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Rezension: Anna-Katharina Hahn – Das Kleid meiner Mutter (Suhrkamp, 2016)

Magischer Realismus? Schwarze Romantik? Künstlerroman? Generationenportrait aus der Zeit der Eurokrise? Die deutsche Autorin Anna-Katharina Hahn, die gemäss Homepage ihres Verlags als “eine der wichtigsten Erzählerinnen ihrer Generation” gelten soll, versucht sich in ihrem neuen Roman “Das Kleid meiner Mutter” an abenteuerlichen Genrekapriolen, leuchtet dabei stellenweise strahlend – scheitert zuletzt aber grandios.
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Zu Beginn begegnen wir Anita, einer jungen Spanierin, arbeitslos wie so viele aus ihrer Generation. Gemeinsam mit ihrer Freundesclique, die sich “La Plaga” nennt, hängt sie in den Parks von Madrid, trinkt, demonstriert gegen die unsäglichen Zustände in Spanien. Ihr Bruder Angel, ein Germanist, ist dem spanischen Unheil nach Deutschland entflohen, wo er jedoch nicht als Dozent, sondern auf einer Baustelle sein Geld verdient und es nach Hause schickt. Weil sie kein Geld mehr hat, lebt Anita bei den Eltern Oscar und Blanca. Eines Tages kehren die Eltern krank von einem Ausflug zurück, legen sich ins Bett und sterben. Und nun?

Zufällig bemerkt Anita, dass sie lediglich in das titelgebende Kleid ihrer Mutter zu schlüpfen braucht, um selbst von alten Bekannten für Blanca gehalten zu werden. Sie verschweigt den Tod der Eltern vorerst selbst den Freunden und dem Bruder und stürzt sich, kostümiert, in das Leben ihrer Mutter, über die sie weniger gewusst zu haben scheint, als sie dachte. Spätestens, als sich auf Blancas Handy ein mysteriöser Liebhaber namens “R.” meldet, verstrickt sich Anita hoffnungslos im Netz der dunklen Geheimnisse ihrer Eltern.

Alle Fäden scheinen in einem obskuren deutschen Schriftsteller zusammenzulaufen, der unter dem Namen Gert de Ruit grossen literarischen Ruhm geniesst – ohne dabei je in der Öffentlichkeit aufzutreten. Es existiert lediglich eine einzige alte Fotografie des Autors. Es beginnt die Entwirrung eines Rätsels – wobei die Autorin es unterlässt, ihre Erzählerin auf eine detektivische Spurensuche zu schicken: alle relevanten Hinweisen kommen ihr schliesslich in einem dicken braunen Umschlag mit Aufzeichnungen verschiedener Personen wie zugeflogen.

“Das Kleid meiner Mutter” beginnt als durchaus packender Generationenroman über die perspektivlose Jugend Spaniens im Nachklang der Eurokrise, als detailhaltiges Portrait der Ängste, Sorgen und Hoffnungen einer Gruppe junger Menschen. Mit dem Erzählstrang um den unsichtbaren Schriftsteller De Ruit, der im Übrigen nicht lange unsichtbar bleibt, sondern bald schon auftaucht und nicht einmal halb so geheimnisvoll ist, wie vermutet, entwickelt Hahn eine neue Dimension. Bald schon kommen weitere dazu: es taucht die spanische Übersetzerin De Ruits auf, es taucht der Verleger auf, es tauchen De Ruits Eltern auf und die Geschichte seiner Kindheit in der Nazizeit wird zum Thema.

Es bedürfte einer unglaublichen erzählerischen Finesse, um all diese Erzählstränge (auf lediglich dreihundert Seiten!) geschickt auszubalancieren und zu einem zufriedenstellenden Ende zu bringen. Während die Balance bisweilen noch klappt, muss die Auflösung als vollkommen unbefriedigend bezeichnet werden. Man spürt förmlich, wie zerfahren das Ganze plötzlich geworden ist, wie unübersichtlich, ja unauflösbar. Alles gipfelt in einer kitschig-sentimentalen Schlussszene, in der der Versuch unternommen wird, die gesamte Geschichte aus der Ebene des Realistisch-Bedrohlichen auf die Ebene des Metaphorisch-Übertragenen zu hieven. Das in der Szene aufgerufene Bild soll aussagen: die Vergangenheit ist nun abgeschlossen, die Zukunft kann beginnen – die offenen Fragen des Lesers aber sind zahllos, etliche Figuren verschwinden wortlos, so dass am Ende wieder nur Anita und ihre Clique zu existieren scheinen…

Der berühmt-berüchtigte Kritiker Denis Scheck meint, das Buch entfalte “ein großes europäisches Tableau, ein romantisches Welttheater”. Das ist nicht nur unsäglich pathetisch, sondern auch rein topographisch allzu weit gefasst: “Das Kleid meiner Mutter” spielt zum grössten Teil im Spanien der Gegenwart und im nationalsozialistisch regierten Deutschland. Es hat Ansätze eines aufregenden und relevanten sozialkritischen Romans (vielleicht im Stile eines Rafael Chirbes), es hat Ansätze zu einem hochspannenden Versteckspiel mit einem dunklen und gefährlichen Unsichtbaren, es hat auch Ansätze zu einer grotesken Farce über den Literaturbetrieb. Letztlich aber wirken all diese Ansätze etwas beliebig zusammengewürfelt. Auch wenn verschiedene Passagen faszinierende Gedankenspiele in einer unfasslichen Zwischenwelt von Realität und Fiktion erlauben, bleibt ein schaler Beigeschmack. Momenten der Magie folgt der Frust eines unfertigen Werks.

Hahn, Anna-Katharina. Das Kleid meiner Mutter. Suhrkamp 2016. 311 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-518-42516-9

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Rezension: Hazel Hutchison – Henry James. Biographie. (Parthas, 2015)

In seinem Text “Refugees In England” (1915), entstanden am Ende eines langen, produktiven Lebens, beschreibt Henry James (1843-1916) wie er in London die Ankunft der ersten belgischen Kriegsflüchtlinge miterlebte. Eine schweigsame Prozession, die sich vom Zugbahnhof zur Kirche bewegt. Nur das Schluchzen einer jungen Mutter sticht heraus, unüberhörbar, James hört darin “die Stimme der Geschichte selbst.” Der Autor hilft, wo er nur kann, engagiert sich öffentlich für die Flüchtlinge, bietet einigen von ihnen Unterschlupf in seinen eigenen Arbeitsräumen.

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Die schottische Literaturwissenschaftlerin Hazel Hutchison zeichnet in ihrer kurzen Biographie das Leben eines Mannes nach, dessen gutherziger, selbstloser Einsatz in dieser Situation uns gerade heute nur Vorbild sein kann.

Henry James der Mensch und Henry James der Schriftsteller: Hutchison verbindet Leben und Werk des europaverliebten Amerikaners in ihrem Text zu einer kenntnisreichen Übersichtsdarstellung. Natürlich vermögen diese knapp 200 Seiten an den Detailreichtum anderer James-Biographien heranzukommen – die fünfbändige Biographie “Henry James. A Life” (1953-1972) von Leon Edel wird wohl immer unerreicht bleiben -, dies war jedoch auch nicht die Intention. Hutchinson bietet, in chronologischer Folge, einen prägnanten Blick auf den grossen, nach wie vor faszinierenden Schriftsteller Henry James.

Sohn einer wohlhabenden Familie, hatte James von allem Anbeginn an das Glück, nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten zu müssen. Dieser Umstand gibt immer wieder Anlass zur Kritik. Biographin Hutchinson bezieht hier Stellung für Henry James, rechnet ihm eine hohe Sensibilität für die Klassengesellschaft an (z.B. in “The Cage”) und betont, wie sehr sich James gerade während seiner Jahre in London für die Lebensumstände der Armen interessiert habe.

Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Henry James in gehobenem Milieu bewegte. Seine finanzielle Situation erlaubte es ihm, niemals sesshaft werden zu müssen. Er reiste umher – meist in Europa: England, Frankreich und Italien sind die immer wiederkehrenden Fixpunkte seines Daseins. Hier lebt er, hier schreibt er, hier leidet er. Leidet an einer instabilen Gesundheit, mangelndem Erfolg oder tragischen Todesfällen im Familien- und Freundeskreis.

Der frühe Tod seiner geliebten Cousine Minny, die 1870 der Tuberkulose erliegt, holt ihn immer wieder ein. Der Selbstmord seiner engen Freundin, der Schriftstellerin Constance Fenimore Woolson, erschüttert ihn zutiefst, obwohl er um ihre Depressionen wusste und festhielt, dass die Freundschaft zu ihr “zur Hälfte aus ängstlicher Besorgnis um sie” bestanden hatte.

Hutchison webt Familien-, Freundes- und literarisches Leben von Henry James geschickt zu einem Teppich, in dem immer wieder interessante Querverbindungen hergestellt werden können. Die gegenseitige Beeinflussung von Leben und Schaffen kommt ausgezeichnet zur Geltung. Dank der markanten Zusammenfassungen wichtiger Werke wird der Text auch für diejenigen, die mit James’ Romanen und Kurzgeschichten gar nicht vertraut sind, zu einer unmittelbar verständlichen Lektüre – und weckt Lust, die Originale zu lesen oder wiederzulesen.

Der (von der Übersetzerin hinzugefügte) Anhang mit einer Liste der wichtigsten Lebensereignisse, Kurzbiographien der bedeutendsten Personen in James’ Umfeld und einer soliden Bibliographie rundet die Arbeit zufriedenstellend ab. Ich lege Hutchisons Biographie als Einstieg zu Henry James nachdrücklich ans Herz.

Hutchison, Hazel. Henry James – Biographie. Aus dem Englischen von Ute Astrid Rall. Berlin: Parthas 2015 (2012). 224 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-86964-097-6

Rezension: Thomas Weiss – Flüchtige Bekannte (Berlin-Verlag, 2014)

Der vierte Roman des deutschen Autors Thomas Weiss (*1964) erzählt die packende Geschichte  von Maren Schulz, die ihre Verpflichtungen als Ehefrau und Mutter zurücklässt, um selbst über ihr Leben bestimmen und glücklich werden zu können. Der Journalist Joachim schreibt eine Reportage über ihr Veschwinden, findet sie schliesslich in einem Clubhotel in Tunesien und beginnt sich, über sein eigenes Leben Gedanken zu machen. Ein hervorragender Text über die Entscheidung für oder gegen das ganz persönliche Glück.

Joachim ist Filmkritiker, selten schreibt er auch Reportagen. Er ist verheiratet mit Anne und befindet sich mit ihr mitten in den Planungen für einen Hausbau. An den Sitzungen mit der Baugruppe, den Debatten und Streitereien unter den Beteiligten, den unzähligen kleinen Entscheidungen stört ihn, dass es “nicht zu kontrollieren” ist. Man kann “nur hoffen, dass alles gutgehen würde.”

“Manchmal wachte ich mitten in der Nacht auf und schwitzte.
Wir standen vor der Frage, ob der integrierte gedämpfte Selbsteinzug unserer Schubladen wirklich leise war.”

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Titel: Flüchtige Bekannte
Autor: Thomas Weiss
Verlag: Berlin-Verlag
ISBN: 978-3-8270-7720-2
Umfang: 192 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

 

Eines Tages erzählt Anne Joachim von ihrem Freund Berthold, dem sie im Pilateskurs begegnet ist: er ist alleinerziehender Vater einer Tochter im Teenageralter. Die Mutter, Maren, wird seit einem Dreivierteljahr vermisst. Eines Abends wollte sie noch arbeiten – sie war Architektin – , verliess das Haus in Turnschuhen und Pullover, um drei Uhr nachts war sie noch nicht zurück, es fehlten nur ihr Geld und ihr Reisepass. Joachim will die Geschichte nicht aus dem Kopf gehen, er schafft es, seiner Zeitung eine Reportage anzubieten, die sich mit Berthold und Tochter Sandra befasst. Ein Foto von Maren wird gedruckt. Leser melden sich mit Hinweisen bei Joachim – und tatsächlich trifft einer davon ins Schwarze: Maren arbeitet in einem Clubhotel im tunesischen Djerba als Tennislehrerin. Ohne Anne und Berthold zu informieren, bucht Joachim eine Woche Cluburlaub…

“Flüchtige Bekannte”: flüchtig ist ein wundersam mehrdeutiges Wort, dessen Bedeutungshorizont sowohl ‘auf der Flucht befindlich, geflüchtet’ als auch (gerade in der Kombination mit Bekannten) ‘nicht lange bestehend, vergänglich’ oder ‘vorübergehend, nebenbei erfolgend’ miteinschliesst. Die Geschichten, die der Roman erzählt, umfassen alle möglichen Bedeutungen. Maren ist, wortlos, aus ihrem bestehenden Leben mit all seinen Verpflichtungen und der aufgebürdeten Verantwortung geflüchtet. Ihr neues Leben baut auf totaler Selbstbestimmung auf, darauf, zu jeder Zeit die Kontrolle über alle Entscheidungen zu haben: damit geht etwa auch einher, dass persönliche Bindungen vergänglich und vorübergehend sind: “Siche möchte ich mit Männern zusammen sein, aber ohne Bedingungen.” Sie liebt das Tennis, auch weil die Regeln des Spiels kein Unentschieden vorsehen: es ist ein bedingungsloses Entweder-Oder. Im Leben hat sie sich für die Freiheit und das Glück entschieden, was ihr nur durch die Abwendung vom familiären und beruflichen Alltag möglich schien.

In diese Geschichte hinein wird nun Joachim versetzt, der sich auf der tunesischen Ferieninsel Gedanken über das eigene Leben zu machen beginnt. Er steht vor der Wahl – ist es eine Wahl? -, sich auch bedingungslos der Suche nach dem persönlichen Glück zu widmen oder zu Anne zurückzukehren und weder unglücklich noch wirklich glücklich zu sein, zu leben, “wie man eben lebt”.

Thomas Weiss ist mit “Flüchtige Bekannte” ein hervorragender Text gelungen, der geschickt strukturiert ist: zumeist erfährt man die Dinge aus der Ich-Perspektive Joachims, bisweilen kommt aber auch Maren zu Wort, so dass auch ihre Version der Geschichte vermittelt wird. Darüber hinaus ist es in erster Linie ein Roman, der sich in kluger Weise mit einer der dominanten Fragen unserer Gesellschaft auseinandersetzt: der Frage, wie weit man für sein ganz eigenes, individuelles Glück gehen soll/darf/kann. Eine definitive Antwort darauf kann und will der Text natürlich nicht liefern, als Denkanstoss aber ist er überaus anregend.


Artverwandte: von Stil, Schauplätzen, Personal und einigen Grundthematiken (etwa der der kriselnden Ehe und damit verbundenen Kommunikationsproblemen) her, erinnert der Text an Andreas Schäfers “Gesichter”, einen ebenso grandiosen Roman.

Von flüchtigen Bekannten, vom Leben der Menschen als blosse Passanten im Leben anderer, schrieb unlängst Christian Zehnder in “Die Welt nach dem Kino”, wobei dieser Roman auch in seiner Sprache ‘flüchtiger’ bleibt und nicht so eindringlich wirkt.

Wer sich für die vielen, bisweilen auch kritischen Beschreibungen der touristischen Umgebung im Clubhotel interessiert, dem sei Michel Houellebecqs “Plattform” ans Herz gelegt, wo mit diesem Umfeld – es geht vornehmlich um Europäer in Thailand – radikaler abgehandelt wird.

Zuletzt muss, weil er im Roman selbst von Joachim als Referenzpunkt genannt wird, der Film “Five Easy Pieces – Ein Mann sucht sich selbst”  (1970) erwähnt werden. Jack Nicholson gibt hier den zum Ölarbeiter gewordenen Intellektuellen, der plötzlich ausreisst. Mehrmals.

Manchmal denk’ ich nur dran, dass Du mich festhalten und küssen wirst. Lebens-Lagen #38: 29./30. Mai

Im Spätjahr 1905 begegneten sich in Berlin Theodor Heuss (1884-1963) und Elly Knapp (1881-1952). Beide studierten sie in der aufstrebenden Weltstadt Nationalökonomie: Knapp, die Strassburgerin, war jedoch nur Gasthörerin und kehrte Ende des Semesters in ihre Heimat zurück.
Am 31. März 1906 beginnt der Briefwechsel der beiden, der im Verlaufe der nächsten zwei Jahre neben der Besprechung sozialpolitischer Ereignisse und gesammelter Alltäglichkeiten vor allem eine wachsende Liebe zeigt. Heuss arbeitete in der Zeit an seinem Einstieg ins Berufsleben, war Redakteur diverser Zeitungen, während Elly sich in Strassburg als Lehrerin verdingte.
Obschon sich Heuss und Knapp in den Jahren von 1906 bis 1908 sehr selten zu Gesicht bekamen, waren es die Jahre des Sich-findens, des Sich-füreinander-entscheidens und schliesslich der Heirat für den späteren ersten Bundespräsidenten der BRD (1949-59) und seine Frau, die ihm bis zu ihrem frühen Tod zur Seite stand und auch selbst zeitlebens sozial und politisch aktiv war, etwa als Gründerin des Müttergenesungswerks. Der Briefwechsel endet am 5. April 1908. Am 11. April wurde das Paar in Strassburg von Ellys Freund Albert Schweitzer getraut. In einem bemerkenswerten Brief hatte Elly geschrieben: “Ich muss nur wieder staunen, dass man so viel Gemeinsames erleben und so zusammenwachsen kann, während man getrennt ist.”

In erster Linie sind die Briefe, die Heuss und Knapp in den Jahren 1906/08 also das Zeugnis einer grossen, durch die Distanz nicht zu schwächenden Liebe zweier “moderner” Menschen in der tumultreichen Zeit nach der Jahrhundertwende. Es sind Briefe in zärtlich-kameradschaftlichem Tonfall, die noch heute zu entzücken vermögen.

Am 29. Mai 1907 schrieb Elly an Theodor:

“Mein lieber Liebster,
jetzt machen meine Schülerinnen eine französische Übersetzung von der Tafel abschreibend, und ich gewissenloses Frauenzimmer fange den Brief an. (…)
Liebster, hast Du eigentlich mit dem Kunstwart etwas angefangen? Gelt, Du denkst daran, dass man jetzt alle solchen Sachen sehr festhalten muss. Ich habe die Hamburger Damen auch sehr festgehalten, dass sie mich nächstes Jahr im Oktober drannehmen. Du, wie wird das dann? Da wollen wir doch heiraten! Schönes Wetter muss es auf alle Fälle sein. Dazu wäre der 1. Okt. sehr geeignet. Aber 14 Tg. nach der Hochzeit Vorträge halten!?? Hör, manchmal denke ich, wir sollten gleich nach Florenz. Wer weiss, ob’s sonst was wird. Alles für Mannheim. – ISt Dir klar, dass Mannh. jetzt schon ganz nah rückt? Du liebster Mann, heut habe ich die ganze Nacht die abenteuerlichsten Sachen davon geträumt. Einbrüche in Wohnungen ganz fremder Leute, weil da schöne Aussicht war etc. Das Beste dran war, dass Du mich – zum ersten Mal im Traum – so viel geküsst hast, dass ich ganz verwirrt aufgewacht bin. Da lag dein Brief dann da. Das ist so sonderbar; manchmal freue ich mich auf die Mannheimer Tage nur in Gedanken an alles, was wir reden werden, und dass man sich sieht. Und manchmal denk’ ich nur dran, dass Du mich festhalten und küssen wirst. Gehört das nicht zu den grössten Rätseln, wie sich in der Liebe seelisches und sinnliches so verflicht, dass man es gar nicht als einzelne Fäden von diesem oder jenem sieht, sondern als festes Gewebe.
Nun ade, schreib bald und lang. (…)
Deine Elli.”

 

Theodor antwortete bald und lang, am 30. Mai 1907 nämlich schrieb er:

Meine liebste Elli!
Nun kommt also das Briefeschreiben nach all den Zwischendingen wieder ins richtige Gleis, und ich dank’ Dir für Deine vielen lieben und guten Worte. Und am meisten dafür, dass Du mit dem Heiraten im nächsten Jahr einverstanden bist. (…)
Über meine Jugend werden sie [Anm.: Ellys Verwandte] ja auch vielleicht ein bisschen entsetzt sein wie die Tante Lella, aber das gibt sich dann bald. Davon reden wir allerlei in Mannheim und wenn wir über dem Neckar im Walde liegen.
Ich freu’ mich so drauf. Und dann sollen alle wachen und alle nächtigen Träume in Erfüllung gehen, soviel haben wir uns zu sagen und so viel wollen wir uns küssen und lieb und froh sein wie Kinder. Gelt, Du lieber, lieber Schatz! –
Hab’ ich Dir meine Reiseroute schon geschrieben? Du musst mir dann allerhand noch sagen und aufschreiben, was ich mir besonders ansehen soll in den einzelnen Städten: dann weiss ich, was Du besonders liebtest und dann haben wir an den gleichen Dingen liebe Erinnerungen. Das ist schön, wenn die im Gespräch sich begegnen.
(…)
Nun ade, Liebste.
In einer frohen und festen Treue
Dein Dorle.”1


1. Aus: Theodor Heuss / Elly Knapp. So bist Du mir Heimat geworden. Eine Liebesgeschichte in Briefen aus dem Anfang des Jahrhunderts.Hg. v. Hermann Rudolph. Stuttgart: DVA 1986

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Lebens-Lagen #27: 11. April

Harry Graf Kessler (1868 – 1937) , der kunstfördernde High-Society-Lebemann des fin-de-siècle, notierte am Mittwoch, 11. April 1894 in Berlin in sein Tagebuch die Eindrücke eines ausgelassenen Balles:

“Ball bei Peñalvers. Als letzte Tour im Cotillon wurden Eier aus geflochtenem Stroh verteilt, aus deren jedem beim Aufmachen ein lebendiger Vogel herausflog, so dass der ganze Ballsaal von flatternden Spatzen und Zeisigen angefüllt war. Den Cotillon als cavaliere serviente neben einem rechtmässig engagiert habenden Tänzer mit der Gräfin Roveredo getanzt. Die Peñalver selbst, Tochter des Marschalls Serrano, im Gesellschaftsjargon Mad. “Peinte-en vert”, die vom weiblichen Berlin bestgehasste Frau der Hofgesellschaft, in gelbem Atlas mit einem roten Bändchen um den Hals, mit ihrem üppigen roten Haar und schwarzen Augen wieder sehr pikant.” 1


1. Aus: Harry Graf Kessler. Das Tagebuch 1880-1937. Klett-Cotta 2004

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10 Fakten: E.T.A. Hoffmann

Heute dürfte der Tausendsassa der deutschen Romantik – Schriftsteller, Komponist, Karikaturist und Jurist E.T.A. Hoffmann (1776-1822) – Geburtstag feiern. (Etwas mehr als) zehn Fakten aus Leben, Werk und Wirkung.

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1. E.T.A. steht für Ernst Theodor Amadeus. Getauft worden aber war Hoffmann auf die Namen Ernst Theodor Wilhelm. Aus Liebe zum Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart änderte er 1804 seinen dritten Vornamen und trug fortan den Künstlernamen Amadeus.

2. Hoffmanns Grossmütter waren Schwestern. Maria Elisabeth und Lovisa Sophia Voeteri. E.T.A.s Vater Christoph Ludwig (1736-97) heiratete seine Cousine Lovisa Albertina (1748-96).

3. Das Studium der Rechtswissenschaften in Königsberg war Hoffmann nicht Herzens-, sondern Familienangelegenheit. Sein Vater war preussischer Hofgerichtsadvokat, Der Künstler regte sich schon in ihm: In einem frühen Brief schreibt er “Das Studium geht langsam und traurig – ich muss mich zwingen, ein Jurist zu werden.

4. In seinem lebenslänglichen Brotjob, der Juristerei, wurde Hoffmann 1819 vom König zum Mitglied einer „Immediat-Untersuchungs-Kommission zur Ermittlung von hochverrätherischen Verbindungen“ ernannt.

5. In seiner Tätigkeit als Komponist schrieb Hoffmann auch drei Opern: Die romantische Oper “Der Trank der Unsterblichkeit” (1808), die heroische Oper “Aurora” (1812) und die Zauberoper “Undine” (1814) mit einem Libretto des Freundes Friedrich de la Motte Fouqué.

6. Hoffmanns erste literarische Publikation war das “Schreiben eines Klostergeistlichen” (1803), das sich, wie auch einige spätere Schriften, der Briefform bedient. Privat bezichtigte Hoffmann sich selbst einer “unbeschreibliche[n] Brieffaulheit”.

7. In seiner Berliner Stammkneipe Lutter & Wegner erzählte Hoffmann Freunden von seiner begonnenen Erzählung “Meister Floh”, in der Details aus einer originalen Prozessakte literarisch aufgenommen werden. Das Manuskript wurde kurz darauf beschlagnahmt und zensiert, ein Disziplinarverfahren eingeleitet. 1908 erst wurden die der Zensur zum Opfer gefallenen Passagen veröffentlicht.

8. Die französischen Theaterdichter Jules Barbier und Michel Carré verfassten ein Libretto namens “Les contes d’Hoffmann”, das auf verschiedenen Erzählungen von Hoffmann beruht, die so abgewandelt wurden, dass der Autor selbst zu deren Protagonist wurde. Die Musik dazu verfasste Jacques Offenbach; die Oper wurde 1881 uraufgeführt.

9. Das Gemälde, das am Ursprung der Hoffmann’schen Erzählung “Die Fermate” steht, ist Johann Erdmann Hummels “Gesellschaft in einer italienischen Lokanda” (ca. 1814). Es befindet sich in der Neuen Pinakothek München.

10. Zeit seines (Erwachsenen)lebens hat Hoffmann mit Alkoholproblemen gekämpft. Ein Kelch – bisweilen gar ein geflügelter – ist die häufigste Kritzelei in seinen Tagebüchern.Die Vorliebe für Hochprozentiges schlug sich oftmals auch in seiner Literatur nieder, etwa in den Trinkszenen aus “Die Elixiere des Teufels” oder “Der goldene Topf”. 1822 verstarb Hoffmann an einer Atemlähmung, an Neurolues – oder schlicht an einem ungesunden, schlafarmen Doppelleben zwischen Recht und Kunst, zwischen Beruf und Berufung.

 

 

 

Harry Graf Kessler. Eine Lebenstragödie.

Es fällt schwer, eine Einleitung zu Harry Graf Kessler nicht reisserisch zu gestalten. Von Haus aus reich, unabhängig und mit weitreichenden Bekanntschaften, war er eine der schillerndsten und einflussreichsten Gestalten des Fin de Siècle. In seiner Funktion als Mäzen und Vermittler unterstützte er bedeutende Künstler wie Edvard Munch oder Aristide Maillol, seine Wohnungen liess er sich von Henry van de Velde einrichten, mit Hugo von Hofmannsthal verfasste er  das Libretto zu “Der Rosenkavalier”, … – am 30.11.1937 verstarb er einsam und mitellos in einem Lyoner Krankenhaus. Wie hatte es dazu kommen können? Eine Lebenstragödie. 

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Harry Graf Kessler 1917. Fotografie von Rudolf Dührkoop.

Harry Graf Kessler: geboren 1868 in Paris, Vater Adolf ist ein steinreicher Bankier, der in Kanada Ländereien in der Grösse Bayerns besitzt, Mutter Alice Harriet Blosse-Lynch eine irische Baronesse, die von illustren Gästen bevölkerte Salons organisiert und selbst mit dem Kaiser bekannt ist. Weiter oben im Stammbaum steht der Name eines Schweizer Reformators, der einst im Wirtshaus “Zum Bären” im Jena zechte: Johann Kessler, genannt Ahenarius.

In dieses Umfeld, in diese Geschichte hinein wird Harry Clemens Ulrich am 23. Mai 1868 geboren. Bald schon entsteht die Legende, er sei der uneheliche Sohn des Kaisers selbst. Harry bestreitet dies zeitlebens. Im Jahre 1879 erhebt selbiger Kaiser Harry und seinen Vater in den erblichen Adelsstand: Der Graf ist geboren.  Neun Jahre später erblickt seine Schwester Wilma das Licht der Welt; sie wird ihm später das Leben retten.

Kindheit und Jugend verbringt er auf Eliteschulen in Paris, in Ascot, in Hamburg. Er geniesst eine humanistische Ausbildung, studierte Jura und später Kunstgeschichte. Nach seiner Ausbildung begab er sich, stets finanziell abgesichert und deshalb unabhängig, auf eine Weltreise. Immer dabei: ein Tagebuch.

Die Tagebücher – sie sind Harry Graf Kesslers grosses Geschenk an die Weltliteratur und an die Geschichtsforschung. Von 1880 bis 1937 schrieb er konsequent, insgesamt zehntausend Seiten, bevölkert von zwölftausend Personen: Ein einmaliges Panorama der zentraleuropäischen Gesellschaft, Kultur und Kunst seiner Zeit.

Selbst sieht er sich als halber Kessler und halber Ire “mit gesundem Durst nach Schönheit und Faustkämpfen”. Er wird nicht Bankier oder Jurist, sondern nutzt seine finanzielle Unabhängigkeit, um die Kunst zu fördern, zu reisen, zu leben. 1895 verstirbt der Vater: Harry kommt in Besitz eines gigantischen Vermögens. Nach einer Reise durch Mexiko veröffentlicht er 1898 sein erstes Buch (“Notizen über Mexico”).

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Henry van de Velde

Das Fin de Siècle im Wortsinne – der Anbruch des Jahres 1900: Harry kauft sich eine Wohnung in Berlin, sein Freund Henry van de Velde richtet sie ein, modern und ästhetisch. Als Botschafter der Jugendstil-Zeitschrift/-Genossenschaft PAN bereist er Europa und wirbt neue Mitglieder. Er trifft Auguste Rodin, Rainer Maria Rilke und Edvard Munch. Letzteren fördert er stark, 1904 malt Munch ein prominentes Portrait seines Mäzens.

Um 1900, dem Tod schon nahe, hatte Kessler auch seinen intellektuellen Fixstern Nietzsche kennengelernt. Nach dessen Tod am 25.8.1900 nimmt ihm Kessler die Totenmaske ab und ist einer der wenigen Gäste an der Trauerfeier. Ihm zu Ehren gründet Harry das Nietzsche-Archiv in Weimar. Die Stadt wird zeitgleich zum neuen Mittelpunkt seines Lebens. Von hier aus verfolgt er seine radikalen künstlerischen Visionen.

Als ehrenamtlicher Leiter des Museums für Kunst und Kunstgewerbe schafft er sich Freunde wie Feinde. Er verkauft alte Kunst, um von dem Geld Neuartiges anzuschaffen. “Esel!”, nennt ihn Kaiser Wilhelm II. dafür – nicht persönlich, sondern in der Randnotiz eines Briefes, in dem ihm vom Geschehen in Weimar berichtet wird.

Er entdeckt Max Beckmann, holt Werke von Auguste Rodin nach Deutschland. Diese werden ihm schliesslich zum Verhängnis – gemeinsam mit seinem Grössenwahn. “Niemand anders in Deutschland hat eine so starke (…) Stellung”, schreibt er einmal angesichts seines weitläufigen Einflussbereichs. Er plant ein gewaltiges Nietzsche-Monument mit Tempel und Stadion. Er entwickelt, Goethe gleich, umfangreiche Reformkonzepte, zum Beispiel für das Theater. Etwa zur selben Zeit entbrennt ein Streit um einige Akte von Rodin, die er angeschafft hat. Harry wird wütend, will sich gar duellieren… – Eine Nervenkrise ist die Folge.

Ein enger Freund ist ihm Aristide Maillol, dessen Skulpturen er kauft, gleichzeitig neue in Auftrag gibt, ihm ein Modell bringt, und zwar seinen eigenen Liebhaber, den Radsportler Gaston Colin. “Le Cycliste” entsteht.

Dann das Zerwürfnis mit seinem guten Freund Hugo von Hofmannsthal. Sie hatten zusammen das Libretto zu “Der Rosenkavalier” geschrieben. Die Rolle als Empfänger der Widmung ist Harry danach zu wenig – es kommt zum Streit.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs nehmen die Dinge einen erstaunlichen Lauf: Harry Graf Kessler, der Weltbürger, der Kosmopolit, entflammt in heftigem Patriotismus. Kämpft wild entschlossen für das eine Heimatland Deutschland, hat plötzlich gar Fantasien von einem weltumspannenden Deutschen Reich,… – Es folgt ein weiterer Nervenzusammenbruch.

Der Weltkrieg ging zu Ende. 1919 verstarb Kesslers Mutter. 1920 anlässlich des Vertragsschlusses in Versailles notierte er in sein Tagebuch: “Eine furchtbare Zeit …, die in einer wahrscheinlich noch furchtbareren Explosion enden wird”.

Er wendet sich verstärkt der Politik zu, wird nach Ausrufung der Republik vom Arbeiter- und Soldatenrat als Gesandter, teilweise unter militärischem Schutz, nach Polen geschickt. Freundschaftliche Beziehungen sollen wiederhergestellt werden, doch die Reise endet mit dem Kontaktabbruch Polens zu Deutschland. Er beschäftigte sich mit der Sozialen Frage, verfasste ein Pamphlet über die Armut der Kinder in den Hinterhöfen Berlins. Seitens der aufkommenden Rechtsradikalen brachte ihm dies den Übernamen “Roter Graf” ein. Sein nächstes Projekt ist ein überstaatlicher Völkerbund, eine “Organisation der Organisationen” in den er viel Geld und Zeit (Vortragsreisen) investiert.

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Walther Rathenau

1922 reist Kessler nach Genua zur Europäischen Wirtschaftskonferenz. Deutschland und Russland unterzeichneten abseits dieser Konferenz einen Vertrag. Kessler sah darin einen Rückfall in Zeiten der politischen Intrige. Der von ihm sehr geschätzte deutsche Aussenminister Walther Rathenau trifft hier zum letztenmal mit dem Grafen zusammen. Wenig später wird er Opfer eines rechtsradikalen Attentats. Harry beginnt an einer Rathenau-Biografie zu schreiben. Er hatte sich selbst gespielt gesehen in dem grossen Politiker, gespiegelt als ehemaliger Kriegsunterstützer, als Gespaltener zwischen Geist und Macht, als Homosexueller. Die Biografie erscheint 1928 zum sechsten Todestag Rathenaus.

Seit 1924 war Harry politisch nicht mehr aktiv, kümmerte sich stattdessen auf ausgedehnten Reisen intensiv um die Propagierung seines Völkerbundplans. Und noch immer traf man ihn auf allen erdenklichen gesellschaftlichen Anlässen. Er begegnete (und schrieb über) André Gide, Josephine Baker, Bertolt Brecht, Jean Cocteau, Paul Valéry, usw. – Ein Who-Is-Who des intellektuellen europäischen Jetsets der Roaring Twenties.

1929, mit dem Tod Gustav Stresemanns, der die Annäherung von Frankreich und Deutschland bewerkstelligt hatte, begann wohl der Abstieg. Freilich bemerkte Harry es noch nicht. Er notierte in seinem Tagebuch eine Bemerkung, die Literatur-Nobelpreisträger Roger Martin du Gard ihm gegenüber anlässlich eines Besuchs in Berlin gemacht hatte: “die Menschen, die er auf der Straße sehe, wären ganz anders als in Paris, sie hätten Zukunft in den Augen. In Deutschland werde der neue Mensch, der Mensch der Zukunft, geschaffen”.

Am 14. September 1930 verzehnfachen die Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen beinahe ihre Anteile. Kessler notiert: “Ein schwarzer Tag für Deutschland.” 1931 dann auch ein persönlicher Rückschlag. Kessler, ein Bibliophiler, der in seinem Leben unter anderem auch nach dem perfekten Buch suchte, muss seinen Verlag, die Cranach-Presse, schliessen. Siebzig erlesene Ausgaben wurden hier produziert. Gemeinsam mit Maillol hatte Kessler gar eigens eine Papierfabrik gegründet. Nun das Ende: Kesslers Vermögen ist nicht mehr. Grosszügig gegenüber sich selbst und gegenüber von ihm geförderten Künstlern usw. hat er alles verloren. Und die verhassten Nazis sind da. Noch tut er sie als “Fiebererscheinung” ab, sieht in Hitler einen mit grossem Maul und nichts dahinter, Die Nazis, glaubte er, würden am Widerstand des Volkes zerbrechen.

März 1933: Hitler ist Reichskanzler, der Reichstag hat gebrannt. Kessler reist nach Paris: Es ist als ein Ausweichen auf Zeit gedacht, doch er wird sein Heimatland nie wieder sehen.

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Kesslers Wohnsitz auf Mallorca

Gut dokumentiert sind die folgenden zwei Jahre seines Lebens. Er verbringt sie auf Mallorca, Plaza Iglesia 3 in Bona Nova, “auf der Höhe über Palma mit einem herrlichen, grandiosen Blick über das Meer,” Hier erinnert er sich zurück, beginnt an seinen Memoiren “Gesichter und Zeiten” zu arbeiten. Unerlaubt erscheint ein Vorabdruck in einer französischen Emigrantenzeitung. Kesslers Werk wird von den Nazis auf die Liste des unerwünschten Schrifttums gesetzt. Zudem hat sich durch die abrupte Abreise ein weiteres Problem ergeben: In Deutschland häufen sich die Schulden an, niemand hat Vollmachten, es kommt zu einer Zwangsversteigerung seines Besitzes. Die Wohnung in Berlin wird geplündert.

Verbissen schreibt er an seinen Erinnerungen, findet im mittellosen Schriftsteller und Übersetzer Albert Vigoleis Thelen einen Sekretär, der seine Handschrift in unermüdlicher Arbeit in Schreibmaschinenschrift umwandelt. Dieser wird später in seinen eigenen Erinnerungen (“Die Insel des zweiten Gesichts”) respektvolle Worte für den Grafen finden.

Mit Harrys Gesundheit geht es bergab, er erleidet einen Blutsturz. Finanziell ist er nicht mehr unabhängig: seine Schwester Wilma, die sich verheiratet Wilma Marquise de Brion nennt, und in einem Schloss in Frankreich residiert, unterstützt ihn. Er reist zu ihr, vorübergehend nur, denkt er. Doch zurück kann er nicht, denn der Spanische Bürgerkrieg ist ausgebrochen . Noch einmal besucht er Paris. Am 30. November 1937 verstirbt er, neunundsechzigjährig, verarmt und einsam in einem Krankenhaus in Lyon. Bestattet wird er auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise. Wenige Leute nehmen an der Zeremonie teil.

(Neben der verlinkten Artikel beruft sich der obige Text auch auf dei Dokumentation “Harry Kessler – Der Mann, der alle kannte.” – Man kann sie sich, unterteilt in vier Clips, via Youtube anschauen.)

Das Bild von Kesslers Haus in Mallorca stammt von: http://www.vigoleis.de/content/insel/0/83.htm (Abgerufen: 25.11.2013)

Die Edition der Kessler’schen Tagebücher obliegt dem Deutschen Literaturarchiv Marbach. Bis auf Band 1, der nicht finanziert ist und vermutlich erst 2015 erscheint, wurden alle Bände (2-9) beim Klett-Cotta-Verlag herausgegeben.