Rezension: Alexander Kluy – Der Eiffelturm (Matthes & Seitz, 2014)

Mit “Der Eiffelturm. Geschichte und Geschichten.” legt Alexander Kluy eine weitgreifende, wissenschaftlich fundierte Kulturgeschichte der weltbekannten Pariser Stahlkonstruktion vor. Eine gewagte These liegt ihr zugrunde: “Den Eiffelturm gibt es nicht.”

Gemeint ist damit, dass sich der für die Weltausstellung 1889 erbaute Turm nicht einfach als Turm begreifen lässt, sondern als Schnittstelle der “diskursiven Vorstellungen” unterschiedlichster Gebiete. Lokale und internationale Politik, Wissenschaft, Gesellschaft und Kunst. Er ist einer der wichtigsten “Kristallisationskerne kollektiver Einbildungskraft” der Neuzeit.

kluy

Titel: Der Eiffelturm. Geschichte und Geschichten.
Autor: Alexander Kluy
Verlag: Matthes & Seitz
ISBN: 978-3-88221-384-3
Umfang: 351 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Alexander Kluy gliedert seine Kulturgeschichte in fünfzehn übersichtliche Kapitel, die sich zunächst den Pariser Weltausstellungen (neben 1889 auch 1798, 1851, 1855, 1867, 1878, 1900, 1925, 1937) und ausführlich dem Leben des Turmvaters Gustave Eiffel widmen. Unter anderem zeigen Auszüge aus einem Dokument hier, dass dem Namensgeber bei der ‘Geburt’ des Turmes “lediglich eine nachgeordnete Rolle” zukam. Leben und Wirken Eiffels sowie Paris / Frankreich zu Zeiten seiner Weltausstellungen füllen die ersten acht Kapitel. Ein Kampf zwischen Anhängern (häufig Wissenschaftler)  und Gegnern (häufig Künstler) des Turmes gewährt interessante Einblicke in den Zustand der Nation im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Anekdoten und Weltgeschichte verwebt Kluy geschickt zu einem stimmigen Ganzen, das  Skurriles aufnimmt, ohne zum reinen Kuriositätenkabinett zu werden, und Weltgeschichte reflektiert, ohne ödes Lehrwerk zu sein.

Das neunte Kapitel – “Hitler und der Turm” – zeigt auf , wie der Eiffelturm als Machtmittel missbraucht wurde. Der Vergleich zweier bekannter Fotografien – Hitler mit dem Rücken zum Turm (1940) sowie Adenauer und François-Poncet auf den Turm zugehend (1951) – erweist sich hier als Glücksgriff zur Illustration der gewaltigen Symbolkraft des Eiffelturms.

Die Kapitel 10 bis 13 sind den Künsten gewidmet, die sich schon von allem Anfang an mit dem Eiffelturm  befasst haben. Besprochen werden die Malerei, die Fotografie, der Film und die Litertatur. Fotografen wie Pierre Petit hatten bereits vor Baubeginn mit der Dokumentation des Projekts begonnen, hatten Bilder des noch ruhigen Marsfeldes erstellt.  Und auch die Malerei, beispielsweise Marc Mouclier 1888, begann mit ihrer Bearbeitung des Themas schon vor der eigentlichen Eröffnung.  Film und Literatur gesellten sich dazu. Der Dadaismus hatte etwas zum Thema zu sagen. Und natürlich der omnipräsente Jean Cocteau, der unter anderem auch dafür plädierte, den Turm grün zu färben.

Derlei Kuriosa sind unter anderem im vierzehnten und (bis auf das Schlusswort) letzten Kapitel  –  “Die Mythen der ‘Dame de fer'” – versammelt: von Betrügern, die den Eiffelturm verkauft haben, ist die Rede; von einem Zirkuselefanten, der bis in den ersten Stock gestiegen ist, von Treppensteig-Meisterschaften und todesmutigen Ballonfahrern…

Hunderte von Fussnoten und eine ausführliche Bibliographie befinden sich im Anhang: Alexander Kluy, seines Zeichens bisher Herausgeber verschiedener Anthologien, kulturgeschichtlicher Beiträge und der Reihe “Wiener Literaturen”, arbeitet wissenschaftlich präzis, detailreich, mit einem Flair für’s Geschichtenerzählen, wie es ein derartiges Buch auch nötig hat. Zusätzlich unterstützen 36 Abbildungen den Text. Eine klassische Form des Unterhaltens und Belehrens wird angestrebt und erreicht. Die Sprache des Autors ist elegant, gelehrt, manchmal vielleicht zu sehr darauf bedacht einen grossen Wortschatz zu präsentieren (“perhorreszierend”, “eine jokose Bemerkung” – das verzeiht man höchstens Thomas Mann, wenn überhaupt).

An einer Stelle wird eine Schätzung zitiert, die die Anzahl der Bücher, die über Paris geschrieben wurden, mit 200 000 beziffert. Die Schätzung bezieht sich auf das Jahr 1921. Es lässt sich nur hochrechnen, wie viele Paris-Bücher es heute gibt. Fest steht: Alexander Kluys “Der Eiffelturm. Geschichte und Geschichten.” ist eines der lesenswerten.

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