlichen Ausbruch, fühlt sie sich in ihrem Leben gefangen und gelangweilt. Das Auftauchen des ungewohnten Geschwisterpaares zieht sie darum regelrecht in ihren Bann, wirkt aber beispielsweise von Stephen gleichermassen angezogen wie abgestossen. Er wirkt gegen aussen sehr ruhig, vertritt aber sehr starke Meinungen und hat teilweise Mühe, sich zu mässigen. Im Laufe des Romans werden seine Launen fast schon beängstigend.

Anna hat ähnlich feste Ansichten, weiss sie aber passender anzubringen. Sie scheint besser einschätzen zu können, wo ihr Input gefragt ist und wo nicht.

Nicht gänzlich klar wird, weshalb die vier Charaktere aneinander haften bleiben. Und doch tun sie es. Nach einem ersten Zeitsprung nämlich heiratet Zoe Hals über Kopf Stephen. Russell hingegen heiratet nicht Anna, wie man im ersten Moment erwarten würde, sondern seine Jugendfreundin Lily, wie es schon seit vielen Jahren geplant ist. Er hört nicht auf sein Herz – das Anna gehört, wie auch das ihre insgeheim Russell gehört – sondern auf sein gesellschaftliches Pflichtgefühl. Und das rächt sich einige Jahre später.

Nach einem zweiten grösseren Zeitsprung stehen die beiden Ehen kurz vor dem Zusammenbruch. Zoes anfängliche Faszination von Stephen hat sich in die Erkenntnis verwandelt, dass sie gänzlich verschieden und inkompatibel sind. Im Nachhinein glaubt sie, Stephen als eine Art Geheimnis aufgefasst zu haben, das es aufzudecken gilt. Erst spät erkennt sie ihre Naivität und nimmt zur Kenntnis, dass sie mit Stephen wohl einen Grossteil ihres Lebens verschwendet hat. Stephens Launen machen es Zoes Entschluss jedoch schwer, das Thema Scheidung anzusprechen. (Fast zu) spät beginnt Zoe mit dem ersten Schritt in ein von Männern unabhängiges Leben. Aus dem Blickwinkel einer heutigen, jungen Frau treibt einen die Figur von Zoe darum manchmal etwas zur Weissglut, ist darum aber umso spannender.

Russell und Lilys Geister scheiden sich besonders zu dem Zeitpunkt, als ihre beiden Töchter ein Ballett-Stipendium in London erhalten. Dass sie von ihr weggehen wollen, betrachtet Lily als Zeichen der Undankbarkeit und geringen Wertschätzung der mütterlichen Bindung. Auch hier zeigt sich ein eher unbefriedigendes Frauenbild – abgenabelt von Kindern und Ehemann, der sich entweder mit seinem Geschäft oder mit einem der seltenen Spaziergänge mit Anna beschäftigt, stürzt Lily in fast schon depressive Zustände. Emanzipation sieht anders aus.

Abhilfe für ein moderneres Frauenbild schafft Anna. Sie scheint ihr Leben auch ohne Mann an ihrer Seite zu meistern – obwohl auch das teilweise nur Fassade ist. Als einzige der weiblichen Figuren sträubt sie sich dagegen, eine Heirat einzugehen aus bloss gesellschaftlichen Gründen. Sie lenkt sich zwar mit verschiedenen Männern von Russell ab, geht aber nie so weit, diese als Ehegatte in Betracht zu ziehen.
Das Wissen, dass ihr ihre einzige Liebe vermutlich versagt bleibt, nimmt sie allerdings an einem Punkt dermassen mit, dass es zum einzigen dramatischen Moment im Roman kommt.

Elizabeth Harrowers Roman ist weniger eine Erzählung als eine Analyse der fünf Hauptcharaktere. Mit psychologischer Genauigkeit werden sämtliche Beziehungen in diesem Fünfeck studiert und gegeneinander ausgespielt. Man darf nicht vergessen, aus welcher Zeit der Roman stammt – und doch lässt das Ende gewisse Parallelen mit der heutigen Zeit zu.
Ein Buch für Leser, die sich auch an sprachlichen und psychologischen Details erfreuen und nicht auf jeder Seite Nervenkitzel erwarten.

Harrower, Elizabeth. In gewissen Kreisen. Aus dem Englischen von Alissa Walser. Berlin: Aufbau-Verlag 2016. 279 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-351-03633-1 .

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Rezension: Stefanie Kremser – Der Tag, an dem ich fliegen lernte (KiWi, 2014)

In ihrem dritten Roman “Der Tag, an dem ich fliegen lernte” webt die in Brasilien aufgewachsene deutsche Autorin Stefanie Kremser (*1967) die Geschichten des mutterlosen Mädchens Luisa und des von einem Ozean getrennten Dorfes Hinterdingen zu einem fesselnden Erzählteppich, der interessante Perspektiven auf die Themen Migration, Familie und Identität wirft.

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Titel: Der Tag, an dem ich fliegen lernte
Autorin: Stefanie Kremser
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04705-9
Umfang: 304 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Luisa, die Ich-Erzählerin, die retrospektiv Ereignisse ihrer Kindheit nacherzählt und -empfindet, wird am 7.9.1994 in München geboren. Nur Minuten nach der Geburt lässt ihre Mutter, die brasilianische Doktorandin Aza, sie vom Balkon des Krankenhauses fallen und verschwindet spurlos. Der Brite Fergus, der die Szene zufällig beobachtet, fängt das Neugeborene und wird zum Lebensretter. Luisas Vater Paul, fünf Jahre jünger als Aza und selbst noch Student, nimmt sowohl seine Tochter wie auch deren Schutzengel mit in seine Wohngemeinschaft, wo sie mit dem Comiczeichner Max und der verschwiegenen und verschwörerischen Irene ein chaotisches WG-Leben führen.

In diesem ärmlichen, ungeordneten und selten jugendfreien, dafür aber umso herzlicheren Umfeld wächst Luisa auf, nicht wissend, was ihre Mutter, die vermutlich wieder in ihre Heimat zurückgekehrt ist, ihr angetan hat.  Mit den Jahren aber drängen sich ihr immer mehr Fragen auf, die nach Antworten verlangen.

 

“(…) ich lernte, dass Liebe, ganz wie der Sinn des Lebens, ein ebenso ernstes und schmerzvolles Thema war wie Verlassenheit, ja, dass man lieben konnte, obwohl man verlassen worden war – und verlassen konnte, obwohl man liebte.”

Die Gewissheit, verlassen worden zu sein, und die Schlüsse, die Luisa daraus zieht, reichen nicht aus, um die Ungewissheiten zu vertreiben. Weshalb hat Aza sie bei der Geburt nicht nur verlassen, sondern vielleicht gar töten wollen? Und wo ist die unerreichbare Mutter?

Im bayrischen Dorf Hinterdingen, dem Aza Besuche abgestattet hatte, nehmen Vater und Tochter die Spurensuche auf. Im Gespräch mit den Dorfbewohnern, insbesondere der alten Anna Stangassinger, die einer der zwei dominanten Familien des Dorfes angehört, erfahren sie eine weitverzweigte amerikanisch-europäische Geschichte, die im Jahre 1893 ihren Lauf nahm. Dreiundsiebzig Hinterdingener liessen alles zurück und zogen aus, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Ein Teil von ihnen erreichte letztlich, am Ende einer dramatischen Odyssee, den brasilianischen Dschungel und erbaute dort die Ortschaft Atrás das Coisas (portugiesisch für Hinter den Dingen), eine Kopie der bayrischen Heimatgemeinde. In diesem Dorf wurde Aza geboren: sie ist eine Nachfahrin der Auswanderer, die sich inzwischen mit der indigenen Bevölkerung vermischt haben.

Mit all den Hinterdingener Geschichten, einer Adresse und der Aussicht auf ein neues Leben im Gepäck reisen Paul und Luisa nach Sao Paulo, wo ihre ganz eigene Odyssee beginnt…

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Nachdem sie zuletzt einen Kriminalroman (“Die toten Gassen von Barcelona”, 2011) und mehrere Arbeiten für den Münchener Tatort gemacht hat, kehrt Stefanie Kremser mit ihrem dritten Roman zum Grundthema des Debüts (“Postkarte aus Copacabana”, 2000) zurück: “Der Tag, an dem ich fliegen lernte” ist eine Geschichte zwischen europäischer und südamerikanischer Kultur, eine Geschichte über Migration, Wünsche, Möglichkeiten und Perspektiven des Aussteigens – mitten hinein in ein neues Leben. Der Idee für das brasilianische Hinterdingen liegt die Geschichte des peruanischen Dorfes Pozuzo zugrunde, das 1859 von Rheinländern, Tirolern und Bayern gegründet wurde: eine Insel der deutschen Sprache im Herzen Südamerikas.

Stefanie Kremser sagt, die Geschichte speise sich durchaus auch aus persönlichen Erinnerungen, sei aber “keineswegs eine autobiografische Geschichte”. Auf jeden Fall aber weiss sie, wovon sie spricht: Tochter einer deutschen Mutter und eines bolivianischen Vaters, zog sie im Alter von sieben Jahren von Deutschland nach Brasilien. Mit 20 kehrte sie (vorerst) zurück, um zu studieren. Heute lebt sie in Barcelona und Frankfurt. Es mögen auch diese persönlichen Erfahrungen mit der Migration sein, die “Der Tag, an dem ich fliegen lernte” so authentisch wirken lassen.

Des Weiteren wirft das Buch spannende Streiflichter auf eine unkonventionelle Familiensituation, bei der sich die Rollen von Mutter und Vater, wie sie generell definiert werden, bisweilen  gänzlich aufzulösen scheinen. Ausserordentlich ist hier die Figur Luisa, die der entsetzlichen Tat ihrer Mutter mit mehr Neugierde denn Wut begegnet. Mit erstaunlicher Gelassenheit empfindet sie, rückblickend erzählend, den Wurf vom Balkon nicht als Verbrechen, sondern als Befreiung. Ihrem persönlichen Glück stand ,trotz einer Menge ungünstiger Vorzeichen, nichts im Wege.

Rezension: Thomas Weiss – Flüchtige Bekannte (Berlin-Verlag, 2014)

Der vierte Roman des deutschen Autors Thomas Weiss (*1964) erzählt die packende Geschichte  von Maren Schulz, die ihre Verpflichtungen als Ehefrau und Mutter zurücklässt, um selbst über ihr Leben bestimmen und glücklich werden zu können. Der Journalist Joachim schreibt eine Reportage über ihr Veschwinden, findet sie schliesslich in einem Clubhotel in Tunesien und beginnt sich, über sein eigenes Leben Gedanken zu machen. Ein hervorragender Text über die Entscheidung für oder gegen das ganz persönliche Glück.

Joachim ist Filmkritiker, selten schreibt er auch Reportagen. Er ist verheiratet mit Anne und befindet sich mit ihr mitten in den Planungen für einen Hausbau. An den Sitzungen mit der Baugruppe, den Debatten und Streitereien unter den Beteiligten, den unzähligen kleinen Entscheidungen stört ihn, dass es “nicht zu kontrollieren” ist. Man kann “nur hoffen, dass alles gutgehen würde.”

“Manchmal wachte ich mitten in der Nacht auf und schwitzte.
Wir standen vor der Frage, ob der integrierte gedämpfte Selbsteinzug unserer Schubladen wirklich leise war.”

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Titel: Flüchtige Bekannte
Autor: Thomas Weiss
Verlag: Berlin-Verlag
ISBN: 978-3-8270-7720-2
Umfang: 192 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

 

Eines Tages erzählt Anne Joachim von ihrem Freund Berthold, dem sie im Pilateskurs begegnet ist: er ist alleinerziehender Vater einer Tochter im Teenageralter. Die Mutter, Maren, wird seit einem Dreivierteljahr vermisst. Eines Abends wollte sie noch arbeiten – sie war Architektin – , verliess das Haus in Turnschuhen und Pullover, um drei Uhr nachts war sie noch nicht zurück, es fehlten nur ihr Geld und ihr Reisepass. Joachim will die Geschichte nicht aus dem Kopf gehen, er schafft es, seiner Zeitung eine Reportage anzubieten, die sich mit Berthold und Tochter Sandra befasst. Ein Foto von Maren wird gedruckt. Leser melden sich mit Hinweisen bei Joachim – und tatsächlich trifft einer davon ins Schwarze: Maren arbeitet in einem Clubhotel im tunesischen Djerba als Tennislehrerin. Ohne Anne und Berthold zu informieren, bucht Joachim eine Woche Cluburlaub…

“Flüchtige Bekannte”: flüchtig ist ein wundersam mehrdeutiges Wort, dessen Bedeutungshorizont sowohl ‘auf der Flucht befindlich, geflüchtet’ als auch (gerade in der Kombination mit Bekannten) ‘nicht lange bestehend, vergänglich’ oder ‘vorübergehend, nebenbei erfolgend’ miteinschliesst. Die Geschichten, die der Roman erzählt, umfassen alle möglichen Bedeutungen. Maren ist, wortlos, aus ihrem bestehenden Leben mit all seinen Verpflichtungen und der aufgebürdeten Verantwortung geflüchtet. Ihr neues Leben baut auf totaler Selbstbestimmung auf, darauf, zu jeder Zeit die Kontrolle über alle Entscheidungen zu haben: damit geht etwa auch einher, dass persönliche Bindungen vergänglich und vorübergehend sind: “Siche möchte ich mit Männern zusammen sein, aber ohne Bedingungen.” Sie liebt das Tennis, auch weil die Regeln des Spiels kein Unentschieden vorsehen: es ist ein bedingungsloses Entweder-Oder. Im Leben hat sie sich für die Freiheit und das Glück entschieden, was ihr nur durch die Abwendung vom familiären und beruflichen Alltag möglich schien.

In diese Geschichte hinein wird nun Joachim versetzt, der sich auf der tunesischen Ferieninsel Gedanken über das eigene Leben zu machen beginnt. Er steht vor der Wahl – ist es eine Wahl? -, sich auch bedingungslos der Suche nach dem persönlichen Glück zu widmen oder zu Anne zurückzukehren und weder unglücklich noch wirklich glücklich zu sein, zu leben, “wie man eben lebt”.

Thomas Weiss ist mit “Flüchtige Bekannte” ein hervorragender Text gelungen, der geschickt strukturiert ist: zumeist erfährt man die Dinge aus der Ich-Perspektive Joachims, bisweilen kommt aber auch Maren zu Wort, so dass auch ihre Version der Geschichte vermittelt wird. Darüber hinaus ist es in erster Linie ein Roman, der sich in kluger Weise mit einer der dominanten Fragen unserer Gesellschaft auseinandersetzt: der Frage, wie weit man für sein ganz eigenes, individuelles Glück gehen soll/darf/kann. Eine definitive Antwort darauf kann und will der Text natürlich nicht liefern, als Denkanstoss aber ist er überaus anregend.


Artverwandte: von Stil, Schauplätzen, Personal und einigen Grundthematiken (etwa der der kriselnden Ehe und damit verbundenen Kommunikationsproblemen) her, erinnert der Text an Andreas Schäfers “Gesichter”, einen ebenso grandiosen Roman.

Von flüchtigen Bekannten, vom Leben der Menschen als blosse Passanten im Leben anderer, schrieb unlängst Christian Zehnder in “Die Welt nach dem Kino”, wobei dieser Roman auch in seiner Sprache ‘flüchtiger’ bleibt und nicht so eindringlich wirkt.

Wer sich für die vielen, bisweilen auch kritischen Beschreibungen der touristischen Umgebung im Clubhotel interessiert, dem sei Michel Houellebecqs “Plattform” ans Herz gelegt, wo mit diesem Umfeld – es geht vornehmlich um Europäer in Thailand – radikaler abgehandelt wird.

Zuletzt muss, weil er im Roman selbst von Joachim als Referenzpunkt genannt wird, der Film “Five Easy Pieces – Ein Mann sucht sich selbst”  (1970) erwähnt werden. Jack Nicholson gibt hier den zum Ölarbeiter gewordenen Intellektuellen, der plötzlich ausreisst. Mehrmals.

Lebens-Lagen #10: 15. März

Der Brief und das Tagebuch sind seit jeher im Kreise eifriger Denker beliebte Mittel des Ausdrucks, der Lebensbewältigung. Erfahrungen, Ideen, Gedanken und Ahnungen – von der grossen Frage nach dem Sinn des Lebens bis zur Trivialität eines Milcheinkaufs – werden verarbeitet. Unzählige Schriftsteller, Philosophen, Politiker, Verleger, Psychologen usw. usf. haben der Menschheit eine Fülle privater Aufzeichnungen hinterlassen – die oftmals sorgfältig ediert, aufwendig entschlüsselt, aber wenig gelesen werden. Im Rahmen der Beitragsserie “Lebens-Lagen” widmen wir uns Tag für Tag diesen Noten aus den Leben der Briefeschreiber und Tagebucheinträger. Kalendertage der Veröffentlichung und des präsentierten Textbeispiels stimmen dabei jeweils überein. Wir wünschen viel Vergnügen!

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Am 15. März 1891 schreibt Hermann Hesse (1877 – 1962) aus Göppingen an seine Eltern:

“Liebe Eltern!
Dank für Euren Brief. Was die Vakanz betrifft, so kann ich gar nichts Bestimmtes sagen. Wahrscheinlich komme ich erst am Gründonnerstag. Am Montag nach der Konfirmation könnte ich schon in Calw bleiben (zum Ausflug), aber da müsse ich ja einen ganzen Tag verlieren, so reise ich lieber gleich am Montag wieder ab. Euer Ausflug wird ja wohl ohne mich ebenso schön werden, als wenn ich dawäre. Der Fall, dass ich plötzlich nicht mehr atmen konnte, trat in letzter Woche fast täglich ein. Heute fühle ich mich schrecklich elend. Das Atmen schmerzt mich so. Es ist kein Stich oder Brennen, sondern es ist als würde mir die Kehle zugeschnürt u. innen in der Brust ist es ein krampfhaftes Zusammenziehen. In der Vakanz, der letzten vor dem Examen, gilt es recht zu schaffen. Hoffentlich sind noch nicht viele Confirmationsgeschenke da. Wieviele habe ich denn schon? Von Onkel David wünsche ich mir (wenn möglich) das Alte Testament der Bibelerklärung, das neue besitze ich schon seit 1 Jahr.
Am Mittwoch passierte mir beim Fensterschliessen das Unglück, dass ich eine Scheibe zertrümmerte. Sie kostete 60 Pf. Ich tat es nicht aus Mutwillen, es ist mir selbst ein Rätsel, wie es eigentlich zuging.-
Zu Schaffen gibt es immer sehr viel, am liebsten ist mir immer Aufsatz u. Lateinisch.
Bitte, tut den beigelegten Brief an Herrn Bäuchle in ein Couvert u. schickt ihn durch Hans zu ihm.
Mit Gruss und Kuss!
Hermann”

Oben links steht in der Handschrift von Hermanns Vater Johannes Hesse:

“bitte zurück! u. Hermann nicht merken lassen davon, dass sein Brief Ihnen mitgeteilt worden. J.H.”

Aus: Hermann Hesse in Briefen und Lebenszeugnissen 1877 – 1895. Hg. v. Ninon Hesse. Suhrkamp 1966.

Rezension: Pascale Kramer – Die unerbittliche Brutalität des Erwachens (Rotpunktverlag, 2013)

Mit sachlicher Sprache zeichnet Pascale Kramer in „Die unerbittliche Brutalität des Erwachens“ das Bild einer jungen Familie, die den Weg in einen normalen Erwachsenenalltag sucht. Trotz der unaufgeregten Sätze vermag es die Autorin, den Leser aufzurütteln und ihm den zerrütteten Seelenzustand der Mutter vor Augen zu führen. Dabei gelingt es ihr in relativ wenigen Seiten, die scheinbare Idylle des ehemaligen Vorzeigepaares, das Alissa und Richard bilden, zu zerstören. Die Geburt der kleinen Una versetzt besonders die junge Mutter nicht in das erwartete euphorische Entzücken, sondern stürzt sie in eine gehörige Wochenbettdepression.

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Titel: Die unerbittliche Brutalität des Erwachens
Original: L’implacable brutalité du reveil (2009)
Autorin: Pascal Kramer
Übersetzung: Andrea Spingler
Verlag: Rotpunkt
ISBN: 978-3-85869-555-0
Umfang: 180 Seiten, gebunden

Zu Beginn des Romans werden Alissa und ihr Mann Richard aus dem wohlbehüteten Nest ihrer Eltern gerissen und müssen sich in ihrem neuen Zuhause einrichten. Ein wohliges und heimeliges Gefühl scheint sich bei ihnen jedoch genauso wenig einzurichten wie der Inhalt der sich stapelnden Umzugskisten. Besonders Alissa fühlt sich in ihrer neuen Situation als Mutter und Hausfrau von der Welt im Allgemeinen und von ihrer Mutter und immer mehr auch von ihrem Mann im Stich gelassen und missverstanden.

Dass sie sich in der Wohnung nicht wohlfühlt, schiebt Alissa auch darauf, dass ihre Mutter und Richard diese ausgesucht haben. Sie musste den Entscheid nur noch billigen, wozu sie sich als 27jährige Mutter geradezu gezwungen fühlt:

“Das war zwei Wochen her, sie hatte gerade entbunden, die Welt war ins Wanken geraten. Die nicht nachlassende Aufmerksamkeit um sie herum hatte sie davon überzeugt, dass sie erwachsen sein und ihr eigenes Zuhause haben wollte.”

Dass sie immer öfter mit der kleinen Tochter alleine in der Wohnung bleibt, während Richard ausser Haus ist, hilft Alissa in ihrem fragilen Zustand keineswegs weiter. Hinzu kommt, dass ihre Mutter ihr verkündet, dass sie sich von Alissas Vater scheiden lässt und dass es „einen anderen Mann in ihrem Leben“ gebe. Und auch ihr Vater scheint sich bereits anderen Frauen zu widmen. Alissa merkt, dass sie nicht mehr sie das Zentrum des elterlichen Interesses ist.

Während also das Leben ihrer Eltern wieder jugendlich-verliebte Züge annimmt, sieht die Protagonistin sich mit ihrer eigenen Tochter heillos überfordert. Dass sie nun die Verantwortung für ein solch zerbrechliches Wesen übernehmen soll, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Auch eine mütterliche Wärme sucht man bei der Protagonistin vergeblich. Ihre Rolle als liebende und fürsorgliche Mutter kann sie nur in Anwesenheit anderer erfolgreich spielen:

“Mit zitternden Schluchzern begann Una sich zu beruhigen, die Röte wich aus ihrem Gesicht. Alissa küsste sie auf die Tränen und nahm sie ihrer Mutter aus den Armen. Ohne Zeugen hätte sie nie die Kraft zu so einfachen Gesten gefunden. Dass sie allem und sich selbst zum Trotz dazu imstande war, wunderte sie selbst.”

Das Verhältnis zu ihrem Mann verändert sich im Laufe des Romans ebenso. Während Alissa langsam die Bedrohlichkeit des Lebens und der Mutterschaft erkennt, verfällt Richard immer mehr in eine eher pubertäre Version seiner selbst. Die körperlichen sowie psychischen Veränderungen seiner Frau nach der erst einige Wochen zuvor durchgestandenen Geburt scheinen ihm zu entgehen und seinem körperlichen Begehren nach ihr keinen Abbruch zu tun. Widerwillig und vermutlich mehr aus Gewohnheit denn ehrlicher Zuneigung zu ihm lässt sie seine sexuellen Avancen über sich ergehen.

Nachdem sein Freund vom Krieg gezeichnet in die Heimat zurückkehrt, verbringt Richard immer mehr Zeit mit ihm als mit seiner Frau und die beiden lassen sich von regelmässigem Marihuana-Rausch die Sinne vernebeln. Die Unterschiede zwischen Richard und Alissa, die sich ihren ehemaligen Freundinnen nach der Abkapselung durch die Schwangerschaft nicht mehr recht annähern kann, werden immer besser erkennbar.

Unter den Schwierigkeiten zu leiden hat vor allem die kleine Una. Immer mehr wird Alissa von ihrer Wochenbettdepression beeinträchtigt und sie vernachlässigt ihre neugeborene Tochter. Auch Richard bringt nicht die nötige Verantwortung auf, sodass sich die Ereignisse in den letzten paar Seiten des Romans von Pascale Kramer überschlagen. Alissa verlässt die bedrohliche Enge der Wohnung und – viel schlimmer noch – auch Una. Mit einer kurzen Kapitulations-Haftnotiz auf Unas Bauch, auf der sie erklärt, dass sie nie die Kraft haben wird, zurückzukehren, überlässt sie die Tochter sich selbst. Denn auch Richard findet in dieser Nacht nicht nach Hause.

Pascale Kramer entlässt den Leser mit nur einem kleinen Hoffnungsschimmer, der eigentlich doch keiner ist. Denn Alissa bricht zwar ihr Versprechen und kehrt zurück, ein richtiges Zugeständnis an das Kind und an das Leben ist es dennoch nicht. Denn Alissa empfindet aufgrund ihrer Rückkehr lediglich Reue, Scham und die Niederlage gegen das Leben, das wohl oder übel bis zum Schluss “würde gelebt werden müssen.”