Zürcher Streifzüge (1): Nootebooms Eiche

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Neue Jahre, neue Rubriken: Ich habe mich entschieden, 2015 hier auf dem Blog eine Reihe mit dem Titel “Zürcher Streifzüge” zu publizieren, die voraussichtlich jeden zweiten Freitag erscheinen wird. Meine Heimatstadt Zürich ist ein geschichtsträchtiges, lebhaftes Zentrum literarischen Lebens und Schreibens, randvoll mit Strassen, Gassen, Plätzen, Wegen und Pfaden, die in vielfältigen Beziehungen zur Geschichte und Gegenwart der europäischen Literatur stehen. Jeder Streifzug soll jeweils einen Text, eine Begebenheit, eine Person hervorheben und in Bezug zu einem spezifischen Zürcher Ort setzen. Das Zusammenspiel von Text und Bild lässt, so hoffe ich, ein lebhaftes Bild dieser literarischen Erinnerungsorte entstehen.

Während selbstverständlich auch Zürichs prominentere Wahrzeichen noch Eingang in die Serie finden werden, möchte ich den Auftakt einer womöglich einmaligen Perle in der literarischen Annäherung an Zürich überlassen. Es bedarf eines höchst interessierten und aufmerksamen Beobachters, um in einer fremden Stadt ganz bewusst zu einem Ort vorzudringen, den selbst die meisten Einheimischen nicht kennen. Es verwundert nicht, dass es gerade dem stets einfühlsamen, unbeschreiblich neugierigen niederländischen (Reise)schriftsteller Cees Nooteboom vorbehalten war, ein heute vergriffenes Buch namens “Zürcher Baumgeschichten” – eine Sammlung von 30 Texten über Zürcher Bäume, die ursprünglich 1986-89 im TagesAnzeiger erschienen waren – aufzuspüren und sich auf die Suche zu machen. Unter anderem auf die Suche nach dem Baum, der auch das Cover des Buches ziert: einer 200- bis 400jährigen Stieleiche, Quercus robur, von Einheimischen auch “Tamboureneiche” genannt, die am Ansatz des Uetliberghangs über die Landschaft wachte.

“Ein kleiner Bus, ein grosser Bus, eine Strassenbahn, die verschneite Fläche der Allmend ‘unter dem Albisgütli’. Wird schon stimmen, aber die Menschen sind dekadent geworden, sie wissen nicht mehr, wo die Bäume wohnen, in denen, wie ihre Vorfahren glaubten, die Götter hausten. Und trotzdem muss diese Stieleiche zwanzig Meter hoch sein und einen Umfang von sechs Metern haben, Gottfried Keller hat sie noch aquarelliert, in ihrem Schatten übten früher die Tamboure, aber die joggende Zahnpastareklame, die Dame mit dem Hündchen, die beiden alten Herren, die sich über die theologischen Finessen der Erbsünde unterhalten – keiner weiss, wo dieser alte Götze steht, es dauert Stunden, bis ich ihn gefunden habe, dann aber überwältigt er mich regelrecht, seine weit ausladenden bizarren Arme zeichnen einen Caspar David Friedrich an den plötzlich kupfernen Abendhimmel, natürlich hat hier früher ein Gott gewohnt, und kein freundlicher, einer mit einer Seele aus Eis, einem Geist aus Winter, einem Körper aus Holz. Grollend herrscht er über die Landschaft und lauscht verachtungsvoll dem obszönen Geflüster der Autobahn.”

Aus: Cees Nooteboom. Ein Wintertagebuch. In: Ders. Nootebooms Hotel. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2000.

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Die Tamboureneiche am Tag ihrer Fällung (24.07.2012). Quelle: TagesAnzeiger

Weil der gewaltige, über 20 Meter hohe Baum auseinanderbrach und somit eine Gefahr darstellte, musste er im Juli 2012 gefällt werden. Was bleibt, ist  das literarische Denkmal, das Nooteboom ihm gesetzt hat – und ein staksiger junger Baum, der in zwei-, drei- oder vierhundert Jahren vielleicht wiederum Schriftsteller inspirieren wird…

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Der Platz der Tamboureneiche, mit frisch gepflanztem Baum, heute (Aufnahme: 08.01.2015)

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