Zürcher Streifzüge (8): “Ein See, ein Berg und zwei Flüsse!”

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Nach langer, allzu langer Zeit wieder einmal ein Streifzug. Arbeit und Studium haben es mir in letzter Zeit verunmöglicht, längere Beiträge zu recherchieren. Hierfür möchte ich mich bei allen Lesern und Leserinnen, die sich auf meine angekündigte Regelmässigkeit verlassen haben, entschuldigen. Nun aber möglichst schnell hinein ins Getümmel der Zürcher Bahnhofstrasse. Wir schreiben das Jahr 1918….:

BAHNHOFSTRASSE

The eyes that mock me sign the way
Whereto I pass at eve of day,


Grey way whose violet signals are
The trysting and the twining star.


Ah star of evil! star of pain!
Highhearted youth comes not again


Nor old heart’s wisdom yet to know
The signs that mock me as I go.

Sechsunddreissig war er, als er während eines Spaziergangs entlang der Zürcher Bahnhofstrasse zum ersten Mal vom “star of evil” überfallen wurde, vom Grauen Star, jener Augenkrankheit, die ihn für den Rest seines Lebens in stete Sorge um sein Augenlicht versetzte. Und auch später immer wieder nach Zürich zurückführte.

James Joyce.

Kaum ein Autor des Zwanzigsten Jahrhunderts wurde so chirurgisch präzise analysiert, Wort für Wort und Schritt für Schritt seziert wie der Ire James Joyce (1882-1941). So ist es auch kaum verwunderlich, dass seine mehrfachen Aufenthalte in Zürich detailliert untersucht wurden. Die Landkarte der Innenstadt lässt sich mit einem ganzen Netz von Joyce-bezogenen Orten überziehen, ein mehrtägiger Aufenthalt in Zürich könnte einzig dazu verwendet werden, diese Erinnerungsorte aufzusuchen.  Man sehe selbst:

JOYCEZH

Die Wohnorte: 1. Gasthaus Hoffnung, Reitergasse 16 (Oktober 1904 & Juni/Juli 1915), 2. Reinhardstrasse 7 (7. Juli – 15. Oktober 1915), 3. Kreuzstrasse 19 (15. Oktober 1915 – 31. März 1916), 4. Seefeldstrasse 54 (31. März 1916 – 30. Januar 1917), 5. Seefeldstrasse 73 (30. Januar – 12. Oktober 1917), 6. & 7. Universitätsstrasse 38 bzw. 29 (Januar 1918 – 15. Oktober 1919), 8. Hotel St. Gotthard (18.April – 15. Juni 1930 & 16. Juli – 13. August 1933), 9. Hotel Carlton Elite (7 Aufenthalte zw. 1930 und 1938), 10. Mühlebachstrasse 69 (17. Dezember 1940 – 10. Januar 1941).
Die Aufenthaltsorte: A. Cafe/Restaurant Pfauen, Heimplatz, B. Restaurant Augustiner, Augustinergasse 25, C. Zunfthaus zur Zimmerleuten, Limmatquai 40, D. Kronenhalle, Rämistrasse 4, E. Theatersaal Kaufleuten, Pelikanstrasse 18, F. Ehem. Augenklinik, Rämistrasse 73 (heute Kunsthist. Institut der Uni Zürich).

I. Ulysses: 1915-1919

Die wichtigste und meisterinnerte Zürcher Zeit von Joyce sind die Jahre des Ersten Weltkriegs. 1915 lebte Joyce bereits seit elf Jahren auf dem europäischen Festland, genauer in Triest. Mit seiner Frau Nora und den beiden Kindern George (*1905) und Lucia (*1907) verlässt er am 28. Juni das Exil, um sich ein neues zu suchen. Die Einreise in die Schweiz klappt problemlos, der erste Aufenthalt in Zürich – im selben Gasthof wie bereits 1904! – wirkt scheinbar zufällig. “Weil es die erste grössere Stadt nach der Grenze war”, schreibt er an seine spätere Mäzenin Harriet Shaw Weaver. Er sollte bis im Oktober 1919 nicht mehr abreisen.

Diese Jahre waren einerseits geprägt von vielen Wohnortswechseln – sieben insgesamt – und finanziellen Schwierigkeiten. Die vierköpfige Familie konnte mit den Einnahmen aus James’ Privatstunden nicht überleben und hielt sich nur dank unterschiedlicher Zuwendungen und freundschaftlicher Dienste über Wasser. Der treue Freund Ruggiero etwa, vermittelte der Familie die Wohnung an der Seefeldstrasse 73, in der sein kurz zuvor verstorbener Vater gewohnt hatte. Unter den finanziellen Hilfestellungen sind diejenigen von Joyces Mäzeninnen Harriet Shaw Weaver und Edith McCormick, einer exzentrischen Rockefeller-Erbin, hervorzuheben, die grosszügige Beträge an den Künstler überwiesen.

Dieses Geld erlaubte es Joyce, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Und Arbeit, das hiess: Ulysses. Dreizehn Kapitel seines monströsen Werks vollendete oder begann Joyce in Zürich, den Rest schrieb er ab 1920 in seiner neuen Heimat Paris. Die Erinnerungskultur fokussiert sich stark auf diese Arbeit, so verlautet etwa die Gedenktafel an der Universitätsstrasse 38: “In diesem Hause wohnte der irische Dichter James Joyce von Januar bis Oktober 1918. Er arbeitete hier an seinem Roman Ulysses.”

Das Haus an der Universitätsstrasse 38 (heute Haldenstrasse 12/14). Joyce wohnte im ersten Stock.

Das Haus an der Universitätsstrasse 38 (heute Haldenstrasse 12/14). Joyce wohnte im ersten Stock.

Am gesellschaftlichen Leben Zürichs nahm Joyce kaum teil. Auch Kontakt zur zur selben Zeit aufkommenden Künstlerbewegung der Dadaisten gab es wohl kaum. Zu den Freunden und Bekannten gehörten der Bankangestellte Paul Ruggiero, der englische Maler Frank Budgen oder die Nachbarin Martha Fleischmann, die Joyce 1919 mit einigen Liebesbriefen (auch auf deutsch!) umgarnte. Viele von ihnen fanden, genau wie viele Zürcher Orte und Anlässe, verborgenen Eingang in den Ulysses oder in Joyces kryptisches Spätwerk “Finnegans Wake”.

II. Medizinisch bedingte Aufenthalte: 1930-1940

Nachdem die Familie 1920 ihren Lebensmittelpunkt nach Paris verlagert hatte, kehrte James Joyce lange Zeit nicht mehr nach Zürich zurück. Erst ab 1930 begannen wieder regelmässige Besuche: einerseits um alte Freundschaften zu pflegen, hauptsächlich aber um sich beim angesehenen Augenarzt Alfred Vogt in Behandlung zu begeben.

“Was für eine Stadt!”, soll Joyce ausgerufen haben, als er nach mehr als zehnjähriger Abwesenheit 1930 wieder in Zürich ankam, “Ein See, ein Berg und zwei Flüsse!” Die zwei Flüsse: sie hatten es ihm schon Jahre zuvor angetan. Der Ort, an dem die beiden Zürcher Fliessgewässer, die Sihl und die Limmat, zusammenfinden, gehörte stets zu seinen Lieblingsplätzen. Hier, am sogenannten Platzspitz, ist eine Serie der bekanntesten Portraitaufnahmen des Autors entstanden.

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James Joyce am Platzspitz. Quelle: joycefoundation.ch 

1934 waren es erneut medizinische Gründe, die James Joyce nach Zürich brachten. Diesmal jedoch war es seine Tochter Lucia, die Hilfe benötigte. Seit Anfang der Dreissigerjahre hatte sich deren Geisteszustand stetig verschlimmert, der Vater war besorgt, reiste mit ihr in die Schweiz, um sie heilen zu lassen. Im Sanatorium von Prangins am Genfersee blieb sie acht erfolglose Monate. Am Tag vor der gemeinsamen Abreise mit James liess sie ihr Zimmer in Flammen aufgehen. Endlich rang Joyce sich durch, seine Tochter in die psychiatrische Klinik Burghölzli in Zürich zu bringen, wo der Psychoanalytiker C.G. Jung sie behandeln sollte. Zwischen Jung und Joyce hatte es, ohne dass sie sich kannten, früher bereits einige Spannungen gegeben, nachdem Jung in einem Vorwort zur deutschen Ausgabe den “Ulysses” angegriffen hatte. Joyce hatte verärgert geantwortet und unter anderem an seinen Übersetzer geschrieben: “Er [Jung] scheint den Ulysses von Anfang bis Ende ohne ein Lächeln durchgelesen zu haben. Das einzige, was man in einem solchen Fall machen kann, ist, sein Getränk zu wechseln.” Es erscheint angesichts dieser ungünstigen Vorzeichen kaum mehr verwunderlich, dass auch Jungs Behandlung von Lucia keine fruchtbaren Ergebnisse hervorbrachte.

III. Der Tod

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs beunruhigte James Joyce in seinem Pariser Exile. Er wusste, er würde nach zwanzig Jahren wieder gezwungen sein, die Heimat zu wechseln. Die unermüdlichen Freunde Ruggiero und Carola Giedion-Welcker setzten sich bei der Schweizer und der Zürcher Politik für eine Einreisegenehmigung ein, die letztlich auch ausgestellt wurde. Am Abend des 17. Dezember 1940 erreicht die Familie Joyce – zu der nun auch Georges Sohn Stephen gehört – die alte Heimat Zürich, sie logiert in der Pension Delphin an der Mühlebachstrasse im Seefeld, ganz nahe einiger alter Wohnsitze. Bei der Familie Giedion wird bald darauf Weihnachten gefeiert, Joyce ist guter Laune, voller Esprit.

Am 9. Januar 1941 lädt Joyce Ruggiero aus Dankbarkeit für dessen unschätzbaren Dienste zu einem Essen in der Kronenhalle ein. Die gute Laune schien verflogen, Joyce zeigte keinen Appetit, rauchte seine Viriginias und trank Weisswein. Gegen halb zwölf verliessen sie das Lokal und gingen nach Hause. Wenig später musste Joyce mit schrecklichen Magenkrämpfen hospitalisiert werden: ein Zwölffingerdarmgeschwür machte eine sofortige Operation notwendig. Joyce überlebte, doch dann verschlechterte sich sein Zustand plötzlich rasant. Am 13. Januar 1941, um 2.15 Uhr morgens, verstarb James Joyce. Er wurde in Zürich auf dem Friedhof Fluntern in der Nähe des Zoos in einem einfachen Grab beigesetzt, aus dem freilich 1966 ein Ehrengrab gemacht wurde, in welchem auch seine Frau Nora, sein Sohn George und dessen Ehefrau bestattet sind.

Nora soll später einmal zu Freunden gesagt haben: “Er liebte die Löwen so sehr. Es tröstet mich, wenn ich daran denke, dass er jetzt dort liegt und das Gebrüll der Tiere hören kann.”

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Milton Hebalds Statue von James Joyce auf dem Friedhof Fluntern. Quelle: Stadt Zürich.

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Die Originalhandschrift des Gedichtes “Bahnhofstrasse”. (1918) Die verzierte Initiale malte Tochter Lucia. Quelle: ZB.


Die meisten Informationen entstammen der hervorragenden Monographie: Joyce in Zürich von Thomas Faerber und Markus Luchsinger. Zürich: Unionsverlag 1988.

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