Rezension: Alexander Ilitschewski – Der Perser (Suhrkamp, 2016)

“Weltliteratur”: selten erschien der Begriff passender. Der russische Autor Alexander Ilitschewski (*1970) hat mit “Der Perser” (Original: 2010) den Roman des bisherigen 21. Jahrhunderts geschrieben. Ein weltumspannendes, siebenhundertfünfzigseitiges Epos, das die Fäden von Politik, Religion, Wissenschaft und Poesie in ein weitreichendes Episodennetz verstrickt und in ihre globale Dimension rückt.

perser

Das Grundgerüst der Handlung ist schnell umrissen: der Ich-Erzähler Ilja, ein russischer Geologe und Computertechniker, der in den 1990er-Jahren in die USA emigriert ist, kehrt an den Ort seiner Kindheit – Baku und die umliegenden Gebiete am Kaspischen Meer – zurück, um seiner Ex-Frau Therese nachzustellen und seinen Jugendfreund Hasem wiederzufinden. Dieser lebt gemeinsam mit einer Gruppe von “Hegern”, die sich um die Zucht der vom Aussterben bedrohten Kragentrappe bemühen, in einem Naturpark. Hasem wird von seinen Leuten verehrt, entwickelt sich nach und nach zu einer messianischen Figur, in deren Bannkreis auch Ilja gerät.

Ilja, der in Kalifornien studiert hat und ein nomadisches Leben führt, ist auf der Suche nach etwas, das er LUCA (Last Universal Common Ancestor) nennt, vereinfacht: auf der Suche nach den Ursprüngen irdischen Lebens. An all seinen Arbeitsplätzen – meist Orte, wo Erdölbohrungen gemacht werden – nimmt er Proben und schickt sie an ein Labor in Genf. Am Kaspischen Meer, seit dem 19. Jahrhundert ein Epizentrum des Ölgeschäfts, wo etwa die Familien Rothschild und Nobel  investierten, erhofft er sich weitere Hinweise.

Bald aber rückt Jugendfreund Hasem in den Fokus seiner Rückkehr. Hasem ist ein Guru, ein Hippie, ein Rastafari, ein Dichter, ein Messias, der den Naturpark zu einem Quartier für Derwische gemacht und von allen geliebt und verehrt wird. Er “sucht Gott im Menschen” und will, “dass die Religion endlich lernt, den Menschen zu respektieren”. Er verehrt den russischen futuristischen Dichter Velimir Chlebnikov, nach dem er seine Kolonie auch benannt hat. Hasem: ein Perser, der russisch denkt und fühlt, sich aber den Widersprüchen seiner Heimat nicht entziehen will.

In den Figuren und im Raum, in dem Grossteile der Handlung in Vergangenheit und Gegenwart sich abspielen, sind die grossen Konflikte des Werks schon angelegt. Das Kaspische Meer, jener gigantische See – beinahe zehnmal so gross wie die Schweiz -, der die Grenzen Irans, Aserbaidschans und Russlands umspült, war und ist Kontaktzone globaler Interessen. Gierige Rohstoffspekulanten, amerikanische Militärs, gottergebene Derwische, Schmuggler, skrupellose arabische Falkenjäger prallen aufeinander, müssen ihre Lebensweisen miteinander aushandeln. In einer von Ilitschewski spektakulär beschriebenen Wildnis kommt es zur Begegnung grosser Weltreligionen, unersättlicher Machtansprüche und atemberaubender Naturphänomene.

In diesem Spannungsfeld siedelt Alexander Ilitschewski sein mäanderndes, immer wieder zwischen Zeiten hin und her springendes, vor grausamen, liebevollen, mitreissenden, spannungsgeladenen Episoden schier überbordendes Epos an. Zu den grandiosesten Szenen gehören jene, in denen ein einstmals weltoffener, von der Königsfamilie geächteter saudischer Prinz mit seiner Entourage zur Falkenjagd anreist; sein Name: Osama bin Laden. Die Falken der arabischen Elite haben es auf die seltenen, von Hasem gehegten Kragentrappen abgesehen, deren Fleisch die Jäger aphrodisische Qualitäten zuschreiben. “Grausamkeit und archaische Raubgier”, verkörpert durch die Falkenjäger, kreuzen sich mit den auf Welt- und Menschenveränderung angelegten Ideen des Persers. Es kommt zum gewaltsamen Zusammenprall, mit dem letztlich auch das Buch in sein atemberaubend dramatisches Finale mündet.

Was Alexander Ilitschewski geschafft hat, ist: Weltliteratur im wahrsten Sinne des Wortes zu verfassen; ein Buch, dessen Schauplätze und Mentalitäten ein globales Panorama der Befindlichkeiten im 20. und 21. Jahrhundert entfalten. Ökologische, religiöse, soziale, politische und ökonomische Grenzkonflikte unserer Zeit hat er in ein Werk von schillernder Erzählkraft gebannt, das von Übersetzer Andreas Tretner meisterhaft (will man den russischkundigen Kritikern glauben) ins Deutsche übertragen wurde. “Der Perser” zerlegt Ängste und Ansprüche, Komplexe und Überzeugungen einer global immer besser vernetzten Weltgesellschaft in tausende und abertausende Einzelteile. Was Alexander Ilitschewski geschafft hat, ist: den Roman unseres Jahrhunderts zu schreiben.

“Was bringt die Menschheit voran?”, heisst es an einer Stelle. Antwort: “Ausuferndes Denken.” Ilitschewskis Stil ist in der Tat ausufernd, bisweilen wirklich in jedes Detail verliebt, und doch erscheint der Text nie redundant, nie beliebig. Die überschäumende, mal messerscharfe, mal poetisch zierreiche Sprache, der profunde Kenntnisreichtum auf unterschiedlichsten Gebieten und die eindrückliche Zeichnung der Figuren machen jede dieser 750 Seiten lesenswert. Im Anhang befindet sich zudem ein Apparat mit Anmerkungen des Übersetzers, der für das Verständnis diverser geografischer und fachspezifischer Begriffe sehr hilfreich ist.

Weiteführend: Interessante tiefere Einblicke in die unzähligen Referenzen, die Ilitschewskis Roman bereithält, bietet das Arbeitsjournal des Übersetzers Andreas Tretner, das sich hier entdecken lässt.

Ilitschewski, Alexander. Der Perser. Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Berlin: Suhrkamp 2016. 750 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-518-42499-5 .

4 thoughts on “Rezension: Alexander Ilitschewski – Der Perser (Suhrkamp, 2016)

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