Rezension: Jochen Rausch – Rache (Berlin-Verlag 2015)

In seinem neuen Erzählband versammelt der deutsche Autor Jochen Rausch elf Kurzgeschichten, die die sozialen Abgründe des heutigen Deutschland ausloten. Seine Texte spüren subjektiven Erfahrungen von Ungerechtigkeit und Kränkung nach, die den Protagonisten nur eine Wahl lassen: Rache.

rausch

Zum Helden tauge er nicht, sagt der Protagonist der Erzählung “Gotteskrieger”, ein Wuppertaler Polizeireporter, der in 31 Dienstjahren hauptsächlich über Bagatelldelikte berichtet hat. Und das war ihm auch gerade recht so. Nun aber haben sich die Vorzeichen geändert: Der neue Chefredaktor der Lokalzeitung will die Leserzahlen steigern, fordert Skandale und Spektakel. Da kommt es ihm gerade recht, dass offenbar ein Wuppertaler Vorstadtjunge gen Osten gezogen ist, um sich zum Gotteskrieger ausbilden zu lassen. Er setzt seinen Polizeireporter auf den Fall an. Der stösst im ehemaligen Wohnquartier des Jungen auf ein Deutschland, das er nicht mehr verstehen kann und nicht mehr verstehen will. Er wird unverhofft fotografierender Zeuge eines Ehrenmords, wird auf diese Weise selbst zur Zielscheibe – und muss sich untertauchen…

Einerseits fällt diese Geschichte innerhalb der Sammlung aus dem Rahmen, weil sie die Umstände der Gewalttat – also des Ehrenmordes – gar nicht thematisiert; andererseits führt sie typische Merkmale des Figurenkosmos’ und der Szenerien ein, die Rausch in “Rache” an elf verschiedenen Schauplätzen heraufbeschwört. Rauschs deutsche Gesellschaft ist eine Gesellschaft im Zustand der Gereiztheit; eine Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich sich bedrohlich weit aufgetan hat; eine Gesellschaft voller Fässer, die von einem einzigen Tropfen zum Überlaufen gebracht werden können.

Die Mehrheit der Geschichten folgt einem angehenden Täter bis zu eben jenem Punkt, an dem das Fass überläuft, die erfahrene Ungerechtigkeit oder Kränkung so unerträglich wird, dass die Explosion nicht mehr abzuwenden ist. Oder aber sie rekonstruieren eine geschehene Tat, häufig aus unterschiedlichen Perspektiven verschiedener Beteiligter, Augenzeugen oder Verwandter. Der Autor, selbst einst Gerichtsreporter, arbeitet auf kleinem Raum grosse Themen ab, und zwar gleich eine Vielzahl davon. Von ehemaligen Stasi-Spitzeln (“Räucherware”) über die scheinbare Bedrohung durch “den Islam” (“Gotteskrieger”), Missbrauch durch katholische Priester (“Gloria Dei”), die Schattenseiten der Berliner Gentrifizierung (“Krawall”) bis hin zu Gewalt und Übergriffen an den Arbeitsstätten der Unterschichten (“Feuer”) und dynastische Machtkämpfe (“Haie”) deckt Jochen Rausch ein erstaunlich breites Spektrum gesellschaftsrelevanter Themen ab bzw. schneidet diese zumindest an.

Mit grosser Sympathie für die scheinbar wenig heldenhaften kleinen Leute und einer umgekehrt oftmals skrupellosen, machtgierigen und sexuell gewalttätigen Zeichnung der Oberschicht erzählt Jochen Rausch. Seine Sprache ist simpel, klar, reduziert auf das absolut Notwendige. Es gelingt ihm gut, Sympathie und Antipathie zu erzeugen: Für Jan, der Amok läuft, weil er sich von der Kellnerin Isabel betrogen fühlt, empfindet man wohl unweigerlich Abscheu (“Rache”); für Martin hingegen, den ehemaligen Fallmangager eines Jobcenters, der wegen eines Ausrasters Job, Frau und Vermögen verloren hat und nun selbst Sozialhilfeempfänger ist, kommt man nicht umhin gewisse Sympathien zu fühlen (“Die Wanderung”). Wobei natürlich auch dies wieder meine subjektiven Wahrnehmungen davon sind, was eine Kränkung ist, die die drastische Rache auch verdient, und was nicht.

Ob Stadt oder Land, Arm oder Reich, Jung oder Alt, die “Zeiten der Gereiztheit”, wie Jochen Rausch das Symptom nennt, sind omnipräsent. Was den Anlass betrifft, Rache zu nehmen, scheint die Hemmschwelle zu sinken. Immer kleiner werden die Fässer, immer schneller kommt es zu jenem sprichwörtlichen einen Tropfen zuviel. Die Geschichten in “Rache” lassen sich zwischen den Zeilen als Aufforderung für mehr Akzeptanz und Respekt im Umgang mit anderen Menschen lesen, als Aufforderung nicht jede noch so kleine unglückliche Handlung als persönlichen Affront aufzufassen. Darin liegt der über die Texte hinausgehende Verdienst dieses spannenden Sammelbandes.

Rausch, Jochen. Rache. Storys. Berlin: Berlin-Verlag 2015. 288 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8270-1265-4

2 thoughts on “Rezension: Jochen Rausch – Rache (Berlin-Verlag 2015)

  1. Pingback: [Sonntagsleserei]: Mai 2015 | Lesen macht glücklich

  2. drewson

    Nach zwei Geschichten weggelegt. Liest sich (bis dahin) ungefähr so wie erweiterte Kommentare zu aktuellen Zeitungsnachrichten. Gequält fläzige Ausdrucksweise und zu flach – offensichtlich auch unsauber recherchiert, denn neben anderen Sachen die mir aufgestossen sind, kann ich klar sagen, daß Oberbilk keine “ganz feine Gegend” in Düsseldorf ist, es höchstens in Anführungsstrichen eine sein könnte. A.U.

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