Rezension: Gila Lustiger – Die Schuld der anderen (Berlin-Verlag, 2015)

In ihrem neuen Buch “Die Schuld der anderen” zeichnet die in Paris lebende Autorin Gila Lustiger ein abgründiges Bild der französischen Gesellschaft, ihrer Kriminalität und Korruption, den Gräben zwischen Stadt und Land, hoher Gesellschaft und nicht zu entfliehender Armut. Ein packender Thriller und schonungsloser Gesellschaftsroman.

berlin

Aus dem Gefühl heraus, Frankreich – das Land, in dem sie seit über 20 Jahren lebt – nicht mehr zu verstehen, hat Gila Lustiger “Die Schuld der anderen” in Angriff genommen. Der Protagonist, der an ihrer Stelle in die Abgründe der Nation abtaucht, ist Marc Rappaport, ein einzelgängerischer, in sich zerrissener Enthüllungsjournalist, der die Opposition zum Lebensprinzip erhoben hat und seinen Platz zu finden sucht zwischen elitärer Abkunft – sein Grossvater war eine der führenden Wirtschaftsgrössen Frankreichs – und hohen menschlichen Idealen.

Am Anfang der Geschichte steht ein nie aufgeklärter Mord, der 30 Jahre zurückliegt: Die neunzehnjährige Prostituierte Emilie, die aus der französischen Provinz nach Paris kam, wurde brutal vergewaltigt und ermordet, der Täter nie gefasst. Neue DNA-Ergebnisse führen nun zu einer Festnahme: Der biedere Büroangestellte und Familienvater Gilles Neuhart wird als Mörder festgenommen. Rappaport verfasst eine kurze Meldung und wird stutzig, er nutzt seine Kontakte bei der Polizei, um mit dem angeblichen Mörder zu sprechen. Über den Kopf seines Vorgesetzten (und Jugendfreundes) Pierre hinweg, beginnt er sich in den Fall zu verbeissen, setzt dabei persönliche Beziehungen aufs Spiel; ein Getriebener, der unaufhaltsam seinen Weg zu gehen bereit ist.  Bald schon befindet er sich in der Kleinstadt, in der Emilie aufgewachsen ist. Hier stösst er auf Verbrechen, die das Persönliche weit übersteigen: Rappaport ist einem Fall von Wirtschaftskriminalität und menschenverachtender Korruption auf der Spur, der sich bis in die hohen politischen Ränge Frankreichs zu erstrecken scheint..

Teilweise beruhend auf dem wahren Fall einer unwahrscheinlichen Häufung von Nierenkrebsfällen in einer Chemiefirma nimmt sich Lustigers Roman Fragen an, die unweigerlich in ein ethisch-moralisches Minenfeld führen. Der Graben zwischen Armut und Elite ist überdeutlich gezeichnet: Die Arbeiter der Chemiefirma begehren etwa trotz lebensgefährdender Arbeitsbedingungen nicht auf, denn sie sind auf die Arbeit angewiesen. “Wir brauchen keine Gerechtigkeit. Ein Kompromiss ist uns lieber als der gerechte Krieg.”, sagt einer. Im Laufe seiner Recherchen gerät Rappaport immer tiefer in den Sumpf ländlicher Existenzangst und – insbesondere im Milieu der Prostituierten – städtischer Armut, beständiger Furcht und untragbarer medizinscher Zustände. Er, der selbst aus gutem Hause stammt und vom Namen seines Grossvaters noch immer profitiert, muss sich unangenehme Fragen stellen. Zum Beispiel: “Wer gehörte eigentlich zur Gemeinschaft, deren Wohl angestrebt wurde, und wer nicht?” 

Der Roman zeigt eindrücklich soziale Ungerechtigkeiten auf und verweist in vielen Abschnitten auf weitere mehr als brennende Probleme der französischen Gesellschaft, etwa Antisemitismus und Gewalt im Namen des Islam. Lustiger gelingt es hervorragend, eine atemlose Kriminalgeschichte mit einem tiefgründigen Gesellschaftsroman zu verknüpfen. Der mit knapp 500 Seiten doch ziemlich umfangreiche Text vermag es stets, die Spannung aufrechzuerhalten. Einzig die häufigen Rückgriffe auf banale Episoden aus Rappaports Kindheit und Jugend erscheinen zuweilen etwas beliebig, erfüllen aber den Zweck, den inneren Zwist des Protagonisten zu verdeutlichen. Dieser bleibt trotz all seiner Ambivalenzen stets klarer Sympathieträger, was auch an der Abscheulichkeit derer liegt, mit denen er es aufzunehmen beschliesst.

Mit der undurchdringlichen menschenverachtenden Gewinnsucht eines grossen Konzerns und der lüsternen Skrupellosigkeit eines Prostituiertenmörders werden in “Die Schuld der anderen” zwei Formen von Gewalt ineinander verstrickt, die in ihrer Grausamkeit beide gleichermassen erschütternd und nicht tolerierbar sind. Die Mechanismen ihrer Verstrickung lassen es letztlich nicht verwunderlich erscheinen, dass Gila Lustiger Frankreich nicht mehr hat verstehen können. Ihrem Roman wiederum ist es zu verdanken, dass  ein Licht geworfen wird auf diese bisweilen undurchsichtigen Prozesse hinter den allzu schönen Fassaden. Ein Roman von unbestreitbarer gesellschaftlicher Relevanz.

Lustiger, Gila. Die Schuld der anderen. Berlin: Berlin-Verlag 2015. 496 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-8270-1227-2

2 thoughts on “Rezension: Gila Lustiger – Die Schuld der anderen (Berlin-Verlag, 2015)

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