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Rezension: Arnon Grünberg – Der jüdische Messias (Diogenes 2014 [2004])

Neun Jahre lang wartete der Diogenes-Verlag mit einer Übersetzung von Arnon Grünbergs aberwitziger, jedes Tabu missachtenden Groteske “Der jüdische Messias”. 2013 letztlich erschien der Text auf Deutsch, seit diesem Jahr liegt er auch als Taschenbuch vor. Die Geschichte von Xavier Radek, dem selbsternannten “Tröster der Juden”, ist ein Panoptikum der Absurditäten und der menschlichen Grausamkeiten. 

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Zu Beginn des Buches ist Xavier Radek ein knapp sechzehnjähriger Basler Junge, der heimlich in den Erbschaften seines Grossvaters stöbert. Dieser war KZ-Aufseher, ein Nazi aus Überzeugung, der bis zu seinem letzten Atemzug die Ideologie verteidigt und Juden ermordet hat. So ist es nicht verwunderlich, dass auch Hitlers Schrift “Mein Kampf” zu seinen Habseligkeiten gehörte. Xavier, der sich selbst als “unter einem glücklichen Stern” geboren sieht und das Leiden nicht kennt, liest darin und erfährt vom Unglück der Juden, die “Feinde des Glücks” genannt werden. Er fasst einen fatalen Beschluss: “Er würde die Juden trösten.”

Um diesen Plan in die Tat umzusetzen muss er zunächst selbst Jude werden. Der missionarische Eifer, mit dem sein Grossvater einer Bewegung gedient hat, ist dabei sein Vorbild. Er schliesst sich zionistischen Organisationen an und nähert sich dem orthodoxen Juden Awrommele an. Dieser ist Sohn eines falschen Rabbiners, glaubt nicht an die jüdischen Rituale, führt sie aber trotzdem aus, weil er die Leere ohne sie fürchtet. Zwischen ihm und Xavier beginnt eine intensive homoerotische Freundschaft, gebunden an einen Pakt, der sie verpflichtet nichts zu fühlen.

Awrommele hilft Xavier, Jude zu werden. Er bringt ihn zu einem halbblinden pensionierten Mohel, der nur noch mit Käse handelt. Der soll ihn illegal beschneiden, der Eingriff geht jedoch schief und Xavier verliert einen Hoden, den er fortan in einem Glas aufbewahrt und “König David” nennt. Die Figur Xaviers entwickelt hier erste Parallelen zu Adolf Hitler, welche sich im Verlauf der Geschichte häufen, etwa in Xaviers Versuch Kunstmaler zu werden oder in der apokalyptischen Endszene, in der Xavier in einem Bunker seine Schäferhunde erschiesst.

Schon in Basel fassen Awrommele und Xavier den Plan, “Mein Kampf”, den sie als den “Grossen Jiddischen Roman” betrachten, ins Jiddische zu übersetzen. Es findet sich ein Verleger, der das “tabulose Zeitalter” verkündet, die beiden jungen Männer stürzen sich in die Arbeit, die sie bis zum Schluss zusammenhält. Nachdem ihnen Basel zu eng geworden ist, reist das ungleiche Paar nach Amsterdam, wo Xavier eine kurze aussichtslose Zeit an der Kunstakademie verbringt und Awrommele, weil er “nicht nein sagen kann” mit etlichen anderen Männern schläft. Nachdem Xavier ein Verbrechen begangen hat, flüchten sie nach Israel, wo Xavier schliesslich eine Karriere als Politiker startet. Er hat gelernt: “Erst kommt die Macht, dann kommt der Trost.” Er fühlt sich zu Höherem berufen und bahnt sich rücksichtslos seinen Weg. Zuletzt ist er israelischer Ministerpräsident und droht der westlichen Welt mit dem nuklearen Krieg.

Neben diesem Haupterzählstrang baut Grünberg etliche Nebengeschichten in seinen Text ein, die Xaviers und Awrommeles Abenteuern an Absurdität in nichts nachstehen. So lässt sich etwa auch die Geschichte von Xaviers Mutter verfolgen, die die rassischen Ansichten ihres Vaters geerbt hat. Nach dem Tod ihres Mannes, Xaviers Vater, lebt sie mit einem schwulen Freund zusammen, betrachtet aber ein Brotmesser, mit dem sie sich regelmässig verletzt, als ihren wahren Liebhaber. Es gibt eine Gruppe marodierender Jugendlicher – sie gemahnen an die Bande aus A Clockwork Orange – , die im Namen Kierkegaards Leute bewusstlos prügeln und Mädchen missbrauchen. Es gibt einen ägyptischen Imbissbesitzers, der mit seinen Hunden den Mond anheult und jungen Frauen die Ohren abschleckt. Und so weiter, und so fort.

Oftmals ist “Der jüdische Messias” nur aufgrund der offensichtlichen grotesken Züge, der ironischen Distanz mit der Gewalt, Sex und Bigotterie beschrieben werden, überhaupt erträglich. Grünbergs lakonische Sprache, die nie anklagend, stets nur beobachtend ist, verstärkt die Wirkung der menschlichen Grausamkeiten, die er ohne Beschönigungen beschreibt. In vielerlei Hinsicht lässt sich “Der jüdische Messias” auch als Prätext zum 2014 erschienenen “Der Mann, der nie krank war” lesen. Während dieser Roman aber fokussiert und knapp gehalten ist, ist “Der jüdische Messias” mit seinen gut 640 Seiten ziemlich ausufernd. Diese Länge hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Während die Erlebnisse in Amsterdam und Israel auf wenig mehr als 200 Seiten auf den Punkt gebracht und in rasantem Tempo vorgetragen werden, sind der kurzen Basler Zeit mehr als 400 Seiten gewidmet. Es kommt in diesen Passagen zu einigen unnötigen Längen. Wenn etwa seitenlang beschrieben wird, welche Nachwirkungen die missglückte Beschneidung zeitigte, so ist das nicht nur ekelerregend, sondern könnte auch als reine Effekthascherei ausgelegt werden. Es trüben solche Stellen etwas den Eindruck dieses insgesamt zweifellos meisterlich durchdachten Romans, der schonungslos alle Scheinheiligkeiten und Halbwahrheiten unserer Gesellschaft offenlegt und vor keinem Tabu zurückscheut. Der Text ist voller Leute, die über Traumata aus Vergangenheit und Gegenwart “vornehm hinwegsehen”. Anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen, flüchten sie sich in Gewalt und verrennen sich in unterschiedlichen sexuellen Identitätssuchen, die meist brutal enden.

Arnon Grünberg  ist ein Autor, der das sagt, was andere auslassen. Er benennt die Dinge, um die andere vage herumschreiben. Er legt den Finger in die Wunden unserer Gesellschaft und bohrt darin herum. Grünberg ist der grosse Provokateur des erstickten Lachens.  Das ist lesetechnisch eine Grenzerfahrung und sicherlich nicht jedermanns Sache, als scharfsinniges Zeugnis menschlicher Fehler und Lügen aber unverzichtbar.

Ein aufschlussreiches Interview mit dem Autor (2013):

 

Grünberg, Arnon. Der jüdische Messias. Roman. Aus dem Niederländischen von Rainer Kersten. Zürich: Diogenes 2014. 640 Seiten, Taschenbuch. 978-3-257-06854-2

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Rezension: André Comte-Sponville – Liebe. Eine kleine Philosophie (Diogenes 2014)

Die Franzosen und die Liebe: Dass dies ein ganz besonderes Verhältnis ist, war auf dieser Seite auch schon hin und wieder ein Thema, etwa als Marilyn Yalom uns zu erklären versuchte, wie die Franzosen die Liebe erfanden. Der populäre Philosoph (oder Populärphilosoph) André Comte-Sponville nähert sich der Materie in seinem Aufsatz nun mithilfe des philosophischen Kanons, insbesondere Platon und Spinoza. Eine feinfühlige und erhellende Diskussion.

In einer ausführlichen Einleitung widmet sich der Autor – bzw. Redner, denn bei dem Text handelt es sich um die korrigierte Abschrift eines Referats – einer Gliederung in drei Ebenen des Handelns. Der seltene Idealfall ist das Handeln aus Liebe, ihm folgt das Handeln aus moralischen Gründen, diesem wiederum das Handeln aus Gründen des Rechts und der Höflichkeit: “Meist genügt die Liebe nicht; dann greift die Moral ein und schreibt uns vor zu handeln, als würden wir lieben.”
Dieses Handeln als ob ist keinesfalls abwertend zu verstehen. Denn es stimmt: Eine Gesellschaft, in der alle sich nach den Geboten von Recht und Höflichkeit verhielten, wäre annähernd perfekt; eine Gesellschaft, in der man sich allen gegenüber nach dem Gebot der Liebe verhalten müsste, wäre zu kompliziert. Und doch braucht es in gewissen Fällen die Liebe, es braucht mehr als nu das als ob.

Comte-Sponville unterscheidet drei Spielarten, denen er jeweils einen ausführlichen Abschnitt widmet. Benannt sind sie nach griechischen Begriffen für unterschiedliche Formen der Liebe.

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I. Eros, “die leidenschaftliche Liebe”: Der Eros steht, nicht wie populär häufig angenommen wird (“erotisch”, “erogen”), für reine Sexualität, sondern für die Liebe aus Leidenschaft, die Liebe des Verliebtseins. (Sexuelle Lust dagegen hiess im alten Griechenland ta aphrodisia). Comte-Sponville erläutert den Eros anhand von Platons Gastmahl, innerhalb dessen er detailliert die Reden des Aristophanes und des Sokrates aufgreift. Das grosse Paradoxon, das den Autor selbst davon abhält, Platoniker zu sein, wird in einer Formel zusammengefasst: Liebe = Begehren = Mangel. Das Begehren hat gemäss dieser Formel immer mit Mangel, also Abwesenheit, zu tun. Ist dieser behoben, erlischt das Begehren. Schopenhauer prägte den Begriff der “Langeweile”, die einsetzt, sobald das Ermangelte verfügbar ist. Diese pessimistische Philosophie schliesst die Möglichkeit glücklicher Paare aus, wogegen sich Comte-Sponville entschieden wehrt.

II. Seine Antwort darauf ist die Philia, “die Freude an der Liebe”: ein Konzept umfassender Freundschaft, stärker als Zuneigung; es ist die Liebe zu dem, was uns nicht fehlt. Aristoteles beschrieb sie für Eheleute, Montaigne sprach von der “amitié maritale”, der ehelichen Freundschaft, die heutige Alltagssprache kennt zudem die Begriffe “mein Freund”/”meine Freundin” für Partnerschaften unter nicht Verheirateten. Der Autor greift auf den Philosophen Spinoza zurück, dessen Formeln lauteten Liebe = Freude und Begehren = die “Macht des Menschen, kraft deren er existiert und etwas bewirkt”. Dies ist die Ansicht, der auch Comte-Sponville zustimmt. Ein glückliches Paar, sagt er, “ist ein Paar, das den Mangel in Freude hat umwandeln können”. Es kommt darauf an, nicht mehr die Illusion, sondern die Wahrheit des jeweils anderen zu lieben. Die Illusion von dauerhafter Leidenschaft muss aufgegeben werden, denn diese kann nur im Unglück bestehen (Tristan & Isolde, Romeo & Julia, …). Die finale These des Autors lautet: “Es ist besser zu lieben, was wir kennen, als von dem zu träumen, was wir lieben.”

III. In einem kurzen Kapitel kommt er letztlich auf die Agape, die “uferlose Liebe” zu sprechen. Der Begriff ist wiederum griechisch, findet sich in der Antike jedoch nicht, sondern taucht als Neologismus erst in Bibelübersetzungen der Spätantike auf. Mit Agape bezeichnet man die Liebe Gottes, die Liebe Jesu. Comte-Sponville, der neben der Bibel hierzu auch Simone Weil zitiert, nennt sie “die Liebe, die darauf verzichtet, ihre Macht ungehemmt auszuüben”. Sie kann sich auch zwischen Mann und Frau oder zwischen Mutter und Kind zeigen. Es ist eine rein schenkende (nach Thomas von Aquin) Liebe, die von jedem Ego befreit ist.

In seiner Schlussbemerkung betont Comte-Sponville das gleichzeitige Auftreten dieser drei Spielarten in den meisten Fällen, sie sind drei Pole im Kraftfeld der Liebe. Auf seinen eigenen Atheismus, den er auch schon in Buchform thematisiert hat, zu sprechen kommend, nennt Comte-Sponville die Liebe letztlich einen “Gottesersatz”. Ihren Ursprung sieht er in Sexualität und Familie, zuallererst und insbesondere in Müttern. Dies bringt ihn zum schönen Satz:

“Die meine war, obwohl sie, wie alle Mütter, unvollkommen, unzulänglich und übertrieben besorgt war, so liebevoll, dass ich mir, um die Liebe zu erklären, nichts anderes – wie etwa Gott – vorstellen muss.”

 

André Comte-Sponvilles bis heute erfolgreichstes Buch heisst “Ermutigung zum unzeitgemässen Leben”. In seinen Darlegungen zur Liebe kommt er oft darauf zurück, und dies mit gutem Grund. Als ‘unzeitgemäss’ mögen nämlich auch Kritiker die Wertevermittlung des französischen Philosophen bezeichnen, der mit seinem bedingungslosen Einstehen für die Paarbeziehung, die glückliche Ehe und weitere eben zunehmend ‘unzeitgemässe’ Tugenden eine klare Position bezieht. Auf der anderen Seite ist der Text aber eben auch eine überzeugende Ermutigung, diese zu Unrecht mancherorten verschrienen Ideale hochzuhalten. Comte-Sponville erklärt sich präzise, leicht verständlich, gelehrt aber nie belehrend und humorvoll. Ein gewisses biedermännisches Element ist seinen Darlegungen nicht abzusprechen, aber dennoch trifft er gerade mit seinem Unzeitgemässen den Nerv der Zeit und bespricht den ewig faszinierenden Themenkomplex der Liebe sehr erhellend.

Comte-Sponville, André. Liebe. Eine kleine Philosophie. Zürich: Diogenes 2014. Aus dem Französischen von Hainer Kober. 176 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-257-06890-0

Rezension: Bernhard Schlink – Die Frau auf der Treppe (Diogenes, 2014)

Bernhard Schlinks neuer Roman “Die Frau auf der Treppe” ist schlankes Werk, das sich mit Fragen nach dem richtigen und falschen Leben, nach Reue, Niederlage und Jugend befasst. In seinen schwächsten Momenten wirkt es altersmüde, in seinen besten Momenten regt es die Gedankenwelt so an, dass man sich selbst zu fragen beginnt: Lebe ich richtig? 

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Titel: Die Frau auf der Treppe
Autor: Bernhard Schlink
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06909-9
Umfang: 256 S., Taschenbuch

Der Ich-Erzähler der Geschichte, ein Frankfurter Anwalt, Seniorpartner seiner Firma, wohl zwischen seinem 60. und 70. Lebensjahr stehend, befindet sich geschäftlich in Sydney und entdeckt in der Art Gallery ein Bild, das ihm nur allzu gut bekannt ist: Es zeigt eine nackte Frau, die die Treppe hinuntersteigt. Jahrzehntelang hat er es für verschollen gehalten, sein Anblick trägt in zurück ins Jahr 1968, zu seinem ersten juristischen Fall, zu seiner grossen Liebe: Irene.

Irene ist die Frau, die auf dem Bild nackt die Treppe hinabsteigt. 1968 kam sie mit Karl Schwind, dem Maler, zum jungen Anwalt. Ein Streit war um das Bild entbrannt. Irenes Ehemann, der stinkreiche Gundlach, hatte es von Schwind anfertigen lassen und zürnte diesem nun, weil er mit Irene durchgebrannt war… Im Laufe des von kleinen Boshaftigkeiten geprägten Falles verliebte sich der Ich-Erzähler in Irene und wollte seinerseits mit ihr durchbrennen. Sie jedoch schnappte sich das Bild und verschwand.

Jahrzehnte später nun  sieht er  also das Bild wieder. Er ist inzwischen Witwer, Vater dreier Kinder, pingeliger, rastloser Arbeiter, der mit Gefühlen kaum klarkommt. Er beschliesst, Irene in Australien zu suchen. Er findet sie, in einem einsamen abgelegenen Haus. Todkrank. Eine zweiwöchige Odyssee durch Gegenwart, tatsächlich gelebte und mögliche Vergangenheiten beginnt. Im Laufe der Tage machen auch Gundlach und Schwind noch einmal ihre Aufwartung–

Der Erzähler macht sich im Laufe dieser Zeit viele Gedanken. Über das Alter, die Reue, die Niederlage, das Was-wäre-gewesen-wenn. Er sagt: “Ich klage nicht darüber, dass ich alt bin”, was ihn aber beschäftigt, sind all die Ungewissheiten, die grossen Fragezeichen überall.

“Wenn ich jetzt auf die Vergangenheit zurückschaue, weiss ich nicht, was Last und Geschenk war, ob der Erfolg den Preis wet war und was sich in meinen Begegnungen mit Frauen erfüllt und was sich mir versagt hat.”

Nach der Wiederbegegnung mit dem Bild weiss er plötzlich nicht mehr, was er aus seinem eigenen vergangenen Leben machen soll. Er ist, genau wie seine Antipoden Gundlach und Schwind, eingenommen von den lange zurückliegenden Ereignissen, kann sie nicht loslassen, wird durch das Auftauchen des Bildes angestachelt und schwelgt in einer Art selbstmitleidiger, negativer Nostalgie.

“Die frühen grossen Niederlagen lenken unser Leben in eine neue Richtung. Die frühen kleinen verändern uns nicht, aber begleiten und quälen uns, stets kleine Stachel im Fleisch.”

 

Wie Gérard von Pop-Polit in seiner sehr treffenden Rezension des Buches erwähnt, leidet “Die Frau auf der Treppe” bisweilen wahrlich unter den fehlenden Sympathien, die die Protagonisten zu erwecken vermögen. Irene ist die einzige halbwegs sympathische Figur, während Gundlach, Schwind und der Erzähler sich oft wie besessene, verbissene Sturköppe ohne Empathie geben. Nichtsdestotrotz vermögen einige der Fragen, die der Erzähler aufwirft das eigene Nachdenken über die richtigen und falschen Entscheidungen im Leben, den Umgang mit Niederlagen und de Vergangenheit anzuregen.

Sprachlich bleibt Schlink  auch mit mittlerweile siebzig Jahren seiner stilistischen Knappheit treu. Was etwa in seinem bekanntesten Werk “Der Vorleser” jedoch immer prägnant, auf den Punkt gebracht wirkte, erscheint in diesem – können wir es so nennen? – Alterswerk auch schonmal ziemlich spröde, eben zu knapp.

Alles in allem liefert der Autor mit “Die Frau auf der Treppe” einen gut komponierten, klaren Roman ab, der aber keinesfalls als Glanzleistung bezeichnet werden kann.

Rezension: Urs Widmer – Gesammelte Erzählungen (Diogenes 2014 [2013])

Die Gesammelten Erzählungen des Schweizer Schriftstellers Urs Widmer, von Diogenes anlässlich seines 75. Geburtstags 2013 in edler Ausgabe veröffentlicht, liegen nun auch im Taschenbuch vor. Die 32 Texte bieten einen hervorragenden Einstieg in den vielfältigen, kunterbunten Kosmos des inzwischen leider verstorbenen Autors, der mit Recht zu den Grossen der Schweizer Gegenwartsliteratur gezählt werden darf.

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Titel: Gesammelte Erzählungen
Autor: Urs Widmer
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-24240-9
Umfang: 768 Seiten, Taschenbuch

Der erste Teil des vorliegenden Bandes versammelt die sechs längsten Erzählungen, allesamt Texte, die bei Widmers Hausverlag Diogenes ursprünglich als Einzelausgabe erschienen waren. Den Anfang macht Widmers Debüt “Alois”, der nicht nur aufgrund seiner chronologischen Position noch immer einer der bemerkenswertesten Texte des Autors ist. In einem Interview sagte er 2013 über seine Schriftstellerwerdung: Und dann habe ich 1967 in Frankfurt ein Papier in die Maschine gespannt, und “es” schrieb. Das war dann diese kleine Broschüre “Alois”.” 

“Alois” ist surreal, eine lose Abfolge von Eindruckssequenzen denn Handlung, “ein Erzählbouquet, lauter Farben und lose Miniaturen”, wie Beatrice von Matt in ihrem Nachwort schreibt. Dennoch erscheinen in dieser eigenartigen Vermengung von Western, Comic, Popliteratur und Bildungsroman bereits Motive, die Widmers gesamtes erzählerisches Schaffen geprägt haben: der Ich-Erzähler, sein Begleiter (hier Alois), die grosse Bedeutung der Kindheit und eine prominente Vaterfigur etwa.

Obschon Widmers erzählerisches Werk, wie dieser Sammelband eindrücklich beweist, enorm vielfältig ist, der Autor mit unterschiedlichsten Gattungen, Formen und gar Sprachen – “Liebesbrief für Mary” (1993) ist grösstenteils in (helvetisch angehauchtem) Englisch geschrieben – spielte, haben ihn bestimmte Themen ein ganzes schriftstellerisches Leben lang begleitet. Neben den bereits erwähnten ist auch der Topos des Künstlers hervorzuheben, den Widmer sehr oft thematisiert: seine Künstler – seien es Schriftsteller, Maler oder Musiker – leiden, ja scheitern oft an ihrer unbedingten Hingabe zur Kunst. Etwa der Maler in der genialen Erzählung “Indianersommer” (1985), der nicht mehr malt, obwohl noch so viele Bilder in ihm sind; der verstummte Sänger in “Orpheus, zweiter Abstieg”; (1997) der schrecklich verwirrte Opernkomponist in “Die schreckliche Verwirrung des Giuseppe Verdi” (1977); und so weiter. Häufig auch erscheinen die Künste im Lichte ihrer mystischen Dimension, so beispielsweise wiederum in “Indianersommer”, wo ein Höhlenmaler merkwürdige Symbole für alles Ausgestorbene in den Fels ritzt. Oder der Ich-Erzähler in “Liebesbrief für Mary”, der einer Aborigine-Songline quer durch die australische Wüste folgt.

Im bereits oben zitierten Interview sagte Widmer: Ich habe lebenslang einen großen Grundpessimismus gehabt. Ich bin ein Katastrophiker. Aber ich bin auch stets in der Lage gewesen zu spalten: In meinem Alltag hat so viel Optimismus Platz und viel Lust. “ Diese Spaltung kommt auch in vielen seiner Erzählungen deutlich zum Ausdruck. Obschon Widmer ein Meister der verzweifelten Verirrung und der kuriosen Grausamkeiten des Lebens ist, obschon es in diesen Geschichten Verleger gibt, die von ihren eigenen Büchern erschlagen werden, Leute, die von ihrer eigenen Selbstschussanlage zerschossen werden, obschon er wundersam desperate Sätze schreibt wie “Kein Mensch ist für die Temperaturen gebaut, die die Liebe erzeugt.” (Aus: “Eine Herbstgeschichte”), bleibt doch auch häufig Platz für mindestens einen Funken Optimismus – und für Humor. Manche der kürzeren Geschichten, etwa “In Amerika” (1972), sind wahre Perlen dieses hintergründigen Widmer’schen Humors.

Und dann ist da wieder dieser Maler in “Indianersommer”: Plötzlich nimmt er eine Tuba zur Hand und beginnt zu spielen. Er will “ein Virtuose in der Kunst werden (…), laute Instrumente leise zu spielen.” Auch Urs Widmer war – in übertragenem Sinne – ein Virtuose in dieser Kunst: sein Ton ist mal ruhig und besonnen, mal kurvenreich und verspielt, niemals jedoch angeberisch oder laut schreiend. Der Adjektive sind viele, mit der man seine Sprache zu etikettieren vermöchte, eines aber trifft immer: sympathisch. 

“Das Schreiben ist das Ziel, nicht das Buch” lässt er seinen Ich-Erzähler in “Das Paradies des Vergessens”  (1990) sagen. Ein schickes Bonmot, und doch sind wir selbstverständlich froh, hat es dieses Geschriebene oft genug ins Buchformat geschafft, so dass uns die erzählerische Freude, die Fabulierlust, der Witz und das Wissen dieses grossen, facettenreichen Erzählers für immer erhalten bleiben.

 

 

Rezension: Evelyn Waugh – Scoop (Diogenes, 2014 [1938])

Der britische Autor Evelyn Waugh (1903-1966) hat mit “Scoop” nicht nur eine genial strukturierte Satire auf das Gewerbe der Journalisten geschrieben, sondern auch eine bis zum Bauchkrampf lustige Verwechslungskomödie. Eine anstrengende Lektüre – für die Lachmuskeln.

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Titel: Scoop
Original: Scoop. A Novel about Journalists (London 1938)
Autor: Evelyn Waugh
Übersetzung: Elisabeth Schnack
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-24274-4
Umfang: 314 Seiten, Taschenbuch

Der Autor, Evelyn Waugh, bereiste als Journalist für die Daily Mail einige Male Afrika. Es darf angenommen werden, dass einige Ideen des Buches auf diesen Erfahrungen gründen; insbesondere auf einem Auftrag, den Waugh im August 1935 erhielt: als Reporter wurde er nach Abessinien (Äthiopien) geschickt, um dort eine angebliche geplante Invasion Mussolinis abzuwarten.

So auch die Prämisse von “Scoop”: die britischen Zeitungen vernehmen, dass im nordafrikanischen Staat Ishmaelia Krieg ausbrechen soll. Die Pressemagnaten beeilen sich, ihre besten Reporter in dieses Land zu schicken, über das sie in ihren Büros an der Fleet Street überhaupt nichts wissen. Sie wissen nur: ihre Zeitung braucht den scoopdie exklusive Meldung, die sie vor der Konkurrenz verbreiten können.

Beim Daily Beast wird man auf Boot aufmerksam gemacht, einen draufgängerischen Romanschriftsteller, der genau der richtige für den Job sei. Der Name macht die Runde und wird schliesslich dem verantwortlichen Mr. Salter präsentiert. Anstatt den gemeinten John Boot, bringt der den Namen mit William Boot in Verbindungen, einem faulen Landadligen, der für die Zeitung die Naturkolumne “Üppige Auen” verfasst.

Lange Rede, kuzer Sinn: Naturkolumnist William Boot wird nach Ishmaelia geschickt. Eine Frage hat er vor der Abreise noch an Mr. Salter:

“Doch,  eine Sache noch. Ich lese nämlich selten Zeitung. Können Sie mir sagen, wer gegen wen kämpft?”
“Ich glaube, die Patrioten gegen die Verräter.”
“Ja, aber welche sind denn welche?”
“Oh, das weiss ich nicht. Das ist Politik. Das geht mich nichts an!”

Nach bürokratischem Kleinkrieg mit verschiedenen Konkurrenzkonsulaten, reist Boot schliesslich mit einer halben Tonne Gepäck nach Afrika. Dort trifft er auf friedlich herumlungernde Journalisten in Erwartung von etwas Grossem, alle darauf aus, ihren Scoop zu landen. Er freundet sich mit Corker an, der ihm den Journalismus erklärt.

“Eine Neuigkeit ist etwas, das einer lesen will, dem im Grunde alles reichlich wurst ist. Und für ihn ist’s nur so lange eine Neuigkeit, bis er’s gelesen hat. Danach ist die Geschichte erledigt. Wir werden doch dafür bezahlt, Neuigkeiten zu liefern. Wenn schon jemand anders einen Bericht eingeschickt hat, ist unsrer keine Neuigkeit mehr. Klar, es gibt noch Lokalkolorit. Aber das ist bloss Schaumschlägerei. Schnell geschrieben und schnell gelesen, aber für eine Telegramm zu teuer, also dürfen wir nur wenig davon bringen.”

Die Journalisten belauern sich gegenseitig, gönnen einander nichts. Raubtiere auf der Jagd. Und die verantwortlichen Stellen in Ishmaelia versuchen je länger je mehr die Meute der Europäer loszuwerden. Der komische Höhepunkt des Romans ist eine Szene, in der sich der gesamte Konvoi aus Journalisten in Bewegung setzt, weil man ihnen gesagt hat, in der Stadt Laku im Landesinneren sei mehr los. Das Problem: die Stadt Laku gibt es nicht. Aufgrund eines Missverständnisses werden  zunächst alle Journalisten verhaftet und ins Gefängnis gesetzt; eine Stunde später brechen sie von neuem auf. Einzig William Boot bleibt in der Stadt – und das verschafft ihm schliesslich den entscheidenden Vorteil: während sich alle Kollegen irgendwo in der Wüste auf der Suche nach einer inexistenten Stadt befinden, bahnt sich in der Hauptstadt, wo Boot ist, ein grosses politisches Ereignis an…

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Evelyn Waugh, ca. 1940

Waughs Roman ist einerseits zu Brüllen komisch, andererseits aber auch ein bis ins Detail durchdachter Text von hohem literarischem Rang. Immer wieder finden sich in dem in drei Teile gegliederten Roman überraschende Verweise und Symmetrien, etwa wird die Befremdung, die William erfährt, als er im ersten Teil von seinem familiären Landsitz Boot Magna an die Fleet Street berufen wird, im letzten Teil in Mr. Salters Strapazen gespiegelt, als er den zurückgekehrten William für ein ihm zu Ehren veranstaltetes Bankett auf Boot Magna abholen soll.

Mit ungebändigter Energie und brillanter Komik ist diese tour de force durch die Abgründe des Journalismus verfasst. Scheinheiligkeit, Heuchelei und Halb- bzw. Unwissen aller Beteiligten werden mit unerbittlichem Humor abgekanzelt.  Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs hat Waugh diesen Roman verfasst: einen Roman, der neben seiner primären Funktion als Journalistensatire, auch ein Roman über das drohende Unheil ist, über einen Krieg, von dem niemand recht weiss, ob er ausbrechen wird…

Auch die Schlussszene könnte in dieser Hinsicht gedeutet werden. William ist wieder zuhause, schreibt an einer neuen Kolumne über mütterliche Nager und ihre Nachkommenschaft – indes draussen…

“Draussen jagten die Eulen mütterlich besorgte Nager und deren flaumige Nachkommenschaft.”

“Scoop” ist ein Roman, dem man bei mehrmaliger Lektüre verschiedenste Aspekte abgewinnen kann, der aufgrund seiner cleveren Planung und seiner versteckten Details viel Stoff zur Diskussion birgt. Aber vergessen wir nicht: in erster Linie lädt dieses Buch schlicht zu herzhaftem Lachen ein. Ein Umstand, der im Kanon der “hohen” Literatur nicht allzu häufig ist, und umso dankbarer angenommen werden darf. 


Evelyn Waughs Werk in deutscher Sprache beim Diogenes-Verlag.

Rezension: Philippe Djian – Die Rastlosen (Diogenes, 2012 [2010])

Philippe Djians 2010er-Roman “Incidences” (2010; deutsch “Die Rastlosen”, 2012) folgt dem als Schriftsteller gescheiterten Literaturdozenten Marc, dessen Eskapaden ihn rasant einem unvermeidlichen Abgrund entgegentreiben. Die Chronik eines zerstörerischen Lebens, rücksichtslos, ohne Schnörkel erzählt bis zum bitteren Ende. 

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Titel: Die Rastlosen
Original: Incidences (Gallimard, 2010)
Autor: Philippe Djian
Übersetzung: Oliver Ilan Schulz
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06834-4
Umfang: 226 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Irgendwann hat Marc gemerkt, dass ihm der “Genius” fehlt, um den Durchbruch als Schriftsteller zu schaffen. Da hat er sich in seinem Beruf als Literaturdozent (Fachgebiet Creative Writing) eingenistet und bald schon dessen Vorzüge für sich entdeckt. Diese sind – klar – sexueller Art. Schon auf Seite zwei heisst es:

“Sex mit vielen Studentinnen zu haben war letztlich keine Qual und auch kein allzu schwacher Trost. Es gab Typen, die sich und andere für weniger in die Luft sprengten.”

Er ist vorsichtig, lässt sich bei seinen Affären nicht erwischen, verabschiedet sich immer zeitig oder schickt die Studentinnen aus seinem abgelegenen Haus im Wald weg, das er mit seiner Schwester Marianne bewohnt.

Eines Morgens aber liegt die Studentin Barbara, mit der er die Nacht verbracht hat, tot in seinem Bett. Verstorben an was auch immer. Unsentimental beschliesst er: “Sich die Leiche vom Hals zu schaffen war im Augenblick wohl das Vernünftigste.” Und wenn Marc sich etwas vom Halse schaffen muss, wirft er es in eine ihm seit der Kindheit bekannte Felsspalte. So auch Barbara. Weg. Problem erledigt. Den plötzlichen Tod der begabten Studentin in seinem eigenen Bett betrachtet er skeptisch, er sieht ihn als Unglücksfall für sie beide:

“So jung und schon dahingerafft. Wie absurd das war, wie himmelschreiend. Und wie übel man auch ihm dabei mitspielte. Wie konnte man ihm das antun, dieses Arme Mädchen unter seinem Dach, in seinem Bett hopsgehen zu lassen.”

Und dann geschieht das Unvorstellbare: Barbaras Stiefmutter Myriam taucht auf – und Marc verliebt sich Hals über Kopf in sie. Ihr Mann ist in Afghanistan im Krieg, kommt vermutlich nie mehr zurück. Von allen Seiten bedrängt man Marc, seine Finger von der Frau zu lassen, doch es ist zu spät. Er bleibt seiner Einstellung treu – “Aber wenn das Schicksal erst einmal seinen Lauf genommen hat, fragte er sich, was hilft es da, sich nachträglich zu wehren?” – und gibt sich Myriam mit allem, was er hat, hin.

Marc, der gequälte Liebhaber: dreiundfünzig, Kettenraucher, mit der Bürde einer traumatischen Kindheit befrachtet, seiner Schwester in einem inzestuösen Verhältnis verbunden, gescheitert und von den Frauen begehrt. Nun hat er sich verliebt und muss selbst der Studentin Annie, die sich bei jeder Gelegenheit an ihn heranmacht, einen Korb geben. Marc ist ein klassischer Djian-Typ, könnte man sagen, ein grosser atemloser Haderer vor dem Herrn. “Man verbringt den grössten Teil seines Lebens damit, für seine Fehler zu büssen”, sagt er. Und: “Wie könnte man heute noch mit einem guten Gewissen froh und munter sein, ausser man ist Zyniker oder steinreich?”

Je weiter die Geschichte vorangeht, desto verheerender werden die Unglücksfälle in Marcs Leben: sein Körper ist manchmal nahe am Versagen, eine Trennung von seiner geliebten Schwester naht, sein Job ist in Gefahr, eine zweite Leiche liegt in seinen Armen, seine Sicherheit ist kaum mehr gewährleistet – er klammert sich an die Liebe zu Myriam…

Djian erzählt geradlinig, mit wenig Empathie, destruktiv. Geschichte, Figuren und Stil gemahnen mal an Charles Bukowski, mal an Henry Miller, mal an John Gardner, den Protagonist Marc gerne in seinen Seminaren behandelt. Kurzum: Es ist amerikanisch geschulte Literatur. Aus Frankreich. Dem Autor ist nichts gelegen an versöhnlichen Tönen, er schreibt die Geschichte und damit die Leben ihrer Protagonisten buchstäblich zu Ende. Dass dieses genauso unbarmherzig und hart ist wie der Rest, ist nur konsequent. 

Ein Roman von grosser Sprengkraft, der Liebhabern von verzehrten, getriebenen Typen, sex- und gewaltgeladenen Geschichten, Familien- und Liebestumulten wärmstens empfohlen sei. 


Seit Januar 2014 ist das Buch bei Diogenes auch als Taschenbuch erhältlich.

Egon Friedell

Heute vor 136 Jahren wurde Egon Friedell geboren. Wie sich sein Hauptwerk, die “Kulturgeschichte der Neuzeit”, ihrem Gegenstand nähert, so muss sich ein Biograph Friedell nähern: in Anekdoten.

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Erste Anekdote:

Eine unscheinbare Gedenktafel erinnert an der Gentzgasse 7 in Wien an den Freitod Friedells. 1900 hatte er dieses Haus bezogen, ab den späten 1920er-Jahren hier sein Hauptwerk verfasst, “[m]it genauer Stundeneinteilung, pedantischer Regelmäßigkeit und Ordnung, zurückgezogen in seine wenig luxuriöse Wohnung im dritten Stockwerk” des Hauses. Am 11. März 1938 schrieb er an Ödön von Horvath “Jedenfalls bin ich immer in jedem Sinne reisefertig”, am 12. März marschierten Truppen der deutschen Wehrmacht in Wien ein, am 15. März verkündet Hitler vom Balkon der Neuen Burg den Eintritt Österreichs ins Deutsche Reich, am 16. März, abends um 22 Uhr, fragen zwei SA-Männer an der Gentzgasse 7 nach dem “Jud Friedell”. Dieser steht auf seinem Balkon, bittet Passanten, zur Seite zu treten – und springt in den Tod. “Er soll, wird freundlich vermutet, noch in der Luft gestorben sein”, schreibt Peter Eickhoff.

Geschichten vom Leben Egon Friedells, geboren unter dem Namen Friedmann als Sohn eines Tuchfabrikanten, “Samt und Seide” in den Adern, beginnen (und enden) meist mit seinem Tod. Wer aber war Egon Friedell?

Zweite Anekdote:

“Versoffener Münchner Dilettant” warf man ihm einst, nach einem Auftritt in München, an den Kopf, worauf er antwortete, dass Dilettantismus und ehrliches Kunstbemühen sich keinesfalls widersprächen und er dem Alkohol nicht abgeneigt sei – “[a]ber das Wort ,Münchner‘, das wird noch ein gerichtliches Nachspiel haben.”

“Der geniale Dilettant”, lautet der einprägsame Titel von Bernhard Viels Friedell-Biographie, beruhend auf einer Aussage Max Reinhardts über Friedell.  Der Dilettantismus spielte eine gewichtige Rolle in seinem Kunst- und Lebensverständnis. Im Vorwort zur Kulturgeschichte, das übrigens satte 80 Seiten lang ist, schrieb er:

“Nur der Dilettant, der mit Recht auch Liebhaber, Amateur genannt wird, hat eine wirklich menschliche Beziehung zu seinen Gegenständen, nur beim Dilettanten decken sich Mensch und Beruf; und darum strömt bei ihm der ganze Mensch in seine Tätigkeit und sättigt sie mit seinem ganzen Wesen, während umgekehrt allen Dingen, die berufsmäßig betrieben werden, etwas im üblen Sinne Dilettantisches anhaftet: irgendeine Einseitigkeit, Beschränktheit, Subjektivität, ein zu enger Gesichtswinkel.”

So ist der Dilettantismus ein Schlagwort, das in keiner Annäherung an Friedell fehlt, ja unzertrennlich scheint es mit seinem Leben und Schaffen verbunden.

Dritte Anekdote:

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Gegessen habe er viel, heisst es. Nachts Powidl aus dem Eiskasten etwa. Zeitgenosse Jakob Wassermann schrieb über ihn, “wie ein mit Elephantiasis behafteter Gymnasiast” habe er ausgesehen. Die Hungerjahre des Ersten Weltkriegs überstand er “ohne grössere Gewichtseinbussen”. So dominant seine Erscheinung gewesen sein muss, so mager sind die Selbstzeugnisse, die nach seinem Tod erhalten blieben. Viele Dokumente, Briefe, Manuskripte hat er eigenhändig vernichtet. Immerhin: einige “zuverlässige Daten” über seine Person sandte er selbst anlässlich seines 60. Geburtstags 1938 an das Neue Wiener Tagblatt. Er schrieb:

“Geboren am 21. Jänner 1878 in Wien, zweimal in Österreich und zweimal in Preußen maturiert, beim viertenmal glänzend bestanden. In verhältnismäßig kurzer Zeit zum Doktor der Philosophie promoviert, wodurch ich die nötige Vorbildung zur artistischen Leitung des Kabaretts ‚Fledermaus‘ erlangte. Da ich zur Erholung von dieser verantwortungsvollen Nachttätigkeit mich bei Tage mit essayistischen Arbeiten beschäftigte, erwarb ich den Titel eines ‚lachenden Philosophen‘. Worauf mir nichts übrigblieb, als zu dessen Widerlegung die ‚Judastragödie‘ zu schreiben, deren Uraufführung im März 1923 im Burgtheater . . . stattfand.

Anders als viele meiner Kollegen wurde ich erst auf Grund meiner dramatischen Tätigkeit Theaterrezensent. Mein Mangel an Kritik brachte Reinhardt auf den Gedanken, mich unter die ‚Schauspieler des Theaters in der Josefstadt‘ einzureihen. Als Darsteller neuzeitlicher Gestalten hatte ich Gelegenheit, umfangreiche Materialien zu meiner dreibändigen ‚Kulturgeschichte der Neuzeit‘ zu sammeln . . .

Da einige Fachgelehrte mir die Kompetenz für die Erforschung der Neuzeit absprachen, ließ ich vor einem Jahr den ersten Band meiner ‚Kulturgeschichte des Altertums‘ erscheinen. Im kommenden Februar werde ich in Leichts Varieté auftreten.”

Auf Wikipedia heisst es, Friedell sei “Schriftsteller, Kulturphilosoph, Religionswissenschaftler, Historiker, Dramatiker, Theaterkritiker, Journalist, Schauspieler, Kabarettist und Conférencier” gewesen. Als eine Zeitungsredaktion – vierte und letzte Anekdote – ihn warnte, man könne nicht mit einem Gesäss auf mehreren Hochzeiten tanzen, antwortete er, sie unterschätze sein Gesäss.

Nun ist man dem Menschen Egon Friedell etwas näher.


Die Kulturgeschichte und andere Ausgaben, etwa die Ausgewählten Essays (“Vom Schaltwerk der Gedanken”), erscheinen bei Diogenes.

Lektüretipps: Friedrich Dürrenmatt (1921-1990)

Der grosse Schweizer Dramatiker und Romancier Friedrich Dürrenmatt würde heute 93 Jahre alt. Anlässlich dieses Geburtstags wollen wir ein paar lohnenswerte Dürrenmatt-Lektüren empfehlen.

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I. Die pflichtigen Vier

Die vier vermutlich populärsten Werke Dürrenmatts sind allesamt hervorragend.  Es sind dies einerseits die beiden kurz nacheinander erschienenen Kriminalromane “Der Richter und sein Henker”  (1952) und “Der Verdacht” (1953).  Im Mittelpunkt beider steht der knorrige alte Kommissär Bärlach, der todkrank ist, seine Finger aber doch nicht von den Fällen lassen kann. Beides sind blitzspannende, perfekt durchdachte Detektivgeschichten, die aber auch psychologisch wertvoll sind.

Unter den dramatischen Werken sind die “tragische Komödie” “Der Besuch der alten Dame” (1956) und die Komödie “Die Physiker” (1962). Beides sind ausgekügelte und mit viel Humor gewürzte Parabeln (oder Gleichnisse oder wie man es denn auch immer nennen will) auf ethisch-moralische Grundsatzfragen, die Dürrenmatt mit Verve und hohem Unterhaltsamkeitsfaktor dramatisch zu inszenieren weiss.

II. Weitere Prosa und Dramatik

Zwei besonders spannende Prosabände sind die sogenannten “Stoffe”, Sammlungen meist semi-autobiographischer Texte, die ein Licht auf Dürrenmatts persönliche und literarische Ursprünge werfen. Es sind die Stoffe I-III: Labyrinth und die Stoffe IV-IX: TurmbauDer erstgenannte enthält u.a. die fantastische Erzählung “Mondfinsternis”, die eine Vorstufe zu “Der Besuch der alten Dame” ist.

Ebenso fantastisch ist der letzte Roman Dürrenmatts: “Durcheinandertal” (1989). Da will einer die Reichen von der Last des Geldes befreien und zu Gott führen. Da hören andere von diesem Gedanken, erwerben ein Luxushotel und lassen es in ein “Haus der Armut” umbauen. Der letzte Geniestreich des Autors, ein Manifest und eine Zusammenfassung der gesamten Dürrenmatt’schen Stofffülle, seines eigenen literarischen Kosmos’.

Ein Geheimtipp im dramatischen Werk ist “Ein Engel kommt nach Babylon” (1953), eine “fragmentarische Komödie”. Ein groteskes Werk um Akki, den letzten Bettler Babylons, dem ein Engel das göttliche Mädchen Kurrubi schenken will; der mit dem verkleideten König Nebukadnezar in einen Bettler-Wettstreit gerät; der mit Kurrubi unter eine Brücke zieht, während diese jedoch den hilflosen Bettler, den eigentlichen König, begehrt… Eine furiose, bisweilen schon fast zum Brüllen komische Geschichte!

III. Anderes

Der “Briefwechsel” zwischen Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch, bestehend aus Dokumenten aus den Jahren 1947 bis 1986, ist trotz seines kleinen Umfangs (um die 40) ein eindrückliches Dokument einer ganz besonderen, mal lustig-kollegialen, mal giftig-missverstandenen Freundschaft. Immer wieder lesenswert!

 

Rezension: Georges Simenon – Die Katze (Diogenes, 2014 [1967])

Zum Abschluss der Neuedition einer Auswahl von Simenons Non-Maigrets in fünfzig Bänden (2010-2013) erscheint bei Diogenes das Psychodrama Die Katze (Original: Le chat, 1967)Erzählt wird die verstörende Geschichte eines älteren (aber noch nicht lange verheirateten) Ehepaars: Marguerite und Emile, die sich so verabscheuen, dass sie sich überall und immer belauern, ausspionieren – und vor allem anschweigen. 

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Titel: Die Katze
Autor: Georges Simenon
Übersetzung: Angela Glas
Verlag: Diogenes
Umfang: 208 Seiten, Taschenbuch

Die Eheleute, beide in ihren Siebzigern, haben grundverschiedene Leben gelebt. Marguerite Doise, Erbin eines Keksfabrikanten, hat Zeit ihres Lebens nicht arbeiten müssen. Die Strasse, in der sie lebt – eine Sackgasse -, gehört ihr auch. In erster Ehe war sie mit einem feinfühligen Künstler verheiratet gewesen. Anders Emile Bouin, ein ehemaliger Bauarbeiter, dessen erste Frau bei einem Unfall gelähmt wurde und kurz darauf verstarb: Er ist ein Mann der derben Witze, des Weins; einer, der in seiner Stammkneipe mit der Wirtin dann und wann hinter dem Küchenvorhang verschwindet.

Zusammengefunden haben die snobistische Marguerite und der rustikale Emile über ein gebrochenes Rohr, das er – der in einer Wohnung vis-à-vis von ihr sein Pensionärsdasein fristete – reparierte. Sie haben geheiratet. Um nicht allein zu sein vielleicht. Um vorgesorgt zu haben vielleicht. Oder um jemanden zum belauern zu haben. Er brachte eine Katze mit in die Ehe, sie ihren Papagei. Die Ehe-Gleichgültigkeit kippte in Hass, als Emile seinen Kater ermordet im Keller findet – und sich an Marguerite rächt, indem er den Papagei zu Tode rupft. Seit diesem Tag wird nicht mehr gesprochen im Hause Bouin.

Sie reicht ihm ein Blatt Papier, darauf steht:

“Ich habe über alles nachgedacht. Als Katholikin ist es mir untersagt, an eine Scheidung zu denken. Gott hat uns zu Mann und Frau gemacht, und wir müssen unter einem Dach leben. Aber nichts verpflichtet mich, mit Ihnen zu reden, und ich bitte Sie inständig, auch Ihrerseits davon abzusehen.”

Damit ist es besiegelt: Von nun an wird nur noch mittels Zetteln kommuniziert, wenn überhaupt. Und auch wenn Emile sich an einer Flucht ins Haus der Wirtin Nelly versucht, ist er genötigt zurückzukehren, Marguerite weiter zu verabscheuen, zu bespitzeln, ihr boshafte Zettel mit der Nachricht “DIE KATZE” zu verabreichen. Bis die unvermeidliche Katastrophe eintritt.

In seiner einfachen, von jeglichem Zierrat befreiten Sprache schildert Simenon das Geschehen: Der nüchterne Tonfall und die simplen sprachlichen Strukturen verstärken dabei dieses Grauen des Alltags, das die Geschichte ausmacht. Mittels Rückblicken werden die Vorgeschichten von Marguerite und Emile in Andeutung erzählt – und obwohl es bei oberflächlichen Betrachtungen bleibt, büsst die Geschichte von ihrer Kraft nichts ein.

Man könnte es fast dreist nennen: Im Medium der Literatur, also der Sprache, der Worte, vom Schweigen zu erzählen. Einem Zusammenleben, wo eben gerade das, was gesagt werden müsste, ausgespart wird, mit Worten zu Leibe zu rücken, verlangt einiges an Sicherheit auf dem glatten Terrain der Schriftstellerei. Simenon meistert die Aufgabe mit Bravour. Und erschafft ein verstörendes Panorama menschlicher Abgründe. 

Wertung: 7,5 / 10

Rezension: Arnon Grünberg – Couchsurfen und andere Schlachten (Diogenes, 2013)

Erstmals liegen die neunzehn hier versammelten Reportagen auf Deutsch in Buchform vor. Welten- und Textesammler Ilija Trojanow hat sie zusammengestellt und mit einem Vorwort versehen. Die Reportagen berichten etwa von einem Europatrip als Couchsurfer, einer Brautsuche in der Ukraine, einer Reise durch Transnistrien oder einem Camp der niederländischen Armee in Afghanistan. Grünberg versteht es, Balance zu halten zwischen den Abgründen, die sich auftun, und der Komik, die all diesen Geschichten innewohnt.

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Titel: Couchsurfen und andere Schlachten
Autor: Arnon Grünberg
Übersetzung: Rainer Kersten
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06870-2
Umfang: 480 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Die „Mülltonnen der Geschichte“ seien es, heisst es in einer Reportage aus dem Kosovo, die ihn faszinierten. So begibt sich Grünberg, oftmals unter fadenscheinigen Vorwänden oder gar unter falschem Namen, an geradezu unwahrscheinliche Orte: Ins düstere Transnistrien, in ein afghanisches Armeecamp, in ein niederländisches Neubauviertel.

Überall findet er die Menschen, deren Geschichten zu erzählen sich lohnt, und lässt sie zu Wort kommen. Sei es ein niederländischer Sergeant, der Käse und Käsehobel mit in den Krieg nimmt, eine tschechische Sofaanbieterin, die sich vornehmlich von Bananensaft mit Rum ernährt oder den Bruder des inhaftierten Politikers Radovan Karadzic.

Grünberg gelingt es hervorragend, den Geschichten dieser Leute den nötigen Freiraum zu gewähren. Durchmischt werden sie mit Reflexionen zur Weltgeschichte, Gedanken zur Gegenwart, bisweilen lakonischen Schlussfolgerungen („Was für Holland die Tulpe, ist für den Kosovo die Geldwäsche“). Nur selten bemüssigt sich der Autor, über sich selbst zu sprechen. Distanz zu wahren – so heisst es in einer dieser Stellen – sei die Kunst, die er am besten beherrsche. Und das ist gut so. Dieser Distanz ist es zu verdanken, dass Grünberg mit seinen Reportagen sowohl als Ethnologe wie auch als Schriftsteller reüssiert. Er hält sich raus, stellt hie und da die richtige Frage, deutet eigene Meinungen an.

„Im Geheimen diene ich dem Gott der Literatur“, heisst es, „alle anderen Götter haben sich als Betrüger erwiesen, nur der Gott des Handels ist mir noch heilig: Mensch werden heisst, sich auf den Markt zu begeben!“ Arnon Grünberg ist ein moderner Schriftsteller; einer, der das Verfassen von Texten aus ästhetischer wie auch ökonomischer Perspektive betrachtet; einer, der die Idee „romantischer Armut“ verwirft, sich dem sogenannt echten Leben, ausserhalb von „blossen Derivaten des Literarischen“ stellt. Und wer sich dem Leben stellt, kommt nicht umhin, sich auch seinem Ende stellen  zu müssen, so z.B. im Armeecamp KAF in Afghanistan. Und gerade im Angesicht des Todes gelangt der Autor zu einer verblüffenden Einsicht über das Leben: „Sie wollen mich töten, also bin ich.“ – Es sind Sätze und Gedanken wie dieser, die den Wert dieses abenteuerlichen Hinausgehens in die Welt unterstreichen.

Grünbergs bescheidene, doch stets elegante Sprache, sein Auge für das nur scheinbar Banale und sein Humor machen alle hier versammelten Reportagen zur vergnüglichen und zugleich nachdenklich stimmenden Lektüre. Schliesslich vermag man nicht zu sagen, wo die Abgründe und die ihnen eigene Komik stärker sind: inmitten eines Kriegsgebiets oder beim gemeinschaftlichen Obstpflücken in der holländischen Vorstadt.

WERTUNG: 8 / 10