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Rezension: Leonardo Padura – Ketzer (Unionsverlag, 2014)

“Ketzer”, der Roman des kubanischen Autors Leonardo Padura (*1955) vereint die politische Geschichte, Kunstgeschichte, jüdische Geschichte und die Tücken der Gegenwart zu einer die Jahrhunderte durchquerenden Detektivgeschichte von gewaltiger Kraft. Dreh- und Angelpunkt des Geschehens: ein Christusportrait des niederländischen Malers Rembrandt – und die Frage, wie viel Ketzerei nötig ist, wenn einer “das natürliche Bedürfnis nach der eigenen Freiheit ausleben will”. Ein grosser Roman, im eigentlichen Wortsinne Welt-Literatur.

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Titel: Ketzer
Original: Herejes (2013)
Autor: Leonardo Padura
Übersetzung: Hans-Joachim Hartstein
Verlag: Unionsverlag
ISBN: 3-293-00469-5
Umfang: 656 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Erzählerischer Ausgangspunkt des Romans ist die Ankunft der MS St. Louis im Hafen von Havanna im Mai 1939. An Bord befinden sich mehr als 900 europäische jüdische Flüchtlinge, die vom NS-Regime Visas zur Ausreise erhalten haben. Vieles läuft schief, unterliegt der Korruption, sodass das Schiff schliesslich zum umkehren gezwungen wird und seine Insassen damit in den fast sicheren europäischen Tod schickt. Padura nimmt hier ein erstes Mal ein historisches Ereignis und bestückt es mit fiktionalen Figuren. Diese sind: der Junge Daniel Kaminsky und sein Onkel Joseph, die in Havanna leben und auf die Ankunft von Daniels Eltern, seiner Schwester warten, die sich an Bord des Schiffes befinden. Im Gepäck haben sie ein Christusportrait von Rembrandt, die”Familienreliquie”, die sich seit mehreren Jahrhunderten im Besitz der Kaminskys befindet.

Sprung ins Havanna des Jahres 2007: Mario Conde, Buchantiquar gewordener Ex-Polizist und bereits Protagonist früherer Padura-Bücher, erhält unerwarteten Besuch vom Maler Elias Kaminsky aus Miami, Daniels Sohn. Der Rembrandt, der offenbar 1939 auf verschlungenen Wegen doch nach Kuba gekommen ist, wurde in London auf einer Auktion angeboten. Elias will einerseits das Gemälde “in den Schoss der Familie zurückbringen”, Gerechtigkeit, andererseits die Wahrheit über seinen Vater erfahren, wissen, ob dieser etwas mit einem Mord zu tun hatte, der in Havanna 1958 verübt wurde: Wochen bevor Daniel in die USA flüchtete. Dazu bittet er um Condes Mithilfe. Das Detektivspiel nimmt seinen Lauf.

Diese Ereignisse sind unter dem Titel “Das Buch Daniel” zusammengefasst. Der Fokus liegt, dem Titel gerecht werdend, auf der Figur von Daniel Kaminsky, seinem Kampf mit dem jüdischen Glauben, der Doppelexistenz zwischen karikierter Frömmigkeit und der Welt zugewandtem Hedonismus. Onkel Joseph nennt ihn einen Ketzer.

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Rembrandt: “Ein Christus nach dem Leben” (1648)

Szenenwechsel: “Das Buch Elias”. Hierbei handelt es sich nicht etwa um Elias Kaminsky, sondern um Elias Ambrosius, einen jüdischen Jugendlichen im Amsterdam der 1640er-Jahre, der alles aufzugeben bereit ist, um Maler zu werden wie sein Vorbild Meister Rembrandt. Auch er ist gefangen im Zwiespalt zwischen der Tradition seiner Religion und der unbedingten Freiheit. Er sitzt Modell für ein Christusporträt, das Rembrandt anfertigt – und verstösst damit gegen ein Gebot des Heiligen Gesetzes seiner Religion. Im Angesicht des Verstosses aus seiner Gemeinschaft flieht er.

 

 

“Das Buch Judith” schliesslich kehrt in die kubanische Gegenwart zurück, kaum ein Jahr nachdem Elias Kaminsky Conde aufgesucht hat. Yadine, Enkelin von Ricardo Kaminsky, derselbst Adoptivsohn von Onkel Joseph, taucht vor Mario Condes Tür auf und berichtet ihm vom Verschwinden ihrer Freundin Judy. Sie brauche Hilfe bei der Suche. Conde, der seinen detektivischen Instinkt nicht verloren hat, stimmt zu und begibt sich ins Umfeld dieser Jugendlichen, die der Subkultur der sogenannten Emos angehören: düster gekleidete und geschminkte junge Leute, die es “schmerzt, in einer Scheisswelt zu leben”, weshalb sie nichts mit ihr zu tun haben wollen. Gemeinsam mit einer Menge anderer subkulturellen Gruppen sitzen sie auf den Grünflächen, Bänken und Randsteinen des ehemaligen aristokratischen Boulevards Calle G. Eine neue Welt für Conde, der in diesen Jugendlichen “die sichtbarste und auffälligste Spitze eines Eisbergs einer neuen Generation von Ketzern” erkennt.

Das Verschwinden Judys weitet sich bald zu einem handfesten Kriminalfall aus – und plötzlich erinnert sich Conde wieder an die polnischen Kaminskys, den Mord in den Fünfzigern, die Ankunft und Rückkehr des Schiffes in den Dreissigern, den verschollenen und unter mysteriösen Umständen wieder aufgetauchten Rembrandt… und die Fäden beginnen zusammenzulaufen…

Leonardo Padura versteht es meisterhaft historische Realität und Fiktion miteinander zu verbinden. In den Geschichten seiner Figuren spiegeln sich Ereignisse der Weltgeschichte, die Padura penibel recherchiert hat, wie sein ausführliches Nachwort über die Entstehung des Werks offenlegt. Er nutzt den verzweigten, hervorragend durchdachten Plot, um jüdische Geschichte – das kurze letzte Buch “Genesis” handelt von der Judenverfolgung im Osteuropa des 17. Jahrhunderts, wo Elias Ambrosius in ständiger Todesangst seinem Meister einen Brief schrieb – durch die Jahrhunderte aufzuarbeiten. Daneben nimmt er sich aber auch Zeit für die Realität der gegenwärtigen kubanischen Gesellschaft, für die kubanische Poltik des 20. Jahrhunderts oder für die niederländische Politik und Gesellschaft des 17. Jahrhunderts.

Eindrücklich führt Padura die Gemeinsamkeit vor Augen, die all diesen Figuren quer durch die Jahrhunderte innewohnt: die Frage eben, wie viel Ketzerei nötig ist, um das Bedürfnis nach persönlicher Freiheit ausleben zu können. Der Bogen spannt sich von der Räumung und Zwangsversteigerung von Rembrandts Haushalt 1656 bis zum Aufsatz des verschwundenen Mädchens Judy, in dem es heisst: “Wenn ein Land oder ein System dir nicht erlaubt, frei zu wählen, wo du leben und wohnen willst, ist es gescheitert. Erzwungene Treue bedeutet Scheitern.”

Dem kubanischen Autor ist mit “Ketzer” ein geradezu monumentales Werk gelungen, dem man das Herzblut und die Hingabe, die darauf verwendet wurden, in jeder Zeile anmerkt. Stilistisch  und formal ist das souverän, der Spannungsaufbau lässt Paduras Gespür für Detektivgeschichten erkennen, der Plot ist weit verzweigt, detailreich ausgeschmückt, zeugt von tiefer Kenntnis der beschriebenen historischen Realitäten und ist nahezu perfekt durchdacht. Eine faszinierende Reise durch Raum und Zeit, deren Antritt mit dem Genuss von Welt-Literatur belohnt wird.

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Rezension: Andreas Schäfer – Gesichter (Dumont, 2013)

Mit seinem dritten Roman „Gesichter“ legt der deutsch-griechische Autor Andreas Schäfer einen hervorragenden Text vor, der Gesellschaftsroman, Familiendrama und Psychothriller zugleich ist, sich dabei aber nie in Halbherzigkeiten versteigt. Die elegante Sprache, hervorragend gezeichnete ambivalente Charaktere und enigmatische Handlungsverläufe sorgen für Hochspannung. Ein subtiler Pageturner.

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Titel: Gesichter
Autor: Andreas Schäfer
Verlag: Dumont
ISBN: 978-3-8321-9664-6
Umfang: 256 Seiten, gebunden

Gabor Lorenz ist verheiratet, Vater zweier Kinder; er ist Mediziner und beschäftigt sich als solcher mit Prosopagnosie, dem Nichterkennen von Gesichtern; zu Beginn des Buches steht er kurz vor einem wichtigen Vortrag; jeden Sommer fährt er mit Frau und Kindern in ein abgelegenes Ferienhaus in Griechenland. Mit „unkontrolliertem Stolz“ blickt er auf das, was er und seine Lieben „geschaffen haben“, ja „[a]lles, was er sich wünschte, schien greifbar zu sein.“ Kurzum: Gabor Lorenz ist felsenfest verankert in seiner überheblichen bürgerlichen Selbstgewissheit. Die Dinge gehen ihm leicht von der Hand, den Begriff der Schuld kennt er nicht: Seinen Studienfreund  und Mitarbeiter Yann feuert er, weil er dessen „Ruhelosigkeit“ nicht erträgt – anstatt Gewissensbissen folgen der Entlassung „Tage anstrengungsloser Selbstverständlichkeit.“

Doch von allem Anfang an schon gesellen sich zu Selbstgewissheit und Selbstverständlichkeit das Ungewisse und Unverständliche. Auf der Rückreise aus Griechenland beobachtet Gabor, wie ein Mann – vermutlich ein Flüchtling – ungesehen in den Laderaum eines Lastwagens schlüpft und so auf die Fähre gelangt. Während der Überfahrt spürt Gabor dem Mann nach, wird von diesem entdeckt  und prägt sich sein hassverzerrtes Gesicht ein. Panisch wirft er ihm eine Tüte mit Bananen in den Lastwagen, in der sich versehentlich auch sechs Postkarten befinden, die er seiner Frau Berit von verschiedenen Orten ins familiäre Heim senden wollte: um die Ferienstimmung in den Alltag zu retten.

Wenige Tage nach der Wiederankunft der Familie Lorenz in ihrem Zuhause in Berlin, erhalten sie die erste der Karten. Poststempel: Modena. Kurze Zeit später eine zweite Karte: München. Der Fremde kommt näher, von Tag  zu Tag, und er kündigt seine Ankunft an – und obwohl Gabor sich verbietet, über die Karten nachzudenken, die Episode mit dem Fremden vor Berit, Malte und der liebeskranken Nele, die ihre Ferienbekanntschaft vermisst, geheimhält, ist er besessen vom Fremden: Der Moment, in dem ihm der Mann auffiel „schien nicht der Beginn, sondern die Folge von etwas zu sein“.

Dann verschwindet Tochter Nele.

Während die Karten und andere scheinbar unscheinbare Einbrüche des Unheils in den Alltag bis dahin Nadelstiche waren, erhält nun alles eine drastischere Dimension. Ist der Flüchtling, dessen letzte beiden Karten aus Berlin kamen, der Entführer? Ja, wie könnte er es nicht sein? Während Gabor zunächst noch auf seine altbewährte Verdrängungstaktik setzt – Wieso geht Nele nicht ans Telefon? „,Sie ist vierzehn‘, sagte er, als wäre das die Antwort auf all ihre Fragen.“ –, schwant ihm bald schon Schlimmeres. Das ganze wohlbehütete Gefüge seines Lebens bricht zusammen, in bester Tradition, ein wenig à la James Salter, hat sich das Unheil nach und nach in die winzigsten Ritzen eines perfekten Bildes gefressen und lässt dieses nun zerfallen wie eine eingeschlagene Scheibe…

Andreas Schäfers Sprache ist schlank und pointiert, der Tonfall ruhig, niemals reisserisch, ja geradezu furchterregend besonnen, wie das Grauen, das sich dem Protagonisten unsichtbar nähert; die Charaktere sind nachvollziehbar gezeichnet, ambivalent, dabei aber nicht überpsychologisiert; die Handlungsbögen sind clever verstrickt, überraschende Wendungen treffsicher eingebaut . Und das enigmatische offene Ende macht deutlich: Hier geht es um grössere Fragen, Fragen, die über das Geschehen des Romans hinausweisen, Fragen nach Schuld, Fremdsein, Selbsttäuschung, Vertrauen und Mut.

Die Art, wie eine Ferienhäuschen-Nachbarin die Griechen beschreibt, trifft auch auf Gabor und andere Figuren des Romans zu:

„Solange nichts passiert, malen sie den Teufel an die Wand, aber sobald etwas passiert, stecken sie den Kopf in den Sand und meinen, das Problem löse sich von allein.“

Die Bequemlichkeit des bürgerlichen Kokons, in dem sich Gabor eingenistet hat, bietet Raum genug für allerhand Schwarzmalereien; die Schwere eines gravierenden Ereignisses aber überfordert ihn, weil sie ihn aus dem Bild, das er sich von sich selbst zurechtgelegt hat, herausreisst in eine Welt, wo es ein wahres Ich zu zeigen gilt. Vermag dieses der Realität standzuhalten..?

Spannungsroman, Familiendrama, Psychogramm einer Gesellschaft: Andreas Schäfers dritter Roman ist all dies in einem und dabei niemals halbherzig oder unentschlossen. Ein subtiler, bilderreicher, hochspannender Pageturner – und eine meiner Lieblingslektüren der letzten Monate. Vielen Dank.

Wertung: 8,5 / 10

Rezension: Sabina Altermatt – Bergwasser (Piper, 2013)

In einem kurzen, aber inhaltlich dichten und ambitionierten Kriminalroman erzählt die Bündner Autorin Sabina Altermatt die Geschichte der deutschen Ingenieurin Julia Jansen, die im Bünderland eine Tunnelbohrmaschine reparieren soll. Männer und Morde machen ihr dabei zu schaffen. Zumal die zwei zusammenzuhängen scheinen. Oder ist der Berg selbst der Mörder? Ein ausgeklügeltes Vergnügen, dieser Roman.

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Titel: Bergwasser
Autorin: Sabina Altermatt
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-30353-8
Umfang: 224 Seiten, Taschenbuch

Die Vita der Autorin informiert, dass Sabina Altermatt aus Graubünden stammt und zumindest zeitweise im Glarnerland lebt: Mit Bergen kennt sich die Frau also bestens aus. Und ein Berg steht im Zentrum ihres vierten Kriminalromans “Bergwasser”. Ein verwundeter Berg, der von einem Tunnel durchstochen werden soll. Eine der dafür verantwortlichen Maschinen ist defekt: die deutsche Ingenieurin Julia Jansen wird aus ihrer zerrütteten Beziehung heraus, in die Tiefen eines Bündner Tales hinein gerissen, um das Monstrum zu reparieren.

Hier, in unter der Alp Novai, sind die wenigen Frauen abergläubisch und die Männer – nun ja: männlich. Die hübsche Julia wird zum Objekt der Begierde – und der Verachtung. Frauen im Berg, so munkelt man, seien Bringerinnen des Unglücks. Ausser der Schutzheiligen Barbara natürlich.

Ein Tunnelarbeiter ist bereits vor Julias Ankunft bei einem Unfall gestorben, ein zweiter folgt – und die Statue der Heiligen Barbara wird gestohlen. Maria, die Verlobte Antonios, glaubt nicht bezüglich der beiden Toten nicht an Unfälle. Der Berg, beschwört sie, der Berg….

Und plötzlich wird die Leiche einer jungen Frau entdeckt, die im Tunnel nichts zu suchen hatte. Das Geschehen verkompliziert sich, zumal nach etwa 100 Seiten erstmals auch die Polizei mit ins Spiel kommt. Und dann ist da noch Sandro, der Julia begehrt. Und sie ihn? Und Jan, Julias Freund, der ihr nicht antwortet. Und die beängstigenden Zettel-Botschaften, die ihr jemand zukommen lässt.Und gestohlene Kristalle. Und die schwangere Frau des Polizisten Franco…

Kurzum: Der Roman versucht auf knappen 224 Seiten sehr viele Geschichten miteinander zu vereinen. Dies geht ab und zu zulasten einer gewissen Tiefe, fügt sich aber schliesslich zu einem durchdachten Ganzen. Selbst die doch sehr überflüssig erscheinende Geschichte der schwangeren Polizistenfrau erhält zuallerletzt noch eine bedeutende Funktion im Gesamtkonstrukt des Romans.

In der düsteren, staubigen, vom Sonnenlicht weit entfernten Landschaft im Berg und in der beklemmenden Enge der Arbeiterbaracken entfalten sich die meisten dieser Geschichten. Orte, die Versteckmöglichkeiten bieten; Orte, an denen alles und doch nichts privat zu bleiben scheint. Sabina Altermatt meistert es grossartig, diese für einen Thriller bestens geeigneten Schauplätze, miteinzubeziehen in die Geschichte, ihre Figuren wie Marionetten präzise über dieses bedrohliche Terrain zu führen.

Der Schluss, die letzten Enthüllungen und Nicht-Enthüllungen, werden ziemlich hektisch auf wenigen Seiten zusammengefasst. Hier wäre es lohnenswert gewesen, sich mehr Zeit zu lassen, tiefer zu gehen und mehr zu enthüllen als die blanken Fakten. Doch ist dieser eilige Schluss ein vernachlässigbarer Wermutstropfen in einem stimmigen, gut durchdachten und viele Themen auf kleinem Raum zusammenführenden Text.

Wertung: 7 / 10

 

Albin Zollinger: Gedichte (Nagel & Kimche, 2013)

In der Kollektion Nagel & Kimche liegt eine neue Einzelausgabe von Albin Zollingers erstem Gedichtband vor. 1933 erstveröffentlicht, war die Auswahl von 87 Gedichten zunächst ein Misserfolg. Erst in späteren Jahrzehnten erlangte sie das Lob, das ihr gebührt. “Gedichte” zeigt den Träumer / Künstler Zollinger , wie er sich elegant durchs Dickicht seiner grossen Themen Eros, Thanatos, Kindheit und vorindustrielle Idylle schlägt. 

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Titel: Gedichte
Autor: Albin Zollinger
Jahr: 2013 (Original: 1933)
Verlag: Nagel & Kimche (Hanser)
ISBN: 978-3-312-00577-2
Umfang: 144 Seiten, gebunden

Dieses Dickicht ist durchaus beim Wort  zu nehmen: In seinem Nachwort zur vorliegenden Ausgabe spricht Manfred Papst vom “akribischen Botanisieren”, das Zollinger betreibe. Man begegnet dem Phlox, Binsenpfeilern, dem Waldmoor, Laub und Tannen, Wiesenpolstern, Bohnenblüten, moosigem Klang und gar einem Gott im orchideenen Gewande. Einem Gott, der sich – dem Künstler gleich – durch ein Dickicht zu schlagen hat:

In orchideenem Gewande,
Ein lächelndes Wetterleuchten,
Schlägt Gott sich durch die höhefeuchten,
Erhabenen Azurlande.

Zollinger, der stets die “Überhöhung des einsamen Künstlers” pflegte und gegen das Gewöhnliche des bürgerlichen Alltags ankämpfte; Zollinger, der sich, seiner durchaus aktiven politisch-journalistischen Karriere zum Trotz, “mitunter gern als tragischer Auserwählter” sah. Und mit einem Lächeln schlug sich auch der Lyriker Zollinger durch das Dickicht der von ihm bewohnten Welt. Im Falle der Sammlung “Gedichte” handelt es sich um die zentraleuropäische Welt zwischen den Weltkriegen: Entstanden sind die hier versammelten Gedichte vorwiegend zwischen 1929 und 1933. Mit seiner Machete aus rhythmischer Leichtigkeit, bezaubernder Sprachinnovation, todessehnsüchtig zwischen Traum und Wachen, schlägt er sich durch das Dickicht des frühen XX. Jahrhunderts – und rodet es.

Die Welten, die Zollinger mit seinen Versen erschafft, entsprechen nicht der Welt, in der er lebte. Es sind idyllische, vorindustrielle Welten; Welten aus Moos und Stein, bestimmt von natürlichen Rhythmen, Gezeiten und Wind. Nur selten gewährt Zollinger, der als Lehrer in Oerlikon, dem von der Industrialisierung am stärksten geprägten Stadtteil Zürichs, als Lehrer arbeitete, den Maschinerien des Urbanen einen Platz in seiner Lyrik. Und wenn er es tut, dann als kritische Stimme, wie z.B. in “Advent der Fabrikmädchen”.

Retour à la nature! Gerüchteweise ja der Ruf jeder erblühenden Hochkultur: Er erschallt auch in diesem Bändchen zwischen vielen Zeilen. Ein zweites ‘Retour!’, und zwar das Verlangen nach dem jungfräulichen Erleben der Kindheit, bestimmt viele der Gedichte. “Alle Kunst war für ihn [Zollinger] Veregenwärtigung des kindlichen Erlebens”, schreibt Papst. Und davon zeugen etliche Verse, wenn beispielsweise “Die Kindheit mit holden grünen Festen” heraufsteigt (“Nachmittägliches Grammofon”) oder wenn ein lyrisches Ich sich in “Kindheitsdämmerung” erinnert:

Im Grossvaterhaus
Wenn ich traumtrunken lag
Strömte holdes Gebraus
Grau vor Tag

(Unter anderem) in diesen Momenten, wenn er nostalgisch-sehnsüchtig zurückblickt auf Zeiten, die er nicht gekannt oder sich nicht mehr vergegenwärtigen kann, in diesen Momenten bewegt sich der Lyriker Albin Zollinger “auf den hohen, einsamen, unsäglich gefährlichen Graten der Vollendung”, wie Max Frisch einst von ihm sagte. Auch manche Momente einer oft gegenwärtigen Todessehnsucht und untrüglicher Vanitas-Thematik sind von subtiler Schönheit: Der Gott in “Wüstengebeine” zum Beispiel, der seine Spur (die Menschen) auswischt, als ob er sie bereute:
“Er ist wie das flüchtige Wild / Das von der Meute ergriffen zu werden sich scheute, Denn er ist sich selber niemals das richtige Bild.”

Grosser Dank gebührt dem Verlag Nagel & Kimche, dem Herausgeber der Kollektion (Peter von Matt) und allen anderen Beteiligten für diese Neuauflage. Von einigen unbeholfenen Ausnahmen abgesehen, bietet “Gedichte” der Zeit enthobene Poesie, die einerseits souveränes Handwerk, andererseits kaum erklärbares (sprach)schöpferisches Faszinosum ist.

Wertung: 8 / 10

Rezension: Kirsten Jüngling – Emil Nolde (Propyläen, 2013)

Die erfahrene Biographin Kirsten Jüngling legt mit “Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten.” die erste umfassende Vita des expressionistischen Malers (1867 – 1956) vor. Auf knapp 300 Seiten erzählt sie, bis ins Detail vorbildlich informiert, dieses lange Leben. Es entsteht das Portrait eines grossen Malers, vor allem aber auch das Portrait einer grossen Liebe.

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Titel: Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten.
Autorin: Kirsten Jüngling
Verlag: Propyläen / Ullstein
ISBN: 978-3-549-07404-6
Umfang: 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

1902 heiratet Emil Nolde (geb. Hansen) die dänische Schauspielerin Ada Vilstrup. Bis zu ihrem Tod im Jahre 1946 bleiben sie zusammen, stehen miteinander zwei Weltkriege durch, nagen am Hungertuch, feiern aber auch wirtschaftliche Blütezeiten. Ab 1930 residieren sie meist in einem eigens erbauten Haus im schleswigischen Seebüll, wo sie beide auch bestattet sind. Emil Nolde ist undenkbar ohne Ada Nolde – sowohl als Mensch wie auch als Maler. Dies macht die vorliegende Biographie deutlich, die sich oft auf Primärquellen, vorwiegend Briefe und autobiographische Schriften, beruft.

Der Bauernsohn Nolde, Verkörperung von “Natur und Instinkt”, haderte zeitlebens. In der Jugend mit dem Schicksal, mit Gott, mit den Frauen; später mit anderen Künstlern, vor allem mit Max Liebermann, mit seinem Ausschluss aus der Berliner Secession; noch später mit den Nationalsozialisten, deren Ideale er selbst vertrat, die seine Kunst dennoch als “entartet” empfanden und vieles davon zerstörten; und zum Schluss, nach Adas Tod, haderte er mit der quälenden Einsamkeit und heiratete mit achtzig Jahren die sechsundzwanzigjährige Jolanthe Erdmann. 

Die Biographie kommt ohne ihr titelgebendes Element – die Farbe – aus: Zu sehen gibt es einzig neunzehn Schwarz-Weiss-Abbildungen, meist Fotografien, einige zeigen immerhin im Hintergrund einige Werke Noldes. Doch die Abwesenheit der Malereien stört keinesfalls. Kirsten Jüngling versteht es, mit einem souveränen, meist im Präsens geführten Erzählstil, das Interesse über die volle Länge aufrechtzuerhalten. Die Arbeit basiert dabei auf einem riesigen Fundus an Quellen, wie das ausführliche Literaturverzeichnis und die fast 600 Fussnoten belegen.

Dabei ist ihr die erste umfassende Biographie dieses schwer nahbaren Malers gelungen. Immer ganz Künstler (“Die Kunst des Malers ist keine Gedankenarbeit, sie ist ein Wirken der Sinne.”), doch verhaftet in der Wirtschaftswelt, endlos korrespondierend und Bilder umhersendend; zwölf Jahre lang Mitglied der NSDAP, dem “Deutschtum” zugetan und antisemitisch, und doch ein Opfer der Nazis, die ihn aus der Reichskulturkammer ausschlossen und mit einem Arbeitsverbot belegten; ein ewiger Haderer, meist “angezogen und angewidert zugleich”, einer, der viele Feinde, aber auch einige einflussreiche Freunde hatte; einer, der eine liebende und geliebte Frau hatte, andererseits sich künstlerisch einsam fühlte; einer, der sich 1917 zu seinem 50. Geburtstag selbst porträtierte. Zweifach: einmal als Mensch, einmal als Künstler.

Sich anzunähern an den Menschen und den Künstler, erscheint als grosse und waghalsige Unternehmung. Kirsten Jüngling hat sie in Angriff genommen und mit Erfolg bewältigt. Das Produkt daraus, “Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten”, ist ein ausgewogenes, glänzendes Portrait zweier Menschen, ihres Umfelds – und nicht zuletzt ein Spiegel der geschichtlichen Ereignisse ihrer Zeit.

WERTUNG: 7,5 / 10

Rezension: Richard C. Morais – Buddha in Brooklyn (Pendo, 2013)

Richard C. Morais’ zweiter Roman “Buddha in Brooklyn” folgt dem buddhistischen japanischen Mönch Seido Oda auf seinem Weg zur Erleuchtung, der ihn von einem kühlen Bergkloster ins multikulturelle Brooklyn führt. Obwohl bisweilen eine bissigere Bearbeitung des Themas interessant gewesen wäre, ist die Geschichte ein detailreiches, fantasievolles und zum Weiterdenken anregendes Portrait eines Menschen auf der Suche nach dem rechten Weg.

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Titel: Buddha in Brooklyn (Original: Buddhaland Brooklyn)
Autor: Richard C. Morais
Übersetzung: Monika Köpfer
Verlag: Pendo (Piper)
ISBN: 978-3-492-96356-5
Umfang: 368 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Inspiriert, so schreibt Morais in der Danksagung, wurde dieses Buch in seiner Struktur von Federico Fellinis Film “Amarcord” sowie “The Year Of My Life (Oraga Haru)”, einem Poesiebändchen des japanischen Dichters Kobayashi Issa. Wie bei “Buddha in Brooklyn” handelt es sich auch bei diesen beiden Vorbildern je um die Erzählung eines Lebens, verdichtet zu einem einzigen symbolischen Jahr.

Morais beschreibt auf den ersten einhundert Seiten die ersten vierzig Jahre im Leben von Seido Oda: Als Kind, vom Vater scheinbar bevorzugt, wird er ins Kloster geschickt. Kurz darauf nimmt sich sein Vater das Leben, wobei durch einen Unfall auch der Rest der Familie (Mutter und zwei Brüder) sterben. Zurückgezogen führt Seido von da an sein Klosterdasein, freundet sich kaum mit anderen Novizen an. Von einer kurzen Episode während es Kunststudiums in Tokio abgesehen, stürzt er sich in sein Denken, Verdrängen und in die Suche nach Buddha.

Um sein vierzigstes Lebensjahr wird Seido von seinem früheren Mentor Fukuyama nach New York geschickt, um den Bau eines Tempels für die dortige buddhistische Gemeinde zu beaufsichtigen und deren Priester zu sein. Zu dieser Zeit ist er nicht der Ball, der im Fluss treibt, wie es im ersten Satz des Texts heisst, nein: Seido ist ein unbeweglich im Flussbett steckender Stein, der keinen Millimeter von seiner Position abzuweichen gedenkt.

In Brooklyn aber beginnt das symbolische Jahr seiner Entwicklung. Zunächst ist er heftig angewidert von dortigen Sitten und Gebräuchen und vor allem von amerikanischen Auslegungen des Buddhismus, denen “ernsthafter Geist und ehrliches Bemühen” abzugehen scheint. Doch Schritt für Schritt lernt er die neue Kultur zu akzeptieren, toleranter zu werden, sich selbst weiterzuentwickeln, mit Vergangenem abzuschliessen. Er findet Freunde, Anregung, Liebe. Und gelangt so schliesslich zu seiner ganz persönlichen Erleuchtung: der “Fähigkeit zu erleiden, was zu erleiden ist; (…) zu geniessen, was es zu geniessen gibt.”

Abgesehen von zwei, drei Wendepunkten verläuft die Entwicklung von Seido Oda reibungslos, vielleicht  allzu reibungslos. Mehr Stolpersteine hätten durchaus nicht geschadet; auch um wirklich bissige Seitenhiebe auf die Pervertierung religiöser Lehren ist das Buch verlegen. Odas anfänglich wütender Spott kommt nur selten mit voller Kraft zum Ausdruck.

Diese leise Kritik soll nicht davon ablenken, dass Morais mit “Buddha in Brooklyn” ein anregendes Werk gelungen ist, mit Verve erzählt, detailreich und fantasievoll, gespickt mit glaubhaften Charakteren, gleichermassen unterhaltend und zum Nachdenken anleitend.

Wertung: 7,5 / 10

Rezension: Jens Steiner – Carambole (Dörlemann, 2013)

Von der Normalität her lasse sich das Leben nicht begreifen, behauptet eine der Figuren in ‘Carambole’. Der zweite Roman von Jens Steiner will dies auch nicht: Er versucht, das nur oberflächlich stoisch-normal erscheinende Kollektiv einer Dorfgesellschaft aus den Absonderlichkeiten der Einzelnen heraus zu begreifen. Ein geradezu beängstigend überlegenes und überlegtes Buch, das man gleich noch ein zweites (drittes, viertes,..) Mal lesen möchte.

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Titel: Carambole. Ein Roman in zwölf Runden.
Autor: Jens Steiner
Verlag: Dörlemann
ISBN: 978-3-908777-92-2
Umfang: 224 Seiten, gebunden

Carambole ist nicht bloss der Name eines Brettspiels, nein es ist der nur in der Schweiz gebräuchliche Name für das asiatische Brettspiel Carrom. Und auch die Gestalten und Geschehnisse, die diesen in “zwölf Runden” gegliederten Roman bevölkern, sind durch und durch schweizerisch. Jede der zwölf Runden zeigt das Leben in einem namenlosen Dorf aus der Perspektive eines anderen Bewohners, die meisten sind aus  der Ich-Perspektive, manche auch aus einer distanzierten Perspektive dritter Person erzählt. Verbunden sind die einzelnen Fäden durch subtile Andeutungen, Namen, Orte oder Ereignisse wie zum Beispiel eine das Dorf erschütternde Explosion, den plötzlich orange gekleideten “Dorfstrolch” Heinz oder die heftig begehrte, pubertierende Renate.

Jede der Figuren ist gefangen in ihrer ganz persönlichen Verzweiflung. Die Strategien dagegen sind mannigfaltig: Einer gräbt sich immer tiefer in die Erde, einer geht einmal wöchentlich in den Gartenschuppen, um zu weinen, einer zeichnet im Scheine einer Taschenlampe Heuschrecken ab – und drei alte Männer geben sich mediterrane Namen, essen Oliven, reden über Gramsci und Epiktet und spielen Carambole.

Es ist die siebte von zwölf Runden: “Pause und weiter”. Die Troika, wie sich das famose Dreigespann nennt, findet zusammen, um Carrom zu spielen, zu trinken, zu reden und nachzudenken. Einer spricht immer vom Kollektiv, macht aber alles allein – so ergeht es schliesslich allen Figuren des Romans. Der Zweite ist Paläontologe und der Dritte ist ein Grieche, der sich Korse nennt. Eigentlich heisst er Georg Bär und stammt aus Zürich.

Vieles in “Carambole” ist mysteriös, undurchdringlich, vieles bleibt dies auch am Schluss. Dass die Spannung unaufgelöst bleibt, scheint gerade der Clou der Geschichte zu sein. Die letzten Sätze des Buches lauten: “Ein Sommernachmittag nahm seinen Lauf. Munter und träge zugleich, sorglos und zaudernd. Nichts passierte. Alles passierte.” Eine Explosion hin, eine Leiche und eine Vergewaltigung her: Die Leute sind stumm, manches verändert sich, doch vieles verharrt in der unsagbaren Verzweiflung. Es ist eine Verzweiflung, die von vielen Figuren des Buches geradezu angestrebt wird. Vielleicht, weil es in einem Land wie der Schweiz sonst so wenig davon gibt?

Wir können es nicht wissen, nur vermuten. So wie das Vermuten, das sich auch beim Lesen und Nachdenken über dieses Buch oftmals aufdrängt und auf das nicht erreichbare Wissen verweist. Die Bewohner des Dorfes, sie vermuten, sie glauben zu wissen, sie beobachten und belauschen auf Balkonen, durch Fernrohre, am Strassenrand, in der Kneipe,  an der Wand des Schuppens – doch schlussendlich ist da nur etwas, dessen sie sich immer sicher sein können: ihre eigene Verzweiflung.

Die erzählerische Raffinesse, der unterschwellige Humor, die ewig schwelende, nie aufgelöste Spannung: All diese Dinge machen dieses Buch zu einem hochgradig lesenswerten Roman. Für uns steht fest: Mit “Carambole” ist Jens Steiner ein Werk gelungen, das zu den besten Jahres gezählt werden darf. Wir sind beeindruckt! 

Wertung: 9 / 10

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Bildquelle: http://www.doerlemann.com/index.php?id=521&k=2

Rezension: Carsten Sebastian Henn – Die letzte Praline (Pendo, 2013)

Nach Käse und Tee steht im dritten Krimi um Kulinaristikprofessor und Hobbyermittler Adalbert Bietigheim die Schokolade im Mittelpunkt. Trotz einer aufdringlich humoristischen Note und stellenweise holprigem Dialog, ist „Die letzte Praline“ eine clever gestrickte, gleichermassen spannende wie unterhaltsame Kriminalgeschichte.

 

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Titel: Die letzte Praline
Autor: Carsten Sebastian Henn
Verlag: Pendo (Piper)
ISBN: 978-3-86612-335-9
Umfang: 368 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Adalbert Bietigheim, ein snobistischer Kulinaristikprofessor, ist als Juryvorsitzender an der Weltmeisterschaft der Chocolatiers in Brügge zugegen. Noch bevor die Veranstaltung ihren Lauf nimmt, taucht die mit Schokolade überzogene Leiche einer jungen Frau auf. Bietigheim, ein Hobbyermittler, wie er im Buche steht – was er in diesem Falle auch tut – wittert Unheil und macht sich an die Aufklärung des Falls. Unterstützt von seinem zornigen, Hair Metal hörenden Begleiter Pit Kossitzke und seinem Foxterrier Benno von Saber geht er seinen Fährten nach. Dabei scheint er seinem  Gegenspieler Polizeikommissar Aspe stets um eine Nasenlänge voraus. Sein erster Geistesblitz aber kommt zu spät: Ein zweiter Mord ist geschehen – und diesmal war eine WM-Teilnehmerin das Opfer.

Schnell erkennt der geistesgegenwärtige (dafür schrecklich altmodische) Professor, dass mehrere Täter ihre Hände im Spiel haben, dass die Morde vielleicht nicht einmal etwas miteinander zu tun haben. Bietigheim ist ein gewiefter Ermittler, dessen columboeske kriminalistische Erleuchtungen nicht immer nachvollziehbar sind. So eilt er denn auch mit Riesenschritten und von legalen Instanzen, i.e. die Polizei um Kommissar Aspe, nahezu ungestört der Lösung des Falls entgegen. Merkwürdige Zaungäste, ein “Jaguarkrieger”, drohende Videobotschaften, schwarzes Glas, ein dritter Mord: Alles Puzzleteile, die sich im professoralen Kopf wie von Geisterhand bewegt zu einem Ganzen zu fügen scheinen. Seine klassisch monologische Beweisführung bringt schliesslich immerhin ein gewisses Mass an Klarheit in die Angelegenheiten. Die Geschichte ist spannend, denn Henn beherrscht sowohl das Alphabet der Kriminalliteratur wie auch das der Kulinarik (Er ist auch Restaurantkritiker und Weinjournalist). Er versteht es, Verdächtige zu schaffen, Leute vom Verdacht zu befreien, Leute von den Toten auferstehen zu lassen und er weiss um die verschiedenen, bisweilen tödlichen Arten, Schokolade einzusetzen. Die Kombination von Spannung (unerwartete Wendungen, dubiose Charaktere,..), Unterhaltung  und kulinarischer Belehrung macht „Die letzte Praline“ zu grundsolider, an gleichnamigem Kino geschulter Popcornliteratur – Verfolgungsjagd inklusive.

Und trotzdem sind da einige Schönheitsfehler. Erstens: Die omnipräsente Unterhaltsamkeit – haarsträubende Vergleiche, eindeutig zweideutige Witzeleien und dergleichen – wirkt oft gewaltsam herbeigeführt, Humor um jeden Preis, wehe dem, der nicht lacht! Zweitens: Der gestelzte Dialog ist jeder sprachlichen Realität enthoben. Zwar wird z.B. deutlich, dass Pit die Sprache der Arbeiterschicht und Bietigheim die Sprache der Akademiker sprechen soll, doch wirkt es oftmals (gewollt oder ungewollt?) dermassen gekünstelt, dass sich ein peinlich berührtes Lachen kaum verkneifen lässt.

Drittens – wobei ich mir nicht sicher bin, ob es sich hierbei um einen Schönheitsfehler oder um eine Meisterleistung handelt – drittens ist es Henn gelungen in Bietigheim einen Ermittler zu schaffen, der dermassen unsympathisch ist, dass ich mir bald einmal gewünscht habe, er wäre doch, wie viele andere Figuren, auch auf irgendeine Art und Weise in einen Mord und/oder Skandal verwickelt und würde vom besoffenen Kommissar Aspe abgeführt oder von einem Mörder im Schokotank glasiert werden. Die Ignoranz und Arroganz mit der Bietigheim seinen Mitmenschen begegnet ist – unappetitlich.

Vorschlaghammerwitz hin, Antipathie her. Im Grossen und Ganzen bietet „Die letzte Praline“ das, was man von einem kulinarischen Krimi erwarten kann: Ein Dreigangmenu aus schwer verdaulichem Mord, bekömmlichem Amüsement und zartbitterer  Essensweisheit. Als Zückerchen gibt’s im Anhang gar noch eine Selektion von Rezepten und ein Schokoladenglossar. Mahlzeit!

WERTUNG: 5.5 / 10

 

Rezension: Arnon Grünberg – Couchsurfen und andere Schlachten (Diogenes, 2013)

Erstmals liegen die neunzehn hier versammelten Reportagen auf Deutsch in Buchform vor. Welten- und Textesammler Ilija Trojanow hat sie zusammengestellt und mit einem Vorwort versehen. Die Reportagen berichten etwa von einem Europatrip als Couchsurfer, einer Brautsuche in der Ukraine, einer Reise durch Transnistrien oder einem Camp der niederländischen Armee in Afghanistan. Grünberg versteht es, Balance zu halten zwischen den Abgründen, die sich auftun, und der Komik, die all diesen Geschichten innewohnt.

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Titel: Couchsurfen und andere Schlachten
Autor: Arnon Grünberg
Übersetzung: Rainer Kersten
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-06870-2
Umfang: 480 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Die „Mülltonnen der Geschichte“ seien es, heisst es in einer Reportage aus dem Kosovo, die ihn faszinierten. So begibt sich Grünberg, oftmals unter fadenscheinigen Vorwänden oder gar unter falschem Namen, an geradezu unwahrscheinliche Orte: Ins düstere Transnistrien, in ein afghanisches Armeecamp, in ein niederländisches Neubauviertel.

Überall findet er die Menschen, deren Geschichten zu erzählen sich lohnt, und lässt sie zu Wort kommen. Sei es ein niederländischer Sergeant, der Käse und Käsehobel mit in den Krieg nimmt, eine tschechische Sofaanbieterin, die sich vornehmlich von Bananensaft mit Rum ernährt oder den Bruder des inhaftierten Politikers Radovan Karadzic.

Grünberg gelingt es hervorragend, den Geschichten dieser Leute den nötigen Freiraum zu gewähren. Durchmischt werden sie mit Reflexionen zur Weltgeschichte, Gedanken zur Gegenwart, bisweilen lakonischen Schlussfolgerungen („Was für Holland die Tulpe, ist für den Kosovo die Geldwäsche“). Nur selten bemüssigt sich der Autor, über sich selbst zu sprechen. Distanz zu wahren – so heisst es in einer dieser Stellen – sei die Kunst, die er am besten beherrsche. Und das ist gut so. Dieser Distanz ist es zu verdanken, dass Grünberg mit seinen Reportagen sowohl als Ethnologe wie auch als Schriftsteller reüssiert. Er hält sich raus, stellt hie und da die richtige Frage, deutet eigene Meinungen an.

„Im Geheimen diene ich dem Gott der Literatur“, heisst es, „alle anderen Götter haben sich als Betrüger erwiesen, nur der Gott des Handels ist mir noch heilig: Mensch werden heisst, sich auf den Markt zu begeben!“ Arnon Grünberg ist ein moderner Schriftsteller; einer, der das Verfassen von Texten aus ästhetischer wie auch ökonomischer Perspektive betrachtet; einer, der die Idee „romantischer Armut“ verwirft, sich dem sogenannt echten Leben, ausserhalb von „blossen Derivaten des Literarischen“ stellt. Und wer sich dem Leben stellt, kommt nicht umhin, sich auch seinem Ende stellen  zu müssen, so z.B. im Armeecamp KAF in Afghanistan. Und gerade im Angesicht des Todes gelangt der Autor zu einer verblüffenden Einsicht über das Leben: „Sie wollen mich töten, also bin ich.“ – Es sind Sätze und Gedanken wie dieser, die den Wert dieses abenteuerlichen Hinausgehens in die Welt unterstreichen.

Grünbergs bescheidene, doch stets elegante Sprache, sein Auge für das nur scheinbar Banale und sein Humor machen alle hier versammelten Reportagen zur vergnüglichen und zugleich nachdenklich stimmenden Lektüre. Schliesslich vermag man nicht zu sagen, wo die Abgründe und die ihnen eigene Komik stärker sind: inmitten eines Kriegsgebiets oder beim gemeinschaftlichen Obstpflücken in der holländischen Vorstadt.

WERTUNG: 8 / 10

Rezension: Jagoda Marinić – Restaurant Dalmatia (Hoffmann und Campe, 2013).

In ihrem Roman „Restaurant Dalmatia“ widmet sich Jagoda Marinic den Themen der Identitätssuche, der Heimat, des Fremdseins. Angesiedelt zwischen Mauerfall und Balkankrieg ist dabei nicht nur eine zu Herzen gehende Familiensaga entstanden, sondern auch ein gut informiertes Panoptikum der neueren Europäischen Geschichte.

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Titel: Restaurant Dalmatia
Autorin: Jagoda Marinic
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-40457-9
Umfang: 240 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Nach ihrer ersten erfolgreichen Ausstellung fällt die in Toronto lebende Fotografin Mia Markovich in ein psychisches Tief und beschliesst, sich mit ihrer Vergangenheit zu beschäftigen. Vergangenheit, das heisst in ihrem Falle zunächst Berlin-Wedding. Der Ort, an dem sie aufgewachsen ist. Der Ort, an dem ihre Tante Zora das titelgebende Restaurant Dalmatia führt. Hier, im Schatten der Mauer, hat sie ihre Kindheit und Jugend verbracht, hat gelernt, dass für Deutsche Ausländer einfach Ausländer sind, egal woher sie stammen, und dass es schwer ist, als Gastarbeiter an einem neuen Ort Heimat zu finden. Und noch schwieriger mitzuerleben, wie in der echten Heimat (Kroatien) der Krieg alles verändert, eine Rückkehr nicht mehr möglich erscheint.

In sprunghaften, assoziativen Kapiteln nähert sich Mia ihrer eigenen Vergangenheit und der ihrer Familie, ja ihres ganzen Volkes an. Tante Zora kommt zu Wort, deren Sohn Ivo, Mias Vater Marko, die Mutter, die Geschwister und der verarmte spanische Übersetzer Jesus, der Mia einst das Leben gerettet hat… Sie alle haben ihre eigene Vision von Heimat und Identität, ihre eigenen Erinnerungen. „Erinnerungen sind dein Leben, Mijo, dein Anker“, sagt Zora. Doch Mia, bestrebt sich neu zu erfinden, kann in den Erinnerungen ihrer kroatischen Familie, ihren Geschichten von Krankheit und Zerfall, ihrer katholischen „Sehnsucht nach Leid“ und ihrer Ambitionslosigkeit, nicht den Halt finden, nach dem sie sucht. Sie will jene finden, zu denen sie passt: „Die Deutschen nennen das Wahlverwandtschaft. So ein Wort habt ihr [die Kroaten] gar nicht, ihr habt nur Schicksal und o weh.“

Jagoda Marinic ist mit „Restaurant Dalmatia“ ein Roman gelungen, der sich trotz seinem relativ kleinen Umfang diesen grossen Themen Heimat und Identität mit respektvoller Tiefe, aber auch mit der nötigen Prise Humor nähert. Die Handlungsführung ist nicht chronologisch, sondern zumeist an den einzelnen Figuren und ihren jeweiligen Geschichten orientiert, was keinesfalls irritierend, sondern erfrischend unkonventionell wirkt. Die Sprache ist klar, elegant, mit einem feinen Gespür für Sätze, die haften bleiben. Ein Text, der unterhält, erfreut und gleichermassen anregt zum Weiterdenken.

WERTUNG: 8 / 10