Rezension: Reinhard Kaiser-Mühlecker – Schwarzer Flieder (Hoffmann und Campe 2014)

Der junge österreichische Erzähler Reinhard Kaiser-Mühlecker (*1982) schreibt in seinem jüngsten Roman “Schwarzer Flieder” die Familiengeschichte zu Ende, die in “Roter Flieder” (2012) begonnen hatte. In kraftvoller Sprache wird da berichtet von einem, der sich daran macht, alles auszulöschen, was seine Familie aufgebaut hat. Ein starker Roman über Strafe, Schicksal und die unermessliche Sprachlosigkeit der Menschen.

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Titel: Schwarzer Flieder
Autor: Reinhard Kaiser-Mühlecker
Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-81243-5
Umfang: 240 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Im Gegensatz zu “Roter Flieder”, einem mehr als sechshundert Seiten starken Buch, das die Geschichte der Familie Goldberger über drei Generationen (von der Zeit des Nationalsozialismus bis in die frühen 1990er) verfolgte, mutet das Ende des Familienepos nun schmal an. Knapp 240 Seiten umfasst es, gegliedert in vier Teile. Im Mittelpunkt steht Ferdinand Goldberger, der als die Geschichte einsetzt seit sieben Jahren in Wien heimisch ist, da Landwirtschaft studiert hat und eine Stelle im Ministerium hat. Er ist der Sohn von Paul Goldberger, dem schwarzen Schaf der Familie, hat seinen Vater, der in Bolivien ums Leben kam, aber nie gekannt. Eine Zeit lang hat er bei seinem Onkel Thomas und seiner Tante Sabine auf dem Landgut Rosental gelebt, das auch in diesem Buch eine zentrale Rolle einnimmt.

Im ersten Teil von “Schwarzer Flieder” begegnet Ferdinand seiner verloren geglaubten ersten Liebe Susanne wieder, verliebt sich ein zweites Mal und verlobt sich mit ihr. Es ist ein aufblühender Ferdinand, der dem Leser hier begegnet. Es heisst: “(…)seit sein altes Leben – Rosental, Susanne – verloren war, schien es, als wäre sein Herz verhärtet.” Nun erweicht es wieder, erblickt für einen Moment das Glück – und wird jäh zerschmettert, als Susanne sich das Leben nimmt.

In der Folge nimmt Ferdinand Reissaus, flüchtet sich nach Bolivien, um den Spuren seines Vaters zu folgen und “(i)hm war, als wäre alles, was er sah, nichts anderes als sein Vater”. In Bolivien mietet er sich in einer Pension ein, sitzt unter der Sonne und trinkt Bier. Er vegetiert vor sich hin, macht sich Vorwürfe, verliert nach und nach die Überzeugung, aus der er hierhergekommen ist, sieht keinen Sinn mehr im Leben…

“War nicht genau das das einzig verbliebene Lebendige gewesen: Der Wunsch, das alles einmal zu sehen, die Gegend, in der sein Vater gelebt hatte und gestorben war? Und jetzt? Jetzt war auch das vorbei und tot.”

 

Später findet er neuen Elan, arbeitet freiwillig in einem Spital, nähert sich Leuten, reist zum Grab seines Vaters, das unter schwarzem Flieder sich befindet. Erst ein Anruf von Tante Sabine aus Rosental holt ihn zurück: Onkel Thomas sitzt im Gefängnis. Er hat seinen Ziehsohn und ursprünglich beabsichtigten Erben Leonhard im Streit ermordet.

Der dritte Teil des Romans lässt Tante Sabine die Geschichte von Leonhard und Thomas erzählen. Es ist der gewalttätigste, aber auch kraftvollste Teil des Romans. Die Form der direkten Rede (aus Sabines Mund) verstärkt die Wirkung des hier Gesagten oder auch nur Angedeuteten. Wie das Ehepaar den Gehilfen Leonhard beobachtet, als er Eierkartons zuhauf in sein Zimmer schleppt; wie sie ihn in der Nacht nach Hause kommen hören, in Begleitung einer Frau; wie es danach furchtbar still ist, bis sich Leonhards Tür wieder öffnet und das Wimmern zu vernehmen ist; wie Thomas zu schnarchen beginnt: nicht, weil er schläft, sondern weil er es nicht hören will; immer und immer wieder… In diesen Passagen erweist sich Kaiser-Mühlecker, der auch ansonsten einen souveränen, distanzierten Sprachgestus pflegt, als meisterlicher Erzähler. Sprachlosigkeit, das Verschweigen und Verdrängen des Unsagbaren, sind Themen, die bereits in “Roter Flieder” eine zentrale Rolle spielten und auch den Abschluss der Saga entscheidend prägen. Vom “Niemand verlor ein Wort” im ersten Abschnitt bis zum finalen Satz “Was er damit meine, fragte die Wirtin nie.” sin die Unfähigkeit oder der Unwille, das Entscheidende sprachlich auszudrücken, das grösste Dilemma der Figuren. Sabine sagt:

“Und irgendwann hört man auf, darüber nachzudenken, weil das Nachdenken schmerzhafter ist, als das Tatsächliche und schliesslich Gewöhnte zu ertragen.”

Es ist diese Resignation, dieser Entschluss zum Verdrängen, der sich auch im dem Buch vorangestellten Motto “Ich wählte Dulden und Bleiben” (aus der Odyssee) spiegelt, die im vierten und letzten Teil zum konsequenten Ende der Geschichte führen: Ferdinand hat den Hof von Thomas übernommen und macht sich daran, Schritt für Schritt für Schritt, auszulöschen, was seine Familie hervorgebracht hat. Damit steht Reinhard Kaiser-Mühlecker in einer grossen Traditionslinie österreichischer Literaten.

Kaiser-Mühlecker, der erst kürzlich mit dem prestigeträchtigen Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ausgezeichnet wurde, hat mit seinem mittlerweile fünften Roman “Schwarzer Flieder” die Geschichte der Familie Goldberger mit ihren alttestamentarischen Flüchen (Gott straft “bis in das dritte und vierte Glied”!), ihren Fehden, ihrem zumeist unsympathischen Verhalten und ihrem unermesslichen Schweigen zu einem unbarmherzigen und eindrücklichen Ende geschrieben.

 

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