Rezension: Meg Wolitzer – Die Interessanten (DuMont, 2014 [2013])

Vierzig Jahre, sechs Lebensgeschichten: In ihrem weit ausholenden Roman “Die Interessanten” versucht die US-amerikanische Schriftstellerin Meg Wolitzer nichts anderes, als das Portrait einer ganzen Generation zu entwerfen. Von 1974 bis 2014 begleitet sie die sechs Protagonisten, die sich als Jugendliche in einem Sommercamp kennenlernen und glauben, die Welt verändern zu können…

cover

Titel: Die Interessanten
Original: The Interestings
Autorin: Meg Wolitzer
Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence
Verlag: DuMont
ISBN: 978-3-8321-9745-2
Umfang: 608 S., gebunden m. Schutzumschlag

Die Geschichte beginnt 1974 in einem Sommercamp namens “Spirit of the Woods”, das auf den Werten der Hippies gründet und die künstlerische Freiheit der Teilnehmer zu fördern versucht. Julie – im Camp als “Jules” neu geboren – Jacobson, eine Aussenseiterin aus Vermont, wird aufgrund ihres bitterbösen Humors in eine Gruppe von fünf aus guten Verhältnissen stammenden New Yorker Jugendlichen aufgenommen, die sich selbst “Die Interessanten” nennen.

Der Gruppe gehören an: Cathy Kiplinger, eine frühreife junge Frau mit dem Wunsch, Tänzerin zu werden, Jonah Bay, der bildhübsche Sohn einer bekannten Joni-Mitchell-artigen Folksängerin, Ethan Figman, der hässliche, aber liebenswerte und vor allem geniale Zeichner, der später dank einer Zeichentrick-TV-Serie zum Superstar wird. Im Zentrum aber steht das Geschwisterpaar Ash und Goodman Wolf: sie eine zierliche, wunderschöne Frau mit bescheidenem künstlerischem Talent, er ein betont maskuliner, dominanter Junge, der manch einem Mädchen den Kopf verdreht. Die beiden sind hübsch, klug und entstammen einem schwerreichen Elternhaus, dessen Geld alle Türen zu öffnen scheint.

All diesen Figuren, so selbstsicher sie zu Beginn auch scheinen mögen, sind ihre grossen Konflikte schon von Kindesalter an eingeschrieben. Sprunghaft, immer wieder mehrere Jahre auslassend, erzählt Wolitzer auf mehr als 600 Seiten, wie sich die Lebenswege der sechs Interessanten in den vierzig Jahren nach Spirit in the Woods entwickeln. Manche trennen sich, manche kommen sporadisch wieder zusammen, manche gehen nie auseinander. Vor dem Hintergrund der bewegten amerikanischen (und New Yorker) Geschichte dieser vier Dekaden – Nixon, AIDS, 11. September, um nur einige Fixpunkte zu nennen – entwickelt Wolitzer dieses Generationenportrait, das sich mit vielen schwerwiegenden menschlichen Fragen auf subtile Art und Weise befasst. So werden die “Interessanten” im Laufe der Jahre etwa mit Themen wie Vergewaltigung, Depression, Homosexualität, Armut und Reichtum, Autismus und dem Tod konfrontiert. Und natürlich geht es um Freundschaft. Und um Liebe, in all ihren Spielarten: lebenslange, kurzfristige, missbräuchliche, väterliche, mütterliche, hingebungsvolle, nachlässige, erkaltete und glühende, erwiderte und unerwiderte Liebe.

Die grösste Stärke des Buchs sind eindeutig die authentischen Charaktere, die sich mehrheitlich in präzisen Dialogen offenbaren. Während der allgemeine sprachliche Duktus bisweilen nüchtern, blass, einfallslos wirkt, erwecken die Dialoge die Figuren mit ihren spezifischen Handlungsmustern, Konflikten, Vorlieben und Abgründen zum Leben, so dass  sehr lebhafte Vorstellungen dieser Charaktere und ihrer Beziehungen untereinander entstehen. Diesem Umstand ist es auch zu verdanken, dass das Buch selbst an den Stellen, wo minutiös banale Vorgänge des Alltags beschrieben werden, einen gewissen Unterhaltungswert besitzt. Die Wirkung ist mit derjenigen einer Fernsehserie zu vergleichen, deren Charaktere regelmässigen Betrachtern vertraut sind, als wären es ihre eigenen Freunde. Und eine Fernsehserie steht letztlich auch im Zentrum von “Die Interessanten”: Ethan Figmans Figland, eine Simpsons-artige Zeichentrick-Reihe, imitiert das Leben so gut, dass man bisweilen glaubt die Welt selbst sei ein Zeichentrickfilm. Und letztlich – diese Einsicht sei hier schon preisgegeben -, während die Menschen den Versuch abgebrochen haben, interessant zu wirken, ist es ein gezeichneter Bilderkreislauf, der “trotz allem, was man mittlerweile wusste, immer noch interessant war.”

Meg Wolitzer legt mit “Die Interessanten” ein Werk vor, das iinhaltlich wie sprachlich n der Traditionslinie solch umfangreicher, ausschweifender Familiensagas wie etwa Jonathan Franzens “The Corrections”  (2001) steht, dabei aber eine Gruppe freiwillig und nicht durch Blut aneinander gebundene Figuren präsentiert. Es lässt sich mit gutem Recht behaupten, dass “Die Interessanten” einer Mischung aus jenen Familiensagas und den Freundschaftsmanifesten ist, wie sie in amerikanischen TV-Sitcoms erzählt werden. 


Ein weitere, sehr lesenswerte Besprechung des Romans ist auf Sätze & Schätze zu finden.

5 thoughts on “Rezension: Meg Wolitzer – Die Interessanten (DuMont, 2014 [2013])

  1. saetzebirgit

    Habe es gestern beendet und ringe noch mit einer Rezension. Ich würde dem ganzen den Titel geben: “Die Halbinteressanten”. Tatsächlich fast routiniert geschrieben, man merkt die amerikanische Schreibschule, aber nichts, was einen weghaut…

    Reply
    1. vigoleis01 Post author

      Die Halbinteressanten, ja, das trifft es ziemlich genau. Wäre sehr gespannt auf deine Rezension, sofern du sie dir abringen magst – ich habe auch gekämpft😉

      Reply
  2. Pingback: Meg Wolitzer – Die Interessanten (2013). | Sätze&Schätze

  3. Pingback: Rückblick: Bücher-Apéro Uitikon-Waldegg ZH 12. November | buecherrezension

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