Rezension: John von Düffel – KL. Gespräch über die Unsterblichkeit (Dumont 2015)

Was tut ein Autor, der sich einmal gepflegt über Sein und Schein, das Leben, den Tod und überhaupt all die grossen Themen äussern, seiner Leserschaft aber keinen 1000-Seiten-Schinken aufhalsen will? Der deutsche Schriftsteller John von Düffel hat eine buchstäblich elegante Lösung gefunden. Er legt die schwergewichtigen Gedanken als Bonmots einem Experten in den Mund: KL. Ähnlichkeit mit lebender Ikone beabsichtigt. Eine grandiose Stilstudie.

düffel

KL, Chefdesigner bei Chanel, weisses Haar, schwarze Sonnenbrille. Das ist natürlich Karl Lagerfeld, die Assoziationen könnten klarer nicht sein und sind, wie von Düffel eingangs schreibt, absolut beabsichtigt. Ein Ich-Erzähler erhält einen Termin bei KL, um mit ihm ein Gespräch zu führen. Er plant nicht das handelsübliche Gala- oder Spiegel-Interview, sondern ein tiefes philosophisches Gespräch. Sein Zeitfenster sind dreissig Minuten. In dieser Zeit aber, so wird dem Interviewer während des aufwändigen Wartezeremoniells versichert, rede KL so viel wie andere Menschen an einem ganzen Tag.

Dann endlich betritt er den Raum, das Interview beginnt. KL wünscht sich, nicht von Fragen unterbrochen zu werden, er hat dezidierte Meinungen zu allem, spricht vornehmlich in zitierfertigen Bonmots. “Wer zeitlos schafft, der kann nicht pünktlich sein.”, “Ist man aussen tipptopp, ist man innerlich aufgeräumt.”, “Lieber ein guter Schwadroneur als ein schlechter Schriftsteller.”, usf.

Der Interviewer, der glaubt, KL  sei “der letzte lebende Philosoph”, macht sich von Paris aus wieder auf den Heimweg nach Deutschland. Zweiter Akt: Im Zug begegnet er BS (man nimmt an: Barbara Schöneberger), die privat gar nicht aussieht wie BS, “sondern allenfalls wie eine Vorstufe von ihr.” Das Gespräch geht weiter, wird im dritten Akt wieder mit KL telefonisch fortgesetzt, während im vierten ein Regisseur belauscht wird, der mit einem anderen Interviewer über die ehemalige Politikerin Heide Simonis und deren tragischen Abstieg spricht. Im fünften und letzten Akt des an klassischen Formen geschulten Romans findet der Erzähler zurück zu KL, der sich inzwischen in einem Hamburger Spital aufhält – unfähig, zu schlafen.

“Das ist die einzige Frage, die zählt. Nicht ob das, was man glaubt, wahr oder falsch ist, sondern ob es der Zeit standhält. Der einzige ernst zu nehmende Erfolg im Leben ist die Dauer: dass man noch da ist nach all den Jahren, dass es einen zu guter Letzt immer noch gibt. Dauer ist die langsame, aber stetige Annäherung an die Unsterblichkeit. Und dabei sind Illusionen manchmal mächtiger als Wahrheiten.”

Die Macht der Illusion unermüdlichen Schaffens versucht KL der Wahrheit seiner lebensgefährdenden Erschöpfung entgegenzuhalten. Besessenes Arbeitsethos und untrügliches Formbewusstsein verbinden sich in der Kunstfigur KL, deren scheinbare Übermenschlichkeit man letztlich versucht wird, auf gängige psychologische Klischees (Die verstorbene Mutter!) zurückzuführen. Was natürlich zu einfach wäre. Es erfordert Überwindung, sich solchen Vereinfachungen nicht hinzugeben, sondern auch die mannigfaltigen Schattierungen zwischen Schwarz und Weiss zu beachten.

John Von Düffel (*1966) ist ein grandioser Stilist, der die drei Prominentenschicksale KL, BS und HS dramaturgisch geschickt zu einer fünfaktigen Fast-Tragödie verbindet. Sein Spiel mit Form und Sprache, Sein und Schein ist verblüffend, Momente von grosser Ernsthaftigkeit wechseln sich mit solchen himmelschreiender Komik ab. Zwischen Tragik und Komik des Berühmtseins, des Vergänglichkeitsbewusstseins und des Ausgeliefertseins an die Mächte der Medien findet der Text einen pointierten, scharfsinnigen Ton, der – ob man nun lacht oder weint – kritische Gedanken etwa zu unserem Umgang mit Schönheit, Genie und Erfolg anregt.

von Düffel, John. KL. Gespräch über die Unsterblichkeit. Köln: Dumont 2015. 160 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8321-9784-1

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