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Rezension: Elizabeth Harrower – In gewissen Kreisen (Aufbau-Verlag 2016)

Elizabeth Harrowers fünfter Roman «In gewissen Kreisen» hätte eigentlich bereits 1971 erscheinen sollen – und wirkt vielleicht deswegen heute so entrückt und anziehend gleichermassen. Ein Buch, das zeigt, wie zerstörend unpassende Liebschaften sein können.

Rezension: Annina Haller

Harrower, geboren 1928 in Sydney, veröffentlichte ihre ersten drei Romane kurz nacheinander, der vierte folgte ebenfalls nur wenige Jahre später. Ihren fünften und letzten zog sie kurz vor Publikation und kurz nach dem Tod ihrer Mutter zurück. 2014 schliesslich wurde der Roman doch noch veröffentlicht und dieses Jahr auch auf Deutsch herausgegeben.

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Die Erzählung setzt in den Sechzigerjahren im australischen Sydney ein und schreitet anschliessend in ziemlich schnellen und darum teilweise verwirrenden Zeitsprüngen voran. Zwei Geschwisterpaare, die unterschiedlicher nicht sein könnten, werden einander gegenübergestellt. Zoes Bruder Russell bringt bei seiner Rückkehr aus dem 2. Weltkrieg eine Zufallsbekanntschaft in das gemeinsame Zuhause bei ihren Eltern: Stephen und Anna Quayle. Während Zoe und Russell Howard in einem wohlhabenden Elternhaus behütet aufwachsen, haben es Stephen und Anna schwerer im Leben. Nachdem ihre Eltern verstorben sind, wachsen sie bei ihrer psychisch stark angeschlagenen Stiefmutter auf. Die schwere Kindheit macht sich in den Persönlichkeiten der beiden Waisenkinder bemerkbar. Beide sind eher zurückhaltend, Anna dabei eher nachdenklich und Stephen beinahe griesgrämig und unberechenbar.

Russell hat während des Krieges ebenfalls schlimme Szenen miterleben müssen. Dem Leser verbergen sich diese allerdings gänzlich und können bloss erahnt werden. Hätte Harrower Russells Erlebnisse etwas genauer skizziert, wäre er in meinen Augen doch noch etwas fassbarer geworden. Leider bleibt er darum etwas auf der Strecke.

Zoe nämlich bietet im Vergleich zu ihrem Bruder nämlich ein spannenderes Bild. Obwohl ihre Kindheit und Jugend vermutlich am geradlinigsten verläuft, wirft sie genau das aus der Bahn. Dank dem Wohlstand der Eltern und kaum einer Möglichkeit zum jugendlichen Ausbruch, fühlt sie sich in ihrem Leben gefangen und gelangweilt. Das Auftauchen des ungewohnten Geschwisterpaares zieht sie darum regelrecht in ihren Bann, wirkt aber beispielsweise von Stephen gleichermassen angezogen wie abgestossen. Er wirkt gegen aussen sehr ruhig, vertritt aber sehr starke Meinungen und hat teilweise Mühe, sich zu mässigen. Im Laufe des Romans werden seine Launen fast schon beängstigend.

Anna hat ähnlich feste Ansichten, weiss sie aber passender anzubringen. Sie scheint besser einschätzen zu können, wo ihr Input gefragt ist und wo nicht.

Nicht gänzlich klar wird, weshalb die vier Charaktere aneinander haften bleiben. Und doch tun sie es. Nach einem ersten Zeitsprung nämlich heiratet Zoe Hals über Kopf Stephen. Russell hingegen heiratet nicht Anna, wie man im ersten Moment erwarten würde, sondern seine Jugendfreundin Lily, wie es schon seit vielen Jahren geplant ist. Er hört nicht auf sein Herz – das Anna gehört, wie auch das ihre insgeheim Russell gehört – sondern auf sein gesellschaftliches Pflichtgefühl. Und das rächt sich einige Jahre später.

Nach einem zweiten grösseren Zeitsprung stehen die beiden Ehen kurz vor dem Zusammenbruch. Zoes anfängliche Faszination von Stephen hat sich in die Erkenntnis verwandelt, dass sie gänzlich verschieden und inkompatibel sind. Im Nachhinein glaubt sie, Stephen als eine Art Geheimnis aufgefasst zu haben, das es aufzudecken gilt. Erst spät erkennt sie ihre Naivität und nimmt zur Kenntnis, dass sie mit Stephen wohl einen Grossteil ihres Lebens verschwendet hat. Stephens Launen machen es Zoes Entschluss jedoch schwer, das Thema Scheidung anzusprechen. (Fast zu) spät beginnt Zoe mit dem ersten Schritt in ein von Männern unabhängiges Leben. Aus dem Blickwinkel einer heutigen, jungen Frau treibt einen die Figur von Zoe darum manchmal etwas zur Weissglut, ist darum aber umso spannender.

Russell und Lilys Geister scheiden sich besonders zu dem Zeitpunkt, als ihre beiden Töchter ein Ballett-Stipendium in London erhalten. Dass sie von ihr weggehen wollen, betrachtet Lily als Zeichen der Undankbarkeit und geringen Wertschätzung der mütterlichen Bindung. Auch hier zeigt sich ein eher unbefriedigendes Frauenbild – abgenabelt von Kindern und Ehemann, der sich entweder mit seinem Geschäft oder mit einem der seltenen Spaziergänge mit Anna beschäftigt, stürzt Lily in fast schon depressive Zustände. Emanzipation sieht anders aus.

Abhilfe für ein moderneres Frauenbild schafft Anna. Sie scheint ihr Leben auch ohne Mann an ihrer Seite zu meistern – obwohl auch das teilweise nur Fassade ist. Als einzige der weiblichen Figuren sträubt sie sich dagegen, eine Heirat einzugehen aus bloss gesellschaftlichen Gründen. Sie lenkt sich zwar mit verschiedenen Männern von Russell ab, geht aber nie so weit, diese als Ehegatte in Betracht zu ziehen.
Das Wissen, dass ihr ihre einzige Liebe vermutlich versagt bleibt, nimmt sie allerdings an einem Punkt dermassen mit, dass es zum einzigen dramatischen Moment im Roman kommt.

Elizabeth Harrowers Roman ist weniger eine Erzählung als eine Analyse der fünf Hauptcharaktere. Mit psychologischer Genauigkeit werden sämtliche Beziehungen in diesem Fünfeck studiert und gegeneinander ausgespielt. Man darf nicht vergessen, aus welcher Zeit der Roman stammt – und doch lässt das Ende gewisse Parallelen mit der heutigen Zeit zu.
Ein Buch für Leser, die sich auch an sprachlichen und psychologischen Details erfreuen und nicht auf jeder Seite Nervenkitzel erwarten.

Harrower, Elizabeth. In gewissen Kreisen. Aus dem Englischen von Alissa Walser. Berlin: Aufbau-Verlag 2016. 279 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-351-03633-1 .

Lebens-Lagen #17: 24. März

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Am 24. März 1908 schreibt Elly Knapp (1881-1952) aus Strassburg an ihren Verlobten, den späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss (1884-1963):

Herzliebster, gestern habe ich wahrhaftig vergessen, dass sozusagen unser “Verlobungstag” war. Aber sophistisch rechne ich aus, dass der Kuss auf der Treppe wohl nach Mitternacht war, folglich heute erst sich jährt. Heut vor einem Jahr kamst Du dann morgens mit der Goldhaube und glückseligen Augen, und ich war ein bisschen ängstlich, ob ich wohl eine schlimme Sache gemacht hätte und nahm mir vor, Dich auf den Pfad der Freundschaft und Tugend zurückzuführen. Und morgen ist’s dann ein Jahr, dass diese meine Absicht unter dem ersten Sturm Deiner Zärtlichkeit unterging. Oder nein, das war erst am 26. – als Lulu v. Strauss weg war. Die Tage dazwischen sahen wir uns kaum allein. Aber jedenfalls habe ich noch nicht gedacht, dass ich ein Jahr später bereits meine Sachen packen würde und in unsere Wohnung schicken. Es ist uns doch ungeheuer gut gegangen, Liebster, dass wir nicht so lange, wie wir fürchteten, ohne einander noch leben mussten. (…)
Du siehst, ich lebe ganz in Erinnerung und in Zukunftsträumen. – (…)
Morgen kommen also die Packer. – Ich wollte, ich könnte mich in dem Schrank verstecken, und beim Auspacken fändst Du mich, und ich könnte helfen.
Ade Lieb.
Deine liebe Frau. -“1

 

Am 11. April 1908 traute Albert Schweitzer Elly Knapp und Theodor Heuss in Strassburg. Sie blieben bis zu ihrem Tod 1952 zusammen. Gemeinsam hatten sie einen Sohn, Ernst Ludwig Heuss.


1. Aus: Theodor Heuss, Elly Knapp. So bist Du mir Heimat geworden. Hg. v. Hermann Rudolph. DVA 1986.

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Rezension: Pascale Kramer – Die unerbittliche Brutalität des Erwachens (Rotpunktverlag, 2013)

Mit sachlicher Sprache zeichnet Pascale Kramer in „Die unerbittliche Brutalität des Erwachens“ das Bild einer jungen Familie, die den Weg in einen normalen Erwachsenenalltag sucht. Trotz der unaufgeregten Sätze vermag es die Autorin, den Leser aufzurütteln und ihm den zerrütteten Seelenzustand der Mutter vor Augen zu führen. Dabei gelingt es ihr in relativ wenigen Seiten, die scheinbare Idylle des ehemaligen Vorzeigepaares, das Alissa und Richard bilden, zu zerstören. Die Geburt der kleinen Una versetzt besonders die junge Mutter nicht in das erwartete euphorische Entzücken, sondern stürzt sie in eine gehörige Wochenbettdepression.

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Titel: Die unerbittliche Brutalität des Erwachens
Original: L’implacable brutalité du reveil (2009)
Autorin: Pascal Kramer
Übersetzung: Andrea Spingler
Verlag: Rotpunkt
ISBN: 978-3-85869-555-0
Umfang: 180 Seiten, gebunden

Zu Beginn des Romans werden Alissa und ihr Mann Richard aus dem wohlbehüteten Nest ihrer Eltern gerissen und müssen sich in ihrem neuen Zuhause einrichten. Ein wohliges und heimeliges Gefühl scheint sich bei ihnen jedoch genauso wenig einzurichten wie der Inhalt der sich stapelnden Umzugskisten. Besonders Alissa fühlt sich in ihrer neuen Situation als Mutter und Hausfrau von der Welt im Allgemeinen und von ihrer Mutter und immer mehr auch von ihrem Mann im Stich gelassen und missverstanden.

Dass sie sich in der Wohnung nicht wohlfühlt, schiebt Alissa auch darauf, dass ihre Mutter und Richard diese ausgesucht haben. Sie musste den Entscheid nur noch billigen, wozu sie sich als 27jährige Mutter geradezu gezwungen fühlt:

“Das war zwei Wochen her, sie hatte gerade entbunden, die Welt war ins Wanken geraten. Die nicht nachlassende Aufmerksamkeit um sie herum hatte sie davon überzeugt, dass sie erwachsen sein und ihr eigenes Zuhause haben wollte.”

Dass sie immer öfter mit der kleinen Tochter alleine in der Wohnung bleibt, während Richard ausser Haus ist, hilft Alissa in ihrem fragilen Zustand keineswegs weiter. Hinzu kommt, dass ihre Mutter ihr verkündet, dass sie sich von Alissas Vater scheiden lässt und dass es „einen anderen Mann in ihrem Leben“ gebe. Und auch ihr Vater scheint sich bereits anderen Frauen zu widmen. Alissa merkt, dass sie nicht mehr sie das Zentrum des elterlichen Interesses ist.

Während also das Leben ihrer Eltern wieder jugendlich-verliebte Züge annimmt, sieht die Protagonistin sich mit ihrer eigenen Tochter heillos überfordert. Dass sie nun die Verantwortung für ein solch zerbrechliches Wesen übernehmen soll, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Auch eine mütterliche Wärme sucht man bei der Protagonistin vergeblich. Ihre Rolle als liebende und fürsorgliche Mutter kann sie nur in Anwesenheit anderer erfolgreich spielen:

“Mit zitternden Schluchzern begann Una sich zu beruhigen, die Röte wich aus ihrem Gesicht. Alissa küsste sie auf die Tränen und nahm sie ihrer Mutter aus den Armen. Ohne Zeugen hätte sie nie die Kraft zu so einfachen Gesten gefunden. Dass sie allem und sich selbst zum Trotz dazu imstande war, wunderte sie selbst.”

Das Verhältnis zu ihrem Mann verändert sich im Laufe des Romans ebenso. Während Alissa langsam die Bedrohlichkeit des Lebens und der Mutterschaft erkennt, verfällt Richard immer mehr in eine eher pubertäre Version seiner selbst. Die körperlichen sowie psychischen Veränderungen seiner Frau nach der erst einige Wochen zuvor durchgestandenen Geburt scheinen ihm zu entgehen und seinem körperlichen Begehren nach ihr keinen Abbruch zu tun. Widerwillig und vermutlich mehr aus Gewohnheit denn ehrlicher Zuneigung zu ihm lässt sie seine sexuellen Avancen über sich ergehen.

Nachdem sein Freund vom Krieg gezeichnet in die Heimat zurückkehrt, verbringt Richard immer mehr Zeit mit ihm als mit seiner Frau und die beiden lassen sich von regelmässigem Marihuana-Rausch die Sinne vernebeln. Die Unterschiede zwischen Richard und Alissa, die sich ihren ehemaligen Freundinnen nach der Abkapselung durch die Schwangerschaft nicht mehr recht annähern kann, werden immer besser erkennbar.

Unter den Schwierigkeiten zu leiden hat vor allem die kleine Una. Immer mehr wird Alissa von ihrer Wochenbettdepression beeinträchtigt und sie vernachlässigt ihre neugeborene Tochter. Auch Richard bringt nicht die nötige Verantwortung auf, sodass sich die Ereignisse in den letzten paar Seiten des Romans von Pascale Kramer überschlagen. Alissa verlässt die bedrohliche Enge der Wohnung und – viel schlimmer noch – auch Una. Mit einer kurzen Kapitulations-Haftnotiz auf Unas Bauch, auf der sie erklärt, dass sie nie die Kraft haben wird, zurückzukehren, überlässt sie die Tochter sich selbst. Denn auch Richard findet in dieser Nacht nicht nach Hause.

Pascale Kramer entlässt den Leser mit nur einem kleinen Hoffnungsschimmer, der eigentlich doch keiner ist. Denn Alissa bricht zwar ihr Versprechen und kehrt zurück, ein richtiges Zugeständnis an das Kind und an das Leben ist es dennoch nicht. Denn Alissa empfindet aufgrund ihrer Rückkehr lediglich Reue, Scham und die Niederlage gegen das Leben, das wohl oder übel bis zum Schluss “würde gelebt werden müssen.”