Category Archives: Essay

Aufruf zum Widerstand: Ignazio Silone – Wein und Brot (1936/1955)

Ignazio Silones Roman “Wein und Brot” darf zweifellos zu den wichtigsten literarischen Dokumenten gezählt werden, die während des Zweiten Weltkriegs von Autoren im Schweizer Exil verfasst wurden. Der Text ist Überbringer einer mal mehr mal weniger durch das Kostüm des Abenteuerromans verschleierten moralisch-politischen Botschaft; ein von berückenden Landschaftsbildern gerahmter Aufruf zum Widerstand.

Zum Autor: Ignazio Silone kam am 1. Mai 1900 im kleinen Ort Pescina in den Abruzzen als Secondino Tranquilli zur Welt. Das Erdbeben von Avezzano am 13. Januar 1915 zerstörte seine Familie: lediglich er und sein kleiner Bruder Romolo überlebten, Mutter und fünf Geschwister kamen ums Leben. Zwei Jahre später traf er eine folgenreiche politische Entscheidung: er trat der sozialistischen Jugend bei. 1921 war er an der Gründung der kommunistischen Partei Italiens beteiligt. Noch im selben Jahr bereiste er erstmals Moskau; 1927 war er an der Kominternsitzung beteiligt, an der die Liquidierung Trotzkis beschlossen wurde. “Einstimmig”, wie es später hiess, obschon Silone – als Einziger – Einwände gehabt hatte. So geriet er erstmals auf Konfrontationskurs mit der Partei. Und genauso wie Ignazio Silone, der in einem Priesterseminar erzogen worden war, sich einst von der Kirche abgewandt hatte, wandte er sich nun von der Partei ab – er konnte seine Ansichten nicht mehr mit den Widersprüchen der kommunistischen Doktrin vereinbaren.

In den frühen Dreissigerjahren wurde Silone zu einer prominenten Figur in den Zürcher Emigrantenkreisen. Er war in die Schweiz gelangt als von Mussolinis Häschern, auf faschistischen Fahndungslisten geführter und gleichsam als von der kommunistischen Partei exkommunizierter Flüchtling. Später, nach seiner Rückkehr ins befreite Rom 1944 und seiner endgültigen Abwendung von jeder Form institutioneller Politik, wird er sich als “Sozialisten ohne Partei und Christ ohne Kirche” bezeichnen.

Während der Zeit der faschistischen Herrschaft und des Zweiten Weltkriegs verblieb Silone in der Schweiz, wo unter dem Eindruck der faschistischen Besetzung Abessiniens und der von Stalin inszenierten Moskauer Prozesse 1936 der Roman “Brot und Wein” entstand, der 1955 vom Autor nochmals überarbeitet und in der neuen Fassung unter dem Titel “Wein und Brot” wiederveröffentlicht wurde. Wie Silone im Nachwort der überarbeiteten Ausgabe schreibt, war es einerseits die Scham für die Kriegsbegeisterung vieler Italiener, die Gleichgültigkeit der grossen Mehrheit der Bevölkerung und die Ohnmacht der Antifaschisten, andererseits “das Entsetzen und der Ekel darüber, dass ich in meiner Jugend einem Revolutionsideal gedient hatte, dass in seiner stalinistischen Form nichts anderes war als – so schrieb ich damals – “roter Faschismus.””, die ihm als Antrieb beim Verfassen von “Brot und Wein” dienten.

In anderen im Zürcher Exil entstandenen Schriften fand er ungleich härtere Worte. In “Die Schule der Diktatoren” (1938) etwa heisst es: “Die wissenschaftlich genaueste Definition des Faschismus ist vielleicht diese: der Faschismus ist die Margarine des Geisteslebens. In einer Epoche von so ausgesprochener geistigen Verblödung, wie der unseren, ersetzt der Faschismus die Wahrhaftigkeit des Denkens, die traditionelle Religion, die authentische Kunst, die Gewissensfreiheit.” (Zitat in Werner Mittenzwei: Exil in der Schweiz, 1978).

Der Schriftsteller R.J. Humm, in dessen Salon Silone Stammgast war schrieb über Silone: “Er war immer von Kopf bis Fuss ein Römer, oder viel mehr ein Samnite, der ein Römer geblieben war, während die anderen Römer Hampelmänner geworden.” (R.J. Humm: Bei uns im Rabenhaus)

***

9783462016338

Der Roman “Wein und Brot” – ich beziehe mich auf di Überarbeitung von 1955 – trägt deutlich autobiographische Züge. Im Mittelpunkt der Handlung steht der junge sozialistische Revolutionär Pietro Spina, der vor Mussolinis Schergen ins Ausland flüchten musste, dort aber nicht leben konnte und in einem Nacht-und-Nebel-Unterfangen wieder in die feindliche Heimat zurückkehrt. Ehemalige Freunde helfen ihm, sich zu verstecken. Spina schlüpft in die Identität des Priesters Don Paolo – gerade er, der mit der Kirche gebrochen hat – und versteckt sich im abgelegenen, von Naturkatastrophen geplagten Bergdorf Pietrasecca in den Abruzzen. Zur Untätigkeit verdammt und geplagt von einer schweren Lungenkrankheit (auch dies autobiographisch), nähert sich der Revolutionär Spina, im Kostüm des Pfarrers, einer gottesfürchtigen Dorfbevölkerung.

Deren Kern bilden die cafoni, die armen Bauern, von denen Spina zunächst aber, weil ihn seine Krankheit ans Bett fesselt, nicht viel mitbekommt. Es sind die Frauen, die er zuerst kennenlernt: seine Gastgeberin, die Wirtin Malatenta, die bald eine gefährliche Obsession für “ihren” Priester entwickelt und ihn mithilfe einer umtriebigen Kräuterfrau quasi zum Verbleib im Dorf hexen will; Bianchina, ein Mädchen aus dem Nachbardorf, die fest davon überzeugt ist, Don Paolo sei ein Heiliger, der ihr das Leben gerettet habe; Cristina, die unschuldige Tochter des ehemaligen reichsten Mannes im Dorfe, dessen Existenz nun jedoch gefährdet ist.

Im Nachwort zur überarbeiteten Ausgabe schreibt Ignazio Silone: “Was schliesslich den Stil betrifft, so erscheint es mir als höchste Weisheit, beim Erzählen einfach zu sein.” Es ist diese einfache Sprache – stilistisch wird Silone oft dem Neorealismus zugeordnet – , die die Menschen und Gedanken des Dorfes Pietrasecca lebhaft werden lässt. Eindrücklich sind manche Passagen, in denen sich die Dialoge zwischen dem im Priestergewand gefangenen Spina – Lebensmotto: “Man darf nicht in Erwartung leben. […] Man muss handeln. Man muss sagen: Genug. Ab heute.” – und den resignierten, abgearbeiteten Bauern entspinnen, deren Kernsatz lautet: “Die Dinge nehmen ihren Lauf. […] Wie das Wasser des Flusses. Es nützt nichts, dass man sie versteht.”

Silone lässt seine politische Botschaft, die Aufforderung zum Widerstand, unmissverständlich und nicht zu knapp in den Text einfliessen. Aus einer literarischen Perspektive mag das bisweilen als etwas “zu viel des Guten” erscheinen, als stilistische Unsauberkeit, inhaltlich jedoch ergibt es Sinn: die häufigen Nachfragen, die unablässigen Bemühungen, mit allen irgendwie verfügbaren Mitteln den Kampf wieder aufzunehmen, die Rastlosigkeit – es sind alles Weckrufe gegen die Lethargie derer, die das Denken eingestellt haben oder es sich vermeintlich nicht leisten können; es sind Fanale für den Widerstand in bedrängter Zeit.

**

Grosse Teile des Werks von Ignazio Silone sind auf Deutsch bei Kiepenheuer & Witsch erschienen.

Eine weitere Blog-Rezension des Romans findet sich auf Sätze & Schätze (2014).

 

 

Advertisements

Essay: Das Ende des Lachens. Tao Lins “New Sincerity” – Eine Kritik.

 

Nicht jedes Buch lässt sich rezensieren. Auch ein geübter Rezensent ist von Zeit zu Zeit zum Scheitern verurteilt. 2014 hat kein Text so sehr an meinen Fähigkeiten genagt wie Tao Lins “Taipeh”. Das Buch impliziert Fragen, die zweifellos von grosser Bedeutung für die heutige Gesellschaft sind. Doch der Preis, den man als Leser dafür bezahlen muss, ist hoch:  ungefilterte Langeweile. Ich habe mich im nachfolgenden Essay bemüssigt, etwas weiter auszuholen, Zusammenhänge und Problematiken aufzuzeigen – dies im steten Bemühen, gerade keine solche Langeweile aufkommen zu lassen. Ich hoffe auf erhellende Lektüre und freue mich auch auf angeregte Diskussionen!

tao

“Taipeh” von Tao Lin: Der Roman des 1983 geborenen Amerikaners erschien im Original 2013 und dieses Jahr in einer deutschen Übersetzung bei DuMont. Er ist eines der meistdiskutierten Werke der letzten beiden Jahre. Vom Feuilleton zumeist mit Begeisterung aufgenommen, wie etwa die Rezension von Felix Stephan in der Zeit oder diejenige von Benjamin Lytal im New York Observer beweisen – es fallen die Namen Hamsun, Hemingway und Musil -, stösst der Text beim breiten Publikum auf gemischte Reaktionen (vgl. hierzu etwa die momentane 3,38/5-Bewertung auf Goodreads, basierend auf 3153 Ratings), bisweilen gar auf aggressive Ablehnung.

Nach der Lektüre des Textes (in der deutschen Übersetzung von Stephan Kleiner) steht für mich fest: Mit einer klassischen Rezension ist “Taipeh” nicht beizukommen. Die durchgehende Handlungsarmut und die akribische, in komplizierten Endlossätzen umherschleichende Beschreibung banalster Alltagsverrichtungen lässt keinen Zweifel daran: Tao Lin hat mit “Taipeh” eines der langweiligsten Bücher des Jahres geschrieben. Es deswegen mit einem Verriss abzukanzeln, läge mir fern, denn genau diese konstante Langeweile ist der Nährboden weitreichender Gedanken, die schnell vom Einzeltext auf das gesamte literarische Feld und letztlich auf die Probleme der gesamten heutigen Gesellschaft übergehen.

“Tao Lin, geboren 1983, ist einer der wichtigsten Schriftsteller seiner Generation und die Galionsfigur der “New Sincerity”-Bewegung.”, heisst es auf der Rückenklappe der DuMont-Ausgabe. Das ist ziemlich vollmundig, liefert aber den entscheidenden Schlüssel, um sich der Bedeutung von Tao Lins Werk zu nähern: Das Schlagwort “New Sincerity”, also Neue Aufrichtigkeit.

dfw

David Foster Wallace

Im Jahre 1993 veröffentlichte der amerikanische Autor David Foster Wallace (1962 – 2008; Infinite Jest) in der Review of Contemporary Fiction einen Essay  mit dem Titel “E Unibus Pluram: Television and U.S. Fiction”  (PDF-Download), in welchem er den Einfluss von Fernsehserien auf die zeitgenössische amerikanische Literatur ausführlich bespricht. Im letzten Absatz dieses Textes kommt er auf potenzielle neue Rebellen der Literatur zu sprechen, die er als “born oglers who dare to back away from ironic watching” beschreibt, Anti-Rebellen, die den Mut hätten, das Ein- dem Zwei-Deutigen vorzuziehen, die  die “old untrendy human troubles” nicht durch die schützende Maske der Ironie betrachteten, sondern sie mit “reverence and conviction” behandelten. Foster Wallace, stets ein klarsichtiger Denker, war sich bewusst, dass diese neuen Rebellen, sollten sie denn eines Tages kommen, die Bereitschaft haben müssten “to risk the yawn”, das Gähnen zu riskieren. Diese Aussagen kommen einer frühen Definition der New Sincerity nahe, die im selben Jahr übrigens auch in den Filmwissenschaften Einzug hielt: Jim Collins‘ Aufsatz “Genericity in the Nineties: Eclectic Irony and the New Sincerity” enthält im Titel gar den tatsächlichen Begriff. DFW wie auch Collins sehen also in dieser Neuen Aufrichtigkeit eine Gegenströmung zur postmodernen Ironie, deren Zynismus und Meta-Referentialität als Selbstverteidigungsmechanismus nicht allen behagte. Wie die Professorin Christy Wampole 2012 in ihrem vieldiskutierten, in der NY-Times publizierten Artikel “How To Live Without Irony” schrieb: “To live ironically is to hide in public.”

Auf dieses Versteckspiel antworten nun Tao Lin und die ihn umgebende Szene. Das höchste Gut von Paul, dem Protagonisten aus “Taipeh”, der ein wenig verschleiertes Alias des Autors selbst ist, ist der “Austausch in gegenseitiger Aufrichtigkeit”. Die alles verschlingende Ironie der in den letzten Jahren omnipräsenten Hipster ist ihm fremd, er und seine Begleiterin Erin (Alias für Megan Boyle) sprechen einzig von Zeit zu Zeit in einer Tonlage, die sie “die Stimme” nennen, laut und angeberisch, betont intellektuelle Kommentare absondernd. Dann heisst es:

“Erin sagte, sie verspüre ‘das starke Bedürfnis, mehr Drogen zu nehmen’. Ohne MDMA fiel es schwer, die ‘Stimme’ einzusetzen, ohne die es ihnen unangenehm war, mit Fremden zu reden, zu improvisieren, Verhaltensweisen zu imitieren oder geistreiche Bemerkungen zu machen.”

Hier werden die Probleme evident, die der Versuch absoluter Aufrichtigkeit – zumindest für die Charaktere von “Taipeh” – mit sich bringt. In ihrer Weltverlorenheit, Entwurzelung und vollkommenen Planlosigkeit, denen allen eine zutiefst “depressive Grundstimmung” zugrunde liegt, ist eben gerade ein Selbstschutzmechanismus  vonnöten, um den Anforderungen und Klippen des (digitalisierten) Alltags gewachsen zu sein. Weil sie aber nicht unauthentisch wirken wollen, verzichten sie auf Ironie. Ihr Mechanismus ist der Konsum von Drogen, der unentwegt vonstatten geht: MDMA, Rivotril, Xanax, Adderall, Ecstasy, Kokain, Pilze, Heroin – gross ist die Vielfalt der Substanzen, die Paul, Erin und ihre Mitmenschen konsumieren. Drogen, Energydrinks, Früchte und Gemüse: So ernähren sie sich und: “Paul sagte, dass eine gute Gesundheit, Drogen und hohe Leistungsfähigkeit nur dazu dienten, sich gut zu fühlen.” Es findet hier eine Umwertung der Drogen statt, die wir so aus dem medialen Raum unserer Zeit, wo diese Substanzen fast ausschliesslich mit negativen Attributen behaftet sind, nicht kennen. Rezensent Felix Stephan von der Zeit auf der anderen Seite, nahm diese Umwertung wiederum etwas gar unkritisch auf: Es seien eben “die kommenden und gegenwärtigen Leistungsträger aus allen gesellschaftlichen Bereichen”, die Drogen konsumierten. Auch wenn der Konsum von ‘Alltagsdrogen’ wie Xanax usw., heutzutage tatsächlich nicht mehr nur der Spleen einiger rüder Aussenseiter wie damals etwa Hunter S. Thompson oder William S. Burroughs ist, sollte man vorsichtig sein mit solchen Behauptungen. Ein derart exzessiver Drogenkonsum, wie er in “Taipeh” zum Grundgerüst des Textes gehört, ist kein Normalfall, sondern vereinzelte Ausschweifung.

tao lin

Tao Lin

Paul sagt: “Weil der Drang, mich umzubringen, nicht so stark ist, dass ich mich tatsächlich umbringe, ist das Leben lebenswert.” Hierin zeigt sich einmal mehr die depressive Verlorenheit des jungen Schriftstellers, dessen Alltag durch nichts als den sich stetig erhöhenden Konsum von Drogen und stundenlanges Übeprüfen von Websites, Social-Media-Profilen, YouTube-Filmchen etc. zusammengehalten wird. Der Klappentext lässt verlauten, “Taipeh” beschreibe “die vage Angst, den Ennui und die Isolation einer Generation”, in der Besprechung der Zeit hiess es, das Buch sei eine “Erkundung unserer heutigen Beziehungslosigkeit”. Es ist mit wohlwollender Zurückhaltung angebracht, diese Einschätzungen als übertrieben zu bezeichnen. Wohl geht es um Angst, Ennui und Isolation/Beziehungslosigkeit – jedoch keineswegs in einem Ausmass, wie man es als Tendenz einer ganzen Generation anlasten sollte. Es geht um Angst, Ennui und Isolation des jungen Schriftstellers Paul, dessen Depressionen – ein klinisches Krankheitsbild – und dessen übermässiger Drogenkonsum ihm das Leben, und insbesondere das zwischenmenschliche, zu einem undurchdringlichen Nebel werden lassen.  Es scheint mir gerechtfertigt, zu behaupten, dass ein Paul sich auch in einer Welt ohne das ständig geöffnete MacBook, ohne Smartphone und ohne Internet ängstlich, gelangweilt und isoliert fühlte. Die Ursprünge seines Zustands liegen nicht in den digitalen Medien, obschon diese die Tendenzen verstärken.

Dass Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit gefragte Eigenschaften in der heutigen Popkultur sind, halte ich für unbestritten. Publikationen wie “Not Your Mother’s Morals: How The New Sincerity Is Changing Pop Culture For The Better” (J.D. Fitzgerald) oder “Sincerity” von R. Jay Magill Jr. haben Konjunktur, TV-Serien, die sich ihren Themen mit offenherziger, komplett unironischer Hingabe (“Glee” – dazu gab es einen lesenswerten Artikel auf Wired) und schonungslosem Realismus (“Girls”) widmen erfreuen sich riesiger Beliebtheit. Im April 2014 veröffentlichte das Time-Magazine die Liste “100 Most Influential People to the Most Influential Demographicauf der die 100 Personen vereint sind, die den grössten Einfluss auf die 18- bis 34-jährigen ausüben. “Girls”-Erfinderin Lena Dunham findet sich auf Platz 3 wieder und auch Tao Lin hat es (als Fünfundachtzigster) in die Ränge geschafft. Er reagierte via Twitter:

Der Zusatz, dass er dies stoned und depressiv aus seinem Bett schreibe, ist programmatisch. Seine ehemalige Ehefrau Megan Boyle (Hochzeit in Las Vegas, Trauzeuge von der Strasse, gefilmt mit dem MacBook und live gebloggt) unterhält gar einen eigenen Twitter-Account für die Zeiten, in denen sie deprimiert/depressiv ist. Die ungemeine Produktivität, die auch im Mainstream aufgegangen Künstlern wie eben Lena Dunham bisweilen eigen ist, äussert sich bei Tao Lin, Megan Boyle & Co. in einer permanenten Online-Selbstdokumentation, die in Tumblr-Blogs von den Ausmassen eines mehrfachen Don Quijote und in manchmal grotesken Auswüchsen wie Megan Boyles mit allerlei statistischem Material garnierten Artikel “Everyone I’ve Had Sex With” (2010) mündet. Es ist zumindest fragwürdig, ob eine solche Neue Aufrichtigkeit tatsächlich als Alternative zur ironischen Lebensform mit ihrem Referenzenreichtum und der Funktion von Humor als Selbstschutz tauglich ist.

So anregend “Taipeh” auch wirkt, so wenig vermag es für mich das Bild (m)einer Generation zu zeichnen oder wünschenswerte Alternativen aufzuzeigen. Nach der Lektüre ergab sich in erster Linie der Schluss: Diese Neue Aufrichtigkeit ist das Ende des Lachens. Ein Ansatz und eine Definition des Begriffs, wie er im bereits oben erwähnten Wired-Artikel besprochen wird, erscheinen mir, wenn auch konservativer, so doch wesentlich fruchtbringender: Man sollte es sich häufiger erlauben, die Maske abzulegen, die ironische Distanz furchtlos zu überbrücken und auch einfach mal ohne belächelt zu werden zugeben dürfen, dass man einen Katy-Perry-Song mag, weil er catchy ist, dass man Glee schaut, weil man gerne Show-Chöre und Tanz hat, dass man Harry Potter verschlingt, weil da alle zaubern und durch Wände rennen können. Ideal wäre: Das Positive betonen, ohne dabei gleich alles gut finden zu müssen. Denn auch für die New Sincerity gilt: Um als Genre und Idee konstruktive Beiträge zum (Zusammen-)Leben im 21. Jahrhundert liefern zu können, ist eine vorwärtsgerichtete, aufgeschlossene Gedankenwelt vonnöten, die den Menschen nicht als ein seinen Geräten hilflos ausgeliefertes Individuum (Stichwort digitale Leibeigenschaft) versteht. Und vor allem darf bei aller Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit das Lachen nicht verloren gehen, das wäre fatal. Es machte aus der Aufrichtigkeit eine Depression, wie das Beispiel “Taipeh” beängstigend vor Augen führt. Eine Einsicht, die 1901 bereits der französische Schriftsteller André Gide hatte, der in seinem “Immoralist” so treffend schrieb: “On ne peut pas à la fois être sincère et le paraîte.”Man kann nicht gleichzeitig ernst sein und so scheinen.

(Randbemerkung: Taipeh übrigens, die Hauptstadt Taiwans, die Stadt von Pauls (Taos) Eltern, nimmt im Roman nicht viel Raum ein. Zwei Reisen treiben den Protagonisten in das Land seiner Herkunft, eine Auseinandersetzung mit seinen Wurzeln findet aber kaum statt. Pauls Entwurzelung ist von der Topographie nicht beeinflussbar.)


Eine sehr lesenswerte Rezension zum Buch findet ihr u.a. auch auf dem Blog Libroskop. Der treffende Titel: “Im Reich der chemischen Selbstdomestizierung”.

Tao Lin. Taipeh. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Köln: DuMont 2014. 288 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8321-8817-7

Schweizer Standpunkte: Carl Spitteler

1920 wurde dem Schweizer Dichter und Schriftsteller Carl Spitteler (1845-1924) rückwirkend für 1919 der Nobelpreis für Literatur verliehen. Bis zum heutigen Tag bleibt der Liestaler damit, neben Hermann Hesse, der auch das Schweizer Bürgerrecht besass, der einzige Schweizer Autor, dem diese Ehre zuteil wurde. Heute jährt sich sein Geburtstag zum 169. Mal: Zeit, einen Blick auf einen politisch brisanten und heute noch aktuellen Text Spittelers zu werfen: die Rede “Unser Schweizer Standpunkt” (1914). 
                                   

220px-Carl_spitteler_1905

I. DAS LITERARISCHE WERK

Spittelers literarischer Ruhm gründet zu einem grossen Teil auf dem Versepos “Olympischer Frühling” (1900-05). Neben solch mythologischen Stoffen, die auch schon seinen Erstling “Prometheus und Epimetheus” (1881) dominierten, schöpfte er seine Stoffe oft aus “heimatlichen” Themen – das Schweizer Militär etwa ist oft Thema -, aber auch aus seinen Erfahrungen als Privatlehrer einer finnischen Generalsfamilie in Sankt Petersburg (Erzählungen: “Ei Ole” (1887) und “Das Bombardement von Abo” (1889)).

Oft vergessen gehen seine essayistischen Arbeiten, meist kürzere Stücke, die Fragen von Kunst, Literatur und Kritik reflektieren. Sie erschienen etwa im Band “Lachende Wahrheiten” (1898).

II. “UNSER SCHWEIZER STANDPUNKT” (14. Dezember 1914)

Der Text, der im Zentrum dieses Artikels stehen soll, lässt sich hingegen keiner dieser Gruppen zuordnen. Es handelt sich um die Rede “Unser Schweizer Standpunkt“, die Spitteler am 14. Dezember 1914 vor der Neuen Helvetischen Gesellschaft, Gruppe Zürich, hielt. Darin appelliert er an eine im Innersten uneinige Schweiz der damaligen Zeit, Zusammenhalt zu wahren und Neutralität zu demonstrieren. Deutschschweizer und Romands hatten sich nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs, aufgrund Parteinahme für das Deutsche Reich bzw. Frankreich, derart zerstritten, dass “viele Zeitgenossen befürchteten, das Land breche auseinander”.  Inmitten dieser  inneren Zerrissenheit, die natürlich wie immer auch die sprachliche war – zuletzt von José Ribeaud in “Vier Sprachen, ein Zerfall” wieder thematisiert – , sprach sich Spitteler gegen den flammenden Nationalismus, aber für einen engen gesamtschweizerischen Zusammenhalt aus.

Spittelers Weltbild war im Grunde von einem starken Pessimismus durchdrungen, was sich in einer Aussage der Rede eindrücklich niederschlägt. Da sagt er:

“In der Tat lässt sich die ganze Weisheit der Weltgeschichte in einen einzigen Satz zusammenfassen: Jeder Staat raubt, soviel er kann. Punktum. Mit Verdauungspausen und Ohnmachtanfällen, welche man «Frieden» nennt.”

 

Angesichts der Zerstrittenheit der Landesteile sprach Spitteler diplomatisch von einem “Stimmungsgegensatz” oder “Richtungsverlegenheit”. Seine Emotionen jedoch sind stark, im Zentrum steht die Angst vor dem Verlust der Zusammengehörigkeit, der gefühlten und repräsentierten (politischen) Einheit.

“Es tröstet mich nicht, dass man mir sagt: «Im Kriegsfall würden wir trotzdem wie ein Mann zusammenstehen.» Das Wörtchen ‹trotzdem› ist ein schlechtes Bindewort. Sollen wir vielleicht einen Krieg herbeiwünschen, um unserer Zusammengehörigkeit deutlicher bewusst zu werden?”

 

Er ermahnt die Schweizer, “konzentrisch zu fühlen statt exzentrisch”, sich auf gemeinsame Symbole (etwa die Schweizer Fahne) zu konzentrieren. Das Prinzip der Neutralität erscheint ihm unabdingbar, um die Nation Schweiz aufrechtzuerhalten, deren Bürger und Bürgerinnen er in steter Gefahr sieht, sich zu Nachbarländern der jeweils gleichen Sprachgemeinschaft hingezogen zu fühlen. Die Nachbarn aber, mahnt Spitteler, seien eben Nachbarn, indes die Bewohner der anderen Landesteile Brüder seien.

Deutlich verneint Spitteler, dass innere Geschlossenheit mit einer Abneigung gegen diese Nachbarn einhergehen soll. Er spricht respektvoll und mit hoher Achtung von den anderen europäischen Staaten. Seine Sorge gilt in keinem Moment einer Bedrohung von aussen, sondern einer inneren Gefahr, die sich im Verhältnis der anderssprachigen Landesteile manifestiert. Er fordert:

“Wir müssen uns enger zusammenschliessen. Dafür müssen wir uns besser verstehen. Um uns aber besser verstehen zu können, müssen wir einander vor allem näher kennenlernen.”

 

Vorschläge, die er dazu macht, betreffen unter anderem die Presse. So etwa heisst es:

“Ich möchte etwas anderes befürworten: unsere deutschschweizerischen Zeitungen sollten, meine ich, ab und zu ihren Lesern ausgewählte Aufsätze aus französisch-schweizerischen Zeitungen in der Übersetzung mitteilen.”

Eine lobenswerte Idee, die man leider auch heute – ein sattes Jahrhundert nach Spittelers Rede – kaum umgesetzt findet. Natürlich muss aus Spittelers Perspektive, im Angesicht eines vernichtenden Weltkrieges und der Realität auseinanderstrebender Landesteile, die Frage des Zusammenhalts von noch dringlicher Bedeutung gewesen sein als heute. Dennoch zeigen Publikationen wie Ribeauds “Vier Sprachen, ein Zerfall”, dass die Thematik nach wie vor aktuell, brisant und vor allem fern einer zufriedenstellenden Lösung ist.

Die pathetischen Schlussworte der Rede haben auch im 21. Jahrhundert ihre Gültigkeit: einerseits als Appell an den Zusammenhalt, den gemeinsamen Standpunkt aller Schweizer Landesteile, andererseits als die Landesgrenzen überschreitender Aufruf zu Verständnis, Empathie und Frieden unter den Nationen. Heimatverbundenheit und Globalisierung sind dem horchenden Herzen nicht unvereinbar.

“Wohin Sie mit dem Herzen horchen, sei es nach links, sei es nach rechts, hören Sie den Jammer schluchzen, und die jammernden Schluchzer tönen in allen Nationen gleich, da gibt es keinen Unterschied der Sprache. Wohlan, füllen wir angesichts dieser Unsumme von internationalem Leid unsere Herzen mit schweigender Ergriffenheit und unsere Seelen mit Andacht, und vor allem nehmen wir den Hut ab.
Dann stehen wir auf dem richtigen neutralen, dem Schweizer Standpunkt.”

Gabriel García Márquez

Was ist denn das nun eigentlich: “Weltliteratur”? Literatur, die etwas über die ganze Welt sagt? Literatur, die der ganzen Welt etwas zu sagen hat? Literatur, für den Mann/die Frau von Welt? Literatur, die die Welt in einer die Realität übertreffenden Vollkommenheit präsentiert vielleicht? Letzteres ist eine der grossen Stärken des Grandseigneurs der lateinamerikanischen Literatur: Gabriel García Márquez. Morgen, am 6.3., wird er siebundachtzig Jahre alt. 

ggmarquez

Holen wir etwas aus: Sigmund Freud sah in der Literatur den Ort, an dem das Verdrängte, das (in seinen Worten) Sublimierte seinen Platz hat, wo also für einen perfekten kurzen Moment das im ‘richtigen’ Leben Unsagbare gesagt werden darf. Der Wiener Doktor wird dabei vermutlich wieder einmal mehr an primäre Geschlechtsmerkmale gedacht haben, als an etwas Anderes – aber: auf eine andere Weise trifft seine Einschätzung auch auf das Werk von Márquez zu, auf das, was Wissenschaftler “Magischen Realismus” nennen.

Magisch wird der Realismus eben genau dann, wenn das Unsagbare plötzlich mir nichts, dir nichts neben dem Sagbaren stehtohne dass es da wie ein Fremdkörper wirkt. Im Werk des Autors, dessen bekannteste Romane “Hundert Jahre Einsamkeit” und “Die Liebe in Zeiten der Cholera” sind, gibt es Figuren in biblischem Alter, es gibt sich erfüllende Prophezeiungen, mysteriöse Gaukler, den gelegentlichen Drachen, sprechende Papageien, Engel, Wunderheiler,… Dies alles ist perfekt integriert in eine leidenschaftliche, oft brutale, quälende Lebensrealität. Manchmal geschieht es doch, dass zwei Charaktere, oft sture unbeugsame Gestalten, aufeinanderprallen, eine Figur im Banne der Magie, die andere bestrebt, eine Familie zu ernähren etwa. “Statt Hirngespinste auszubrüten, solltest du dich lieber um die Kinder kümmern”, sagt die Familienälteste Ursula in “Hundert Jahre Einsamkeit”.

Márquez stilistische Fähigkeiten zeugen immer von Überlegenheit: sein Tonfall wechselt nicht, wenn in den häuslichen Alltag von Hunger und Krankheit plötzlich ein gefallener Engel eindringt. (Kurzgeschichte “Ein sehr alter Herr mit riesengrossen Flügeln”).

“Er musste ganz nahe herantreten, um zu entdecken, dass es ein alter Mann war, der mit dem Gesicht im Schlamm lag und sich trotz grosser Anstrengungen nicht aufrichten konnte, weil ihn seine riesengrossen Flügel daran hinderten.”

Da ist es, das Genie des Gabriel García Márquez: weltliche Not und überirdischer Zauber in ein und demselben Satz vereint. Die Kunst, das Aufregende, das Schockierende, das Unsagbare in einem entlegenen Nebensatz zu verstecken, die beherrscht dieser Autor wie kein zweiter.  Bisweilen gelingt es ihm, in wenigen präzisen Strichen, inmitten einer Aufzählung, eine Figur zu entwerfen, die alleine ganze Bücher füllen könnte. Ein Beispiel, wiederum aus derselben Kurzgeschichte:

“(…) eine arme Frau, die seit ihrer Kindheit die Schläge ihres Herzens zählte und der die Zahlen ausgegangen waren (…)”

Mit Absicht wähle ich Beispiele, die nicht aus seinen umfangreichen grossen Meisterwerken stammen, sondern aus einer gerademal zehnseitigen Kurzgeschichte. Denn in der extremen Verdichtung seiner Prosa, in der Kürzestform des Erzählens, zeigt sich die “weltliterarische” Geltung des Autors noch stärker. Erzählungen wie etwa “Ein sehr alter Herr mit grossen Flügeln”, “Der schönste Ertrunkene von der Welt” oder “Die unglaubliche und traurige Geschichte von der einfältigen Eréndira und ihrer herzlosen Grossmutter” sind vollendete Miniaturen, die schnell gelesen sind, aber lange nachhallen.

Wer sich nicht direkt an das opus magnum “Hundert Jahre Einsamkeit” oder “Die Liebe in Zeiten der Cholera” wagt, dem seien diese Kurzgeschichten – oder auch kürzere Romane wie etwa die geniale, rückwärts erzählte Kriminal-Parabel “Chronik eines angekündigten Todes” empfohlen.

Gabriel García Márquez – “Gabo” – aus dem kolumbianischen Dorf mit dem wohlklingenden Namen Aracataca, geboren am 6. März 1927, Nobelpreis 1982: einer, der sich seinen eigenen literarischen Kosmos erschaffen hat – viele Charaktere und Orte aus “Hundert Jahre Einsamkeit” (1967) erscheinen z.B. bereits in “Laubsturm” (1955) -; einer, der in seinem ganz eigenen Genre schreibt: man mag es Magischer Realismus nennen, oder auch einfach Márquez; einer, der zweifellos und allen Superlativwarnungen zum Trotz einer der grössten Schriftsteller der Welt ist. 

Die Tatsache, dass Márquez vielleicht nie wieder neue Literatur veröffentlichen wird, mag manche untröstlich stimmen. Doch besieht man sich, was er alles geschrieben hat im Laufe seines Lebens, wird man zufrieden – und zugleich beunruhigt – feststellen, dass man selbst wohl mehrere Leben bräuchte, um all diesen Stoff verarbeiten zu können.

In diesem Sinne: Alles Gute zum Geburtstag, Gabo, und ein Dankeschön für all die wundervollen Geschichten!

Harry Graf Kessler. Eine Lebenstragödie.

Es fällt schwer, eine Einleitung zu Harry Graf Kessler nicht reisserisch zu gestalten. Von Haus aus reich, unabhängig und mit weitreichenden Bekanntschaften, war er eine der schillerndsten und einflussreichsten Gestalten des Fin de Siècle. In seiner Funktion als Mäzen und Vermittler unterstützte er bedeutende Künstler wie Edvard Munch oder Aristide Maillol, seine Wohnungen liess er sich von Henry van de Velde einrichten, mit Hugo von Hofmannsthal verfasste er  das Libretto zu “Der Rosenkavalier”, … – am 30.11.1937 verstarb er einsam und mitellos in einem Lyoner Krankenhaus. Wie hatte es dazu kommen können? Eine Lebenstragödie. 

harrykessler

Harry Graf Kessler 1917. Fotografie von Rudolf Dührkoop.

Harry Graf Kessler: geboren 1868 in Paris, Vater Adolf ist ein steinreicher Bankier, der in Kanada Ländereien in der Grösse Bayerns besitzt, Mutter Alice Harriet Blosse-Lynch eine irische Baronesse, die von illustren Gästen bevölkerte Salons organisiert und selbst mit dem Kaiser bekannt ist. Weiter oben im Stammbaum steht der Name eines Schweizer Reformators, der einst im Wirtshaus “Zum Bären” im Jena zechte: Johann Kessler, genannt Ahenarius.

In dieses Umfeld, in diese Geschichte hinein wird Harry Clemens Ulrich am 23. Mai 1868 geboren. Bald schon entsteht die Legende, er sei der uneheliche Sohn des Kaisers selbst. Harry bestreitet dies zeitlebens. Im Jahre 1879 erhebt selbiger Kaiser Harry und seinen Vater in den erblichen Adelsstand: Der Graf ist geboren.  Neun Jahre später erblickt seine Schwester Wilma das Licht der Welt; sie wird ihm später das Leben retten.

Kindheit und Jugend verbringt er auf Eliteschulen in Paris, in Ascot, in Hamburg. Er geniesst eine humanistische Ausbildung, studierte Jura und später Kunstgeschichte. Nach seiner Ausbildung begab er sich, stets finanziell abgesichert und deshalb unabhängig, auf eine Weltreise. Immer dabei: ein Tagebuch.

Die Tagebücher – sie sind Harry Graf Kesslers grosses Geschenk an die Weltliteratur und an die Geschichtsforschung. Von 1880 bis 1937 schrieb er konsequent, insgesamt zehntausend Seiten, bevölkert von zwölftausend Personen: Ein einmaliges Panorama der zentraleuropäischen Gesellschaft, Kultur und Kunst seiner Zeit.

Selbst sieht er sich als halber Kessler und halber Ire “mit gesundem Durst nach Schönheit und Faustkämpfen”. Er wird nicht Bankier oder Jurist, sondern nutzt seine finanzielle Unabhängigkeit, um die Kunst zu fördern, zu reisen, zu leben. 1895 verstirbt der Vater: Harry kommt in Besitz eines gigantischen Vermögens. Nach einer Reise durch Mexiko veröffentlicht er 1898 sein erstes Buch (“Notizen über Mexico”).

henryvdv

Henry van de Velde

Das Fin de Siècle im Wortsinne – der Anbruch des Jahres 1900: Harry kauft sich eine Wohnung in Berlin, sein Freund Henry van de Velde richtet sie ein, modern und ästhetisch. Als Botschafter der Jugendstil-Zeitschrift/-Genossenschaft PAN bereist er Europa und wirbt neue Mitglieder. Er trifft Auguste Rodin, Rainer Maria Rilke und Edvard Munch. Letzteren fördert er stark, 1904 malt Munch ein prominentes Portrait seines Mäzens.

Um 1900, dem Tod schon nahe, hatte Kessler auch seinen intellektuellen Fixstern Nietzsche kennengelernt. Nach dessen Tod am 25.8.1900 nimmt ihm Kessler die Totenmaske ab und ist einer der wenigen Gäste an der Trauerfeier. Ihm zu Ehren gründet Harry das Nietzsche-Archiv in Weimar. Die Stadt wird zeitgleich zum neuen Mittelpunkt seines Lebens. Von hier aus verfolgt er seine radikalen künstlerischen Visionen.

Als ehrenamtlicher Leiter des Museums für Kunst und Kunstgewerbe schafft er sich Freunde wie Feinde. Er verkauft alte Kunst, um von dem Geld Neuartiges anzuschaffen. “Esel!”, nennt ihn Kaiser Wilhelm II. dafür – nicht persönlich, sondern in der Randnotiz eines Briefes, in dem ihm vom Geschehen in Weimar berichtet wird.

Er entdeckt Max Beckmann, holt Werke von Auguste Rodin nach Deutschland. Diese werden ihm schliesslich zum Verhängnis – gemeinsam mit seinem Grössenwahn. “Niemand anders in Deutschland hat eine so starke (…) Stellung”, schreibt er einmal angesichts seines weitläufigen Einflussbereichs. Er plant ein gewaltiges Nietzsche-Monument mit Tempel und Stadion. Er entwickelt, Goethe gleich, umfangreiche Reformkonzepte, zum Beispiel für das Theater. Etwa zur selben Zeit entbrennt ein Streit um einige Akte von Rodin, die er angeschafft hat. Harry wird wütend, will sich gar duellieren… – Eine Nervenkrise ist die Folge.

Ein enger Freund ist ihm Aristide Maillol, dessen Skulpturen er kauft, gleichzeitig neue in Auftrag gibt, ihm ein Modell bringt, und zwar seinen eigenen Liebhaber, den Radsportler Gaston Colin. “Le Cycliste” entsteht.

Dann das Zerwürfnis mit seinem guten Freund Hugo von Hofmannsthal. Sie hatten zusammen das Libretto zu “Der Rosenkavalier” geschrieben. Die Rolle als Empfänger der Widmung ist Harry danach zu wenig – es kommt zum Streit.

Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs nehmen die Dinge einen erstaunlichen Lauf: Harry Graf Kessler, der Weltbürger, der Kosmopolit, entflammt in heftigem Patriotismus. Kämpft wild entschlossen für das eine Heimatland Deutschland, hat plötzlich gar Fantasien von einem weltumspannenden Deutschen Reich,… – Es folgt ein weiterer Nervenzusammenbruch.

Der Weltkrieg ging zu Ende. 1919 verstarb Kesslers Mutter. 1920 anlässlich des Vertragsschlusses in Versailles notierte er in sein Tagebuch: “Eine furchtbare Zeit …, die in einer wahrscheinlich noch furchtbareren Explosion enden wird”.

Er wendet sich verstärkt der Politik zu, wird nach Ausrufung der Republik vom Arbeiter- und Soldatenrat als Gesandter, teilweise unter militärischem Schutz, nach Polen geschickt. Freundschaftliche Beziehungen sollen wiederhergestellt werden, doch die Reise endet mit dem Kontaktabbruch Polens zu Deutschland. Er beschäftigte sich mit der Sozialen Frage, verfasste ein Pamphlet über die Armut der Kinder in den Hinterhöfen Berlins. Seitens der aufkommenden Rechtsradikalen brachte ihm dies den Übernamen “Roter Graf” ein. Sein nächstes Projekt ist ein überstaatlicher Völkerbund, eine “Organisation der Organisationen” in den er viel Geld und Zeit (Vortragsreisen) investiert.

rathenau

Walther Rathenau

1922 reist Kessler nach Genua zur Europäischen Wirtschaftskonferenz. Deutschland und Russland unterzeichneten abseits dieser Konferenz einen Vertrag. Kessler sah darin einen Rückfall in Zeiten der politischen Intrige. Der von ihm sehr geschätzte deutsche Aussenminister Walther Rathenau trifft hier zum letztenmal mit dem Grafen zusammen. Wenig später wird er Opfer eines rechtsradikalen Attentats. Harry beginnt an einer Rathenau-Biografie zu schreiben. Er hatte sich selbst gespielt gesehen in dem grossen Politiker, gespiegelt als ehemaliger Kriegsunterstützer, als Gespaltener zwischen Geist und Macht, als Homosexueller. Die Biografie erscheint 1928 zum sechsten Todestag Rathenaus.

Seit 1924 war Harry politisch nicht mehr aktiv, kümmerte sich stattdessen auf ausgedehnten Reisen intensiv um die Propagierung seines Völkerbundplans. Und noch immer traf man ihn auf allen erdenklichen gesellschaftlichen Anlässen. Er begegnete (und schrieb über) André Gide, Josephine Baker, Bertolt Brecht, Jean Cocteau, Paul Valéry, usw. – Ein Who-Is-Who des intellektuellen europäischen Jetsets der Roaring Twenties.

1929, mit dem Tod Gustav Stresemanns, der die Annäherung von Frankreich und Deutschland bewerkstelligt hatte, begann wohl der Abstieg. Freilich bemerkte Harry es noch nicht. Er notierte in seinem Tagebuch eine Bemerkung, die Literatur-Nobelpreisträger Roger Martin du Gard ihm gegenüber anlässlich eines Besuchs in Berlin gemacht hatte: “die Menschen, die er auf der Straße sehe, wären ganz anders als in Paris, sie hätten Zukunft in den Augen. In Deutschland werde der neue Mensch, der Mensch der Zukunft, geschaffen”.

Am 14. September 1930 verzehnfachen die Nationalsozialisten bei den Reichstagswahlen beinahe ihre Anteile. Kessler notiert: “Ein schwarzer Tag für Deutschland.” 1931 dann auch ein persönlicher Rückschlag. Kessler, ein Bibliophiler, der in seinem Leben unter anderem auch nach dem perfekten Buch suchte, muss seinen Verlag, die Cranach-Presse, schliessen. Siebzig erlesene Ausgaben wurden hier produziert. Gemeinsam mit Maillol hatte Kessler gar eigens eine Papierfabrik gegründet. Nun das Ende: Kesslers Vermögen ist nicht mehr. Grosszügig gegenüber sich selbst und gegenüber von ihm geförderten Künstlern usw. hat er alles verloren. Und die verhassten Nazis sind da. Noch tut er sie als “Fiebererscheinung” ab, sieht in Hitler einen mit grossem Maul und nichts dahinter, Die Nazis, glaubte er, würden am Widerstand des Volkes zerbrechen.

März 1933: Hitler ist Reichskanzler, der Reichstag hat gebrannt. Kessler reist nach Paris: Es ist als ein Ausweichen auf Zeit gedacht, doch er wird sein Heimatland nie wieder sehen.

bonanova

Kesslers Wohnsitz auf Mallorca

Gut dokumentiert sind die folgenden zwei Jahre seines Lebens. Er verbringt sie auf Mallorca, Plaza Iglesia 3 in Bona Nova, “auf der Höhe über Palma mit einem herrlichen, grandiosen Blick über das Meer,” Hier erinnert er sich zurück, beginnt an seinen Memoiren “Gesichter und Zeiten” zu arbeiten. Unerlaubt erscheint ein Vorabdruck in einer französischen Emigrantenzeitung. Kesslers Werk wird von den Nazis auf die Liste des unerwünschten Schrifttums gesetzt. Zudem hat sich durch die abrupte Abreise ein weiteres Problem ergeben: In Deutschland häufen sich die Schulden an, niemand hat Vollmachten, es kommt zu einer Zwangsversteigerung seines Besitzes. Die Wohnung in Berlin wird geplündert.

Verbissen schreibt er an seinen Erinnerungen, findet im mittellosen Schriftsteller und Übersetzer Albert Vigoleis Thelen einen Sekretär, der seine Handschrift in unermüdlicher Arbeit in Schreibmaschinenschrift umwandelt. Dieser wird später in seinen eigenen Erinnerungen (“Die Insel des zweiten Gesichts”) respektvolle Worte für den Grafen finden.

Mit Harrys Gesundheit geht es bergab, er erleidet einen Blutsturz. Finanziell ist er nicht mehr unabhängig: seine Schwester Wilma, die sich verheiratet Wilma Marquise de Brion nennt, und in einem Schloss in Frankreich residiert, unterstützt ihn. Er reist zu ihr, vorübergehend nur, denkt er. Doch zurück kann er nicht, denn der Spanische Bürgerkrieg ist ausgebrochen . Noch einmal besucht er Paris. Am 30. November 1937 verstirbt er, neunundsechzigjährig, verarmt und einsam in einem Krankenhaus in Lyon. Bestattet wird er auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise. Wenige Leute nehmen an der Zeremonie teil.

(Neben der verlinkten Artikel beruft sich der obige Text auch auf dei Dokumentation “Harry Kessler – Der Mann, der alle kannte.” – Man kann sie sich, unterteilt in vier Clips, via Youtube anschauen.)

Das Bild von Kesslers Haus in Mallorca stammt von: http://www.vigoleis.de/content/insel/0/83.htm (Abgerufen: 25.11.2013)

Die Edition der Kessler’schen Tagebücher obliegt dem Deutschen Literaturarchiv Marbach. Bis auf Band 1, der nicht finanziert ist und vermutlich erst 2015 erscheint, wurden alle Bände (2-9) beim Klett-Cotta-Verlag herausgegeben.

Essay: Remember, remember the 22nd of November..

huxleylewisjfk

I. 22.11.1963 

Freitag, der 22. November 1963: In Oxford, England, bricht abends um halb sechs der vierundsechzigjährige Professor Clive Staples Lewis in seinem Schlafzimmer zusammen. Wenige Minuten später ist er tot. Dahingerafft von einem mehrjährigen Nierenleiden, das etwa ein Jahr nach dem Krebstod seiner Ehefrau erstmals aufgetreten war. Sieben Tage später wäre er 65 Jahre alt geworden.

Zum Zeitpunkt des Todes nähert man sich in Dallas, USA, der Mittagsstunde. Soeben ist die Air Force One auf dem Flughafen Love Field eingetroffen: John Fitzgerald Kennedy mitsamt Frau und Entourage ist angekommen in Texas. In einer offenen Limousine wird er kreuz und quer durch die Stadt chauffiert. Um 12.30 fallen Schüsse, einer davon trifft J.F. Kennedy am Kopf, die Limo beschleunigt, passiert ihr eigentliches Ziel und erreicht das Parkland Hospital um 12.38. Kennedy ist tot. Die Bilder sind bis heute nicht vergessen.

Noch ist dieser Freitag nicht zu Ende. Kurz nach sieben Uhr abends wird Lee Harvey Oswald in Dallas angeklagt – zunächst einmal des Mordes am Polizei-Officer J.D. Tippit. Beinahe 1500 Meilen weiter westlich, in Los Angeles, liegt einer der grossen Intellektuellen seiner Zeit auf dem Sterbebett. Kurz vor der Mittagsstunde hatte er nach LSD verlangt, intramuskulär, doch um 17:20 gibt sein Körper auf. Aldous Leonard Huxley, neunundsechzigjährig, hat den Kampf gegen den Krebs verloren.

Die Medien zeigen sich in den kommenden Tagen so eingenommen vom JFK-Attentat, dass über den Tod von C.S. Lewis und Aldous Huxley kaum Bericht erstattet wird. Es gibt keine Bilder davon, die man um die Welt schicken könnte, keine verzweifelt schreiende Frau, keinen Mörder. Die beiden bedeutenden Denker – der Schriftsteller, Essayist und Drogenexperimenteur Huxley und der Schriftsteller, Theologe und Sprachforscher Lewis – sind still gegangen, geschunden von ihren jeweiligen Krankheiten, die den Körper zersetzt hatten. Es bot sich nicht an, den einen oder den andern zu modernen Heroen zu stilisieren. Sie hatten weder in ihrem Werk noch privat eine Makellosigkeit dargestellt wie Kennedy, dem man problemlos die Rolle des Helden und Einers einer Nation andichten konnte – auch wenn sie von der Wahrheit kilometerweit entfernt war. 

Doch wie JFK sind auch Aldous Huxley und C.S. Lewis heute, fünfzig Jahre nach ihrem Tod, bei weitem nicht der Vergessenheit anheim gefallen. Jedoch: Während Lewis in den letzten Jahren eine geradezu überbordende Renaissance erlebt hat und aufgrund der Narnia-Filme in aller Munde ist, könnte Huxleys Hauptwerk bald schon der Fall in die Obskurität drohen. 

II. C.S. LEWIS

Die sieben Narnia-Bücher, veröffentlicht zwischen 1950 und 1956, haben Lewis den Ruf eines genialen Fantasy-/Kinderbuch-Autoren eingetragen. Die drei zwischen 2005 und 2010 gedrehten Filmadaptionen spülten gigantische Gewinne in die Kinokassen. Der vierte Teil ist in Planung.

lewis narnia

Diese Renaissance aber täuscht darüber hinweg, dass Lewis – ein Freund Tolkiens – den grössten Teil seines Werks einem anderen Gebiet gewidmet hat: der Theologie. Zeit seines (publizierten) Lebens spielte er eine zentrale Rolle für Lewis, wobei sich seine Ansichten bisweilen radikal änderten. 

Sein erstes publiziertes Werk war ein Gedichtbändchen – Dies hat er mit Huxley gemein -, und zwar das 1919 erschienene “Spirits In Bondage”. Es handelt sich hierbei um einen Zyklus von Gedichten mit teilweise gar anti-religiösen Inhalten. In seiner Jugend bezeichnete er das Christentum als “one mythology among many”.

Dann der Wandel: Lewis wird bekehrt, zunächst zur Religion – “I am an empirical Theist. I arrived at God by induction.” -, letztlich zum Christentum. Er wird zum Prediger, versucht sich an rationalen Begründungen von Gott. Er wolle niemandem vorschreiben Christ zu sein, befindet er, wenn die Beweislast gegen das Christentum zu gross erscheine. Er wehrt sich gegen die Leute, die Jesus’ Lehren anerkennen, ihn aber nicht für Gottes Sohn halten. Entweder, so Lewis, sehe man in Jesus Gottes Sohn oder aber einen Irren, einen psychisch Kranken. Immer wieder trägt ihm seine konservative Dogmatik Kritik ein. 2002 sprach Fantasy-Autor Philip Pullman über die Narnia-Bücher: Sie seien verkappte christliche Propaganda, befand er, zudem rassistisch, sexistisch und enthielten keine Spur christlicher Nächstenliebe. Ein Mädchen werde zur Hölle geschickt, weil sie beginne, sich für Kleider und Jungs zu interessieren, kritisierte Pullman.

Spät in seinem Leben überkamen Lewis Zweifel an Gott: Seine Ehefrau Joy Davidman verstarb nach drei Jahren Ehe 1960 an Krebs. Unter dem Pseudonym N.W. Clerk veröffentlichte Lewis ein Jahr darauf seine Trauererfahrungen: “A Grief Observed” zeigt aufkeimende Wut und Verzweiflung gegenüber Gott, fundamentale Fragen werden aufgeworfen. Ähnlich seinem früheren Buch “The Problem Of Pain”, einer klassischen Theodizee, sucht er nach Gründen des Schmerzes – und zu Ende von “A Grief Observed” ist er zu einem Teil wieder überzeugt; überzeugt von der Notwendigkeit des Schmerzes.

III. ALDOUS HUXLEY

Schmerz kennen die Bewohner der Brave New World in Huxleys gleichnamigem Roman aus 1932 nicht. Sie schlucken Soma, eine Droge, die euphorisierend, halluzinogen oder sedierend wirken kann und die offiziell an die Bevölkerung abgegeben wird. Staatlich verordnetes Glück sozusagen.

Brave New World: Realität gewordene Dystopie? Während Orwells ‘1984’ mit seiner “policy of boot-on-face” (Huxleys Worte) weit von einer Verwirklichung entfernt ist, so scheint die Welt des verordneten Glücks, der konditionierten Kinder, der nicht aufbegehrenden (Schein-)Zufriedenheit zuweilen bedenklich nahe an unserer Realität anno 2013. Vielleicht ist gerade dies der Grund, weshalb Huxleys bekanntestes Werk einundachtzig Jahre nach seiner Entstehung vergessen zu gehen droht. Auch zum fünfzigsten Todestag des Autors erfuhr es kaum neue Würdigung. 

Interessanterweise ist es “The Doors of Perception”, ein Non-Fiction-Buch aus 1954, in dem Huxley Rekollektionen eines begleiteten Meskalin-Trips versammelt, das heute häufiger zitiert wird. Nicht zuletzt dank seinem Titel – selbst ein Zitat aus William Blakes “The Marriage Between Heaven And Hell” – , der die Rockband The Doors zu ihrem Namen inspirierte, bleibt das Werk in Erinnerung. 

doors of perception

Es repräsentiert eine Phase der Drogenexperimente, der Bewusstseinserweiterung und der religiösen Offenheit, die Huxley bis zu seinem Tod auslebte. Der Brite, Angehöriger des intellektuellen Establishments seiner Zeit, wurde so auch zu einem kleinen Helden der Gegenkultur. Wohnhaft in Los Angeles, taucht sein Name ab und zu im Zusammenhang mit den spirituellen Grössen der Zeit – Ram Dass, Timothy Leary, Huston Smith – auf. 

Ab 1960 in einem Wettlauf gegen die ihm bemessene Zeit gefangen, rang sich der krebskranke Huxley, der die Operationen an seinem Körper mit lebhafter Neugier zur Kenntnis nahm, einen letzten Roman ab: “Island” ist das utopische Gegenstück zu “Brave New World”. Im Vorwort zur BNW-Ausgabe von 1946 erstmals angedeutet – er zog nun “the possibility of sanity” in Betracht – , kämpfte Huxley lange Zeit mit dem Werk, fand immer wieder Ausreden, nicht daran zu schreiben. Schliesslich aber vollendete er seine Inselutopie, wo die Menschen Drogen nehmen, um zur Erleuchtung zu gelangen, wo die kalten Computerstimmen aus “Brave New World” durch Papageien ersetzt wurden, die erhebende Sprüche in die Welt hinausschreien.

IV. THE MORNING AFTER..

Aldous Huxley war als Anwohner von Los Angeles interessiert an den Entwicklungen der amerikanischen Politik. Die Wahl von J.F. Kennedy hatte er mit Widerwillen zur Kenntnis genommen, ihm missfielen die Millionen von Vater Joe Kennedy “lurking in the background of the young crusader”. Gerade Huxley: Selbst Angehöriger einer bedeutenden Dynastie, der Grossvater bedeutender Biologe, der Bruder UNESCO-Direktor, der Halbbruder Nobelpreisträger. Die intellektuelle Aristokratie, in die Aldous geboren wurde, hat ihm vielleicht ebenso viele Stolpersteine aus dem Weg geräumt wie es Joes Millionen für John F. Kennedy getan haben. 

Der Nachruhm, wiewohl von Lewis wie auch von Huxley, kann sich nicht mit der Glorifizierung messen, die JFK erfahren hat. Dagegen blieben die beiden Denker auch von Verschwörungstheorien, Anklagen und posthumen Verteufelungen weitgehend verschont. Lewis’ und Huxleys Einfluss auf unsere heutige Welt, unser Denken mögen ungleich grösser sein als das politische und kulturelle Erbe, das John F. Kennedy uns hinterlassen hat – doch das ist es nicht, was Unsterblichkeit ausmacht: Es sind Tragödien, Katastrophen, Inszenierungen und Bilder. Während die Geschichte von Huxleys Ruf nach LSD auf dem Sterbebett sich gerade mal als liebevolle Anekdote nacherzählen lässt, haben die zittrigen Super-8-Aufnahmen von Abraham Zapruder  bis heute nichts von ihrer mystischen Kraft verloren. Kennedy, wie er winkt, wie er sich duckt, wie ihm urplötzlich der Kopf explodiert: Das kann einem auch fünfzig Jahre danach noch den Magen umdrehen. Die im Nachhinein beschönigte Inszenierung des Attentats als Zerstörung einer amerikanischen Utopie – sie hallt noch immer nach, lässt sich von noch so vielen kritischen Stimmen nicht unterkriegen. 

Am 24. November 1963 kündigt der eilig eingesetzte neue US-Präsident Lyndon B. Johnson den verstärkten Einsatz von Truppen in Vietnam an. Seine Präsidentschaft ist hiermit bereits gescheitert. 

Gestern, am 22.11.2013, gedachte man JFK allerorten; C.S.Lewis erhielt eine eigene Plakette im berühmten Poet’s Corner der Westminster Abbey; und Huxley? Der hat keine siebenteilige Fantasyreihe geschrieben, die sich Hollywood unter den Nagel reissen könnte, “Brave New World” hat  tatsächlich noch keine einzige Kino-Aufarbeitung erfahren, im Gegensatz zu George Orwell ist seine Name auch nie zu einem im Wörterbuch eingetragenen Adjektiv geworden. In der Tat droht ihm so zukünftige Obskurität, wird es nicht bald zu einem Revival (welcher Art auch immer) seines Werks kommen. 

(mf)