Category Archives: Biographie

Rezension: Hazel Hutchison – Henry James. Biographie. (Parthas, 2015)

In seinem Text “Refugees In England” (1915), entstanden am Ende eines langen, produktiven Lebens, beschreibt Henry James (1843-1916) wie er in London die Ankunft der ersten belgischen Kriegsflüchtlinge miterlebte. Eine schweigsame Prozession, die sich vom Zugbahnhof zur Kirche bewegt. Nur das Schluchzen einer jungen Mutter sticht heraus, unüberhörbar, James hört darin “die Stimme der Geschichte selbst.” Der Autor hilft, wo er nur kann, engagiert sich öffentlich für die Flüchtlinge, bietet einigen von ihnen Unterschlupf in seinen eigenen Arbeitsräumen.

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Die schottische Literaturwissenschaftlerin Hazel Hutchison zeichnet in ihrer kurzen Biographie das Leben eines Mannes nach, dessen gutherziger, selbstloser Einsatz in dieser Situation uns gerade heute nur Vorbild sein kann.

Henry James der Mensch und Henry James der Schriftsteller: Hutchison verbindet Leben und Werk des europaverliebten Amerikaners in ihrem Text zu einer kenntnisreichen Übersichtsdarstellung. Natürlich vermögen diese knapp 200 Seiten an den Detailreichtum anderer James-Biographien heranzukommen – die fünfbändige Biographie “Henry James. A Life” (1953-1972) von Leon Edel wird wohl immer unerreicht bleiben -, dies war jedoch auch nicht die Intention. Hutchinson bietet, in chronologischer Folge, einen prägnanten Blick auf den grossen, nach wie vor faszinierenden Schriftsteller Henry James.

Sohn einer wohlhabenden Familie, hatte James von allem Anbeginn an das Glück, nicht für seinen Lebensunterhalt arbeiten zu müssen. Dieser Umstand gibt immer wieder Anlass zur Kritik. Biographin Hutchinson bezieht hier Stellung für Henry James, rechnet ihm eine hohe Sensibilität für die Klassengesellschaft an (z.B. in “The Cage”) und betont, wie sehr sich James gerade während seiner Jahre in London für die Lebensumstände der Armen interessiert habe.

Dies darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich Henry James in gehobenem Milieu bewegte. Seine finanzielle Situation erlaubte es ihm, niemals sesshaft werden zu müssen. Er reiste umher – meist in Europa: England, Frankreich und Italien sind die immer wiederkehrenden Fixpunkte seines Daseins. Hier lebt er, hier schreibt er, hier leidet er. Leidet an einer instabilen Gesundheit, mangelndem Erfolg oder tragischen Todesfällen im Familien- und Freundeskreis.

Der frühe Tod seiner geliebten Cousine Minny, die 1870 der Tuberkulose erliegt, holt ihn immer wieder ein. Der Selbstmord seiner engen Freundin, der Schriftstellerin Constance Fenimore Woolson, erschüttert ihn zutiefst, obwohl er um ihre Depressionen wusste und festhielt, dass die Freundschaft zu ihr “zur Hälfte aus ängstlicher Besorgnis um sie” bestanden hatte.

Hutchison webt Familien-, Freundes- und literarisches Leben von Henry James geschickt zu einem Teppich, in dem immer wieder interessante Querverbindungen hergestellt werden können. Die gegenseitige Beeinflussung von Leben und Schaffen kommt ausgezeichnet zur Geltung. Dank der markanten Zusammenfassungen wichtiger Werke wird der Text auch für diejenigen, die mit James’ Romanen und Kurzgeschichten gar nicht vertraut sind, zu einer unmittelbar verständlichen Lektüre – und weckt Lust, die Originale zu lesen oder wiederzulesen.

Der (von der Übersetzerin hinzugefügte) Anhang mit einer Liste der wichtigsten Lebensereignisse, Kurzbiographien der bedeutendsten Personen in James’ Umfeld und einer soliden Bibliographie rundet die Arbeit zufriedenstellend ab. Ich lege Hutchisons Biographie als Einstieg zu Henry James nachdrücklich ans Herz.

Hutchison, Hazel. Henry James – Biographie. Aus dem Englischen von Ute Astrid Rall. Berlin: Parthas 2015 (2012). 224 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-86964-097-6

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Rezension: Inge Sargent – Dämmerung über Birma (Unionsverlag 2015 [1994])

Es ist doch die klassische Geschichte: junge Frau trifft jungen Mann, junge Frau und junger Mann heiraten, junger Mann entpuppt sich als machthabender Prinz eines südostasiatischen Bergvolkes… Die Autobiographie der gebürtigen Österreicherin Inge Sargent beginnt märchenhaft und endet in der Katastrophe. Das Zeugnis einer grossen Liebe und einer reichhaltigen Kultur, vor allem aber das Zeugnis eines zerstörten Landes.

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Die Österreicherin Inge Sargent kommt nach dem Zweiten Weltkrieg als Fulbright-Stipendiatin ans Colorado Women’s College der Universität Denver. Sie lernt den jungen Sao Kya Seng kennen, der sich hier zum Bergbauingenieur ausbilden lässt. Die beiden verlieben sich, heiraten 1953. Als Inge zum ersten Mal mit ihrem Mann dessen Heimat besucht, um die Familie kennenzulernen, staunt sie nicht schlecht ob des gewaltigen Empfangs, der ihnen bereitet wird. Eins hat Sao seiner Frau verschwiegen: Er ist der machthabende Prinz (Saopha) des kleinen halbautonomen Shan-Staates Hsipaw in den nordbirmanischen Bergen.

Inge, obschon zunächst in ihrem Vertrauen erschüttert, akzeptiert die neue Rolle schnell und ist begeistert von Land und Leuten ihrer zukünftigen Heimat. Es ist eine friedliche Phase, unter Premierminister U Nu besteht zum ersten Mal ein demokratisches System. Sao Kya Seng bezieht mit seiner Frau, der neuen Mahadevi (Prinzessin) von Hsipaw, den Landsitz East Haw und beginnt, die während des Studiums in den USA erworbenen Kenntnisse zum Wohle seines Volkes anzuwenden. Er fördert die Landwirtschaft, modernisiert den Bergbau, um den ungenutzten Bodenreichtum zu schöpfen, bekämpft das Glücksspiel und die Korruption. Inge selbst, die sich nun Thusandi nennt, beginnt, nachdem sie Birmanisch und Shan sprechen gelernt hat, sich einzubringen, gründet Krankenhäuser und Schulen. Das Paar hat gemeinsam zwei Kinder, Mayari und Kennari.

Der Weg zu besseren Zeiten aber wird bald wieder jäh unterbrochen. Die hochkomplexe, von unterschiedlichsten Interessengruppen verwirrte birmanische Politik scheint keine Dauerhaftigkeit zu erlauben. 1959 hebt General Ne Win, der bestrebt ist die Macht im Lande ans Militär zu übergeben, die Macht der Shan-Prinzen auf, mit Sao Kya Seng, der ihm ein Treffen verweigert, legt er sich persönlich an. Als es letztlich 1962 zum Staatsstreich kommt und Birma zur Militärdiktatur wird, wird Sao Kya Seng gefangen genommen und vermutlich getötet. Inge steht  zwei Jahre unter Hausarrest, wird abgehört und ausspioniert, ehe ihr und ihren Töchtern 1964 schliesslich die Flucht nach Österreich gelingt.

Wer angesichts des Titels “Dämmerung über Birma. Mein Leben als Shan-Prinzessin” triefenden märchenhaften Kitsch erwartet, wird von Inge Sargents Autobiographie enttäuscht sein. Die ersten Jahre  – die aufblühende Liebe, das neue Land, die neue Kultur, der Beginn einer gemeinsamen Familie und das Arbeiten am Wohl des Hsipaw-Volkes – sind zwar durchaus in einem feierlich-pathetischen Ton beschrieben, der keinen Halt davor macht, die erhabene Grösse aller Gefühle zu betonen. Weil die Autorin aber Saos Ausharren in der Arrestzelle als zweite Erzählebene  immer wieder einschiebt, ist von der ersten Zeile (“Thusandi erkannte an den seltsamen Geräuschen, welche die Stille des tropischen Morgens störten, dass ihr Traum vorüber war..”) an klar: Das birmanische Märchen der Inge Sargent endet nicht im glücklichen Und-wenn-sie-nicht-gestorben-sind, sondern in einer Arrestzelle im Militärgefängnis Ba Htoo Myo respektive auf einem eilig bestiegenen Pan-Am-Flug in Richtung Westen.

In einer einfachen, klaren Sprache schreibt Inge Sargent – in der dritten Person – über die elf birmanischen Jahre, die ihr vergönnt waren. Es entsteht das Porträt einer Frau, die sich, hineingeworfen in eine ihr vollkommen fremde Kultur und soziale Stellung, mit Courage den guten wie den schlechten Herausforderungen stellt, die das neue Leben ihr anträgt.

“Dämmerung über Birma” ist das berührende Zeugnis einer Liebe, die in der Katastrophe endete. Es ist das Zeugnis einer einzigartigen Kultur mit bunten Farben, schillernden Festen, astrologischen Weissagungen und grossmütigen Menschen. Vor allem aber ist es das erschreckende Zeugnis der Zerstörung eines Landes durch eine militärische Diktatur, deren Nachwirkungen noch heute deutlich spürbar sind.

Die Autorin selbst darf nicht mehr ins Land einreisen, auf den Besitz ihres Buches, das erstmals 1994 veröffentlicht wurde, stehen angeblich 17 Jahre Gefängnisstrafe. Von Boulder, Colorado, aus, wo Inge mit ihrem zweiten Mann Tad Sargent heute lebt, gründete sie die wohltätige Organisation Burma Lifeline, um weiterhin Einfluss zu nehmen auf die Leute, die sie noch immer als die ihren betrachtet.*

Die Geschichte, die gerade auch verfilmt wird, erschien im Original auf Englisch 1994. Deutsche Ausgaben liegen seit 1997 (zunächst Bastei-Lübbe) vor. Zum vierzigjährigen Verlagsjubiläum legt der Unionsverlag (hier erstmals 2006) das Werk nun als edles kleines Taschenbuch mit Landkarten und einem erhellenden Vorwort von Bertil Lintner, der die politische Geschichte Birmas gut verständlich nachzeichnet, erneut vor.

Inge Sargent. Dämmerung über Birma. Mein Leben als Shan-Prinzessin. Aus dem Englischen von Cécile Lecaux. Zürich: Unionsverlag 2015. Taschenbuch, 384 S. 978-3-293-20691-5


Weiterführend: Inge Sargent: The Last Mahadevi. Ein Interview aus 2009.

*(Es ist mir allerdings nicht bekannt, ob die Organisation “Burma Lifeline” nach wie vor aktiv ist. Die Website existiert nicht mehr, auch sonst konnte ich keine Hinweise auf momentane Aktivitäten finden.)

Rezension: Susanna Schwager – Freudenfrau. Die Geschichte der Zora von Zürich. (Wörterseh 2014)

Zürich ist eine schöne Stadt. Eine saubere Stadt. Platz 2 auf dem Ranking der Städte mit der höchsten Lebensqualität. In der Zürcher Altstadt atmet jede Mauer den jahrhundertealten Geist bewegter Geschichte und feierlicher Tradition. Aber da gab und gibt es auch Abgründe. Schreckliche, unmenschliche Abgründe. Susanna Schwager erzählt die Geschichte der Roten Zora von Zürich, einer couragierten Frau, der das Leben mannigfaltige Grausamkeiten zumutete – und die doch immer wieder betonte, Glück zu haben. Ein beeindruckendes Buch.

freudenfrauIn einem kurzen Vorwort schreibt die Autorin Susanna Schwager (*1959): “Ich trage zusammen, was in Gesprächen an mich herantritt und mir überlassen wird. Ich erfinde nichts, ich verdichte. Die Wahrheit entzieht sich, wie stets. Im besten Fall entsteht Wahrhaftigkeit.” Die Gespräche, die in diesem Buch mündeten, führte Schwager insbesondere mit Hedy (die Namen sind verändert), einer Frau, die Mitte der Achtzigerjahre an der Zürcher Zähringerstrasse unter dem Beinamen Rote Zora (wegen der roten Haare) einen Domina-Salon eröffnete, in ein gewalttätiges Milieu geriet und unmenschlich gefoltert und misshandelt wurde. Susanna Schwager lässt Hedy ihre von der ersten Minute an von drastischen Wechselfällen des Schicksals geprägte Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen. Die Autorin greift nicht als Erzählerin in den Monolog ein, sie lässt der Erzählung der Protagonistin freien Lauf – und das ist gut so.

“Ich dichte nie. Nie! Ich mag nicht erfinden. Ich hatte nie Zeit, etwas zu erfinden. Alles war sowieso schon immer passiert, bevor ich es erfinden konnte.”

Hedys Geschichte wurzelt in St. Gallen, der Heimatstadt ihrer Eltern, beginnt aber in Basel, wo sie zur Welt kam und den Zweiten Weltkrieg miterlebte. Als junge Frau lernt sie später in Berlin den Sohn eines nordafrikanischen Hotelbesitzers kennen und folgt ihm in den Maghreb. Sie heiraten, Hedy bringt eine Tochter zur Welt. Im reichen Hotel führt sie ein Leben in Saus und Braus. Doch der Mann, Hadi, betrügt sie..

“Mit der Zeit sieht man klar. Und dann ist es richtig elend. Weil die schönen Bilder, die man sich vom Leben geklebt hat, zerbröseln, ein Haufen Mist, nicht wahr. Ich hatte mir doch alles ganz anders vorgestellt.”

Sie flieht mit ihrer Tochter zurück in die Schweiz, der Vater reist ihr nach, stiehlt das Kind und lässt ein Einreiseverbot verhängen. Ein langwieriger Sorgerechtsprozess beginnt. Letzendlich gewinnt Hedy und kann mit ihrer Tochter in der Schweiz leben. Hier aber beginnen die Probleme erst. Weil Hedy für ihre Mutter und ihre Tochter sorgen muss und mit dem Bürojob, den sie hat, nicht genug Geld nach Hause bringt, eröffnet sie im Zürcher Niederdorf einen Domina-Salon. Sie prostituiert sich – ohne Sex, sie “hilft” den Männern nur. Und mächtige Männer sind es, die sich an das Turnpferd der Roten Zora, wie Hedy nun genannt wird, fesseln lassen: Bankiers, Anwälte, Politiker.

“Es ist eine Arbeit. Und man muss sorgfältig sein, man muss das richtige Mass haben. Es braucht Einfühlung und Feingefühl. Und einen Reitsattel, da band ich sie drauf an. Ich habe nie richtig geschlagen, sicher nicht. Das hätte ich nicht gekonnt. Eine Ahnung geben. Ein Gefühl, den Film erzeugen, eine Geschichte spielen. Spannung aufbauen.”

Dass die Achtzigerjahre einen eher unrühmlichen Platz in der Zürcher Stadtgeschichte einnehmen, ist bekannt. Im Mittelpunkt stand der international als “Needle Park” bekannte Platzspitz, eine von der Polizei kaum angerührte Anlage, in der sich Drogenabhängige unter grausamen Bedingungen tummelten und zu Grunde gingen. Gemeinsam mit stadtbekannten Persönlichkeiten wie Pfarrer Ernst Sieber versuchte Hedy einigen von ihnen zu helfen. Nebenbei ging sie ihrer Arbeit nach, geriet aber, nachdem sich im Frühjahr 1984 zwei Untermieterinnen ihres Salons zwielichtigen Zuhältern angeschlossen hatten, selbst in Gefahr: Man wollte an ihr ein Exempel statuieren. Sie wurde brutal gefoltert und misshandelt, überlebte nur durch einen unbeschreiblichen Zufall. Und es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass Hedy beinahe ermordet worden wäre, wenngleich unter anderen Umständen…

Die letzten Jahre ihres Lebens – Hedy verstarb im Februar 2014 – verbrachte sie mit ihrem Coucousin Päuli, den sie seit frühester Kindheit kannte. Auch ihm gibt Susanna Schwager eine Stimme. Und auch ein ‘Werner Freudiger’ genannter ehemaliger Sittenpolizist kommt zu Wort: Er ist ein Jugendfreund der Autorin und brachte sie auf die Geschichte, in die er, damals in den Achtzigerjahren, selbst tief hineingezogen wurde.

“So ein Glück!”, “Ich hatte Glück”: das sind Sätze, die Hedy immer wieder sagt. Und je mehr man erfährt über ihr Leben, desto erstaunlicher und kräftiger wirken diese Sätze. In einem Leben, das von derart viel Unglück heimgesucht worden ist, immer wieder an das Glück zu glauben – das ist Courage. Susanna Schwagers effektive, glasklare ‘Verdichtung’ der Sprache und die perfekte Dramaturgie des Buches leisten ihren Teil zur Entstehung dieses ergreifenden Sittenbildes, das Stadt- und Kriminalgeschichte vereint, in erster Linie aber das Portrait einer wahrhaft bemerkenswerte Frau zeichnet, die man bewundern und nicht wieder vergessen wird. Eine unbedingte Leseempfehlung.

Schwager, Susanna. Freudenfrau. Die Geschichte der Zora von Zürich. Gockhausen: Wörterseh 2014.

Rezension: Adam Zagajewski – Die kleine Ewigkeit der Kunst (Hanser, 2014)

“Die kleine Ewigkeit der Kunst” ist ein ‘Tagebuch ohne Datum’, in dem uns Adam Zagajewski (*1945) in die Gegenden, in denen sein Denken, Leben und seine Kunst wurzeln. Ein berührendes, angeregtes und anregendes Prosawerk dieses ausgezeichneten polnischen Lyrikers und Essayisten.

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Titel: Die kleine Ewigkeit der Kunst
Original: Lekka przesada (2011)
Autor: Adam Zagajewski
Übersetzung: Bernhard Hartmann, Renate Schmidgall
Verlag: Hanser
ISBN: 978-3-446-24612-6
Umfang: 320 S., flexibler Einband

2014 wurde Adam Zagajewski mit dem Eichendorff-Literaturpreis ausgezeichnet, der Schriftsteller würdigt, die aus Schlesien stammen, oder sich in ihrem Werk der schlesischen Kultur widmen. Zagajewskis Beziehung zu Schlesien beginnt im Jahr seiner Geburt: 1945. In dem Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, wurde die Familie Zagajewski aus dem ukrainischen Lemberg nach Schlesien vertrieben (‘umgesiedelt’). Diese Vertreibung bildet einen der thematischen Fixpunkte dieses “Tagebuchs ohne Datum”, ein immer wiederkehrendes Motiv. Die verlorene Stadt, die Umsiedlung, an der manch einer gestorben ist. Nicht so Adam Zagajewskis Vater, der aber dennoch bis ins hohe, von Demenz geprägte Alter eine besondere Beziehung zu Lemberg hatte, die der Autor in berührenden, feinfühligen Szenen beschreibt. “Die kleine Ewigkeit der Kunst” entführt den Leser in die Gegenden, in denen der Mensch und Künstler Adam Zagajewski seine Wurzeln hat.

Neben der Familiengeschichte und seiner eigenen, von unterschiedlichen Wohn- und Arbeitsorten (Krakau, Paris, Houston) geprägten Biographie, schreibt Zagajewski vor allem über die Kunst, namentlich: Literatur und klassische Musik. Da ist einerseits die polnische Literaturszene, mit der ihn nicht nur literarische, sondern auch persönliche, freundschaftliche Erlebnisse verbinden: Zbigniew Herbert und Czeslaw Milosz , andererseits die deutschsprachige Literatur, aus der er Thomas Mann, Robert Musil und Gottfried Benn häufig zitiert, und drittens der rumänische Skeptiker und Misanthrop Emil Cioran. Sie alle prägten mit ihrem Denken und ihren Schriften Zagajewski auf die eine oder andere Weise, sie alle sind ihm unentbehrlich.  Daneben finden viele weitere Künstler, etliche davon Lyriker wie Zagajewski selbst, Erwähnung.

Mit Anspielungen, Zitaten und scharfen Beobachtungen, die mal an die Reisenotizen eines Cees Nooteboom, mal an die Aphorismen eines Elias Canetti erinnern, entsteht so datumslose Eintragung für datumslose Eintragung ein Bild von Adam Zagajewski selbst. Ein ernsthafter, man könnte sagen konservativer Künstler, dem der “allgegenwärtige Nebel der Ironie”, wie er die postmoderne Kunst dominiert, nicht ausreicht. Zagajewski ist ein Künstler von erhabener Seriosität, von ehrvoller Verpflichtung der Wahrheit, der Erfahrung des Konkreten, gegenüber (“(ich) schreibe nur über Dinge,die ich selbst gesehen habe”) und von dezidierter Schärfe der Meinungen. Sein Ideal ist die eigenständige Suche nach der Wahrheit, gedankliche Systeme, wie sie die heutigen Geisteswissenschaften dominieren, sind ihm zuwider (“…letztlich sind Systeme gift für den Verstand, ein Schandfleck des intellektuellen Lebens”).

Als “Schlüssel zum Verständnis der Kunst” schliesslich bezeichnet Zagajewski den Enthusiasmus, also einen, seinem ursprünglichen Wortsinne nach, Zustand von Gott eingegebener, beseelter Inspiration. In diesem Schluss zeigt sich deutlich die Feierlichkeit und Überzeugung, die Sprache und Denken Zagajewskis tief durchdringen. Das hat Potenzial zu polarisieren, Gemüter zu erregen, etwa wenn er ausschweifend und verherrlichend über Werke von Bach oder Chopin spricht, aber jedes Auftauchen von populärer Musik als “primitiv” abtut. Der Grat zwischen Schärfe der Meinungen und Ignoranz ist ein schmaler, doch Zagajewskis gelingt es zumeist, auf der richtigen Seite zu bleiben, denn in den meisten Fällen, in denen er kritisiert, wird man ihm Recht geben. Und wenn er bewundert – hierzu zitiert er selbst ein (angebliches) Wort von Paul Claudel: “Celui qui admire, n’a jamais tort.” (Der, der bewundert, hat niemals Unrecht.) und sagt, “dass im geistigen Sinne Bewunderung und Enthusiasmus etwas viel Höheres sind als Kritik, Sarkasmus oder eine rein ironische Haltung.” Ich bin gewillt, ihm auch hierin Recht zu geben.

Zagajewski, Adam. Die kleine Ewigkeit der Kunst. Tagebuch ohne Datum. Hg. v. Michael Krüger. Aus dem Polnischen von Bernhard Hartmann und Renate Schmidgall. EDITION AKZENTE. München: Hanser 2014.

Rezension: Alba Arikha – Wörterbuch einer verlorenen Welt (Berlin-Verlag 2014 [2011])

In ihrem autobiographischen “Wörterbuch einer verlorenen Welt” (Original: “Major/Minor”, 2011) spürt die Autorin Alba Arikha den Jahren ihrer Adoleszenz im Paris der frühen Achtzigerjahre nach. Diese Szenen von Freiheit, Rebellion, ersten Küssen und lauten Streitereien wechseln sich ab mit Erzählungen aus der traumatischen Vergangenheit ihrer jüdischen Familie während des Zweiten Weltkriegs.

Alba Arikha wuchs im Paris der Achtzigerjahre als Tochter der (erfolglosen) Dichterin Anne Atik und des Malers Avigdor ‘Vigo’ Arikha auf, ihr Patenonkel war Samuel Beckett. Die Familie hat wenig Geld, lebt in von Mäzenen bezahlten Wohnungen ein intellektuelles Künstlerleben. Von frühester Kindheit an werden Alba und ihre Schwester Noga mit den Tücken der Armut konfrontiert:

“Grundsätzlich weiss ich es. Dass mein Vater ein grosses Talent hat, mit dem er nicht alle unsere Rechnungen bezahlen kann. Also eilen wohlhabende Menschen, die an ihn glauben, zu unserer Rettung herbei: Das ist okay. Talent ist selten, Geld ist weit verbreitet.”

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Titel: Wörterbuch einer verlorenen Welt
Original: Major/Minor
Autorin: Alba Arikha
Übersetzung: Friederike Meltendorf
ISBN: 978-3-8270-1102-2
Umfang: 256 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Die Kindheit und Adoleszenz Albas ist geprägt von diesem künstlerischen, idealistischen Umfeld. Insbesondere der Vater, Avigdor, dem dieses Buch gewidmet ist und der als Albas Antipode erscheint, ist bemüht, seine Grundsätze von künstlerischer Reinheit zu vermitteln. Er ist jähzornig, “predigt, wenn er spricht”, ein intellektueller Snob, der alle Errungenschaften der 1968er-Bewegung verachtet und dessen “Herumgekasper” wenn es um ‘richtige’ und ‘falsche’ Musik geht, einer Teenagerin gehörig gegen den Strich geht.

Alba flüchtet sich aus der vormodernen Welt ihres Vaters in Bücher (“Ich verliere mich im Leben anderer”) und in der modernen, von Amerika und England her kommenden Subkulturen, von denen vorwiegend der Punk zum grossen Thema wird.

Im Gegensatz zu Avigdor, der sagt “Wir Juden gehören nur zu unserer Geschichte”, ist Jüdin zu sein für Alba “nur ein Detail”, sie will sich nicht über die Religion, sondern über die Kultur definieren. Die Beschreibungen alltäglicher Scherereien, die die Adoleszenz für eine junge Frau mit sich bringt – Diskussionen über Kleider, Drogen, Musik, Männer – werden ausgespielt gegen die immer wieder abbrechenden Erzählungen von Avigdor und seiner Mutter Pepi aus dem Zweiten Weltkrieg. Im Gegensatz zu Alba nämlich hat Avigdor keine Jugend gehabt. Halb erfroren im jüdischen Ghetto von Mogilew-Podolski hat er den Krieg dank eines Unternehmers überlebt, der mit den Deutschen ein Recht zur Beschäftigung jüdischer Metallarbeiter aushandeln konnte. Schliesslich erlaubte ein ähnlicher Deal ihm und seiner Schwester Elena die Flucht nach Jerusalem – Mutter Pepi musste im kommunistischen Rumänien verharren und sah ihre Kinder erst 1957 wieder.

Vor dem Hintergrund dieser existenbedrohenden Erlebnisse erscheinen die Höhen und Tiefen von Albas Adoleszenz trivial: Wenn die Teenagerin bei einem gemeinsamen Kleiderkauf mit der Mutter wie wild um neue Schuhe bettelt, die sie gar nicht braucht, erscheint dies vor dem Hintergrund der Geschichte von den hungernden Juden im Ghetto vergleicht, die bisweilen ihre letzten Schuhe für ein Brot hergaben und sich danach mit erfrorenen Füssen durch die Strassen schleppen mussten, geradezu dekadent.

Nichtsdestotrotz gelingt es Alba Arikha die richtigen Perspektiven zu haben, so dass sowohl ein eindrücklicher Bericht über die Zustände während des Zweiten Weltkriegs als auch eine einfühlsame Erzählung über eine Pariser Jugend in den Achtzigerjahren entsteht. Die Jugend von Alba mit all ihren Höhen und Tiefen – oder, um dem Originaltitel gerecht zu werden, all ihrem Dur und Moll – wird empathisch, mit grosser Hingabe nacherzählt, während die Erzählungen von Pepi, Avigdor und anderen Familienmitgliedern mit grossem Respekt und glaubhaftem Willen zum Verstehen der eigenen Geschichte eingebettet sind. Alba Arikha hat sich mit dem “Wörterbuch der verlorenen Welt” erfolgreich ihrer eigenen Vergangenheit wieder angenähert und versucht, die Geschichte ihrer Familie aufzuarbeiten, zu verstehen, woher sie kommt. Die prägnanten, klaren Sätze und die szenische, episodenhafte Gliederung des Buches in eine lose Ansammlung von Über- und Unterkapiteln werden dem Erzählten als Form dabei sehr gerecht, widerspiegeln die nur allzu oft (scheinbar) zufällige Struktur der Erinnerung.

Rezension: Susanna Tamaro – Ein jeder Engel ist schrecklich (Piper, 2014)

Die italienische Bestsellerautorin und Dokumentarfilmerin Susanna Tamaro erzählt in ihrem jüngsten Buch “Ein jeder Engel ist schrecklich” Geschichten aus ihrer Kindheit und Jugend. Wie auch in ihren Romanen ist sie darum bemüht, Werte wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu vermitteln. Es sind Werte, die sie selbst – glaubt man ihren Erzählungen – als Kind kaum erfahren durfte.

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Titel: Ein jeder Engel ist schrecklich
Original: Ogni angelo è tremendo”
Autorin: Susanna Tamaro
Übersetzung: Barbara Kleiner
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05609-0
Umfang: 304 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Im Juni 1995 besprach der Spiegel Tamaros literarischen Durchbruch, den Briefroman “Geh, wohin dein Herz dich trägt”.  In der Besprechung heisst es über Susanna Tamaro (*1957), sie wolle bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahr noch schreiben, dann aber aufhören, denn sie “möchte noch etwas leben.” – Nicht weniger als zehn Romane, Kinderbücher und autobiographische Texte sind seit ihrem vierzigsten Lebensjahr von ihr erschienen. In deutscher Sprache erschien zuletzt “Ein jeder Engel ist schrecklich” (italienisch 2013), das sich in die Reihe der Autobiographien fügt: erzählt wird vornehmlich aus der Kindheit und Jugend der Autorin, wobei auch Reflexionen zur Sprache und zum Schreiben Eingang in die Geschichten finden.

Beginnen wir mit dem Biographischen: geboren wurde Tamaro im windigen Triest in der Nachkriegszeit als Tochter zweier Eltern, die sie und ihren Bruder nicht liebten. Die Mutter ist mehr “Dompteur” denn liebevolle Erzieherin, der Vater ein gefühlloser Mann, überzeugter Darwinist, der an das Überleben des Stärksten glaubt und es nicht als seine Aufgabe ansieht, sich um die Kinder zu kümmern. Das “Gen des Frosts” wird ihr mit auf den Weg gegeben, jedoch entwickelt sie sich nicht zur Person von “anmassender Autorität, mit dem Wahnsinn des Darwin’schen Credos”, sondern beschreibt sich als Person mit einer “unschuldigen Seele, fern der täglichen Bosheit der Welt”.

Susannas Kindheit ist geprägt von zerstörten Illusionen, sie weint oft, zieht sich schliesslich in eine geradezu spirituelle Gleichgültigkeit gegenüber allem und jedem zurück:

“Ich hatte keine Wünsche, ich hing an nichts. Etwas zu fühlen, sich zu binden, bedeutete nur eine unendliche Serie von Leiden.”

Die Mutter sagt: “Schon von Geburt an hast du anders geweint als alle anderen Kinder” – und nimmt dies später, als sie schon nicht mehr mit Susannas Vater, sondern mit einem gewalttätigen, die Kinder hassenden Mann zusammen ist – als Argument, ihre Tochter zu einem Psychiater zu schicken, in einem Heim unterbringen zu lassen. Susanna sucht nach einer Instanz, die Ordnung in ihr turbulentes Dasein bringen kann, das Chaos zu bannen vermag. Auf dieser Suche gelangt sie zu den Naturwissenschaften, die sie auch als “tiefste Wurzel meines Schreibens” bezeichnet, und zur Sprache, genauer: zu den Namen.

“Während des Grossteils meiner Bildungsjahre streifte mich nicht einmal von ferne die Idee, dass Schreiben oder irgendeine Form der Kunst etwas mit mir zu tun hätten. Meine Leidenschaft lag woanders, beim Erlernen der Namen für jede Form des Lebendigen. Meine Leidenschaft lag darin, die Beziehungen der Namen untereinander zu entdecken. Für mich genügte es – und genügt es heute noch – auf einem Spaziergang eine Pflanze, eine Blume oder ein Insekt zu sehen, deren Namen ich nicht kenne, um in einen Zustand der Unruhe zu verfallen. Eine Unruhe, die erst vergeht, wenn ich den Namen ausfindig machen kann.”

In der Liebe zu den Naturwissenschaften spiegelt sich eine “Hingabe zur Wirklichkeit”, die zu ihrem Leitsatz wird. Tatsächlich fühlt sie, die selbst nach dem Entschluss Geschichten erzählen zu wollen, dies zunächst in Form von Naturfilmen tat, eine starke Abneigung gegen die Vorstellung eines Daseins als Schriftstellerin oder Übersetzerin:

“Etwas Schädlicheres konnte ich mir für meine Gesundheit nicht vorstellen! Mein ganzes Leben war geprägt von einer ausserordentlichen physischen Unruhe, mein Kopf stand ständig unter Strom und machte es mir unmöglich, die Unbeweglichkeit der intellektuellen Arbeit als erstrebenswert anzusehen. Mich im Freien zu bewegen, hat meinen Gedanken stets Sauerstoff und Festigkeit gegeben.”

“Ein jeder Engel ist schrecklich” erzählt auch die Geschichte davon, wie Susanna Tamaro trotzdem zum Schreiben gekommen ist, einer Tätigkeit, der sie mit der “Langsamkeit und (..) Sorgfalt des Entomologen” nachgeht. In erster Linie aber wird hier erzählt, wie ein junges höchst sensibles Mädchen einem zum grössten Teil lieblosen, unbarmherzigen Umfeld als liebender Mensch entstiegen ist, der stets den Punkt zu entdecken versucht, “an dem sich das Dunkel mysteriöserweise in Licht verwandelt.” Tamaro beschreibt diese Ereignisse in der klaren, einfachen Sprache, die auch ihre Romane auszeichnet. Sie erzählt mit Empathie und der nötigen Sensibilität, man glaubt ihr, was sie schreibt, so dass auch das engelsgleiche Bild, das sie bisweilen von sich selbst zeichnet, verzeihlich ist. Zumal ja im Titel  – einem Zitat aus Rilkes “Duineser Elegien” – schon angedeutet wird, dass auch Engel ihre Schrecklichkeit haben, genauer: dass das Schöne nur die gerade noch ertragbare Vorstufe des Schrecklichen ist…

Insgesamt präsentiert Tamaro mit “Ein jeder Engel ist schrecklich” ein intimes Werk von grosser erzählerischer Kraft, in dem diese grosse Autorin der italienischen Gegenwartsliteratur ihre eigenen, emotional oftmals grausamen Ursprünge detailreich und nachfühlbar erklärt.

Rezension: Kirsten Jüngling – Emil Nolde (Propyläen, 2013)

Die erfahrene Biographin Kirsten Jüngling legt mit “Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten.” die erste umfassende Vita des expressionistischen Malers (1867 – 1956) vor. Auf knapp 300 Seiten erzählt sie, bis ins Detail vorbildlich informiert, dieses lange Leben. Es entsteht das Portrait eines grossen Malers, vor allem aber auch das Portrait einer grossen Liebe.

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Titel: Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten.
Autorin: Kirsten Jüngling
Verlag: Propyläen / Ullstein
ISBN: 978-3-549-07404-6
Umfang: 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag

1902 heiratet Emil Nolde (geb. Hansen) die dänische Schauspielerin Ada Vilstrup. Bis zu ihrem Tod im Jahre 1946 bleiben sie zusammen, stehen miteinander zwei Weltkriege durch, nagen am Hungertuch, feiern aber auch wirtschaftliche Blütezeiten. Ab 1930 residieren sie meist in einem eigens erbauten Haus im schleswigischen Seebüll, wo sie beide auch bestattet sind. Emil Nolde ist undenkbar ohne Ada Nolde – sowohl als Mensch wie auch als Maler. Dies macht die vorliegende Biographie deutlich, die sich oft auf Primärquellen, vorwiegend Briefe und autobiographische Schriften, beruft.

Der Bauernsohn Nolde, Verkörperung von “Natur und Instinkt”, haderte zeitlebens. In der Jugend mit dem Schicksal, mit Gott, mit den Frauen; später mit anderen Künstlern, vor allem mit Max Liebermann, mit seinem Ausschluss aus der Berliner Secession; noch später mit den Nationalsozialisten, deren Ideale er selbst vertrat, die seine Kunst dennoch als “entartet” empfanden und vieles davon zerstörten; und zum Schluss, nach Adas Tod, haderte er mit der quälenden Einsamkeit und heiratete mit achtzig Jahren die sechsundzwanzigjährige Jolanthe Erdmann. 

Die Biographie kommt ohne ihr titelgebendes Element – die Farbe – aus: Zu sehen gibt es einzig neunzehn Schwarz-Weiss-Abbildungen, meist Fotografien, einige zeigen immerhin im Hintergrund einige Werke Noldes. Doch die Abwesenheit der Malereien stört keinesfalls. Kirsten Jüngling versteht es, mit einem souveränen, meist im Präsens geführten Erzählstil, das Interesse über die volle Länge aufrechtzuerhalten. Die Arbeit basiert dabei auf einem riesigen Fundus an Quellen, wie das ausführliche Literaturverzeichnis und die fast 600 Fussnoten belegen.

Dabei ist ihr die erste umfassende Biographie dieses schwer nahbaren Malers gelungen. Immer ganz Künstler (“Die Kunst des Malers ist keine Gedankenarbeit, sie ist ein Wirken der Sinne.”), doch verhaftet in der Wirtschaftswelt, endlos korrespondierend und Bilder umhersendend; zwölf Jahre lang Mitglied der NSDAP, dem “Deutschtum” zugetan und antisemitisch, und doch ein Opfer der Nazis, die ihn aus der Reichskulturkammer ausschlossen und mit einem Arbeitsverbot belegten; ein ewiger Haderer, meist “angezogen und angewidert zugleich”, einer, der viele Feinde, aber auch einige einflussreiche Freunde hatte; einer, der eine liebende und geliebte Frau hatte, andererseits sich künstlerisch einsam fühlte; einer, der sich 1917 zu seinem 50. Geburtstag selbst porträtierte. Zweifach: einmal als Mensch, einmal als Künstler.

Sich anzunähern an den Menschen und den Künstler, erscheint als grosse und waghalsige Unternehmung. Kirsten Jüngling hat sie in Angriff genommen und mit Erfolg bewältigt. Das Produkt daraus, “Emil Nolde. Die Farben sind meine Noten”, ist ein ausgewogenes, glänzendes Portrait zweier Menschen, ihres Umfelds – und nicht zuletzt ein Spiegel der geschichtlichen Ereignisse ihrer Zeit.

WERTUNG: 7,5 / 10