Rezension: Susanna Tamaro – Ein jeder Engel ist schrecklich (Piper, 2014)

Die italienische Bestsellerautorin und Dokumentarfilmerin Susanna Tamaro erzählt in ihrem jüngsten Buch “Ein jeder Engel ist schrecklich” Geschichten aus ihrer Kindheit und Jugend. Wie auch in ihren Romanen ist sie darum bemüht, Werte wie Barmherzigkeit und Nächstenliebe zu vermitteln. Es sind Werte, die sie selbst – glaubt man ihren Erzählungen – als Kind kaum erfahren durfte.

tamaro

Titel: Ein jeder Engel ist schrecklich
Original: Ogni angelo è tremendo”
Autorin: Susanna Tamaro
Übersetzung: Barbara Kleiner
Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05609-0
Umfang: 304 Seiten, gebunden m. Schutzumschlag

Im Juni 1995 besprach der Spiegel Tamaros literarischen Durchbruch, den Briefroman “Geh, wohin dein Herz dich trägt”.  In der Besprechung heisst es über Susanna Tamaro (*1957), sie wolle bis zu ihrem vierzigsten Lebensjahr noch schreiben, dann aber aufhören, denn sie “möchte noch etwas leben.” – Nicht weniger als zehn Romane, Kinderbücher und autobiographische Texte sind seit ihrem vierzigsten Lebensjahr von ihr erschienen. In deutscher Sprache erschien zuletzt “Ein jeder Engel ist schrecklich” (italienisch 2013), das sich in die Reihe der Autobiographien fügt: erzählt wird vornehmlich aus der Kindheit und Jugend der Autorin, wobei auch Reflexionen zur Sprache und zum Schreiben Eingang in die Geschichten finden.

Beginnen wir mit dem Biographischen: geboren wurde Tamaro im windigen Triest in der Nachkriegszeit als Tochter zweier Eltern, die sie und ihren Bruder nicht liebten. Die Mutter ist mehr “Dompteur” denn liebevolle Erzieherin, der Vater ein gefühlloser Mann, überzeugter Darwinist, der an das Überleben des Stärksten glaubt und es nicht als seine Aufgabe ansieht, sich um die Kinder zu kümmern. Das “Gen des Frosts” wird ihr mit auf den Weg gegeben, jedoch entwickelt sie sich nicht zur Person von “anmassender Autorität, mit dem Wahnsinn des Darwin’schen Credos”, sondern beschreibt sich als Person mit einer “unschuldigen Seele, fern der täglichen Bosheit der Welt”.

Susannas Kindheit ist geprägt von zerstörten Illusionen, sie weint oft, zieht sich schliesslich in eine geradezu spirituelle Gleichgültigkeit gegenüber allem und jedem zurück:

“Ich hatte keine Wünsche, ich hing an nichts. Etwas zu fühlen, sich zu binden, bedeutete nur eine unendliche Serie von Leiden.”

Die Mutter sagt: “Schon von Geburt an hast du anders geweint als alle anderen Kinder” – und nimmt dies später, als sie schon nicht mehr mit Susannas Vater, sondern mit einem gewalttätigen, die Kinder hassenden Mann zusammen ist – als Argument, ihre Tochter zu einem Psychiater zu schicken, in einem Heim unterbringen zu lassen. Susanna sucht nach einer Instanz, die Ordnung in ihr turbulentes Dasein bringen kann, das Chaos zu bannen vermag. Auf dieser Suche gelangt sie zu den Naturwissenschaften, die sie auch als “tiefste Wurzel meines Schreibens” bezeichnet, und zur Sprache, genauer: zu den Namen.

“Während des Grossteils meiner Bildungsjahre streifte mich nicht einmal von ferne die Idee, dass Schreiben oder irgendeine Form der Kunst etwas mit mir zu tun hätten. Meine Leidenschaft lag woanders, beim Erlernen der Namen für jede Form des Lebendigen. Meine Leidenschaft lag darin, die Beziehungen der Namen untereinander zu entdecken. Für mich genügte es – und genügt es heute noch – auf einem Spaziergang eine Pflanze, eine Blume oder ein Insekt zu sehen, deren Namen ich nicht kenne, um in einen Zustand der Unruhe zu verfallen. Eine Unruhe, die erst vergeht, wenn ich den Namen ausfindig machen kann.”

In der Liebe zu den Naturwissenschaften spiegelt sich eine “Hingabe zur Wirklichkeit”, die zu ihrem Leitsatz wird. Tatsächlich fühlt sie, die selbst nach dem Entschluss Geschichten erzählen zu wollen, dies zunächst in Form von Naturfilmen tat, eine starke Abneigung gegen die Vorstellung eines Daseins als Schriftstellerin oder Übersetzerin:

“Etwas Schädlicheres konnte ich mir für meine Gesundheit nicht vorstellen! Mein ganzes Leben war geprägt von einer ausserordentlichen physischen Unruhe, mein Kopf stand ständig unter Strom und machte es mir unmöglich, die Unbeweglichkeit der intellektuellen Arbeit als erstrebenswert anzusehen. Mich im Freien zu bewegen, hat meinen Gedanken stets Sauerstoff und Festigkeit gegeben.”

“Ein jeder Engel ist schrecklich” erzählt auch die Geschichte davon, wie Susanna Tamaro trotzdem zum Schreiben gekommen ist, einer Tätigkeit, der sie mit der “Langsamkeit und (..) Sorgfalt des Entomologen” nachgeht. In erster Linie aber wird hier erzählt, wie ein junges höchst sensibles Mädchen einem zum grössten Teil lieblosen, unbarmherzigen Umfeld als liebender Mensch entstiegen ist, der stets den Punkt zu entdecken versucht, “an dem sich das Dunkel mysteriöserweise in Licht verwandelt.” Tamaro beschreibt diese Ereignisse in der klaren, einfachen Sprache, die auch ihre Romane auszeichnet. Sie erzählt mit Empathie und der nötigen Sensibilität, man glaubt ihr, was sie schreibt, so dass auch das engelsgleiche Bild, das sie bisweilen von sich selbst zeichnet, verzeihlich ist. Zumal ja im Titel  – einem Zitat aus Rilkes “Duineser Elegien” – schon angedeutet wird, dass auch Engel ihre Schrecklichkeit haben, genauer: dass das Schöne nur die gerade noch ertragbare Vorstufe des Schrecklichen ist…

Insgesamt präsentiert Tamaro mit “Ein jeder Engel ist schrecklich” ein intimes Werk von grosser erzählerischer Kraft, in dem diese grosse Autorin der italienischen Gegenwartsliteratur ihre eigenen, emotional oftmals grausamen Ursprünge detailreich und nachfühlbar erklärt.

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