Rezension: Bachtyar Ali – Der letzte Granatapfel (Unionsverlag, 2016)

Seit 1992 veröffentlicht der irakisch-kurdische Autor Bachtyar Ali (*1960) Poesie, Prosa und Essays. Dass es bis zur ersten deutschen Übersetzung eines seiner zahlreichen Werke bis ins Jahr 2016 gedauert hat, ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Ali seit Mitte der Neunzigerjahre in Deutschland lebt. Mit der Publikation von “Der letzte Granatapfel” (auf Kurdisch zuerst erschienen 2002) macht der Zürcher Unionsverlag nun einen ersten Schritt, diese Lücke – sie umfasst unter anderem 11 Romane – zu schliessen.

Es gilt, einen begnadeten Erzähler zu entdecken, dessen bilderreiche Sprache und einfühlsamer Tonfall von der ersten bis zur letzten Seite begeistern.
ali

“Im Morgengrauen des ersten Tages erkannte ich, dass er mich eingesperrt hatte.”: Mit diesen Worten beginnt die Geschichte. Der da spricht nennt sich Muzafari Subhdam. Der Ort, von dem aus er erzählt, ist ein kleines Flüchtlingsboot, das orientierungslos auf dem Mittelmeer treibt. Und jener “erste Tag”, den er erwähnt – das ist die Ironie – ist sein erster Tag in “Freiheit” nach einundzwanzigjähriger Gefangenschaft.

Damals, einundzwanzig Jahre davor, war Muzafari selbst ein wichtiger Freiheitskämpfer. Um seinem Freund, dem Führer der Revolution, die Freiheit zu schenken, liess er sich einsperren. Die Welt, in die er nun zurückkehrt, ist nicht mehr dieselbe. Tod, Krieg und Verrat haben alles zerstört – das ganze Land ist ein Schlachtfeld. Und in dieses zieht es Muzafari hinaus, denn er ist überzeugt, dass hinter seinem jahrzehntelangen Überleben in der Gefangenschaft ein Plan zugrunde liegt, dass eine Aufgabe auf ihn wartet: Er muss seinen Sohn finden – Saryasi Subhdam -, der zur Zeit der Verhaftung gerade erst zur Welt gekommen war.

Der junge Mann aber, so wird ihm gesagt, ist tot. Doch ist das die (ganze) Wahrheit?

Über einen zweiten Erzählstrang wird der Leser behutsam an die Geschichte von Saryasi herangeführt. Ein zerbrechlicher Junge namens Mohamadi Glasherz, Sohn eines einflussreichen Politikers und Lüfter grosser Geheimnisse, sowie die zwei keuschen Weissen Schwestern und ein mystischer Granatapfelbaum spielen darin gewichtige Rollen. Es dauert nicht lange, bis deutlich wird: es gibt mehr als einen Saryasi Subhdam – und das Einzige, was sie zu verbinden scheint, ist die Unkenntnis ihrer eigenen Herkunft und ein gläserner Granatapfel, den alle von ihnen besitzen.

“Der Mensch ist ein wegloses Wesen, denn er weiss nicht, wohin mit sich selbst. Lieber versperrt er sich selbst die Tür, um nicht die mühsame Suche nach dem Weg beginnen zu müssen.”

In dieser Parabel lotet Bachtyar Ali Themen wie Identität, Freundschaft, Freiheit und Gefangenschaft einfühlsam und erzählerisch meisterhaft aus. Zunächst entscheidet er sich, nicht zu historisieren: so bleibt der Roman auch ohne profunde Kenntnisse des kurdischen Freiheitskampfes und der unterschiedlichen innerkurdischen Konflikte, vor deren Hintergrund sich die Geschichte abspielt, verständlich. Alis Interesse gilt dem einzelnen Menschen, seinem Schicksal, seinem ganz eigenen Weg auf dieser Welt. Auch der Krieg – der stete Begleiter aller Figuren – wird hier nicht als brutales Gemetzel zur Schau gestellt, nein, er spiegelt sich in den Menschen, in ihren Geschichten, ihren Ängsten und Hoffnungen.

Wenngleich der Tonfall des Ich-Erzählers Muzafari bisweilen etwas gar pathetisch anmutet und einige Bilder und Metaphern (allen voran: die Reinheit) ein wenig überstrapaziert werden, ist “Der letzte Granatapfel” auch ein grosses Sprachkunstwerk. Poesie und Prosa finden – auch in der Übersetzung von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim – mühelos zueinander. Die Kombination von Magie und Realismus – eine Zuschreibung, die die Literaturkritik gemeinhin südamerikanischen Autoren vorbehält – erschafft eine einzigartige Erzählstimme, fernab von den Konventionen europäischer und amerikanischer Literatur.

Eine bedeutende Entdeckung und unbedingte Leseempfehlung!

Ali, Bachtyar. Der letzte Granatapfel. Aus dem Kurdischen (Sorani) von Ute Cantera-Lang und Rawezh Salim. Zürich: Unionsverlag 2016. 352 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-293-00499-3

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