Rezension: André Comte-Sponville – Liebe. Eine kleine Philosophie (Diogenes 2014)

Die Franzosen und die Liebe: Dass dies ein ganz besonderes Verhältnis ist, war auf dieser Seite auch schon hin und wieder ein Thema, etwa als Marilyn Yalom uns zu erklären versuchte, wie die Franzosen die Liebe erfanden. Der populäre Philosoph (oder Populärphilosoph) André Comte-Sponville nähert sich der Materie in seinem Aufsatz nun mithilfe des philosophischen Kanons, insbesondere Platon und Spinoza. Eine feinfühlige und erhellende Diskussion.

In einer ausführlichen Einleitung widmet sich der Autor – bzw. Redner, denn bei dem Text handelt es sich um die korrigierte Abschrift eines Referats – einer Gliederung in drei Ebenen des Handelns. Der seltene Idealfall ist das Handeln aus Liebe, ihm folgt das Handeln aus moralischen Gründen, diesem wiederum das Handeln aus Gründen des Rechts und der Höflichkeit: “Meist genügt die Liebe nicht; dann greift die Moral ein und schreibt uns vor zu handeln, als würden wir lieben.”
Dieses Handeln als ob ist keinesfalls abwertend zu verstehen. Denn es stimmt: Eine Gesellschaft, in der alle sich nach den Geboten von Recht und Höflichkeit verhielten, wäre annähernd perfekt; eine Gesellschaft, in der man sich allen gegenüber nach dem Gebot der Liebe verhalten müsste, wäre zu kompliziert. Und doch braucht es in gewissen Fällen die Liebe, es braucht mehr als nu das als ob.

Comte-Sponville unterscheidet drei Spielarten, denen er jeweils einen ausführlichen Abschnitt widmet. Benannt sind sie nach griechischen Begriffen für unterschiedliche Formen der Liebe.

978-3-257-06890-0

I. Eros, “die leidenschaftliche Liebe”: Der Eros steht, nicht wie populär häufig angenommen wird (“erotisch”, “erogen”), für reine Sexualität, sondern für die Liebe aus Leidenschaft, die Liebe des Verliebtseins. (Sexuelle Lust dagegen hiess im alten Griechenland ta aphrodisia). Comte-Sponville erläutert den Eros anhand von Platons Gastmahl, innerhalb dessen er detailliert die Reden des Aristophanes und des Sokrates aufgreift. Das grosse Paradoxon, das den Autor selbst davon abhält, Platoniker zu sein, wird in einer Formel zusammengefasst: Liebe = Begehren = Mangel. Das Begehren hat gemäss dieser Formel immer mit Mangel, also Abwesenheit, zu tun. Ist dieser behoben, erlischt das Begehren. Schopenhauer prägte den Begriff der “Langeweile”, die einsetzt, sobald das Ermangelte verfügbar ist. Diese pessimistische Philosophie schliesst die Möglichkeit glücklicher Paare aus, wogegen sich Comte-Sponville entschieden wehrt.

II. Seine Antwort darauf ist die Philia, “die Freude an der Liebe”: ein Konzept umfassender Freundschaft, stärker als Zuneigung; es ist die Liebe zu dem, was uns nicht fehlt. Aristoteles beschrieb sie für Eheleute, Montaigne sprach von der “amitié maritale”, der ehelichen Freundschaft, die heutige Alltagssprache kennt zudem die Begriffe “mein Freund”/”meine Freundin” für Partnerschaften unter nicht Verheirateten. Der Autor greift auf den Philosophen Spinoza zurück, dessen Formeln lauteten Liebe = Freude und Begehren = die “Macht des Menschen, kraft deren er existiert und etwas bewirkt”. Dies ist die Ansicht, der auch Comte-Sponville zustimmt. Ein glückliches Paar, sagt er, “ist ein Paar, das den Mangel in Freude hat umwandeln können”. Es kommt darauf an, nicht mehr die Illusion, sondern die Wahrheit des jeweils anderen zu lieben. Die Illusion von dauerhafter Leidenschaft muss aufgegeben werden, denn diese kann nur im Unglück bestehen (Tristan & Isolde, Romeo & Julia, …). Die finale These des Autors lautet: “Es ist besser zu lieben, was wir kennen, als von dem zu träumen, was wir lieben.”

III. In einem kurzen Kapitel kommt er letztlich auf die Agape, die “uferlose Liebe” zu sprechen. Der Begriff ist wiederum griechisch, findet sich in der Antike jedoch nicht, sondern taucht als Neologismus erst in Bibelübersetzungen der Spätantike auf. Mit Agape bezeichnet man die Liebe Gottes, die Liebe Jesu. Comte-Sponville, der neben der Bibel hierzu auch Simone Weil zitiert, nennt sie “die Liebe, die darauf verzichtet, ihre Macht ungehemmt auszuüben”. Sie kann sich auch zwischen Mann und Frau oder zwischen Mutter und Kind zeigen. Es ist eine rein schenkende (nach Thomas von Aquin) Liebe, die von jedem Ego befreit ist.

In seiner Schlussbemerkung betont Comte-Sponville das gleichzeitige Auftreten dieser drei Spielarten in den meisten Fällen, sie sind drei Pole im Kraftfeld der Liebe. Auf seinen eigenen Atheismus, den er auch schon in Buchform thematisiert hat, zu sprechen kommend, nennt Comte-Sponville die Liebe letztlich einen “Gottesersatz”. Ihren Ursprung sieht er in Sexualität und Familie, zuallererst und insbesondere in Müttern. Dies bringt ihn zum schönen Satz:

“Die meine war, obwohl sie, wie alle Mütter, unvollkommen, unzulänglich und übertrieben besorgt war, so liebevoll, dass ich mir, um die Liebe zu erklären, nichts anderes – wie etwa Gott – vorstellen muss.”

 

André Comte-Sponvilles bis heute erfolgreichstes Buch heisst “Ermutigung zum unzeitgemässen Leben”. In seinen Darlegungen zur Liebe kommt er oft darauf zurück, und dies mit gutem Grund. Als ‘unzeitgemäss’ mögen nämlich auch Kritiker die Wertevermittlung des französischen Philosophen bezeichnen, der mit seinem bedingungslosen Einstehen für die Paarbeziehung, die glückliche Ehe und weitere eben zunehmend ‘unzeitgemässe’ Tugenden eine klare Position bezieht. Auf der anderen Seite ist der Text aber eben auch eine überzeugende Ermutigung, diese zu Unrecht mancherorten verschrienen Ideale hochzuhalten. Comte-Sponville erklärt sich präzise, leicht verständlich, gelehrt aber nie belehrend und humorvoll. Ein gewisses biedermännisches Element ist seinen Darlegungen nicht abzusprechen, aber dennoch trifft er gerade mit seinem Unzeitgemässen den Nerv der Zeit und bespricht den ewig faszinierenden Themenkomplex der Liebe sehr erhellend.

Comte-Sponville, André. Liebe. Eine kleine Philosophie. Zürich: Diogenes 2014. Aus dem Französischen von Hainer Kober. 176 S., gebunden m. Schutzumschlag. 978-3-257-06890-0

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