Tag Archives: Dystopie

Wiederentdeckung: Claude Cueni – Weisser Lärm. Alptraum vom Grossen Bruder (1981)

Ein seltsames schmales Büchlein fiel mir unlängst in die Hände: das Cover in alarmistischem Gelb, geziert von einem zerzausten roten Katzenköpfchen. Darüber die Aufschrift: “Claude Cueni / Weisser Lärm / Roman / Alptraum vom Grossen Bruder”. Die Fischer-Taschenbuchausgabe (1983) eines Werks, das ursprünglich 1981 beim Aarauer Sauerländer-Verlag erschienen ist.

Der Autor Claude Cueni ist kein Unbekannter. Vor zwei Jahren verschaffte ihm der autobiographische Roman “Script Avenue”, in welchem er unter anderem vom Tod seiner grossen Liebe, von traumatischen Jugenderlebnissen und von seiner eigenen Krebserkrankung erzählt, eine grosse Medienpräsenz. Bekanntheit hatte der 1956 geborene Basler freilich schon zuvor: verschiedene historische Romane, beispielsweise die grosse Trilogie zur Geschichte des Geldes (“Cäsars Druide”, 1,998 “Das grosse Spiel”, 2006, “Gehet hin und tötet”, 2008), waren Bestseller. Des Weiteren arbeitete Cueni als Verfasser von Drehbüchern für diverse deutsche Krimiserien, etwa Peter Strohm und Eurocops. Was hingegen seine frühesten Romane betrifft, so scheinen diese weitgehend der Vergessenheit anheim gefallen zu sein.

Mindestens im Falle von “Weisser Lärm” vollkommen zu Unrecht. In diesem Frühwerk wird nicht die Vergangenheit, sondern eine mögliche Zukunft in den Blick gefasst. Es handelt sich dabei, wie der Orwell anrufende Untertitel schon andeutet, um eine klassische Dystopie, wie sie mir in dieser Ausprägung aus der Schweizer Literatur sonst nicht bekannt ist. Dystopie im helvetischen Literaturschaffen, das heisst vielfach nebelverhangene Bergstollen-Apokalypse: es sei etwa verwiesen auf Dürrenmatts “Der Winterkrieg in Tibet” (1981), Krachts “Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten” (2008) und in Ansätzen Burgers “Die künstliche Mutter” (1982) und . Cueni aber lässt uns eintauchen in einen beängstigenden Überwachungsstaat faschistoider Provenienz.

Die Hauptfigur Gustav Bender ist neunundzwanzig Jahre jung, arbeitet als Werbetexter bei der Adler Werbeagentur AG, lebt einsam und zurückgezogen mit seinem Kätzchen Sara in einer heruntergekommenen Wohnung. Als er eines Morgens mit dem unbestimmten Gefühl aufwacht, von einer todbringenden Krankheit befallen zu sein, und seinen Schwager, den Arzt Dr. Habicht, aufsucht, nehmen schreckliche Dinge ihren Lauf. Weil Bender aufgrund einer von irgendwelchen Obrigkeiten, deren genaue Führungsstruktur stets im Dunkeln bleibt, durchgeführten “Longitudinalstudie” zu einem potentiell gefährlichen Subjekt abgestempelt wird, werden er und alle Leute, mit denen er in Kontakt tritt, zu Opfern unerbittlicher Verfolgungen.

Es ist eine perverse Welt, die dieser Text lebhaft vor Augen führt: Alkoholmissbrauch, verstörende Sexualpraktiken, blutige Snuff-Pornos zu Geschäftszeiten. Leute schlafen nackt unter ihren Schreibtischen, im Keller der Agentur sitzen 143 Papageien und lernen einen Werbeslogan (“Miki!”) zu krächzen – und manchmal, manchmal hören Leute einfach auf zu existieren. So mindestens drückt es der korrupte und ekelhafte Agenturchef Adler aus, der den Protagonisten mit “Baby” anspricht, ihn und sich selbst mit Whisky abfüllt und ihm rät, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

“Ein kluger Kopf”, sagt er, “will als erstes keine Dummheiten machen.” Ein Satz, der das Denkverbot treffend zusammenfasst, das den Bürgern dieser dystopischen Gesellschaft auferlegt ist. Wer Fragen stellt, wird bestraft. Überraschende Verhaftungen, Personenkontrollen an jeder Quartiergrenze, seltsam gesichtslose Auftraggeber (alle mit Tiernamen), Zwangsumsiedlungen und Misstrauen gegenüber jeder noch so unscheinbaren Alltäglichkeit bestimmen das Dasein der Leute. Als Gustav Bender von einem “Geheimschutzbeauftragten” namens Bär den Auftrag erhält, in einem sogenannten Single-Wohnhaus den Müll der anderen Bewohner zu durchsuchen, ist er sich bald einmal nicht mehr sicher, ob wirklich nur er und nicht etwa jeder einzelne Bewohner dieses Hauses mit genau diesem Auftrag bedacht sei.

Der ganzen Thematik von der Früherkennung kriminalistischer Aktivitäten durch das Untersuchen des Abfalls, liegt im übrigen eine reale Medienberichterstattung zugrunde. Im Roman arbeiten einige Leute daran aus Medikamenten und einem Stoff, der in Käsepackungen zu finden ist, Sprengstoff herzustellen. Der “Spiegel” berichtete im September 1980 über derartige Vorfälle unter inhaftierten italienischen Rotbrigadisten.

Ist “Weisser Lärm” nun lediglich eine apokalyptische Groteske oder ein sozialpolitischer Alptraum, der näher an der heutigen Realität ist, als uns lieb ist? Mindestens was die technische Komponente betrifft, hat Cueni anno 1981 weise Voraussicht gehabt: elektronische “Wohnzimmersysteme”, “Bildschirmzeitungen” (wenn auch in diesem Fall keine portablen) und die bargeldlose Gesellschaft sind der Realität des 21. Jahrhunderts nah. Was die gesellschaftliche Struktur betrifft, das System totaler Überwachung von oben und alles durchdringender Bürokratie, so sind wir glücklicherweise heutzutage noch einige Schritte davon entfernt – der Diskurs jedoch ist brandaktuell, der “Überwachungsstaat” ein stets am Horizont dräuendes Schreckgespenst. Technische Möglichkeiten und historische Erfahrungen lassen die Erstehung eines derartigen Systems alles andere als unmöglich erscheinen.  Auch aus diesem Grunde ist Claude Cuenis zweiter Roman “Weisser Lärm” von grosser Aktualität. Das unlängst vom Schweizer Stimmvolk überraschend deutlich angenommene Nachrichtendienstgesetz lässt grüssen.

In einer Welt, in der keinem Menschen mehr vertraut werden kann, in der die persönliche Freiheit auf ein absolutes Minimum beschränkt ist, in der die letzte und einzige Wärme und Liebenswürdigkeit von einem verspielten kleinen Kätzchen ausgeht, lässt es sich nicht leben. “Weisser Lärm”, dieses erschreckende (und erschreckend gute) Frühwerk von Claude Cueni, fasst den Alptraum in lang nachhallende Worte. “Weisser Lärm” ist nicht nur ein spannendes Zeitdokument. Es ist eine erschütternde Geschichte darüber, wie wenig stichhaltige Argumente es braucht, um eine Person aus der Gesellschaft auszugrenzen, wenn nur genug Drohgebärden und Machtinstrumente aufgeboten werden. Und: Gerade in der heutigen Zeit ist der Text auch eine Mahnung, dass diffuse Ängste, etwa diejenige vor dem “Terror”, nicht das Aufgeben persönlicher Freiheiten befördern sollten – denn dies könnte weitaus schlimmere Folgen nach sich ziehen. 

Eine unbedingte Leseempfehlung.

Cueni, Claude. Weisser Lärm. Alptraum vom Grossen Bruder. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch 1983. 144 S. 3-596-22853-0

Advertisements

Rezension: Valerie Fritsch – Winters Garten (Suhrkamp 2015)

Die junge österreichische Autorin Valerie Fritsch legt mit “Winters Garten” einen poetisch kraftvollen Gegenentwurf zum Grossteil gegenwärtig kursierender Dystopien vor: Eine apokalyptische Vision, die sich kaum um die Ursachen des drohenden Untergangs schert, sondern existenzielle Fragen des Menschseins im Angesicht der Zukunftslosigkeit ins Auge fasst.


“Anton war ein Kind, das sich sowohl von der Begeisterung für das Leben als auch von jener für den Tod anstecken liess. Die Bewohner sprachen viel über den Tod in ihrem Garten, denn wie sollte man irgendwann in Ruhe sterben, wenn man darüber schwieg. Es galt ihnen: Was man nicht über die Lippen bringt, bringt man auch nicht übers Herz. Und Anton gewöhnte sich schnell an die Veränderungen, die das Leben mit sich brachte. Dass die Natur alles auflöste, was sie gebar, in einem Wasserglas, in einem Sturm, in einem Winter, fand er aufregend.”

winter

Anton Winter verbringt seine Kindheit in einer harmonisch-idyllischen Gartenkolonie, die längst nicht mehr ideologische Gemeinschaft, vielmehr Grossfamilie ist. Die Stadt liegt eine gute Stunde entfernt, manche der Erwachsenen gehen dorthin, um zu arbeiten, vor den Kindern im Garten aber sprechen sie nicht darüber. Von diesem paradiesischen Urzustand aus erzählt der Roman die Lebensgeschichte des Anton Winter.

Nach dem Tod der Grossmutter, die ihm von allen Verwandten am meisten bedeutete, verschwindet Anton eines Tages wortlos aus der Kolonie. Er geht in die Stadt. Hier begegnen wir ihm im zweiten Kapitel wieder: Inzwischen ist er zweiundvierzig, Vogelzüchter, von undurchdringlicher Traurigkeit, wissend, dass der Untergang der Welt bevorsteht. Und in genau diesem Zustand verliebt er sich zum ersten Mal in seinem Leben. Sie heisst Frederike, war Marineoffizierin, arbeitet jetzt als freiwillige Helferin in einem städtischen Gebärhaus. Denn bei all den “Verwüstungen und Gewalttätigkeiten”, den Massenselbstmorden und Trümmerfeldern, werden noch immer Kinder geboren.

Anton und Frederike beginnen ihr gemeinsames Leben, von dem sie schon wissen, dass es ein kurzes sein wird. Er ist unerfahren, eifersüchtig, von einer naiven Zärtlichkeit. Im Angesicht des Letzten, im Bewusstsein aber auch, dass ihre Liebe niemals abnehmen können wird, klammern sie sich aneinander, verlieren sich ineinander.

Als Frederike das Kind der Frau Marta zur Welt bringt, erkennt Anton in deren Mann seinen Bruder Leander wieder, den er seit der Kindheit nicht gesehen hat. Zu fünft machen sie sich, im Tosen einer zerstörten Welt kurz vor der endgültigen Vernichtung, ein letztes Mal auf den Weg in die Gartenkolonie. Wo es für Anton begonnen hat, soll es auch enden. Der Garten ist ihm gleichsam ein Ort des Erinnerns der elysischen Kindheitstage wie des Vergessens des unerträglichen Elends in der Stadt. Er erkennt: “Der Garten war immer schon Voraussetzung seiner Existenz gewesen, weniger ein Ort als ein Umstand, der ihn begleitete, wohin er auch ging.”

Valerie Fritsch (*1989) schreibt allegorien- und bilderreiche Prosa, deren archaisches Vokabular nur hin und wieder Aufschlüsse über das Alltagsleben in dieser unbestimmten Zukunft zulässt. So kommt es, dass bei aller Kraft, die etwa die Beschreibungen der Liebe zwischen Anton und Frederike zu entfalten vermögen, eine genaue Vorstellung etwa von der Stadt schwerfällt  (Ist es eine überschaubare Hafenstadt oder doch eine gigantische Metropole?). Die Hintergründe der Zivilisation und die Ursachen ihres Untergangs stehen denn auch, im Gegensatz zur Mehrzahl gegenwärtig kursierender Dystopien, keinesfalls im Fokus. Es sind existenzielle Fragen des Menschseins – insbesondere der Liebe – im Angesicht der Zukunftslosigkeit, die verhandelt werden.

Fritsch hat neben dem gemeinsam mit ihrer Mutter Gudrun Fritsch geschriebenen Gedichtband “kinder der unschärferelation” (Leykam, 2015) auch bereits zwei Prosaveröffentlichungen vorzuweisen, namentlich den Roman “Die VerkörperungEN” (Leykam, 2011) sowie “Die Welt ist meine Innerei. Reisebriefe und Bilder” (SEPTIME, 2012). Während die Sprache in “Winters Garten” die Nähe zur Poesie offenlegt, lassen sich thematisch Anschlüsse an die beiden früheren Prosawerke ausmachen. Als ein dominanter Themenkomplex ist der menschliche Körper zu nennen, dessen Veränderungen, Vergänglichkeit, Auflösungs- und Zerfallserscheinungen bereits in den Reisebriefen, wo es etwa um äthiopische Sterbehäuser geht, und auch im Romanerstling, dessen Protagonistin eine zur Ärztin gewordene Hure ist, eine gewichtige Rolle spielten.

Die Autorin schöpft sprachlich aus dem Vollen, wägt die Worte genau ab, versucht jedem Satz sein adäquates Gewicht zu geben, was zumeist auch gelingt. Es ist diese Sprache, die “Winters Garten” – eine etwas vage Geschichte mit bisweilen (vielleicht bewusst) langweiligen Figuren – über den Durchschnitt hebt. Irgendwo zwischen Nootebooms Poesie (“Philip und die anderen”), von Triers Bilderwelten (“Melancholia”) und den industriell-unterkühlten Klängen von Joy Division hat Valerie Fritsch einen körperbetonten apokalyptischen Groove gefunden, der sie als aufhorchenswürdige junge Stimme in der deutschsprachigen Literatur auszeichnet. Der Wechsel zu Suhrkamp und der Gewinn des Peter-Rosegger-Literaturpreises Anfang diesen Jahres zeugen davon, dass dieses Potenzial nicht verborgen geblieben ist.

Fritsch, Valerie. Winters Garten. Berlin: Suhrkamp 2015. Gebunden m. Schutzumschlag, 154 S. 978-3-518-42471-1


Weiterführend: Website der Autorin || Autorenkollektiv Plattform Graz

Rezension: Benjamin Stein – Replay (dtv 2015 [2012])

Orwell für die Generation Assange: Weil er in den drei Jahren, die seit seiner Entstehung vergangen sind, nichts an Aktualität eingebüsst hat, wird Benjamin Steins (gar nicht mal so) utopischer Roman über eine Gesellschaft der totalen Transparenz jetzt bei dtv neu aufgelegt. Wir müssen uns fragen: Blinken auch hinter unseren Schläfen bald blaue Lichter?

Replay

Aus dem Bedürfnis heraus “teilnehmen zu können an dieser Kommunikation der grossen Geheimnisse”, das in ihm während des Bar-Mitzwa-Unterrichts reift, wird der junge Ed Rosen Softwareentwickler (er nennt es: “Codierknecht”) einer aufstrebenden Firma im kalifornischen Silicon Valley. Selbst entstellt durch ein unbewegliches rechtes Auge, das ihm räumliches Sehen verunmöglicht, ist er Experte für Softwaresysteme, die versuchen zwischen “organischem Nervengewebe und anorganischen, nervenähnlich arbeitenden Systemen” Verbindungen herzustellen.

Vom ersten Tag an hat Ed eine besondere Verbindung zum mysteriösen, guruartigen Chef des Unternehmens, dem chilenischen Neurobiologen Matana (der teilweise nach dem realen Vorbild Humberto Maturana modelliert wurde). Seiner Firma hat dieser ein Logo verpasst – ein Paar weit geöffneter Augen -, das bezeichnend ist für seine ambitionierte Vision: Die Blinden sehend machen.

Ed entwickelt im Auftrag ein ausgefuchstes Implantat, das er selbst als Erster testet: das UniCom. Dieses Gerät, das ins Auge eingesetzt wird, zeichnet alles, was sein Träger sieht, auf und erlaubt es dadurch nicht nur Erinnerungen später beliebig oft abzuspielen, sondern etwa auch diese um zusätzliche Elemente zu ergänzen. Die Konsequenz ist so simpel wie schockierend: “Keine Erinnerung geht mir verloren, die ich nicht selbst verloren gebe.” Weitere Funktionen kommen hinzu, das Implantat wird zum Supercomputer, ist Pass, Fahrausweis, Fernseher, Kamera und Nachrichtenübermittler zugleich.


“Die Corporation ging auf Shopping-Tour: Filmstudios, TV-Networks und Patente für Technologien, die sich bis dahin nicht hatten durchsetzen können, in Verbindung mit dem UniCom aber doch noch zu ihrer eigentlichen Bestimmung fanden. Sprach- und Bilderkennung, auf beliebige Flächen projizierbare Tastaturen, an die Augenbewegungen gekoppelte Zeigegeräte, die eine herkömmliche Computermaus ersetzen konnten – das alles holte Matana unter das Dach der Corporation, die es ins UniCom integrierte. Das Implantat wurde zum universellen mobilen Computer, der so gut wie nichts wog, den man immer dabei hatte und der permanent auf Empfang war, verbunden mit der gesamten digitalen Welt.”

Innerhalb kurzer Zeit entwickelt sich das UniCom zum globalen Hit und zum unabdingbaren Bestandteil des Alltags für 70 % der amerikanischen Bevölkerung. Die “Corporation”, wie Ed die Firma nennt, der er nun sein ganzes Leben verschrieben hat, steigt zur mächtigsten Organisation des Landes auf. Auf der anderen Seite wird, wer kein UniCom tragen will bald zum “Anonymen”, zu einem ausgestossenen Individuum, dem alle Privilegien des gesellschaftlichen Lebens abhanden kommen. Ed freilich bringt kein Verständnis für die Verweigerer auf. Er sagt: “Wir unterdrücken nicht. Wir sind Dienstleister, helfen und unterhalten.”. Oder: “Aus welchem Grund sollte jemand anonym bleiben wollen, wenn er nichts zu verbergen hat?” Dass es keine Möglichkeit gibt, das Gerät, dessen Leuchtdioden hinter den Schläfen im Halbminutentakt blau aufleuchten, abzuschalten, spielt er herunter. Es gebe Probleme, sagt er, die von einer Gesellschaft als solche erkannt, aber dennoch akzeptiert würden. Was die Anonymen – ihr Sprecher ist tatsächlich Julian Assange – als “tyrannisches Zwangssystem” empfinden, nennt Rosen ein “Gebot der öffentlichen Sicherheitsinteressen”.

Steins Entscheidung, den Entwickler, ersten Träger und grossen Profiteur des ominösen UniCom, als Erzähler fungieren zu lassen, ist erstaunlich. Entscheidend ist, dass dadurch spannende Fragen, wie die Auswirkungen der UniCom-Gesellschaft etwa auf die Politik oder das kapitalistische Wirtschaftssystem unterschlagen oder nur am Rande angeschnitten werden. Intensiver widmet sich Ed den Nacherzählungen erotischer Abenteuer, die er mit seiner Freundin Katelyn und der Asiatin Lian erlebt hat; Abenteuer, die bisweilen gerade durch die neuen Möglichkeiten des UniCom prickelnde neue Dimensionen gewannen. Für ihn sind die Technologie und seine hingebungsvolle Arbeit daran die “reinste Form vollständiger Freiheit”. So ist es dem Leser überlassen, die Gegenseite weiterzudenken, sich die weitreichenden negativeren Folgen einer solchen neuen Macht für eine Gesellschaft auszumalen. Einerseits wundert man sich ob manch einer Lücke, andererseits ist die Perspektive erfrischend, da sie den Text der Gefahr enthebt, reiner Thesenroman zu sein.

Einigen stilistischen Missgriffen – exemplarisch sei die Überstrapazierung des Motivs Hirtengott Pan erwähnt – zum Trotz, ist Benjamin Steins “Replay” ein Roman, der auf geschickte Weise Problemfelder anspricht, die teilweise nicht einmal mehr als utopisch (bzw. dystopisch), sondern als Angelegenheiten mit explizitem Gegenwartsbezug gelten können. Die Gesellschaft totaler Transparenz ist nicht fern, ihre Gefahren sind evident. Matana erkennt es korrekt: Macht entsteht durch Unterwerfung. Unterwirft sich eine Gesellschaft einer neuen Technologie, ohne sie zu hinterfragen, verschiebt sich die Macht automatisch auf die Seite derer, die diese Technologie besitzen. In Zusammenhang mit dem Zitat, das Stein dem Text voranschickt, ergibt sich daraus ein beängstigendes Szenario. Der französische Regierungssprecher François Baroin sagte 2010 nach der WikiLeaks-Affäre: “Ich war immer davon überzeugt, dass eine transparente Gesellschaft auch eine totalitäre Gesellschaft ist.” Es ist wichtig, im Umgang mit persönlichen Daten im virtuellen Raum hin und wieder an diese Tatsache zu denken.


Weiterführend: Auf seinem Blog Turmsegler hat Benjamin Stein ab 2009 in der Kategorie ‘Replay’ Materialien, die in direktem Zusammenhang mit dem Roman und seinen Themenfeldern stehen, gesammelt. Ausserdem finden sich Links zu Interviews und etliche Auszüge aus Rezensionen.

Stein, Benjamin. Replay. München: dtv 2015. Taschenbuch, 176 Seiten. 978-3-423-14396-7

Rezension: Hugh Howey – Silo (Piper 2014 [2011])

Ursprünglich veröffentlichte der Amerikaner Hugh C. Howey “SILO” (Original: “Wool”) als abgeschlossene Kurzgeschichte verlagsunabhängig über Amazons “Kindle Direct Publishing”. Weil sich eine stetig wachsende Fangemeinde für die postapokalyptische Welt von Silo zu begeistern vermochte, schrieb Howey weiter. Mittlerweile existieren neun Teile, deren erste fünf im vorliegenden “SILO” zusammengefasst sind. Es ist solide dystopische Spannungsliteratur mit dem einen oder anderen handwerklichen Makel. 

howey

Titel: Silo
Original: Wool (2011)
Autor: Hugh Howey
Übersetzung: Gaby Wurster, Johanna Nickel
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05585-7
Umfang: 544 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag oder TB

Seit hunderten von Jahren leben die Menschen nicht mehr an der Erdoberfläche, sondern in gigantischen, einhundertvierundvierzig Etagen tiefen Silos im Erdinnern. Was von der alten, nun vergifteten Welt noch übrig geblieben ist, kennen sie nur von den Bildern der Kameras am äusseren Deckel des Silos. Fragen nach der Vergangenheit sind nicht erlaubt, “Ideen sind ansteckend” – und somit als Krankheit zu behandeln -, wie Bernard sagt. Er ist der diabolische Chef der IT-Abteilung, die (heimlich) die Geschicke des Silos bestimmt.

Im ersten Teil des Buches wird die Geschichte von Silo-Sheriff Holston, dessen Frau Allison einer grossen Verschwörung auf der Spur war. Sie hat sich freiwillig zur Reinigung der Kameralinsen – trotz Schutzanzügen gleichzusetzen mit dem sicheren Erstickungstod in der verpesteten Aussenwelt – gemeldet. Überzeugt, dass den Silo-Bewohnern die Unbewohnbarkeit der oberirdischen Welt nur vorgegaukelt wird, hat sie sich in ihren Tod gestürzt. Drei Jahre später ist Holston, auch wenn die Bilder, die die Kameras ins Silo projizierten, das Gegenteil zeigen, nicht überzeugt vom Tod seiner Frau. Auch er meldet sich zur Reinigung; geht raus, schrubbt die Linsen, läuft davon – und stirbt.

Der zweite Teil widmet sich der Reise, die Mayor Jahns und Deputy Marnes in den untersten Teil des Silos, die Mechanik, unternehmen, um den potenziellen neuen Sheriff – Juliette “Jules” Nichols – zu besuchen und vom Annehmen der neuen Aufgabe zu überzeugen. Der Silo kann nur über lange Wendeltreppen bereist werden, so dass es mehrere Tage von zuoberst nach ganz unten dauert. Juliette nimmt den Posten an, untersucht den Fall Holstons und gerät ebenfalls auf die Spur der Verschwörung. Dies wiederum stösst Bernard, der nach Mayor Jahns’ Tod offizieller Machthaber ist, sauer auf. Er lässt Juliette festnehmen und auch sie wird zur Reinigung geschickt.

Im Gegensatz zu allen Reinigenden davor aber, verweigert sie das Putzen der Linsen mit den Wollepads (daher der Originaltitel “Wool”) und stürzt sich in ihrem Schutzanzug sogleich über die Hügel in die angrenzende Stadt. Tatsächlich ist alles hier so giftig und unbewohnbar, wie es im Silo gesagt wird. Zu ihrer Überraschung aber stösst Juliette auf einen zweiten Silo, in den sie eindringt. Auf den ersten Blick scheint er verlassen… Im anderen Silo beginnt unterdessen die Revolte: die Mechaniker – Juliettes “Familie” – stürmen von unten nach oben, während ihr Freund Lukas in die Fänge Bernards gelangt…

***

Hugh Howey ist ein Autor, der Texte am Laufmeter produziert. Auf seiner Website lassen sich in einer Spalte am linken Rand die Titel einsehen, an denen er gerade arbeitet; inklusive eines wortgenauen Zählers, der angibt wie viel Prozent eines Textes bereits vollendet sind. Literatur als Ware: für Diskussionsstoff ist also bereits durch seine Arbeitsweise gesorgt.

Es liesse sich etwa folgender Vorwurf vorbringen: wer an mehreren Texten gleichzeitig arbeitet und neue Geschichten wie am Fliessband auf den Markt bringt, nimmt sich nicht die nötige Zeit, um den Inhalten die nötige Tiefe zu geben. Und tatsächlich findet sich dieser Vorwurf in “Silo” bisweilen bestätigt. Einige Rezensenten, etwa auf Dystopische Literatur, zeigten sich von SILO ungleich begeisterter als wir, verglichen gar mit Horror-Grossmeister Stephen King, der sich ja auch schon mit solch abgeschotteten Alles-unter-einem-Dach-Welten auseinandergesetzt hat. Ich finde, das Lob greift zu weit.  Die Geschichten sind zweifellos spannend, die postapokalyptische Szenerie und der Weg, der die Menschheit in die Silos geführt hat, regt viele Gedanken an. Allerdings sind viele Dinge dieser Welt nur in Grundzügen gezeichnet, vieles bleibt oberflächlich, einiges mangelhaft erklärt (Warum gibt es im Silo nur Treppen und keine Aufzüge?). Die Figuren sind zwar  zumeist gut gezeichnet, haben markante Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen, problematisch ist jedoch, dass diesen Figuren fixfertige Probleme vorgesetzt werden, bei deren Lösung sich besagte Charakterzüge kaum je zeigen. So kommt es, dass einige der prägenden Figuren – etwa Lukas Kyle oder auch Bernard – letztlich doch flach rüberkommen. Eigenständigere Charaktere und besser ausgearbeitete Konflikte wären wünschenswert gewesen. Aber: “SILO” (“Wool”) ist nicht der Schluss der Reihe; in englischer Sprache existieren bereits zwei weitere Bände, “Shift” und “Sand”, so dass die Hoffnung auf mehr Erklärungen und stärkere Figuren erhalten bleibt.