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Rezension: Elisabeth Schrom – Herbertgeschichten (Zytglogge, 2016)

Es beginnt mit dem Tod: morgens nach dem Aufwachen entdeckt Herbert – Rentner, seit dreissig Jahren alleinstehend und -wohnend – eine tote Heuschrecke auf seinem Schlafzimmerboden. Nicht irgendeine Heuschrecke, sondern den von ihm bereits benannten “David”, den er zwei Tage zuvor in seinem Schlafzimmer entdeckt und vergeblich zu fangen versucht hatte. “Ein schlechtes Omen, wenn der Tag mit dem Tod begann”, sagt sich Herbert. “An solchen Tagen blieb man besser daheim.”

Die kleinen, teils bizarren Eigenarten und Gedanken des Herbert bilden den Leitfaden all der Geschichten, die die 69jährige in Wien geborene Basler Schriftstellerin Elisabeth Schrom in ihrem Prosadebüt zu einer Erzählung vereint. Liebevoll, in einem lakonischen, aber dennoch einfühlsamen Ton führt sie ihren bisweilen arg verunsicherten Protagonisten über die Bühne seines Rentnerlebens, macht dabei die grossen existenziellen Fragen an den scheinbar unbedeutenden Details des Alltags fest.

Das Leben des Herbert ist geprägt von Ritualen wie dem alldienstäglichen Treffen mit seinem besten (einzigen verbleibenden) Freund Rudolf auf einer Parkbank. Beim Füttern der Spatzen diskutieren die beiden Männer dort über Gott und die Welt – wobei die interessantesten Aspekte in dem zu finden sind, worüber die beiden gerade nicht offen zu sprechen wagen. Die Liebe zum Beispiel.

Herbert hat sich über die Jahrzehnte unzählige Sammlungen geschaffen – unter anderem eine von 127 Spazierstöcken – , die seine Wohnung anfüllen und ihm die Ausrede bescheren, er habe gar keinen Platz für eine Frau. Rudolf, in scheinbar spiessiger Ehe mit der spröden Edith verheiratet (“Es ist schön, wenn man weiss, zu wem man gehört.”), unternimmt zaghafte Versuche seinen Freund Herbert zu verkuppeln. Er will diesen dem verkrampften Dasein, das sich in dreissig Jahren Alleinesein eingespielt hat, entreissen. Und tatsächlich tritt, nachdem Herbert auf eine Kontaktanzeige geantwortet hat, in welcher eine Italienerin nach einem “Ehemann wegen Existenzsicherung” suchte, die lebhafte, jüngere Ivana in sein Leben. Ein Versprechen von Drama, Abenteuer, Tragödie. Ihr Auftreten – ohne hier zu verraten, wohin es führt – ist ein Wendepunkt, vielleicht der Beginn dessen, was gerne der “zweite Frühling” genannt wird.

Autorin Elisabeth Schrom lotet in kurzen, einprägsamen Szenen die Ängste und Freuden, die vielfältigen Ambivalenzen des Älterwerdens, Pensioniertseins, des Alleine- und des Zusammenseins aus. In aussagekräftigen Bildern und Dialogen nähert sie sich den Persönlichkeiten ihrer Figuren und beschreibt deren Reaktionen auf die Einbrüche des Ungewissen in eine Welt, die auf den ersten Blick nur aus Routinen, Macken, kleinen Obsessionen und allumfassender Bequemlichkeit zu bestehen scheint.

Schrom findet die treffende, von subtilem Humor durchwirkte, Sprache für Herberts Geschichten, einen würdevollen Ton, der mit seiner Mischung aus Selbstironie, Fatalismus und immer wieder aufkeimender Lebenslust die Figuren auf die für manche grösste Hürde des Lebens zuführt. Und letztlich bleibt nur noch die letzte, die schwerste aller Fragen: Eichen-, Fichten- oder Kiefernsarg?

Rezension: Tom Zürcher – Der Spartaner (Lenos Verlag, 2016)

Sechs Romane hat der Schweizer Autor Tom Zürcher geschrieben. Veröffentlichen lassen hat er davon bislang zwei: vor achtzehn Jahren die irrwitzige Detektivstory “Högo Sopatis ermittelt” (Eichborn, 1998) und unlängst “Der Spartaner” (Lenos Verlag, 2016). Es sind die Aufzeichnungen eines jungen Mannes auf der Suche nach Freiheit, Wahrheiten und seiner Rolle im “grossen Bürgertheater”. Ein Roman, der darauf hoffen lässt, dass Tom Zürcher dereinst auch seine noch in der Schublade ruhenden Werke der Öffentlichkeit vorstellen wird.

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An einer Klassenzusammenkunft zückt ein junger Mann, den alle nur den “Spartaner” nennen, eine Pistole… Der Ich-Erzähler des Romans, ein guter Freund des Spartaners, wird nach dieser Katastrophe in ein Privatsanatorium eingeliefert. Er nennt es “Hotel ohne Fenster”. Akribisch hält er alle Eindrücke, Gedanken und Gespräche fest: die Absurditäten seiner Mitinsassen “Buffi” und “Fanolo”, die täglichen Sitzungen mit seiner Ärztin, den Konflikt mit seiner Mutter, Fragmente der Vergangenheit, die nach und nach an die Oberfläche dringen und den Leser Schritt für Schritt rekonstruieren lassen, was vorgefallen ist bzw. vorgefallen sein könnte.

Ein Lieblingssatz des Protagonisten ist: “Es gibt keine Wahrheit, es gibt hundert.” Wie viele seiner Leitzitate schreibt er ihn dem Spartaner zu, dessen bedingungslose Freiheit und Ablehnung des “grossen Bürgertheaters” er idolisiert. Zwei Wege sind ihm gegeben, diesen Wahrheiten auf die Spur zu kommen: das Schreiben und die Gespräche mit “seiner” Ärztin, mit der ihn bald ein seltsames Verhältnis verbindet, das über die übliche Vertrautheit von Arzt und Patient hinausgeht.

“Schreiben Sie einfach drauflos, hat sie gesagt. Schreiben Sie alles auf, was Ihnen durch den Kopf geht. Mir geht allerhand durch den Kopf, wissen Sie. Gedanken sind wie weisse Kanninchen. Kaum ist mehr als einer da, rammeln sie drauflos, und plopp! sind es hundert, und alle hoppeln durcheinander und knabbern meine Kabel an.”

Die Konstruktion des Romans ist geschickt angelegt: Aufzeichnungen und Sitzungsprotokolle (ebenfalls vom Ich-Erzähler angefertigt, “wortwörtlich, wie er vorgibt) wechseln sich ab. Oftmals beziehen sie sich aufeinander: die Aufzeichnungen werden in den Sitzungen besprochen, die Sitzungen in den Aufzeichnungen nachbearbeitet. So clever wie der Roman strukturiert ist, so routiniert ist er stilistisch ausgefertigt. Besonders hervorzuheben ist hierbei die handwerkliche Meisterschaft der Dialoge. Sie sind rasant, humorvoll, nachvollziehbar und niemals künstlich überspitzt, sondern nahe an einer vertrauten Alltagssprache: eine Qualität, die nicht hoch genug gelobt werden kann, scheitert doch manch ein ansonsten hochbegnadeter Schriftsteller an der Klippe des Dialogs. Nicht Tom Zürcher.

“Der Spartaner” ist ein raffiniertes Spiel, in dem die Grenzen zwischen Wahrheit und Lüge, Verrücktheit und gesellschaftlicher Konvention, Erinnerung und Verdrängung auf gleichsam unterhaltende wie tiefsinnige Art und Weise ausgelotet werden. Ein Roman, der mehr sein müsste, als lediglich ein Geheimtipp, ja: das Werk eines Autors, von dem man gerne mehr lesen möchte!

Hier geht es zu einem längeren Interview mit Tom Zürcher über sein Leben und Schaffen.

Zürcher, Tom. Der Spartaner. Basel: Lenos Verlag, 2016. 256 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978 3 85787 468 0

Schweizer Standpunkte: Raum und Macht – Wer plant die Planung?

“Wer plant die Planung?”: Diese Frage beschäftigte den Schweizer Soziologen Lucius Burckhardt lange Zeit. Eine Gruppe von 14 Autoren hat sich seines Lebens und Wirkens in der Studie “Raum und Macht. Die Stadt zwischen Vision und Wirklichkeit” (Rotpunktverlag, 2014) angenommen und versucht, seine Denkanstösse auf aktuelle stadtplanerische Projekte anzuwenden.

Lucius Burckhardt  (1925-2003) war Soziologe, Ökonom und Begründer der sogenannten Spaziergangswissenschaft, er war ein politisch engagierter Bürger und ein kritischer, die Grundsätze menschlichen Lebens und Wohnens hinterfragender Geist. Gemeinsam mit seiner Frau Annemarie, der in der vorliegenden Studie ebenfalls ausführliche Teile gewidmet sind, setzte er sich beruflich und privat für die Mitbestimmung des Volks bei der Planung städtischer Lebensräume ein. Getreu dem Grundsatz, dass jeder so wohnen können sollte, wie es ihm beliebt. Kritisch stand er etwa der sogenannten Wohlfahrt gegenüber, “weil die Wohltäter festlegen, was ein gutes und menschenwürdiges Leben ist.” Dadurch gelangten Leute, die unter dem festgelegten Standard lebten und wohnten, unter psychischen Druck.

Burckhardt war stets bewusst, dass “alles, was Stadtplanung plant, (…) irgendwelchen Leuten Vorteile und anderen Nachteile” bringt. Diese Einsicht reduzierte er auf die prägnante Formel: “Planung ist Leidensverteilung”. Wichtig war ihm und seiner Frau, urbane Räume möglichst “menschengerecht und lebendig” zu gestalten. Sein Gedankengut könnte man dabei als liberal und/oder grün bezeichnen. Max Frisch, selbst auch Architekt, schrieb in “achtung: die Schweiz” (1954), einer Schrift, die aus einem Gespräch zwischen Burckhardt, Frisch und Markus Kutter entstand, folgenden Satz: “Man ist nicht realistisch, indem man keine Idee hat.”  Hierin spiegelt sich auch Burckhardts Bemühen, die Bürger zu persönlicher Verantwortung hinsichtlich der Planung ihrer Lebensräume aufzurufen. Sich zu zurückzuhalten und abzuwarten war nie das Anliegen von Lucius und Annemarie Burckhardt. Eine Demokratisierung planerischer Prozesse schwebte ihnen vor. Nicht die Verfilzung mächtiger “Player” aus Politik und Wirtschaft sollten den urbanen Raum planen, sondern die darin ansässige Bevölkerung selbst.

Die hier besprochene Studie greift brandaktuelle Paradigmen und konkrete Projekte aus Burckhardts Heimat Basel auf, um zu beleuchten, welche Interessen heute bestimmen, wie Raum genutzt wird, welche Machtgefüge das Sagen haben, wenn es etwa darum geht, die trinationale Nachbarschaft um Basel (CH), Weil am Rhein (DE) und Huningue (FR) – ein kraftvolles Statement für Europa – zu planen. Des Weiteren finden sich spannende Beiträge zum Phänomen Urban Gardening und zum Basler Wagenplatz, einer rechtlich illegalen, von der Stadt aber unter Bedingungen geduldeten Ansammlung von Zirkuswagen, in denen Leute eine alternative Vision des Wohnens leben.

“Raum und Macht. Die Stadt zwischen Vision und Wirklichkeit” ist ein aufwendig gestaltetes Buch mit etlichen Fotografien, Teilabdrucken von Interviews, die Zeitgenossen und Schüler von Lucius Burckhardt den Autoren gegeben haben. Ergänzt wird das Ganze mit einer DVD, die die Aufzeichnungen dieser Interviews beinhaltet. Inhaltlich handelt es sich um eine umfangreiche Studie, die Biographisches und Historisches – etwa die Gedanken anderer Theoretiker wie Henri Lefebvre (“Recht auf Stadt”, 1968) – mit raumplanerischen Gegenwart und Zukunft kombiniert. Es ist ein auch für Nicht-Basler anregendes und auch Nicht-Wissenschaftlern verständliches Werk, das einerseits in die Schatzkiste der Schweizer Geschichte greift, andererseits die Augen öffnet, für urbane Probleme, die nach wie vor  – manche gar mehr denn je – bestehen. Und ganz im Sinne Lucius und Annemarie Burckhardts bleibt letztlich der Wille, aktiv an der Gestaltung des unmittelbaren Wohn- und Lebensraums teilzunehmen.