Rezension: Stefan Soder – Club (Braumüller 2015)

Zwei ungleiche Männer führt der österreichische Autor Stefan Soder in seinem hervorragenden Roman “Club” hinter den Mauern einer Villa hoch über Zürich zusammen: den wohlhabenden Finanzmathematiker Thomas Einselber und den heruntergekommenen Enthüllungsjournalisten Klaus Reiterer. Wieso begeben sie sich in eine mysteriöse Einrichtung, aus der kein Mensch je wieder aufgetaucht ist?

club2

Einselber ist etwa fünfzigjährig, gut bezahlter Finanzmathematiker in New York, aufgewachsen ist er in Österreich, studiert hat er in Zürich. Er ist zutiefst neurotisch, ein Kontrollfreak, verachtet menschlichen Kontakt und Schmutz, trägt stets Handschuhe, selbst wenn er sich mit der Prostituierten Katie vergnügt. Unter dem Vorwand, geschäftlich nach China zu reisen, verabschiedet er sich von den wenigen Freunden, die er hat, lässt all sein Hab und Gut von Mitarbeitern einer Firma Ascendant räumen – und macht sich auf den Weg in die alte Heimat Zürich.

Reiterer auf der anderen Seite begegnen wir zunächst im Sündenpfuhl eines südeuropäischen All-Inclusive-Hotels, wo er mit seiner Frau Sandra und dem gemeinsamen Sohn Julian Urlaub verbringt. Bis kurz davor war er ein scheinbar unaufhaltsamer skrupelloser Enthüllungsjournalist, der in den schmutzigen Niederungen der österreichischen Politik Schlamm aufwirbelte, Leute en masse durch den Dreck zog, dabei unkontrolliert Drogen konsumierte, wilde Orgien feierte. Und anlässlich einer Orgie unverhofft Sandra schwängerte. Sie dann in einer Pflichtübung heiratete, seinen Lebensstil aber nicht aufgab. Sich letztlich mit zu mächtigen Gegnern anlegte und für eine Zeit im Gefängnis landete. Nun ist er wieder draussen und macht familiären Urlauben.

Während er im Club ist aber, erhält er einen Anruf von seinem ehemaligen Chef Trixler, der ihm eine zweite Chance geben will: Unter dem Decknamen Robert Simonic soll er sich in einen elitären Zürcher Club namens Ascendant einkaufen, hinter dessen Mauern wohlhabende Menschen verschwinden und nie wieder auftauchen. Die Reportage wäre gut bezahlt und soll ihm den Wiedereinstieg ins Geschäft ermöglichen, Reiterer beisst an.

Ascendant, so stellt sich bald heraus, ist ein Club, der reichen, übersättigten Menschen letzte Genugtuungen (vornehmlich sexueller Art) gewährt, ehe sie ihre “Bestätigung” erfahren. Hiermit ist der kontrollierte, selbst gewählte Tod gemeint, die Sterbehilfe. Einselber, der sich aus Überdruss und Enttäuschung, ja aus purem Scheitern am Leben und den Menschen selbst eingekauft hat, gibt sich dem Zeremoniell bereitwillig hin. Jeder Gast erhält eine Begleiterin, die ihm jeden Wunsch erfüllt und ihn so oft wie nötig mit verschiedenfarbigen Pillen versorgt, schmerzlindernden, betäubenden, potenzsteigernden. Einselber verliert innerhalb kürzester Zeit aufgrund der Drogen seine Hemmungen und seinen Ekel, er gibt sich den wilden sexuellen Orgien, die auf dem Gelände Tag und Nacht abgehalten werden, mit vollem Eifer hin.

Reiterer auf der anderen Seite, der Orgienspezialist, der unverhofft und mit anderen Erwartungen an diesen Ort gelangt ist, entwickelt selbst bald einen Ekel, sehnt sich jetzt plötzlich nach familiärer Geborgenheit, übt sich in Selbstdisziplin und beginnt letztlich gar um sein Leben zu fürchten, als er bemerkt, dass dem irren Anstaltsleiter Max seine echte Identität bekannt ist (fast wähnt man sich bei Dürrenmatt)…

Stefan Soder (*1975) ist mit “Club” ein hervorragender Roman gelungen. Zum einen ist die Dramaturgie der beiden Protagonisten, denen jeweils abwechselnd Kapitel gewidmet sind, ausgezeichnet. Der Chiasmus, also die Überkreuzung, ihrer Entwicklungen weiss zu überzeugen: Einselber, ein Leben lang Vollblutneurotiker, der sich in seinen letzten Tagen gewaltigen Orgien hingibt, während Reiterer, sein bisheriges Leben lang überzeugter Kontrollverlierer, der angesichts der wohlhabenden sterbewilligen Eskapisten plötzlich Gefühle der Dankbarkeit und Verantwortung entwickelt – das ist fantastisch inszeniert.

Zum anderen ist es natürlich das Thema selbst, das bewegt: Der Tod als letzte Dienstleistung im Leben, die Möglichkeit absoluter Kontrolle über die eigene Existenz. Wobei der Eintritt in den Club Ascendant bezeichnenderweise nur sehr wohlhabenden Menschen möglich ist. Was treibt einen Menschen dazu, sich – bisweilen keinesfalls krankheitsbedingt – den Austritt aus dem Leben zu wählen? Ist es legitim, einen Menschen bei diesem Vorhaben zu unterstützen? Ist das Zelebrieren sexueller Ausschweifungen als letzte irdische Vergnügung moralisch verwerflich? Diese und weitere Fragen stellen sich bei der Lektüre von “Club”, einem spannenden, zum Nachdenken anregenden, kritischen Gesellschaftsroman, dessen Lektüre ich mit Nachdruck ans Herz lege.

Soder, Stefan. Club. Wien: Braumüller 2015. 360 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-99200-127-9

One thought on “Rezension: Stefan Soder – Club (Braumüller 2015)

  1. Pingback: Junipost aus Wien – | Der Hotlistblog

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s