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In eigener Sache: Der lange Abschied

Verehrte Leserschaft!


Lange Zeit war es still auf diesen Seiten – und das wird auch so bleiben.


Aus verschiedenen Gründen habe ich mich entschieden, die Arbeit am Blog “Buecherrezension”, den ich seit 2013 betrieben habe, einzustellen.
Dem Format jedoch werde ich treu bleiben. Wer also weiterhin gerne Texte aus meiner Feder zu lesen wünscht, der sei auf die neue Seite https://marinoferri.com/ verwiesen.


Die Inhalte von buecherrezension.com werde ich nicht migrieren, sondern so auf dieser Seite stehen lassen, wo sie weiterhin eingesehen werden können.


Es war eine spannende und lehrreiche Zeit – und ich hoffe, einige Leser und Leserinnen auch auf der neuen Plattform zum erlesenen Publikumskreis zählen zu dürfen!

Mit zukunftsfrohem Gruss

Marino Ferri

Zürcher Streifzüge (3): Das Reich des roten Büchernarren

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Dringt man vom Zähringerplatz, der von den prächtigen Bauten der Zentralbibliothek und der Predigerkirche dominiert wird, in das Gassengewirr der Zürcher Altstadt ein, stösst man nach wenigen Schritten bereits auf die verwinkelte kleine Froschaugasse. Benannt nach Zürichs erstem Buchdrucker Christoph Froschauer (1490-1564), der unter anderem Zwinglis Bibel druckte und aus dessen Geschäft viel später der Verlag Orell-Füssli – heute Zürichs grösste Buchhandlung – hervorging, trägt die Gasse eine eng mit Büchern verbundene Tradition bereits im Namen.

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Ein buntes Gemisch aus Geschäften säumt die Gasse. Boutiquen, Galerien, kleine Restaurants, ein Gravieratelier, ein Instrumentenbauer, ein Antiquariat, ein Comicbuchladen,… Viele der mittelalterlichen, im Glanze streng gehüteter alter Geheimnisse aneinandergereihten Häuser sind mit den blauen Tafeln behängt, die in Zürich denkmalgeschützte Gebäude kennzeichnen. So auch das Haus Kerzenstock an der Froschaugasse 7, das seit dem 13. Jahrhundert existiert. Eine zweite Tafel ist hier angebracht, weiss und unscheinbar: Sie erinnert an Theo und Amalie Pinkus-De Sassi, die hier 40 Jahre lang (1957-1997) eine Buchhandlung geführt haben. Und mehr als nur das…

 Wer waren diese beiden Leute, deren Wirken das literarische Zürich so lange geprägt hat?

Theo Pinkus, geboren im August 1909 als Sohn von Felix Pinkus und Else Flatau, kurz nachdem diese von Breslau in die Schweiz emigriert waren. Felix kam als Dramaturg, wurde Journalist und ging letztlich als Bankier bankrott. Immer geblieben ist er Zionist: Als Sekretär von Theodor Herzl hatte er 1903 am 6. Zionistenkongress in Basel teilgenommen – seinen Sohn hat er später nach eben diesem Herzl Theo genannt. Theo Pinkus und seine Schwester Miriam wuchsen in einem lebhaften Elternhaus an den Hängen des Zürichbergs auf, an der Susenbergstrasse bauten die Eltern die Villa “Kristall”, so unterschiedliche Figuren wie der spätere israelische Präsident Chaim Weizmann und die deutsche Dichterin Else Lasker-Schüler gingen hier ein und aus.

Früh entdeckt Theo sowohl seine Liebe zu Büchern wie auch diejenige zum Kommunismus. 1926 notiert er in sein Tagebuch, er habe nun 782 Bücher, nachdem er sich Monate zuvor dazu ermahnt hatte, seine “Büchermanie” zügeln zu müssen. Aus dem selben Jahr stammt auch eine Bemerkung zur Lektüre des Kommunistischen Manifests. Er hält fest: “Es ist alles richtig.” 

Buchhändler und Verleger will er werden, es ist das “einzige, wofür ich Gedächtnis und Freude habe.” Nach bestandener Matura an der Privatschule Minerva geht er 1927 als Lehrling nach Berlin zu Ernst Rowohlt. Hier knüpft er Kontakte, die ihm viel später in seinen Beziehungen zur DDR von grosser Wichtigkeit sein werden: Den erst 14jährigen Willi Stoph etwa lernt er hier kennen, der ihm später ein DDR-Dauervisum beschaffen wird. Ab 1930 arbeitet Theo im Internationalen Arbeiterverlag und im Neuen Deutschen Verlag bei Willi Münzenberg. Sein kommunistisches Engagement bereitet ihm bald schon Schwierigkeiten: 1933 wird seine Wohnung durchsucht, er braucht einen Pass. Auf der Schweizer Botschaft wird ihm gesagt, das sei “ein bisschen viel auf einmal, Kommunist, Jude, Ausländer und kein Pass (…) reisen Sie ab.”

Er kehrt nach Zürich zurück, seine Mutter sendet ihm Kisten mit seinen in den Berliner Jahren angehäuften Büchern nach: 1800 an der Zahl. Sie bilden den Grundstock für seine Bibliothek.

In der Schweiz setzt Pinkus sein Engagement fort, arbeitet für die kommunistische Nachrichtenagentur RUNA, tritt der Kommunistischen Partei bei, aus der er jedoch 1943 ausgeschlossen wird. 1934 bereits lernt er Amalie De Sassi kennen, Tochter eines Tessiner Marroniverkäufers und einer Näherin, mit 16 Jahren bereits Vollwaise, über eine 1.Mai-Demo in das kommunistische Umfeld geraten, 1931 der Internationalen Arbeiterhilfe beigetreten, für die sie als Touristin getarnt Briefe an italienische Arbeiter über die Grenze schmuggelte. Sie heiraten 1939, haben gemeinsam drei Söhne.

1940 gründet Theo den Büchersuchdienst zur Auffindung antiquarischer Bücher, die nicht mehr über Verlage vermittelt werden. Gemeinsam mit seinen Helfern, bald auch mit Amalie, durchforstet er Keller und Dachstöcke der Antiquariate, bearbeitet dutzende von Suchlisten von Privatpersonen und Händlern. Auch nach Kriegsende verliert der Service nicht an Popularität, erlebt mit Gründung der DDR 1949 gar nochmals einen Aufschwung.

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Froschaugasse 7: Das Pinkus-Haus 1957-1997.

1955 gründet das Ehepaar an der Predigergasse eine Sortimentsbuchhandlung, insbesondere für DDR-Bücher. Aufgrund eines anti-kommunistischen Umschwungs in der Schweiz, ausgelöst durch die tausenden von Ungarn-Flüchtlingen, die nach 1956 ins Land kamen, verliert Pinkus dieses Ladenlokal jedoch bald wieder, kann sich nirgends mehr einmieten. Mit 30’000 Franken von einer Genossenschaft kauft er das Haus an der Froschaugasse, die Gewerkschaft VHTL (Verband der Handels-, Transport- und Lebensmittelarbeiter) übernimmt die Hypotheken. Der Hauskauf stand im Widerspruch zum kommunistischen Weltbild, war aber notwendig. Ab 1957 führen Theo und Amalie hier ihr Antiquariat und oben ihre Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung. 1971 wird diese in eine Stiftung umgewandelt, Theo vermacht dieser auch gleiche die Firma (17 Angestellte), die Bibliothek (12’000 Bände) und das Haus, das inzwischen eine enorme Wertsteigerung erfahren hatte. Einer von Pinkus’ Söhnen, so um sein Erbe gebracht, klagte den Vater wegen dieser Selbstenteignung gar ein.

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Herbert Marcuse – Max Frisch – Theo Pinkus (Quelle: srf.ch)

Im selben Jahr errichtet das Ehepaar auch das Ferien- und Begegnungszentrum Salecina auf dem Malojapass, das sich bald zu einem “politischen Mekka der linken Intelligenzia” entwickelte und, in anderer Form, noch heute existiert. 2009 drehten Rahel Holenstein und Reto Padrutt einen Dokumentarfilm über die Entstehung und Wandlung der Institution: “Von der Weltrevolution zur Alpenpension?”

In den Siebzigerjahren arbeitet Pinkus mit Studenten an einer Ausstellung und einem Dokumentationsband zur Geschichte der Schweizerischen Arbeiterbewegung. Weil die Verlagssuche erfolglos verläuft, wurde kurzerhand ein eigener, genossenschaftlich getragener Verlag ins Leben gerufen: der Limmat-Verlag.

Nach seinem Tod 1991 nannte ihn der Spiegel ein “Zürcher Unikum”, Wolfgang Jean Stock betitelte seinen Nachruf in der Süddeutschen Zeitung: “Der rote Büchernarr”. Theo Pinkus: der Bücherliebhaber, der Querdenker. Als “transnationaler Netzwerker” mit einer “Unzahl verdächtiger Kontakte in beinahe alle politischen Lager” wurde er stets beobachtet. In der Schweizer Staatsschutzkartei wurden 257 “Fichen” über ihn angelegt, nach seinem Tod erhielt Amalie 160 Aktenseiten der Stasi Leipzig, die unter dem Stichwort “Verschwörer” einen einzigen Besuch Theos an der Leipziger Buchmesse dokumentieren.

Amalie und Theo Pinkus haben “durch ihr praktisches Wirken die Idee der Selbstverwaltung verfolgt und einen Beitrag zur Entwicklung der Zivilgesellschaft mündiger Bürger und Bürgerinnen geleistet”, wie es in der Beschreibung eines nach dem Ehepaar benannten Kulturpreises heisst. Ihr gelebtes Ideal ist ein bewundernswerter, faszinierender und in Form des Limmat-Verlags und der Studienbibliothek, deren 50’000 Bände 2001 der Zentralbibliothek geschenkt wurden, nach wie vor bereichernder Teil des literarischen Zürich.

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Amalie & Theo Pinkus in ihrem Arbeitszimmer. (Bildquelle: http://masis2012.beepworld.de/thema1.htm)


Die Texte sind zitiert nach der Biographie “Amalie und Theo Pinkus-De Sassi: Leben im Widerspruch” von Rudolf M. Lüscher und Werner Schweizer, erschienen 1987 bzw. ergänzt 1994 im Limmat-Verlag, sowie nach der Erinnerungsschrift “Erinnern und ermutigen. Hommage an Theo Pinkus”, 1992 im Rotpunktverlag. Weitere Informationen wurden bezogen auf der Website der Stiftung Studienbibliothek.

Sonntagsleser: Blog-Presseschau 23.03.2014 (KW12)

Moin moin, Freunde des Wochenendes. Sonntag lässt sein lesendes Aug’ wieder flattern durch die Blogs – und dabei hat auch die zwölfte Kalenderwoche wieder mit etlichen Schätzen aufgewartet. Erfunden hat’s die Bücherphilosophin, unsere Teilnahmen lassen sich mittlerweile auch nicht mehr an einer Hand abzählen.

Wir wünschen wie immer viel Spass bei der Lektüre und einen geruhsamen Sonntag!

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Auf Begleitschreiben wird der Roman “Schachbretttage” von Jörn Birkholz vorgestellt. “ziemlich mutig, weil sicherlich gegen so manchen Schreibschulstrich gebürstet” sei der Roman, teils Kriminalroman, teils Satire auf den Literaturbetrieb, mit einem Humor der bisweilen an Loriot erinnere. Das kann nur grossartig sein! Oder?

Der tolle, immer wieder lehrreiche und unterhaltsame Blog aus.gelesen stellt “Alles ist Jazz” von Lili Grün vor. Der Roman, der im Künstlermilieu Berlins während der Roaring Twenties spielt, wurde 1933 erstveröffentlicht und nun vom Aviva-Verlag der Vergessenheit entrissen wurde. “(E)in flotter Roman mit vielen Dialogen voller Rhythmus und Tempo, er ist im Esprit der Zeit geschrieben und nimmt bei aller Kurzweil die Zeitläufte auf”

Buzzaldrin’s Blog bringt uns “Das Lachen und der Tod” von Pieter Webeling näher, ein Roman über die Liebe und die überlebensspendende Kraft des Humors im Angesicht des Schrecklichsten: Auschwitz. ““Das Lachen und der Tod” ist ein grausames Buch, das nur schwer zu ertragen und auszuhalten ist und doch ist es gleichzeitig ein seltsam hoffnungsvolles Buch: es ist die Hoffnung darauf, überleben zu können.”

Humor steht auch bei einem weiteren Beitrag zur isländischen Poesie auf dem Blog Wortspiele im Vordergrund, namentlich die Supermarktgedichte von Andri Snær Magnason, die “beweisen, dass Poesie auch Spass machen kann.”

Literaturen liefert eine ausführliche und mit schönen Zitaten gespickte Besprechung des neuen Romans von Lukas Bärfuss: “Koala”. Darin wird geschickt mit verschiedenen Erzählebenen gearbeitet, die Verarbeitung des Suizids des Bruders wird eingeflochten in eine historische Erzählung über die Enstehung der britischen Strafkolonie in Australien. “,Koala‘ wirft ein ungewöhnliches Licht auf den Selbstmord, die Menschen und die Triebfedern unserer Gesellschaft.”

Anlässlich des Indiebookdays präsentierte der Blog Elementares Lesen eine Besprechung des im Berenberg-Verlag erschienen Der Tote im See – Leben und Verschwinden des Colonel Fawcett im brasilianischen Regenwald von Antonio Callado. Ein kurzer Bericht, über die Suche nach dem 1925 im brasilianischen Dschungel verschwundenen Schatzsucher Percy Harrison Fawcett. Klingt hochinteressant!

Ebenfalls in einem kleinen Verlag, und zwar im Agenda-Verlag, ist “Fugenzeiten” von Martin Freytag erschienen. Der Blog Buchwolf zeigt sich begeistert von dieser Geschichte einer grossen Liebe. “Das Wunderbare an Literatur ist, dass sie Träume „wahr“ machen kann. Und Martin Freytag hat hier einen Männertraum gestaltet, mit Höhen und Tiefen, aber immer berückend.”


Weitere Sonntagsleser:

Sonntagsleser: Blog-Presseschau 23.02.2014

Moin moin, Blogosphäriker und Blogosphärikerinnen. Nachdem wir uns letzte Woche erstmals der von der Bücherphilosophin ins Leben gerufenen Aktion “Die Sonntagsleser” angeschlossen haben, wollen wir diese Woche die guten Vorsätze einhalten und uns erneut beteiligen. Hier nun also die Rosinen, die wir aus dem weiten weiten Meer der vernetzten Literaturkritik gepickt haben.

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Drüben bei aus.gelesen gibt’s eine seltene sehr kritische Stimme zum hochgelobten “Mr. Lamb” von Bonnie Nadzam. Zumindest teilweise mit gutem Recht, wie wir finden. Der Hype um das Buch ist durchaus übertrieben.

Die Bücherphilosophin stellt den Roman “Der Sommer am Ende des Jahrhunderts” von Fabio Geda vor, der eine Mischung aus coming-of-age-Roman und Familiengeschichte sei und den Sommer gleich mitbringe. Das macht Lust auf mehr.

Auf Buzzaldrin’s Blog fand sich diese Woche ein hochinteressantes Interview mit der Literaturkritikerin Sigrid Löffler. Gerade weil sich so herrlich über das von ihr Gesagte streiten lässt, weil ihr vernichtendes Pauschalurteil über “Hobbykritiker” – i.e. Kritiker, die ihre Meinung kostenfrei auf Blogs u.ä. zur Verfügung stellen, anstatt von einer Zeitung für ihre subjektiven Urteile bezahlt zu werden – so drastisch ausfällt, lohnt es sich, dieses Interview genau zu lesen und weiterzudenken.

Noch eine Rezension: Feiner reiner Buchstoff berichtet über “Die Brautprinzessin” von William Goldman und verteilt gleich euphorische 6 von 5 Sternen. Es ist eine Fantasy-Geschichte, eine Vater-Sohn-Geschichte, ein Buch über ein Buch. Klingt vielversprechend!

Ein “eindrucksvolles Zeitdokument” seien die Auszüge aus dem Berliner Journal von Max Frisch, heisst es bei Das graue Sofa. Ein interessanter Bericht über diese Phase des gut dokumentierten Schriftstellerslebens. Max Frisch: Nichts Anderes als ein Ringheft kam für seine Aufzeichnung in Frage, war doch all sein Lieben, Leben und Schaffen ein stetes – Ringen. 

Der Kaffeehaussitzer schreibt über Jan Costin Wagners “Tage des letzten Schnees”, einen in Finnland angesiedelten Roman. Im Wortlaut: “Die Geschichten von völlig verschiedenen Menschen werden erzählt, die sich nicht kennen, die aber eines gemeinsam haben: Jeder von ihnen existiert in seiner eigenen kleinen Welt, traurig, abgeschottet, einsam.” Ein trauriges Buch mit einem versöhnlichen Ende, sei es. Klingt klassisch, klingt gut.

Eine Rezension zu David Wonschewskis Erzählband “Geliebter Schmerz” gibt’s bei Literaturen. Zitat: “David Wonschewskis Erzählungen sind vielseitig, mal raue und derbe Beschreibungen von Zerrissenheit und Grenzerfahrungen am ,Point Of No Return‘. Aber auch zarte und poetische Wunderwerke, in die man sich hüllen, in denen man versinken möchte. ” Das macht grosse Lust, etwas von dem Mann zu lesen, dessen Werk als Musikjournalist bisher verbreiteter ist, als das Literarische.

Zum Schluss sei noch auf eine interessante neue Serie “Notizen zur Lektüre” bei Writeaboutsomething hingewiesen: In Teilen werden jeweils zehn Seiten aus Thomas Bernhards “Der Atem. Eine Entscheidung.” (1978) besprochen. Inhalt, Sprache und Stimmung, Bedeutung und Wirkung heissen hierbei die Kategorien. Und Teil 1 ist bereits sehr interessant und aufschlussreich.

Wir wünschen viel Spass bei der Lektüre und genehmes Sonntagen!

Die weiteren Sonntagsleser heute: