Rezension: Riikka Pulkkinen – Die Ruhelose (List 2014 [2006])

Das Romandebüt der finnischen Autorin Riikka Pulkkinen aus 2006 verwebt die Geschichten vierer Personen – drei Frauen/Mädchen, ein Mann – zu einem Unterhaltungsroman mit dem hohen Anspruch, die fundamentalen Fragen des Lebens aufzugreifen. Was wie ein Paradoxon klingt, funktioniert streckenweise ausgezeichnet. Die Themen Tod, Erinnerung, (weibliches) Erwachsenwerden stehen im Zentrum – und über ihnen allen schwebt die altbekannte Frage: Wie weit bist du bereit für die Liebe zu gehen?

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Riikka Pulkkinen (*1980) gehört einer Generation junger finnischer Literaturschaffender an, die dieses Jahr anlässlich der Frankfurter Buchmesse, wo Finnland Gastland war, in den Mittelpunkt der deutschsprachigen Öffentlichkeit rückten. Mit “Die Ruhelose” liegt nun das Debüt der Autorin aus dem Jahre 2006 auf Deutsch vor. Zuvor war bereits der zweite Roman “Wahr” (2012) im List-Verlag erschienen.

In “Die Ruhelose” wird aus den Perspektiven vierer Personen erzählt: Anja Aropalo, 53, ist eine Literaturprofessorin, deren an Demenz erkrankter Mann in einem Pflegeheim lebt, seine Frau nicht mehr erkennt. Anja ist einsam und depressiv, sie hat beschlossen, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Sie hat erkannt, dass “das Glück am intensivsten in seiner Möglichkeitsform blüht, dann, wenn alles zum Greifen nahe ist und es noch keine Versprechen gibt. Denn wenn man die Hand nach dem Glück ausstreckt und es zu greifen wagt, kommt unausweichlich auch das Bewusstsein seiner Vergänglichkeit auf.”  Der Suizidversuch missglückt, das Leben geht weiter. Anjas zentraler Konflikt ist ein Versprechen, das sie ihrem Mann gegeben hat, kurz bevor er vollends in die geistige Umnachtung abstieg: das Versprechen, ihn zu töten, wenn er sich an gar nichts mehr erinnerte…

Die zweite Hauptfigur ist Anjas Nichte Marie – das Verhältnis der beiden wird nicht genauer thematisiert -, 16, die mit der Bedingungslosigkeit einer ersten Liebe in ihren Literaturlehrer Julian Kanerva verliebt ist. Dieser ist zunehmend unglücklich in seiner Ehe mit Jannika, mit der er zwei Töchter hat. Auch die Vaterschaft liegt ihm nicht, als innerstes Gefühl des Vaterseins empfindet er den “Zwang, Verantwortung zu übernehmen”. Er stürzt sich in eine ausbeuterische Affäre mit seiner Schülerin, die in ihrer Naivität an die Echtheit von Julians Gefühlen glaubt. Marie wird letztlich bitter enttäuscht und beschliesst ebenfalls, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Der Tod hat sie schon immer fasziniert, sie denkt oft an ihn, übt vor dem Spiegel letzte Worte, fühlt den Drang zu leben, will aber “die Vorstellung der eigenen Nicht-Existenz” nicht ausschliessen. Sie erlebt Befreiung, indem sie sich mit einem Messer in Arme und Beine schneidet: Schmerz und Wunden als Beweis der eigenen Existenz. Was zunächst ein Spiel ist, wird durch die fatale Affäre zu ihrem Lehrer untrügliche Wirklichkeit…

Die Perspektiven von Anja und Marie werden einerseits ergänzt von derjenigen Julians: Er will der “banalen Mittelmässigkeit” seines Lebens mit der launischen Ehefrau Jannika entkommen, seine überhebliche, prätentiöse Art und das egoistische Verhalten gegenüber Marie weisen ihn aber ziemlich eindeutig als Antipathieträger aus. Andererseits gibt es die Sicht von Julians sechsjähriger Tochter Anni, deren kindlich-unschuldige Perspektive die “Erwachsenensachen”, in die die restlichen Figuren verstrickt sind, nochmals anders beleuchtet.

Omnipräsentes Thema des Romans ist der Tod, in Verbindung mit der Frage, wie weit jemand bereit ist, für die Liebe zu gehen. Ist es die Liebe wert, sich selbst zu töten? Ist es die Liebe wert, jemand anderen zu töten? Ist es eigensinnig, nach so viel erlebtem Glück noch nach mehr zu verlangen? (Anja) Ist es dumm, alle Freundschaft und familiäre Liebe für eine einzige verheerende erste Liebe aufzugeben? (Marie)

Riikka Pulkkinen hat sich gewichtige, ja fundamentale Fragen der menschlichen Existenz vorgenommen – und einen Unterhaltungsroman geschrieben. Was paradox anmutet und von einigen Kritikern auch durchaus negativ aufgenommen wurde, funktioniert streckenweise ausgezeichnet. Zwar hat der Roman seine deutlichen Schwachstellen: Wenn Anja, Julian und Marie anhand von Interpretation aus Sophokles’ “Antigone” Unterschiede oder Gemeinsamkeiten von Leben und Tragödie herausstellen wollen, wirkt das sehr bemüht. Ebenso sind die Szenen, in denen die kleine Anni mit ihrer dominanten Freundin Sanna Spiele spielt etwas moralinsauer geraten, Ausbeutungen der kindlichen Perspektive. Abgesehen von solchen kleinen Unbeholfenheiten aber, ist Pulkkinens Debüt ein spannender und berührender Roman,  dem es gelingt, spannende ethisch-moralische Aspekte präzise und sprachlich souverän herauszuarbeiten. Dass die grossen Fragen nicht in ausufernder philosophischer Tiefe besprochen werden, sei der Autorin verziehen, es wäre angesichts ihrer schieren Anzahl auch ein allzu hoher Anspruch – und wie so oft gilt auch hier: Manchmal ist das Stellen einer Frage wesentlich bedeutsamer, als der Versuch sie zu beantworten.

Pulkkinen, Riikka. Die Ruhelose. Aus dem Finnischen von Elina Kritzokat. 352 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-471-35072-0

2 thoughts on “Rezension: Riikka Pulkkinen – Die Ruhelose (List 2014 [2006])

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