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“Wer keine Qual hat, macht sie sich selber.” Lebens-Lagen #39: 28. Oktober

C.F. Zelter: Gemälde von Carl Joseph Begas, 1827, das im hier zitierten Brief später noch erwähnt wird.

Portrait C.F. Zelters von Carl Joseph Begas, 1827, das im hier zitierten Brief später noch erwähnt wird.

Carl Friedrich Zelter (1758-1832) erlernte ursprünglich den Beruf seines Vaters – Maurermeister -, bildete sich nebenbei aber autodidaktisch musikalisch weiter und wurde später zu einem einflussreichen Musiker, Komponisten und Kulturpolitiker.

Im Februar 1802 begegnete Zelter während eines Besuchs in Weimar zum ersten Mal Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Die beiden hatten lange schon Kenntnis von den Arbeiten des jeweils Anderen genommen und waren begierig darauf, einander kennenzulernen. Goethe und Schiller trafen sich vom 23. Februar an bis zum Ende seines Aufenthalts immer wieder mit dem aus Berlin stammenden Zelter. “Eine wahrhafte Neigung, auf wechselseitiges Kennen und Anerkennen gegründet, entspann sich”, hielt Goethe Jahre später in seinen Tag- und Jahres-Heften fest. Der Nachwelt bleibt diese Neigung unter anderem als Briefwechsel erhalten, der sich über drei Jahrzehnte – vom August 1799 bis zum März 1832 – erstreckt. Der letzte Brief, den Zelter an Goethe schrieb, trägt das Datum 22. März 1832: Goethes Todestag. Zelter selbst verstarb drei Monate danach, am 15. Mai.

Dieser Briefwechsel enthält Diskussionen zu literarischen und musikalischen Fragen, bezieht seine Bedeutsamkeit aber insbesondere auch aus der Offenheit, mit der die beiden Freunde über Alltägliches und Gefühle sprechen oder Klatsch und Tratsch austauschen. Es sind wenige Gesprächspartner bekannt, denen gegenüber Goethe eine derartige Offenheit gezeigt hat. Dass Zelter eine der wenigen Personen war, die er duzte, legt davon Zeugnis ab.

Ein Beispiel für dieses Besprechen nachbarschaftlicher Angelegenheiten: Am Sonntag, den 28. Oktober 1827, schrieb Zelter an Goethe:

“Wer keine Qual hat, macht sie sich selber. Die bekannte Heiratsgeschichte ist etwas schlimmer, als man sie sich denken möchte. Die Braut soll als nicht intakt befunden sein. Das wäre nichts Neues, wenn es wahr wäre. Der junge Mann aber hat sich so stürmisch und mit Eklat betragen, dass ihm die Angetraute nach überhäuften Beschimpfungen entfliehn und ihre Zuflucht zur Gräfin v.d. Recke suchen müssen; endlich, als der Vater erschienen, hat er diesen Vater der Beflickung seines Kindes ins Angesicht beschuldigt. Der Vater ist nun bereits klagbar geworden und die Ehe soll aufgehoben werden.
Die Freunde des jungen Mannes sagen nun endlich aus, sie hätten schon in Rom von ihm gewusst, dass ihm eine gewisse Potenz abgehe; sogar sein natürlicher Vater (unser Antiquarius) und auch seine Mutter sollen davon unterrichtet gewesen sein. Der Vater des Mädchens wird am meisten bedauert, der noch an einem frühern Missverhältnis zu schleppen hat, dessen Frucht diese Tochter ist, und nun rühren sich die beiden Familiengeschichten wie ein stinkiger Brei ineinander.
Von meiner Seite will ich nur dabei bemerken, dass solche Vorfälle mir stets die “Wahlverwandtschaften” ins Gedächtnis zurückrufen. Man ist viel zu leichtsinnig, solche Kasus wie Meteorsteine anzuschauen.”1


1. Aus: Der Briefwechsel zwischen Goethe und (Karl Friedrich) Zelter

Ein längerer Text zum Verhältnis zwischen Zelter und Goethe findet sich auf dem Goethezeitportal.

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Manchmal denk’ ich nur dran, dass Du mich festhalten und küssen wirst. Lebens-Lagen #38: 29./30. Mai

Im Spätjahr 1905 begegneten sich in Berlin Theodor Heuss (1884-1963) und Elly Knapp (1881-1952). Beide studierten sie in der aufstrebenden Weltstadt Nationalökonomie: Knapp, die Strassburgerin, war jedoch nur Gasthörerin und kehrte Ende des Semesters in ihre Heimat zurück.
Am 31. März 1906 beginnt der Briefwechsel der beiden, der im Verlaufe der nächsten zwei Jahre neben der Besprechung sozialpolitischer Ereignisse und gesammelter Alltäglichkeiten vor allem eine wachsende Liebe zeigt. Heuss arbeitete in der Zeit an seinem Einstieg ins Berufsleben, war Redakteur diverser Zeitungen, während Elly sich in Strassburg als Lehrerin verdingte.
Obschon sich Heuss und Knapp in den Jahren von 1906 bis 1908 sehr selten zu Gesicht bekamen, waren es die Jahre des Sich-findens, des Sich-füreinander-entscheidens und schliesslich der Heirat für den späteren ersten Bundespräsidenten der BRD (1949-59) und seine Frau, die ihm bis zu ihrem frühen Tod zur Seite stand und auch selbst zeitlebens sozial und politisch aktiv war, etwa als Gründerin des Müttergenesungswerks. Der Briefwechsel endet am 5. April 1908. Am 11. April wurde das Paar in Strassburg von Ellys Freund Albert Schweitzer getraut. In einem bemerkenswerten Brief hatte Elly geschrieben: “Ich muss nur wieder staunen, dass man so viel Gemeinsames erleben und so zusammenwachsen kann, während man getrennt ist.”

In erster Linie sind die Briefe, die Heuss und Knapp in den Jahren 1906/08 also das Zeugnis einer grossen, durch die Distanz nicht zu schwächenden Liebe zweier “moderner” Menschen in der tumultreichen Zeit nach der Jahrhundertwende. Es sind Briefe in zärtlich-kameradschaftlichem Tonfall, die noch heute zu entzücken vermögen.

Am 29. Mai 1907 schrieb Elly an Theodor:

“Mein lieber Liebster,
jetzt machen meine Schülerinnen eine französische Übersetzung von der Tafel abschreibend, und ich gewissenloses Frauenzimmer fange den Brief an. (…)
Liebster, hast Du eigentlich mit dem Kunstwart etwas angefangen? Gelt, Du denkst daran, dass man jetzt alle solchen Sachen sehr festhalten muss. Ich habe die Hamburger Damen auch sehr festgehalten, dass sie mich nächstes Jahr im Oktober drannehmen. Du, wie wird das dann? Da wollen wir doch heiraten! Schönes Wetter muss es auf alle Fälle sein. Dazu wäre der 1. Okt. sehr geeignet. Aber 14 Tg. nach der Hochzeit Vorträge halten!?? Hör, manchmal denke ich, wir sollten gleich nach Florenz. Wer weiss, ob’s sonst was wird. Alles für Mannheim. – ISt Dir klar, dass Mannh. jetzt schon ganz nah rückt? Du liebster Mann, heut habe ich die ganze Nacht die abenteuerlichsten Sachen davon geträumt. Einbrüche in Wohnungen ganz fremder Leute, weil da schöne Aussicht war etc. Das Beste dran war, dass Du mich – zum ersten Mal im Traum – so viel geküsst hast, dass ich ganz verwirrt aufgewacht bin. Da lag dein Brief dann da. Das ist so sonderbar; manchmal freue ich mich auf die Mannheimer Tage nur in Gedanken an alles, was wir reden werden, und dass man sich sieht. Und manchmal denk’ ich nur dran, dass Du mich festhalten und küssen wirst. Gehört das nicht zu den grössten Rätseln, wie sich in der Liebe seelisches und sinnliches so verflicht, dass man es gar nicht als einzelne Fäden von diesem oder jenem sieht, sondern als festes Gewebe.
Nun ade, schreib bald und lang. (…)
Deine Elli.”

 

Theodor antwortete bald und lang, am 30. Mai 1907 nämlich schrieb er:

Meine liebste Elli!
Nun kommt also das Briefeschreiben nach all den Zwischendingen wieder ins richtige Gleis, und ich dank’ Dir für Deine vielen lieben und guten Worte. Und am meisten dafür, dass Du mit dem Heiraten im nächsten Jahr einverstanden bist. (…)
Über meine Jugend werden sie [Anm.: Ellys Verwandte] ja auch vielleicht ein bisschen entsetzt sein wie die Tante Lella, aber das gibt sich dann bald. Davon reden wir allerlei in Mannheim und wenn wir über dem Neckar im Walde liegen.
Ich freu’ mich so drauf. Und dann sollen alle wachen und alle nächtigen Träume in Erfüllung gehen, soviel haben wir uns zu sagen und so viel wollen wir uns küssen und lieb und froh sein wie Kinder. Gelt, Du lieber, lieber Schatz! –
Hab’ ich Dir meine Reiseroute schon geschrieben? Du musst mir dann allerhand noch sagen und aufschreiben, was ich mir besonders ansehen soll in den einzelnen Städten: dann weiss ich, was Du besonders liebtest und dann haben wir an den gleichen Dingen liebe Erinnerungen. Das ist schön, wenn die im Gespräch sich begegnen.
(…)
Nun ade, Liebste.
In einer frohen und festen Treue
Dein Dorle.”1


1. Aus: Theodor Heuss / Elly Knapp. So bist Du mir Heimat geworden. Eine Liebesgeschichte in Briefen aus dem Anfang des Jahrhunderts.Hg. v. Hermann Rudolph. Stuttgart: DVA 1986

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Er erscheint liebenswürdig, da er Franzose ist. Lebens-Lagen #37: 20. Mai

Als Kammerherr der Königin Elisabeth Christine (1715-1797) hatte Ernst Ahasverus Heinrich Graf von Lehndorff (1727-1811) intimste Einblicke in das Leben am preussischen Königshof.

Im Alter von nur 19 Jahren war er 1745 von Elisabeth Christines Gemahl Friedrich II. an den Hof berufen worden: sein respektloses Tagebuch mit fast täglichen Einträgen umfasst die Jahre 1750 bis 1775. Die Bedeutung des Dokuments liegt in der Regelmässigkeit und schamlosen Direktheit der Eintragungen, die ein quasi unzensiertes Bild des bisweilen opulenten, hemmungslosen preussischen Hoflebens zu vermitteln imstande sind.

Am 20. Mai 1754 notierte er:

“Ich spaziere vormittags im Tiergarten herum. Die Einsamkeit hat für mich einen ganz besonderen Reiz, wie ihn mir kein anderes Vergnügen gewähren kann. Dann bleibe ich bis 6 Uhr zu Hause, um meinen Pusendorf zu lesen. Am Hof wohne ich der Vermählung der Dönhoff mit dem Grafen Solms bei. Die Vermählte sieht sehr gut aus, und es tut uns allen leid, sie vom Hof zu verlieren. Indem wir sie in ihr Heim begleiten, bin ich im Hinblick auf ihren kleinen Haushalt darüber erstaunt, wie man mit so wenig Vermögen sich zum Heiraten entschliessen kann. – Ich stelle der Königin Herrn Gisors, einen Sohn des Herzogs von Belle-Isle, vor. Er erscheint liebenswürdig, da er ein Franzose ist; wäre er ein Deutscher, so würde man ihn unfreundlich finden. Wir werden niemals von solchen Vorurteilen zurückkommen. – Der König gibt Frau v. Barleben eine Pension. Es ist die Witwe eines Mannes, der Gott lästerte, falsch gegen seinen Nächsten war, nur sich selbst liebte, endlich nur Religion besass, wenn er krank war.” 1


1. Aus: Ernst Ahasverus Heinrich Graf von Lehndorff. Die Tagebücher des Grafen Lehndorff. Hg.v. W. Giebel. Berlin Story 2012.

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Der Versuch, den Sinn des Lebens zu retten. Lebens-Lagen #36: 13. Mai

Der österreichische Philosoph Ferdinand Ebner (1882 – 1931), der Zeit seines Lebens von Depressionen geplagt war, versuchte mit seinem Tagebuch den Sinn des Lebens zu retten. Am 8. Februar 1917 notierte er dazu:

“In unserem Leben haben wir unser Leben, aber auch die Welt mit der ihr innewohnenden “Tendenz zum Chaos”. Ein Tagebuch führen ist immer der Versuch, in diesem Chaos zu gestalten. Der Versuch, den Sinn des Lebens zu retten. Denn in dieser Tendenz zum Chaos droht der Sinn des Lebens in jedem Augenblicke verloren zu gehen.”1

 

Ebner, der in seinen Schriften scharf kritisierte und dafür scharf kritisiert wurde, arbeitete als Lehrer an der Volksschule. Seine Arbeitszeit war bisweilen unterbrochen von Aufenthalten in Sanatorien aufgrund seiner schwächelnden Gesundheit und Depressionen. Erschöpfung, Resignation, “Existenzverlorenheit” (wiederum 8.2.1917) sind Themen, die ihn oftmals beschäftigten. Eine eindrückliche Stelle findet sich etwa auch am 13. Mai 1917, wo es heisst:

“Das Beste an dem Leben, das ich gegenwärtig lebe, wäre noch immer das Entsetzen darüber und das Entsetzen über mich selbst. Aber auch dazu fühle ich mich zu sehr erschöpft. Wohin wird mich diese fürchterliche Abstumpfung meines geistigen Lebens führen, die ich in ihrer Fürchterlichkeit zwar deutlich genug erkenne, aber, genau genommen, nicht fühle?” 1

 

Weil für untauglich erklärt, musste Ebner im Ersten Weltkrieg keinen Dienst leisten. Stattdessen war er von 1915 bis zum Kriegsende als sogenannter “Brotkartenverteiler” für die Mehlversorgung seiner Gemeinde zuständig. Nach dem Krieg arbeitete er weiterhin als Lehrer, musste 1923 widerwillig die Leitung der Volksschule Gablitz übernehmen und verfiel in eine erneute Depression, die im März und Mai 1923 zu zwei Selbstmordversuchen führte. 2 Ebner starb schliesslich am 17. Oktober 1931 an Tuberkulose. Er hinterliess seine Frau Maria Mizera und seinen Sohn Walther (*1924).

(Was die Texte betrifft, so ist neben Tagebüchern und sonstigen Aufzeichnungen, natürlich sein philosophisches Hauptwerk erhalten: “Das Wort und die geistigen Realitäten: Pneumatologische Fragmente”. Grundannahme der Ebner’schen Philosophie ist, dass menschliches Bewusstsein nicht isoliert existiert, sondern sich das menschliche Ich immer auf ein Du bezieht (welches letzten Endes Gott ist).2 )


1. Aus: Ferdinand Ebner. Tagebuch 1917. Hg. v. M. Flatscher/R. Hörmann. Münster: LIT 2011.
2. Ausführliche Biographie und Bibliographie unter: http://www.ebner-gesellschaft.org/ueber-ebner

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Mussdeutscher aber kein Musterdeutscher. Lebens-Lagen #35: 08. Mai

Der deutsche Schriftsteller Albert Vigoleis Thelen (1903-1989) gelangte im Jahre 1931 infolge eines familiären Notfalls – in “Die Insel des zweiten Gesichts” detailreich nachzulesen –  auf die Insel Mallorca, wo er bis zum Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs 1936 blieb und die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland verfolgen musste. Die Jahre der Diktatur und des Weltkriegs verbrachte Thelen mit seiner Frau Beatrice mehrheitlich im Tessin und auf dem Weingut seines Freundes, des Dichters Pascoaes in Portugal. Auch nach dem Krieg kehrte er nicht nach Deutschland zurück: er nahm Wohnsitz in Amsterdam.

Sehr zu seinem Unmut wurde er von der neuen Bundesrepublik, deren Entnazifizierung er als inkonsequent betrachtete, wiedereingebürgert.

Am 8. Mai 1951 schrieb er aus Amsterdam einen Brief an seine Familie in Krefeld, dem eine handschriftliche Visitenkarte beigelegt war, in deren Ecken vier kleine Hakenkreuze zu sehen sind, dazwischen Text und rechts davon ein grosses umkreistes Hakenkreuz. Der Text, den er auf die Visitenkarte geschrieben hat, lautet:

“Albert Vigo Thelen
ab 15. V. 1951
Mussdeutscher
aber kein
Musterdeutscher
Porra!!!” 1

 

Auch im dazugehörigen Briefschreiben geizt Thelen nicht mit kleinen Anschlägen auf diese neue, ihm unsympathische neue Republik:

“der auf beiliegender karte in jedem bezuge gezeichnete bestätigt den empfang zweier briefe vom deutschen ring, für die er dankt. er bemerkt fürder, bereits von willy cremers, dem wahrer und mehrer der akten des 1., 2., 3. und 4. reiches, einen schrecklichen brief empfangen zu haben (…)” 1


1. Aus: Albert Vigoleis Thelen. Meine Heimat bin ich selbst. Briefe 1929-1953. Hg. v. Ulrich Faure und Jürgen Pütz. Dumont: 2010

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Goethes Wilhelm Tell. Lebens-Lagen #34: 06. Mai

ecki paraphrasiert goethe

Am 6. Mai 1827 hielt der gute alte Goethe wieder einmal Tischgesellschaft, wobei sein lieber Gefährte Eckermann die altbekannten Lauscher aufsperrte, um sich darauf die Höhepunkt aus Goethes unablässigem Parlando zu notieren. An diesem Abend, einem Sonntag, hat Goethe davon erzählt, wie er 1797 den Plan gehabt habe, die Sage von Wilhelm Tell als episches Gedicht in Hexamtern zu behandeln… Goethe sagt (durch Eckermann):

“Ich besuchte (…) im gedachten Jahre noch einmal die kleinen Kantone und den Vierwaldstättersee, und diese reizende, herrliche und grossartige Natur machte auf mich abermals einen solchen Eindruck, dass es mich anlockte, die Abwechslung und Fülle einer so unvergleichlichen Landschaft in einem Gedicht darzustellen. Um aber in meine Darstellung mehr Reiz, Interesse und Leben zu bringen, hielt ich es für gut, den höchst bedeutenden Grund und Boden mit ebenso bedeutenden menschlichen Figuren zu staffieren, wo denn die Sage vom Tell mir als sehr erwünscht zustatten kam.
(…)
Von diesem schönen Gegenstande war ich ganz voll, und ich summte schon gelegentlich meine Hexameter. Ich sah den See im ruhigen Mondschein, erleuchtete Nebel in den Tiefen der Gebirge. Ich sah ihn im Glanz der lieblichsten Morgensonne, ein Jauchzen und Leben in Wald und Wiesen. Dann stellte ich einen Sturm dar, einen Gewittersturm, der sich aus den Schluchten auf den See wirft. Auch fehlte es nicht an nächtlicher Stille und an heimlichen Zusammenkünften über Brücken und Stegen.
Von all diesem erzählte ich Schillern, in dessen Seele sich meine Landschaften und meine handelnden Figuren zu einem Drama bildeten. Und da ich andere Dinge zu tun hatte und die Ausführung des Vorsatzes sich immer weiter verschob, so trat ich meinen Gegenstand Schillern völlig ab, der denn darauf sein bewundernswürdiges Gedicht schrieb.” (…)” 1


1. Aus: Goethe. Gespräche mit Eckermann.Hg. v. Ernst Beutler. Artemis 1976

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Thomas Mann und der verschwundene Koffer. Lebens-Lagen #33: 30. April

mann

Von seiner Schulzeit bis wenige Wochen vor seinem Tode hat Thomas Mann (1875 – 1955) Tagebuch geführt. So wird zumindest angenommen, denn von den Heften vor 1933 sind nur diejenigen aus 1918-21 erhalten. Wie wichtig Mann seine Tagebücher waren bezeugt eine prominente Episode, in deren Mittelpunkt ein verlorener Koffer steht:

In den ersten Wochen seines Schweizer Exils im Frühjahr 1933 erteilt Thomas Mann seinem Sohn Golo den Auftrag, ihm aus München zurückgelassene Geschäftspapiere, Manuskriptseiten und die Tagebuchhefte nachzusenden. Explizit erwähnt er, dass die Tagebücher nicht geöffnet werden dürfen.

Golo Mann bepackte sogleich einen Koffer mit dem angeforderten Material und vertraute ihn dem Chauffeur der Familie an, dass dieser ihn der Post übergebe. Der Chauffeur jedoch war inzwischen zum Nationalsozialisten konvertiert und lieferte das Gepäckstück bei der politischen Polizei ab, die es wohl durchsucht hat. Erst Wochen später – am 19.05. – erreicht der Koffer, lediglich um einige Verlagsverträge beraubt, Thomas Mann, der sich nun im französischen Bandol aufhält.

In der bangen Zeit des Wartens davor befiel Mann die Angst, seine Dokumente könnten in falsche Hände gelangt sein.
Am 30. April 1933 notierte er deshalb in sein Tagebuch:

“Die Recherchen nach dem offenkundig feindlich beseitigten Handkoffer gehen (…) weiter. (…) Meine Befürchtungen gelten jetzt in erster Linie u. fast ausschliesslich diesem Anschlage gegen die Geheimnisse meines Lebens. Sie sind schwer und tief. Furchtbares, ja Tötliches kann geschehen.” 1


1. Zitat und Informationen aus: Julia Schöll. Joseph im Exil: zur Identitätskonstruktion in Thomas Manns Exil-Tagebüchern und -Briefen sowie im Roman Joseph und seine Brüder. Königshausen & Neumann 2004.

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Lebens-Lagen #32: 29. April

Die mit Gottfried Benn befreundete deutsche Autorin Thea Sternheim (1883-1971) konnte die mangelnde Beachtung, die Benn widerfuhr, während andere – hier Annette Kolb – scheinbar minderwertigere Künstler ihr Publikum hatten, nicht nachvollziehen.

Am 29. April 1932 schrieb sie im Pariser Hotel Atala in ihr Tagebuch:

“Ungezählte Male dringt Annettewährend des Morgens in mein Zimmer. Unfassbar, dass solche geistige Konfusion genügt, eine Existenz darauf zu gründen. Ich bin 48 Jahre geworden und durchschaue immer noch nicht, welche Triebfedern die öffentliche Meinung bewegen. Festzustellen bleibt, dass Annette Kolb ihr Publikum hat, während eine geistige Kapazität vom Range Benns einer höheren Gesetzmässigkeit zufolge unbeachtet bleiben muss.” 1


1. Aus: Gottfried Benn / Thea Sternheim. Briefwechsel und Aufzeichnungen. Wallstein 2004.

 

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Die Erinnerung an das Gute und Echte… Lebens-Lagen #31: 24. April

Ernst Jünger (1895-1998) notierte seine Erfahrungen als Mitarbeiter des Stabs des französischen Militärbefehlshabers im Zweiten Weltkrieg in seinem Pariser Tagebuch. Es umfasst die Zeit vom 18. Februar 1941 bis 23. Oktober 1942 und wurde 1949 als Teil des gesamten Kriegstagebuchs unter dem Titel “Strahlungen” veröffentlicht.  (Siehe auch Lebens-Lagen #20 vom 28.März)

Am 24. April 1941, dem Tag, an dem er mit seiner Truppe von Saint-Michel nach Paris fuhr, notierte er:

” (…) Abschied von Saint-Michel; wir kehren indessen vielleicht an diesen Ort zurück. Die sanften Weiden werden mir im Gedächtnis bleiben, mit ihren Weissdornhecken, in deren kahlem Dickicht man die grünen Bälle der Misteln und dunkle Elsternnester sah. Im alten Laube blühten bereits die Feigwurz und das Veilchen und grünte die Nessel auf. Das Land ist wellig; hin und wieder sind grosse Fermen mit Ställen und Scheunen in ihm versteckt. Die blanken Schieferdächer tauchen wie Spiegel aus seiner Tiefe auf. Gedanken beim Anblick dieser Höfe: Die alten zauberischen Zeiten sind verschwunden, doch blieben uns immer noch die Schlüssel, sie zu vergegenwärtigen. Dann aber gibt es Stufen, auf denen der Mensch selbst die Erinnerung an das Gute und Echte noch verliert. Dort kennt er die Quellen seines Unglücks nicht. (…)
Sehr spät erreichten wir Paris und marschierten dann durch dunkle und öde Strassen zum Fort Vincennes, wo die Truppe unterkommt. Nach einem Gang durch die Quartiere bezog ich in den Morgenstunden ein Zimmer im Hotel ‘Moderne’ an der Porte des Vincennes. Im Frühlicht Blick auf die grossen Säulen an der Place de la Nation. Dahinter verschwommen der Eiffelturm. Das Ungeheure wird noch gesteigert, wenn es in Mehrzahl, generell, erscheint.” 1


1. Aus: Ernst Jünger. Strahlungen I. dtv 1964.

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Überall der beissende Brandgeruch… Lebens-Lagen #30: 22. April

Am 22. April 1945 notierte der österreichische Diplomat Josef Schöner (1904-1978) in sein Wiener Tagebuch:

“Ich gehe mit Mutter in die Ulrichskriche, dann zu Melzers in ihr Notquartier in der verlassenen Wohnung eines Nazis in der Piaristengasse 2. Frau Melzer ist ganz fertig, sie haben nicht nur ihr Geschäft mit allen Waren, den dort im Keller untergebrachten Koffern und Lebensmitteln, sondern auch ihre Wohnung verloren, da das ganze Haus von der russischen Kommandatur für den VII. Bezirk beschlagnahmt wurde. Sie muss täglich als Bedienerin ihre Wohnung aufräumen gehen, in der russische Offiziere wohnen. Wir suchen sie zu trösten, indem wir darüber reden, welches Geschäft sie als Ersatz beanspruchen soll, eventuell Sirk-Ecke, deren Nazibesitzer geflüchtet ist.(…)
Mutter ist noch in grosser Angst vor den Russen auf der Strasse. Wenn einer am Trottoir steht, zieht sie mich auf die andere Seite. Meist steht dort auch einer, sodass sie am liebsten umkehren möchte, es kostet mich immer viel Zureden, sie wenigstens in der Strassenmitte vorbeizubringen. Zu Kramers wagt sie sich nicht, weil Zivilisten vor dem Hause schaufeln. Geht lieber heim. (…)
Der Anblick des Franz-Josef-Kais ist furchtbar, alles ausgebrannt, St. Ruprecht, die älteste Kirche Wiens, schwer getroffen. Das Ende der Rotenturmstrasse zeigt nur mehr ausgebrannte Hausfassaden. Überall der beissende Brandgeruch, trotz strömenden Regens. (…)
Der Verkehr zerfällt in zwei Gruppen: russische Kraftfahrzeuge, die unter riesigem Hupenkrawall durch die Strassen rasen und – Handwagerln, das Fuhrwerk der Wiener. Man begegnet ihnen in überraschender Zahl, hochbepackt mit Möbeln und Binkeln. Der Besitzer eines Handwagerls ist eine umworbene Person, die Ausleihe erfolgt ungern und nur gegen Naturalien! Viele Leute wandern ihres Weges bepackt mit Holz, jeder nimmt Bretter und Äste am Wege zur Herdfeuerung mit sich!
Vor der Stefanskirche werden hunderte ungarische Rinder mit den fremdartigen, weitausladenden Hörnern von Soldaten vorbeigetrieben – die Passanten schauen ihnen neidvoll nach! (…) 1


1. Aus: Josef Schöner. Wiener Tagebuch 1944/45. Böhlau 1992.

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