Rezension: Guillaume Musso – Nacht im Central Park (Piper, 2015)

Wunden, die nach mehreren Jahren erneut aufreissen, sind umso schmerzhafter. Vielleicht sollen sie aber auch nur etwas anderen, tiefer liegendes überdecken… Guillaume Musso verbindet in seinem neusten Roman gekonnt eine brillant-rasante Erzählung mit fragilen Themen der Gesellschaft. 

REZENSION VON ANNINA HALLER 

musso

Wie gelangt man über Nacht von Paris nach New York in den Central Park? Und dazu auch noch bewusstlos, blutverschmiert, ohne Geld und Papiere sowie mit Handschellen an einen Mann gekettet, der einem fremd ist? Genau das muss sich Alice Schäfer fragen.

Guillaume Mussos Protagonistin wacht auf einer Bank auf, geweckt vom schneidenden Wind, der sie frösteln lässt.  Wie sie hierhin gekommen ist und vor allem wieso sie an diesen Mann gekettet ist, weiss sie nicht. Alice erinnert sich, am Abend zuvor mit ihren Freundinnen auf den Champs-Élysées ausgegangen zu sein. Sie muss sich also irgendwo in einem Park in oder um Paris befinden. Diese Schlussfolgerung passt jedoch gar nicht zur Geschichte des Mannes, der sich als Gabriel Keyne vorstellt. Der Jazzpianist aus Amerika behauptet, er habe am Abend zuvor einen Auftritt in Dublin gehabt und ist daher der festen Überzeugung, irgendwo in Irland sein zu müssen. Aber wer hat denn nun Recht?

Wie sich bald herausstellt, liegen beide falsch, denn sie befinden sich – wie der Titel des Romans schon zu Beginn verrät – in New York im Central Park. Wer treibt ein falsches Spiel mit Alice und Gabriel? Wer hat sie aneinander gekettet und in so kurzer Zeit nach Amerika gebracht? Und kann Alice diesem Gabriel überhaupt vertrauen? Und doch steckt er ja mit ihr in dieser verzwickten Situation. So setzen die beiden wohl oder übel alles daran, gemeinsam herauszufinden, was passiert ist. Das ist jedoch leichter gesagt als getan, haben sie doch weder Geld, Papiere noch Handys bei sich. Und Alice befürchtet gar, dass sie sich strafbar gemacht haben und deswegen gesucht werden könnten. Immerhin befindet sich auf ihrer Bluse Blut, das nicht ihr eigenes ist.

Da sich Alice und Gabriel keine bessere Möglichkeit ausdenken können, um an ein Handy oder ein Fortbewegungsmittel zu kommen, stehlen sie bald beides. Und das bleibt von der Polizei nicht unbemerkt. Schon auf den ersten hundert Seiten liefert Guillaume Musso dem Leser eine schnelllebige Verfolgungsjagd durch Manhattan. Er zeigt hier eine seiner Stärken: Einer eigentlich kurzen Zeit widmet Musso sehr viele Seiten – und trotzdem vergeudet er keine Worte für unnötige Beschreibungen. Die Szenen gerade zu Beginn von Nacht im Central Park werden dadurch unglaublich lebendig und langweilig wird dem Leser nie.

Guillaume Musso bleibt aber keineswegs in der Gegenwart stehen. Zwischendurch lässt er Alice immer wieder in ihre eigene Vergangenheit blicken und zeigt dem Leser ihre schwierige Vergangenheit: In nur einer tragischen Nacht verliert Alice ihr ungeborenes Kind und ihren Mann: Alice gerät während einer Ermittlung selbst an den mutmasslichen Serienmörder. Obwohl sie sich als Hochschwangere eigentlich aus den Ermittlungen raushalten sollte, treiben Alices Hartnäckigkeit und ihre unerschrockene Art genau in seine Arme. Fast wird Alice zum jüngsten Opfer des gesuchten Mörders, doch das Baby in ihrem Bauch verhindert tragischerweise, dass das verwendete Messer Alices Organe trifft. Mit schweren Stichverletzungen wird sie in die Notaufnahme gebracht. Ihr Mann – selbst ein Arzt – wird informiert und macht sich unverzüglich auf den Weg. Ein Unfall stoppt ihn jedoch mitten auf dem Weg von seinem Vorhaben…

Alices emotionale Wunden werden drei Jahre später wieder aufgerissen, während sie sich mit Gabriel auf die Suche nach Antworten begibt. Diese Suche führt sie nämlich wieder auf die Fährte desselben Serienmörders. Gabriel ist Alice dabei nach gewissen Anfangsschwierigkeiten eine unerwartet grosse Hilfe in ihren Ermittlungen. Verbirgt sich hinter diesem Mann wohl auch mehr als ein Musiker?

Mussos neuster Roman überzeugt erneut durch einen rasanten Lesespass. Den Leser erwartet eine spannende Lektüre mit zahlreichen halsbrecherischen Wendungen. Die Auflösung am Schluss mag zu schnell und für gewisse Geschmäcker etwas konstruiert daherkommen. Dennoch sorgt das Unvorhersehbare dieses Endes für die zufriedenstellende Abrundung eines angenehmen sowie umso spannenderen Lesegenusses. Guillaume Musso zeigt, dass einen nicht nur die Vergangenheit einholen kann, sondern manchmal auch die Gegenwart. Begibt man sich an den Anfang des Buches, eröffnet sich einem dadurch auch die Bedeutung des dort aufgeführten Zitats von William Somerset Maugham:

Die Dinge, die einem entgehen, sind von grösserem Wert als die Dinge, die man besitzt.

Musso, Guillaume. Nacht im Central Park. Aus dem Französischen von Eliane Hagedorn, Bettina Runge. München: Piper 2015. 384 S., Klappenbroschur. 978-3-86612-378-6 

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