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Von brennenden Dackeln und schmerzenden Molaren: Günter Grass – “örtlich betäubt” (1969)

Intellektuell verstiegenes Manifest eines sozialdemokratischen Biedermanns oder Zeugnis literarisch reflektierter Reife? “örtlich betäubt” war Günter Grass’ erster Roman nach der vielerorts umjubelten Danziger Trilogie (“Die Blechtrommel”, 1959; “Katz und Maus”, 1961; “Hundejahre”, 1963). In ihm finden wir heute nicht nur das anregende Zeugnis einer Zeit, als Literatur, Kritik und Politik noch enger verschränkt waren als heute, sondern auch ein faszinierendes literarisches Dokument und einen oftmals übergangenen Meilenstein im Leben und Schaffen seines Autors.

Für “örtlich betäubt” verliess Grass den Schauplatz der Trilogie und rückte in Westberlin ein. Er verliess das generationenweit unter den Röcken der Grossmutter ausholende Erzählen und gab stattdessen der Gegenwart den Vorrang. Er missachtete das, was in der “Danziger Trilogie” die Glorie des Romans betonte, und versuchte sich an einer manchmal ziemlich fordernden stilistischen Collage. Er war nun nicht mehr der Revolutionär, den manch ein Kritiker in ihm gesehen haben mag, sondern der gezähmte Widerspenstige, der biedere Sozialdemokrat.
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Veröffentlicht 1969, auf dem Höhepunkt von Grass’ persönlicher politischer Aktivität, ist der Roman einerseits Aufarbeitung von politischer Kritik, andererseits intellektuelles Plädoyer gegen die revolutionäre Tat.

Im Mittelpunkt des Geschehens steht, als erzählendes Ich, der Lehrer Eberhard Starusch: in seinen Vierzigern, zum Studienrat “für Deutsch und also Geschichte” umgepolter Jugendbandenführer, einst Maschinenbaustudent mit geplanter Karriere im Zementgewerbe. In seinem gegenwärtigen Umfeld beschäftigt ihn vor allem der Schüler Philipp Scherbaum und dessen Planen, seinen Dackel Max auf dem Kurfürstendamm vor den tortenspachtelnden Damen in den Kaffeehäusern bei lebendigem Leib in Brand zu setzen: ein Zeichen gegen die Napalm-Verbrechen im fernen Vietnam. Staruschs mit Vernunftargumenten gestützte Resignation gegen Scherbaums von Angst gelenkten Willen zur Tat – dies ist der zentrale Konflikt des Romans. Den Sieg, das sei vorweggenommen, trägt die Resignation davon:

“Auch Scherbaum wird zu einem stehenden Gewässer. Da ihn die Welt schmerzt, geben wir uns Mühe, ihn örtlich zu betäuben. (Am Ende werden der Elternrat und das Lehrerkollegium den Schülern eine Raucherecke bewilligen, genau abgezirkelt hinter dem Fahrradschuppen.)”

Die Ironie liegt in “örtlich betäubt” stets offen zutage: Wie soll einer in Westberlin ein Zeichen gegen die Kriegsverbrechen in Südostasien setzen können, wo es doch schon schier unmenschlicher Anstrengungen bedarf, im Schulhaus eine Raucherecke bewilligt zu bekommen?

Das entmutigte Aufgeben hochtrabender revolutionärer Pläne zugunsten des gleichgültigen Lebens derer, die “schon alles hinter sich haben” steht im Mittelpunkt. Die reformistischen Tendenzen stiessen vielen deutschen Rezensenten sauer auf: Hellmuth Karasek schrieb in der Zeit: “Das Buch gibt Pfötchen, anstatt die Zähne zu zeigen.”, Rolf Becker im Spiegel beklagte Grass’ Verlust der “drastischen Konkretionen seiner Erzählphantasie und Sprachlust”, die ersetzt würden durch argumentativ gegen die Ideologie anschreibende Prosa.

Der Dialog Starusch – Scherbaum bildet nicht das einzige Streitgespräch des Romans. In der Person der Lehrerin Irmgard Seifert tritt eine ehemals dem Nazi-Regime verschriebene Person auf, die ihr Leben der Frage widmet, ob es für sie jemals Erlösung geben kann; Staruschs ehemalige Verlobte Sieglinde Krings tritt als Figur in imaginären Szenarien des Erzählers in Erscheinung, während derer sie ihren unbelehrt aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückgekehrten Vater, zur Vernunft zu bringen sucht; und Vero Lewand letztlich, Scherbaums Freundin, fungiert als kompromisslose Revolutionärin, die sich allen Anpassungsreden Staruschs verweigert.

Die unterschiedlichen Erzählebenen überlappen sich ständig – eine Unterscheidung zwischen fiktiven, sich im Kopf des Erzählers abspielenden Ereignissen und tatsächlichen Geschehnissen der Geschichte fällt bisweilen schwer. Die Rahmung des Ganzen bilden Staruschs Besuche bei und Telefongespräche mit seinem philosophisch bewanderten Zahnarzt, der die “grosse allesumfassende Weltkrankenfürsorge, die uns nicht regiert, sondern versorgt, die uns nicht ändern will, sondern wird, die uns, wie schon Seneca sagt, Musse für unsere Gebrechen schenkt” predigt. Er wird zunehmend zur ersten und wichtigsten Vertrauensperson des Studienrats.

Die überstrapazierten Zahnschmerz-Metaphern, die zuweilen vielleicht etwas intellektuell verstiegenen theoretischen Reflektionen, die anbiedernde Quintessenz: all dies hat dem Roman zur Zeit seiner Erstveröffentlichung teils scharfe Kritik eingetragen (Dies, notabene, vor allem in Deutschland. In den USA etwa wurde der Roman frenetisch gefeiert, Grass schaffte es 1970 gar als erster deutscher Literat nach dem Krieg auf die Titelseite des Times-Magazins, Untertitel: “A Man Who Can Speak To The Young”).

Aus meiner heutigen Perspektive – der Perspektive eines Mitteleuropäers, der 1969 noch nicht auf der Welt war – erscheint “örtlich betäubt” als stilistisch irritierendes, aber hochinteressantes sozio-politisches Stimmungsbild eines zeitlich und örtlich bestimmten Milieus (Westberlin 1969), dessen Behandlung zentraler Konflikte aber durchaus auch für die heutige Zeit brauchbare Anregungen bietet. Gerade die Fragen nach Sinn oder Widersinn revolutionärer Taten und der angemessenen Reaktion auf nur aus der Ferne wahrgenommene Greuel scheinen mir 2016 ebenso dringlich und relevant.

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Philip Roth: Portnoy’s Complaint (1969)

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Titel: Portnoy’s Complaint
Autor: Philip Roth
Verlag: Vintage
Jahr: 2005 (Original 1969)
ISBN: 978-0-099-39901-8
Umfang: 274 Seiten, Taschenbuch

Seit “Catcher In The Rhye” habe er keinen amerikanischen Roman mit so grossem Vergnügen gelesen, schrieb Josh Greenfeld am 23.2.1969 in der New York Times über “Portnoy’s Complaint”. In seiner Rezension erkannte er den wegweisenden Charakter des Buches, das Roth zum Durchbruch, dem (jüdisch-)amerikanischen Schriftstellertum zu neuem Selbstvertrauen und der Weltliteratur zu einer unvergesslichen Figur – Alex Portnoy – verhelfen sollte.

“Doctor Spielvogel, this is my life, my only life, and I’m living it in the middle of a Jewish joke! I am the son in the Jewish joke–only it ain’t no joke!”

Der Roman ist ein einziger, in der Chronologie hin und her springender Monolog des Protagonisten Alexander Portnoy, den dieser auf der Couch seines Psychoanalytikers Dr. Spielvogel – oder zumindest als Vorbereitung einer Sitzung bei diesem – von sich gibt.

“Something freewheeling and funny”, habe er schreiben wollen, so der Autor Philip Roth. Mit der aberwitzigen Geschichte von Alex Portnoy, dem grossen misogynistischen Onanisten vor dem Herrn, einem Zweifler, der sich in Selbstzerreissung und Selbstinszenierung gleichermassen auskennt, ist ihm das mehr als gelungen. Portnoy ist ein zutiefst verstörter Charakter, ergriffen von Abscheu vor dem Schuldbewusstsein der jüdischen Mittelklasse, der er enstammt. Was immer er tut – seine Eltern, vor allem die Mutter, dräuen als vorwurfsvoll blickende Gestalten am Horizont. Er misstraut der jüdischen “hopeless, senseless loyalty to the long ago” (der hoffnungslosen, sinnlosen Demut vor dem Vergangenen). “Stick your suffering heritage up your suffering ass!”, rät er seiner Familie.

Kein Wunder ergoss sich nach Veröffentlichung des Romans ein Wasserfall der Kritik seitens orthodoxer Juden über Roth. Schlechter als das Judentum kommt bei Portnoy nur das Christentum weg. Als er über christliche Weihnachtsbräuche nachdenkt, fragt er sich: “How can they possibly believe this shit?”

Seine Freiheit findet der junge Alex in exzessiver Masturabtion, der älterwerdende in Affären mit (nicht-jüdischen) Frauen. Beides betreibt er mit religiösem Eifer. Er ist ein Misogynist, ein Frauenhasser, seine Bettgespielinnen nennt er The Monkey, The Pumpkin oder The Pilgrim. Rücksichtslos lebt er seine Perversionen aus, sagt:

“What I’m saying, Doctor, is that I don’t seem to stick my dick up these girls, as much as I stick it up their backgrounds – as though through fucking I will discover America. Conquer America – maybe that’s more like it.”

Schrecklicher als gegenüber seinen Mitmenschen verhält er sich nur gegenüber sich selbst. “Nothing but a self-hating jew” sei er, wirft ihm die Israelin Naomi vor, die er zum Sex zwingen will, dabei aber final an seinem eigenen Unvermögen scheitert. Er selbst inszeniert sich vor dem Psychiater, der erst im Schlusssatz zu Wort kommt, als tragischen, sich selbst zerfleischenden Helden. “With a life like mine, Doctor, who needs dreams?”, fragt er. Alles in seinem Leben, Dinge, die andere mit geschlossenen Augen erlebten, geschehe ihm tatsächlich: “The disproportionate and the melodramatic, this is my daily bread!”

Mit Holden Caulfield, dem Protagonisten des eingangs erwähnten “Catcher In The Rhye” (J.D. Salinger, 1951), hat Portnoy unter anderem die notorische Distanzierung von und Abscheu vor den meisten Mitmenschen und die Neigung zur tragischen Selbstkritik gemein. Als Leser lacht man – und fühlt sich oft gleichzeitig genervt. Alles, was Portnoy erzählt, erzählt er ironisch, in Form des nicht-witzigen Witzes, als den er sein Leben sieht.

Ein Beispiel: Die Beschreibung eines Besuchs bei einer nicht-jüdischen Familie in Iowa.

 “Then there’s an expression in English, “Good morning,” or so I have been told; the phrase has never been of any particular use to me. Why should it have been? At breakfast at home I am in fact known to other boarders as “Mr. Sourball” or “The Crab.” But suddenly, here in Iowa, in imitation of the local inhabitants, I am transformed into a veritable geyser of good mornings. That’s all anybody around that place knows how to say – they feel the sunshine on their faces, and it just sets off some sort of chemical reaction: Good morning! Good morning! Good morning! …”

“Portnoy’s Complaint” ist ein humorvoller, streitlustiger, vulgärer Roman, der anno 2014 nicht mehr so skandalträchtig scheint, wie er das vielleicht 1969 getan hat, der aber immer noch ein fulminantes Lektürevergnügen ist. Die ekstatische Erzählweise, die mit vielen jiddischen Ausdrücken durchsetzte Sprache, die grotesken Übertreibungen und Ausschweifungen, die gnadenlose Ehrlichkeit des Erzählers, der kein noch so wüstes Detail auslässt, sind brillant in Szene gesetzt. Mit diesem in sechs grössere Kapitel gegliederten epischen Monolog hat Roth das optimale Format für seine Figur Alex Portnoy gefunden.

Der Erzählende lamentiert, verlässt sich allein auf seine wilde Assoziationsgabe, Freud in der einen, seinen Penis in der anderen Hand, das Küchenmesser, mit dem ihn seine Mutter einst zu kastrieren drohte, stets nur einen Gedanken entfernt. Man hasst und / oder liebt ihn, diesen Zerrissenen. Lesen sollte man ihn auf jeden Fall.