Der Roman ist tot. Zu einem Text von Will Self.

slf

Der Besprechung von Will Selfs neuem Roman “Regenschirm”, die in Kürze hier zu finden sein wird, möchte ich heute schon den Hinweis auf einen kürzlich publizierten Artikel des Autos vorausschicken:

Unter dem Titel “The novel is dead (this time it’s for real)” druckte The Guardian einen verwirrenden, kontroversen Text von Will Self ab, der das Ende der Gattung Roman verkündet. Seine Reiter der Apokalypse sind Kindles, iPads und andere elektronische Lesegeräte, die aufgrund ihrer Internetverbindung die Leser angeblich von ihrer Konzentration auf einen Text abhalten und zu endlosem Surfen in den Weiten des Netzes verleiten . Aus diesem Grunde beschwört er das Ende des Romans herauf.

“There is one question alone that you must ask yourself in order to establish whether the serious novel will still retain cultural primacy and centrality in another 20 years. This is the question: if you accept that by then the vast majority of text will be read in digital form on devices linked to the web, do you also believe that those readers will voluntarily choose to disable that connectivity? If your answer to this is no, then the death of the novel is sealed out of your own mouth.”

 

Viele Leser und Leserinnen, die Kommentare abgegeben haben waren nur schon durch Selfs kompliziertes, fremdwortreiches Englisch abgeschreckt. Doch auch wenn man sich – Wörterbuch stets zur Hand – durch den dichten Sprachdschungel gekämpft hat, bleibt der Artikel konfus, die Aussagen nur schwer nachvollziehbar. Und weil sich Self dann auch noch erlaubt, einen Doktoranden, dessen Dissertation er betreut hat, blosszustellen, mischt sich zuletzt gar eine gewisse Antipathie gegenüber dem Autor mit in die Lektüre.

Es ist nichts Neues, dass die britische Leserschaft alles, was Self sagt und schreibt sehr kritisch betrachtet. Er ist einer, der polarisiert. Einer, dessen Meinungen häufig nicht akzeptiert und noch häufiger gar nicht verstanden werden. 2011 äusserte sich dazu der irische Regisseur Graham Linehan auf Twitter:

Mit diesem diskussionswürdigen Artikel im Hinterkopf geht es nun an die Lektüre des fünfhundertseitigen Romans, der in deutscher Fassung dieses Jahr bei Hoffmann & Campe erschienen ist. Ich gebe es gerne zu: ich habe eine gedruckte Version des Textes vor mir liegen. Gebunden, Hardcover, Schutzumschlag, Papier: ein sogenanntes Buch, ja. Will Self, in einem kurzen Wüten gegen die Literaturkritik, unterstellt in seinem Artikeln den Kritikern eine “inability to think outside of the papery prison within which they conduct their lives’ work”. Danach zitiert er dazu Marshall McLuhans “Die Gutenberg-Galaxis: Das Ende des Buchzeitalters” aus 1962.  An dieser Stelle enthalte ich mich eines weiteren Kommentars, möchte Feuer nicht mit Feuer bekämpfen – eine Diskussion aber anregen:

Was denkt ihr? Sind mit dem Internet verbundene Lesegeräte wie iPad, Kindle usw. tatsächlich eine Bedrohung für die literarische Gattung Roman? Oder ist Selfs These, dass der Tod des Romans besiegelt sei, sofern Leser nicht freiwillig die Internetverbindung trennten, komplett an den Haaren herbeigezogen?

4 thoughts on “Der Roman ist tot. Zu einem Text von Will Self.

  1. Petra Gust-Kazakos

    Warum sollte der Roman sterben, nur weil viele Leute einen E-Book-Reader nutzen? Den habe ich zwar nicht, aber im Internet lese ich auch täglich Texte, und wenn sie interessant und gut geschrieben sind, auch komplett. Bei manchen Romanen wäre es sicher interessant gewesen, sie mit Direktverbindung ins Web zu lesen, einfach um gewisse Hintergründe zu recherchieren. Aber das kann man ja auch im Nachgang machen. Ich könnte mir vorstellen, dass sich literarische Formen entwickeln, die mehr mit der Netzverbindung spielen. Aber gleich den Tod des Romans zu erklären, halte ich für zu kurz gesprungen oder für bewusste Effekthascherei.

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    1. masuko13

      Ich habe eher das Gefühl, es werden mehr Romane gelesen durch iPads, eReader e.t.c.,
      und sehe die elektronischen Möglichkeiten als Ergänzung zum Papier-Buch.
      Man kann eine gute Story auf dem Reader genauso “verschlingen” wie ein “echtes Buch”. Ob es sich jemals genauso anfühlen wird, das ist die andere Frage. Auf Dauer ist nur ein gut gedrucktes Buch auf weißem Papier echter Genuß. Aber Romane wird es immer geben.

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  2. Pingback: (Die Sonntagsleserin) KW #20 – Mai 2014 | Bücherphilosophin.

  3. sandyseeber

    Solange es Menschen mit einer Leidenschaft fürs Lesen gibt, solange werden auch Romane gelesen. Möglicherweise ändert sich das Medium auf dem gelesen wird, doch der Roman als solches wird dadurch vielleicht sogar eher noch beliebter. Denn mit eBook Lesegeräten kann ich mehrere Bücher zum Beispiel mit in den Urlaub nehmen, ohne einen extra Koffer aufzugeben. Der Meinung von Will Self, dass der Roman stirbt, kann auch ich nicht zustimmen. Selbst dann nicht, wenn aus einer anderen Perspektive betrachtet, ich verstehen kann, wie frustrierend es ist, wenn man sich zum Schreiben hinsetzt und beim Lesen und Kommentieren von durchaus interessanten Beiträgen anderer ankommt. Spannendes Thema… Zurück zum Roman schreiben.😉

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