Zürcher Streifzüge (4): Von Flachdächern und Rabenhäusern

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Tief in die Wildnis, in den finstern Wald, wo nie zuvor ein Mensch hingefunden hatte, begab sich einst ein Mönch. Auf seinem Weg sah er plötzlich einen Sperber hungrig ein Nest umkreisen. Er vertrieb den Räuber und rettete zwei junge Raben aus dem Nest, die fortan seine treuen Begleiter waren. An einer nahegelegenen Quelle errichtete er sich ein bescheidenes Heim und lag Tag und Nacht im Gebet. Nach vielen Jahren begannen Leute zu ihm zu pilgern, eines nachts jedoch kamen auch zwei Räuber, die grosse Schätze in seiner Hütte vermuteten. Sie erschlugen den Einsiedler. Erschrocken ob der beiden Vögel, die nun erbost herumflatterten, flüchteten die Räuber, rannten Stunden und Aberstunden durch den dichten finsteren Wald, bis sie endlich nach Zürich kamen, wo sie in einem Wirtshaus Zuflucht suchten. Kaum hatten sie sich aber gesetzt, stürzten die beiden Raben durch das Fenster und attackierten die Räuber. Von dieser Begebenheit alarmiert, verhafteten die Zürcher die beiden – und nachdem klar geworden war, dass diese den Einsiedler aus dem finstern Walde getötet hatten, wurden sie gerädert. Der Einsiedler – sein Name war Meinrad – wurde ausserhalb des Waldes bestattet, dort, wo heute das Kloster Einsiedeln steht. Ebenso wie das Kloster hat auch das ehemalige Wirtshaus in Meinrads Gedenken die Raben zu seinen Hütern erkoren…

Am Hechtplatz, nahe der Limmat, steht es noch heute, das Haus zum Raben, jetzt nurmehr Bestandteil der idyllischen altstädtischen Kulisse, ein Fotosujet, Unterkunft für Friseurgeschäfte, Restaurants und Kleiderläden. Dieses mythenumwobene Haus hat auch in der neueren literarischen Geschichte Zürichs eine gewichtige Rolle gespielt. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs war es ein bedeutender Treffpunkt der emigrierten Literatinnen und Literaten, ein wahrhaftig europäischer Salon. Ein als Autor heute weitgehend vergessener Mann durfte sich Gastgeber nennen:

“Er sieht aus wie ein Hungerpastor, ist aber ein Intellektueller vom Scheitel bis zur Sohle, und keiner weiss, ob er nicht auch für ihn einen kleineren oder grösseren Pfeil im Köcher hat. Aber zutiefst innen ist er ein Liebender, Teilnehmender, Seismograph, der die Erschütterungen unserer Zeit verzeichnet und auf sie hinweist. Ein Verteidiger gefährdeten Menschentums.”

Aus: Alfred A. Häsler. Jeremias zu Besuch bei… (1965)

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Q: ticinarte.ch

Die Rede ist von Rudolf Jakob Humm (1895-1977), geboren und aufgewachsen in Italien, Studium der Physik in Göttingen und Berlin, Studium der Nationalökonomie in Zürich, wo er sich ab 1922 als Journalist und Übersetzer niederlässt. Verheiratet mit Lily Crawford, einer Malerin französisch-schottischer Abstammung. 1929 erscheint sein Debütroman “Das Linsengericht”, der von Hermann Hesse gelobt wird. Dieser, mit dem Humm seit da ein langer freundschaftlicher Briefwechsel verbindet, lobt Humm später als einen der “besten Prosaisten deutscher Sprache”. Obschon Werke wie “Die Inseln” (1936) oder “Carolin” (1944) eine breite Rezeption erfahren haben und er 1969 letztlich mit dem Zürcher Literaturpreis geehrt wurde, bleibt Humm als Romanautor kaum in Erinnerung. Grösser war sein Einfluss freilich als Gastgeber eines der wichtigsten Treffpunkte für Emigranten und Emigrantinnen.

Bis 1934 lebten die Humms am Stadtrand in der Werkbundsiedlung Neubühl in Zürich-Wollishofen. Diese zwischen 1930 und 1932 unter der Ägide der Architekten Rudolf Steiger, Max Ernst Häfeli und Werner M. Moser erbaute Mustersiedlung mit ihren senkrecht zur Strasse aufgestellten Flachdach-Wohnzeilen, die den Hügel hinauf gestaffelt sind, gilt als Inbegriff des neuen Bauens im Zürich der 1920er- und 1930er-Jahre. Die Bauten von Häfeli, Moser und Steiger prägen das Stadtbild von Zürich bis heute massgebend (Universitätsspital, Hochhaus zur Palme, Zett-Haus, Kongresshaus, …). Steiger, der Humm verschwägert war, wollte mit dem Neubühl einen “Reihenhaustyp für den Mittelstand” erschaffen, der oftmals propagandistische Wortführer der Bewegung, Siegfried Giedion, proklamierte in seiner Schrift “Befreites Wohnen” aus 1929 den neuen Haustyp: “leicht, lichtdurchlassend, beweglich”.

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Die Neubühl-Siedlung. Q: http://klimagerechtesbauen.blogspot.ch/

In diesem architektonisch hochmodernen Umfeld lebte bis im Herbst 1934 Rudolf Jakob Humm, umgeben von Emigranten und Emigrantinnen, die er in seinem schmalen Erinnerungsband “Bei uns im Rabenhaus” beschreibt. Noch waren es triste Zeiten für das geistige Leben. In den Zwanzigerjahren, schreibt Humm, befand sich Zürich “geistig in einem tiefen Schlaf”, war “(e)in Krematorium, ein Mausoleum” des Geistes. Erst die über Europa hereinbrechende Düsternis führt dazu, dass das literarische Leben Zürichs wieder erblüht. Rudolf Jakob Humm und Lily Crawford beziehen 1934 das Haus zum Raben am Limmatquai, wo bis 1938 regelmässig Lesungen und andere literarische Veranstaltungen stattfinden.

“Wir von meiner Generation mussten für etwas einstehen; wir konnten nicht nur träumen, wir mussten um uns schlagen.”

In erwähntem Erinnerungsband lässt Humm sie alle Revue passieren, die Gestalten – ob Ausländer, Rückwanderer oder Schweizer -, die im Rabenhaus verkehrten. Bekannte und weniger bekannte, umgängliche und umtriebige, geniale und bescheidene. Humms Erzählstil ist dabei anekdotisch, kann ebenso liebevoll wie verletzend sein, nimmt kein Blatt vor den Mund, ist der Wahrheit sicherlich nicht immer vollkommen verpflichtet, dafür stets von einer grossen Sympathie für die Dichter geprägt. “In Zürich hält man grosse Stücke auf die Wirte”, schreibt er, “aber sehr kleine auf die Dichter.” Daran wollte Humm etwas ändern, das literarische Zürich neu beleben – und er tat es. Therese Giehse ging hier ein und aus, Ignazio Silone, Ferdinand Lion, Arthur Koestler, der “anders dachte als die andern, wenn auch nicht wie die, die ihrerseits anders dachten”. Erika und Klaus Mann, die mit ihrem aus Deutschland vertriebenen Kabarettprogramm “Die Pfeffermühle” in Zürich hausierten waren Gäste, der Rückwanderer Adrien Turel, der Dichter Albin Zollinger, Else Lasker-Schüler, die “als Mensch ein kleines Greuel” war, und viele mehr. Über Zollinger schreibt Humm: “Wer weniger in der Wirklichkeit als in seinen Einbildungen lebt, mit dem ist der Verkehr nicht immer einfach”. Und über Carl Seelig, den Rezensenten und Vormund Robert Walsers, der eine ebenso wichtige Gestalt der Zürcher Literaturszene war: “‘Himmel, wenn du doch so gescheit wie gut wärst!’ Er war eben nicht gescheit.” Am nächsten stand Humm Friedrich Glauser, mit dem der Rabenhausvater ebenfalls einen ausführlichen Briefwechsel führte.

Humms Salon im “Haus zum Raben” war zu der Zeit nicht der einzige seiner Art in Zürich: an der Stadelhoferstrasse gab es den Salon Rosenbaum, weit oben am Zürichberg traf man sich bei Marcel Fleischmann an der Germaniastrasse, am Bellevue bei Emmie Oprecht, der Verlegergattin, und auf der anderen Seite des Seebeckens bei Lily Reiff an der Genferstrasse. Freilich darf das Rabenhaus, neben Wladimir Rosenbaums und Aline Valangins Salon, wohl als der wichtigste gelten. Als Humm 1963 seine Erinnerungen verfasste, lebte er im Glauben, das Haus zum Raben würde bald abgerissen. Im Zuge der Auseinandersetzungen mit den Besitzern musste Humm schliesslich ausziehen – das Haus aber steht noch heute. Rudolf Jakob Humm verstarb 1977 an den Folgen eines Verkehrsunfalls.

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Das Haus zum Raben am Hechtplatz.


Rudolf Jakob Humm. Bei uns im Rabenhaus.Literaten und Leute im Zürich der Dreissigerjahre. Neu hgg. v. Martin Dreyfus. Frauenfeld/Stuttgart/Wien: Huber 2002.

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