Category Archives: Erzählung

Rezension: Elisabeth Schrom – Herbertgeschichten (Zytglogge, 2016)

Es beginnt mit dem Tod: morgens nach dem Aufwachen entdeckt Herbert – Rentner, seit dreissig Jahren alleinstehend und -wohnend – eine tote Heuschrecke auf seinem Schlafzimmerboden. Nicht irgendeine Heuschrecke, sondern den von ihm bereits benannten “David”, den er zwei Tage zuvor in seinem Schlafzimmer entdeckt und vergeblich zu fangen versucht hatte. “Ein schlechtes Omen, wenn der Tag mit dem Tod begann”, sagt sich Herbert. “An solchen Tagen blieb man besser daheim.”

Die kleinen, teils bizarren Eigenarten und Gedanken des Herbert bilden den Leitfaden all der Geschichten, die die 69jährige in Wien geborene Basler Schriftstellerin Elisabeth Schrom in ihrem Prosadebüt zu einer Erzählung vereint. Liebevoll, in einem lakonischen, aber dennoch einfühlsamen Ton führt sie ihren bisweilen arg verunsicherten Protagonisten über die Bühne seines Rentnerlebens, macht dabei die grossen existenziellen Fragen an den scheinbar unbedeutenden Details des Alltags fest.

Das Leben des Herbert ist geprägt von Ritualen wie dem alldienstäglichen Treffen mit seinem besten (einzigen verbleibenden) Freund Rudolf auf einer Parkbank. Beim Füttern der Spatzen diskutieren die beiden Männer dort über Gott und die Welt – wobei die interessantesten Aspekte in dem zu finden sind, worüber die beiden gerade nicht offen zu sprechen wagen. Die Liebe zum Beispiel.

Herbert hat sich über die Jahrzehnte unzählige Sammlungen geschaffen – unter anderem eine von 127 Spazierstöcken – , die seine Wohnung anfüllen und ihm die Ausrede bescheren, er habe gar keinen Platz für eine Frau. Rudolf, in scheinbar spiessiger Ehe mit der spröden Edith verheiratet (“Es ist schön, wenn man weiss, zu wem man gehört.”), unternimmt zaghafte Versuche seinen Freund Herbert zu verkuppeln. Er will diesen dem verkrampften Dasein, das sich in dreissig Jahren Alleinesein eingespielt hat, entreissen. Und tatsächlich tritt, nachdem Herbert auf eine Kontaktanzeige geantwortet hat, in welcher eine Italienerin nach einem “Ehemann wegen Existenzsicherung” suchte, die lebhafte, jüngere Ivana in sein Leben. Ein Versprechen von Drama, Abenteuer, Tragödie. Ihr Auftreten – ohne hier zu verraten, wohin es führt – ist ein Wendepunkt, vielleicht der Beginn dessen, was gerne der “zweite Frühling” genannt wird.

Autorin Elisabeth Schrom lotet in kurzen, einprägsamen Szenen die Ängste und Freuden, die vielfältigen Ambivalenzen des Älterwerdens, Pensioniertseins, des Alleine- und des Zusammenseins aus. In aussagekräftigen Bildern und Dialogen nähert sie sich den Persönlichkeiten ihrer Figuren und beschreibt deren Reaktionen auf die Einbrüche des Ungewissen in eine Welt, die auf den ersten Blick nur aus Routinen, Macken, kleinen Obsessionen und allumfassender Bequemlichkeit zu bestehen scheint.

Schrom findet die treffende, von subtilem Humor durchwirkte, Sprache für Herberts Geschichten, einen würdevollen Ton, der mit seiner Mischung aus Selbstironie, Fatalismus und immer wieder aufkeimender Lebenslust die Figuren auf die für manche grösste Hürde des Lebens zuführt. Und letztlich bleibt nur noch die letzte, die schwerste aller Fragen: Eichen-, Fichten- oder Kiefernsarg?

Rezension: Georgi Gospodinov – 8 Minuten und 19 Sekunden (Droschl, 2016)

Die zeitgenössische bulgarische Literatur führt im deutschen Sprachgebiet nach wie vor ein Schattendasein. Dies kann unterschiedliche Gründe haben: einerseits bedienten oder bedienen sich etliche der bekanntesten bulgarischstämmigen Stimmen gar nicht der Sprache ihrer Heimat (etwa Elias Canetti, Tzvetan Todorov und Ilja Trojanow), andererseits bleibt vieles von dem, was auf Bulgarisch erscheint, hierzulande noch unübersetzt. Sinnbildlich für das Schattendasein steht vielleicht der grosse Autor Georgi Markow (1929-1978), dessen Texte – sie erscheinen auf Deutsch beim Wieser-Verlag in Klagenfurt – nur einem sehr kleinen Publikum bekannt sein dürften –  ganz im Gegensatz zu seinen spektakulären Todesumständen.

Wie auch immer: es gibt glücklicherweise Ausnahmen. Zu nennen wäre da etwa Vladimir Zarev, dessen opulente Weltschev-Trilogie (erschienen beim Deuticke-Verlag) einen ausgezeichneten (und mit insgesamt 2236 Seiten enorm umfangreichen) Einstieg in die bulgarische Geschichte und Literatur liefert. Und dann ist da noch Georgi Gospodinov, geboren 1968 in Jambol, Autor zweier hochgelobter Romane (“Natürlicher Roman”, 1999, und “Physik der Schwermut”, 2011) sowie diverser Gedichtbände, Kolumnen, Theaterstücke und Kurzgeschichten-Sammlungen.
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In letztere Kategorie fällt auch der Band “8 Minuten und 19 Sekunden”, der dieses Jahr beim Droschl-Verlag erschienen ist. 19 Kurz- und Kürzestgeschichten sind darin versammelt, geschrieben zumeist zwischen 2008 und 2012. Die Texte sind ein idealer Weg, sich diesem experimentierfreudigen Geschichtenerzähler – so soll er sich selbst nennen – zu nähern.

Bei den titelgebenden 8 Minuten und 19 Sekunden handelt es sich um den Zeitraum, den das Licht benötigt, um von der Sonne zur Erde zu gelangen. Erlischt also die Sonne, bleiben den Lebewesen auf unserem Planeten noch exakt diese 8:19, um sich des Lebens zu erfreuen. Womit wir beim verbindenden Thema der meisten dieser Erzählungen sind: Apokalypse – sei es nun in globalem oder persönlichem Ausmass. “Manchmal ist das Ende der Welt etwas sehr Persönliches” lässt er denn auch die Figur Gaustìn – einen wiederkehrenden Charakter in Gospodinovs Geschichtenuniversum – schreiben.

Der Band versammelt Weisen von der Einsamkeit (“Weisst Du, aus welcher Materie der Kosmos gemacht ist? Er ist aus Einsamkeit gemacht.” aus: “Und alles wurde Mond”), melancholische Träumereien (etwa “Auf der Suche nach Carla in Lissabon”), Geschichten von Abwesenheit (ausgezeichnet: “Das Ritual”), “Geschichten vom Einander-Verpassen” (noch besser: “O, Henry!”) und Geschichten tragikomischen Schicksalen im Angesicht drohenden Untergangs (siehe etwa die exquisiten Charakterstudien in “Die Gesichter der letzten Tage”, die nicht zuletzt an Canettis “Der Ohrenzeuge” erinnern.)

Einsamkeit und Abwesenheit zeigt Gospodinov mit Vorliebe an Worten, die unbeantwortet bleiben müssen: Briefe an Verstorbene, Briefe von Verstorbenen, ein Mann, der eine Stoffpuppe zu seiner Tochter auserkoren hat (“Tochter”) und ein Waisenjunge, der nacheinander einen Kastanienbaum, eine Büste von Stalin und einen streunenden Hund als Vater betrachtet und sie allesamt durch tragische Umstände verliert (das dritte Glanzlicht: “Einen Vater adoptieren”). Und dann ist da doch immer wieder dieses Licht, der Ausblick auf eine Version der Geschichte, die weniger apokalyptisch scheint: “In diesem Verpassen liegt mehr Liebe als in allen Begegnungen der Welt, falls euch das nicht zu sentimental klingt.” (noch einmal aus “O, Henry!”).

Bitterer Zynismus und Ironie verbinden sich in Gospodinovs Prosa mit einer aufrichtigen Grossherzigkeit und Menschenliebe. Was beim ersten Gedanken unvereinbar anmuten mag, entwickelt sich in den Etüden dieses begnadeten bulgarischen Erzählers zu einem einzigartigen Sound, der weit über das spezifisch osteuropäische Element hinaus – die vielen Verweise auf die sozialistische Vergangenheit des Landes – Anklang finden wird. Ausgestattet mit untrüglichem Blick für Details, der Fähigkeit Alltägliches auch schon mal in apokalyptische Dimensionen zu transportieren und einer prägnanten Sprache, wie geschaffen für diese Miniaturen, darf Georgi Gospodinov sicherlich zu den interessantesten Stimmen gegenwärtiger europäischer Literatur gezählt werden.

Gospodinov, Georgi. 8 Minuten und 19 Sekunden. Erzählungen. Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann. Graz: Droschl 2016. 144 S., gebunden m. Schutzumschlag. 9783854209485

Rezension: Edith Pearlman – Honeydew (Ullstein 2015)

Als Alice Munro 2013 den Nobelpreis für Literatur erhielt, wurde das Interesse auch der europäischen Öffentlichkeit auf eine Textform gelenkt, die hier zu einem Dasein im Schatten des Romans verdammt ist: die Kurzgeschichte. Munros perfektionierte Miniaturen verschafften auch anderen Autorinnen des Genres Aufmerksamkeit.

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Eine von ihnen ist Edith Pearlman (*1936), die seit mehreren Jahrzehnten Kurzgeschichten verfasst, jedoch erst mit dem Sammelband “Binocular Vision” (2011) in Amerika grössere Bekanntheit erlangte. Eine Nomination für den National Book Award for Fiction war dabei die Krönung des Lobes. Mit ihrem aktuellen, satte 20 Erzählungen fassenden Sammelband  “Honeydew” findet sie nun auch ihren Weg auf den deutschsprachigen Markt. Später Ruhm für eine Autorin, die einmal gesagt hat, es sei sehr wichtig für Schriftsteller, unbemerkt zu bleiben.

“Honeydew” – Honigtau – ist eine geschönte Bezeichnung für die Exkremente bestimmter Insekten, die “als den Boden bedeckender feiner Frost mit einem Geschmack von Honig” beschrieben wird. Honigtau sei das, was in der Bibel als Manna – das Wunder Gottes für die hungernden Anhänger Moses’ – empfangen werde. So zumindest erklärt es in der titelgebenden Erzählung, das magersüchtige Mädchen Emily, das seine überragende Intelligenz dem Studium von Insekten widmet, unter denen sie vor allem Ameisen für dem Menschen überlegene Wesen hält.

Ein scheinbar göttliches Zeichen, das in Tat und Wahrheit nichts anderes ist, als die Ausscheidung eines Ungeziefers: In dieser starken Metapher kommt zum Ausdruck, was vielen von Pearlmans Geschichten zugrunde liegt. Nämlich die Enttarnung naiv-verklärter Illusionen, hinter denen sich oft nichts als lapidare Alltäglichkeit verbirgt.

“Nachts sind alle Katzen grau” sagt in einem der besten dieser Texte – “Drei Richtige” – eine Mutter zu ihrer neunzehnjährigen Tochter und deren Freundinnen, die in Träumen vom perfekten Ehemann schwelgen. Schliesslich überzeugt sie die Mädchen, die Namen von zwölf Jungen auf Zettel zu schreiben und eine Liebeslotterie zu veranstalten. Der gezogene Junge soll danach erobert, im besten Falle geheiratet werden. Die Mutter sagt:

“Ihr werdet sehr glücklich sein. Oder sagen wir glücklich. Glücklich genug.”
“Glücklich genug?”
“Glücklich genug”, wiederholte Sallyanns Mutter für die Prinzessin. “Das ist mehr, als andere Menschen gewährt bekommen.””

Edith Pearlman erzählt davon, was vom Leben, von der Liebe, vom Glück übrigbleibt, nachdem sie von allen romantischen Illusionen, allen Traumgespinste und aller Theatralik entbunden wurden. Viele dieser Geschichten machen Frauen in einem Alter zwischen fünfzig und sechzig zu Protagonistinnen. Geschiedene Frauen, einsame Frauen. Eine Schuldirektorin, die eine Affäre mit dem Vater einer Schülerin hat (“Honeydew”). Eine sich wohltätig engagierende Frau, die erst dank einem Mädchen, das in der Organisation über ihre Genitalverstümmelung berichtet, zu sich selbst und zur Liebe findet (“Was die Axt vergisst, daran erinnert sich der Baum”). Eine Fusspflegerin, die ihren Kunden Hornhaut und Lebensbeichten abnimmt (“Zartfuss”).

Viele dieser Geschichten sind Geschichten über Körper. Oftmals befinden sich die Figuren in intimen Situationen – jedoch bei weitem nicht immer sexuell -, sie wirken verunsichert, sich ihres Platzes in der Welt nicht gewiss. Manchmal werden die Körperfunktionen als Metaphern verwendet, etwa beim jungen Lyle (“Erst mal sehen”), dessen Augen ihm pentachromatisches Sehen ermöglichen. Das heisst konkret: er nimmt wesentlich mehr Farben und Nuancen wahr als die meisten anderen Menschen. Was zunächst als Gabe erscheinen mag, wird in dieser Geschichte, die ebenfalls zu den besten der Auswahl gehört, zu einer Bürde, mit der Lyle nicht leben will.

Topographisch sind die meisten der Erzählungen in der fikitiven Kleinstadt Godolphin, Massachusetts, verankert, die vermutlich nach Pearlmans Wohnort Brookline, Mass., geformt ist. Thematisch und literarisch schöpft die Autorin aus dem reichhaltigen Erfahrungsschatz, den ihre fast 80 Jahre hergeben. Die zwanzig in “Honeydew” vereinten Geschichten – zwischen sechs und fünfundzwanzig Seiten in der Länge – sind nicht alle von gleicher Qualität. Einige sind bloss nett, einige wenige gar etwas richtungslos (“Traumkinder”). Jedoch sind genügend hervorragende, lange nachhallende Texte vorhanden, um die Anschaffung der ganzen Sammlung zu rechtfertigen.

Ob Edith Pearlman die “beste Erzählerin der Welt” ist, wie das dankbare The-Times-Zitat auf dem Buchrücken verkündet, ist zu bezweifeln. In ihren besten Moment ist sie aber auf jeden Fall eine Meisterin ihres Fachs, der es stilistisch gelingt, mit Leichtigkeit von schmuckloser Beschreibung zu barocker Üppigkeit zu wechseln, und ganze Welten auf wenigen Seiten plastisch erlebbar zu machen.

Pearlman, Edith. Honeydew. Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel. Berlin: Ullstein 2015. 320 S., Leineneinband. 9783550080999.

Rezension: Jochen Rausch – Rache (Berlin-Verlag 2015)

In seinem neuen Erzählband versammelt der deutsche Autor Jochen Rausch elf Kurzgeschichten, die die sozialen Abgründe des heutigen Deutschland ausloten. Seine Texte spüren subjektiven Erfahrungen von Ungerechtigkeit und Kränkung nach, die den Protagonisten nur eine Wahl lassen: Rache.

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Zum Helden tauge er nicht, sagt der Protagonist der Erzählung “Gotteskrieger”, ein Wuppertaler Polizeireporter, der in 31 Dienstjahren hauptsächlich über Bagatelldelikte berichtet hat. Und das war ihm auch gerade recht so. Nun aber haben sich die Vorzeichen geändert: Der neue Chefredaktor der Lokalzeitung will die Leserzahlen steigern, fordert Skandale und Spektakel. Da kommt es ihm gerade recht, dass offenbar ein Wuppertaler Vorstadtjunge gen Osten gezogen ist, um sich zum Gotteskrieger ausbilden zu lassen. Er setzt seinen Polizeireporter auf den Fall an. Der stösst im ehemaligen Wohnquartier des Jungen auf ein Deutschland, das er nicht mehr verstehen kann und nicht mehr verstehen will. Er wird unverhofft fotografierender Zeuge eines Ehrenmords, wird auf diese Weise selbst zur Zielscheibe – und muss sich untertauchen…

Einerseits fällt diese Geschichte innerhalb der Sammlung aus dem Rahmen, weil sie die Umstände der Gewalttat – also des Ehrenmordes – gar nicht thematisiert; andererseits führt sie typische Merkmale des Figurenkosmos’ und der Szenerien ein, die Rausch in “Rache” an elf verschiedenen Schauplätzen heraufbeschwört. Rauschs deutsche Gesellschaft ist eine Gesellschaft im Zustand der Gereiztheit; eine Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich sich bedrohlich weit aufgetan hat; eine Gesellschaft voller Fässer, die von einem einzigen Tropfen zum Überlaufen gebracht werden können.

Die Mehrheit der Geschichten folgt einem angehenden Täter bis zu eben jenem Punkt, an dem das Fass überläuft, die erfahrene Ungerechtigkeit oder Kränkung so unerträglich wird, dass die Explosion nicht mehr abzuwenden ist. Oder aber sie rekonstruieren eine geschehene Tat, häufig aus unterschiedlichen Perspektiven verschiedener Beteiligter, Augenzeugen oder Verwandter. Der Autor, selbst einst Gerichtsreporter, arbeitet auf kleinem Raum grosse Themen ab, und zwar gleich eine Vielzahl davon. Von ehemaligen Stasi-Spitzeln (“Räucherware”) über die scheinbare Bedrohung durch “den Islam” (“Gotteskrieger”), Missbrauch durch katholische Priester (“Gloria Dei”), die Schattenseiten der Berliner Gentrifizierung (“Krawall”) bis hin zu Gewalt und Übergriffen an den Arbeitsstätten der Unterschichten (“Feuer”) und dynastische Machtkämpfe (“Haie”) deckt Jochen Rausch ein erstaunlich breites Spektrum gesellschaftsrelevanter Themen ab bzw. schneidet diese zumindest an.

Mit grosser Sympathie für die scheinbar wenig heldenhaften kleinen Leute und einer umgekehrt oftmals skrupellosen, machtgierigen und sexuell gewalttätigen Zeichnung der Oberschicht erzählt Jochen Rausch. Seine Sprache ist simpel, klar, reduziert auf das absolut Notwendige. Es gelingt ihm gut, Sympathie und Antipathie zu erzeugen: Für Jan, der Amok läuft, weil er sich von der Kellnerin Isabel betrogen fühlt, empfindet man wohl unweigerlich Abscheu (“Rache”); für Martin hingegen, den ehemaligen Fallmangager eines Jobcenters, der wegen eines Ausrasters Job, Frau und Vermögen verloren hat und nun selbst Sozialhilfeempfänger ist, kommt man nicht umhin gewisse Sympathien zu fühlen (“Die Wanderung”). Wobei natürlich auch dies wieder meine subjektiven Wahrnehmungen davon sind, was eine Kränkung ist, die die drastische Rache auch verdient, und was nicht.

Ob Stadt oder Land, Arm oder Reich, Jung oder Alt, die “Zeiten der Gereiztheit”, wie Jochen Rausch das Symptom nennt, sind omnipräsent. Was den Anlass betrifft, Rache zu nehmen, scheint die Hemmschwelle zu sinken. Immer kleiner werden die Fässer, immer schneller kommt es zu jenem sprichwörtlichen einen Tropfen zuviel. Die Geschichten in “Rache” lassen sich zwischen den Zeilen als Aufforderung für mehr Akzeptanz und Respekt im Umgang mit anderen Menschen lesen, als Aufforderung nicht jede noch so kleine unglückliche Handlung als persönlichen Affront aufzufassen. Darin liegt der über die Texte hinausgehende Verdienst dieses spannenden Sammelbandes.

Rausch, Jochen. Rache. Storys. Berlin: Berlin-Verlag 2015. 288 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8270-1265-4

Rezension: Eduardo Mendoza – Der Walfisch (Nagel & Kimche, 2015 [2009])

Mit “Der Walfisch” erscheint bei Nagel & Kimche zum dritten Mal ein Roman aus dem umfangreichen Werk des spanischen Autors Eduardo Mendoza. Wobei die Gattungsbezeichnung in diesem Fall etwas weit greift: “Der Walfisch” ist eine kurze Charakter- und Stadtstudie mit nachdenklichen Untertönen, ein vergnüglicher Grenzgang zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen.

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Barcelona, 1952: Der anstehende Eucharistische Weltkongress versetzt die Stadt in Volksfeststimmung. Ein Dutzend neue Hotels wurden aus dem Boden gestampft, der Flughafen El Prat gebaut, ganze Stadtquartiere renoviert und aufgefrischt. Weil sich die Stadt aber dennoch nicht in der Lage sieht, allen Kongressteilnehmern adäquate Unterkünfte zur Verfügung zu stellen, setzt die Regierung auf die Gastfreundschaft ihrer Bewohner.

So kommt der zentralamerikanische Bischof Fulgencio Putucás bei Tante Conchita und Onkel Agustin unter, Verwandten des Ich-Erzählers, der die Zeit des Kongresses als das Ende seiner Kindheit bezeichnet. Conchita ist das selbsternannte Oberhaupt einer aus vielen skurrilen Charakteren bestehenden Familie, in deren Kreis die Tante kaum jemanden vorlässt. Dem Bischof gewährt sie aus vorgeblicher Grosszügigkeit und frommer Menschenliebe für die Tage des Kongresses Zuflucht. In dieser Zeit aber bricht in Putucás’ Heimat eine Revolution aus, der Bischof steht auf einer Schwarzen Liste der neuen Regierung und kann nicht mehr nach Hause.

Conchita, deren Grosszügigkeit und fromme Menschenliebe nicht über die Kongresstage hinausreicht, schiebt den Bischof in die Familie des Ich-Erzählers ab, wo er vorerst Unterschlupf findet. Er legt seine kirchliche Tracht ab, wird von nun an Fulgencio genannt, hilft im Haushalt und wird zum Begleiter des jungen Erzählers, später dann zum Saufkumpanen von dessen alkoholabhängigem Vater. Er wird ausfällig, gewalttätig. Schliesslich verschwindet er spurlos. In buchstäblichem und übertragenem Sinne legt Fulgencio seine Würde ab, aus seiner Vertretung des Göttlichen steigt er hinab in die Sphären des Allzumenschlichen.

Erst Jahre später kommt es zum Wiedersehen: Im Hafen Barcelonas wird ein toter Wal ausgestellt, im Zelt, wo es nach verwesendem Fleisch und Reinigungsmittel stinkt, finden sich der Ich-Erzähler und der heruntergekommene Würdenträger in der Betrachtung des gewaltigen Tiers wieder. Fulgencio ist voller Selbstmitleid, zieht Parallelen zwischen sich und dem Wal, er spielt den Hiob, dem Gott den “Weg mit Widrigkeiten und Schmach übersät” hat, um ihn zu prüfen.

Eduardo Mendoza (*1943), der in unserem Sprachgebiet insbesondere durch seinen grossen Barcelona-Roman “Die Stadt der Wunder” (1992) bekannt ist, hat mit “Der Walfisch” eine subtile kleine Charakter- und Stadtstudie vorgelegt. Ursprünglich erschien die Erzählung gemeinsam mit zwei weiteren im Band “Tres vidas de santos” (Drei Heiligenleben, 2009), worin sie wohl auch etwas besser kontextualisiert wäre. Nichtsdestotrotz besteht “Der Walfisch” aber auch für sich alleine stehend. Mendoza gestaltet die Familie des Erzählers geradezu als ein Kabinett der grotesken Charaktere, seine Affinität für komische Elemente schimmert stets durch – und doch schwingen auch nachdenkliche Untertöne mit: Der Niedergang des mit Blendwerk behangenen Bischofs lässt nicht kalt, Fulgencio bleibt aber auch eine ambivalente Figur, die sich zunehmend verdächtig macht, selbst nicht gerade ein Hort frommer Unschuld zu sein. Während Fulgencios Grenzgang zwischen Göttlichem und Menschlichem gescheitert scheint, gelingt derjenige des Autors zwischen Tragik und Komik hervorragend, im Mantel eines bisweilen leicht altklugen Erzählers führt er leichtfüssig und stilistisch souverän durch die Geschichte. Eine vergnügliche Lektüre!

Mendoza, Eduardo. Der Walfisch. Aus dem Spanischen von Stefanie Gerhold. Zürich: Nagel & Kimche 2015. 128 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-312-00646-5

Rezension: Roman Ehrlich – Urwaldgäste (DuMont 2014)

Nach seinem hochgelobten Romandebüt “Das kalte Jahr” (2013) legt der junge deutsche Autor Roman Ehrlich nun mit dem zehn Texte umfassenden Erzählband “Urwaldgäste” nach. Mysteriös und beklemmend erscheinen hier die Phänomene des ganz normalen Alltags, einsam und verlassen die Protagonisten, die diesen Alltag zu bestreiten gezwungen sind…

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Die zentrale Erzählung des Bandes heisst “Die Intelligenz der Pflanzen (Naturtreue)”, ist 88 Seiten lang und wurde in zwei Teile aufgeteilt. Ihr Protagonist Arne Heym arbeitet für eine Firma, die künstliche Pflanzen herstellt. Glücklich ist er dabei nicht. Als er per Zufall im Internet auf die Anzeige einer mysteriösen Firma namens ‘Agentura Lateralis – Alternative Realitäten’ stösst, die mit dem Slogan “LASSEN SIE SICH TÄUSCHEN!” (Das klingt schon arg nach Hesses ‘Steppenwolf’, was?) wirbt, entscheidet er sich, deren Kunde zu werden. Er lässt sich ein Programm gestalten, um der Langeweile des Alltags zu entgehen – und bald schon ist nicht mehr klar, welches die ‘echte’ und welches die ‘alternative’ Realität ist…

Wie auch in vielen anderen der hier versammelten Erzählungen begegnen wir einem Alleinegelassenen, einem Menschen, der sich nicht auf enge zwischenmenschliche Beziehungen stützen kann und deshalb verloren wirkt in einer Welt, die er nicht versteht. Der Fokus vieler Texte liegt auf der Unbegreiflichkeit der Dingedie uns umgeben und ein undurchschaubares System bilden, das unseren Alltag durchwirkt. Im Text “Das Theater der Dinge” sagt ein Schauspieler:

“‘Wir haben all diese Dinge produziert, ohne uns zu fragen, ob wir mit ihnen leben wollen. Das müssen wir aber jetzt.'”

Dieser Ausspruch ist programmatisch für die zivilisationskritische Ader, die viele der Texte prägt. Die Verlorenheit des Individuums inmitten unbegriffener Dinge der Arbeits-, Privat- oder Mediensphäre. In den Texten wimmelt es vor Menschen, die durch die Welt irren und sich Einblicke in “eine übergeordnete Mechanik” der Dinge erhoffen. Oder auch die Chance, aus dieser erzwungenen Welt auszubrechen, so wie dies der oben erwähnte Arne Heym versucht. In “Ein Gesuch” fragt sich einer:

“(Was) wenn tief in mir drin ein anderer als der, der ich aussen sein muss, hockt und leidet.”

Während thematisch also gewisse übergeordnete Mechaniken zu erkennen sind, stellen die Texte Figuren und Geschichten nebeneinander, die scheinbar ohne Zusammenhang sind. Es bleibt der Fantasie der Leser überlassen, Zusammenhänge herzustellen. Am eindrücklichsten geschieht dies in der fantasievollen Erzählung “Die Seekuh Tiffany”, die einerseits eine im Zoo gehaltene Seekuh präsentiert, die unerklärlicherweise eines Tages ein Kassettenradio ausspuckt, andererseits den Innenarchitekten Lappert, der sich mit seiner Frau auf Südamerikareise befindet…

Roman Ehrlich (*1983) hat für seine Texte eine adäquate Sprache entwickelt, die ihre beklemmende Wirkung unter anderem mit exakten Beschreibungen der Vorgänge zu erzeugen weiss, die wir gemeinhin als banal, trivial, alltäglich bezeichnen würden. Gerade in diesem Umfeld erdrückender Bürolangeweile, einsamer Einzimmerwohnungsabende oder säuerlich riechender Wäschestapel eröffnet sich Spielraum für die grossen existenziellen Abgründe des Daseins in unserer hochtechnisierten Zeit. Obschon nicht alle Texte qualitativ gleich gehaltvoll sind, ist “Urwaldgäste” eine anregende Lektüre und Roman Ehrlich eine zeitgemässe Stimme der deutschen Literatur, die hoffentlich in Zukunft noch mehr von sich hören lassen wird.

Weitere Besprechungen finden sich etwa auf Buzzaldrin’s Blog, Tausendmrd und Das graue Sofa.

Ehrlich, Roman. Urwaldgäste. Erzählungen. Köln: DuMont Buchverlag 2014. 272 S., gebunden m. Schutzumschlag. ISBN 978-3-8321-9753-7.

Rezension: Urs Widmer – Gesammelte Erzählungen (Diogenes 2014 [2013])

Die Gesammelten Erzählungen des Schweizer Schriftstellers Urs Widmer, von Diogenes anlässlich seines 75. Geburtstags 2013 in edler Ausgabe veröffentlicht, liegen nun auch im Taschenbuch vor. Die 32 Texte bieten einen hervorragenden Einstieg in den vielfältigen, kunterbunten Kosmos des inzwischen leider verstorbenen Autors, der mit Recht zu den Grossen der Schweizer Gegenwartsliteratur gezählt werden darf.

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Titel: Gesammelte Erzählungen
Autor: Urs Widmer
Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-24240-9
Umfang: 768 Seiten, Taschenbuch

Der erste Teil des vorliegenden Bandes versammelt die sechs längsten Erzählungen, allesamt Texte, die bei Widmers Hausverlag Diogenes ursprünglich als Einzelausgabe erschienen waren. Den Anfang macht Widmers Debüt “Alois”, der nicht nur aufgrund seiner chronologischen Position noch immer einer der bemerkenswertesten Texte des Autors ist. In einem Interview sagte er 2013 über seine Schriftstellerwerdung: Und dann habe ich 1967 in Frankfurt ein Papier in die Maschine gespannt, und “es” schrieb. Das war dann diese kleine Broschüre “Alois”.” 

“Alois” ist surreal, eine lose Abfolge von Eindruckssequenzen denn Handlung, “ein Erzählbouquet, lauter Farben und lose Miniaturen”, wie Beatrice von Matt in ihrem Nachwort schreibt. Dennoch erscheinen in dieser eigenartigen Vermengung von Western, Comic, Popliteratur und Bildungsroman bereits Motive, die Widmers gesamtes erzählerisches Schaffen geprägt haben: der Ich-Erzähler, sein Begleiter (hier Alois), die grosse Bedeutung der Kindheit und eine prominente Vaterfigur etwa.

Obschon Widmers erzählerisches Werk, wie dieser Sammelband eindrücklich beweist, enorm vielfältig ist, der Autor mit unterschiedlichsten Gattungen, Formen und gar Sprachen – “Liebesbrief für Mary” (1993) ist grösstenteils in (helvetisch angehauchtem) Englisch geschrieben – spielte, haben ihn bestimmte Themen ein ganzes schriftstellerisches Leben lang begleitet. Neben den bereits erwähnten ist auch der Topos des Künstlers hervorzuheben, den Widmer sehr oft thematisiert: seine Künstler – seien es Schriftsteller, Maler oder Musiker – leiden, ja scheitern oft an ihrer unbedingten Hingabe zur Kunst. Etwa der Maler in der genialen Erzählung “Indianersommer” (1985), der nicht mehr malt, obwohl noch so viele Bilder in ihm sind; der verstummte Sänger in “Orpheus, zweiter Abstieg”; (1997) der schrecklich verwirrte Opernkomponist in “Die schreckliche Verwirrung des Giuseppe Verdi” (1977); und so weiter. Häufig auch erscheinen die Künste im Lichte ihrer mystischen Dimension, so beispielsweise wiederum in “Indianersommer”, wo ein Höhlenmaler merkwürdige Symbole für alles Ausgestorbene in den Fels ritzt. Oder der Ich-Erzähler in “Liebesbrief für Mary”, der einer Aborigine-Songline quer durch die australische Wüste folgt.

Im bereits oben zitierten Interview sagte Widmer: Ich habe lebenslang einen großen Grundpessimismus gehabt. Ich bin ein Katastrophiker. Aber ich bin auch stets in der Lage gewesen zu spalten: In meinem Alltag hat so viel Optimismus Platz und viel Lust. “ Diese Spaltung kommt auch in vielen seiner Erzählungen deutlich zum Ausdruck. Obschon Widmer ein Meister der verzweifelten Verirrung und der kuriosen Grausamkeiten des Lebens ist, obschon es in diesen Geschichten Verleger gibt, die von ihren eigenen Büchern erschlagen werden, Leute, die von ihrer eigenen Selbstschussanlage zerschossen werden, obschon er wundersam desperate Sätze schreibt wie “Kein Mensch ist für die Temperaturen gebaut, die die Liebe erzeugt.” (Aus: “Eine Herbstgeschichte”), bleibt doch auch häufig Platz für mindestens einen Funken Optimismus – und für Humor. Manche der kürzeren Geschichten, etwa “In Amerika” (1972), sind wahre Perlen dieses hintergründigen Widmer’schen Humors.

Und dann ist da wieder dieser Maler in “Indianersommer”: Plötzlich nimmt er eine Tuba zur Hand und beginnt zu spielen. Er will “ein Virtuose in der Kunst werden (…), laute Instrumente leise zu spielen.” Auch Urs Widmer war – in übertragenem Sinne – ein Virtuose in dieser Kunst: sein Ton ist mal ruhig und besonnen, mal kurvenreich und verspielt, niemals jedoch angeberisch oder laut schreiend. Der Adjektive sind viele, mit der man seine Sprache zu etikettieren vermöchte, eines aber trifft immer: sympathisch. 

“Das Schreiben ist das Ziel, nicht das Buch” lässt er seinen Ich-Erzähler in “Das Paradies des Vergessens”  (1990) sagen. Ein schickes Bonmot, und doch sind wir selbstverständlich froh, hat es dieses Geschriebene oft genug ins Buchformat geschafft, so dass uns die erzählerische Freude, die Fabulierlust, der Witz und das Wissen dieses grossen, facettenreichen Erzählers für immer erhalten bleiben.

 

 

Rezension: Daniela Krien – Muldental (Graf 2014)

Die in Leipzig lebende deutsche Autorin Daniela Krien (*1975) widmet sich in ihrem zweiten Buch “Muldental” in zehn kurzen Geschichten den Schattenseiten und menschlichen Abgründen von Wende, Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung. In bitteren kleinen Alltagsdramen werden dabei grosse Themen wie Schuld, Scham und Verzweiflung thematisiert.

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Titel: Muldental
Autorin: Daniela Krien
Verlag: Graf
ISBN: 978-3-86220-022-1
Umfang: 224 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

Als 2011 das Daniela Kriens Debüt “Irgendwann werden wir uns alles erzählen”, bescheinigte die Rezensentin in Der Zeit diesem eine Abhandlung des Stoffes in “wundersam altmodischer Ernsthaftigkeit”. Auch das neue Buch “Muldental” ist von diesem markanten, ironiefreien Ton geprägt, der das über allem Leben dräuende Unheil betont und der Hoffnung oftmals nur wenig Spielraum lässt. Schmerz, Scham, Schuld, Verzweiflung: das sind die Themen, die die zehn Lebensgeschichten in “Muldental” bestimmen.

Beziehungen bestehen nicht – zumindest nicht in einem für den Leser ersichtlichen oder relevanten Sinne – zwischen den Protagonisten der einzelnen Geschichten, wohl aber Zusammenhänge: sie alle sind “Wendeverlierer” im wiedervereinigten Deutschland der Neunzigerjahre, Menschen aus der ehemaligen DDR, die auf der Suche nach Glück nur Enttäuschung und Leid erfahren haben.

Da trifft man etwa auf Betti und Maren, zwei alleinerziehende Mütter, die dringend einen Zusatzverdienst brauchen. Sie mieten sich eine Wohnung und lassen sich von ihrem Jugendfreund Günthi Freier besorgen. Man trifft auf Otto, der arbeits- und zahlungsunfähig ist und seine grenzenlose Scham in immer mehr Alkohol ertränkt. Man trifft auf Ludwig, dem die Öffnung gegen Westen erlaubt, seine schizophrene Schwester zum ersten Mal seit Jahrzehnten besuchen zu können – und der sie vollkommen zerstört und vernachlässigt in einem bayrischen Pflegeheim antrifft.

Manch einer der Figuren, die hier unermesslichen Qualen ausgesetzt sind, versucht sich mit Gewalt gegen sich selbst oder gegen andere zu behelfen. Eindrücklich – weil in ihrer Brutalität geradezu skurril – ist die Geschichte von Gunnar, dem Kind, das immer nur der Daumenlutscher genannt wurde. Von den Eltern fühlte er sich nicht geliebt. Erst sein Einsatz bei der Suche nach zwei verschwundenen Mädchen bringt die Eltern dazu, ihn mit Anerkennung und Liebe zu segnen. Doch er ist der Mörder…

Die Welt, die Daniela Krien zeigt, ist eine Welt der negativen Gefühle. Liebe, Optimismus und Freude sind nur in Nebenrollen anzutreffen. In einer markanten Sprache, die vor dem Schmerz nicht zurückweicht, lässt sie sie entstehen. Eine Welt, in der Sätze gesagt werden wie: “Manche Siege sind nur die Vollendung einer Niederlage.” Dieser Satz einer Mutter, die vor Gericht beweisen konnte, ihre Tochter nicht misshandelt zu haben, ist programmatisch. Sie hat die Tochter  trotzdem verloren. Die kleinen Siege, die die Figuren in “Muldental” bisweilen erringen, wirken blass vor dem Hintergrund der menschlichen Abgründe, die sich hier auftun.

Es ist ein niederschmetterndes Buch, das Daniela Krien gelungen ist, ein Buch über nicht eingelöste Hoffnungen und zerstörte Träume, ein Panorama der Lebenskrisen. Leicht zu lesen, aber schwer zu verdauen.

Katja Petrowskaja – Vielleicht Esther (Ingeborg-Bachmann-Preis 2013)

Die in Kiew geborene, heute in Berlin wohnhafte Schriftstellerin Katja Petrowskaja gewann letzte Woche für ihren Text “Vielleicht Esther” den Ingeborg-Bachmann-Preis 2013. Vor dem Hintergrund der ukrainischen Hauptstadt Kiew zur Zeit des Einmarsches der deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg, geht der Text auf subtile Art und Weise der Frage nach Realität und Fiktion nach. Mit beeindruckender Stringenz zeigt er auf, wie stark eine menschliche Existenz von etwas scheinbar Kleinem, Banalem (in diesem Falle:  ein Fikus) abhängig sein kann; etwas scheinbar Kleinem sogar, dass möglicherweise gar nie existiert haben könnte, aber zur Rechtfertigung einer Existenz doch existiert haben muss. Denn, wie heisst es da so schön:

Manchmal ist es gerade die Prise Dichtung, welche die Erinnerung wahrheitsgetreu macht.

Den kompletten Text findet man hier: http://bachmannpreis.eu/de/texte/4388

Er soll im kommenden Frühjahr bei Suhrkamp erscheinen. (http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/literatur/2169986/)

Rezension: Hans Erich Nossack – Das Mal und andere Erzählungen (Suhrkamp, 1963)

Die drei in diesem Sammelband der edition suhrkamp enthaltenen Erzählungen – “Das Mal” (1949), “Am Ufer” (1951) und “Die Schalttafel” (1953) – geben einen hervorragenden Einblick ins Schaffen des Autors Hans Erich Nossack und die grossen Themenkreise, die ihn umtrieben: Die Mechanisierung des Lebens, das Unmenschliche, das Verhältnis des Menschen zum Tod.

Von den drei Erzählungen, die allesamt dem Roman “Spirale” (1956) entnommen sind, bietet insbesondere die letzte und längste – “Die Schalttafel” – eine enorme Fülle an Interpretationsmöglichkeiten. Erzählt wird vom Chemiker Schneider, der über “die sogenannte Menschheit” nicht viel Gutes zu berichten weiss, sie gar “als eine überwundene Erdschicht” zu betrachten gewillt ist. Nichtsdestotrotz hat er sich der Obsession verschrieben, ein gesellschaftskonformes Leben zu führen, niemandem zur Last zu sein, aber auch nicht aufzufallen. Mittels seiner Erfindung, der Schalttafel, hat er sämtliche Ereignisse seines Lebens bis ins letzte Detail vorausgeplant. Gelegen ist ihm hierbei an einer perfekten Beherrschung der Zeit, in der er zu einem bestimmten Zeitpunkt vollends aufgehen möchte, ohne dabei sein körperliches Dasein aufgeben zu müssen. Sollte dies aber nicht gelingen, sagt er, “werde ich mich unauffällig beseitigen.”

Dieser Zeitpunkt markiert den Topos der Grenze, die auch in den anderen beiden hier vorliegenden Erzählungen von zentraler Bedeutung ist. In “Das Mal” markiert ein stehend erfrorener Mann mit einem Lächeln auf den Lippen die Grenze, an die ein ausgezehrter Expeditionstrupp inmitten polarer Ödnis gelangt. In “Am Ufer” wiederum ist es der Fluss, den der Erzähler zu überqueren gedenkt, um in verbotenes Gebiet zu gelangen. Es ist eine Flucht, die er anstrebt, eine Flucht vor der Unmenschlichkeit menschlichen Daseins, die ihn einzig in seiner zwanglosen Liebe zur Kellnerin Nellie nicht belastet. Es ist eine zutiefst menschliche Liebe, die hier geschildert wird. Im Gegensatz zur Funktion der Liebe in “Die Schalttafel”, wo sie für Schneider eben tatsächlich nur das ist: eine Funktion. Die schiere Überforderung Schneiders mit der Zweigespaltenheit des Menschen als psychisches und physisches Wesen, mündet in seiner Funktionalisierung aller Lebensabläufe. Es ist ein beeindruckendes, obschon (bzw. gerade weil) höchst beängstigendes Psychogramm eines Menschen, das Nossack hier entwirft.

RATING: 7 / 10