Rezension: Jeff VanderMeer – Auslöschung (Kunstmann, 2014)

“Auslöschung” ist der erste Band der Southern-Reach-Trilogie des arrivierten Autors Jeff VanderMeer, dessen phantastische Geschichten unter anderem mit dem World Fantasy Award ausgezeichnet wurden. Der erste Teil der Geschichte führt eine aus vier Frauen bestehende Expedition in das mysteriöse Gebiet ‘Area X’, in dem ein ungeahnter Feind auflauert.

vandermeer

Titel: Auslöschung
Original: Annihilation (2014)
Autor: Jeff VanderMeer
Übersetzung: Michael Kellner
Verlag: Kunstmann
ISBN: 978-3-88897-968-2
Umfang: 240 S.

Ein “undefinierbares ‘Ereignis'”, vielleicht ausgelöst durch Experimente auf einer nahen Militärbasis, hat das Gebiet Area X einige Jahrzehnte vor dem Beginn von “Auslöschung” in eine kontaminierte Zone verwandelt, über die man in der Aussenwelt nur vage Bescheid weiss. Eine im ersten Teil der Trilogie noch nicht näher thematisierte Organisation namens Southern Reach schickt von Zeit zu Zeit Expeditionsteams nach Area X, die ihre Beobachtungen festhalten sollen. “Auslöschung” beschreibt die Geschichte der zwölften Expedition, die aus vier Frauen besteht: einer Psychologin, einer Anthropologin, einer Vermesserin und einer Biologin, die die Ereiginisse aus ihrer Perspektive schildert. Namen bleiben unbekannt, denn “Namen gehörten in die Welt, aus der wir gekommen waren; in Area X hatte wir alle nur eine Funktion”.

Die Gefahren sind bekannt: Nicht viele derer, die in Area X geschickt wurden, kamen wieder zurück. Zumindest nicht so, wie man sie in Erinnerung hatte. Manche Expeditionsteilnehmer kehrten wieder, teilnahmslos, sprachen monoton von der makellosen Natur des besuchten Gebiets. Einer davon war der Ehemann der Biologin.

Sofort ist klar, dass irgendwo in dieser Area X irgendetwas lauert. Nur wo? Und was? Aus diesen Fragen bezieht die Geschichte einen Teil ihrer Spannung. Von Beginn an in mysteriösen Grundtönen gefärbte Orientierungspunkte wie der Leuchtturm oder der “Turm”, der eigentlich ein Tunnel ist, der in die Erde hinein führt und an dessen Wänden sich merkwürdige Worte von alttestamentarischer Gewalt in die Tiefe winden, scheinen Hinweise auf dieses Etwas zu geben. Es ist die “Begegnung mit dem Allerschönsten, dem Allerschrecklichsten, auf das ich je treffen würde”, die sich anbahnt. Die Biologin benennt den Feind – das Bedürfnis, Namen zu geben, scheint in der Not stärker -, sie tauft ihn “Crawler”. Fokussiert sich die Erzählerin eine geraume Zeit noch auf sich selbst und ihre Mitstreiterinnen, die menschlichen Spannungen, denen sie unterworfen sind und die Fremdheit, von der sie befallen sind, rückt der übermächtige Gegner Wort für Wort deutlicher in den Vordergrund. Denn auch die Biologin wurde kontaminiert…

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Das St. Marks Wildlife Refuge in Florida ist VanderMeers Vorlage für die ‘Area X’.

Während vergleichbare Werke auf fremdartige, ausserirdische Antipoden setzen, macht VanderMeer das Unvermutete, weil Offensichtliche, zum Gegenspieler der Protagonistinnen: die Natur selbst.  In all ihrer Schönheit und all ihrer Schrecklichkeit. Es ist die Natur selbst, die in Area X regiert, die das Land bearbeitet und sich die Menschen einverleibt. Durch diesen kühnen Schachzug des Autors gewinnt die Geschichte eine furchteinflössende, sehr reale Dimension. Gegen Ende des Buches hält die Biologin fest: “Unser Instrumentarium ist nutzlos, unsere Methodologie liegt in Trümmern, unsere Beweggründe sind egoistisch.” Es ist der Kern dessen, was VanderMeer in einem Interview folgendermassen umschreibt: “We also seem to think that we know so much about our world […] we live on an alien planet without realizing it.” Die Komplexität der Natur ist grösser, als wir gemeinhin denken, die Hilflosigkeit, mit der wir ihr ausgeliefert sein könnten, manifestiert sich in “Auslöschung” auf eindrückliche Art und Weise, so dass neben all der Spannung auch Gedanken angeregt werden, die über das Phantastische hinaus weisen, direkt hinein in unser Leben und den Umgang mit der Welt, die uns umgibt.

Auf Englisch ist die Trilogie bereits vollständig erschienen, auf Deutsch wird sie im Januar bzw. März 2015 mit den Bänden “Autorität” und “Akzeptanz” fortgesetzt (beide ebenfalls bei Kunstmann). Mit “Auslöschung” ist VanderMeer eine hervorragende Eröffnung geglückt, die in knappen 240 Seiten genügend preisgibt, um tiefe Einblicke in die gar nicht so fernab unserer Welt liegende Realität zu geben, andererseits genügend Fragen offenlässt, um weiterhin unterhalten und fesseln zu können.


VanderMeer, Jeff. Auslöschung. Southern Reach Trilogie Bd. 1. Aus dem Englischen von Michael Kellner. München: Antje Kunstmann 2014.

4 thoughts on “Rezension: Jeff VanderMeer – Auslöschung (Kunstmann, 2014)

  1. Pingback: Rezension: Jeff VanderMeer – Autorität (Kunstmann 2015) | buecherrezension

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