Rezension: Heinrich Steinfest – Das grüne Rollo (Piper 2015)

Wie bereits in seinem letzten Roman “Der Allesforscher” (2014) widmet sich der österreichische Autor Heinrich Steinfest in “Das grüne Rollo” den Grenzerfahrungen menschlicher Wahrnehmung, den “Ohrfeigen für die Aufklärung”. Unverhofft entdeckt der Junge Theo eines Nachts einen Durchgang in eine fremde Welt, wo ihn haarsträubende Abenteuer erwarten, die bald übergreifen auf den Alltag in der richtigen Welt. Sollte es eine solche denn überhaupt geben.

steinfest

Zehn Jahre jung ist Theo März, als eines Nachts das grüne Rollo vor seinem Fenster erscheint. Gerade ins Gymnasium eingeteten, ein Teenager im Gefängnis einer schwererziehbaren Familie –  die Eltern pseudo-modern und heuchlerisch, der grosse Bruder sadistisch, die Schwester magersüchtig – lechzt Theo März geradezu nach Fluchtmöglichkeiten. Sobald er erkennt, dass sich auf der anderen Seite des Rollos eine Landschaft mit einem Meer, Strand, einem Mädchen auf einem Laufband und Männern, die ihn beobachten, befindet, verspürt er eine magnetische Anziehung – und stürzt sich durch das schmale Stück Stoff.

Auf der anderen Seite findet der Junge die Welt von Nidastat – im Buch jeweils durch eine grüne Schrift hervorgehoben – , wo die “Männer mit den scharfen Augen” das Mädchen Anna, das etwa in Theos Alter ist, unmenschlichen Qualen aussetzen. Bald findet Theo heraus, dass das Mädchen als verschwunden gilt und macht sich gemeinsam mit Annas angeblichen Mutter, dem Hund Helene, dem Lastwagenfahrer Bela und Lucian, einem Messer mit Eigenleben, auf den Weg, sie zu erretten.

Zurück in Theos ‘richtiger’ Welt aber wird er plötzlich vor die angeblich vollendete Tatsache gestellt, dass Anna seine Schwester ist… Er glaubt, durchzudrehen. Das Rollo muss weg, vernichtet werden. Und so geschieht es. Vierzig Jahre später aber – der zweite Teil des Romans – erscheint es Theo, der inzwischen zweifach geschiedener Astronaut auf dem Weg zu Mars ist, ein weiteres Mal. Die alte Geschichte wird von neuem aufgerollt.

SKURRILITÄTENKABINETT MIT RATIONALEM SCHLÜSSEL

Heinrich Steinfest (*1961) ist bekannt für seine bizarren Einfälle und absurden Details, die bereits “Der Allesforscher” (2014) prägten, das immerhin auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis stand. Auch “Das grüne Rollo” ist ein Skurrilitätenkabinett erster Güte. Ob ein Ewiger Koch, der seine belegten Brote über vier Jahrzehnte perfektioniert, eine Raumschiffhauskatze namens Catman oder ein eigenwilliges Messer namens Lucian, an dessen phallischer Anspielungskraft ein Sigmund Freud seine hellste Freude gehabt hätte: Nie ist Steinfest um Obskuritäten verlegen.

Vermag aber “Das grüne Rollo” wie sein Vorgänger auch abseits jener detailreichen Verspieltheiten zu bestehen? Nicht immer. Der rationale Schlüssel, der im dritten und letzten Teil dem scheinbar irrationalen Weltenwechseln der ersten beiden Teile nachgestellt wird, ist durchdacht, entzieht dem Gesamten aber ein wenig den Zauber. Und dabei ging es doch gerade um diesen: die kindlich-magische Wahrnehmung, die sich auf eine Welt nicht zu beschränken braucht, die blinden Flecke einer wissenschaftlich erfassbaren Welt, die “Ohrfeigen für die Aufklärung”.


“Die Beweissucht ist eine Sucht der Erwachsenen (und natürlich ist es so, dass viele Dinge und Wesen diesen Trieb insofern sabotieren, als sie sich sofort totstellen, sobald sie unter ein Mikroskop gelegt werden. Sehr zu Recht! Oder würde man etwa den Papst in ein Labor einsperren, um seine Unfehlbarkeit zu beweisen? Auch der Papst würde sich dann totstellen, oder? Die Aufklärung hat sicher ihre guten Seiten, doch ihr Fehler ist ihr schlechtes Benehmen, ihr Hang, sich allem bis auf Griffweite zu nähern, gewissermassen einer völlig fremden Frau an den Busen zu fassen. Und dann gibt’s Ohrfeigen für die Aufklärung. Diese Ohrfeigen werden sodann als Grenzerfahrungen bezeichnet.)”

Einige Schwächen sind auch in der Ausarbeitung der Figuren zu entdecken, wobei gerade die für die Ereignisse und den Protagonisten zentrale Anna über weite Strecken blass und unnahbar bleibt. Es sind dies jedoch marginale Kritiken an einem insgesamt wiederum vergnüglichen und bereichernden Textaus der Feder Steinfests. Der Autor lotet die Grenzbereiche der Wahrnehmung in einer verspielt-kindlichen Manier aus, die medizinisch und psychologisch komplexe Phänomene im Kosmos der grünen Rollowelt als natürliche Bestandteile der Aventüre des Ritters Theo erscheinen lässt. Die neurologische Entzifferung zum Schluss holt die Geschichte zurück auf den Erdboden der Aufklärungsgesellschaft, dem man sich gerade so wohlig enthoben fühlte.

Steinfest, Heinrich. Das grüne Rollo. München: Piper 2015. 288 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-492-05661-8

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