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“Ein unendlich tiefes Verlangen nach Beständigkeit”: Jón Kalman Stefánsson – “Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit” (2001)

“In diesen Jahren ist mir klar geworden, dass niemandem die glückliche Gabe verliehen ist, sein ganzes Leben lang Kind zu bleiben. Man wird älter, hört auf Kind zu sein, wird zu gross, zu ernst. Manchmal habe ich den Verdacht, Erwachsene sind gestorbene Kinder. Wenn es so ist, dann ist auch meine Schwester gestorben und eine Frau ist an ihre Stelle getreten, eine blöde Kuh in roter Unterwäsche.”

Im Roman “Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit” (2001), mit dem Jón Kalman Stefánsson 2004 für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert war, erzählt der isländische Autor eine einfache Coming-of-Age-Geschichte, die mit ihren unverblümten Metaphern und den zwischen Lustigkeit und Melancholie schwankenden Betrachtungen zu gefallen weiss.

Etwas irritierend ist zunächst die Erzählperspektive: ein Ich-Erzähler, ungefähr vierzig Jahre alt, erzählt rückblickend von seiner ersten Auslandsreise, in einem Sommer, als er gerade einmal zehn Jahre jung war (ca. 1971/72). Von Reykjavik, wo er mit Vater und Stiefmutter lebt, geht die Reise in die südnorwegische Ölmetropole Stavanger, wo die ältere Halbschwester mit den Grosseltern lebt. Obschon im Erwachsenenalter erzählt, wird die naive Perspektive des Zehnjährigen entfaltet, dessen Welterfahrung noch auf dem Grundprinzip des Staunens basiert.

Der Junge begegnet im sommerlich warmen Norwegen zunächst seiner Familie – dem fantasiebegabten Grossvater, der zu seinem Verbündeten wird, der stählernen Grossmutter, die den Haushalt mit harter Hand führt, und der Halbschwester, die eigentlich im Mittelpunkt der Erzählung hätte stehen sollen, dann aber zur Nebenfigur verdammt wird. Wichtiger für den Zehnjährigen sind einerseits seine imaginären Freunde – Tarzan und Flinker Hirsch -, deren Abenteuerlust der Junge dann andererseits im richtigen Leben mit den Brüdern Björn und Erik auf verbotenen Walderkundungen, beim mutprobenden Spinnenfressen oder beim Verkauf der schwesterlichen Unterwäsche an Jugendliche ausleben darf. Daneben begegnet er Helge, dem Uncoolen, dem Besserwisser, der sich täglich durch die väterliche Bibliothek wühlt und alles über Astronomie und Geschichte weiss, aber nichts über das Leben. Er begegnet Arne, dem langhaarigen Popularitätsprotz, der so cool ist, dass er als “göttliche Erscheinung” wirkt. Und er begegnet Tora, die ihn an ihren langen Zöpfen ziehen lässt; eine erste vage Andeutung von Zärtlichkeit.

Das Figurenkabinett und sein Treiben entsprechen einem klassischen Schelmenroman. Die rites de passage des Jungen, seine immer wieder aufblitzenden Einsichten in das, was er sich unter dem Erwachsenenleben vorstellt, bringen zudem den Bildungs- und Entwicklungsroman ins Spiel. Durchbrochen werden die Erzählungen von Zeit zu Zeit durch Reflexionen des Vierzigjährigen, die sich oftmals mit dem viel zu frühen Tod des Grossvaters auseinandersetzen – ohne dabei jedoch der kühleren emotionalen Distanz der “Erwachsenen” anheimzufallen. Der Tod bleibt für den Erzähler stets das Unbegreifliche, Unerklärte.

“Das Weltbild meiner Kindheit war wie die Sowjetunion: ein solides, unerschütterliches Ganzes an der Oberfläche, aber darunter lauerten bereits Lügen und Zerfall. So sieht’s aus: Man reist mit einer Landkarte von gestern durchs Leben. Was einmal ganz im Westen lag, ist nun womöglich im Norden, eine Stadt, die Leningrad hiess, heisst auf einmal Sankt Petersburg, wie in uralten Zeiten, lange vor heute. Was heute neu ist, landet am Abend schon im Museum des Lebens und das einzig Beständige ist ein unendlich tiefes Verlangen nach Beständigkeit, eine Sehnsucht danach, in der alten Welt aufzuwachen, in der die Landkarten noch stimmen und dem Kompass zu trauen ist.”

Das Coming-of-Age des jungen Erzählers, verpackt in einen symbolischen Sommer, ist im Grunde eine literarische Banalität. Der Einsatz einer kindlich-naiven Erzählperspektive ist ebenfalls nicht einzigartig, er war zu Beginn des 21. Jahrhunderts en vogue: prominente Beispiele sind etwa Jonathan Safran Foers “Extrem laut und unglaublich nah” (2005) sowie in deutscher Sprache Saša Stanišićs “Wie der Soldat das Grammofon repariert” (2006). Während diese beiden die kindliche Perspektive aber jeweils mit einem politischen Ereignis (9/11 respektive der Jugoslawienkrieg) kontrastieren und so eine gewisse Schockwirkung erreichen, wählt Stefánsson für seine Erzählungen einen weltpolitisch ereignislosen Sommer in den Vorgärten Südnorwegens, der für den Erzähler dennoch die Welt auf den Kopf zu stellen vermag.

Nichtsdestotrotz ist “Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit” ein gewitztes Buch mit genügend emotionalem Tiefgang und entzückend bilder- und metaphernfreudiger Sprache, um über die volle Strecke zu fesseln.

Stefánsson, Jon Kalman: Verschiedenes über Riesenkiefern und die Zeit. Aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig. Stuttgart: Reclam 2008. Taschenbuch, 208 S. ISBN 978-3-15-020164-0

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Rezension: Steve Tesich – Ein letzter Sommer (Kein & Aber, 2014 [1982])

Der einzige zu Lebzeiten veröffentlichte Roman des serbischstämmigen Amerikaners Steve Tesich (1942-1996) liegt neu in einer deutschen Taschenbuchausgabe bei Kein & Aber vor. Die Geschichte von Daniel Price, seinen Freunden, seiner ersten Liebe, seinem sterbenden Vater und seiner abergläubischen Mutter ist ein Coming-of-Age-Roman, wie er in der amerikanischen Literatur bislang womöglich nicht übertroffen wurde (nein, auch von Dir nicht, J.D. Salinger!)

Autor Steve Tesich ist kam 1957 mit vierzehn Jahren aus Serbien in die USA, wo er in East Chicago, Indiana, dem Ort, an dem auch “Ein letzter Sommer” spielt, ein Zuhause fand. Er studierte Russische Literatur an der Columbia und begann, nach erfolgreichem Abschluss, Theaterstücke und Drehbücher zu schreiben. Für sein erstes Hollywood-Drehbuch “Breaking Away” (“Vier irre Typen”, 1979) erhielt er einen Oscar. Mit “The World According To Garp” (1982, mit Robin Williams) und “American Flyers” (1985, mit Kevin Costner) steuerte er zu weiteren prominenten Produktionen seine Drehbücher bei. 1996 verstarb Tesich, 53jährig, an einem Herzinfarkt. Als Drehbuch- und Theaterautor ist sein Nachruhm wesentlich grösser, als als Schriftsteller. Zwei Romane hat er geschrieben: “Karoo” (“Abspann”, posthum veröffentlicht 1998) und der hier vorliegende “Summer Crossing” (“Ein letzter Sommer”, 1982).

Es gilt, einen begnadeten Präparator menschlicher Gefühlswelten zu entdecken, der die Tragik und die Komik unserer Existenz in einer berührenden Geschichte gebannt hat.

“Ein letzter Sommer” spielt in der Industriestadt East Chicago im Jahre 1960. Die drei achtzehnjährigen Freunde Daniel Price (der Ich-Erzähler), Larry Misiora und Billy ‘Freud’ Freund haben gerade die Highschool abgeschlossen und stehen vor einem letzten Sommer – bevor sie ihrem Leben eine Richtung geben sollen. Sie sind “ängstlich und unentschlossen”. Alle sind sie mit Problemen im Elternhaus konfrontiert: der rebellische, steineschmeissende Larry verachtet seine Eltern für ihr Spiessbürgertum; Freud wirft seiner Mutter vor, das Andenken an den verstorbenen Vater nicht zu ehren; und Daniel schliesslich steht Tag für Tag im Kreuzfeuer, wenn seine schöne jugoslawische Mutter und sein verbitterter, kranker Vater ihre Streitigkeiten austragen.

Alles ändert sich für Daniel, als er Rachel kennenlernt: er verliebt sich Hals über Kopf in das mysteriöse Mädchen, das mit seinem Vater David neu in die Stadt gezogen ist. Rachel und Daniel kommen zusammen, versichern sich ihre Liebe, reden sich ein, dass das Schicksal sie zueinander geführt hat. Doch während Daniel mit jenem schweren, Teenager eigenen Ernst liebt und geliebt werden will, scheint Rachel immer dann, wenn es darauf ankäme, etwas wegzuziehen von Daniel…

Daniel Price geht durch East Chicago: mit Freud und Misiora, deren Wege sich nach einer Schlägerei, die sie alle drei Seite an Seite mitmachten, trennen; mit seinem sterbenden Vater, den er im Rollstuhl umherschieben muss; mit Rachel, mit der er eigentlich ganz anderes machen wollte; alleine. Bis er jeden Winkel des Ortes gesehen hat, bis es keine Leerstellen mehr gibt und ihm nur noch eines übrigbleibt…

Tesich schreibt mit Feinfühligkeit und der angemessenen Mischung aus grossartiger Komik und herzzerreissender Tragik, die eine solche Coming-of-Age-Geschichte erfordert. Seine Sprache ist klug und bilderreich,  gespickt mit präzisen Dialogen, die Qualen des jungen Liebenden sind glaubhaft und nur dann pathetisch oder kitschig, wenn sie es auch sein müssen (Denn kein verliebter Teenager käme wohl ganz ohne diese beiden Eigenschaften aus.) Die Wechselbäder der Gefühlswelten – unerwartete Sprünge von überbordendem Selbstvertrauen zu unterwürfiger Ratlosigkeit etwa – durchmisst Tesich sprachlich und stilistisch meisterlich.

“Ein letzter Sommer” ist die Geschichte dreier Freunde auf dem Weg in die weite Welt hinaus, die Geschichte davon, wie sich Wege, die man an einem Tag als Parallelen bis in alle Ewigkeit gesehen hatte, am nächsten schon in vollkommen unterschiedliche Himmelsrichtungen abgehen können.  “Ein letzter Sommer” ist die Geschichte einer schwierigen Vater-Sohn-Beziehung, die Geschichte eines Befreiungskampfs aus der Klammer väterlicher Psychotyrannei. Und schliesslich ist “Ein letzter Sommer” die Geschichte von der Entdeckung der Liebe mit all ihren himmelhochjauchzenden Höhen und ihren todessehnsüchtigen Tiefen.

Kurzum: Ob Sommer, Herbst, Winter oder Frühling – “Ein letzter Sommer” ist ein grandioses Buch für alle Jahreszeiten. Ein echtes Lesevergnügen, dem es weder an Humor noch an Spannung noch an Tragik fehlt. 

Rezension: Andreas Schäfer – Gesichter (Dumont, 2013)

Mit seinem dritten Roman „Gesichter“ legt der deutsch-griechische Autor Andreas Schäfer einen hervorragenden Text vor, der Gesellschaftsroman, Familiendrama und Psychothriller zugleich ist, sich dabei aber nie in Halbherzigkeiten versteigt. Die elegante Sprache, hervorragend gezeichnete ambivalente Charaktere und enigmatische Handlungsverläufe sorgen für Hochspannung. Ein subtiler Pageturner.

gesichter

Titel: Gesichter
Autor: Andreas Schäfer
Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-9664-6
Umfang: 256 Seiten, gebunden

Gabor Lorenz ist verheiratet, Vater zweier Kinder; er ist Mediziner und beschäftigt sich als solcher mit Prosopagnosie, dem Nichterkennen von Gesichtern; zu Beginn des Buches steht er kurz vor einem wichtigen Vortrag; jeden Sommer fährt er mit Frau und Kindern in ein abgelegenes Ferienhaus in Griechenland. Mit „unkontrolliertem Stolz“ blickt er auf das, was er und seine Lieben „geschaffen haben“, ja „[a]lles, was er sich wünschte, schien greifbar zu sein.“ Kurzum: Gabor Lorenz ist felsenfest verankert in seiner überheblichen bürgerlichen Selbstgewissheit. Die Dinge gehen ihm leicht von der Hand, den Begriff der Schuld kennt er nicht: Seinen Studienfreund  und Mitarbeiter Yann feuert er, weil er dessen „Ruhelosigkeit“ nicht erträgt – anstatt Gewissensbissen folgen der Entlassung „Tage anstrengungsloser Selbstverständlichkeit.“

Doch von allem Anfang an schon gesellen sich zu Selbstgewissheit und Selbstverständlichkeit das Ungewisse und Unverständliche. Auf der Rückreise aus Griechenland beobachtet Gabor, wie ein Mann – vermutlich ein Flüchtling – ungesehen in den Laderaum eines Lastwagens schlüpft und so auf die Fähre gelangt. Während der Überfahrt spürt Gabor dem Mann nach, wird von diesem entdeckt  und prägt sich sein hassverzerrtes Gesicht ein. Panisch wirft er ihm eine Tüte mit Bananen in den Lastwagen, in der sich versehentlich auch sechs Postkarten befinden, die er seiner Frau Berit von verschiedenen Orten ins familiäre Heim senden wollte: um die Ferienstimmung in den Alltag zu retten.

Wenige Tage nach der Wiederankunft der Familie Lorenz in ihrem Zuhause in Berlin, erhalten sie die erste der Karten. Poststempel: Modena. Kurze Zeit später eine zweite Karte: München. Der Fremde kommt näher, von Tag  zu Tag, und er kündigt seine Ankunft an – und obwohl Gabor sich verbietet, über die Karten nachzudenken, die Episode mit dem Fremden vor Berit, Malte und der liebeskranken Nele, die ihre Ferienbekanntschaft vermisst, geheimhält, ist er besessen vom Fremden: Der Moment, in dem ihm der Mann auffiel „schien nicht der Beginn, sondern die Folge von etwas zu sein“.

Dann verschwindet Tochter Nele.

Während die Karten und andere scheinbar unscheinbare Einbrüche des Unheils in den Alltag bis dahin Nadelstiche waren, erhält nun alles eine drastischere Dimension. Ist der Flüchtling, dessen letzte beiden Karten aus Berlin kamen, der Entführer? Ja, wie könnte er es nicht sein? Während Gabor zunächst noch auf seine altbewährte Verdrängungstaktik setzt – Wieso geht Nele nicht ans Telefon? „,Sie ist vierzehn‘, sagte er, als wäre das die Antwort auf all ihre Fragen.“ –, schwant ihm bald schon Schlimmeres. Das ganze wohlbehütete Gefüge seines Lebens bricht zusammen, in bester Tradition, ein wenig à la James Salter, hat sich das Unheil nach und nach in die winzigsten Ritzen eines perfekten Bildes gefressen und lässt dieses nun zerfallen wie eine eingeschlagene Scheibe…

Andreas Schäfers Sprache ist schlank und pointiert, der Tonfall ruhig, niemals reisserisch, ja geradezu furchterregend besonnen, wie das Grauen, das sich dem Protagonisten unsichtbar nähert; die Charaktere sind nachvollziehbar gezeichnet, ambivalent, dabei aber nicht überpsychologisiert; die Handlungsbögen sind clever verstrickt, überraschende Wendungen treffsicher eingebaut . Und das enigmatische offene Ende macht deutlich: Hier geht es um grössere Fragen, Fragen, die über das Geschehen des Romans hinausweisen, Fragen nach Schuld, Fremdsein, Selbsttäuschung, Vertrauen und Mut.

Die Art, wie eine Ferienhäuschen-Nachbarin die Griechen beschreibt, trifft auch auf Gabor und andere Figuren des Romans zu:

„Solange nichts passiert, malen sie den Teufel an die Wand, aber sobald etwas passiert, stecken sie den Kopf in den Sand und meinen, das Problem löse sich von allein.“

Die Bequemlichkeit des bürgerlichen Kokons, in dem sich Gabor eingenistet hat, bietet Raum genug für allerhand Schwarzmalereien; die Schwere eines gravierenden Ereignisses aber überfordert ihn, weil sie ihn aus dem Bild, das er sich von sich selbst zurechtgelegt hat, herausreisst in eine Welt, wo es ein wahres Ich zu zeigen gilt. Vermag dieses der Realität standzuhalten..?

Spannungsroman, Familiendrama, Psychogramm einer Gesellschaft: Andreas Schäfers dritter Roman ist all dies in einem und dabei niemals halbherzig oder unentschlossen. Ein subtiler, bilderreicher, hochspannender Pageturner – und eine meiner Lieblingslektüren der letzten Monate. Vielen Dank.

Wertung: 8,5 / 10