Rezension: Georgi Gospodinov – 8 Minuten und 19 Sekunden (Droschl, 2016)

Die zeitgenössische bulgarische Literatur führt im deutschen Sprachgebiet nach wie vor ein Schattendasein. Dies kann unterschiedliche Gründe haben: einerseits bedienten oder bedienen sich etliche der bekanntesten bulgarischstämmigen Stimmen gar nicht der Sprache ihrer Heimat (etwa Elias Canetti, Tzvetan Todorov und Ilja Trojanow), andererseits bleibt vieles von dem, was auf Bulgarisch erscheint, hierzulande noch unübersetzt. Sinnbildlich für das Schattendasein steht vielleicht der grosse Autor Georgi Markow (1929-1978), dessen Texte – sie erscheinen auf Deutsch beim Wieser-Verlag in Klagenfurt – nur einem sehr kleinen Publikum bekannt sein dürften –  ganz im Gegensatz zu seinen spektakulären Todesumständen.

Wie auch immer: es gibt glücklicherweise Ausnahmen. Zu nennen wäre da etwa Vladimir Zarev, dessen opulente Weltschev-Trilogie (erschienen beim Deuticke-Verlag) einen ausgezeichneten (und mit insgesamt 2236 Seiten enorm umfangreichen) Einstieg in die bulgarische Geschichte und Literatur liefert. Und dann ist da noch Georgi Gospodinov, geboren 1968 in Jambol, Autor zweier hochgelobter Romane (“Natürlicher Roman”, 1999, und “Physik der Schwermut”, 2011) sowie diverser Gedichtbände, Kolumnen, Theaterstücke und Kurzgeschichten-Sammlungen.
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In letztere Kategorie fällt auch der Band “8 Minuten und 19 Sekunden”, der dieses Jahr beim Droschl-Verlag erschienen ist. 19 Kurz- und Kürzestgeschichten sind darin versammelt, geschrieben zumeist zwischen 2008 und 2012. Die Texte sind ein idealer Weg, sich diesem experimentierfreudigen Geschichtenerzähler – so soll er sich selbst nennen – zu nähern.

Bei den titelgebenden 8 Minuten und 19 Sekunden handelt es sich um den Zeitraum, den das Licht benötigt, um von der Sonne zur Erde zu gelangen. Erlischt also die Sonne, bleiben den Lebewesen auf unserem Planeten noch exakt diese 8:19, um sich des Lebens zu erfreuen. Womit wir beim verbindenden Thema der meisten dieser Erzählungen sind: Apokalypse – sei es nun in globalem oder persönlichem Ausmass. “Manchmal ist das Ende der Welt etwas sehr Persönliches” lässt er denn auch die Figur Gaustìn – einen wiederkehrenden Charakter in Gospodinovs Geschichtenuniversum – schreiben.

Der Band versammelt Weisen von der Einsamkeit (“Weisst Du, aus welcher Materie der Kosmos gemacht ist? Er ist aus Einsamkeit gemacht.” aus: “Und alles wurde Mond”), melancholische Träumereien (etwa “Auf der Suche nach Carla in Lissabon”), Geschichten von Abwesenheit (ausgezeichnet: “Das Ritual”), “Geschichten vom Einander-Verpassen” (noch besser: “O, Henry!”) und Geschichten tragikomischen Schicksalen im Angesicht drohenden Untergangs (siehe etwa die exquisiten Charakterstudien in “Die Gesichter der letzten Tage”, die nicht zuletzt an Canettis “Der Ohrenzeuge” erinnern.)

Einsamkeit und Abwesenheit zeigt Gospodinov mit Vorliebe an Worten, die unbeantwortet bleiben müssen: Briefe an Verstorbene, Briefe von Verstorbenen, ein Mann, der eine Stoffpuppe zu seiner Tochter auserkoren hat (“Tochter”) und ein Waisenjunge, der nacheinander einen Kastanienbaum, eine Büste von Stalin und einen streunenden Hund als Vater betrachtet und sie allesamt durch tragische Umstände verliert (das dritte Glanzlicht: “Einen Vater adoptieren”). Und dann ist da doch immer wieder dieses Licht, der Ausblick auf eine Version der Geschichte, die weniger apokalyptisch scheint: “In diesem Verpassen liegt mehr Liebe als in allen Begegnungen der Welt, falls euch das nicht zu sentimental klingt.” (noch einmal aus “O, Henry!”).

Bitterer Zynismus und Ironie verbinden sich in Gospodinovs Prosa mit einer aufrichtigen Grossherzigkeit und Menschenliebe. Was beim ersten Gedanken unvereinbar anmuten mag, entwickelt sich in den Etüden dieses begnadeten bulgarischen Erzählers zu einem einzigartigen Sound, der weit über das spezifisch osteuropäische Element hinaus – die vielen Verweise auf die sozialistische Vergangenheit des Landes – Anklang finden wird. Ausgestattet mit untrüglichem Blick für Details, der Fähigkeit Alltägliches auch schon mal in apokalyptische Dimensionen zu transportieren und einer prägnanten Sprache, wie geschaffen für diese Miniaturen, darf Georgi Gospodinov sicherlich zu den interessantesten Stimmen gegenwärtiger europäischer Literatur gezählt werden.

Gospodinov, Georgi. 8 Minuten und 19 Sekunden. Erzählungen. Aus dem Bulgarischen von Alexander Sitzmann. Graz: Droschl 2016. 144 S., gebunden m. Schutzumschlag. 9783854209485

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