Rezension: Lilian Loke – Gold in den Strassen (Hoffmann und Campe 2015)

In ihrem Debütroman entwirft die Münchner Schriftstellerin Lilian Loke (*1985) das Bild einer von Missgunst und Heuchelei geprägten Frankfurter Business-Gesellschaft. Die Geschichte folgt dem selbstgewissen, skrupellosen Immobilienmakler Thomas Meyer durch Höhen und Tiefen eines unbarmherzigen Geschäfts.

gold

Thomas Meyer ist ein geborener Verkäufer, “die Lust auf Performance, sich ganz hineinzulegen in den Verkauf” bestimmen sein tägliches Geschäft. Er zeigt potenziellen Käufern Immobilien, macht sie ihnen schmackhaft und verkauft sie. Er ist einer der erfolgreichsten Angestellten der Firma falber und konkurriert in einer offen feindseligen Rivalität mit seinem Gegenspieler Gläsker um die Position der Geschäftsleitung.

Meyer ist selbstgewiss, undankbar, egozentrisch. Er ist bei seinem Vater, einem vorgeblich stets an der Armutsgrenze lebenden Schuhmacher, aufgewachsen, nachdem seine Mutter mit einem Staubsauger-Vertreter durchgebrannt war. Seine eigene Tellerwäscher-Geschichte – dass er “mit den Händen im Dreck” war – rechnet er sich selbst hoch an. Den Rest seiner Vergangenheit, etwa den besten Jugendfreund Zeller, leugnet er angesichts seiner neuen Position. Meyers Freundin Nadja, eine Innenausstatterin, entstammt höheren Frankfurter Gesellschaftskreisen, seine Kunden sind wohlhabend, sein eigener Stil erlesen, teuer und radikal (“War die Natur nicht ausgesprochen grausam, gibt es für beschissenes Aussehen keine Entschuldigung.”)

Als unerwartet Meyers Vater stirbt, eröffnet sich dem Sohn eine grossartige Gelegenheit: Das Haus mit dem Schustergeschäft des Vaters steht auf dem lukrativen Boden des Frankfurter Finanzviertels Mainhattan. Skrupellos akquiriert Meyer das Grundstück. Damit beraubt er auch Kai Wiesmann, den Mitarbeiter und Freund des Vaters, der fortan Meyers Nemesis ist, einer Gelegenheit den Laden weiterzubetreiben. Meyer gelingt der grosse Deal, er wird zum Geschäftsleiter der Firma beordert.

Von dieser erfolgversprechenden Lage aus erzählt Lilian Loke meisterhaft den Fall des Thomas Meyer, den Kampf eines erfolgreichen Verkäufers, im Zwiespalt von Arroganz und Selbsthass, konfrontiert mit äusseren und inneren Feinden. Lokes ekstatische, assoziative Prosa wird der trügerischen Welt des Big Business in jeder Hinsicht gerecht, entlarvt den falschen Glanz der Dinge, mit denen sich Meyer umgibt. Seine Sucht nach der Erotik des Geldes trifft den Kern der Unbarmherzigkeit, die in “Gold in den Strassen” durchgehend herrscht.

“Meyer schiebt Tilsner die achttausend auf dem Tisch zu, macht Platz, dann legt er behutsam nacheinander zwanzig Fünfhunderter zu einem grossen Fächer, lässt das Papier zwischen den Fingern flüstern. Erst die Wandlung von Giralgeld in Bargeld macht die Summe lebendig, Bargeld ist Kraft, achtzehntausend in Giral ist wie Porno in schlechter Streaming-Qualität, Bargeld verursacht eine Angst, eine Ehrfurcht, die keine scheiss Zahl allein transportiert, so unvermittelt, so gewalttätig, weil man es dir so leicht wieder wegnehmen kann.”

Der Autorin gelingt es hervorragend, die Mächte offenzulegen, die das Geschäft der Reichen mit den Superreichen dominieren. Neid, Eifersucht, Missgunst und Heuchelei herrschen allerorten. Als seltene aus Menschlichkeit und Dankbarkeit vollbrachte und Meyer eine unerwartete Ambivalenz verleihende Taten sind die Museumsbesuche in Szene gesetzt, in denen Meyer seinem blinden Freund Koll geduldig und liebevoll erzählt, was auf den ausgestellten Bildern zu sehen ist. Diese Akte sind Ausnahmen in einer Szenerie, in der sonst keine vollbrachte Tat und kein gewechseltes Wort ohne versteckte Absichten daherkommt. Bisweilen erinnert das Buch an die Welten der amerikanischen TV-Serie “House of Lies” respektive an die Bücher des Autors Martin Kihn, auf dessen Schiften besagte Serie beruht. Eine von diesen heisst: “Asshole: How I Got Rich and Happy by Not Giving a Shit About You”. Mit Sicherheit wäre dies eine anregende Lektüre auch für Thomas Meyer, der im Angesicht grosser Niederlagen Aussagen wie die folgende macht:

“Protzen ist wenigstens ehrlich. Jeder mag Geld. Dass Geld nicht alles ist, keine Neuigkeit, aber im Porsche weint es sich bequemer als an der Bushaltestelle.”

Wer in der Literatur Sympathieträger und Identifikationsfiguren sucht, wird in solche in “Gold in den Strassen” womöglich nicht finden. Wer interessiert ist an einem nervenaufreibenden Psychogramm eines getriebenen Geschäftsmannes in einer widrigen, unbarmherzigen Businesswelt, wird mit diesem energischen, mitreissend geschriebenen Romandebüt ausgezeichnet bedient.

Loke, Lilian. Gold in den Strassen. Hamburg. Hoffmann und Campe 2015. 352 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-455-40522-4

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